Nachträge zu Gontscharows Oblomow (2)

Also das kam so. Wie bereits erwähnt, habe ich bei der Lektüre des Romans Oblomow einfach einmal konsequent alles online nachgeschlagen, was mir nicht bekannt vorkam. Alle russischen Gerichte, Traditionen, Städte usw., das macht einen ja nicht dümmer. Dachte ich. Man braucht allerdings ein klein wenig länger für ein Buch auf diese Art. Den einen oder anderen Monat.

Die Frau, in die Oblomow sich verliebt, und, was deutlich schlimmer ist, die sich in ihn verliebt, sitzt bei gesellschaftlichen Anlässen am Klavier und singt, wie es junge Frauen aus dem Adel früher üblicherweise in ganz Europa getan haben. Sie singt „Casta Diva“. Nie gehört. Beim ersten Mal noch drüber weggelesen, weil mich Oper nun wirklich so gar nicht interessiert, beim zweiten Mal dann Youtube aufgemacht und mir Casta Diva angehört. Von der Callas.

An dem Leid, das sich auf ihrem Gesicht abspielt, möchte man als Ehemann auch nicht schuldig sein, dachte ich. Das Lied sagte mir eher nichts, außer dass es mir ziemlich kompliziert vorkam.  Schwierige Melodie. Ich hatte mit einer gefälligeren Tonfolge gerechnet. Mit einem Liedchen, das man so nebenbei trällert. Casta Diva ist eher schwer zu singen, das wenigstens meinte ich gleich zu hören.

Weitergelesen. Und sie sang wieder Casta Diva und der Mann war hingerissen und sein Herz bebte und er sann den letzten Tönen nach – und ich machte noch einmal Youtube auf. Casta Diva mit Anna Netrebko.

Und weil die Netrebko hinreißend aussieht und ein Wahnsinnskleid anhatte, habe ich es mir auch noch ein zweites Mal angesehen. Und dann noch einmal. Und noch einmal. Und dann ließ ich es laufen, während ich arbeitete, ohne noch hinzusehen. Es dauerte etwa eine Woche, dann hatte ich die Melodie verstanden – ich habe wirklich überhaupt keine Ahnung von klassischer Musik, ich brauche da etwas länger.

Ich habe alles über die Oper gelesen, aus der die Arie stammt, die Norma von Bellini. Ich habe Bellini nachgelesen, ich habe mir etliche Versionen des Liedes angesehen. Den Text gegoogelt, eine Übersetzung gefunden.

Dabei hatte ich erstmals leichte Befürchtungen, bei weiteren Entdeckungen auf Youtube völlig zu vergrönern, aber es schien auch kein Zurück mehr zu geben. Nach der Oper Norma ist in Italien ein Nudelgericht benannt, Pasta alla Norma, so etwas haben wir in Deutschland nicht, oder? Einen Nibelungenbraten, bitte. Ich mag solche Details sehr. Ich beschloss, mich von der Gröner durch Trivia abzugrenzen, soll sie ruhig weiter über Quinten schreiben, davon werde ich eh nie etwas verstehen. Ich weise lieber darauf hin, dass die Netrebko ein Videoblog betreibt, in dem sie gänzlich unprätentiös Antworten auf Fragen der Zuschauer gibt. Was sollte ein Opernstar vor der Aufführung essen? Alles. Sagt sie.

Und weil auf Youtube alles nur einen Klick entfernt ist, kam ich auf ein Duett von Anna Netrebko mit Elina Garanca.

Und es machte zoom, wie man früher einmal gesagt hätte und ich sah mir stundenlang alles von der Garanca an, was ich finden konnte. Und fand noch ein Duett der beiden, das Blumenduett aus der Oper Lakmé, nie vorher gehört, von Delibes, nie vorher gehört.

Die Stelle bei 1:18 – ist das nicht so schön, dass man sich am liebsten vor das Notebook knien möchte? Möchte man das nicht hundertmal nacheinander hören?

Jetzt wissen Sie, womit ich die letzten Abende zugebracht habe. Hundertmal war das locker. Ich kam dann noch auf Herrn Villazon, und von da aus auf Händel und über Umwege auf Lehár und, ach, immer so weiter. Ganz schlimm.
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Es stimmt schon, dieses Herumklicken im Internet, es macht einen dumm. Verliebt ist man immer dumm. Macht nichts.


 

 

25 Kommentare

  1. Schoen! Hier noch ein bisschen Pasta-trivia: die erste Norma-Saengerin (1831) hiess Giuditta Pasta und es werden immer noch viele Witze ueber ‚Pasta Diva‘ gerissen.

  2. Wie wundervoll! 🙂 Man könnte grad meinen du hättest nie eine Schule besucht, denn das was du da gerade durchgemacht hast, nennt man „flow-learning“ oder „Lernen-aus-Begeisterung“! (Was ja leider nie oder kaum in unseren Schulen vorkommt/vorkommen darf…) Und das ist eigentlich das „richtige, wahre“ Lernen! Dieses „Lernen mit dem Herzen“. (Was auf englisch übrigens „learned by heart“ hieße, das aber übersetzt wiederum „auswendig lernen“ heißt, wo wir dann doch wieder in der üblSchule gelandet wären… Ach, nö!)

  3. Auch wenn Frau Gröner kein großer Fan von Herrn Mozart ist (mittlerweile ja aber scheinbar ein kleiner), möchte ich Ihnen, Herr Buddenbohm, doch diese wunderschöne Arie aus „Die Hochzeit des Figaro“ nachdrücklich ans Herz legen:

    http://www.youtube.com/watch?v=520aGTFT_nI

    Leider nicht in einer Live-Aufnahme (und daher auch kein Live-Video), aber es ist meiner Meinung nach eine der schönsten Versionen mit Gundula Janowitz und Edith Mathis, die auch für den Film „Die Verurteilten“ genutzt wurde.

    Ich wünsche Ihnen noch viele solche Momente „in“ der Oper. 🙂

  4. Sehr schön, vielen Dank.

    Die Stelle bei 1:18 im Blumenduett, läuft die gerade in irgendeiner Werbung? Die kommt mir so bekannt vor. Irgendwelche Werbungsmenschen mit Opernwissen anwesend?

  5. Diese Arie wird derzeit von Darbo in der Werbung verwendet; mir ist sie in der Werbung zum ersten Mal aufgefallen, als eine (amerikanische ?) Fluglinie damit ihren Fernsehspot untermalte.

    Ich empfehle Mendelssohn (Felix, nicht Moses); eines meiner Lieblingswerke aus seiner Feder ist die Vertonung des Sommernachtsraumes, denn bei dieser delikaten Musik kommen die Bilder von alleine.

  6. Hier, auch zum vergrönern, aus Capriccio: „Kein andres, das mir so im Herzen loht“ mit der schon genannten Gundula Janowitz. Vorsicht, sehr süß!

  7. Hach. Toll. Ich vergrönere auch gerade, dabei kann ich musikalisch nichtmal eine Gitarrensaite von einem Telefondraht unterscheiden. NOCH nicht…

  8. Pingback: Lernen aus Begeisterung | curry and culture
  9. Vielen Dank, vor allem für die weitere, schöne Schilderung ihrer besonderen „Leseart“. Ich hatte nun auch endlich Gelegenheit auf ein Buch anzuwenden: „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ von Edmund de Waal. Das Buch ist ungeheuer komplex, es ist kaum bis garnicht zu schaffen, alles nachzusehen. Aber es war ein großartiges Erlebnis, gerade weil es sich um eine wahre Geschichte handelt.
    Ich habe mir die Freiheit genommen, diese Leseart „den Buddenbohmschen Stil“ zu taufen, ich finde das klingt fein – und immerhin habe ich die Idee von Ihnen – Danke!

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