Radfahrer erzählen nichts

Seit Wochen fahre ich mit dem Fahrrad zur Arbeit, weil es hier ja neuerdings nicht mehr regnet – oder nur am Sonnabend. Das ist gesundheitlich sicherlich fein für mich, die Bewegung unter der Glanzkröte (Sarah Kirsch) soll ja gut sein, aber fürs Blog taugt das so nichts. Als Radfahrer erlebt man einfach keine erzählbaren Geschichten, man könnte nur immer wieder den lodernden Hass auf SUV-Fahrerinnen, Nichtblinker, Rotfahrerinnen, Drängler, Radwegparkerinnen, Psychos etc. ins Blog kippen, aber das möchte ja nach nur einem Tag schon niemand mehr lesen, das ist alles sattsam bekannt und Hass ist eh nicht die feine englische Art, das wollen wir hier nicht. Aber diese netten Beobachtungen nebenbei, die in der S-Bahn eben so anfallen, weil man da eine Weile nebeneinander sitzt und kurz Zeit hat, die kleinen aber irgendwie doch feinen urbanen Szenen, die fehlen hier jetzt jedenfalls. Hm.

Vielleicht sollte ich abends mal ein wenig U-Bahn fahren, S-Bahn oder Bus und Fähre, einfach nur um diesen Mangel auszugleichen, ziellos und planlos quer durch die Feierabendstadt, immer dem weißen Kaninchen nach?

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Eine Schulung zur DSGVO mitgemacht und danach solange im weiteren Gespräch vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen, bis ich wirklich gar nichts mehr wusste. Ein schönes Gesetz, es stellt einen vor herrlich existentielle Fragen: Darf ich überhaupt wissen, wie ich heiße? Und wenn ich es weiß, darf ich es mir merken und wie lange? Aber keine Sorge, morgen geht es sicher schon wieder.

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Ich habe dieses Buch angefangen, Annemieke Hendriks über Tomaten. Das ist allerdings kein Buch für Hobbygärtner, es ist ein Buch für alle, die sich z.B. auch für die Themen meines Wirtschaftsteils bei der GLS Bank interessieren, also für nachhaltige Landwirtschaft und dergleichen. Und Frau Hendriks macht das sehr interessant, sie nähert sich dem Thema über die handelnden Menschen. Sie nimmt deren Hintergründe mit, all die Familiengeschichten, die Umstände, die Zeitläufe. Slow Journalism nennt sie das und es gefällt mir sehr, wenn man beim modernen Tomatenmarkt in der EU landen will und erst einmal irgendwann in der grauen Vorkriegszeit oder gar im alten Preußen beginnt, erst einmal Fragen zu Familienstammbäumen hat und etwas zur Kulturlandschaft im Oderbruch erklärt oder Ruinen zeigt, in denen irgendwer mal irgendwas gemacht hat, was sich bis heute so und so auswirkt. Das hat was, und “Reportage” ist hier ein nettes Understatement.

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Für die Lyrikabteilung pflücken wir uns heute einfach einen Song aus den FB-Kommentaren zum letzten Artikel – die hier aus irgendwelchen verdammungswürdigen technischen Gründen übrigens gerade nicht erscheinen – und dann müssen wir auch schon wieder einen trinken. Ladies and gentlemen, auf Herrn Koppruch! Lebend gehen wir nicht mehr aus der Welt. Prost.

Im Garten erröten derweil die Kirschen an dem Baum, den die Herzdame und ich im letzten Jahr nach langer Überlegung radikal zurückgeschnitten haben. Und er trägt so viele Früchte, das haben wir wohl versehentlich richtig gemacht. Anfängerglück!

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Sie können hier Trinkgeld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, dann kaufe ich davon die Tomatensamen fürs nächste Jahr. Dem oben erwähnten Buch nach zu urteilen, werde ich trotz aller Bemühungen vermutlich nicht wissen, wo sie herkommen.

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Der Sommer war, bleibt, kommt

In Osteuropa geht es bergauf, deswegen pflückt hier keiner mehr Erdbeeren. Ein total kaputter Markt. Meine beiden kleinen Erntehelfer arbeiten noch ganz ohne Lohn, das ist natürlich angenehm. Allerdings essen sie auch die gesamte Ernte selbst auf. Irgendwas ist immer.

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Wal stirbt an acht Kilo Plastikmüll im Magen.

Hier geht es um einen Plastikfänger. Aus Plastik, eh klar.

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Wie alle Familien wirken wir auf Außenstehende sicher oft so, als hätten wir nicht alle Latten am Zaun, ein Eindruck, der sich jetzt allerdings nachhaltig bestätigt, wenn wir mit dem Auto irgendwo ankommen. Denn dann steigen wir aus und gehen um das Auto herum, wobei jeder jeweils immer wieder gründlich an einer Tür oder am Kofferraum rüttelt. So umkreisen wir in stiller Prozession das ruhende Gefährt, bis wir uns endlich zufrieden zunicken und weitergehen. Wie immer kann man alles logisch erklären, denn das etwas betagte Auto hat ein Problem mit der Zentralverriegelung und macht gerne nach dem Abschließen heimlich eine Tür wieder auf, man weiß aber nicht welche und wann, wie bei einem Glücksspiel. Weswegen man also überall mal anfassen muss. Und wenn man die heimlich entriegelte Tür dann aufmacht, zack, sind alle Türen wieder auf, großer Spaß, und dann fangen wir von vorne an.

Natürlich könnte man das Auto auch mal in eine Werkstatt fahren, aber das würde womöglich Geld kosten und so wichtig ist es dann doch nicht. Das Auto geht hier nicht vor und man gewöhnt sich schnell an seltsame Rituale. Sollten wir jemals ein neues Auto haben, vermutlich behalten wir dieses Verhalten einfach bei, so entstehen immerhin auch Religionen und Traditionen, denn es ist irgendwie schön und beruhigend, dieses “Das haben wir immer so gemacht.”.

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Ich stelle fest, dass mein Biorhythmus durch den Wind ist, und zwar nicht bezogen auf die Tageszeit, eher bezogen auf die Jahreszeit, und ich glaube, das kenne ich so gar nicht. Aber wenn man jetzt irgendwo draußen sitzt, mitten in dieser Sommervolldröhnung, die nur gestern und heute gerade mal aussetzt, dann wollen das Erleben und das Gefühl einfach nicht zu Anfang Juni passen, weil schon so viel Hitze hinter uns liegt. Das Gefühl geht eher Richtung Ende Juli und es wird dann wohl auch bald Herbst, denn zumindest als Hamburger haben wir die jährliche Sonnen- und Wärmeration eigentlich schon komplett verbraucht, da kann jetzt nicht mehr viel nachkommen. Wie es dann aber sein kann, dass noch gar keine Sommerferien waren – rätselhaft.

Tatsächlich kommen noch drei Sommermonate, was vollkommen unglaublich klingt. Es ist ein Sommer, der schon war, der noch kommt, der die ganze Zeit ist. Ein Phänomen.

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In Hammerbrook im Vorbeigehen gehört:

“Was ist sein neuer Job, wie nennt sich das jetzt?”

“Der ist jetzt Director.”

“Na, directen kann ja jeder.”

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Beim Orthopäden angerufen und nach einem dringenden Termin gefragt. Dann haben die Sprechstundenhilfe und ich sehr gelacht und schließlich irgendwas in vier Wochen gefunden. “Und das ist jetzt echt mal schnell”, sagte sie. “Es tut auch echt weh”, sagte ich, und dann lachten wir wieder, sie vielleicht etwas heiterer als ich.

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Apropos Orthopäde, ich möchte an dieser Stelle auch einmal Freundinnen und Freunde lobpreisen, die einfach in den Garten kommen und helfen. Ohne Namensnennung, versteht sich, alles Datenschutz! Aber weil ein Gartenweg z.B. in geradezu herkulischer Anstrengung von einem gewissen Helgoländer in wenigen Stunden angelegt worden ist, wird er jetzt für alle Zeiten Lung Wai genannt, der Weg, und ja, das ist ein Insider für Inselkenner. Und der Freundin, die in der Laube das Schlafzimmer gestrichen hat, ihrer wird fortan immer gedacht werden, wenn wir dort einmal nächtigen, denn der Raum ist bei näherer Betrachtung der einzige, der wirklich vernünftig gestrichen wurde. Es ist natürlich etwas schade, dass der Herr nicht Tiefbauer und die Dame nicht Malerin geworden sind, bei so offensichtlich ausgeprägten Begabungen, aber gut. Vielen Dank jedenfalls, Ihr seid super und das war eine beglückende Erfahrung.

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Sie können hier Trinkgeld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, dann kaufe ich davon vorgezogenen Rosenkohl, das passt zum Juni. Ich weiß, Sie mögen keinen – aber ich.

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