Bemerknisse am Elbdeich

Ich stehe im Osten von Hamburg am Elbdeich und sehe über das Wasser auf Gegenden, die nie zuvor ein Mensch … Na ja. Andere nennen es einfach Niedersachsen. Was ich eigentlich sagen wollte: Wie wunderbar rabiat so ein Deich die Landschaft vereinfacht. Minimalisten müssten am Deich wohnen. Gehen sie vor die Tür, ist da auf einer Seite immer nur der Deich, über den kann man nicht einmal drübergucken und der zieht sich, und wie der sich zieht. Stundenlang zieht der sich. Simpler geht es gar nicht, keine Optionen, keine Verlockungen, kein weiter Blick, nix als Deich, immer gleich hoch und nahezu endlos. Da könnten sie glücklich sein, die Anhänger des Wenigen. Am Sonntag fünf Kilometer am Deich entlang gehen, fünf Kilometer am Deich zurückgehen, dann wieder ab in die Wohnung, in der auch nichts ist, dann einmal Detox mit alles und scharf, da lacht das Herz.

Aber was ja stört, wenn wir mal kurz in die andere Richtung sehen, das sind diese Windkraftanlagen. Und zwar stören sie aus einem Grund, der bei den Meldunge zu ihren Nachteilen viel zu kurz kommt, so weit ich weiß, vielleicht weil man einen gewissen Sinn für Ästhetik braucht, um ihn überhaupt wahrzunehmen. Ich stehe vor, Moment, zehn Masten, die stehen da schnurgerade in einer Reihe und die riesigen Rotoren oben drehen sich, das hier ist Norddeutschland, natürlich drehen die sich, wir können Wind, wenn schon sonst nichts. Allerdings, und ich finde das wirklich furchtbar abstoßend, geradezu skandalös eigentlich, drehen die sich nicht im Takt. Jede einzelne Mühle dreht sich einfach irgendwie, synchron ist da gar nichts, nicht einmal zufällig ist da etwas synchron, dafür müsste man wohl fünfzig von den Dingern sehen. Im Grunde fällt der Blick also auf eine grauenvolle Unordnung, auf ein wirres Gezappel, auf einen Anblick gräßlich und gemein, jeden Menschen mit Sinn für Takt und Eleganz muss das auf Dauer fertigmachen.

Und man muss das jetzt natürlich beides zusammendenken, rechts der Deich, die eindeutige Linie, das stringente Durchhalten, das immerwährend Richtige und Notwendige – links dagegen die Mechanismen der Unordnung, die fehlgeleitete Unruhe, die gemeine Ablenkung, das koboldhafte Chaos. Und so ist es ja auch sonst, nicht wahr, größte Klarheit neben flattriger Verworrenheit, wir Menschen gleichen nämlich, liebe Gemeinde, asynchronen Windkraftanlagen am Deich. Sie müssen sich jetzt natürlich noch vorstellen, dass ich nach dem letzten Satz zur Verdeutlichung wild mit den Armen herumwedeln würde, ließen meine Gelenke das denn zu.

Seien Sie bloß froh, dass ich nicht Pastor geworden bin.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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