Camping, Tag 4

Und dann ist das Erstaunliche geschehen und die Herzdame hat tatsächlich mit mir im Zelt übernachtet. Mit beiden Söhnen. Und es hat nicht geregnet, und es war nicht zu kalt und auch nicht zu warm. Und die Unterlagen waren flauschig und die Kinder schliefen ruhig, viel ruhiger als in den Betten. Und kein Nachtvogel störte und kein wildes Tier. Keine Insekten waren im Zelt, keine Steinchen unter dem Boden. Und am Morgen gab es einen winzigen Schauer, fast nur so, als hätte jemand kurz einen Rasensprenger Richtung Zelt gehalten. Und mit diesem Schauerchen gab das Zelt auf und ließ alles Wasser durch, die bedingungslose Kapitulation des Campingzubehörs.

Man muss auch mit Niederlagen leben können. Oftmals bringen sie einen auch weiter und führen zu ganz neuen Erfahrungen. Die Herzdame und ich haben zum Beispiel überrascht festgestellt, dass wir gut, sehr, sehr gut sogar darin sind, gemeinsam ein Zelt abzubauen. Hand in Hand, pure Harmonie, emsige Effizienz und zielgerichtetes Vorgehen. Wir haben uns mindestens zehn Minuten bestens verstanden. Und dann habe ich ihr natürlich zugestanden, dass das mit dem Zelt vielleicht auf Dauer doch etwas heikel ist, wenn man an künftige Familienurlaube denkt. Ich habe nämlich grundsätzlich kein Problem damit, auch einmal zurückzutreten, das muss in einer guten Ehe auch so sein. Gönnen zu können, das ist ein elementarer Bestandteil der gelungenen Beziehung.

Ich habe das sorgsam gefaltete Zelt und den ganzen Zubehörkrempel fein säuberlich im Auto verstaut. Dann habe ich mich dezent ins Haus zurückgezogen. Der Herzdame habe ich gesagt, ich müsste nun erst einmal ein wenig fleißig sein, sie könne aber ruhig mit den Söhnen im Garten bleiben, der mittlerweile heiter von der Sonne beschienen wurde. Die Herzdame, noch ganz enthusiasmiert vom Ende des Campingterrors, nickte lächelnd. Dann habe ich mich an Omas Schreibtisch gesetzt und das Notebook angemacht.

Denn auch in das Thema Wohnmobil muss man sich ja erst einmal in Ruhe einarbeiten.


Wir Männer in Schwarz

Im Gegensatz zu mir gucken die Söhne gerne Fußball. Dass sie davon noch nicht viel verstehen, das macht nichts, es sind eben noch Kleinkinder. Sohn II mag das Gebrüll der Fans, Sohn I schläft gerne beim Gemurmel des Kommentators ein, es ist für jeden etwas dabei. Sohn I hat durch die EM immerhin endlich einen reellen Berufswunsch, er möchte jetzt nämlich Schiedsrichter werden. Auf Nachfrage, wie er zu dem Wunsch kommt, hat er mir erklärt, dass der Schiedsrichter nicht so viel machen muss wie die anderen, trotzdem immer dabei ist, etwas bestimmen kann und in seinen schwarzen Sachen cool aussieht. Das ist soweit vollkommen nachvollziehbar, finde ich.

Als Sohn I auf meinem Computer Filme über Orchester gesehen hat, ließ er sich von mir die ganzen Instrumente erklären. Dabei entdeckten wir erstens faszinierend vielfältige Formen in der Flötenfraktion und zweitens bedeutende Bildungslücken beim Vater. Der Sohn sah sich alles en detail an, im Standbild und in der Bewegung, und stellte dann fest, er könne doch auch bei einem Orchester Schiedsrichter werden, wobei er auf den Dirigenten zeigte. Den Mann in Schwarz, der nicht viel macht, fast nur herumsteht, trotzdem immer dabei ist, etwas bestimmen kann und irgendwie sehr cool aussieht. Ich klärte ihn darüber auf, dass dieser Schiedsrichter allerdings keine roten oder gelben Karten zeigen dürfe, der Sohn fand den Beruf dennoch weiter faszinierend.

Und dann fiel es mir erst auf – natürlich eifert der Junge einfach dem familiären Vorbild nach! Auch ich trage schließlich sehr oft Schwarz und sehe natürlich cool aus. Auch ich bin immer dabei, bestimme gern alles und mache weniger als die anderen – und an diesem Punkt habe ich dann doch beschlossen, das Thema lieber noch einmal ganz in Ruhe zu durchdenken.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung)