November in Nordostwestfalen

Beeren

 

November in Nordostwestfalen. Es regnet den ganzen Tag. Kaum kann man mal eine Minute lang in Ruhe fotografieren, ohne komplett nass zu werden. An der Straße rotten die letzten Äpfel unter den Bäumen und im Graben weg. Eine einzelne runde Birne leuchtet noch aus dem Gras, freundlich und gelb. Auf der Unterseite madenzerfressen. Auf den Äckern die hohlen Stümpfe der längst geernteten Maisstauden. Auf den Zufahrten zertretene Körner. Der Himmel hängt schwer, es wird nicht recht hell.

Den Söhnen ist das egal, dann gehen sie eben rein. Sie haben hier einen magischen Ort, wahrscheinlich einen dieser Orte, an den sie sich ihr ganzes Leben lang erinnern werden. Man kann das natürlich nur raten, aber doch, es spricht manches dafür.

Hinten bei den Garagen kommt Licht aus einem abseits gelegenen Raum, man hört ab und zu seltsame Geräusche über den Hof. Da ist so ein Sehnsuchtsort für Kinder, ein geheimnisvolles Paradies. Ein Ort voller Gefahren eigentlich, randvoll mit brandgefährlichen Gegenständen, einer mörderischer als der andere. Mit Schneiden, Zacken, Strom, Klingen, Spitzen. Seltsame Gerätschaften dabei, deren Zweck sich nicht recht erschließt. Dosen voller Zeug, Kisten voller Dinge, Schubladen voller was auch immer, unüberschaubar. Sehr viele Schubladen, sehr viele Dosen. Um so viele Dosen zu haben, musste Opa jahrelang Espresso trinken. Bilder aus der Familiengeschichte an der Wand, wer auch immer das da alles sein mag, seltsame Gesichter auf schwarzweißen, nachgedunkelten Bildern. Kann das Mama sein? Oma? Uroma? Wen stellt die Büste dar, war der von uns? Nein? Spinnen an der Decke, Licht aus nackten Glühbirnen. Kaputtes Spielzeug, wohin man auch sieht. Ein Kasten an der Wand, der sehr anders aussieht als eine moderne Stereoanlage, der aber dennoch in verblüffender Lautstärke und Qualität Musik macht. Ein satter, warmer Sound. Das Band läuft und da läuft ein schwieriges Stück, ein altes Stück, das man zuerst nicht ganz einordnen kann, da findet man weder Melodie noch Rhythmus nach den ersten Takten. Die Söhne wissen nicht recht, soll man das gut finden?

Opa, der jahrelang DJ war, nickt: “Na, und ob das gut ist. Aqualung, Jethro Tull.” Opa sägt und hämmert. Opa steht an der uralten Hobelbank und dreht ein Spielzeug fest. Und die Söhne dürfen hier alles. Sie sägen wie Opa, sie hämmern, sie bohren und schrauben. Sie zerlegen Holz und setzen es neu zusammen, sie rammen sich Splitter in die Finger, hauen sich auf die Daumen und reißen sich die Haut auf, sie schwitzen vor Anstrengung in dem kalten, ungeheizten Kabuff. Sie wippen zur Musik und sägen im Takt, sie probieren Fuchsschwanz und Laubsäge, Leim und Schraubzwingen, lauter Sachen, die es in unserer Mietwohnung natürlich nicht gibt. Sie krümeln alles voll, Sägespäne und Holztrümmer, Leimspuren und wegfliegende Nägel, die hell klingelnd irgendwo landen, hoffnungslos verbogen. Der Boden liegt voll davon. Opa sitzt und guckt, Opa lacht und hilft. Opa redet von den Baustellen von damals, Opa dreht gedankenverloren alte Geräte in den Händen. Opa erzählt, was man alles mal könnte. Irgendwann. Draußen ist es dunkel, es regnet den ganzen Tag und ganz hinten,bei dem kleinen Wäldchen, hört man sie zu einer Treibjagd blasen. Das ist aber egal, die Söhne gehen hier eh nicht mehr raus.

Natürlich ist Opas Werkstatt ein magischer Ort. Doch, ich glaube, da kann man sicher sein.

Wagner
Trike
Nageldose
Tonband
Sägen
Holzdings
Nägel
Fledermaus
Stern


 

Pilzpfanne

Unbenannt

 

Weiter in dieser Reihe, es gibt Pilze. In dem Buch findet man nämlich ein paar Rezepte, die wirklich pappeinfach sind, ich begrüße das sehr. Nicht nur wegen des Komplikationsgrades der Zubereitung, über den man evtl. nachdenken muss, während man kocht, was mich manchmal überfordert, wenn parallel dazu zwei Kinder etwas von mir wollen und die Herzdame anruft und es an der Tür klingelt, nein, nicht nur deswegen. Ich begrüße das auch, weil pappeinfache Rezepte in der Regel weniger Zeit kosten. Slowfood in allen Ehren, ich verstehe das alles, super Bewegung, alles Gute, aber es nützt nichts, ich habe nun einmal keine Zeit.  Fast immer muss das Essen hier abends schnell auf den Tisch. Weil die Kinder sonst binnen Minuten verhungern, weil die Kinder völlig übermüdet ins Bett müssen, weil ich noch dringend an den  Schreibtisch muss, weil die Herzdame noch unbedingt arbeiten muss, weil sie noch tanzen geht oder was auch immer.

Unbenannt

Eine Pilzpfanne kostet sehr wenig Zeit. Pilze mögen hier außerdem seltsamerweise ausnahmslos alle, Pilze sind also super. Pilze brate ich dauernd, was ist dann an dem Rezept neu und anders? Das sind nur zwei Zutaten, aber die sind eben gut, die merke ich mir jetzt. Man kocht nämlich vor dem Braten 10 Gramm getrocknete Steinpilze in 100 ml Brühe auf, das gibt dem Ganzen deutlich mehr Kawumm. Das habe ich zwar gewusst, aber nie gemacht, manchmal ist es ja geradezu albern, was man alles jahrelang auslässt, das kann man mit dem Buch sehr schön lernen. 750 Gramm gemischte Pilze klein schneiden, scharf anbraten, dann nur noch kurz weiterbraten. Blätter von zwei Zweigen Majoran dazu, das habe ich sonst auch nicht gemacht, ich war eher die Paprika-Fraktion, das ist aber super mit dem Majoran. Eine kleingeschnittene Stange Lauch rein, etwas Butter und die Brühe mit den Steinpilzen, dann ist das quasi fertig. Saure Sahne mit Pfeffer und Salz würzen und drüberträufeln. Ins Wohnzimmer tragen, Fotos machen, bloggen, kalt essen.

Unbenannt

Man kann es natürlich auch heiß essen, schon gut. Auf den Fotos unten sieht man, wie kritische Leserinnen sofort bemerken werden, die saure Sahne nicht – weil ich auch mit dieser überschaubaren Zutatenliste anscheinend schon überfordert bin, es ist wirklich schlimm. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur anführen, dass die Herzdame gerade im Sturmtief verloren ging, während ich kochte, das lenkt dann doch etwas ab. Sie war auf der falschen Elbseite, und da passiert es in Hamburg erstaunlich schnell, dass man nicht mehr zurückkommt, wenn die Natur mal etwas aufdreht. Ich kochte und briet, während ich gleichzeitig auf dem am Kühlschrank hängenden Ipad nach Busverbindungen über die Elbe suchte und die Herzdame am Telefon durchs unwegsame und mir außerdem unbekannte Harburg dirigierte, während draußen vor den Fenstern verblüffende Mengen Holz vorbeiflogen und das Dach über uns bei jeder Böe bemerkenswert seltsame Geräusche von sich gab und ich zwischendurch immer wieder auf Twitter nachsah, wie es eigentlich Helgoland im Orkan erging. Es ist wirklich nicht immer ganz einfach, wenn es im Norden stürmisch wird.

Zu der Pilzpfanne gab es Kartoffelkarottenbuttergemüse. Das gibt es hier gerade aus seltsam zwingenden Gründen zu jedem Essen, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Demnächst auf diesem Sender!

Im Glas war ein Störtebeker Kellerbier. Zumindest bei mir.

Unbenannt

Unbenannt