Und Action bitte…

Was man nicht mehr schafft, wenn man kleine Kinder zu betreuen hat, ist z.B. ins Kino zu gehen. Ich war da schon so lange nicht mehr, ich weiß gar nicht mehr wie das geht und wo eines ist, und ich würde vermutlich einen Schlag bekommen, wenn ich sähe, was die Karten heute kosten. Das macht aber nichts, es ist ja nicht so, dass man als Vater kein Entertainment hat. Besonders mit Kindern in der Trotzphase kann man auf Theater und Kino leicht verzichten, es wird einem alles geliefert. Spektakuläre Inszenierungen, einfach so, und auch noch umsonst. Oder fast umsonst, sagen wir für den bescheidenen Preis einer Busfahrkarte.

Ich bin Sohn II vorne in einen sehr vollen Bus gestiegen. Weil der Bus so voll war, stieg die Herzdame mit Sohn I hinten ein, es schien sinnvoll, sich strategisch etwas zu verteilen. Das fand das Kind an meiner Hand aber gar nicht, es war nicht nur vehement gegen dieses Vorgehen, nein, es wurde sofort rotglühend wütend. Ein tobendes Inferno auf Kniehöhe, wild hüpfend und hysterisch brüllend.

Es war ein warmer Tag, die anderen Passagiere waren luftig und hell bekleidet, weiße Hosen und sommerliche Röcke. Im Hafen lagen ein paar Kreuzfahrtschiffe, man wollte allgemein gepflegt daran vorbei promenieren. Weil das Kind aber so außerordentlich wütend war, haute es sich im Eifer des Gefechts und Gefuchtels selbst auf die Nase, die augenblicklich zu bluten anfing. Und zwar reichlich. Und nun stelle man sich einfach vor, wie der brüllende Sohn, der das immer weiter laufende Blut mit den Händen im Gesicht und in der näheren Umgebung verteilte, sich aalgleich meiner Hand entwand und durch den dichtbepackten Bus wühlte, um die ganz hinten stehende Mutter und den großen Bruder zu erreichen. An den vielen hellen Hosen und Röcken vorbei und dazwischen durch. Was hat man da? Komödie, Drama, Horror, Action – alles zugleich. Mit tollen Soundeffekten, in brillanter 3D-Darstellung und einem grandiosen, unglaublich authentischen Hauptdarsteller.

Vielleicht gehe ich in ein paar Jahren einmal wieder ins Kino. Aber es hat wirklich Zeit. Ich bin mit allem versorgt.

 

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung.


4 Kommentare

  1. Die Szene kommt mir bekannt vor…ich empfehle nächstes Mal das ganze aufzunehmen und bei You Tube einstellen – dann haben noch mehr Eltern einen wunderbaren Kinoersatz und fühlen sich nicht so allein in ihren persönlichen, täglichen Kinderdramen…;-)

  2. Leider kann man im Gegensatz zum Kino nie vorausbestimmen, wann ein Vorstellung anfängt. Allerdings scheint es Tage zu geben – abhängig von der Mondkonstellation und dem Wasserstand an der Nordsee – wann diese „Äktschn“ eintreten könnte.
    So war zum Beispiel am Samstag in unserem EDEKA ein „Lost and Found“-Tag von kleinen blonden Mädchen im rosafarbenen T-Shirt. Bei der dritten 4-jährigen dachte ich, meine Augen spielen mir einen Streich.
    Tatsächlich irrten insgesamt 4 kleine Mäuschen durch den Laden. Unterschiede waren nur am Schnuffeltuch und -tier zu erkenne.

  3. Mein Sohn hat in dem Alter im fürnehmen Haushalt der Schwiegereltern eine irre Jagd um den mit echten Kerzen und teuren Porzellankugeln geschmückten Weihnachtsbaum unternommen. Immer hinter dem Hund her. Nie war er näher dran, als geprügeltes Kind aufzuwachsen- heute hätte ich Probleme damit, nach dem Lachanfall wieder Luft zu bekommen. Das schlimmste ist ja eigentlich, dass einem das als Eltern so peinlich ist. Deshalb immer dran denken: Wer Bus fährt, nimmt es in Kauf, auch mal in einem Theaterstück mitzuspielen. Und wer am Leben teilnimmt, kriegt schon mal was ab…

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