Gelesen: „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer

Deutsche Übersetzung von Isabel Bogdan,Ingo Herzke und Brigitte Jakobeit. Ich halte das Buch für äußerst empfehlenswert, worin mich schon die amüsante Reaktion vieler Leute bestärkt, die meinen, das Buch partout nicht lesen zu wollen. Weil sie solche Angst haben, hinterher über Ihr Kotelett nachdenken zu müssen. So etwas auszusprechen, sich auch noch daran zu halten und dennoch für einen intelligenten Menschen zu halten, das ist schon nicht ganz ohne Komik.

Ansonsten ziehe ich es allerdings vor, mich da herauszuhalten. Ich habe am Anfang des Jahres ein wenig über meine Versuche geschrieben, die Ernährung auf vegetarische Küche umzustellen und habe es ziemlich schnell wieder gelassen. Ernährung gehört zu den Themen, die in Deutschland grundsätzlich humorlos besprochen werden müssen, gerne fanatisch, radikal und fundamentalistisch – alles nicht meine Welt. Wenn ich solche Diskussionen möchte, dann schreibe ich über die Dummheit der Impfgegner oder der Homöopathie-Fans, über Modelle zur Abschaffung des privaten Autobesitzes oder ähnliche brüllend komische Bereiche. Und dann warte ich gelassen ab, bis sich die ersten Kommentatoren gegenseitig umbringen. Nein, danke.

Es gibt aber dennoch etwas Bemerkenswertes zu dem Buch zu erzählen, ganz ohne auf den Inhalt einzugehen, den man allerdings gelesen haben sollte, wie ich noch einmal am Rande erwähnen möchte. Die Buchstaben des Titels bestehen nämlich aus Tieren, aus kleinen schwarzen Schweinen, Kühen, Enten, Hühnern, Schafen. Das sieht man auf den ersten Blick vielleicht gar nicht, es sei denn, man ist ein Kleinkind. Dann fällt so etwas natürlich sofort auf und Sohn I fragte mich dann auch: „Wieso sind da Tiere drauf?“ Und keine Sorge, es geht nicht darum, dass ihm nach meiner erklärenden Antwort die geschlachteten Tiere so schrecklich leidgetan hätten, kein Gedanke. Kleinkinder sind brutal und hart im Nehmen. Nein, der Sohn dachte nicht über das Schicksal der Tiere nach, sondern über ihre Anordnung auf dem Schutzumschlag des Buches. „Das sind Buchstaben, oder? Die Tiere sind die Buchstaben, so wie sie da stehen, ja?“

Genau. Und er wusste auch, was für Buchstaben das waren. Ein E, das kannte er aus dem Fahrstuhl, E wie Erdgeschoß. Ein S wie Schlange, das war ganz einfach, und das da hinten war ein N oder ein M, die sehen sich aber auch wirklich verdammt ähnlich. „E S S E N“ buchstabierte er. „Genau“, sagte ich und wiederholte die Laute der Buchstaben, „und zusammen ist das dann was?“ „Essen“, sagte der Sohn und sah mich verblüfft an. “Das hab ich jetzt gelesen, oder? Oder?“

Und dann haben wir zusammen auch noch das Wort „Tiere“ gelesen, was natürlich ein wenig schwieriger war aber auch ganz gut ging, und dann habe ich ihm erklärt, dass der Autor des Buches leider wirklich einen ziemlich blöden Namen hat, wenn man gerade erst Lesen lernt. „Tiere essen“, sagte der Sohn grinsend und sehr begeistert, „das hab ich jetzt gelesen. War gar nicht schwer.“ Er warf einen Blick auf das große Bücherregal und hatte die erste, die allererste Ahnung in seinem Leben, dass das alles eines Tages ihm gehören würde. Zweifellos ein großer Moment.

Und dann fragte er nach einem Wurstbrot.

Das macht der durchschnittliche Leser vermutlich übrigens nicht, wenn er gerade „Tiere essen“ gelesen hat.


12 Kommentare

  1. Oh ja, diese unendliche Bücherwelt …. bin ja fast ein wenig neidisch was der kleine große Mann da alles noch entdecken kann!

    Und bitte/danke schreiben Sie etwas über das Buch, den Inhalt, ihre Gedanken – den Inhalt Ihres Kühlschrankes nach lesen des Buches – bitte, ich bin gespannt!

  2. Der Dalai Lama isst gern Züricher Geschnetzeltes. Auch wir mögen gern manchmal Fleisch, am besten vom Biobauernhof, von dem wir wissen, dass die Tiere, die von dort stammen, auch bis zum Schlachten ein schönes Leben hatten. Das zum Tiere Essen.

    Glückwunsch an Sohn I, das ist ja wirklich toll in dem Alter!

  3. Herrlich! Ich kann zwar schon lange lesen, aber dieses Gefühl, wenn so eine Tür in eine neue Welt auf geht macht auch beim mitfühlen glücklich!

    Mich quälen jetzt nur zwei Fragen: soll ich ein weiteres Buch auf den Stapel der noch zu lesenden Bücher packen und wenn ja, physikalisch oder elektronisch? Ich habe doch die vier Polen im Auto noch nicht durch …

  4. Nicht sehr originell, aber restlos überzeugt gehöre ich zu den Leuten, die wegen „Tiere essen“ keine Tiere mehr essen. Und ich muss Ihnen leider zustimmen: GANZ schwieriges Thema. Sobald ich möglichst unauffällig, falls nötig, in größerer Runde um Vegetarisches bitte, schicke ich ein Stoßgebet gen Himmel, dass niemand fragen möge, warum ich kein Fleisch esse. Denn selbst dann, wenn ich es dann auf Anfrage hin erkläre, ernte ich oft abwehrende bis beleidigte Reaktionen. Obwohl ich nur mich erkläre, ganz unplastisch. Sehr anstrengend!

  5. Sohn I ist ein ganz cleverer! Bald liest er bestimmt wie ein Weltmeister. Aber ob dem mal ein Vegetarier wird wage ich schwer zu bezweifeln…

  6. ? So viele Welten, die sich da jetzt sehr bald öffnen.

    (Ich habe das Buch auch gelesen, Ende April. Und esse seither tatsächlich kein Fleisch und keine Eier mehr. Sollten mehr Menschen mal lesen. So viele Welten…)

  7. Mal abgesehen von dem hochwohllöblichen Fakt, dass Ihr Sohn das gelesen hat und somit aufgestiegen ist in der Skala, gäbe es noch eine andere Betrachtungsweise dieses Titels.

    Die eigentlich meine erste war, denn, dass gemeint ist, dass wir Tiere essen, erschloß sich mir erst später.

    Ich habe viel mit Tieren zu tun. Auch wenn ich kein Tierschützer bin, sehe ich manches anders als ONL. Bei mir essen Tiere, wenn andere sagen, sie würden fressen. Fressen hat sich im Sprachgebrauch als abwertend erwiesen. Tiere benehmen sich beim Essen aber gesittet. Also IHREN Sitten entsprechend, was durchaus auch mal wüst aussehen kann. Darum essen Tiere.
    Okay, wenn ich das sage, gucken mich manchee schon etwas komisch an, aber hier sehe ich das ja nicht.

  8. Also, die Punchline mit dem Wurstbrot wirkte noch besser, wenn Sie den letzten Satz weggelassen hätten. Aber das Thema ist ja zu ernst für solch billige Späße 😉

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