Blüten und Erinnerungen

Zahllose Leserinnen wurden in tiefe Verwirrung gestürzt, weil ich das mit den Schnittlauchblüten hier nicht exakt durchdefiniert habe, pardon. Okay, nachweislich waren es nur zwei Leserinnen, aber es reagieren bekanntlich immer nur höchstens 2% aller Leserinnen überhaupt irgendwie auf einen Artikel, der Rest liest einfach nur, was ja auch vollkommen in Ordnung ist. Um- und hochgerechnet waren das dann aber sehr viele Leserinnen, und nein, das war jetzt nicht wirklich logisch, egal. Ihnen kann man ja nichts vormachen!

Man kann, um das also eben aufzuklären, die Blüten tatsächlich oben abpflücken und essen, gleich so, als Salatdeko, im Kräuterquark, als Snack beim Gartenrundgang, Blüte to go, wie auch immer. Den Stängel aber, auf dem die übrigens niedliche Blüte sitzt, den sollte man eher nicht essen, denn der schmeckt nicht recht. Alle anderen Halme dagegen, also die ohne Blüten – super wie immer. Haben wir das geklärt. Und nun gehet hin und pflücket die Blüten.

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Der Istanbul-Grill.

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Madame meditiert. Wie neulich bereits angemerkt – das betrachte ich auch als große Herausforderung. Eines Tages!

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Habe ich jemals von der alten Dame erzählt, die ich im Gartenverein getroffen habe, sie jätete gerade Unkraut am Rand ihrer Parzelle. Bückte sich mit leichtem Stöhnen, der Rollator stand nur einen Meter weiter.

“Junger Mann, wissen Sie nicht vielleicht jemanden, der mir im Garten helfen kann? Ein paar Stunden die Woche?”

“Da muss ich mal überlegen.”

“Überlegen Sie mal. Ich bin 93, allmählich wird es doch schwieriger.”

Und dann jätete sie stoisch weiter, wobei sie mit den Händen bei durchgedrückten Knien deutlich weiter runterkam als ich. Gartenarbeit, so sagt man, soll ja auch gesund sein.

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An einem U-Bahngleis unter dem Hamburger Hauptbahnhof sitzt ein junger Mann auf einer Bank und unterhält sich mit einem Kumpel. Würde man abfällig urteilen wollen, wozu es allerdings keinen Anlass gibt, man könnte ihn als fortgeschritten dick bezeichnen. Man könnte aber auch sagen, er sieht eindeutig nach Genussmensch aus. Er streckt sich gerade und sieht dabei nicht so aus, als sei mit seinem Körper irgendwas falsch, das passt alles schon, das gehört so. Er hat die Augen geschlossen und wiederholt gerade schon zum dritten Mal ein Wort, das ihm vielleicht gerade in den Sinn kam oder das irgendwo stand, auf dem Werbebildschirm oder sonstwo, ein Wort jedenfalls, das schönste Erinnerungen in ihm weckt. Würde man abfällig urteilen wollen, wozu es nach wie vor keinen Anlass gibt, man könnte sicher sagen, es sind Erinnerungen an die übelsten Partyabstürze seines Lebens. Man könnte aber auch sagen, es handelt sich vermutlich um Erinnerungen an die wenigen richtig guten Abende, an die legendären Abende. Und so viele sind das ja bei uns allen nicht, wenn man die Jahre einmal Revue passieren lässt.

“Scheunenfete”, sagt der junge Mann und er spricht das Wort so aus, wie andere vielleicht “Paris” sagen oder irgendeinen Berliner Club benennen, in dem sie mal durch einen wilden Zufall zum genau richtigen Zeitpunkt waren, also als alle da waren, was weiß ich, auch David Bowie und Iggy Pop und so, wovon sie dann später noch gebetsmühlenartig im Seniorenheim erzählen werden, in dieser Art spricht er es aus, in seliger Erinnerung, et in Arcadio ego. “Scheunenfete”, sagt der junge Mann und er betont das Wort fast schmatzend, so gut gefällt ihm das, “Scheunenfete. Das ist doch das wahre Leben, Alter.”

Sein Kumpel nickt wissend.

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Die Söhne verwenden neuerdings einen Ausdruck, den ich so nicht kannte, und ich bin da ja lernbereit und übernehme gerne, Sprache lebt von der Bereicherung an anderen. Wenn sie etwas nicht gerne machen, dann lassen sie es sein, denn: “Es bockwurstet nicht.”

Und dann immer diese drängende Versuchung, solche Ausdrücke demnächst in einem Meeting unterzubringen!

“Wisst Ihr was, ich verlasse jetzt diesen Call.”

“Bitte was?!”

“Das bockwurstet hier einfach nicht.“

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Sie können hier Geld in den virtuellen Hut werfen. Denn Trinkgeld bockwurstet total.

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