Déjeuner dinatoire

In der Harzreise von Heine gibt es eine Stelle, da trifft der Autor unterwegs einen Schäfer, es ist um die Mittagszeit, sie essen gemeinsam Käse und Brot am Wegesrand, was Heine dann als “déjeuner dinatoire” bezeichnet. Wäre es nicht nett gewesen, diese Bezeichnung hätte sich für so eine Mahlzeit durchgesetzt? Und man wüsste gar nicht, was ein Brunch ist? Ein Brantsch? Sowieso ein furchtbar klingendes Wort, dieser unangenehme Endlaut, äußerst unschön. Nach dem Brunch zieht der Mensch einen Flunsch, das klingt doch alles nicht, was so aufhört. Wobei ich nebenbei gerade sehe, dass manche Menschen wohl auch die Flunsch sagen, das habe ich ja noch nie gehört, das klingt dann für mich eher maritim, siehe auch Winsch. Hisst die Flunsch! Egal, wo war ich? Déjeuner dinatoire, so ein wunderschöner Begriff jedenfalls. Komm, wir treffen uns auf ein kleines déjeuner dinatoire. Das klingt doch so, als würde man dabei über Bücher und Bedeutendes reden, nicht über Business und Bullshit.

Ansonsten ist Heine gerade in Goslar, über Goslar weiß ich nichts, wie ich sowieso über den Harz nichts weiß. Einmal, es ist viele Jahre her, war ich mit einer Frau, die nicht die Herzdame war, so unvorstellbar lange ist das her, wild entschlossen, einen Urlaub im Harz zu verbringen, im Westharz damals, denn den anderen gab es noch gar nicht wirklich, also zumindest nicht aus westlicher Sicht. Man konnte damals noch nicht zu jeder Bude online zwanzig Bilder und dreißig Bewertungen prüfen, das Buchen von Urlaubsunterkünften war mehr so glücksspielartig und beruhte auf nichtssagenden Zweizeilern und winzigen Bildern in gedruckten Prospekten, wir hatten ja nichts. Wir wollten aber kein Glück – was ein Satz! -, wir wollten verlässliche Planung, also suchten wir uns nach den spärlichen Beschreibungen in den Reisekatalogen etwas aus und fuhren dann einfach kurzentschlossen an einem Sonntag hin, um es uns vor der Buchung genau anzusehen. Das Wort “romantisch” kam definitiv in der Beschreibung vor, den Rest habe ich natürlich vergessen, aber “romantisch”, das wollten wir haben, und zwar viel davon und mit alles. Im Atlas schien der Harz gar nicht so weit entfernt von Hamburg zu sein, die Fahrt dauerte dann aber viel länger, als wir es uns vorgestellt hatten. Viel, viel länger. Das tat der Stimmung nicht gerade gut, damit fing es schon an. Wenn man so liebesnestmäßige Ideen im Kopf hat, dann will man nicht in Niedersachsen auf der Autobahn herumstauen und sich dann, damals noch mit dem Finger auf der Landkarte herumsuchend, auf Landstraßen verfahren, zumal man bei der schwierigen Frage des Navigierens auch leicht aneinander gerät, wenn nicht sogar zwingend aneinander gerät.

Als wir das Hotel schließlich fanden, empfing uns die Hausherrin in reservierter Höflichkeit und führte uns herum, nachdem sie uns bei der Begrüßung einigermaßen erstaunt angesehen hatte – wir waren zu jung, wie uns schnell klar wurde. Aus ihrer Sicht gehörten wir eher in eine Jugendherberge oder auf einen Zeltplatz. Das Hotel war ein Albtraum an Spießigkeit, das allervermuffteste Etablissement, das wir uns nur vorstellen konnten. Ein liebloses Durchschnittsgebäude aus den Fünfzigern, bei dem man sofort nach dem Eintreten keine Luft mehr bekam. Mobiliar, Tapeten, Teppiche, Gäste, Kegelbahn, Partyraum, eines schlimmer als das andere, knietief in der Nachkriegszeit, konservativer und gestriger als Adenauer, und der Ausblick aus den Zimmern ging auf eine höchst gewöhnlich aussehende Wiese in enttäuschend unspektakulärer Hanglage und auf einen Parkplatz, der mit gepflegten Fahrzeugen der oberen Mittelklasse vollgestellt war. “Wir haben hier viele Stammgäste”, das hatte die Hausherrin gebetsmühlenartig wiederholt, “wir haben hier eigentlich nur Stammgäste. Aber wenn Sie ganz früh buchen …” Und ihr Blick sagte: “Tun Sie es nicht.”

Wir haben selbstverständlich nicht dort gebucht und sind keine Stammgäste geworden, wir haben uns sehr schnell zurückgezogen und versucht, unter freiem Himmel wieder normal zu atmen. Bis heute denke ich aber, dass der Harz gewiss irgendwo und irgendwie schön ist, wir haben es nur damals nicht gefunden.

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Musik! Im Laufe der Woche soll es ein Flöckchen schneien, sagt der Wetterbericht. Für diese ungewöhnliche Situation haben wir auch etwas.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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