Und diese Ruhe, die ist nicht schön

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Wir gingen durch die Schmidt-Rottluff-Allee und verließen Sierksdorf in Richtung Norden. Sohn II rannte einmal schnell zum Meer hinunter und verwarf dort sofort seine Badepläne, als er die zahllosen Quallen und die Algen sah. Mir erschloss sich nicht, was denn an Algen schlimm sein sollte, ich fand die als Kind nicht schlimm, wenn ich mich recht erinnere. Aber das sagte ich natürlich nicht, schon weil ich nicht dauernd “Als ich Kind war” sagen möchte, und das wiederum schon weil ich dabei immer “Als das Kind Kind war” denken muss und also unweigerlich bei Peter Handke lande, das ist auf Dauer unerfreulich. Bei den Quallen immerhin konnten wir uns einigen, die Angst vor den Feuerquallen trieb uns damals auch in den Travemünder Jahren um und ob da in dem Gewimmel der nur zögerlich schwappenden Brandung nun welche dabei waren und welche genau das waren – es ist mir heute noch so unklar wie damals. Der Sohn also hielt nur Zehen ins Wasser und entschied kategorisch: “Da gehe ich nicht rein.” Und das tat er dann auch wirklich nicht, den ganzen Tag nicht.

Andere machten das schon, alle paar Meter standen Menschen im Wasser und es wird sicher Zufall gewesen sein, dass die da alle gerade nicht schwammen, sondern tatsächlich einfach nur standen, bis zu den Hüften im Wasser, wie Spielfiguren oder Kunstwerke von Balkenhol standen sie da, unbewegt und gerade, die Blicke zum Horizont. Vielleicht standen sie auch alle nicht nur einfach dekorativ herum, sondern genau wie wir vor der Frage, welches denn nun zum Teufel die Feuerquallen waren, vielleicht scheiterte das fröhliche Planschen gerade allgemein an dieser Überlegung. Wir stapften noch ein Stück durch den Sand weiter, aber das war mir mit dem Rucksack zu schwer und wir gingen zum Weg zurück.

Der führte durch ein Villenviertel und allzu bescheiden wirkte das da alles nicht. Anziehend aber auch nicht, wie sowohl mein Wanderfreund T. im letzten Jahr als auch Sohn II in diesem Jahr feststellten. Ab und zu blieben wir stehen, in dem einen wie in dem anderen Jahr, und sahen uns diese Häuser an, diese Anwesen, die eine grundsolide Ruhe ausstrahlen. Und diese Ruhe, die ist nicht schön. Auf hundert Meter Abstand ist sie schon eher ungemütlich, man möchte beim Anblick spontan mit Tocotronic singen: “Aber hier leben, nein danke”. T. und ich schüttelten damals irritiert die Köpfe, Sohn II sagte: “Da möchte man aber nicht sein”, womit er Recht hatte, er hat sowieso oft Recht. Und wir kamen zu dem immer wieder interessanten Schluss, dass Reichtum vielleicht gar nichts nützt.

Vor einem dieser Häuser stand ein Kind, das vor seiner Mutter zurückwich, die es mit Sonnenschutz eincremen wollte. Sie einen Schritt, das Kind einen Schritt, das konnte man weder der Mutter noch dem Kind anlasten, niemand mag Sonnencreme. Man kann aber angesichts des geradezu fanatisch aufgeräumten Gartens um die beiden herum doch die Frage von Sohn II verstehen, der die Situation immerhin als gleichaltriger Experte für sinnvolle Freizeitgestaltung beurteilen konnte, die wirklich naheliegende Frage: “Was macht man denn in dem Garten?” Denn da war sonst nichts.

Die naheliegendste Antwort sahen wir auf den Nachbargrundstücken, man parkt einfach mehrere teure Autos in den Gärten und ja, das ist ein Klischee, aber bitte, was soll man machen. Es war in diesem Viertel ansonsten kein Mensch zu sehen, nicht im letzten Jahr, nicht in diesem Jahr. Geschlossene Fensterläden, abweisende Fronten. Es sollen da auch Promis wohnen, habe ich hinterher gelesen. Vielleicht muss man das ja so haben, wenn man Promi ist und alle einen erkennen, vielleicht hat man dann richtig Sehnsucht nach einer abweisenden Fassade – und sitzt hinterm Haus und denkt den ganzen Tag grinsend und mit lässig hochgelegten Beinen: “Sie sehen mich nicht. Ha!” Wir wollen für die Promis hoffen, dass es so ist, es wäre immerhin ein Stück Sinnfindung.

Sierksdorf übrigens ist für Hamburger gut erreichbar und auch wenn ich über die Bilder am Weg nach Neustadt viel lästern werde, ich würde ihn auch ein drittes Mal gehen, weil er enorm interessant ist, ich möchte ihn auch ausdrücklich empfehlen, es ist ein gut machbarer Spazierweg von wenigen Kilometern. Für Menschen mit soziologischem Interesse, für Architekturfreunde, für Liebhaber des Absurden, für Menschen mit viel Kino im Kopf, für Naturliebhaber auch, dazu kommen wir noch.

Erst einmal kommt aber nach den Villen eine unaussprechlich traurige Betonbrache, die man auf den ersten Blick nicht recht einschätzen kann, überwuchertes Gelände mit flachen Bauten, die einmal eine Ferienanlage oder etwas in der Art waren. Sie ist heute abgezäunt und spukhaft verlassen, aufgerissener Asphalt, Bäume wachsen durch die Risse, Prypjat sieht auch so aus. Für Filme wäre das eine großartige Kulisse, ich könnte wetten, dass die Anlage bereits in einem Tatort oder dergleichen vorkam, und noch während ich das dachte, hörte ich Schreie.

Das machte aber nichts, die hört man da nämlich dauernd, weil ein großer Freizeitpark hinter den Büschen auf der anderen Straßenseite beginnt, da fahren sie Achterbahn oder was man da eben heute so fährt, dabei wird nun einmal viel und laut geschrien, das gehört so. Wenn der Wind richtig steht, dann hört man das ziemlich weit und ab und zu hört man auch die Geräusche der Bahnen, wenn sie mit Kawumm in die Kurven krachen. Links die Schreie, rechts die Brache, von oben dabei die sengende Sonne, das ist schon ein sehr spezielles Stück Weg da. T. und ich standen etwas fassungslos davor, Sohn II fand das da einfach nur traurig und wollte dringend weiter. Aber das ist an der Stelle ein recht heikler Plan, denn kurz darauf wird es noch viel deprimierender, kurz darauf kommt “Happy Bowling”, die vermutlich traurigste Bowlinganlage, die man sich nur vorstellen kann.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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