Ich gebe ein Beispiel

In jeder Ehe müssen Herausforderungen bestanden werden, das bringt das Leben so mit sich. Man bekommt Kinder, man richtet Wohnungen ein, man macht Urlaub, man muss sich auf ein Restaurant für den Abend einigen, dauernd prüft einen etwas. Schafft man es weiterhin zu zweit? Harmoniert man so, dass man sich nicht trennt und auch nicht umbringt? Mit den Jahren gewinnt man natürlich an Übung, immer lässiger und lässiger geht man die Aufgaben an und nur wenige Sonderfälle des Lebens, echte Extremsituationen, stellen eine gealterte Beziehung noch wirklich auf die Probe. Etwa der Besuch eines bekannten SB-Möbelhauses mit drolligen Produktnamen. Dieses Möbelhaus entlarvt gnadenlos charakterliche und geschmackliche Unterschiede zwischen den Partnern. Während des Rundgangs werden sie im immer lauter und lauter geführten Dialog deutlich, bis man sich schließlich überlegt, besser gleich zwei Wohnungen einzurichten. Eine Idee, die man dann erst in der Kinderzimmerabteilung wieder verwirft.

Ich konnte beim letzten Besuch immerhin als leuchtendes Beispiel dienen, als Vorzeigeobjekt für das Modell Mann, als typischer Vertreter meines Geschlechts, und das passiert mir nicht eben häufig. Als ich der Herzdame gerade einen äußerst wohlmeinenden Vortrag über das Thema „Effizientes Einkaufen in Rekordzeit“ hielt und sie mir nicht zuhörte, weil sie erst 15 verschiedene Vasentypen ausführlich vergleichen wollte, blieb ein Rudel von Frauen neben uns stehen, anscheinend Freundinnen, die gemeinsam zum Einkaufen gingen, vielleicht sogar als Freizeitspaß, der Mensch ist ja zu allem fähig. Eine der Frauen zeigte auf mich, wandte sich an ihre Begleiterinnen und sagte gut hörbar zu ihren Freundinnen: „Das da, das ist genau der Grund, warum wir keine Männer mitnehmen.“ Und eine andere Frau sagte, dass sie da ja wohl noch einmal Schwein gehabt hätten.

Ich weiß nicht recht, ob ich es gut finden soll, aber immerhin – ich bin beispielhaft.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung.


Gelesen – Mircea Eliade: Auf der Mântuleasa-Straße

Wenn ich mich recht erinnere, wurde es mir von Little Jamie empfohlen, aber das ist schon eine Weile her. Ein Buch über das Erzählen, über eine Diktatur, über die Neugier des Menschen und auch über seine berechenbare Dummheit. Auch ein Buch über Angst und das umfassende Grauen, das in totalitären Gesellschaften den Alltag mitbestimmt – das Buch spielt im kommunistischen Rumänien.

Ein alter Mann wird von der Geheimpolizei verhaftet, weil er jemandem etwas erzählt hat, es ist eigentlich ganz gleich, worum es dabei ging. Ein Gespräch im Sinne von sind Sie nicht der, der jene kannten, die damals und haben Sie nicht? Waren Sie nicht? So ein Dialog war das. Nur in Andeutungen. Aber die Andeutungen, die man natürlich auch als Geschichtsanfänge lesen kann, sie reichen, um den Apparat des Staates zu aktivieren. Verhör folgt auf Verhör, immer mehr wollen die Allmächtigen wissen. Und immer mehr erzählt der alte Mann. Kommt nie an einen Punkt, fängt immer wieder von vorne und noch früher, noch viel, viel früher an, weil doch alle Geschichten nicht verständlich sind, wenn man nicht weiß, was alles zu ihnen beigetragen hat. Beschreibt die Väter der Figuren, die Vorfahren, die Familiengeschichten, landet in vergangenen Jahrhunderten, wird mystisch und dann wieder alltäglich. „Was war mit X.?“ fragen die Beamten, und zuverlässig antwortet der alte Mann: „Das erzähle ich gleich. Aber erst müssen Sie wissen, dass drei Jahre zuvor…“ Und die Beamten hören zu, denn der alte Mann erzählt gut und in jedem neuen Absatz könnte etwas kommen, das auch noch zu beachten wäre, um alles zu verstehen.

Der Staat lässt all die Geschichten prüfen, immer mehr Menschen werden neugierig, wittern Verschwörungen und Verrat, ahnen Doppeldeutigkeiten und versteckte Botschaften. Agenten fragen nach, laufen herum und forschen, vergleichen Geschichtsversionen – und der alte Mann erzählt immer weiter, immer weiter. Weil es immer noch etwas Wichtiges vorher gab, und davor wohl auch noch etwas, und weil alle paar Sätze ein weiterer Mensch auftaucht, den man doch nicht einfach weglassen kann – und der auch seine Geschichte hat, und ohne all das ist die Gegenwart schließlich gar nicht zu verstehen. Sagt der alte Mann.

Also auch ein Buch über das Schreiben. Und was für eines. Wer meint, nichts zu erzählen zu haben, der lese einmal in dieses Buch hinein, es ist ein Buch, das Schreibfreude wecken kann.

Hinterher vielleicht noch einen Blick in das andere, von mir sehr geliebte Buch über das Schreiben werfen: „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ von Italo Calvino. Ein Buch, das nur aus Romananfängen besteht, ungeheuer kunstvoll verkettet, eine wahre Hymne an die Kreativität. Wer selbst schreibt und dieses Buch nicht kennt, der hat vermutlich etwas verpasst.

Beide Bücher laufen, neben den politischen Deutungsmöglichkeiten, auch darauf hinaus, dass derjenige, der etwas erzählen möchte, vor allem Lust am Erzählen haben sollte. So eine simple Voraussetzung. So eine schlichte und goldene Regel, deren Einhaltung uns etwa 75% der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur des letzten Jahrhunderts erspart hätte.