Integration für Anfänger

Als ich die Söhne heute zur Kita brachte, habe ich noch ein wenig bei ihnen im Spielraum gesessen, weil ich viel zu früh war und die Erzieherinnen der Gruppe noch etwas zu besprechen hatten. Ein neues Kind, das gerade erst nach Deutschland gekommen und auch erst seit gestern in der Kita ist, kam zu uns und sprach uns an. Ein sehr gut gelaunter Junge war das, ausgesprochen munter, offensichtlich fand er die aberwitzige Fremdheit der Umgebung gar nicht einschüchternd, sondern eher amüsant. Ein Junge aus dem portugiesischen Sprachraum, aus Brasilien vielleicht. Er redete auf uns ein, ein melodiöser portugiesischer Wortschwall, von dem wir kein Wort verstanden. Dann sah er uns erwartungsvoll an, kichernd und glucksend. Wir schüttelten die Köpfe. Er redete weiter und weiter, ab und zu machte er Pausen, um uns die Gelegenheit zu geben, etwas zu sagen, aber wir verstanden natürlich weiterhin gar nichts.

Dann erklärte ihm Sohn II, dass wir nichts verstehen würden und Sohn I sagte, dass sich das ein wenig wie Portugiesisch anhöre, was er da redete, und dass es noch einen anderen Portugiesen in der Kita gebe. Natürlich verstand der Junge auch das nicht. Die drei Jungs redeten durcheinander, Sinn ergab das alles nicht. Weitere Kinder kamen dazu, das Sprachgewirr wurde noch ein wenig bunter, polnischer Akzent, spanischer Akzent, der andere Portugiese war allerdings noch nicht dabei. Dann sagte der Junge einzelne Wörter, er nahm einen Stuhl hoch und sagte das portugiesische Wort dafür. Und Sohn I sagte Stuhl auf Deutsch und dann schüttelten beide den Kopf, denn das passte nun wirklich überhaupt nicht zusammen. Sie versuchten, sich die Wörter nachzusprechen, was große Heiterkeit bei den Umstehenden auslöste. Dann klopfte der Junge auf den Tisch, auf den Boden und an die Tür, er sagte die Vokabeln dazu in seiner Sprache ganz langsam und Sohn I antwortete ebenso langsam auf Deutsch und es klang alles sehr, sehr verschieden.

Schließlich hatte der Junge eine Idee, er kramte in seinen Sachen und holte eine Kinderzahnbürste aus den Tiefen seines Rucksacks. Er hielt sie strahlend hoch, zeigte auf das Bildchen darauf und sagte: “Spongebob!” Und die Söhne sagten sehr angetan auch “Spongebob!” und die anderen Kinder riefen ebenfalls “Spongebob, Spongebob!” Der Portugiese sagte das Wort durchgehend stimmhaft, wie es auch ein Franzose aussprechen würde, es war ein ganz weiches Wort, und die deutschen Kinder sagten es zischend und hart, Sssspontschbop, es klang etwas anders, aber es war doch ganz nah dran. Spongebob war eben Spongebob, da waren sich alle einig. Und Spongebob ist natürlich super. Sohn I sagte “Zahnbürste” und der neue Junge sagte feierlich “Sanbusde” und dann musste ich los.

Positiv auf den anderen zugehen, Gemeinsamkeiten suchen und beachten, ein wenig Geduld. Ist eigentlich ganz leicht. “Babyeierleicht”, wie die Kitakinder in solchen Fällen gerne sagen. Ein wichtiges Wort in ihrem Sprachgebrauch, das der neue Junge vermutlich schon in wenigen Tagen oder Wochen kennen wird. Ein Wort randvoll mit Vokalen, das können Portugiesen gut.


17 Kommentare

  1. Ich bin eigentlich am meisten beeindruckt dass Sohn 1 schon Portugiesisch erkennen kann. Das ist bei mir heute noch manchmal schwierig, und ich kann sogar ein bisschen Portugiesisch.

  2. Er kann es natürlich gut gestern schon mitbekommen haben, dass der Junge Portugiesisch spricht. Er hört aber auch viel Spanisch, Portugiesisch. Polnisch. Spanisch erkennt er ganz gut, da gibt es auch ein wenig Unterricht in der Kita, bei den anderen Sprachen ist es eher Glückssache.

  3. Aber Englisch kann er ja auch (zumindest meine ich mich da an einen Museumsbesuch erinnern zu koennen in dem das auch schon ganz gut ging). Es wird wohl doch Vorteile haben, in der Naehe einer der wenigen portugiesischen Baeckereien in Hamburg zu wohnen (genaugenommen kenne ich sogar nur die eine) – etwas Sprachgrundkenntnisse sind beim „Pastel de Nata“ sagen bestimmt hilfreich.

  4. Ach das ist in dem Alter doch noch fast das gleiche. Und man ist immer im richtigen Alter, dass Leute, die jemandes Fremdsprachenkenntnisse im Internet ueberschaetzen, einen freuen wuerden.

  5. Wir leben als deutschsprachige Familie in der französischsprachigen Westschweiz. Kurzer hat im Sandkasten und der Kita innert wenigen Wochen Französisch gelernt, ganz ohne Unterricht. Es ist absolut faszinierend, den Kindern dabei zuzuschauen.

  6. Seit mein Kind in der Kita ist schreit es ganz laut „AANEEEE!“, wenn es Aufmerksamkeit will…. aber Spongebob, Spiderman und Dinsaurier sind universell beliebt…

  7. Haha, zu schön! Tja, Kinder habens halt drauf. Könnten wir Erwachsene uns manchmal eine Scheinbe von abschneiden.

  8. Den gleichen Senf möchte ich auch noch dazu geben: Wenn Kinder nicht geduckt & vernachlässigt sind, also normal neugierig, sind Sprachbarrieren eben keine Barrieren. Nachdem ich als Großmutter das alles noch einmal erleben darf, bin ich überzeugt, dass Kinder die unterschätztesten Lebewesen auf dieser Erde sind. Leider schaffen wir Erwachsene es dann, sie in ihrer Wissbegierde auszubremsen. Ich zerbreche mir den Kopf, warum, denn ich gehöre auch zu den verbeamteten Kinderverderbern & habe keine Lust mehr dazu.
    Warme Grüße in die nordische Kälte!

  9. Sehr schön. Kinder kennen keine Vorurteile, und entwickeln auch keine, wenn (dumme) Erwachsene sie nicht vorleben. Da wächst einfach zusammen, was zusammen gehört. Und „Spongebob“ ist sowieso eine Vokabel, die quasi aus dem Esperanto-Wortschatz für internationale Kinderkommunikation stammen könnte.

  10. Sehr schöner Artikel! Umgekehrt hat das bei uns leider nicht geklappt, die Kinder in Japan haben in der Regen fluchtartig de Spielplatz verlassen, wenn wir da aufgetaucht sind – aber gerne auch mit unsern Sandspielsachen und die einzigen Worte, die meine Kinder aufgeschnappt haben, waren in etwa „Finger weg und Hau ab“. Allerdings hier in der KiTa funktioniert das MultiKulti ziemlich gut und die erste Freundschaft unserer Tochter war mit einem vietnamesischen Mädchen, das „sooooooo schöne japanische Augen“ hat. Nicht immer alles verklärt toll oder böse, sicher sehr individuell mal schön, mal „geht gar nicht“.

  11. Der Plot der Geschichte ist für mich:
    Popkultur verbindet!
    Meine Söhne (11 & 13) lernen in der Schule ein Englisch, das ihre Interessen zu Null Prozent reflektiert. Eigentlich lernen sie die Sprache deshalb im Netz und mit Videogames. Sie chatten beim Minecraftspielen mit anderen auf Englisch, lesen englische Tipps zum Spiel, schauen englische „Let’s Play!“-Videos auf YouTube und kommen um die Sprache nicht herum, wenn sie ihre spielerischen Superkräfte verbessern wollen.
    Die internationale Konkurrenz schläft nicht : )

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