Camping, Tag 1

Die Herzdame hat mich bereits vor Wochen endgültig für verrückt erklärt, als ich ein Zelt gekauft habe, um mit ihr im Garten ihrer Eltern zu zelten. Die Herzdame, als vergleichsweise junger Mensch, weiß natürlich nicht, dass dies gemäß eines alten Liedes ein wahnsinnig romantisches Anliegen ist, sie hält es vielmehr lediglich für einen Anschlag auf ihre Gesundheit und ihren Bedarf an Komfort. Meine Hinweise, dass Camping gerade für die Kinder toll sei, ein geradezu ideales Beschäftigungsprogramm und ein lehrreiches Abenteuer, sie interessierten sie nicht. Sie zeigte auf den Bildschirm ihres Computers, wo gerade der Langfristwetterbericht angezeigt wurde, dann auf ihre Stirn. „Abkühlung auf 15 Grad“, las sie dann vor, „Schauer, Windböen…“ Ich sagte, ich hätte ja schon bei Sturm gezeltet, also Orkan, nicht wahr, damals in der Bretagne, und das war auch keine warme Luft, die mir da vom Atlantik entgegenblasen wurde und der Regen, der  war vom Meer quasi nicht mehr zu unterscheiden, so nass war der damals, echt jetzt mal. Und ich habe nicht im Traum daran gedacht, den Urlaub abzubrechen, nicht im Traum. Ein Mann, ein Plan, so muss das.  Ich erklärte der Herzdame, dass der Appetit beim Essen kommt und die Lust am Camping erst im Zelt, allerdings hatte die Herzdame zwischenzeitlich das Zimmer verlassen und es sich außer Hörweite mit einem Buch bequem gemacht. Unter einer warmen Decke.

Das Zelt wurde geliefert, die Thermomatten wurden geliefert, Schlafsäcke aus dem Keller herausgesucht und bei Freunden geliehen. Der Wetterbericht wurde schlechter und schlechter, der Urlaub rückte näher.  Die Herzdame schlug vor, dass Zelt wieder auszuladen, ich schlug ihr vor, gar nicht erst einzusteigen. Die Stimmung war tagelang etwas angespannt.

Heute Morgen fuhren wir endlich ins Heimatdorf, ein fröhlich pfeifender Mann, eine missgestimmte Herzdame und zwei enthusiastische Nachwuchscamper. Ich fing sofort an, das Zelt aufzubauen, angefeuert von Herzdamenkommentaren wie etwa „Das Ding wird nie stehen“, „Bei dem Wind wird das eh nichts“ und dreist gelogenen Sabotagesätzen wie „In der Anleitung steht, man braucht mindestens vier Personen“.  Das Zelt ist tatsächlich groß, es ist sogar etwas größer, als ich beim Kauf dachte. Es passt genau genommen kaum in den Garten, da steht überall mindestens ein Busch im Weg.  Meinen Vorschlag, vor dem Aufbau etwas Blühgestrüpp zu roden, nahm Schwiegermutter aber etwas verhalten auf.

Die Söhne hämmerten mit Feuereifer auf Erdnägel und Heringe ein, und nachdem sie damit fertig waren, testeten sie gleich noch die Wirkung von leichten Hammerschlägen auf menschliche Köpfe. Während die Herzdame zwei brüllende Kinder mit größeren Beulen tröstete, warf ich zum zehnten Mal den Hund aus dem Zelt. Der Hund ist hier außer mir die einzige erwachsene Person, die Camping toll zu finden scheint.

Noch während ich an den Strippen des Zeltes zog, Innenzelte einhing und Boden verlegte, klingelte mein Handy. Eine Dame von meiner Bank, ich hatte neulich Probleme mit meiner EC-Karte. Ich konnte die Frau kaum verstehen, weil mir das Zelt um die Ohren flatterte, die Kinder schrien, der Hund knurrte und Trecker über das Feld nebenan fuhren. Sie fragte, ob das korrekt sei, mit der Bestellung meiner neuen Karte und was mit der alten Karte denn sei. Ich sagte „Die Alte geht gar nicht mehr“ und das war zufällig genau der Satz, den die Herzdame hörte, als sie mit dem Trösten der Kinder fertig war und den Kopf wieder ins halbfertige Zelt steckte. Der Rest des Nachmittags war dann eher schwierig.

Außerdem wurde es tatsächlich kühl, verdammt kühl sogar. Die Herzdame kam mit Oma und Opa überein, dass Kinder bei 14 Grad nachts im Zelt womöglich erfrieren könnten, deswegen fällt Camping im Garten heute erst einmal aus.  Sie hatte bei der Verkündung des Urteils der Familienjury einen Gesichtsausdruck, der weitere Gespräche erübrigte.

Es ist mehr Regen angesagt. Uropa sagte, als er am frühen Abend sinnend im Garten stand: „Wir haben hier selten starken Wind. Sehr selten. Aber das weht ja ganz ordentlich jetzt.“

Egal. Das Zelt steht und morgen ist auch noch ein Tag.



 

 

11 Kommentare

  1. Sehr schön. Ich warte dann noch ein paar Tage mit meinem sonnigen Camping-Bericht von Prerow.

    ps. 14 Grad sind völlig ok. Mit mehreren Leuten im Zelt geht das ohne Probleme. Ihr habt doch gute Schlafsäcke.

  2. Campen bei Schwiegereltern im Garten? Ich hatte ja keine Ahnung, wozu Controller fähig sind. Brilliant. Darf ich im Anschluss auf einen Camping-Ratgeber von Rowohlt spekulieren?

    Habe mit 1-3jährigem Kind schon Nächte bei 2-4 Grad im Zelt verbracht (ausnahmlos in Ländern, die man gemeinhin nicht mit solchen Temperaturen in Verbindung bringt: Botswana, Oman, Namibia). Für das Kind immer super.

  3. Die Systemzeit sagt 00:08 Uhr.
    Der neue Tag hat also schon begonnen. Und durch die obige Geschichte schon mal mit einem etwas breiteren Lächeln.
    Allerdings stehe ich auf der Seite der Herzdame, schon seit eigenen Kindesbeinen an. Camping ist immer irgendwie muffig und klamm, selbst bei Temperaturen weit über 25°C.
    Die erste Campingprobe unseres Großen (damals 5) endete mit dem Verlöschen des Lagerfeuers in Nachbars Garten. Er stand Nachts um 1:00 Uhr an der Küchentür und meinte, dass Camping eine tolle Sache sei und er nun ins Bett wolle.

  4. Durchhalten! Camping ist super, bis auf das Schlafen auf strukturierten Luftmatratzen, Schwitzen in zu dicken oder Frieren in zu dünnen Schlafsäcken, Riechen des synthetischen Zeltmaterials, Feuchtigkeit in den Morgenstunden, Toilettengängen um 2:00 Uhr morgens und Kochen in Hockstellung. Das Wetter ist doch ideal, so gibt es wenigstens keine Mücken im Zelt!

  5. Camping ist toll. Nächstes Jahr stocke ich meine Ausrüstung erstmal mit hochwertigeren Sachen auf. Und auch bei Bodenfrost bin ich noch nicht erfroren.
    Unsere ersten Campingerfahrungen haben wir übrigens auch in Zelten im Garten unserer Eltern gemacht.
    Später dann auf Festivals und diversen anderen Events. Ich finde sowas grundlegendes muss man einmal mitgemacht haben.

  6. Camping ist Käse, wenn man nicht bestens ausgerüstet ist. Deshalb findet man heutzutage auf Campingplätzen zu 90 Prozent Wohnwagen und Wohnmobile. Camping mit Zelt hat irgendwie fertig, scheint mir. Und zwar zurecht.

  7. Stimmt. Der Hinweis oben mit den Mücken ist super. Welch unfassbares Glück ihr gerade mit dem Wetter habt. Ihr müsst euch einen Keks darüber freuen. Keine Mücken im Zelt – das ist extrem gut und entspannt die Gesamtsituation erheblich.

  8. 14 Grad Lufttemperatur? Das ist doch geradezu subtropisch für einen Norddeutschen! Bei 14 Grad Wassertemperatur habe ich als Kind meinen Freischwimmer gemacht!
    Lass Dich nicht beirren von diesen Warmduschern!

  9. Heute ist Tag 2, ist das Zelt abgesoffen und zu weit abgetrieben, dass es noch keine Fortsetzung gibt?

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