Blech

Die Geburtstage der beiden Söhne stehen vor der Tür, erst der eine am Sonntag, dann zwei Tage später der andere. Immer noch nehme ich es dem zweiten Sohn etwas übel, dass er nicht am planmäßigen Stichtag kam, denn dann hätten beide am selben Tag Geburtstag gehabt, was wunderbar einfach gewesen wäre. Eine große Party, zack, fertig. Aber nein, Monsieur musste sich ja noch zwei Tage Extrazeit lassen, ein Dickkopf von Anfang an. Jetzt haben wir trotz meiner überaus exakten Planung den dümmstmöglichen Abstand zwischen zwei Kindergeburtstagen. Aber egal, so etwas kennt man als Controller. Die anderen versauen immer alles, was rechnerisch gut hingekommen wäre. Es verlangt nun natürlich ein Höchstmaß an Planung, diese beiden Events, die eigentlich sogar drei sind, denn die große Kinderparty für beide zusammen wird erst am Wochenende darauf gefeiert, auf die Beine zu stellen. Die Einkaufszettel für alles sind länger als eine DIN-A-4-Seite, was immer als äußerst alarmierendes Zeichen zu werten ist. So etwas sollte eigentlich nur zu Weihnachten und Neujahr vorkommen, oder vor dem Aufbruch in einen längeren Campingurlaub.

Die Herzdame und ich machen angesichts der kommenden Aufgaben, was alle vernünftigen Menschen unserer Bekanntschaft tun, wenn sie an einem Projekt enorm viel zu tun haben: wir kümmern uns um gänzlich andere Dinge. Mit anderen Worten, wir verhalten uns vollkommen rational und planen zum Beispiel unseren nächsten Hochzeitstag, der erst zwei Wochen später stattfinden wird.

Nach einer längerem Phase hochkonzentrierten Nachdenkens sind wir darauf gekommen, dass es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um den achten Hochzeitstag handeln wird. Acht, das klingt noch nicht sehr beeindruckend – aber auch nicht richtig schlecht. Acht Jahre, das ist ein klarer Fall von immerhin. Acht: na ja. Acht: okay. Acht: na, ist doch was.

Als Traditionsmensch habe ich natürlich nachgelesen, wie man den achten Hochzeitstag korrekt bezeichnet: das ist die Blechhochzeit. Das wiederum klingt fast schon beleidigend, aber es gibt auch noch wesentlich schlimmere Bezeichnungen, da haben wir fast noch Glück gehabt.
Wir haben also den Babysitter für den Abend bestellt, und der Babysitter hat sogar Zeit, alles kein Problem. Wir haben in Erwägung gezogen, an dem Abend essen zu gehen, sind dann aber bei dem Gedanken stehen geblieben, dass wir dabei den ganzen Abend miteinander reden müssten, was bei uns normalerweise nicht vorkommt, da wir beide abends arbeiten. Jeder an seinem Schreibtisch, ab und zu treffen wir uns online bei einem Facebook-Kommentar. Und nun plötzlich an einem Tisch, Candellight-Dinner mit vorbeistrolchendem Wandergeiger aus dem befreundeten Ausland? Und später dann: „Wolle Rose kaufe?“ „Ja, geben Sie alle.“

Können wir das? Wollen wir das? So eine Ehe bleibt eine Prüfung, mutig werden wir uns selbstverständlich auch dieser Aufgabe stellen. Beziehungen verlangen Entschlusskraft und Einsatz, daran soll es auch weiterhin nicht mangeln.

Meine Schwiegereltern hatten gerade Rubinhochzeit, das macht schon wesentlich mehr her. Vierzig Jahre, das klingt nach etwas. Schwiegervater hat Schwiegermutter einen Rubin geschenkt, ein ebenso einleuchtendes wie erfreuliches Geschenk.

Ich denke noch darüber nach, was denn wohl zur Blechhochzeit passend sein mag. Aber mit einer Auswahl attraktiver Fertiggerichte in Dosen kann ich unmöglich ganz falsch liegen.


Guten Morgen

Der Hamburger Hauptbahnhof ist der meistfrequentierte Personenbahnhof in Deutschland. Wenn ich morgens von da aus mit der S-Bahn zur Arbeit fahre, dann sehe ich da eine ziemliche Menge Mensch. Würde man den Bahnhof am frühen Morgen aus einem Hubschrauber filmen, er sähe aus wie ein Magnet, der aus den umliegenden Straßen Menschen ansaugt, ein endloser Strom von Werktätigen, die ins Büro, in einen Laden, auf eine Baustelle, in eine Arztpraxis oder Gott weiß wohin fahren. In aller Regel sehen diese Menschen erbärmlich schlecht gelaunt aus, nehmen keinen Kontakt zu anderen auf, haben es eilig und viele von ihnen essen oder trinken im Gehen. Hektisches Abbeißen im Laufschritt, einen Schritt Pause für einen Schluck Kaffee.

Ein korpulenter alter Mann in heruntergekommener Kleidung steht neben dem Strom der Passanten, eine Pulle Bier in der Hand, eine Zigarette in der anderen. Er lehnt gemütlich an einen Pfeiler und ruft ab und zu etwas, wobei er freundlich in die Menge winkt. Laut und lachend ruft er und ich verstehe, was er da von sich gibt, als ich näher komme: „Ich bin nicht wie ihr! Hört ihr, ich bin nicht wie ihr! Nein! Nicht wie ihr! Ich bin noch bekloppter!“

Es ist eine reine Frage der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Man muss nur genug Menschen zusammen betrachten, dann ist irgendwann ein gut gelauntes Exemplar dabei.


Hallig Hooge

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Zu einigen Halligen kann man bei Ebbe laufen, zu einigen führen auch Eisenbahnschienen, über die man mit Loren fahren kann, zur Hallig Hooge muss man aber mit dem Schiff, die ist etwas weiter draußen. Man fährt ab Schlüttsiel, die Friesen da oben haben ebenso wie die Ostfriesen teils bezaubernde Ortsnamen. Wir sind etwas früh am Anleger, an Bord des Schiffes langweilen sich die Angestellten. Die Söhne toben auf das Oberdeck, sehen einmal in den Salon, wollen dann doch wieder nach oben. Es sind fast alle Plätze frei, so viel Auswahl ist auch nicht immer einfach. Wir setzen uns auf eine Bank auf dem Oberdeck, sie ist etwas abgesetzt vom großen Block der anderen Bänke, falls doch noch andere Gäste kommen, werden sie durch die Söhne nicht so gestört. Denken wir.

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