Zirkus Roncalli

Nachdem wir gerade erst im Zirkus Knie waren, hätten wir Roncalli sicherlich nicht besucht, wenn uns nicht jemand dafür Freikarten geschenkt hätte. Immer gut, die richtigen Geschäftspartner zu haben. So ein Großzirkus ist nicht ganz billig, da überlegt man es sich schon, ob man in zwei Wochen so etwas zweimal mit der ganzen Familie besucht. Und ich bin sowieso mit etwas Skepsis hingegangen. Ich war vorher noch nie bei Roncalli, allerdings kam mir in den Beschreibungen, die ich gelesen und gehört habe, ganz entschieden zu oft das Wort Poesie vor, das bei mir oft einen schlimmen, schlimmen Verdacht auslöst. Ich habe dann immer so eine nagende Furcht, die Veranstaltung könnte geschmacklich an in Honig ausgebackene Mozartkugeln mit viel Zucker und Karamell à la André Heller erinnern, und dem möchte man sich ja nun wirklich nur ungern aussetzen. Wie ich überhaupt allergisch gegen Events bin, bei denen man irgendwas fühlen soll. Ich denke mit Schrecken an eine Konzertveranstaltung vor Jahren im Hamburger Planetarium zurück, bei der man kollektiv liegen und sich entspannen sollte. Wabernde Klangteppiche, bunte Bilder an der Decke, links und rechts neben mir entschwebten Menschenseelen meditierend in andere, schönere Sphären, ich aber lag da mit verkrampften Muskeln und dachte an Kettensägenmassaker, Landfriedensbruch und Brandschatzen. Ich kann irgendein Schön auf Kommando einfach nicht ab.

Nun also Roncalli. Zirkuspoesie, Zauberwelt, Nostalgie, da kann man schon etwas misstrauisch sein. Muss man aber gar nicht. Erfreulicherweise ist Roncalli großartig, man möchte sogar fast sagen zum Heulen schön. Die Atmosphäre im Zelt, die Vorführungen der Artisten, die Moderation, die Musik, das hat alles Klasse und überhaupt keinen Talmi-Charme, das wirkt sehr überzeugend und verlockend. Die Söhne wollen dann jetzt auch zum Zirkus, und so muss die Wirkung einer solchen Veranstaltung wohl auch sein, mehr kann man nicht erwarten. Sie haben noch am selben Abend angefangen fleißig zu üben. Wir haben jetzt ein paar Teller weniger, aber die Karriereplanung ist abgehakt, das entspannt ja auch die Eltern.

Und dann der mit Abstand beste Clown, dem ich je begegnet bin. Ich war schon bei Zirkus Knie überrascht, dass es überhaupt wirklich lustige Clowns gibt, das wusste ich tatsächlich gar nicht, ich fand Clowns immer, auch schon als Kind, furchtbar, peinlich, zum Weglaufen. Der Clown bei Roncalli war tatsächlich eine mir nie vorgekommene Bestleistung. Ich habe laut lachend und staunend zugesehen. Unglaublich. Kein Wunder, das ist auch nicht irgendwer – David Larible. Wenn man die Chance hat den zu sehen – unbedingt hingehen.

Roncalli würde ich jederzeit wieder besuchen, das war ein absolut hinreißender Nachmittag.

Nebenbei ein typischer Schicksalsschlag der Hobby-Fotografen: Ich habe rund 200 Bilder verknipst und bin aber erst ganz kurz vor Ende des Programms darauf gekommen, wie denn die Kamera wohl richtig einzustellen ist. Und dann sitzt man zu Hause und löscht und löscht und löscht.

Man braucht eben nicht nur ab und zu einen Clown in der Manege – man ist immer auch selbst der dumme August.

Untitled

Untitled

Untitled
(Das ist nicht David Larible)

Untitled

Untitled

Untitled

Der Herr auf den letzten drei Bildern, Encho, hat Muskeln an Stellen, die ich noch nie mit Muskeln versehen vor Augen hatte. Vollkommen unfassbar. Nach so einem Auftritt lieber drei Tage nicht in den Spiegel sehen, wenn man nackt aus der Dusche kommt, das ist dann doch zu niederschmetternd. Auch wenn man die Übung auf dem mittleren der drei Bilder leicht an jedem Fahrradbügel nachturnen kann.


Sechs Bücher im Herbst Teil 1 – drei ziemlich neue Bücher

1) Isabel Bogdan: Sachen machen

Haben wahrscheinlich schon alle gelesen, ich bin mal wieder etwas spät dran. Die Autorin gehört hier zur Familie, deswegen kann man keine Rezension aus neutraler Perspektive erwarten, aber keine Sorge, das Buch ist sowieso gut. Isa macht Sachen, von denen viele sicher auch schon etwas gemacht haben, aber in dieser konzentrierten Trainingsform sicher doch nicht. Einfach einmal alles machen, statt es nur zur Kenntnis zu nehmen, statt nur darüber zu lesen oder sich Geschichten von seltsamen Freunden anzuhören. Harmlose Dinge machen, wie mit Leihkind zum Babyschwimmen gehen, zur Knabberfischpediküre gehen oder in eine Ausstellung über den menschlichen Darm. Etwas aufwändigere Sachen machen, wie Wacken besuchen, einer Nacht in einer Buchhandlung schlafen oder auf eine SM-Party gehen, immer los. Nicht nein sagen, nicht weghören, hingehen. Was für eine Option, wenn man sich das als Dauerzustand vorstellt. Was man erlebt, wenn man sich so verhält, das kann man hier sehr amüsant nachlesen. Isa schreibt vom Mach-doch-Muskel, ein Zusatzkapitel der menschlichen Anatomie, das bisher viel zu wenig beachtet wurde.

Und man landet natürlich irgendwann bei der Frage, ob man nicht selbst auch und warum man nicht längst und ob man nicht vielleicht doch einmal? Das ist dann eine sehr angenehme Wirkung, das merke sogar ich als überzeugter Stubenhocker.

Ich war bei einigen dieser für das Buch gemachten Sachen dabei, Sohn II kommt auch vor, die Herzdame wurden sogar von einem dieser Abenteuer mit dem Krankenwagen abgeholt, das fällt natürlich alles unter „mitwirkende Familienangehörige“, selbstloser Einsatz, da spricht man nicht weiter drüber, so sind wir. Ich bin für dieses Buch einmal sogar durch den Regen gegangen und nass geworden, nur um Isa bei einem der Ausflüge zu assistieren, aber was tut man nicht alles.

Wunderbare Kolumnen jedenfalls, ein geradezu ideales Geschenkbuch, da kann man sich praktisch nicht vergreifen, da müsste jeden etwas interessieren. In wenigen Tagen ist Weihnachten – jetzt ans Schenken denken!

Und wenn Isa irgendwo liest, gehen Sie hin, sie macht das sehr, sehr gut und mit bemerkenswerten Einsatz. Großer Spaß.

Und dann dem Verlag Bescheid sagen, dass man an einer Fortsetzung interessiert ist. Manchmal nützt es ja etwas.

 

2) Stevan Paul: Schlaraffenland

Stevan gehört nicht zur Familie, aber zur Hamburger Blogmafia, mit neutraler Haltung ist es auch hier nichts und auch bei diesem Buch macht es nichts, das macht ebenfalls so oder so Spaß. Geschichten über das Essen, über das Kochen und Verzehren. Geschichten, die langjährige Leser seines Blogs in Ansätzen vielleicht wiedererkennen, das spricht mich natürlich besonders an, ich habe ja auch schon Wasser in Wein Blogtexte in Buchtexte gewandelt. Da sehe ich selbstverständlich genauer hin, weil ich das sehr spannend finde, wie aus einer Idee zuerst ein guter Text wird und dann nach etwas längerem Nachdenken ein sehr guter. Und ich bin sowieso eher ein Freund von Kurzgeschichten als von Romanen, es erscheinen viel zu wenig gute Kurzgeschichten. Es ist überhaupt eine Schande, wie mit dieser Form in Deutschland umgegangen wird. Schreibt mehr Geschichten!  Bloggt mehr Geschichten! Dieses ganze Romangekrampfe endet doch immer nur im Regionalkrimi und wer will denn das. Ich hatte nach der Lektüre von „Schlaraffenland“ jedenfalls spontan Lust, selbst wieder Geschichten zu schreiben, wenn das keine schöne Nebenwirkung ist.

In den Danksagungen ist übrigens mein Name erwähnt, obwohl ich zu diesem Buch nur genau ein Wort beigesteuert habe. Und das kommt noch eigentlich von den Kollegen der Firma, in der ich täglich Zahlen schubse. Wir hatten zu diesem Wort endlich einmal eine vollkommen sinnvolle internationale Telefonkonferenz. Daraus könnte man auch einmal eine Geschichte machen, aus der Geschichte zu der Geschichte und das war dann auch meine Haupterkenntnis beim Lesen des Buches, das die Geschichten nicht alle werden, man kann anlegen wie beim Domino, irgendein Teilchen passt immer. Darauf muss man auch als Autor ab und zu wieder ganz neu kommen, so komisch das vielleicht klingt, das fällt unter Literatur-Doping und ist Gott sei Dank legal.

Schöne Geschichten also, auch wenn man mit dem Food-Thema eher nichts anfangen kann, das ist ja auch eher nicht meine Welt. Macht gar nichts, der Herr kann über Essen schreiben, dass man den Inhalt seines Kühlschranks hinterher mit ganz anderen Augen ansieht und sich beim Braten einer Zwiebel plötzlich fragt, wie man das dabei entstehende Geräusch eigentlich richtig beschreiben könnte. Es sind auch Rezepte drin, sozusagen als Bonus-Track. Ich habe sie noch nicht nachgekocht, aber Rezepte von Stevan sind in der Regel super. Ich habe schon bei ihm gegessen, ich weiß das.

Das Buch ist übrigens sehr schön gestaltet, darauf muss man besonders hinweisen, das kommt auch viel zu selten vor.

 

3) Martina Kink: „Bad hair years“

Martina Kink gehört nicht zur Familie und auch nicht zur Hamburger Blogmafia, wohl aber zum handverlesenen Kreis meiner Onlinekontakte. Das hat einen lustigen Effekt, dass ich die ganzen Autoren auf die eine oder andere Art kenne: Ich muss mir gar keine neuen Bücher mehr aussuchen. Wenn ich etwas Aktuelles lesen will, dann nehme ich einfach eines der Bücher, die mein Umfeld so produziert. Lustiger Effekt Teil II: Ich lese auf diese Art auch Bücher, die sonst nicht bei mir landen würden. Bad hair years, ein autobiographisches Buch, hätte ich nach dem Lesen des Klappentextes und der ersten Seiten vermutlich eher nicht gekauft, tatsächlich lese ich es jetzt aber sehr gerne. Frauen, die sich im Gegensatz zu mir ein wenig in der Fernsehwelt und der Popkuktur auskennen, habe aber sicher einen leichteren Zugang zu dem Buch, ich scheitere dauernd an Schauspielernamen oder Modebegriffen und Fernsehvokabeln, aber thematische Fremdheit ist ja egal, wenn etwas gut geschrieben ist. Sehr schneller Text, witzig und selbstironisch. Ein mir vollkommen fremdes Leben in fast jedem Aspekt, anderer Stil, andere Welt, andere Haltung, alles, alles anders. Toll. Liegt noch auf meinem Nachtisch, großer Spaß. Wieder beim Lesen gedacht: man sollte doch öfter Texte aus vollkommen fremden Lebenswelten lesen. Gleich danach Buch über Russlanddeutsche bestellt, über die weiß ich auch fast nichts, mit solchen Effekten wird die Autorin auch nicht gerade gerechnet haben, das ist von ihrem Buch dann doch ziemlich weit weg. Und eben auch nicht.

Außerdem liebe ich den Anfang ihrer beruflichen Werdegangsbeschreibung, die Stelle, wo sie ihre Studienwahl beschreibt:

„Natürlich bin ich selbst schuld, wer denn sonst. Ich habe schlicht nicht aufgepasst nach dem Abitur, nachgedacht schon gar nicht, wie auch, zu der Zeit war doch keiner von uns nüchtern.“

Da fühlt man sich dann doch irgendwie sofort sehr zugehörig.