Gelesen: „Sitzen vier Polen im Auto“ von Alexandra Tobor

Die schlechte Nachricht zuerst: Das Buch ist ein klarer Kandidat für den allerdämlichsten Buchtitel des Jahres und wer auch immer sich das überlegt hat, er sollte künftig vielleicht doch lieber Werbetexte für Gebrauchtwagen schreiben. Himmel! Was für ein Unsinn! Der Untertitel „Teutonische Abenteuer“  macht es keineswegs besser.

Davon abgesehen ist das aber ein hinreißendes Buch, interessant, unterhaltsam und auf die denkbar angenehmste Art lehrreich. Ein Mädchen kommt mit acht Jahren aus dem noch sozialistischen Polen nach Deutschland, ihre Familie „fährt raus“, wie man das in Polen nennt, „macht rüber“ hätte man wohl in der DDR gesagt. Raus oder rüber ins Paradies der Quelle-Kataloge, das sie mit Auffanglagern empfängt, mit Notunterkünften und Aluschalen-Essen. Welten kollidieren, nichts passt zusammen, zwischen den beiden Gesellschaften scheinen Jahrhunderte und Galaxien zu liegen. Wie sich die Familie durchschlägt, wie sie lernt, sich vorsichtig anpasst, ohne sich aufzugeben, wie sie ihren Stolz bewahrt, wie die ersten Kontakte hergestellt werden und wie sie langsam, sehr langsam  in der BRD ankommen, das liest man in einem Rutsch durch und wünscht sich dann noch, das es noch etwas länger hätte dauern können.

Und das ist ja mit das Beste, was man von einem Buch sagen kann, dieses „ach, schon zu Ende?“-Gefühl auf der letzten Seite, wenn man weiß, es gibt noch gar keinen zweiten Band. Na, kann ja noch werden.

Ich verstehe nach der Lektüre jedenfalls jetzt viel besser warum meine Kollegin aus Polen neulich mit offenem Mund vor mir stehen blieb, als ich ihr erzählte, dass ich hier jeden Tag koche, nicht die Herzdame. Und dass die Herzdame gar nicht kochen kann. Und ich verstehe, warum sie misstrauisch nachfragte, was ich denn zum Beispiel genau an dem Abend kochen würde. Und für wie viel Personen denn.  Und mit welchen Zutaten. Doch, so etwas versteht man deutlich besser, wenn man das Buch gelesen hat.

Davon könnte ich übrigens gerne mehr lesen, von diesen Büchern aus der Welt der Migranten, die aus welchen Gründen auch immer bei uns gelandet sind. Hinweise auf lohnende Titel nehme ich gerne entgegen. Bitte hier in die Kommentare.

 

14 Kommentare

  1. Danke für den Tipp; das Buch wird gleich bestellt.

    Meine Empfehlung:
    Hasnain Kazim: Grünkohl und Curry und

    Luise Endlich: Neuland
    Erlebnisse einer Arztfamilie, die 1995 von West nach Ost „rübermachte“. In diesem Fall mal ein etwas anderer Migrationshintergrund.

  2. Da muß ich auch was anbringen, und zwar: Emine Sevgi Özdamar: „Die Brücke vom Goldenen Horn“. Die Autorin erzählt von den frühen Jahren der „Gastarbeiter“ in Deutschland, ihre eigene Geschichte und ihren Weg nach Berlin. Der Roman (mit einem der längsten und schönsten Buchtitel überhaupt, finde ich): „Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus“ erzählt die Vorgeschichte, also Kindheit und Jugend der Autorin in der Türkei. Beide Bücher sehr faszinierend und eindrücklich geschrieben.

  3. „Gebrauchsanweisung für die Türkei“ – sehr humorvoll geschrieben und ich habe meine Schwiegerfamilie danach besser verstanden.
    http://www.amazon.de/Gebrauchsanweisung-f%C3%BCr-T%C3%BCrkei-Iris-Alanyali/dp/3492275303/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1340031200&sr=8-1

    „My Big Fat Greek Wedding“ ist übrigens auch ein sehr witziger Film, der mit Klischees spielt. Allerdings fand ich ihn VOR meiner Heirat mit besagter Schwiegerfamilie lustiger, inzwischen ist vieles davon Alltag… ;o)

  4. Pingback: Alexandra Tobor – Sitzen vier Polen im Auto (“Fiat Polski”) | DENKDING
  5. – Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt (noch nicht gelesen)
    – alle Bücher von Wladimir Kaminer: aufschlussreich und zum Kugeln komisch
    – Michael Niavarani: Vater Morgana (bisher nur reingelesen, auch sehr komisch)
    – Christoph Hein: Landnahme (zählen auch die Migranten einer anderen Generation?)
    Migranten in den USA und auch sehr lesenswert:
    – Dubravka Ugreši?
    – David Bezmozgis
    – Isaac Bashevis Singer

  6. Noch ein fehlbetiteltes Buch, welches ich ob des Autors trotzdem gelesen und nicht bereut habe: Eine deutsche Leidenschaft namens Nudelsalat von Rafik Schami.

  7. Lena Gorelik – Meine weißen Nächte, auch Ostblock, auch als Kind mit der Familie rübergewandert. Aber aus Russland. Kurzweilig.

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