Szenen aus Sankt Georg (1): Charles Aznavour kauft eine Aubergine

Der Steindamm ist eine der beiden Hauptstraßen von Sankt Georg, die nicht so feine Meile, der man noch auf den ersten Blick ansieht, dass das hier schon seit langer Zeit ein Bahnhofsviertel ist. Sexshops, Spielcasinos, Sportwetten, und in den Nebenstraßen stehen Damen am Straßenrand, die in Blankenese nicht als Damen durchgehen würden. In den Mülleimern wühlen menschliche Wracks mit leerem Blick, die Trinker-Szene vom Bahnhof sucht nach Pfandflaschen und kauft hier Nachschub ein, die öffentliche Methadon-Ausgabe ist auch nicht weit weg. Touristen aus beschaulichen Kleinstädten beschweren sich in den anliegenden Hotels regelmäßig über das Umfeld, das habe man ja vorher nicht gewusst, in was für einer Gegend man da lande, da sei ja, also wirklich.

Was man als Tourist aber natürlich nicht sieht: Auch hier schwindet der schmuddelige Anteil langsam, auch hier steigen die Mieten. Prostitution ist nicht mehr statthaft, das war sie eigentlich noch nie, aber jetzt geht man auch dagegen vor. Wer so unvorsichtig ist, eine der Damen in Sichtweite eines Polizisten anzusprechen, der zahlt. Und die Damen zahlen auch, das ist an sich nicht der Zweck der Übung in ihrem Beruf. Die sozialen Hilfsangebote für die Damen werden gestrichen und geschlossen, sollen sie alleine sehen, wie sie überleben. Man kann bei dem Thema in Hamburg ganz offenherzig unmenschlich sein, das stört hier keinen. Ab und zu gibt der Bezirk stolz bekannt, wie viel Geld er durch die Strafgebühren zusätzlich eingenommen hat. Wo das Gewerbe denn hin soll, das ist egal, hier gilt das Sankt-Florians-Prinzip, Hauptsache nicht hier, Hauptsache weg. Sollen die sehen, wo sie vor die Hunde gehen, die neureichen Nachbarn aus den aufgehübschten Häusern ein paar Straßen weiter möchten dabei lieber nicht zusehen. Da wird auch gerne mit Kindern argumentiert, die Kinder dürfen das alles um Gottes willen nicht sehen. Wenn die Kinder das nicht sehen, dann gibt es das auch nicht.

Die ganze Straße wehrt sich neuerdings gegen neue Casinos und Sexshops, jede Ansiedlung eines normalen Geschäftes wird jetzt gefeiert, es ändert sich etwas. Aber der Wandel geht hier sehr viel langsamer vor sich als hinten an der Alster, diese paar hundert Meter ins Innerstädtische hinein machen tatsächlich etwas aus. Der Steindamm ist immer noch eine Straße, wie man sich so einen Boulevard, denn das ist er eigentlich, mitten in einer Millionenstadt vorstellt, man sieht ihm an, was er einmal war. Obwohl es die zahlreichen Kinos nicht mehr gibt, die hier früher waren, obwohl es nur noch zwei Theater gibt, obwohl die Stundenhotels langsam den immer gleichen Drei-Sterne-Hotels der großen Ketten weichen. Auf dem Steindamm gab es damals die erste Hamburger Leuchtreklame, hier war früher schwer was los, auch nachts, hier ging man aus. Lange her.

Heute gibt es alle paar Meter einen Lebensmittelladen oder ein Imbissrestaurant. Sehr, sehr viele Läden und sehr viele Imbisse. Türkisch, arabisch, persisch, afghanisch, indisch, pakistanisch, vietnamesisch, chinesisch, italienisch, deutsch, ja, ganz vereinzelt auch deutsch. Na, im Grunde ist das nur eine Bäckerei, das zählt gar nicht. Wenn man auf den Steindamm geht, ist man in einem Ausmaß im multikulturellen Bereich, wie es die meisten Menschen in Deutschland bisher gar nicht kennen, hier kann man die halbe Straße entlanggehen und dabei Menschen aus wie vielen? zehn, fünfzehn, zwanzig oder noch mehr Nationen treffen. Hier ist es im wahrsten Sinne des Wortes bunt, man muss nur die Afrikanerinnen ansehen, die hier entlanggehen, in Mustern, die man bei H&M nie gesehen hat, bunter geht es überhaupt nicht. Und das Bunte wogt die Straße hinunter, unter dem gnadenlos grauen Hamburger Himmel und man sieht dem Bunten an, wie anders ein Land sein muss, damit dort so eine Mode getragen wird. Und wie das Wetter da sein muss, das sieht man auch, aber wer kann sich das schon wirklich vorstellen, wenn er aus Norddeutschland kommt. Und die Frauen in den bunten Kleidern lachen laut und sind ungeheuer vergnügt, und dann singen sie ein wenig und machen angedeutete Tanzschritte, vielleicht sprechen sie über irgendeine Inszenierung, und dann bleiben sie wieder stehen und lachen sich lauthals kaputt, da kann der Himmel noch so grau sein.

Sehr bunt und sehr laut ist es hier, auch die arabischen Männer am Straßenrand reden lauter als Deutsche, sie schreien, sie rufen, sie brüllen, sie geraten leicht in Ekstase. Schon wenn sie einen Bekannten treffen, der stets mit theatralischen Umarmungen begrüßt wird, geht es hoch her und wenn eine dieser Gruppen eine andere Gruppe trifft, dann dauert es eine ganze Weile, bis sich alle ausreichend umarmt und geküsst haben. Da eine Gruppe verlaufener Japaner, klischeegerecht alle mit Kamera, da Frauen in Burkas, hier türkische Jugendliche, afghanische Senioren vor einem Café, indische Verkäufer vor einem Laden, russische Jugendliche vor einem Wettbüro. Rumänische Bettler mit Akkordeon, vielleicht auch aus Bulgarien, Mazedonien, Slowenien, weiß der Kuckuck. Die Straße könnte auch durch New York führen, so, genau so stellt man sich das Zentrum von Millionenstädten abseits der reichen Einkaufsmeilen vor. So sieht es aber sonst nirgendwo aus in Hamburg, das ist nur auf genau diesem Stück so, nur ein paar hundert Meter lang. Einmal um die Ecke gebogen und der ganze Zauber ist vorbei, das ist auch wie in New York, wo Gegenden wie Chinatown sich nicht langsam im Stadtbild aufbauen, sondern präzise an einer Ecke beginnen. Nur der Steindamm ist wie der Steindamm, einmal abgebogen und man ist wieder in Deutschland und die beigefarbenen Jacken der Rentnerinnen passen betrüblich schön zum grauen Himmel. Auf dem Steindamm treffen sich sämtliche Minderheiten Hamburgs zum Einkaufen und zum Essen.

Ich gehe zu Sönmez. Zu Sönmez 1 genau genommen, denn auf dem Steindamm hat Sönmez vier Geschäfte, jedes mit einer Nummer draußen dran. Ich gehe zu Sönmez 1, denn nur vor Sönmez 1 ist ein kleiner Platz, und durch diesen Platz ist da etwas mehr Raum als der normale Fußweg bietet, da passt also noch etwas mehr Leben hin und das findet da auch statt.

Auf dem Platz steht Ware herum, Obst und Gemüse. Kistenweise, bergeweise, schalenweise. Ungeheure Kohlköpfe, in Größen, die kein deutscher Haushalt mehr kaufen würde. Zwischen den Kisten, Wagen und Kartons arbeiten etliche Menschen, werfen gammelige Ware weg, reißen Schachteln auf, füllen Kisten nach, räumen hin und her und immer reden sie dabei. Mit ihren Kollegen, mit den Kunden, mit Passanten und weil sie alle reden, reden sie eben laut und weil hier alle denkbaren Sprachen vorkommen und keineswegs alle Türkisch können, hört man Brocken in Englisch, Deutsch, Arabisch, Türkisch, Griechisch, es schwirrt nur so um einen herum. Ein Mann steht vor der Eingangstür des Geschäftes und schreit, wie die Marktschreier auf dem Fischmarkt, das kennt man sonst gar nicht mehr. Er ruft immer wieder das Gleiche, unentwegt, immer wieder: „Kissé Ssa-Wah Jiro!“ und noch einmal und noch einmal und ab und zu hört man ein scharfes „Hissa! Hissa!“. Ich verstehe erst nach einer ganzen Weile, dass der Mann keineswegs arabisch oder türkisch spricht, sondern „Kiste zwei Euro!“ ruft, womit er die Tomatenkisten meint, die neben ihm stehen und die sehr schnell weggehen. Wenn jemand auch nur so aussieht, als würde er eine Kiste haben wollen, dann schnellt die Hand des Verkäufers vor, „Hissa! Hissa!“ und dann versteht man auch endlich , dass es „Hier zahlen“ heißt. Nicht im Laden, sondern gleich hier, ja, natürlich.

An der Fassade des Ladens überall Kisten mit allen nur denkbaren Sorten Obst und Gemüse, man nimmt sich selbst. Die Preise sind moderat, oft sogar billiger als in den deutschen Märkten, viele deutsche Einwohner von Sankt Georg wissen das gar nicht, weil sie hier nicht hingehen. Ein Mann, der Charles Aznavour verblüffend ähnlich sieht, ein ausgesprochen gut aussehender Mann, wühlt in den Auberginen. Hochkonzentriert steht er da, dann holt er schließlich eine Aubergine aus der Tiefe der Kiste, hält sie triumphierend hoch und zeigt sie seinem Freund, der auch sein Bruder sein kann, er sieht nämlich fast genau so aus, Charles Aznavour 2 bei Sönmez 1. Der Bruderfreund nimmt ihm die Aubergine ab, drückt sie, wiegt sie in der Hand und hat Einwände, schüttelt kritisch den Kopf, Nummer 1 gräbt also immer weiter und entscheidet sich nicht so leicht. Es dauert Ewigkeiten, bis die beiden sich auf eine Aubergine einigen, sie reden die ganze Zeit schnell und engagiert, ich kann, obwohl ich direkt neben ihnen stehe, nicht einmal raten, welche Sprache das sein könnte. An den Gesten der beiden merkt man aber schließlich, dass sie über Kochrezepte reden. Die Hände hacken Kräuter, schütteln Pfannen, reiben Gewürze und löffeln Probe. Sie sind doch noch nicht nicht einer Meinung, wie es scheint, sie gehe weiter ernst debattierend in den Laden. Charles Aznavour Nummer 1 trägt die Aubergine vor sich her wie eine Trophäe. Er trägt einen alten, nicht eben gut erhaltenen Anzug, die Schuhe sind auch ziemlich durch, aber seine Stimme ist klar und schön und am Abend wird er irgendwo La Bohème singen. Und danach dann irgendetwas mit Auberginen essen. Er könnte tatsächlich als Imitator auftreten, so ähnlich sieht er dem Sänger.

Ich folge den beiden in den Laden, „Hissa! Hissa!“ werde ich am Eingang aufgefordert, aber ich will keine Kiste Tomaten, ich will überhaupt nichts in Kisten, obwohl hier viele Menschen absurde Mengen Lebensmittel kaufen, in großen Kartons, in Einkaufswagen, die gar nicht in diesen Laden gehören, in Einkaufsrollern, die bis zum Rand mit Spitzpaprika oder Kohl gefüllt werden. Mengen, die man nur verarbeiten kann, wenn man für zehn Leute oder mehr kocht. Im Laden eine Regalwand nur mit Körnern und getrocknetem Irgendwas, Kürbiskerne, Pistazien, geröstete Kircherbsen, Nüsse, alles mit Salz oder ohne, mit Gewürz oder ohne, in dieser und jeder Abwandlung. Nicht auf allen Tüten steht etwas auf Deutsch, ich kaufe ab und zu eine auf gut Glück, es wird schon schmecken. Man gewinnt nicht immer bei dem Spiel, aber egal. Fladenbrote in ungewohnten Formaten und Größen, die Frau vor mir kauft sechs meterlange Fladenbrote, hier ist wirklich alles für Großfamilien gemacht, mein Vierpersonenhaushalt ist gar nichts. Zwei Regale nur mit Oliven, zwei mit Bohnen und Kichererbsen in Dosen. Ganze Fische an der Frischetheke, ich könnte einen großen Lachs mitnehmen, wenn ich auch nur die leiseste Ahnung hätte, was ich mit einem ganzen Fisch soll, ich kann nur Filet. Eine bedauerliche Form von Lebensmittelblödigkeit, typisch für meine Generation. Frischfleisch vom Schaf, vom Lamm, vom Rind, vom Geflügel. Nicht wie in deutschen Märkten nur noch die Schnitzel, nein, alles. Schafsköpfe, Lammzungen, Hühnerherzen, Kalbsfüße, was man sich nur vorstellen kann. Schafskäse und Ziegenkäse in üppiger Auswahl, dann wieder unabsehbare Mengen von Gemüsen im Glas. Türkische Süßigkeiten, türkische Getränke. Kein Alkohol.

Die Frauen an der Kasse sind schnell, sie wechseln alle paar Sekunden die Sprache, sie müssen nie irgendeinen Preis nachsehen und sie kennen immer alle Sorten, die da verkauft werden. Sie verstehen nie, dass ich keine Plastiktüten will und amüsieren sich lächelnd über meine mitgebrachten Beutel. Ich trinke eine türkische Limo vor der Tür des Ladens und knabbere am Fladenbrot, ich sehe mir das Treiben noch einen Augenblick an. „Hissa, Hissa!“. Nein, ich will wirklich keine Kiste Tomaten. Obwohl die gut aussehen und zwei Euro tatsächlich spottbillig ist. Charles Aznavour kommt jetzt auch aus dem Laden, er ist immer noch ins Gespräch vertieft, er trägt die Aubergine immer noch vor sich her, und sein Bruderfreund wirkt nach wie vor nicht überzeugt und schüttelt immer noch den Kopf. Vielleicht heißt das Lied auch „L’Aubergine“, wer weiß.

Ein paar Meter weiter steht eine Dame und darf nicht angesprochen werden. Sie steht vor einer Kneipe und ab und zu geht sie hinein, wenn sie Glück hat, geht ein Mann ihr nach, alles andere findet sich dann drinnen und kostet dann zumindest kein Bußgeld. Na super.

 

45 Kommentare

  1. Eine tolle Geschichte!
    Sie lockt einen nach Hamburg, dieses Treiben selbst zu erleben… und es ist so schön und anschaulich geschrieben, dass man fast das Gefühl hat, dabei gewesen zu sein.
    Vielen Dank!

  2. Ich lebe in einer Stadt, die weitab ihrer und jenseits der Alpen liegt und klein ist und sehr ländlich. Ihr schöner Text rührt mich an und freut mich sehr ob ihrer Menschenliebe und Toleranz und Lebensfreude die hier spürbar und erkennbar sind. Das Leben gestaltet sich bunt und vielfältig … und dort wo das eingeschränkt und verboten und verachtet wird, verdirbt, fault und sirbt das konstruktiv Lebendige ab. Übrig bleiben Gewalt, Depression, Sinnlosigkeit. Das gilt für die großen Räume (Hamburg) und für die kleinen (Südtirol).
    Texte wie ihre tun wohl.

  3. Was für eine wunderschöne, wehmütige und doch so fröhliche Gechichte… So eine Szenerie kann ich mir als „kleine Landpomeranze“ kaum vorstellen und doch hatte ich grad das Gefühl, als stecke ich mitten drin da auf dem Steindamm…

    Sind Sie eigentlich ganz sicher, daß Sie da wegziehen wollen??? Das war doch eine einzige Leibeserklärung an dieses Viertel 😉

  4. Gut getroffen. In der Beschreibung der Szenerie fehlen noch die auffallend jungen Männer in auffallend teuren Autos.

  5. Sehr schöne Szenario-Beschreibung. Man meint dabei gewesen zu sein. Bitte Fortsetzen!
    Und..ja…das ist ja fast so wie hier in Berlin!

  6. oh ja. unsere alte heimat. es fehlt aber noch der kerl, der in einer weissen metzgersschürze aus plastik ein in der mitte durchgesägtes lamm durch den laden trägt, stehen bleibt als er einen freund/neffe/onkel trifft, ihn zur begrüssung küsst und wild gestikulierend (je ein bein in seinen händen mit ihm schwatzt. ach schorsch.

  7. Pingback: Link(s) vom 10. November 2012 — e13.de
  8. Wunderschöne Geschichte, aber………
    Ich habe mir den Steindamm auf street view angeguckt, auch Sönmez 1 und fand Ihre Beschreibung und den Zustand der Straße nicht deckungsgleich. Verklären Sie da nicht schon etwas, was Sie noch gar nicht verloren haben?

  9. Na ja, aber man hat sicherlich nicht inzwischen die Hochhäuser und die gesichtlsosen 50iger-Jahrebauten abgerissen. Einzig die stellenweise vorhandenen Bäume geben ein gewisses Flair. Wären die etwas schäbigen Geschäfte im Besitz von Deutschen, würde man die Straße doch als heruntergekommen bezeichnen, oder?

  10. Ich muß etwas zurückrudern, denn ich habe bei der Stralsunder Str aufgehört. Erst beim zweiten Versuch bemerkte ich, daß der Steindamm noch weitergeht. Dort ist mehr Grün und auch noch alte Bausubstanz vorhanden.

  11. Ich war leider noch nie in Hamburg, trotz Familie und Freunden vor Ort.
    Dein Artikel macht neugierig, auch wenn es bestimmt nicht immer so lustig ist, wie es hier beschrieben.
    Könnte auch ein Viertel von Toulouse sein …
    Und ich werde jetzt gespannt hören, wenn Aznavour singt, vielleicht höre ich ja „l’aubergine“ 🙂

  12. Praline, von oben ist der Steindamm hoch und grau. Aber auf Augenhöhe ist er bunt und laut und unwirklich. Ich liebe die Liebe die aus den Texten spricht. Ich kann sie so gut nachempfinden.

  13. „Bezaubernde Momentaufnahmen“ hin oder her, für meinen Geschmack nimmt sich dieser Text reichlich arrogant und stereotypenfixiert aus.
    Mag ja sein, dass Sie ehrliche Freude beim Anblick einer lachenden Afrikanerin oder eines gestikulierenden Arabers empfinden – die Tatsache, dass sie solche Szenen in einem Atemzug mit Obdachlosen oder der Suche einer Prostituierten nach Freiern erwähnen, legt nahe, dass sie einen Bummel über den Steindamm als große Freakshow begreifen; der zentraleuropäische Intellektuelle flaniert durch die Gassen und erfreut sich an allem, was seine Klischeevorstellung von romantischer Primitivität befriedigt.
    Hier der krepierende Junkie, dort der Auberginen-Perser – hach, wie urban!

  14. Wie in den schönen ecken von berlin. Danke herr buddenbohm für den warmen blogeintrag in dieser grauen zeit. Passt.

  15. Am gestrigen Abend spät nach Hause gekommen und von Tochter (15) so begrüßt worden: „Mama, hast Du schon M.s Blogeintrag über den Steindamm gelesen!? Das ist so schön, als würde man mitten drin stehen.“ Dabei ein Strahlen über das ganze Gesicht.
    Sie geht übrigens in eine Schule, an der der Teil ausländischer Freunde weit überwiegt und der, obwohl in Hamburgs Süden gelegen, ebenfalls dieses Urbane ausstrahlen kann. Sie und ich konnten an dem Text keinerlei Arrogantes entdecken. ,

  16. Ich komme über twitter, die frischebrise hat mich hergelockt – und habe 2000 bis 2002 ganz nahe am Steindamm gewohnt, in der ersten Querstrasse dahinter, im Pulverteich. Damals war das unglaublich billig, es gab eine wunderschöne 4-Zimmer Altbauwohnung mit Stuck und Dielen zum Spottpreis, zentral gelegen, und St. Georg war noch nicht schick, gar nicht. Sehr, sehr oft bin ich über den Steindamm gelaufen, den ich hier sehr gut beschrieben finde, obwohl so viel Zeit schon vergangen ist, scheint er noch nahe an dem zu sein, was ich sah damals. Als ich das erste Kind bekam, wurde es etwas schwierig wegen der vielen Dealer, Spritzen und „Damen“, die das Baby ständig anfassen wollten (Hepatitis-Warnleuchte! Und überhaupt!), aber sie waren stets herzallerliebst. Sind denn die vielen dunkelhäutigen Dealer auch noch da? Und die Schwulen im Pulverteich, wo damals am Sonntag Abend viele Nackte vor „Tom’s Bumms“ standen, wenn ein Event der besonderen Art war? Und ist die Schwulensauna noch da, und der grosse schicke Puff für Heteros? Ach, Fragen über Fragen. Schreibst du bitte bald mal über den Pulverteich?

  17. Dankedankedanke!
    Mehrere Jahre habe ich an der Bremer Reihe gewohnt, gelegentlich bei Sönmez eingekauft- bis ich Hamburg aus beruflichen Gründen verließ. Ich vermisse den Stadtteil so unendlich. Am faszinierendesten fand ich aber immer das miteinander. Prostituierte neben türkischen Supermärkten. Wen störte es? Richtig, niemanden. Außer einigen Touristen. Aber die störten sich an beidem gleichermaßen und wunderten sich nicht über die Nähe dieser grundverschiedenen Menschen…

  18. Pingback: November 2012 | BielinskiBlog
  19. Pingback: November 2012
  20. Pingback: Charles Aznavour kauft eine Aubergine | Stories & Places
  21. Pingback: 12 von 12 im Mai |
  22. In dieser Woche nun also der Versuch, halbwegs plastikfrei durch die Einkäufe zu kommen. Daran sind schon ganz andere gescheitert, das ist immerhin sehr beruhigend. Es wurde in den Kommentaren der letzten Artikel bereits auf die zwei Unverpackt-Läden in Hamburg hingewiesen, die sind löblich und sicher auch interessant, realistisch betrachtet werde ich für einen Besuch aber vermutlich gar keine Zeit haben, sie sind nicht in unserem Stadtteil, sie sind irgendwo da draußen.Zeit ist sowieso ein Problem bei dem Thema, ich habe bei einigen Minimalismusblogs und ähnlichen Quellen immer das Gefühl, dass sie irre viel Zeit in ihren Konsum stecken. Vielleicht haben sie ja tatsächlich so viel Zeit, es sei ihnen auch von Herzen gegönnt, aber hier klappt das so nicht. Und damit bin ich vermutlich recht normal, ich habe eine schlechte bis bestenfalls mittelgute Ausgangslage für bewusstes Einkaufen mit bester Absicht, über Ökobilanzen kann man dann bekanntlich immer noch stundenlang streiten, etwa bei Papiertüten. Nach der Arbeit komme ich auf dem Heimweg an mehreren Läden vorbei, ich gehe die mal kurz durch:Ein Real-Markt, in den ich höchst ungern und entsprechend selten gehe, weil er mir erstens zu groß ist und ich nie irgendwas finde (Oliven stehen im Griechenlandspezialregal, darauf muss man erstmal kommen), weil zweitens, das ist noch wichtiger, das Personal dort immer und durch die Bank kreuzunglücklich und gequält wirkt. In einem Ausmaß, dass ich mir als Kunde denke – da stimmt doch etwas nicht.Ein Lidl-Markt mit vergleichsweise guter Stimmung und ebensolchem Personal. Aber eben ein Lidl, bezogen auf Plastik ist das natürlich der GAU und sowieso ist das eben ein großer böser Discounter. Was bekommt man da überhaupt ohne Plastik? Ganze Melonen vielleicht. Ein dramatisch teurer Edeka, der aber immerhin Käse, Fisch, Fleisch, Feinkostsalate und Wurst noch wie früher an Theken verkauft, die Älteren erinnern sich. Mit lebenden Menschen dahinter, die Sachen rüberreichen! Voll retro. Die Käsetheke dort war auch schon einmal die beste ihrer Art in Deutschland oder irgendwas in der Richtung. Qualität also gar kein Problem, und das Plastik wäre dort immerhin reduziert. Ich glaube aber nicht, dass man da Ware in mitgebrachte Behältnisse packen lassen kann. Ein Bioladen, der bezogen auf Plastik auch verblüffend wenig weiterhilft und mir außerdem nicht behagt, ich scheitere da, wie schon oft beschrieben, an der Langsamkeit, da geht mir ganz im Ernst schon die Tür zu bedächtig auf. Und wenn ich sehe, wie sie da an der Kasse die Zahlen liebevoll ins Display streicheln und jeder rübergereichten Münze einen innigen Augenblick der Wertschätzung schenken – das macht mich wahnsinnig. Ein Budni, das ist eine Hamburger Drogeriemarktspezialität, der hilft bezogen auf Plastik allerdings auch nicht weiter und hat eh nur wenige Lebensmittel. Der Steindamm, den ich hier pauschal erwähne, das ist eine Straße voller internationaler Lebensmittelläden mit unglaublich vielfältigem Angebot, etliches davon wird auch tatsächlich lose verkauft, sogar Pistazien und dergleichen, obwohl die Händler mit dem Thema plastikfrei gar nichts am Hut haben, das hat andere Gründe. Man muss natürlich in zehn Läden, bis man alles hat, quasi wie früher, und da spielt dann wieder der Zeitfaktor eine Rolle. Ich habe hier mal über einen der Märkte dort geschrieben, so geht es da zu. In den Hamburger Boulevard-Medien gilt der Steindamm mittlerweile quasi als No-Go-Area, aber was soll’s. Mein Name ist Buddenbohm, ich kaufe hier ein. Über den geradezu wahnwitzigen Unterschied zwischen Mediendarstellung und Alltag könnte man anhand dieser Straße schon Artikel um Artikel schreiben. Der Steindamm wird vermutlich in der nächsten Woche recht hilfreich sein, quasi Spezialtrick.In Hammerbrook, also in der Nähe meines Büros, gibt es an zwei Tagen einen Wochenmarkt, der ist aber eher winzig und ein wenig, nun ja, freudlos im Angebot. Aber immerhin. Und dann gibt es noch den eigenen Garten für z.B. ein paar Kräuter. Da muss ich aber auch erst einmal hinkommen, der ist nicht um die Ecke, 20 Minuten mit jedem Verkehrsmittel, Fahrrad, Bus, Bahn, Auto, egal. Hinfahren, pflücken, zurückfahren, zack, eine Stunde weg. Ich kaufe normalerweise jeden Tag nach Arbeit auf dem Heimweg ein. Ich kaufe viel zu wenig im voraus und überhaupt läuft das alles nicht geplant genug, damit bin ich vermutlich aber auch im Durchschnitt der werktätigen Bevölkerung mit Familie. “Was essen wir heute bloß?” als hektische Standardfrage zwischendurch. Ich versuche immer wieder, da etwas mehr Struktur reinzubekommen, es wäre mit mehr System und Bedacht und Planung alles viel einfacher, billiger und sicher auch umweltfreundlicher. Ich scheitere allerdings regelmäßig grandios daran. Die Söhne sind jetzt beide so groß, dass wir erstaunliche Mengen einkaufen müssen, die haben eben Hunger und Durst, und die Mengen, die ich dafür dauernd durch die Gegend schleppe, die nerven auch. Ich kaufe zu Fuß ein, weil ich das Autofahren in der Stadt aus ganzem Herzen hasse. Der Plastikmüll, den wir pro Woche produzieren ist ungeheuerlich, wie bei vermutlich fast allen Familien.So ist die Ausgangslage. Ich werde also auch in dieser Woche nicht großartig planen, ich werde heute nach der Arbeit einfach wie immer überlegen: “Was essen wir denn heute bloß?” Und dann geht es los. Passend zum Thema zwischendurch ein paar Plastiklinks, hier etwa zum Versuch der Hurtigruten-Linie, das Plastik loszuwerden. Es ist kompliziert. Die Söhne finden es übrigens sehr einfach, beim Einkauf auf Plastik zu verzichten, haha, alles voll easy. Auf meine Nachfrage, wie sie zu dieser überaus seltsamen Einschätzung kommen, gab es aber eine logisch durchaus nachvollziehbare Antwort: “Wir kaufen ja nicht ein. Das machst du.”Es geht doch nichts über mitdenkende Kinder voller Empathie und Einsatzbereitschaft.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.