Aus dem Leben in der Minderheit

Die Reaktionen reichen von Verwirrung bis zu heller Empörung. Manche schütteln nur den Kopf und sehen mich an, als sei ich irre geworden, manche gucken misstrauisch, als hätte ich gesagt, ich würde täglich Insekten frühstücken. Manche glauben mir einfach nicht und warten ab, wann ich endlich zugebe, nur einen Scherz gemacht zu haben. Das alles sind sehr seltsame Reaktionen.

Dabei habe ich nur gesagt, dass mich Fußball nicht  interessiert. Und zwar nicht im Sinne von: Gar nicht. Null. Daraus ergibt sich logisch, dass ich mir Fußball nicht ansehe, weder zuhause noch unterwegs auf dem Handy oder auf dem iPad. Ich viewe auch nicht  public, wie man so schön sagt. Ich lese später nicht nach, wer wie gespielt hat, ich kenne die Namen der Spieler nicht und weiß generell eher nicht, worum es gerade geht. Wie es eben ist, wenn man sich nicht interessiert. Ich weiß ja auch nicht, wie die letzten Minigolfweltmeisterschaften ausgingen, oder die im Forellenangeln. Ich ignoriere die Zeitungsmeldungen und die Sportschauen, ich schweige höflich in Gesprächen über die Spiele. Ich schweige ziemlich viel, zurzeit.

Ich glaube aber, ich bin trotz meines Desinteresses am Fußball ein ziemlich normaler Mann, geistig zurechnungsfähig und alles, es sind zumindest keine besonderen Auffälligkeiten bekannt.

Desinteresse am Fußball ist, nach allem was die Wissenschaft bisher weiß, überraschender Weise auch gar nicht krankhaft. Und ich hege außerdem keine Absichten, andere zu missionieren, meinetwegen kann jeder so viel Fußball gucken, wie er will. Mir doch egal. Insgesamt geht von Leuten wie mir also gar keine Gefahr aus, wir richten keinen Schaden an.

Sie könnten also aufhören, verstört zu reagieren, wenn Menschen wie ich sich freimütig zu ihrer seltsamen Veranlagung bekennen. Wir wollen gar nicht bewusst im Abseits stehen.

Was auch immer das ist.

 

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.



 

 

18 Kommentare

  1. Glauben Sie mir, sie sind nicht allein. Und es gibt sogar noch die Steigerungsform Fußballhasser bzw. sind viele Leute genervt, weil sie mal in Ruhe einen lauen Sommerabend auf der Terrasse genießen wollen und dann durch Tröten genervt werden.

  2. Und in diesen EM/WM-Zeiten fühlt es sich endlich mal so an, als hätte man mehr Zeit wie die anderen, die immer am Ball bleiben müssen.

  3. Hmh, und was werden Sie machen Sie wenn einer Ihrer Söhne Fußballer werden will? So geschehen in unserer Familie, 10 Jahre Sonntage auf Fußballplätzen in und um Hamburg. Und das mit Eltern, denen Fußball ähnlich gleichgültig ist wie Ihnen.

  4. @Paula: Man unterstützt sie nach Leibeskräften, wie bei allem, wo sie Spaß dran finden. Wenn die Kinder dann *trotz* der Ignoranz dabei bleiben, zeigt sich echte Leidenschaft und Ehrgeiz 😉
    (btw: me2)

  5. Pingback: Neunnachneun – EM Spezial « Ansichten aus dem Millionendorf
  6. früher wurde mir als frau desinteresse an fußball durchaus zugestanden, seit der wm in deutschland vor ein paar jahren, werde auch ich mit seltsam schrägen blicken bedacht, wenn ich nicht wenigstens den sportgestählten bodies der spieler beachtung zolle. seis drum! die kinos sind leerer, die badeplätze am see weniger überfüllt, wenn hupende autos durch die straßen fahren, sehe ich das als einen ausdruck von freude und freue mich mit, warum auch immer. herzlichen gruß

  7. P, 78 und Vater von gutem Freund: „England hat ja gestern gegen Holland 2:1 gewonnen!“ (Äh, ob das nun ENGLAND und HOLLAND waren, und wie das Ergebnis wirklich war- keine Ahnung, das hab ich schon wieder vergessen, es geht um den Sinn des Gesprächs)
    Fjonka: „Ja?“
    P: „Habt Ihr gar nicht geguckt?“
    F: „Nee, interessiert uns nicht, weißt Du doch“
    P:“ Auch der Herr nicht???“ (natürlich hat er nicht „der Herr“ gesagt, sondern den Namen….. *g*)
    F:“Neee“
    P:“Ja, guckt der denn nicht mal bei der Europameisterschaft?“
    F (leicht gelangweilt):“ Ach, P, das weißt Du doch, daß den Fußball nicht interessiert!“
    P (der Tonfall wird etwas verächtlich) :“Ja, HSV und so, aber so wichtige Sachen!? Was ist denn das für ein Mann!?“
    F: „Einer von den Guten!“ (dieses Ausrufezeichen muß man sich als tendenziell drohend gesprochen vorstellen – tonfallmäßig)
    Abrupter Themenwechsel nach vorherigem lachen.
    Kurve gekriegt. Gerade so!!!

  8. Fußballhasserin, bekennende!!! Ernte dafür unverständliche Blicke, allerdings nicht im Freundeskreis, denn da gibt es noch mehr wie mich, ha!

  9. Herr Nilsson würde Sie bestimmt gerne mal kennen lernen.
    Auf dem letzten Treffen der Krabbelgruppe stand er ein bisschen verloren rum, weil wirklich ALLE Männer über Fußball geredet haben…

  10. Und obwohl du Fußball-Ignorant oder Fußball-Hasser oder so etwas in der Art bist, beschäftigt dich die EM trotzdem so sehr, dass du darüber sogar eine Kolumne schreibst 🙂

  11. Herr Merlix, ich kann wie immer nur zustimmen. Vorbehaltlos. Und falls hier einer solche Männer wie uns zählt: +1

    Und, Herr Merz, das schaue ich auch sehr gern. Wird – wie alles was ich gern schaue – quasi nicht im Fernsehen übertragen. *hach*

  12. In dem zusammenhang finde ich mein geliebtes Schild vor dem Schumachers am Stadtparksee noch Besser!

    NEIN WIR ÜBERTRAGEN KEINE EM-SPIELE LIVE!!!

    Für einen fußballfreien Sonnenuntergang

    Ingo

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