Woanders – der Wirtschaftsteil

Wir können hier sicher bei einem Großteil der Leserschaft ein gewisses Unbehagen an der Industrie voraussetzen, eine Art grundsätzliches Misstrauen. Und im Gegenzug eine ebenso unübersehbare Zuneigung zu kleinen Betrieben, zur Handarbeit, zum Überschaubaren, Regionalen usw. Aber auch dabei muss man sich natürlich ab und zu fragen, ob man eigentlich noch normal tickt.

Ab und zu doch einmal andere Meinungen zu lesen, das soll ohnehin gesund sein. Wie auch Vergleiche mit anderen Teilen der Welt, die helfen manchmal auch, wieder Kontakt zur Wirklichkeit zu bekommen. Brauchen wir zum Beispiel den Platz, den wir brauchen? Wieviel brauchen andere, was braucht der Mensch? Und wenn ich mich bei irgendeiner Frage mal richtig entscheide, bin ich dann eigentlich automatisch besser als der Rest? Siehe dazu auch hier, die Zeit ist da gerade ergiebig. Und beim Thema Soja bitte auch kurz in diese Richtung denken, auch wenn es keinen Spaß macht.

Alte Überzeugungen in Frage stellen, vielleicht stammen sie ja noch von unseren Eltern. Vielleicht müssen manche Grundannahmen mal gelüftet werden. Und schon kommt man zu verblüffenden neuen Maßnahmen, sogar dann, wenn man Schweizer ist, sogar dann, wenn es um Geld geht. Nanu! Eine erstaunliche Nachricht. Trauen wir das auch den Bewohnern von, was weiß ich,  Mülheim a.d. Ruhr zu? Von Hamburg-Eppendorf? Von Berlin-Wilmersdorf?

Öfter mal das Überraschende in Texten zur Kenntnis nehmen, da kann man auch einen Sport draus machen. Die Liebhaber von Slow-Food waschen ihr Essen nicht, die kleinen Genussferkel. Das ist nur ein Satz in dieser Meldung hier, aber in dem steckt das ganze Drama des falschen Handelns nach richtigen Annahmen – oder umgekehrt, wer will das entscheiden.

Schnell noch zwei Rückblicke, es gibt neue Aspekte zu altvertrauten Themen. Im ruinierten Detroit etwa pflanzt man jetzt Wald um die verlassenen Häuser, das ist eine etwas andere Form der Gentrification – aber am Ende ist es vielleicht tatsächlich eine.

Und über manche Themen sollten wir vielleicht noch viel grundsätzlicher nachdenken, als wir es hier manchmal ohnehin schon tun. Etwa über die Sache mit dem Teilen und dem Habenwollen. Wie ist denn nun der Mensch an sich? Social-Media-Experten aller Art sollten sich auch den in Film zur Meldung dort anschauen, gegen Ende kommt etwas für sie.

Den Smalltalk wollen wir auch noch fix bereichern, da schlagen wir den Begriff “Peak Wine” vor. Im Restaurant zu murmeln, vor einem guten Glas, in düsterer Stimmlage und mit besorgtem Gesichtsausdruck. Und dann bis zur Neige trinken, es wird alles knapp.

Der Designlink der Woche heute zum Thema Fotografie und, nun ja, Landschaftsbau. Irgendwie. Gewissermaßen.

GLS Bank mit Sinn

 

Expertenrunde

Sohn II: “Können wir später auch Kinder haben? Wenn wir erst Erwachsenen geworden sind?”

Sohn I: “Ja, können wir. Wir können aber auch ohne Frauen leben und keine Kinder bekommen, wie ganz normale Männer.”

 

Kurz und klein

 

Es findet sich alles

(Dieser Text erschien als Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Es ist nicht immer leicht, auf einen Text zu kommen. Also etwa auf einen Text für diese Kolumne. Obwohl die thematisch offen ist. Es kommt dennoch vor, dass die Tage an einem nur so vorbeifliegen, man hat andere Sachen zu erledigen, zu schreiben – und plötzlich muss schon am nächsten Tag etwas fertig sein. Oder in zwei Stunden! Das muss ein Text sein, der ganz locker daherkommt, vergnügt und sonntäglich. Vielleicht mit einer angedeuteten Tiefe, aber doch klar im Unterhaltungsprogramm verortet, eine typische Kolumne eben. Und man sitzt da verkrampft vor der Tastatur, mit leerem Blick und nichts im Kopf. Man überlegt, was man kürzlich erlebt hat, aber da war nichts. Was hat man denn gelesen, gesehen, gehört? Keine Ahnung, alles vergessen. Worüber denkt man nach? Gar nicht. Man denkt nicht. Man sitzt und starrt auf den weißen Bildschirm.

Ich gehe dann in die Stadt und spaziere etwas herum. Ich sehe mir Menschen an und warte auf Eindrücke. Ich höre den Gesprächen der Passanten zu, achte auf die Mode, die Schaufenster, auf alles. Ich mache mich locker und aufnahmebereit, ich vergesse den Stress und pfeif mir eins. Und dann findet sich schon was. Ich gebe mich einfach, als sei ich der entspannteste Mensch der Welt. Ich kann das richtig gut. Dachte ich.

Neulich ging ich so durch die Stadt und stand irgendwann wartend in einem Hauseingang, weil es etwas regnete. Die Tür ging auf, eine Dame kam heraus und sah mich prüfend an. „Sie wollen doch bestimmt zu mir, was? Dritter Stock, ich komme gleich wieder.“ Damit verschwand sie um die Ecke. Ich wollte nicht zu ihr, ich hatte keine Ahnung wer das war, ich stand da nur ganz zufällig. Aber ich sah doch nach, ob an dem Haus ein Schild war. Und nachdem ich es gelesen hatte, glaubte ich nicht mehr, dass ich richtig entspannt aussehe, wenn mir gerade kein Text einfällt.

“Psychiatrische Praxis, 3. OG“ stand da.