Medienwandel im ÖPNV

Morgens in der S-Bahn, ich setze mich hin und hole mein Handy aus der Hosentasche. Der junge Mann neben mir starrt auf sein iPhone, der gegenüber liest grinsend auf einem Kindle, daneben ein Mädchen mit einem HTC-Handy, eingestöpselte Kopfhörer. Auf der anderen Seite neben mir klappt jemand gerade sein Notebook auf, irgendein ultraflaches Modell. Alles ganz normal, alles wie an jedem Tag. Mit dem Jahr 2012 stellen die Smartphones etc. endgültig klar die Mehrheit im öffentlichen Nahverkehr, die Zeitung wird mit jedem Monat deutlich seltener. Das gedruckte Buch sowieso. Nach dem nächsten Weihnachtsfest wird wohl alle Welt einen Ebook-Reader haben, dann wird sich das noch einmal verschärfen.

Die ältere Dame, die dem Notebook gegenüber sitzt, sie tippt ebenfalls auf einem Gerät herum, ich sehe es aus dem Augenwinkel, während ich Mails lese. Ihr Gerät ist flach, fast ähnlich wie ein Handy, aber es hat eine seltsam erhabene, blaugefärbte Tastatur, und auch das Format ist irgendwie anders. Da ist nichts aufgeklappt, aber es wirkt doch etwas klobig. Das Display scheint seltsam klein, ich sehe irritiert etwas genauer hin. Und genau das macht auch der mit dem Notebook gerade, und das machen auch der junge Mann mit dem iPhone, das Mädchen mit dem HTC-Handy und der mit dem Kindle. Sehen alle für einen Sekundenbruchteil länger als normal zu dieser anderen Passagierin mit dem komischen Ding, die, als sie all die Blicke spürt,  etwas genervt aufsieht, ihr obskures Gerät hochhält und laut sagt: „Ja, mein Gott, es ist ein Taschenrechner! Ich rechne nur mal eben was aus. Lesen sie doch bitte ruhig weiter.“


14 Kommentare

  1. Wahrnehmungsunterschiede. Neulich las ich irgendwo in einem Interview, dass jemand sagte: „Gucken Sie sich doch mal in öffentlichen Verkehrsmitteln um, kein Mensch benutzt E-Reader, es werden nur Bücher gelesen.“ Weiß leider nicht mehr, wo und wer das war, aber ich habe mich auch gewundert.

  2. Also ich freu mich jeden Arbeitsmorgen auf meine Welt kompakt – im Papierformat. Noch so zum Umblättern mit Knicken in den Seiten und Rascheln und so. Besonders tolle Artikel lassen sich sogar spontan ausreißen und an die Pinnwand hängen… Aber erst nachdem der Arbeitskollege sich die Zeitung für die Mittagspause ausgeliehen hat. Tolle Sache! 😉

  3. … ist das wirklich so passiert? Wenn nicht – egal, nette Geschichte. Danke! Auch für den Rest. ‚Danke‘ wollte ich schon lange mal sagen.
    Liebe Grüße
    Yaspiz

  4. Ich habe mich heute erst auf dem Heimweg dabei ertappt, dass ich Menschen mit Papierbüchern seltsam fand. Aber ich kaufe beides: E-Books und analoge Bücher. Die analogen möchte ich nämlich auch in 80 Jahren noch lesen können. Die anderen sind praktisch für unterwegs.

  5. Herr Merz, wenn Sie so eine Abschaltfunktion finden, lassen Sie es mich wissen. Ich hätte das dann gern als Sauna-App.

  6. Ich hatte mich hier in Berlin zuletzt gewundert, wie enorm wenig E-Reader in der U-Bahn zu sehen sind. Hier dominieren gedruckte Bücher und Zeitungen, was mich irgendwie gefreut hat. Ist aber vielleicht der Finanzkraft der Berliner geschuldet…Hier geht man in die Leihbücherei, was mit K***le nicht zu machen ist!

  7. Stimmt so nicht, sakra, man kann bei den Berliner Bibliotheken auch eBooks ausleihen.
    Nach meiner Beobachtung wird in Berlin aber auch mehr analog gelesen – und eher Bücher als Zeitungen.

  8. @streckenweise: die e-Books aus den Büchereien (selbst die pdfs) sind leider nicht kompatibel mit dem Kindle. Das kann nur amazon-Bücher-Format. Habe ich weinend feststellen müssen, als ich da saß mit meinem Kindle vor dem Rechner… seitdem wieder analog in der U-Bahn unterwegs.

  9. @ sakra: Oh, ok, das wußte ich nicht. Hatte nur vor einiger Zeit gesehen, daß die jetzt auch eBooks haben. Da ich aber Bücher noch rein analog lese, kenn ich mich da mit den Feinheiten nicht so aus.

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