Mit fröhlichem Winken

Eine Kreditkarte pro Woche

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Bitte, bitte mehr Verbote & Das Land braucht mehr Verbote

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Der Sohn mit dem eingegipsten Fuß sieht auf einmal überall andere Menschen mit gebrochenen und gegipsten Gliedmaßen auf der Straße, da schon wieder und da! Das Eingegipstsein bestimmt das Bewusstsein, das haben wir dann gleich ausführlich diskutiert.

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Ich habe “Frankenstein” von Mary Shelley angefangen, in der Übersetzung von Karl Bruno Leder und Gerd Leetz. Davon bin ich gar nicht mal so angetan, schon der Einstieg in die Rahmenhandlung ist doch etwas plump, ist er nicht? Und die Erzählung etwas nervtötend wehleidig? Aber egal, das Buch aus der Büchergilde hat immerhin schöne Illustrationen von Martin Stark, da kann man vom Text ja auch einmal abschweifen. Ich bin aber nicht sicher, ob ich das ganz lesen möchte.

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Begeistert war ich dagegen von den Essays der Virginia Woolf: “Der Tod des Falters”, Deutsch von Hannelore Faden und Joachim A. Frank. Schon der erste Text, alter Schwede, wie viel Intelligenz auf ein paar Seiten passt. Virginia Woolf habe ich auch noch nie gelesen, dieses Frauennachholprogramm, das ich bei Büchern gerade recht konsequent durchziehe, das lohnt sich enorm.

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In diesem Text über die Tagebücher von Alice Schmidt habe ich die Abkürzung “WaT” sehr gemocht.

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Ich war wieder auf einer Veranstaltung der Körber-Stiftung, diesmal war es ein Gespräch zwischen Irina Scherbakowa und Jörg Ganzenmüller. Ich kannte keinen der beiden vorher und habe erst kurz vor Beginn die Fachkompetenz der beiden nachgelesen, die es allerdings in sich hat, hier sie und hier er. Das sind allerdings wieder so Kompetenznachweise, bei deren Lektüre ich merke, dass ich von eher gar nichts eine Ahnung habe – das aber seltsam textreich.

Das Thema des verblüffend gut besuchten Abends war “Wenn das Private politisch ist”, was im Kontext von Diktaturerfahrungen zu verstehen war, nicht im Sinne der auch in Blogs oft geführten Diskussion über die politischen Aspekte “unseres” Privatlebens, wobei es natürlich mehrere Verbindungslinien gibt. Eine hörte ich aus einem Nebensatz, der besagte: “Auch Literatur formt am kollektiven Gedächtnis”. Wenn man also Blogs als Literatur betrachten möchte – et voilà.

Es ging aber vor allem um den Bruch zwischen privaten Erinnerungen und dem staatlichem Gedenken nach Diktaturerfahrungen. Wer da aufgrund aktueller Diskussionen sofort an die DDR denkt, der liegt nicht ganz falsch, die kam auch ausführlich vor, etwa mit der Frage, was es denn heißt, wenn die eigene Erinnerung keinen Platz im allgemeinen Gedächtnis einer Gesellschaft findet. Ich habe seitenlang mitgeschrieben, allmählich gewöhne ich mich an diese Art, Termine wahrzunehmen und ich denke, das gefällt mir. Ob sich daraus etwas fürs Blog ergibt, das muss ich noch sehen.

Heute wird die Zeit sowieso nicht reichen, aber ganz unabhängig davon merke ich, was natürlich eine Binse ist, dass mir das Mitschreiben nämlich geistig gut bekommt, sofern man das überhaupt selbst beurteilen kann oder auch nur darf. Ich meine jedenfalls, mit ausführlicher Mitschrift deutlich mehr von solchen Leuten und solchen Themen zu haben, ganz egal, ob das hier nun später ein Text wird oder nicht, das ist bei mir ja eh keine Pflichtaufgabe. Na, irgendwas fließt hier oder in Kolumnen immer ein, und sei es Jahre später.

Was ich sagen wollte – jene Irina Scherbakowa also, zu ihr dann doch schnell und trotz des Zeitdrucks heute zwei knappe Bemerknisse. Nämlich erstens war sie, die ich vorher, wie gesagt, gar nicht kannte, mir gerade erstmalig begegnet, als ich auf dem Rückweg von der Veranstaltung auf dem Handy Nachrichten las und auf diesen Artikel stieß, in dem sie ausführlich zitiert wird, und das auch noch mit Sätzen, die sie da auf der Bühne ebenfalls von sich gegeben hat. Da habe ich dann doch gestaunt und im Geiste wieder dem Freundeskreis Zufall fröhlich zugewunken.

Zweitens hat sie ein Buch geschrieben, das ich wohl lesen werde, diesen Tipp reiche ich also schon einmal durch: “Die Hände meines Vaters”. Aus dem Russischen von Susanne Scholl, der Verlag schafft es leider nicht, den Namen der Übersetzerin auf der Seite zu nennen. Schlimm.

Und morgen schon wieder ein Termin! Ich werde mehr Notizbücher brauchen.

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Musik! Hope Sandoval.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank.

Gro, gula und gritten

In dem neulich erwähnten Buch “Nordsee” von Tom Blass (Deutsch Tobias Rothenbücher) habe ich drei Wörter gefunden, es sind die hier titelgebenden gro, gula und gritten, die klingen ein wenig nach mittelalterlichem Zauberspruch oder nach einem Fluch aus einem Fantasy-Roman, nach einem irgendwie bannenden Satz, in einer Hütte über einem Kessel gemurmelt, während von West dunkle Wolken heranziehen. Es sind aber Begriffe aus Norn, einer längst untergegangenen Sprache, die auf den Shetlandinseln gesprochen wurde. Sie klingen also nach dem alten Norden, der so oft als Vorlage für Fantasy-Fiction genommen wird, wobei “klingen” natürlich gar nicht passt, denn wir wissen ja nicht, wie sie korrekt ausgesprochen wurden, die drei.

Sie bezeichnen zunehmende Windstärken, leider stand nicht dabei, in welcher Reihenfolge. Ich stelle mir vor, dass gritten für windig steht, und windig wird es auf den Shetlandinseln so gut wie immer sein, immer gewesen sein, gritten ist also normal. Es fällt nur auf, wenn es nicht gritten ist, dann stimmt da etwas nicht, das kennt man auch aus Nordfriesland und von den Inseln dort, wenn es da windstill ist, dann sagen es alle, so sehr fällt das auf: “Windstill heute, was?” “Jo.” Gritten ist windig, gritten ist frisch und richtig. Gula ist dann schon ein handfester Sturm, da weht schon einiges durch die Gegend, da sieht es für Schiffe schon ziemlich schlecht aus, da geht man freiwillig auch nicht mehr unbedingt raus, und wenn man sich die längst verblichenen Sprecher des Norn als eher maulfaule Menschen vorstellt, dann haben sie an einem stürmischen Tag nichts anderes gesagt als ein geknurrtes “Gula!” nach einem morgendlichen Blick aus dem Fenster auf das Dreckswetter. Gula versaut einem den Tag, jedenfalls, wenn man draußen etwas vorhatte, und man muss ja nach den Schafen und Pferden sehen.

Gro schließlich ist der Extremfall, der Orkan, der Sturmflutenbringer, der wahre Unhold von Sturm, von dem man sich noch lange erzählt, der Berserker von Wind, der Dächer, Häuser, Schiffe und Mannschaften mit sich nimmt, und wie gut bitte passt da diese eine Silbe. Gro! Mit gerolltem R, es kann doch gar nicht anders sein.

Theoretisch könnte die Reihenfolge auch andersherum sein, schon klar, aber das passt dann nicht so schön, finde ich.

Gro, gula und gritten. Ich bin ganz verliebt.

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Auf der Straße in Hammerbrook kommt mir eine Frau entgegen, die spricht unentwegt vor sich hin. Eine dieser Verrückten ist das, die den ganzen Tag reden, davon gibt es viele in Großstädten. Sie ist nicht verwahrlost und heruntergekommen, es hat sie einfach nur von innen zerrissen, die Fassade steht noch. Wild gestikulierend und keifend geht sie da entlang und redet mit ihren eigenen Geistern. Sie zischt die Laute in “Pisse” und “Scheiße”, Spucke sprüht, sie benutzt diese Ausdrücke immer wieder und voller Wut, nein, voller Hass, voller rot glühendem Hass. Sie schimpft auf irgendwen oder auf irgendwas, wer weiß, es ist dem Wortschwall nicht zu entnehmen, die Sätze gehen wild durcheinander und mit der Grammatik ist es auch so eine Sache, vermutlich aber ist die ganze Welt ganz außerordentlich verdammungswürdig. Die Menschen sehen kurz hoch und machen lieber einen Bogen um sie. Sie droht den Passanten mit der Faust und ruft ihnen nach, dass sie sich ja verpisssen sollen, das Wort hat sechs oder mehr S, wenn sie es ausspricht, wenn sie es unter hohem Druck auszischt, sie wiederholt es jeweils mehrmals und auf den ersten Blick nimmt man schon wahr, wie anstrengend dieser immer weiter sprudelnde Hass für sie sein muss. Sie legt ihre ganze Energie in die Beschimpfungen, und wenn sie das den ganzen Tag macht, das zehrt.

Sie geht die Straße entlang und sucht Angriffsziele, sie geht auf einen Menschen zu, dann auf den nächsten, dann bleibt sie vor einem Plakat mit unverschämt lachenden Menschen darauf stehen, die sollen sich gefälligst auch verpissen, so eine Scheiße, was grinsen die da. Es kocht, es gärt und brodelt in ihr, und im umkurvenden Vorbeigehen denkt man sich kurz: “Na, wenigstens ist sie gerade nicht online.”

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Musik! Hurra, die Welt geht unter, gehört neulich auf der Fridays-for-future-Demo.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Das Kind erscheint auf seinem Roller

Vor dem Absturz

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Richard Gutjahr über den Kampf gegen Hatespeech.

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We suffer from plant blindness. Animals are cute, important and diverse but I am absolutely shocked how a similar level of awareness and interest is missing for plants.

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Riace im Visier der Lega. Ich komme ja nicht oft zu Hörformaten, aber das hier dann doch einmal beim Bügeln gehört. 52 Minuten! So viele Hemden habe ich gar nicht, ich musste dann noch etwas sinnlos neben dem Bügelbrett herumstehen.

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Parkplatzrückbau in Amsterdam. Wobei auch hier gilt, was ich neulich geschrieben habe, es ist gar nicht Amsterdam gemeint, sondern die Innenstadt. Dennoch interessant, versteht sich.

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Ein Bemerknis beim Lesen von Gabriele Wohmann (gerade durch: “Frauen machen es am späten Nachmittag”, worinnen ich wieder mehrere Geschichten ganz ausgezeichnet fand) – würde ich gerade Germanistik studieren, ich hätte eine schöne Idee für ein Abschlussarbeitsthema. Moment, ich formuliere das gleich mal halbwegs korrekt, etwa so: “Das Vordringen der Computer in die deutsche Kurzgeschichte am Beispiel des Werks von Gabriele Wohmann.” Ein schönes Thema, glauben Sie mir, denn die Wohmann betrachtet dieses Vordringen recht skeptisch und misstrauisch. Der gekonnte Umgang mit digitalen Geräten fällt bei ihren Personen fast unweigerlich mit eher zweifelhaften Charakterzügen zusammen. Das Hadern mit der Nutzung ist historisch schon fast vergessen, aber die Erinnerung kommt einem doch wieder, wenn man diese Geschichten liest. Wie etwa in diesem zuletzt gelesenen Band jemand sich gegenüber seiner Frau etwas darauf einbildet, dass er seine Arbeit mit einem völlig abgefahrenen Gerät namens Maus erledigen kann, sie aber nicht, dass er überhaupt konsequent vor einem Bildschirm sitzt, während sie noch hartnäckig die Schreibmaschine verteidigt, wobei genau genommen sie sich einbildet, dass er sich etwas einbildet … also wenn man sich beim Lesen nur auf diesen Aspekt kapriziert, das ist im Grunde schon ganz großes Kino.

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Zu Pfingsten hatten wir überhaupt nichts vor, es gab im Familienkalender keinen Eintrag, nicht einmal ein kleines Terminchen, also hat sich ein Sohn einen Fuß gebrochen. Bzw. einen Teil davon, aber egal, wen interessieren Details. So gebrochen jedenfalls, dass man damit ins Krankenhaus musste und den ganzen Pfingstsonntag über dann auch gar nicht mehr über ein weiteres Programm nachdenken musste. Denn Lücken aller Art füllen sich nun einmal oft von selbst, es war im Grunde ein schlimmer Anfängerfehler. Demnächst wieder Fake-Termine in den Kalender schreiben, um so etwas zu verhindern! Dies auch als Tipp für andere Eltern, wenn Sie irgendwann zuhause bemerken: “Oh, wir haben ja tagelang gar nichts vor!”, wenn Sie dann ganz genau hinhören, in die Stille nach diesem Satz, dann hören Sie den Teufel schon leise lachen.

Ich habe den kaputten Sohn auf seinen Tretroller gestellt und in die Notaufnahme geschoben, wo die Ärztin mich groß ansah und sagte, dass habe sie ja noch nie gesehen, dass jemand mit dem Roller … da wiederum guckte ich sehr verblüfft, denn das ist doch nun wirklich enorm naheliegend. Dachte ich jedenfalls, aber vielleicht liegen praktische Lösungen auch einfach nicht mehr im Trend und die Eltern von heute fahren ihre lädierten Kinder eher mit dem SUV bis ins Behandlungszimmer, was weiß ich denn, das kann doch sein. Mich wundert ja nichts mehr. Jedenfalls war es so bemerkenswert, es steht jetzt sogar im Arztbrief: “Das Kind erscheint auf seinem Roller in der Notaufnahme.”

So sind wir also schon wieder irgendwie aufgefallen, immerhin passen Erscheinungen aber ganz gut zu Pfingsten, wenn ich das aus dem Religionsunterricht noch recht erinnere. Es ist lange her.

Aufs Röntgen mussten wir dann lange, lange warten und der beschädigte Sohn hüpfte auf dem linken Bein gelangweilt durchs Wartezimmer, wo ihm ein Mädchen entgegenkam, dass dort auf dem rechten Bein hüpfte, aus sehr vergleichbarem Grund. Die beiden passierten sich bewundernswert souverän in harmonisch perfekt gespiegelten Bewegungsabläufen, als sei es völlig normal, sich so fortzubewegen, sie grinsten sich auch nicht an oder grüßten sich gar, nein, nichts dergleichen, sie hüpften nur aneinander vorbei ohne sich weiter zur Kenntnis zu nehmen. Kinder gewöhnen sich immer sofort an alles, es ist wirklich bewundernswert.

Der Sohn bekam Unterarmgehstützen, so nämlich benennt man heute Krücken im medizinischen Kontext korrekt, das Wort Krücken darf dort gar nicht mehr benutzt werden, wurde mir erklärt. Weil es auch Oberarmgehstützen gibt, die es zu unterscheiden gilt? Weil der Begriff Krücke die Unterarmgehstütze beleidigt und abwertet? Ich weiß es nicht. Wie klingt das dann bei den Brüdern Grimm?

“Da ging auf einmal die Türe auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Unterarmgehstütze stützte, kam herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, daß sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten.”

Nun ja.

Aber wo wir schon bei dem Thema waren, wurde mir auch erklärt, dass sie in Berichten nicht mehr Windeln schreiben dürfen. Windeln heißen bei ihnen jetzt Schutzhosen, worüber sich alle prächtig amüsierten. Schutzhosen! Ein Brüller. Also in Medizinkreisen jedenfalls.

Ärztin: “Du kannst jetzt mit dem Gips mindestens drei Wochen keinen Sport machen.”

Sohn: “Aber Reiten geht, ne.”

Da sieht man dann wieder, was Motivation alles ausmacht! Und nein, Reiten geht nicht, natürlich nicht.

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Der Sohn wollte danach in den Garten, also habe ich ihn auch da hingeschoben, mit ein wenig Hilfe der Hamburger S-Bahn, versteht sich, natürlich nicht die ganze Strecke. Ich habe das vielleicht noch gar nicht beschrieben, was passiert, wenn man auf die Billerhuder Insel zugeht, fällt mir ein. Aber wir hatten das Thema Fußgänger ja gerade erst, da passt das also schon. Es fühlt sich ein wenig so an – und im Auto bekommt man das selbstverständlich überhaupt nicht mit – als würden die Häuser auf einmal zurücktreten. Plötzlich geht der Himmel großstadtuntypisch weit in die Breite und es zeigt sich ein ganz seltsames Bild. Das Bild ist man im urbanen Kontext nicht gewohnt, man kennt es eher aus der Erinnerung, es nennt sich Landschaft. Also eine Ahnung von Landschaft zumindest, man darf da nicht allzu kritisch sein, man muss auch die Augen ein wenig zusammen kneifen und ja, etwas Fantasie braucht es ebenfalls, keine Frage.

Und doch ist es Landschaft. Und doch ist es ungeheuer beruhigend, das zu sehen, es ist eine Labsal für die Seele und für die Augen, die von der Millionenstadt nur noch kurze Distanzen und Mauern überall gewohnt sind. Wenn ich das sehe, dieses kleine Stück Landschaft, dann gewinnt auch der Name der Insel etwas dazu, einen ganz anderen Klang gewinnt der, er erinnert auf einmal nicht mehr an einen Hamburger Stadtteil, er erinnert durch dieses Bild eher an eine Gegend. Billerhude, wo kann das sein, in Schleswig-Holstein oder in Niedersachsen vielleicht. Billerhude, eine Landschaft mit Fluß darin muss es sein, das hört man doch.

Das ist aber natürlich alles Unsinn. In Wahrheit ist das alles mitten in der Stadt, zentral gelegen geradezu, ringsum ist alles kilometerweit von der Metropole zersiedelt und in Grund und Boden bewohnt. Solche Bilder wie das Folgende, das sind nur mühsam abgezirkelte Ausschnitte.

 

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Musik zum Sonnenuntergang! Ali Farka Touré.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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44 und 10000

Ich hatte im Artikel zur Rede von Liao Yiwu zum Exil seine Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache erwähnt. Gerade finde ich eine passende Stelle in den Tagebüchern des Ungarn Sándor Márai, geschrieben in den USA:

“Für jede Emigration ist es ein Schicksalsproblem, inwieweit der Emigrant bereit ist, sich auf Kosten der Muttersprache die Sprache der neuen Gemeinschaft anzueignen. Für Exilschriftsteller ist das keine Frage, denn wenn sie sich von der Muttersprache lösen und in einer fremden Sprache zu schreiben versuchen, zerschneiden sie die Nabelschnur, die sie mit der lebensspendenden Muttersprache verbindet und die ihr Selbstbewusstsein, ihre schriftstellerischen Fähigkeiten speist. Man kann sehr wohl Gedanken in einer fremden Sprache schriftlich ausdrücken, aber “schreiben”, also schöpfen, kann man nur in der Muttersprache. Das war für mich kein Geheimnis, als ich vor sechsunddreißig Jahren Ungarn verließ: Wohin es mich verschlägt, dort werde ich ein ungarischer Schriftsteller sein.” (Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki)

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Sehr passend: Völlig fasziniert starre ich auf einen Text von mir in russischer Sprache. Nichts davon kann ich lesen. Toll.

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Ich war auf einer Veranstaltung zu Mobilität und Verkehrsplanung, es ging u.a. um den “Charme des Flanierens”. Da ging ich etwas unzufrieden wieder weg, was aber zum großen Teil an mir selbst lag, denn das Thema habe ich für den Wirtschaftsteil jahrelang recht intensiv verfolgt, da kann ich also schlecht zu einem Vortrag gehen und sagen: “Überraschen Sie mich!” Natürlich gab es dort all die Beispiele, die es immer gibt, natürlich wurden die Städte mit den autofreien Zonen und den tollen Radwegen und den lebendigen Quartieren erwähnt, die in jedem Artikel zum Thema erwähnt werden. Immerhin wies jemand aus dem Publikum darauf hin, dass man da nicht ganz korrekt jeweils die Städte erwähnt, geht es doch meistens nur um die Innenstädte oder um bestimmte Viertel. Vermutlich gibt es weltweit keine einzige Stadt, die in ihrer Gesamtheit als tolles Beispiel für irgendwas dienen kann.

“Wer Stadt und Architektur erfahren will, sollte nicht fahren”, das war ein Satz, der da zitiert wurde, ich habe leider nicht notiert, wer das gesagt hat. Der Satz passt jedenfalls in einem gewissen Sinne zu einer Erfahrung, die sowohl die Herzdame als ich gerade machen, ganz unabhängig voneinander: Radfahren ist hier und in den Nachbarstadtteilen so dermaßen gefährlich und stressig geworden, es macht einfach überhaupt keinen Spaß mehr und über den Claim “Fahrradstadt” kann ich nur lachen. Mit dem Auto zu fahren finde ich aber bekanntlich ähnlich absurd, was also heißt, wohl fühle ich mich nur im Nahverkehr und zu Fuß. Zu Fuß kommt man nicht so weit, das macht nichts. “Die Frage ist”, so hieß es an diesem Abend, “welche Chancen hat man, sich in seiner Langsamkeit wohlzufühlen?” Und das immerhin ist ja eine Frage, die man sich auf den Wegen durchs Viertel tatsächlich mal stellen kann. Na, aber das nur am Rande.

Mitgenommen habe ich noch zwei Zahlen: Zum einen 44%: Das ist der der Anteil aller Hamburger Autofahrten, die kürzer als fünf Kilometer sind. Also beste theoretische Fahrradentfernung, vielleicht künftig auch E-Roller-Entfernung, weiß der Geier, da raten alle gerade herum, auch die Verkehrsexperten. Zum anderen: 10000 Menschen braucht es auf einem Quadratkilometer, damit ein Vollsortimentsupermarkt dauerhaft laufen kann. Aus der Zahl kann ich nichts direkt ableiten, aber das ist doch wieder cool für den Smalltalk, so etwas zu wissen. Als ob ich jemals Smalltalk machen würde! Wer hat denn Zeit für so etwas, ich muss ja immer früher los. Ich gehe zu Fuß, ich brauche länger.

 

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Überrascht hat mich, dass der vortragende Herr mit Stadtgrün wenig anfangen konnte. Das fand er eher lapidar und höchstens am Rande bedeutsam, nicht wesentlich und deutlich unterhalb seines fachlichen Interesses. Und da bin ich mir nicht ganz sicher, ob das 2019 wirklich noch eine Frage des Interesses oder schon eine Weiterbildungslücke ist.

Na, egal. 44% und 10000, das immerhin habe ich mir gemerkt.

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Musik! Ein Herr mit interessanter Mimik und dem ersten Reggae-Song, der weltweit ein Erfolg wurde. Wenn ich das richtig erinnere. Laut der Wikipedia steht das Wort “Israelites” in der jamaikanischen Umgangssprache für Leiden, Armut, Hunger – habe ich das nach all den Jahren also auch einmal verstanden.

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79 40

Schweden fahren öfter Zug.

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Klimanotstand auch in Bochum, demnächst dann in Ihrer Stadt?

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Überaus vernünftige Karriere-Pläne.

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Es gibt ein Buch, das dem Jahr 1979 eine besondere Bedeutung zuweist (hier gelesen). Das kann ich historisch nicht recht beurteilen, ich habe das Buch auch noch nicht gelesen, würde es aber immerhin glatt tun, wenn es mir demnächst in der Bücherei über den Weg laufen sollte. 1979, das Jahr kann ich sogar halbwegs einsortieren, was mir sonst eher schwer fällt, ich habe es nicht so mit Jahreszahlen und verstehe Leute nicht, die zu jedem ihnen zugerufenen Jahr aus dem Stand ihre damalige Lebenssituation referieren können, ohne irgendwas nachzusehen. Ich kann das nicht, bei mir verschwimmt immer alles, aber die letzten 15 Jahre kann ich immerhin ganz gut hier im Blog nachlesen, falls da jemals Bedarf bestehen sollte, und 2007 und 2009 wurden die Söhne geboren, das vereinfacht die Orientierung zumindest in diesem Zeitraum etwas.

1979 jedenfalls: Das erste komplette Travemünde-Jahr und das Jahr, in dem politisches Interesse auf einmal schulisch relevant wurde. Man hatte als Gymnasiast nämlich quarta-aufwärts Zeitung zu lesen, also eine Zeitung neben der Regionalzeitung, versteht sich, so tickte man damals ja noch, die Regionalzeitung war eh gesetzt, das waren also die Lübecker Nachrichten, für die ich heute Kolumnen schreibe. In Frage kamen als Zeitungen von Rang die SZ, die Zeit, die FAZ und auch noch die FR. Bei der Welt kann ich mich nicht mehr erinnern, vielleicht kam die auch in Betracht, das mag sein, und es gab bald auch Freaks, die ab und zu den Guardian oder den Observer lasen, Streber erster Klasse. Die Geschichts- und Erdkundelehrer legten gesteigerten Wert auf diese Lektüre, denn ohne Zeitung, besonders ohne den Politik-Teil, so sagten sie, war eine ernsthafte Karriere als interessierter Bürger ganz und gar  ausgeschlossen. Ich fing also mit dem Zeug an und kam bald voll drauf, ich las die Zeit. Allerdings nicht aus bedachter Wahl, sondern weil die eben zuhause herumlag. Die und der Spiegel und auch der Stern, der als Magazin damals noch ganz normal in Betracht kam und nicht weiter peinlich war. Ich verstand ein Viertel oder noch viel weniger von der Zeit, es gab ja keine sinnige Vorbereitung durch Kindernachrichtensendungen oder dergleichen, aber ich las doch immer weiter. Ich versuchte, mir die Namen aus der Politik und auch aus dem Feuilleton zu merken, ich versuchte irgendwann, eine sinnige Meinung zu haben oder wenigstens zu raten, welche denn wohl warum richtig sein könnte, das mache ich im Grunde natürlich heute noch. Ich kam irgendwann darauf, dass die Lehrer gar nicht mit allem Recht hatten und dass es neben ihrer rabiat-konservativen Weltsicht auch noch andere Möglichkeiten gab.

Wenn also ausgerechnet 1979 tatsächlich irgendwie von Bedeutung ist, dann kann ich jetzt mit mir selbst auf vierzig Jahre politisches Interesse anstoßen. Prost! Es gibt hier allerdings gerade nur alkoholfreis Bier, das muss reichen.

Und da die Grünen (1979 noch knapp vor der bundesweiten Parteigründung und aus Lehrersicht eine höchst alberne Truppe) gerade gestern in Umfragen erstmals zur stärksten Partei avancierten, möchte ich den Lehrkräften von damals aus meiner mittlerweile erwachsenen und angemessen durchdachten Position doch einmal ein entschlossenes “Nänänä!” nach einigen Jahrzehnten Meinungsbildung zurufen. Doch, so viel Feierei darf schon sein.

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Musik! a-ha. Und all die gebrochenen Herzen im Publikum und das Tränchen bei 1:50.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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