55 bis zum Ziel

Ich stelle mit Bedauern fest, dass auch meine Twitter-Timeline immer unlesbarer wird, da dort fortwährend über Stöckchen von rechtsaußen gesprungen wird, als gäbe es dazu keine bereits hundertfach geteilten erhellenden Erkenntnisse, diese Unbelehrbarkeit sitzt wohl wirklich tief. Und wenn gerade kein Stöckchen gereicht wird, dann findet man sonst einen Anlass, sich über richtiges oder falsches Verhalten in die Haare zu kriegen, ein Schulhof ist überhaupt nichts dagegen. Es ist ein wenig schade, ist es nicht? Mit so etwas möchte ich eigentlich keine Zeit verbringen und merke, dass ich im Moment eher aus nostalgischen Gründen weiter dabei bleibe.

Siehe übrigens auch Kiki und die Kommentare, das ist doch alles nicht mehr richtig so. Man möchte recht vehement mit dem Krückstock fuchteln.

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Auf dem Rückweg von der Arbeit komme ich an einem Obdachlosen vorbei, der seine ziemlich eindeutig nach gesammeltem Müll aussehende Habe auf mehrere Rolldinger verteilt mit sich führt. Er hält in einer Bahnunterführung Reden, das tut er vermutlich schon den ganzen Tag, wild gestikulierend mit beiden Armen. Er trägt etwas auf dem Kopf, das sieht aus wie die Fliegermütze von Snoopy, dazu eine Sonnenbrille  und irgendetwas an Bastelei auf der Nase. er zeigt auf mich und ruft mir zu: ”Noch 55 bis zum Ziel!” Dann folgen mir kryptisch bleibende, weit ausladende Gesten. Aber der Satz war immerhin klar und wer schon einmal einen Fantasyroman gelesen oder ein Computerspiel über ein paar Level durchgeklickt hat, der nimmt so etwas ja nicht auf die leichte Schulter. Was aber kann es bloß heißen? Noch 55 Jahre, dann bin ich 108, ist das noch Optimismus? Noch 55 Tage, Wochen, Monate, Stunden, es gibt einfach zu viele Möglichkeiten, das führt so zu nichts. Noch 55 Meter vielleicht! Ich gehe mangels Metermaß 55 Schritte, da stehe ich vor einem Supermarkt mit einem sprechenden Namen, daraus kann ich jetzt ableiten: Das Ziel ist real. Das klingt allerdings wie im Sozialismus und hilft mir auch nicht weiter, denn was genau ist jetzt das Ziel? Und was ist real? Als ob man das immer parat hätte.

Der Obdachlose bleibt zurück, sieht mir nach und lacht, bestimmt hätte ich sofort auf die Lösung kommen müssen, bestimmt war es so ein Rätsel, das die Söhne sofort herausbekommen hätten, das kenne ich von ihren Spielen. Nun. Bleibe ich wohl noch etwas länger auf diesem Level hängen.

Vielleicht ja 55 Blogeinträge lang? Ich muss weiter nachdenken.

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Musik! The Jolly Boys.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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