Ich mag den hier zitierten Satz von Harari.

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Cool to meet you.

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Ich sehe am Sonntagnachmittag aus dem Fenster auf den Spielplatz. Ein Spielplatz an einem norddeutschen Wintertag ist ein übel trostloser Anblick. Nasse, ungenutzte Spielgeräte in Farben, die bei Sonnenschein einmal fröhlich wirken sollten, das zieht einen fast unweigerlich runter, mit solchen Einstellungen fangen unfrohe Familienfilme an, das kennt man. Zwei kleine Lebewesen können diesen Anblick in einer Sekunde verändern. Ein einziges Eichhörnchen etwa, das da munter von Baum zu Baum turnt, reicht schon aus, um alles viel lebendiger und niedlich wirken zu lassen, mehr so naturfilmmäßig, parkartig. Ein einzelnes Kleinkind wiederum, das ist verlässlich der endgültige Stimmungsuntergang. Denn viel schlimmer als ein leerer Spielplatz im Nieselregen ist ein Spielplatz im Nieselregen mit nur einem einzigen Kind darauf, mit nur einem Kind, das sich lustlos auf die Schaukel setzt oder unmotiviert das Klettergerüst halb ersteigt, dann da einfach auf halber Höhe unmotiviert hängenbleibt und in die Gegend guckt. Ein einzelnes Kind auf einem Spielplatz wirkt aus der Ferne immer furchtbar deprimierend, alle Kindheitseinsamkeiten von damals steigen im Betrachter hoch, alle je erlebten Verlassenheiten, alles Trübe und Sinnlose. Geht das Kind durch eine Pfütze, weil Kinder nun einmal durch Pfützen gehen, ganz alte Regel, höre ich unweigerlich die Werbung von damals: “Wenn Ihr Kind häufig lustlos ist …”

Wobei der kleine Mensch auf dem Spielplatz dabei vielleicht bestens gelaunt ist, während er da in seiner Pfütze steht, das kann natürlich sein. Aber Bilder sind stark.

Im Gezweig der Büsche am Rand des Platzes sitzt, nanu, ein Dompfaff. Seit dem letzten Winter schon warte ich darauf, hier endlich mal eine andere Vogelart als Meise, Rotkehlchen, Taube, Eichelhäher, Möwe und Krähe zu sehen, nie war auch nur ein einziger weiterer Vogel vor dem Fenster. Jetzt aber endlich, da ist er, der Dompfaff. Ich habe seit Ewigkeiten keinen Dompfaff mehr gesehen, obwohl der in Deutschland gar nicht so selten ist, er kommt nur einfach bei uns nicht vor. Er braucht wohl Fichten, um sich wohl zu fühlen, sagt die Wikipedia. Ich überlege, wo hier die nächste Fichte steht, mir fällt keine ein, also abgesehen von den ruinierten Weihnachtsbäumen am Straßenrand, aber die stehen ja auch nicht. Ich gehe im Geiste den ganzen Stadtteil durch, nirgendwo steht eine Fichte, glaube ich. Wenn ich ein Dompfaff wäre, ich würde hier vermutlich auch nur durchreisen. Die Wikipedia sagt ferner, dass sich der Dompfaff durch die Form seiner Spermien von allen anderen Sperlingsarten unterscheidet. Die Information hilft mir nicht weiter, aber vermutlich merke ich mir das jetzt lebenslang, ich habe so eine Ahnung.

Die roten Federn des Dompfaffs leuchten wie unwirklich, der Vogel ist tatsächlich der einzige Farbfleck weit und breit, alles andere im Blickfeld ist schlammfarben, grau, schwarz, moderig, steinern, verblasst, verrottet, erdig. Wenn ich mich nicht an den Dompfaff in Lübeck erinnern könnte, der in meiner Kindheit ein ganz normaler und üblicher Vogel war, er würde mir jetzt wie ein abgefahren exotischer Vogel vorkommen, so bunt wie er wirkt, so ungewöhnlich und deplatziert, wie er da auf dem Zweig sitzt und auffällt wie ein Clown im Großraumbüro einer Versicherung.

Früher, so lese ich, früher wurde er oft im Hintergrund von Paradiesbildern dargestellt, warum auch immer. Vorne Adam und Eva, hinten der Vogel im Dickicht. Ein Garten Eden ist der Spielplatz vor meinem Fenster sicher nicht.

“Im Winter in Mitteleuropa einfliegende nordische Gimpel der Unterart P. p. pyrrhula lassen sich deutlich am Ruf von den hier brütenden Vögeln der Unterart P. p. europaea unterscheiden: Statt des weichen “djü” erklingt ein “dööd”, welches stark an die doppelläufigen Spielzeugtröten aus Plastik erinnert.”

Statt djü ein dööd! Es gibt Tage, da möchte ich beruflich was mit Vogellauten machen, etwa im Park sitzen, lauschen und mitschreiben. Ich stelle mir vor, dass man eine lange Ausbildung braucht, um ein düdelö sicher und fachgerecht von einem tüdelüt zu unterscheiden, ich stelle mir vor, dass man mehrere Jahre des demütigen Lernens braucht, bevor man irgendwann allseits anerkannter Experte wird und dann vollkommen souverän vor interessiertem Publikum: “Das war ein düd” dozieren kann.

Aber ich ahne schon, davon könnte man auch wieder nicht leben.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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