Gelesen im Februar

Ich gucke schon seit einiger Zeit mit Neid und Missgunst auf die Grönersche Leseliste, siehe etwa hier das letzte Beispiel. Wie schafft die das denn bloß? Und wieso schaffe ich eigentlich gar nichts mehr? Bei mir wird der Stapel auf dem Nachttisch immer nur größer, eines Tages wird er mich vermutlich erschlagen, aber irgendwie gibt es nur eine sehr, sehr geringe Abwanderung. Das liegt, wie mir nach einigem Nachdenken auffällt, daran, dass ich zwar immer noch viel lese, aber deutlich seltener als früher etwas tatsächlich durchlese. Weil ich so selten stundenlang Zeit am Stück habe und ein Buch für mich auch unbedingt zur Gelegenheit und Stimmung passen muss. Ich wechsel also dauernd, wie es gerade passt, wie es zu den paar Viertelstündchen passt, die mir zum Lesen bleiben. Ich lese im Bad ein anderes Buch als im Schlafzimmer oder im Wohnzimmer, ich habe ein Buch im Rucksack und eines im Jackett, ich lese auf dem iPad etwas anderes als auf dem E-Reader oder auf dem Handy. Deswegen schreibe ich jetzt monatlich auf, worin ich gelesen habe, weil ich auch so eine tolle Liste haben will wie die Gröner  – aber ohne jeden Anspruch, mit den Büchern tatsächlich fertig zu sein.


Erich Mühsam: “ Schüttelreime”. Erich Mühsam war auf derselben Schule wie ich, schon deswegen bin ich ihm ein wenig verbunden. Aber auch wegen solcher Verse:  “Das ist ein großer Schweinehund, dem je der Sinn für Heine schwund.” Wer könnte dem widersprechen.

Robert Louis Stevenson: “ Der Schatz von Franchard”.  Der Stevenson wird hier immer ein wenig unterschätzt, dabei ist sein ganzes Werk wunderbar, äußerst fein geschrieben und auf die denkbar beste aller möglichen Arten langatmig und brilliant erzählt. Wenn Sie etwa “Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ nicht kennen – das ist eine erzählerische Offenbarung, die vielen dämlichen Verfilmungen haben mit dem Original wirklich wenig gemein. Stevenson gehört immer wieder entdeckt.

Stéphane Hessel: “Empört Euch!”, übersetzt von Michael Kogon. Darüber haben schon alle geschrieben, dazu muss man wohl nichts mehr sagen.

Julian Barnes: “ Vom Ende einer Geschichte”, übersetzt von Gertraude Krueger. Fanden alle toll, hat auch etliche Preise gewonnen, ich habe es verärgert weggelegt. Da hat ja jeder so seine eigenen Kriterien, was er einem Autor übelnimmt – und ich kann es einfach nicht ausstehen, wenn ein Ich-Erzähler seitenlang minutiös hochgestochene Gespräche aus seiner Jugend wortgetreu in direkter Rede wiedergibt. Das ist eine Erzählform, die für mich nicht zulässig ist. So kann sich niemand erinnern, das funktioniert nicht. Das funktioniert vielleicht mit ein paar erzählerischen Tricks und verschiedenen Handlungsebenen, aber ganz platt und geradeaus  – nein.

Gerhard Henschel: “Kindheitsroman” . Das ist der erste Band einer vierteiligen Romanreihe und ich bin begeistert. Nach ein wenig Misstrauen auf den ersten Seiten, funktioniert denn das wirklich, wenn jemand nur kleine und kleinste Mosaiksteinchen einer Erzählwelt auswirft, noch eines und noch eines, immer weiter, zahllose Steinchen in auch noch verdächtig kempowskinaher Diktion – und dann nimmt das Buch aber angsam Fahrt auf, Kempowski ist bald vergessen, das Bild wird klar und klarer, die Figuren leben auf, die Zeit der 60er und 70er lebt auf und das ist ganz großartig, wie Henschel das macht, dieses sehr langsame Erwecken einer Familienwelt, wie aus den Steinchen ganz allmählich ein unglaublich detailreiches Panoramabild wird. Das Buch gefiel mir gleich doppelt, zum einen literarisch, zum anderen aber auch als Angehöriger von Henschels Generation, der beim Lesen einen Flashback nach dem anderen hatte, weil natürlich etliche Details in meinem Leben genau so waren wie in dem der Hauptfigur Martin Schlosser, mit ungefähr dem gleichenGeburtsjahr wie ich. Das ist dann schon faszinierend, wenn z.B. irgendwann ein Biobuch in der Schule mit Titel erwähnt wird und plötzlich die aufgeklappten Seiten befremdlich exakt vor meinen Augen stehen, komplett mit Abbildungen und Überschriften, als hätte mir jemand ein Dia vor den Projektor gehalten. Dreißig Jahre nicht an das Buch gedacht und zack, da ist es wieder. Ich freue mich sehr auf den zweiten Band (“Jugendroman”). Und auf den dritten (“Liebesroman”) und auf den vierten (“Abenteuerroman”).

Doug Saunders: “Mythos Überfremdung – eine Abrechnung”, übersetzt von Werner Roller. In dem Buch geht es um die Argumente der vielen, vielen Bewegungen und Parteien, die gegen Zuwanderung sind, gegen Flüchtlinge und Fremde. Unfassbar gründlich recherchiert, sehr ruhig beschrieben, klar und eindeutig werden Typen wie Sarrazin (er kommt seitenlang darin vor) und ihre Argumentation fachgerecht zerlegt.  Das Buch bildet ungemein, ich kann es sehr empfehlen.

Doug Saunders: “Arrival City”, übersetzt von Werner Roller. Noch einmal Doug Saunders, diesmal zum Thema Verstädterung, weltweit gesehen. Das Buch habe ich angefangen, weil ich notgedrungen viel über Gentrification nachdenke und darüber etwas mehr wissen wollte, über wachsende Städte, Wanderungsbewegungen und Trends. Ähnlich wie bei “Mythos Überfemdung” fasziniert die Gründlichkeit, mit der Saunders zu Antworten  kommt, die nicht gerade den gängigen Klischees entsprechen. Und gut erzählen kann er auch noch.

Nora Gomringer: “Nachrichten aus der Luft”. Gedichte, man sollte überhaupt mehr Gedichte lesen. Ich war mit Isa auf einer Lesung von Nora Gorminger, die ich vorher gar nicht kannte. Wenn Nora Gomringer einmal in Ihrer Stadt auftritt, gehen Sie bloß hin, das ist wirklich sensationell.

Egon Friedell:  “Kulturgeschichte der Neuzeit”. Lese ich auf meinem Handy. Und zwar immer dann, wenn ich in einem Arztwartezimmer herumsitze, wenn die S-Bahn hängenbleibt, wenn ich auf eine Verabredung warte, wenn irgendwo im Alltag etwas stockt oder klemmt. Bevor ich mich lange ärgere, lese ich zehn Minuten Friedell. Den werde ich auf diese Art zwar niemals durchlesen, aber die zehn Minuten sind nie umsonst.

Ringelnatz: “Ein jeder lebt’s: Novellen”. Ganz nett, ganz interessant, aber die Novellen erreichen bei weitem nicht die gleiche Flughöhe wie seine Gedichte.


11 Kommentare

  1. Mir klappt bei der Grönerschen LGB (Liste gelesener Bücher) ja auch immer der Unterkiefer runter. Nicht daß ich weniger läße; aber ich studiere dafür nicht, ich sitze eben immer zuhause und lese in den 2-3 Stunden, die ich dafür täglich außerhalb meiner Arbeits- und Schlafenszeit erübrigen kann. Immerhin hast du es geschafft, mir die Martin-Schlosser-Romane ins Bewußtsein zu rücken. Und möglicherweise wird der ‚Bibliomane von Leipzig“ einmal wieder seine Netzaktivitäten reanimieren können…

  2. Die Mühsam-Schüttelreime habe ich im Februar auch gelesen, ebenso was von Ringelnatz (Stumpfsinn in Versen). Erstaunlich, bei der Vielfalt, die es auf dem Büchermarkt so gibt.

  3. Zu “Vom Ende einer Geschichte” und Elefantengedächtnis-Ich-Erzählern: Das geht mir auch oft so, und dafür muss es gar nicht bis zur Kindheit zurückreichen.

    Ich habe vor ein paar Jahren so ziemlich alles verschlungen, was es über Raumfahrt in den 60ern zu lessen gibt, darunter auch etliche Memoiren von Astronauten. Wenn mich das Thema nicht interessiert hätte ware ich da aus genau dem selben Grund nicht durchgekommen.

    Muss man wohl abstrakt sehen.

  4. Und wieso schaffe ich eigentlich gar nichts mehr?

    Da klagt aber jemand auf sehr hohem Niveau. Bei mir sind ja die Kinder schuld, alle drei! Und Frau Gröner hat acht Augen, sechs Hände und vier Gehirne. Ach ja, und drei Lesesessel.

  5. @argentinisches Tagebuch
    Möchtest du damit andeuten, Frau Gröner sei eine Eydeetin?
    Eine Erklärung wäre es…

    @Buddenbohm
    ich erkenne mich in deinem Lesestoffverteilungsplan wieder. In Bad / Schlafgemach / Büro / Welt je ein anderes Buch. Literatur in Buchform zumeist, anderes immer öfter auf dem kleinen tablet.
    Wie du da auf soooo viele Bücher kommst, ist mir dennoch ein Rätsel, auch wenn du sie nicht alle zuende liest. Trotzdem. Rätselhaft. Und das Bloggen machst du ja auch noch. Und die Arbeit. Und das Kochen, das Erziehen, die sozialen Kanäle. Wie nur?

  6. @frauziefle: Wollte gerade spontan sagen: „Das will ich nicht nur andeuten, nein, das ist die einzig mögliche Erklärung!“ Habe dann aber Bilder dieser Dreibisfünfhirnfabelwesen bei Google betrachtet. *hüstel* Also, ähm, wie soll ich sagen? Der Kommentar dort oben, der ist nicht von mir.

  7. die erklärung ist doch ganz einfach: nur Frauen sind wirklich Multitasking fähig, Männer können sowas nicht, ist halt ne biologische Sache, wie mit dem unbewussten ausblenden, sind auch nur Männer von betroffen…

  8. Heute in der Mittagspause die Leseprobe vom „Kindheitsroman“ runtergeladen, es war sozusagen Liebe auf den ersten Satz, wenige Minuten später das ganze Buch, nein alle vier (es gibt die Kindle Version freundlicherweise als Gesamtausgabe) runtergeladen, und jetzt bin ich endgültig infiziert. Zum Glück steht am Do. eine längere Zugfahrt an… Vielen Dank auf jeden Fall für den Tipp! (Mögliche Beschwerden meiner Umwelt wegen Nichterreichbarkeit werde ich entsprechend weiterleiten…)

  9. Holla, die Dame hat wirklich eine stattliche Gelesenliste. Ich habe immer Phasen, in denen ich mir vornehme wirklich mal wieder viel zu lesen und meist kommt dann etwas, das mich davon ablenkt. es stört mich selber…

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