Die Befreiung

Ich bin vom Pastor zum Geburtstag eingeladen worden und ich habe mich ernsthaft für einen Schrebergarten interessiert. Das hat nichts miteinander zu tun, es war reiner Zufall, dass beides sehr dicht nacheinander passierte, aber als ich die letzten Tage Revue passieren ließ, gab es mir doch irgendwie zu denken. Bin ich womöglich uncool geworden? Ist es wirklich denkbar? Können denn Menschen meiner Generation, die als erster Jahrgang mit Videoclips groß geworden sind und daher immer die richtigen Idole vor Augen hatten, überhaupt uncool werden? Ich habe überlegt, was wohl aus den Videohelden von damals geworden ist. Leider dauerte es lange, bis ich auf einen kam, der noch nicht tot ist. Ich habe mir ein paar der alten Clips wieder angesehen – und ich sah peinlich schlecht tanzende Jugendliche in grauenvoller Kleidung, die für mich doch einmal ausgewachsene Helden gewesen waren.

Ich habe die Herzdame gefragt, ob ich überhaupt noch cool sei. Sie fragte, wieso ich „noch“ sage und nicht „ob“, das sei doch treffender. Ich habe die Söhne gefragt, ob ich cool sei, und der eine sagte, ohne auch nur von seinem Buch hochzugucken: „ja, ja, Papa“, der andere sagte, ohne sein Spielzeugauto wegzulegen: „nein, nur ich bin cool, sonst gar keiner“. Die Befragung der Familie war irgendwie nicht zielführend.

Ich habe Freunde getroffen, wir saßen draußen auf dem Rasen und tranken Bier, es war ein schöner Sommerabend, einer der ganz wenigen in diesem Jahr. Irgendwo weiter hinten im Park spielten Jugendliche Ball, aber keiner von uns hatte Lust, sich auch so zu beschäftigen. Ich sah mir meine Freunde an. Sie sahen nicht mehr nach Jungs aus und sie mussten das Bieretikett weit weg halten, wenn sie es lesen wollten. Als wir Stunden später wieder aufstanden, taten uns diverse Gelenke weh. Na und, dachte ich, kein Mensch wird jünger. Ich sagte ihnen, dass ich mich jetzt gerade, genau in diesem Moment, an diesem schönen Abend, endgültig damit abgefunden hätte, überhaupt nicht mehr cool zu sein. Und dass es irgendwie auch sehr befreiend sei.

„Toll“, sagte einer, „das ist doch mal ein cooler Gedanke.“

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.



7 Kommentare

  1. Wenn man sich anstrengen muß um cool zu sein, dann ist es man es sowieso nicht. Zumindest darf man die Anstrengung nicht sehen. Das gilt vor allem bei nicht mehr jungen Menschen, bei Heranwachsenden kann man noch ein bißchen gnädig sein.

    Da ist ein Abschied in Würde vom Wettbewerb keine schlechte Idee.

  2. Oh je es tut mir wirklich leid aber alleine schon das Wort cool zu benutzen und/oder diesem nachzueifern ist oldschool. Heute sagt keiner mehr cool sondern es ist alles nur noch fett. Ausgesprochen wird es wie fäätt. Daran kann man dann noch z. B. das Wort krass hängen aber cool geht gar nicht mehr. Alleine an der Benutzung dieses Wortes erkennt man ihr Alter. Woher ich das weiß? Tjahaa praktisch wenn der eigene Bruder 10 Jahre jünger ist 🙂

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