Der Rest von Hamburg (15) Update mit Hamm, Hoheluft und Seevetal.

Die Übersichtsseite blüht, wächst und gedeiht, ich habe hoffentlich alle Uodates und Pingbacks erwischt. Wenn nicht, gerne melden. Anke Gröner ist neu dabei mit einem Liebestext zu Hoheluft und in Nachbars Garten wuchs etwas zu Seevetal, dem Siedlungsbrei da irgendwo im Süden.

Und hier folgt noch ein Gastbeitrag vom Wirtschaftsjournalisten Oliver Driesen mit bemerkenswerten Statements zu Hamm:

„Ich will nicht angeben, aber ich lebe in Hamm. Hamburg-Hamm. Fragt mich nicht, wie ich es damals, vor zehn Jahren, geschafft habe, diese Genossenschaftswohnung zu bekommen, groß genug für Mann, Frau und – wie sich herausstellen sollte – zwei Kinder. Es gibt eben Menschen, die fallen mit dem Arsch voran ins pralle Glück.

Hamburg-Hamm. Ja, genau der sagenumwobene Glamour-Stadtteil für die Hardcore-Bohème, drei U-Bahn-Stationen östlich vom Hauptbahnhof. Standort der berühmten Ballettschule von John Neumeier. Standort des allerersten, legendären Ur-Café May, und das auch noch in meinem Rotklinkerblock, wo auch der Café-Gründer hauste. Statt in einem der anderen 500 Rotklinkerblocks. Bis er in anderen Ecken Hamburgs so viele weitere Café May geklont gegründet hatte, dass er vor Geld nicht mehr laufen konnte und wegziehen musste. Vielleicht in einen von diesen Langweiler-Stadtteilen links der Alster, Eppendorf oder Pöseldorf oder Blankenese, was weiß ich, der Ärmste.

Hamm, das man auch das Hollywood des Ostens nennt, seit hier im vergangenen Sommer die blutigsten Teile des wunderbaren Kinofilms „Banklady“ gedreht wurden, weshalb der alte Türken-Supermarkt Ünüvar gegenüber von meiner Wohnung zur 60er-Jahre-Bankfiliale umdekoriert wurde. (Unser dauerhaftes Stadtteil-Design verbilligte die Kulissenbauten.)

Hamm, wo Kristian Bader seine legendäre Baderanstalt unterhält und bizarre Konzerte, Lesungen (auch ein Herr Buddenbohm soll dort schon zu Gast gewesen sein) oder Trinkgelage veranstaltet. Und wo Buchhändlerin Elke Ehlert von „Seitenweise“ den Stadtteil mit Volksbildung überzieht, ob er will oder nicht. Arno Schmidt mag drüben in Borgfelde geboren sein, wie Isa schreibt. Sein größtenteils unverständliches, unles- und -verfilmbares Werk aber schuf er bei uns. Genauer gesagt, übrigens eine bemerkenswerte Parallele zum Nachbarstadtteil: in Unten-Hamm.

Ich dagegen wohne in Oben-Hamm. Was bei Isa in Borgfelde erst zaghaft anfängt, nämlich dass die eine Wohngegend etwas höher liegt als die andere, das erlebt man erst bei uns, zwei Kilometer weiter, in seiner ganzen sozial brisanten Konsequenz: Oben-Hamm liegt auf dem Geestrücken, an die zehn Meter höher als der Teil, auf den wir herabblicken. Weil wir nämlich die Gewinner der letzten Eiszeit sind: Damals schob sich die Endmoräne nur bis zur Hammer Dreifaltigkeitskirche. So was kommt von so was her, aufgestanden, Platz vergangen.

Ach, die Dreifaltigkeitskirche. Das gibt es ja auch in ganz Hamburg nicht noch mal. Eine Architektur wie Alpha (Turm) und Omega (Kirchenschiff). Sensationell. Muss man gesehen haben. Auf dem Kirchhof ein überwucherter Grabstein mit Totenschädel-Relief, in den eingraviert steht: Lernet Sterben! Und innen – in der Kirche, nicht im Grab – wirkt Diemut Kraatz-Lütke, das Kirchenmusikgenie. Meine Frau singt da auch im Chor, und ich will schon wieder nicht angeben, aber Diemut holt aus allen das Letzte raus. Ihr Chor HAMMonie hat über die Grenzen Volksdorfs und Bahrenfelds hinaus einen Ruf wie Donnerhall, und das meine ich ernst. Gerade erst kürzlich wieder dieses dreistündige Mendelsohn-Oratorium – ich hatte ja leider Rücken und musste raus, schade.

Hamm verdanke ich die kathartische Erfahrung, dass man Kultur oder Schönheit oder Inspiration viel toller findet, wenn man sie mit der Lupe suchen muss. Für jüngere Leser: Stellt euch vor, jemand verurteilt euch zu drei Wochen Facebook-Entzug – und dann schmuggelt euch einer für fünf Minuten ein Smartphone in die Zelle.

Ich werde aber den Teufel tun und Hamm weiter preisen. Sonst wollt ihr alle hier hin. Und dann ist nix mehr mit bezahlbaren Mieten, das geht ja jetzt schon los. Also bleibt, wo ihr seid! Ihr mögt doch keinen Rotklinker, keine Sozialrentner, keine Rollatoren und Quartalstrinker. Keine muffeligen Änderungsschneidereien und keine Fahrschulen, die „Fahrszination“ heißen. Ihr mögt es auch nicht, auf manchen aufgewühlten Wegen immer noch verkohlte Knochenstückchen zu finden vom Feuersturm, anno 1943.

Ganz toll szenig, habe ich gehört, soll es ja in der Schanze und im Karoviertel sein. Bitte zieht da hin, lärmt und dreckt alles voll und macht einen weiten Bogen um mein Hamm. Danke!“


9 Kommentare

  1. <3 Ich liebe diesen Beitrag! und das nicht nur, weil ich seit ein paar Monaten Neu-Hammerin bin. allen sei gesagt: bleibt nur weg von hier, hier ist es nicht hip oder besonders schick, sondern nur schön.

  2. Blankenese liegt rechts von der Alster. Die Alster fließt von Nord nach Süd und die Seite wird immer in Flußrichtung angegeben.

    Aber Hamm ist der Hammer (sorry für den Kalauer), ich wohnte lange Jahre im Bundsensweg und habe mich im Hamm immer sehr wohl gefühlt.

  3. Was der Herr nedfuller sagt.
    Ich wohne im Hammer Steindamm direkt am Park und will da auch nicht wieder weg 😉
    Schöne Beschreibung meines direkten Lebensumfeldes. Es fehlen, für die Fussballfreunde, die Skykneipen Hammer Eck und Archers (Home of Hamm United FC).
    Leider schließen in letzter Zeit zusehens viele kleine Läden, gerade im Steindamm und der Carl-Petersen-Straße.

  4. Oh Mann, stimmt, Hamm United, wie konnte ich die vergessen! (Warum haben die eigentlich einen Bogenschützen im Logo?) Außerdem habe ich das Genno’s vergessen, einen der kleinsten feinsten Italiener Hamburgs (ohne Pizza). Und den bizarren Schachpavillon im Hammer Park. Und diese Uralt-Drogerie in der Caspar-Vogt-Straße, die es sicher leider auch irgendwann nicht mehr gibt.

  5. Der Hammer Park hat eine wundervolle Minigolfanlage, wo viel zu lange kein Spiel um den begehrten Wanderpokal mehr stattgefunden hat. Mehrere Jahre schon nicht, und das prangere ich an! Außerdem eignet er sich wunderbar zum Drinrumlaufen. Also, joggen jetzt.
    Und Arno Schmidt ist in Hamm geboren – ich sage ja, der kommt nicht mal aus Borgfelde, niemand kommt hier her.

  6. Japp, Genno´s, ganz vergessen zu erwähnen, ein wunderschönes Restaurant (würde ich aber nicht als Italiener bezeichnen, ist eher „eurasische“ Küche).
    Der Bogen von Hamm United? Weil es die Geächteten vom Hammer Park sind, daher; nächstes Heimspiel am 23.11.
    Und der Hammer Park steht außerhalb jeder Kritik, der ist eh wunderschön und die Minigolfanlage neben dem Golfen sehr gut für eine Hopfenkaltschale geeignet 😉

  7. Vorsicht, die Immobilienpreise steigen in Hamm zur Zeit extrem schnell. Wir brauchen nicht noch einen Neu-Yuppie-Stadtteil wie St.Georg.

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