Hallamati 2012

Die Stammleserschaft wird diesen Eintrag schon erwartet haben, wer hier aber vergleichsweise neu ist und nicht weiß, um wen oder was es sich bei dem Hallamati überhaupt handelt, der kann hier in der historisch korrekten Reihenfolge die Artikel aus den Jahren 2009, 2010 und 2011 nachlesen, das erklärt dann restlos alles. Es handelt sich also gewissermaßen um eine Pflichtübung, die Reihe endet auch mutmaßlich erst, wenn beide Söhne der Kita entwachsen sind, das dauert noch ein paar Jahre.

Das Ritual des Hallamati ist natürlich jedes Jahr mehr oder weniger gleich, die Musik ist gleich, die Laternen sehen ähnlich aus, der Typ auf dem Pferd vorneweg, die Weckmänner, die geteilt werden müssen, die Wurst vom Grill, der Glühwein für die Erwachsenen und so weiter und so weiter. The same procedure, nächste Station Nikolaus. Zur Abwechslung haben wir den Ablauf daher in diesem Jahr mit einem weiteren Highlight versehen, wir waren nämlich, wo wir sonst nie sind, in einem katholischen Gottesdient. Ich bin normalerweise als nichtreligiöser Mensch auch nicht gerade Stammgast in evangelischen Gottesdiensten, da unsere Gemeinde aber sehr viel mit Kindern macht, bin ich da dann doch alle paar Wochen in der Kirche. Im katholischen Dom war ich heute aber tatsächlich zum ersten Mal. Ein Kindergottesdienst zu Ehren von Sankt Martin, mit Kindervorführung, Gesang und womöglich auch Gebet, ich kann das alles nur ahnen, denn verstanden habe ich kein Wort. Ich habe in der Mitte der Kirche gesessen, da kam schon keine Silbe mehr an. Dafür, dass die katholische Kirche seit über 1.000 Jahren von bombastischen Inszenierungen lebt, hat sie von Akustik wirklich bemerkenswert wenig Ahnung. Das war, was die Show angeht, allerhöchstens Kreisliga, ganz erstaunlich.

Sohn II saß unwillig auf meinem Schoß, weil er natürlich auch nichts verstand, außerdem war er beleidigt, weil ich ihm die Heiligendarstellungen ganz vorne nicht recht auf den ersten Blick erklären konnte, er mag das gar nicht, wenn man sich nicht auskennt. Er grummelte vor sich hin, sah nur mäßig interessiert der Vorführung der Mantelteilung des Ritters zu und dachte dabei schlecht gelaunt über die Geschichte nach, die da vorgeführt wurde. Die kam nämlich in seiner Kitagruppe nicht so gut an, weil es in diesem Jahr leider ein kleines Missverständnis gegeben hat. Obwohl die Erzieherinnen sich sicherlich die größte Mühe mit der korrekten Vermittlung gegeben haben, haben die Kinder verstanden, dass der Heilige Martin dem armen frierenden Mann am Straßenrand zwar seinen Mantel vom Pferd aus gegeben hat, bis dahin alles super und kirchenkonform – dann allerdings kam Jesus und hat dem armen Mann den Mantel wieder weggenommen. Nicht nett von ihm. Wie es zu dieser Interpretation kam, das lässt sich so leicht nicht mehr rekonstruieren, aber es ist einigermaßen schwer, Dreijährige wieder auf den rechten Pfad der Abläufe zu führen, wenn sich einmal etwas verhakt hat.

Sohn II jedenfalls hatte in der Kirche, während vorne in äußerst dezenter Lautstärke gesungen wurde, die Erkenntnis, dass Jesus wahrscheinlich für diesen Manteldiebstahl aufgehängt wurde, und er zeigte dabei auf das große Kreuz mit der Figur des Gekreuzigten. Tragisch, aber nicht ohne Logik, das kann man so weit zugestehen. Wir haben ein Jahr Zeit, das wieder zu korrigieren, das kann man also entspannt betrachten. Bei der abendlichen Buchlektüre am Bettrand gab es heute ein Bilderbuch über Dinosaurier, ich fand es zweckmäßig, von den Heiligenlegenden zunächst einmal wieder abzulenken.

Ich: „Und was ist dann mit den Dinosaurien dann passiert? Warum gibt es die nicht mehr? Das weißt Du schon, oder?“
Sohn II: „Die sind ausverstorben. Wie Jesus. Und der Martin.“

Schalten Sie auch nächstes Jahr wieder ein, wenn der Hallamati wieder durch unser kleines Bahnhofsviertel reitet. Durch Frost und Wind, oder wie es heißt.


16 Kommentare

  1. Wenn sie der Grundschule entwachsen sind können sie alleine zum Hallamati gehen. Bis dahin fürchte ich aber wird ihnen dieses Ereignis erhalten bleiben.

  2. Der letzte Kommentar von Sohn II erinnert mich sehr stark an eine Szene mit unseren beiden Söhnen: Der Kleine (damals 2 Jahre und wirklich klein, heute überragt er uns mit gut 1,90m um Längen …) kommt am Sonntagmorgen in unser Schlafzimmer: „Ich bin schon auferstanden!“ Das wird von seinem großen Bruder (damals 4) nur trocken kommentiert: „So’n Quatsch, das macht doch immer der Jesus …“

  3. Bei unseren Jungs (2+4) sind die Dinosaurier nicht „ausgestorben“, sondern haben „ausgelebt“. Aber „ausverstorben“ ist auch schön.

  4. Gestern auch Hallamati mit meinen beiden Jungs durchgezogen. Was mir auffiel:
    1. Die Laternen aus dem liebevoll gegführten und ansonsten gut sortierten Eckladen waren so lichtschwach, dass sie auch von weit entfernten Straßenlaternen locker überstrahlt wurden. Wahrscheinlich halten die Dinger länger durch als ein Duracell-Hase, wenn sie nicht vorher von meinen Jungs zerstört werden. Dieses dürfte ihr wahrscheinlicheres Ende sein.

    2. Der Text von „Ich geh mit meiner Laterne“ ist motivationspsychologisch gesehen sehr unglücklich gewählt. Kaum ist man losgezogen, kommt schon die Zeile: „Mein Licht ist aus, ich geh nach Haus.“
    Besonders toll, wenn die Kinder die Laterne ganz einfach selbst ausknipsen können.

  5. Pingback: Link(s) vom 12. November 2012 — e13.de
  6. Warum Jesus dem Armen den Mantel weggenommen hat?
    Nun, in der Nacht nach dieser Begegnung träumte Martin von Jesus, der ihm begegnete und eben den halben Mantel trug. Also muß er dem Armen den Mantel weggenommen haben…
    (und niemand hat den armen Kindern erzählt, daß der arme Mann Jesus war, nur daß man ihn nicht erkannt hat? Oder den schönen Text hinterher aus der Bibel, wo Jesus sagt, „was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“?)
    Aufgehängt wurde Jesus jedenfalls für ganz andere Sachen, der war ein „Politischer“.

  7. Für meinen Süßen ist Sand Martin der Heilige vom Buddelkasten, der ihm immer magisch die Schuhe vollschaufelt. #kommentarewiebeitwitter

  8. Nee, der Martin reitet durch Pommes und Salat und schmiert dann dem armen Mann ein Nutellabrot. Den Original-Text kann mein Sohn (mittlerweile 8) leider nicht, dafür die „neue Version“ – gelernt an der deutschen Schule in Tokyo ( auch bei anderen ein Thema: http://www.jessjochimsen.de/index.php?id=49&type=98 -und die wird lauter gebrüllt, als die schüchternen KiGa-Kinder es schaffen. Und die Kleine lernt politisch oder weltreligionsmigrationsundsoweiterkorrekt nicht mehr „Lieber Martin komm und schaue“ sonder „Liebe Leute kommt und schauet“ Nun denn…

  9. Pingback: Laterne, Lahaterne! - Schöner Blog(t) - Sandra SchönerSchöner Blog(t)
  10. Pingback: St. Martin in der DSR -- cratoo.de
  11. Der Höhepunkt unseres „Hallamati“ war, wenn die Kinder nach dem Gripschen (gibt es das nur im Rheinland?) nach Hause kamen und genüßlich ihre vielen bunten, bunten Sankt Martis gegessen haben.

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