Moped, Roller und Rollator

Der Sommer 2019 könnte als die große Umbruchszeit in die Menschheitsgeschichte eingehen, in der das Überschreiten der Kipppunke des globalen Klimasystems evident wurde – falls in den kommenden Dekaden überhaupt noch so etwas wie Geschichtswissenschaft betrieben werden sollte.

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Im Vorübergehen gehört, vor einem Fachgeschäft für E-Bikes:

„Alter, die Preise! Da kann ich mir ja gleich ein Moped kaufen!“

„Ja geil, ein Moped!“

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Neues von den E-Rollern: Ich habe hier noch einen Hamburger Testbericht gefunden. Und vor unserer Tiefgarage stand heute einer wildwest abgestellt in der Einfahrt und im Weg. Den hat sich ein heimkommender Nachbar wütend gegriffen und weggestellt, wobei das ein stark beschönigender Ausdruck ist, sagen wir ehrlicher, er hat ihn zwei Meter weiter mit Schmackes gegen die Wand geknallt. So sammele ich jeden Tag einen weiteren Moment ein, positiven Szenen mit den Dingern fehlen aber nach wie vor.

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In einer etwas stillen Nebenstraße in unserem kleinen Bahnhofsviertel kommt mir ein etwas seltsames Gespann entgegen, zwei alte Männer sind es. Einer sitzt in abenteuerlicher Haltung auf seinem Rollator, es sieht ein wenig aus, als würde er ihn gleich zureiten wollen, der andere schiebt das Ding mit vollem Einsatz, was bei beim Passieren von Kantsteinen ziemlich halsbrecherisch aussieht. Um Unwuchten auszugleichen, werden etliche Körperteile eingesetzt und bei Bedarf hochgeworfen – wenn man sich Senioren als Vertreter von Würde und Ruhe vorstellt, dann verhalten sich die beiden da eindeutig unziemlich.

Der Rollator wird gerade mit Schwung hinter ein parkendes Auto geschoben, als ich die beiden erreiche, aus der Position hinter dem Wagen strecken beide Herren kichernd die Köpfe vor und fragen: „Kommt er? Kommt er? Sieht er uns?“ Es ist recht eindeutig, die spielen da Verstecken mit irgendwem, den ich jedenfalls nicht sehen kann.

Und das ist dann also die beruhigende Nachricht des Tages, man kann noch so alt und klapperig werden, das ist noch lange kein Grund, dabei nicht albern und vergnügt zu sein. Wir wollen darauf hinarbeiten, nicht wahr.

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Ich schreibe offline in der Laube. Der Himmel ist grau und es ist windig und kühl, es ist zudem ein Werktag, in den Gärten ringsum ist kein Mensch. Nur die Herzdame und ich betrachten das hier heute als Gartenspaß, wir müssen zudem die Woche ohne Söhne unbedingt nutzen. Ich sitze drinnen und mache was mit Text, sie steht vor der Laube und entkernt kiloweise frisch geerntete Kirschen mit so einem seltsamen Gerät, das vermutlich nur die Menschen kennen, die zur privaten Marmeladengewinnung neigen. Es klackt und klackt, sie ist sehr schnell damit, und manchmal, für einige Sekunden nur, passt ihr Klacken genau zu meinem Tippen. Das ist harmonisch und schön, diese Momente muss man auch mitbekommen, das ist ganz wichtig.

1.750 Kirschen sind dann eine Kolumne. In etwa.

Dafür hat der Wind heute den Ast mit der einzigen Birne abgebrochen. Irgendwas ist immer.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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