Verhandlungssache

Normalerweise ist es nicht gerade schwer, ein dreijähriges Kind ein wenig zu manipulieren. Ein verlockendes Ziel hier, ein eher unangenehmes Szenario da, schon pegelt sich das Kind in der gewünschten Richtung ein, ganz ohne Streit und wirklich finstere Tricks. Das klappt fast immer, denn Kinder haben riesige Wünsche und große Ängste, daher gehen fast alle Eltern mehr oder weniger bewusst bei etlichen Themen so vor, besonders wenn es um wichtigere Wendepunkte im Leben der Kinder geht. Etwa um das endgültige Abgeben des Schnullers.

Ist der Schnuller weg, dann kommt die Schnullerfee und bringt ein Geschenk. Ich weiß gar nicht, wo diese seltsame Tradition herkommt, in meiner Kindheit gab es das jedenfalls nicht, soweit ich mich erinnere. Ich habe von der Dame jedenfalls noch nie etwas gehört, bevor ich eigene Kinder hatte. Die Zahnfee, ja, die war mir bekannt, die Schnullerfee musste ich mir erst erklären lassen. Wobei es nicht sehr viel zu erklären gibt, denn keiner hat sie je gesehen. Aussehen, Wohnsitz, Abstammung – keine Ahnung. Sie kommt nachts und bringt ein Geschenk, fertig. Wie sie das anstellt, woher sie weiß, wo sie hinmuss, ob sie Vorgesetzte hat oder Hilfskräfte – alles rätselhaft. Die Schnullerfee, das unerforschte Wesen. Auch die Wikipedia weiß wenig zu dem Thema, sie kennt nur Schnullerbäume, die aus Dänemark stammen. Da hängt das Kleinkind dann tapfer seinen Schnuller dran. Und da der Baum auf einer Wiese steht, wird es dabei noch an die Natur herangeführt, das steht auch so in der Wikipedia, ganz im Ernst. Was wieder beweist, dass man da den größten Unsinn ungestraft hineintexten kann. Und da steht übrigens noch, dass sowohl beim Schnullerbaum als auch bei der  Schnullerfee die Freiwilligkeit der Abgabe im Vordergrund steht, was natürlich ebenfalls barer Unsinn ist. Kein Kleinkind gibt seinen Schnuller freiwillig ab, sondern nur der Not gehorchend. In der Regel entsteht diese Not, weil der Wunsch, den die Schnullerfee zu erfüllen vermag, irgendwann größer wird als die Notwendigkeit, den Schnuller noch zu behalten. Kinder können an Wünschen leiden wie an realen Krankheiten oder an Hunger und Durst, der Druck, der durch einen erfüllbaren Wunsch ausgelöst wird, ist wirklich enorm. Der Tausch Schnuller gegen Geschenk geht meist nicht ohne Tränen über die Bühne und entspricht daher nicht exakt meiner Definition von Freiwilligkeit, aber egal. Darum geht es nicht.

Normalerweise, um auf den Anfang zurückzukommen, ist es jedenfalls nicht schwer, ein dreijähriges Kind ein wenig wohlmeinend zu manipulieren. Es sei denn, es hat ein Ego wie Sohn II.

Ihm ist die Schnullerfee schon eine ganze Weile bekannt, nur hat er bisher ungewöhnlich verhalten auf ihr verlockend simples Angebot reagiert. Sein erster Verhandlungsansatz war dann, nach sehr langem Nachdenken, dass sie seinen Schnuller sehr wohl haben könne – wenn sie ihm denn einen neuen bringen würde. Und zwar einen mit Kette dran, damit er danach nicht etwa noch einmal abhandenkommen kann. Ein intelligenter Vorschlag, keine Frage. Wir haben das eine Weile auf sich beruhen lassen, früher oder später hat nämlich jedes Kind einen wirklich großen Wunsch. Nur ab und zu haben wir nachgefragt, wie nebenbei, abends am Bettrand.

Der zweite Verhandlungsansatz von Sohn II war schließlich „Ich nehme dann die Schnullerfee.“ Einer der Momente, in denen ich nicht unerheblichen Respekt vor dem eigenen Nachwuchs empfand.

Der dritte Wunsch war ähnlich trickreich durchdacht: „Dann will ich schwimmen können. Sofort.“ Denn Sohn II ist kein Freund des Wassers, aber sein großer Bruder kann schon schwimmen und tauchen, das wurmt ihn sehr. Und wenn die Schnullerfee etwas draufhat, dann muss ja so etwas auch gehen, hm? Es wird doch nicht nur um auspackbare Geschenke gehen? Andere Wünsche gehen doch sicher auch? Gehen nicht? Ach. Kann wohl doch nicht so viel, die Dame. Plöde Fee. Ja, mit P vorne, das muss so, bei ihm.

Neulich sah Sohn II dann endlich auf dem Spielplatz einen Bagger, den er gerne haben möchte. Es ist gar nicht einfach, ihn bei einem Wunsch zu erwischen, denn durch den großen Bruder ist alles Wichtige immer schon da. Aber dieser Bagger! Der wäre was. Groß, gelb, sehr echt aussehend. Mit Bauarbeiter dabei. Die vierte Verhandlungsrunde schien endlich einfacher auszufallen zu können.

Und Sohn II lag im Bett, den Schnuller in der Hand und dachte verbissen nach. Lange. Ich saß an der Bettkante und habe das Modell Schnullerfee noch einmal ausführlich und anschaulich erklärt und er hörte sehr ernst zu. Dann steckte er schließlich grinsend den Schnuller in den Mund und streckte sich gähnend. Ich sah ihn verblüfft an. Er nahm den Schnuller noch einmal heraus und erklärte mir feierlich das Ergebnis seiner ausführlichen Grübeleien:

„Ich warte lieber auf den Weihnachtsmann. Für den muss man nichts machen.“

 

28 Kommentare

  1. Der Kleene hats ja voll drauf, herrlich!
    Und Lob auch an den Herr Papa, wieder mal wunderbar geschrieben, als wäre man Mittendrin statt nur dabei 😉

  2. Nachdem ich jetzt fertig bin mit Lachen und meinen Stuhl wieder hingestellt habe, schließe ich mich von Herzen an Annes Meinung an…
    Mit dem werden Sie noch ausgiebig Spaß haben. ;o))

  3. So sindse! Aber seien wir doch mal ehrlich: Insgeheim ist uns so eins doch lieber als ein leichter manipulierbares Kindlein, oder? Hierzuhaus ging es so: Eines Tages (natürlich hatten wir das Prinzip Schnullerfee vermittelt und über Monate erfolglos versucht, den Schnuller madig zu machen) wurde uns der kindliche Beschluss mitgeteilt: „Überübermorgen brauche ich keinen Schnuller mehr.“ Und genau so kam es, konsequent und ohne Gequengel trotz spürbarer Entzugserscheinungen. War allerdings erst mit über 4 Jahren. Aber was soll’s.

  4. Um dem Ganzen wenigstens den Anstrich des wissenschaftlich-seriösen zu geben, haben wir ausgemacht, dass die Kinder den Schnuller beim Kinderarzt abgeben. Autoritätspersonen ziehen einfach immer!

  5. Pingback: http://www.herzdamengeschichten.de/2012/07/26/verhandlungssache-2/ | Die wunderbare Welt von Isotopp
  6. wunderbar! lasst ihm den schnuller doch einfach noch ´ne zeit. wer so genial nachdenkt, dem ist es noch zu wichtig.

  7. weder an eine zahnfee noch an eine schnullerfee kann ich mich aus meiner kindheit erinnern, ich weiß aber noch, dass das milchzähneverlieren mit einer mutprobe verbunden war, wenn der zahn gewackelt hat, war es angesagt ihn mittels eines bindfadens und einer zugeschlagenen tür zu entfernen, nur weichlinge warteten bis er von alleine rausging oder jammerten gar darüber. sohn 2 ist so taff, der wird bald merken, dass es ganz uncool ist mit schuller rumzulaufen – macht der große und seine freunde ja auch nicht.

  8. Großartig, wie clever er ist. Lachen am Abend, erfrischend und labend!

    PS Schnuller sind zwar praktisch, aber fürchterlich. Wir hatten uns damals gegen Schnuller generell entschieden, das Ergebnis war langwährendes Daumenlutschen mit Kuschelhasen, der einen bestimmten muffigen Geruch haben musste und niemals gewaschen werden durfte. Da halfen keine Tricks, bis der einfach eines Tages verschwand. Der Damen blieb bis ins Schulalter…

  9. Kluges Kind.
    Selbst gesegnet mit drei ähnlich manipulations- und bestechungsresistenten, inzwischen erwachsenen und fast erwachsenen Söhnen, erinnere ich mich an ein Schwanken zwischen Stolz auf dies Unbestechlichkeit und Verzweiflung über die vermeintliche Aussichtslosigkeit das (von mir!) angestrebte Ziel zu erreichen. Rückblickend kann ich nur empfehlen gelassen abzuwarten bis Sohn II selbst den Drang verspürt, schnullerfrei zu sein. (Ach, rückblickend ist so vieles ganz einfach. Hätten wir das nur damals schon gewusst…)

  10. Schöner Beitrag. Schlaues Kind.

    Bei uns hat der Sandmann den Schnuller geholt, um ihn anderen Kindern zu schenken.

    Der Sandmann, der alte Schlingel, hat gesagt, dass er nicht mehr im Fernsehen kommt, wenn es keine Schnuller gibt.

    Er brauchte so dringend Schnuller für andere Kinder. Und siehe da, Sandmann schuen hat gewonnen, Schnuller weg, alles gut.

  11. Wir haben mit dem Thema zwar noch etwas Zeit, aber die Schnullerfee habe ich mittlerweile auch schon kennengelernt. Meines Wissens kommt dieses ominöse Wesen übrigens aus den USA.

  12. Wunderschön geschriebene Episode aus der Entwicklung der Sohn-Vater-Beziehung. Es geht doch dem Kind gar nicht um den Schnuller, sondern darum, die Schnullerfee zu überlisten und eventuell, den Papa gleich mit. Eventuell ist es sogar noch etwas höher angesiedelt und artet in einen Machtkampf aus?
    Cleverer kleiner Kerl.
    Mein Sohn I, im Alter von 3 Jahren, hat den Schnuller zum Xten Mal verbummelt, dann war er einfach wirklich weg. SohnII hat jeglichen Schnuller abgelehnt und den Daumen vorgezogen, das bis weit ins Schulalter hinein.

  13. Kauft dem Jungen den Bagger!
    Unbestechlichkeit ist belohnenswerter als ein schnullerentwöhntes Dasein, das sich auch ohne elterliches Zutun einstellt. Oder kennt jemand schnullernde Erwachsene?

    Nieder mit der Schnullerfee! Die olle Kinderquälerin!

  14. Da haben wir mit unseren beiden ja echt Glück gehabt: Die Große hat den Schnuller irgendwann tagsüber einfach nicht mehr bekommen (so ab 2 IIRC). Nur zum Schlafen. Bei dem Schnuller für Nachts, haben wir dann allerdings auch zwei Anläufe gebraucht. Das was gezogen hat war, das die Schnullerfee die Schnuller kleineren Kindern bringt die diese dringender brauchen.
    Und die Kleine hat einfach beschlossen keinen Schnuller zu brauchen. Mit einem Jahr oder so. Und bisher, sie ist jetzt 2,5 Jahre, hat sie sich auch keinen Ersatz angewöhnt. 🙂

  15. Blöd, das mit dem Flattr-Button. Ich wollte gerade Sohn II ein Eis spendieren. Bitte Bescheid geben, wenn er wieder geht.

  16. „Kein Kleinkind gibt seinen Schnuller freiwillig ab“? Dann fragen Sie mal meine Mutter. 😉 Ich war nämlich offenbar meinerzeit keine große Schnullerfreundin und habe mich – so meine Mutter – letztendlich von dem Ding befreit, indem ich es energisch ins Töpfchen warf. Bleibt nur zu hoffen, dass sich diese Einstellung irgendwie an meine zukünftigen Kinder vererbt..

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.