Freizeitsport

Mit Kindern erlebt man seltsame Dinge, man geht z.B. in einen Kletterwald. Das ist ein Wald, in den man auf verschiedenen Höhen Kletterwege in die Bäume gebaut hat, auf denen man sich entlang zu hangeln hat, von Hindernis zu Hindernis. Die Wege haben unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Es fängt kleinkindertauglich an und endet sehr erwachsen knapp vor den Turnkünsten der Oran-Utans. Menschen mit Höhenangst bleiben also lieber gleich ganz weg. Man wird natürlich angeseilt, es gibt ein ausgeklügeltes Sicherungssystem, es kann wirklich nicht viel passieren. Ab und zu muss zwar jemand von irgendwo weit oben abgeseilt werden, weil er nicht mehr kann oder sich überschätzt hat, aber das ist ein überschaubares Problem, das Personal ist da sehr routiniert.

Dennoch ist es ein brandgefährliches Vergnügen, aus einem ganz anderen Grund, nicht wegen der Höhe oder der Anstrengung. Sondern wegen der Ausrüstung. Um dort zu klettern muss man nämlich einen Helm aufsetzen, der wenig kleidsam ist – um es einmal sehr, sehr freundlich auszudrücken. Und man muss ein Gurtsystem anlegen, das den Träger auch nicht gerade verschönert. Wenn man den Effekt zuhause einmal nachempfinden möchte: Einfach ein normales Nudelsieb mit einem Band auf dem Kopf befestigen und alle verfügbaren Gürtel im Haushalt kreuz und quer über den Körper binden. Dann vor den Partner treten und in lässiger Pose fragen: „Na, wie sehe ich aus? Ich mache jetzt Sport.“ Das Risiko müsste unmittelbar verständlich sein: So etwas kann man sich nur in gut angejahrten Ehen leisten.

Daher eine gute gemeinte Warnung an junge Paare, Menschen in der Anbahnungsphase und Verliebte aller Stufen – wenn Ihr sportlich klettern wollt, dann geht getrennt hin und meidet den gegenseitigen Anblick.

Ihr geht sonst vielleicht getrennt zurück.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

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3 Kommentare

  1. Da kann ich jedes Wort bestätigend abnicken. Dieses schreckliche Erlebnis hatte ich 2009 – zum Glück war ich nur mit dem Fotoapparat beschäftigt, nicht mit dem Verkleiden und ein- und ausschäkeln der Sicherheitsleinen.
    Als ich meinen Sohn so verkleidet sah, kam mir schon kurzzeitig der Gedanke an eine Testamentsänderung zu seinen ungunsten in den Sinn 🙂 – doch dann gab ich dem Sprichwort „Blut ist dicker als Wasser“ den Vorrang und wartete einfach ab, bis er wieder unbehelmt und unbeseilt auf festem Boden stand.

  2. Sitze leicht deprimiert im südenglischen Dauersturmregen – bzw. natürlich deshalb im Hotelzimmer herum – und danke deshalb von Herzen für diesen Lacher des Abends!

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