Gelesen und gesehen im Mai

Ein ausgesprochen armer Monat, was die Lektüre betrifft. Setzen, sechs, das muss anders werden. Dafür nach Ewigkeiten einmal wieder versucht, Filme und Serien anzusehen. Mit watchever auf dem iPad, das schafft ganz neue Möglichkeiten der entspannten Haltung beim Zusehen. “Das Mädchen mit dem Perlenohrring” fand ich wirklich nett. So nett, dass ich nach zwanzig Minuten wunderbar eingeschlafen bin. Guter Film. Alles so hübsch, da träumt man dann sehr gefällig, ich mag das. “Schiffsmeldungen” – da haben wir den ganzen Film gebraucht, um darauf zu kommen, dass wir den schon kennen, aber jeder nur Stücke, und die Herzdame ganz andere als ich. Wahrscheinlich haben wir den in den schlaflosen Nächten gesehen, als Sohn I gerade frisch auf der Welt war und wir abwechselnd das Baby durch die Wohnung trugen, anders kann ich mir das nicht erklären. Ich mag die Szenen in der Zeitungsredaktion, die Story um das Haus fand ich völlig entbehrlich. Dann habe ich auf Facebook nach Serienempfehlungen gefragt und eine unfassbare Menge an Antworten bekommen. Eine Folge “Sherlock” gesehen und sehr doof gefunden, wirklich schlimm. Zwei Folgen vom Tatortreiniger, den fand ich dafür umso großartiger, da sehe ich mir den Rest auch an. Mit den Söhnen noch etliche Folgen von “Shaun das Schaf” gesehen, das gefällt allen männlichen Familienmitgliedern sehr, die Herzdame bleibt eher außen vor. Seltsam.

Iwan Gontscharow: Eine alltägliche Geschichte. Deutsch von Ruth Fritze-Hanschmann. Das Buch liegt nun schon seit Monaten auf meinem Nachttisch, weil ich es immer erst kurz vor dem Einschlafen lese, ich komme daher nicht recht weiter. Das heißt aber nicht, dass es nicht gut wäre, im Gegenteil. Ein paar Sätze oder Seiten reichen mir, um etwas zum Weiterdenken zu haben. Es ist wirklich eine ganz alltägliche Geschichte, über Lebensentwürfe und Haltungen, über Erwartungen und Lebensstile. über den Glauben an die Liebe oder an das Konto, über die Ausrichtung des Lebens. Was man macht und warum man das macht. Die Figuren und Szenen nicht ganz so plastisch wie im Oblomow, alles etwas plakativer, das macht aber nichts. Gontscharow, der mich mit dem Oblomow schon unerwartet begeistert hat, ist sicher die Entdeckung des Jahres für mich.

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums. Das habe ich als Kind schon einmal gelesen, weil mich die Mythologie des antiken Europas damals nach einem Griechenlandurlaub sehr interessierte. Ich fand es unfassbar, dass niemand mehr an diese Götter glaubte, das schien mir ungeheuerlich und frevelhaft. Da standen noch überall solche wundervollen Tempel herum und die sind in dem Land trotzdem alle Christen geworden? Gingen zur Kirche wie alle und besuchten dort womöglich ähnlich langweilige Veranstaltungen wie die Pflichtschulgottesdienste am deutschen Reformationstag, die man klassenweise zu besuchen hatte? Das fand ich ähnlich niederschmetternd wie die Bekehrung Winnetous kurz vor seinem Tod, “Ich bin ein Crist, Charlie…”, da habe ich das Buch damals wütend an die Wand geworfen, was für eine herbe Enttäuschung. Nie wieder eine Zeile Karl May gelesen. Ich habe nach diesem Urlaub auf einer Insel in der Ägäis eine Weile lang griechischen Göttern geopfert, das machte ja sonst seit Jahrhunderten keiner mehr, die mussten doch erheblichen Bedarf haben, nicht wahr. Auf das Schlachten von Zicklein und ähnlichen Nutztieren habe ich verzichten müssen, die waren einfach nicht greifbar. Mir ging es allerdings, wenig überraschend, mit den Opfergaben wie dem Prometheus, es kümmerte die Olympier herzlich wenig, was ich da veranstaltete, auch wenn sie schon so dermaßen lange auf Opfersteuern und Gebetshauch verzichten mussten. Und da auch trotz meines Expertentums in Fragen der klassischen Mythologie in den nächstliegenden Gebüschen weiterhin keine attraktiven Nymphen auf mich zu warten schienen, verlor sich mein Interesse irgendwann wieder.

Als Sohn I neulich nach Zeus fragte, merkte ich jedenfalls, dass ich mittlerweile in den Verwandtschaftsbeziehungen auf dem Olymp gar nicht mehr richtig sattelfest bin. Eine gute Gelegenheit, sich die Geschichten noch einmal anzusehen.

Françoise Sagan: Blaue Flecken auf der Seele.  Deutsch von Eva Brückner-Pfaffenberger. Das ist kein geradeausgeschriebener Roman, das ist ein Roman, in den sich die Autorin selbst hineinredet und über das Schreiben reflektiert, über das Schicksal und die Frauen, über das Leben. Sie denkt und schreibt und schreibt und denkt und erzählt und es verwebt sich. Alles, was sie sie schreibt, auch in den anderen Romanen, klingt leicht, schnell und immer intelligent, als würde einem eine ungemein geistreiche Frau mal eben eine Geschichte erzählen und man denkt die ganze Zeit nur, wie doof man wohl darauf gleich antworten wird, wenn der erzählstrom einmal abreißt. Und Französisch konnte sie auch noch, herrje.

Walter Kempowski: Echolot. Unternehmen Barbarossa – ein kollektives Tagebuch 1941. Eine Unzahl von Zitaten aus Tagebüchern, Briefen, Postkarten, Aufzeichnungen. Aus deutscher, russicher, schweizerischer, französischer, englischer Sicht. Von berühmten und nicht berühmten Menschen, von Tätern und Opfern, von Mitläufern, Zuschauern, Getriebenen, Fanatikern und Verlorenen. Von Menschen, die den Krieg überlebt haben und von Menschen, an deren Lebensdaten man sieht, wie kurz sie ihren Text nur noch überlebt haben. Im Monat Mai mit dem Jahrestag der Befreiung eine vielleicht ganz naheliegende Wahl, ich kann das Buch allerdings nur in sehr kleinen Dosen ertragen. Beeindruckend, niederschmetternd, unfassbar. Eine editorische Meisterleistung und wahnwitzige Herkulesarbeit, um noch kurz bei der griechischen Mythologie zu bleiben. Ein unbegreifliches Buch.

 

 

Woanders – der Wirtschaftsteil

Eine Meldung aus dem Straßenbau. Klingt vielleicht nicht nach der spannendsten Branche, zugegeben, hat aber doch etwas wirklich Neues zu bieten: Straßenbeläge, die Schadstoffe schlucken.

In der Zeit eine Übersicht zur Textilbranche, allerdings geht es zur Abwechslung einmal nicht über Arbeitsbedingungen in Bangladesch, sondern um Produkte aus fairem Handel und mit ökologischem Anspruch. Eine kleine Marktkunde.

Patrick Breitenbach schreibt über die ökonomischen Grundlagen der Medien. Das ist ein angenehm ruhiger und klarer Blick auf die aktuelle Lage. Nach all dem auf beiden Seiten ziemlich hysterischen Geschrei um die Adblocker-Diskussion der letzten Wochen ist es doch ganz angenehm, jemanden zu lesen, der etwas länger als über zwei Halbsätze hinweg über die Lage der Onlinemedien nachgedacht hat. Der Text braucht ein paar Minuten, vorher vielleicht besser Kaffee holen.

Noch ein Link zur Medienbranche, mit einer kleinen, aber doch sehr feinen Anmerkung zur Diskussion um die Tarifpläne der Telekom.

Fracking (hier der Wikipedia-Eintrag dazu) wird in Deutschland zunehmend kontrovers diskutiert. Während noch vor kurzer Zeit kein Mensch wusste, was das eigentlich ist, haben sich jetzt schon die von anderen Themen gewohnten Lager aus Lobbyisten hier und Umweltaktivisten dort gebildet, bekriegen sich in den Medien und Parlamenten und ringen um die Aufmerksamkeit des Publikums. Aber im Grunde ist das Thema gelaufen, alle können wieder einpacken. Fracking ist durch. Fracking kann es in Deutschland nicht geben, das hat sich erledigt. Denn die Brauereien sind dagegen. Fracking gefährdet womöglich das Bier – und da hört der Spaß nun wirklich auf, so etwas wird sich in diesem Land niemals durchsetzen können.

Die beliebte Reihe “Blogger schreiben über Gentrifizierung” können wir auch in dieser Woche zwanglos fortsetzen, diesmal schreibt das Nuf über Spielplätze in Berlin.

Bei Wiwo Green kann man nachlesen, welche Unternehmen von den Deutschen wegen ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Nachhaltigkeit geschätzt werden. Das Ergebnis ist weitgehend überraschungsfrei. Interessant könnte man dabei aber finden, dass das sogenannte Greenwashing einiger Marken offensichtlich herzlich wenig nützt.

Arbeitsorganisation, darüber reden wir hier viel zu selten, das muss sich dringend ändern, so ein wichtiges Thema. Sollten Sie z.B. in einer Hierarchie arbeiten und daher jemand über Ihnen thronen, und dieser Mensch verlangt gelegentlich etwas von Ihnen, dass er vermeintlich genau so gut selbst tun könnte – lesen Sie das und denken Sie nach, bevor Sie sich aufregen.

Die Verbraucher, sie haben alle eine Meinung, und sie sagen sie auch. Sie entscheiden an der Kasse über Produktionsbedingungen, Sie unterschreiben Petitionen am laufenden Band wie Schlagerstars Autogrammkarten, Sie schlafen den Schlaf der Gerechten im Pyjama aus Biobaumwolle. Sie haben zu jedem Thema etwas zu sagen und mischen sich überall ein, ob beim Elternabend in der Grundschule oder beim Kampf gegen irgendeine Großbaustelle. Aber wählen gehen sie nicht. Die gute alte parlamentarische Demokratie, sie interessiert eher nicht mehr. Verstehe einer die Menschen.

Die Deutsche Welle über die Qualifikatiion der Zuwanderer, die nach Deutschland kommen. Aus China, aus Südeuropa, aus Mitteleuropa. Die beeindruckenden Zahlen im Artikel einfach merken und gelegentlich im Gespräch mit ausländerfeindlichen Menschen fallen lassen. Es geht doch nichts über Fakten.

The Prince of Wales, ladies and gentlemen, er hat seine armen und entfernten Verwandten in Deutschland besucht, was uns die einmalige Chance gibt, hier auch einmal etwas Yellow Press Charme zu verbreiten und darüber zu berichten. Aber natürlich nicht, weil der Thronfolger in Baden-Württemberg auf einem Schloß gesichtet wurde, nein, das würde uns nicht reichen, versteht sich. Allerdings ist es erwähnenswert, worüber er dort gesprochen hat, ist es nicht? Gewisse britische Konservative werden sicherlich not amused gewesen sein.

Und beim Treehugger amüsiert man sich über den deutschen Umweltminister und seine urkomische Begründung für seine Haltung zum Temoplimit auf den Autobahnen. Der Siegeszug des deutschen Humors ist quasi nicht mehr aufzuhalten.

Der Designlink der Woche gilt Produkten, bei deren Konzeption ein wenig um die Ecke gedacht wurde, um endlich auch einmal einen wirklich platten Wortwitz unterzubringen.

GLS Bank mit Sinn

 

Woanders – diesmal mit Ray Manzarek, der Stadtbahn und anderem

Ein Interview mit einem falschen Guru.

Percanta über den Mai. Mit zur Abwechslung lesenswerten Kommentaren.

Bilder von Plattencovern. Großartig inszeniert.

Die liebe Nessy fährt Stadtbahn.

Frau Novemberregen fährt auch durch die Gegend.

Mein Bruder hat Praktikanten. Viele.

Das Nuf schreibt über Kinderlärm.

Hier geht es um Lyrik aus Buchrücken, dazu gab es vor Jahren auch schon einmal etwas bei Anke Gröner.

Sven hat Bilder auf der Gartenschau in Hamburg gemacht und sie entsprechen nicht exakt dem, was man da erwarten würde.

Das beste Essen der letzten sieben Tage war ein Couscous mit Gemüse und Minzjoghurtsauce, etwa so, wobei man aber die Minzmenge im Rezept dramatisch übersteuern muss, das ist viel zu wenig. Mehr Minze, mehr Joghurt. Viel, viel mehr. Beim Rest sind die Mengenangaben eher egal, was so da ist.

 

 

Das Bild des Tages gibt es nicht. Und es täuscht.

Hätte ich die gute Kamera dabei gehabt, ich hätte es natürlich aufnehmen können, das Bild des gestrigen Tages, und ich hätte es auch hier gezeigt. Hätte, hätte, Fahrradkette. Wie Sohn II da stand, das war nämlich wirklich ein tolles Bild. Aber ich hatte leider nur das Handy dabei und es ging schon auf den Abend zu und der Himmel war wolkenverhangen, regenschwer und schon etwas dämmerig, da war es mit dem Licht doch schwierig. Und so stand Sohn II also alleine vor der Bühne auf dem Straßenfest in der Langen Reihe, ganz alleine stand er da, und es gibt kein einziges Bild davon. Das müssen Sie sich jetzt eben vorstellen, das Bild des Tages. Ich beschreibe es Ihnen.

Eine große Bühne am Anfang der Straße, auf der ein Open-Air-Fest so gründlich ins Wasser fiel, wie es nur vorstellbar ist. Links und rechts von der Bühne hingen riesige Lautsprecher, oben ein paar Strahler, auf die Musiker gerichtet. Auf der Bühne standen drei junge Herren und machten Rockmusik, es klang ein wenig wie die Musik von “Wir sind Helden”, wenn sie gerade etwas lauter werden. Sie sangen deutsche Texte. Ich verstand nur, dass sie irgendwie traurig waren, das passte auch. Am Straßenrand unter den Sonnenschirmen der Bierbuden und Wurststände und manchmal auch vor der Bühne, wenn es gerade nicht so schüttete,  standen einige junge Damen, die sehr angetan im Takt wippten und die Musiker verzückt anstrahlten, denen eine gewisse Hübschigkeit nicht abzusprechen war. Die Musiker, Schlagzeug, Gitarre, Keyboard, sie trugen alle schwarze Kleidung. Das passte zum Himmel über ihnen, das passte aber auch zur Straße vor ihnen, und das passte auch ganz ausgezeichnet zur Stimmung der meisten Aussteller auf dem Straßenfest, denn es regnete seit dem Morgen und es war novembrig und schweinekalt, um es angemessen deutlich auszudrücken. Sie spielten ihre Rockmusik und der Gitarrist sagte nach zwei Stücken, dass ihm gleich die Finger abfallen würden vor Kälte und dann hüpften sie ein wenig auf und ab, bevor sie das nächste Stück spielten. Der Regen wurde stärker, der Himmel wurde dunkler, die wenigen Besucher flüchteten in Hauseingänge oder Kneipen, nur Sohn II blieb noch vor der Bühne stehen. Er stand da und seine hellblaue Jacke leuchtete und er hob die Hand und die Leute, die am Rand standen, zeigten auf das Kind und lachten, denn der Sohn machte mit der Hand ein Zeichen, das man ganz gut kannte, er machte die Pommesgabel. Wenn Sie das noch nie gehört haben – er machte also eine Faust und hob nur den kleinen Finger und den Zeigefinger, das ist der Gruß der Metal-Fans, bekannt aus Wacken und aus dem Fernsehen. Er machte auch ein paar Tanzschritte, er findet Tanzen gerade großartig. Er reckte die Pommesgabel in den Abendhimmel und ließ den Kopf vor und zurückfallen, er sah aus wie ein sehr junger, aber auch sehr ambitionierter Rockfan und die Leute lachten und lachten, denn der Anblick von Sohn II war das einzige, was vor der Bühne überhaupt noch wärmte.

So war das Bild und ein paar der Gäste werden es wohl im Kopf mit nach Hause genommen haben. Vielleicht haben sie später sogar noch davon erzählt, von dem kleinen Jungen mit dem Metal-Gruß, der da ganz alleine vor der Bühne tanzte. Doch, es wäre wirklich ein großartiges Foto geworden.

Auch wenn ich genau weiß, dass Sohn II gar nicht die Pommesgabel gezeigt hat. Und er war auch gar nicht von der Musik begeistert. Er hoffte viel mehr, dass bald eine andere Band auftreten würde, eine mit noch mehr Schwung und Kawumm. Und solange diese hübschen, aber doch aus seiner Sicht etwas hüftlahmen Herren da spielten, so lange zeigte er ihnen eben finster entschlossen den Schweigefuchs.