La dolce vita

Am Sonntagvormittag ergibt sich auf einmal eine Terminlücke, sie ist sogar mehrere Stunden groß. Das kann ich am Samstagabend bereits absehen, also denke ich, genau da kommt jetzt das mit der Entspannung rein, in diese schöne Lücke, da passt das doch mal, da stört das auch gar nicht. Sogar am Sonntag, wie passend ist das denn! Und ich gehe extra eine Stunde später als sonst ins Bett und stelle mir ausnahmsweise auch keinen Wecker. Der steht bei mir sonst unweigerlich auf 05:30, denn ich schreibe und arbeite wirklich gerne frühmorgens,wenn sonst noch niemand wach ist. Jetzt aber mal diese Langschläfernummer! Nennt mich Relax-Max! Denke ich mir so und strecke mich extra lang aus.

Ich wache dann am nächsten Morgen auch prompt erst nach meiner üblichen Weckzeit auf, und zwar um 05:32, also ganze zwei Minuten später als sonst. So geht das bei mir nämlich los mit dem Dolce Vita.

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Nicht nur im Garten, auch auf unserem Balkon sehen wir gerade eine unerwartete Zunahme der Artenvielfalt, ich komme mit dem Nachschlagen der Vögel gar nicht mehr hinterher. Ein Stieglitz, der war da in den letzten Jahren kein Gast, ein Rotkehlchen, das war nur ganz selten da. Dann sehe ich etwas, das muss eigentlich eine Tannenmeise sein, sagt jedenfalls das Bestimmungsbuch, aber ich weiß nicht recht. Eine Gartengrasmücke, die ist immerhin sicher. Und dann, da gucken wir alle mehrmals hin, ein Grünspecht, den gab es bei uns noch nie. Wo kommen die jetzt alle auf einmal her, ist das Landflucht? Wie weit spricht sich denn bitte unser halber Meisenknödel noch herum?

Ich erinnere mich rechtzeitig an meine guten Entspannungsvorhaben, setze mich vors Fenster und mache nichts. Ich gucke nur, ob Vögel gucken und ob Wolken ziehen und wie die Bäume im Wind vom Nordwestwind gezaust werden. Das mache ich ganze zwanzig Minuten lang, dann fällt mir auf, dass ich das wahnsinnig anstrengend finde, nur so herumzusitzen. Wie man’s macht, isses verkehrt.

Ich gehe zum Fenster und sehe runter zum Spielplatz, da steht eine Mutter und schaukelt ihr Kind, und zwar macht sie das verkehrt. Nämlich nur an einer von den beiden Ketten, so dass das arme Kind da ganz unharmonisch schaukelt, immer so leicht angeruckelt und schief im Schwung, kein schönes Durchschwingen, keine Eleganz in der Bewegung, kein stilvolles Sausen – ich möchte da runtergehen und der Mutter das Anschwunggeben verbieten, so sehr nervt mich dieser unschöne Anblick, wirklich, was ist denn bloß mit den Leuten los, die einfachsten Dinge machen sie falsch, ich kann so nicht entspannen.

Ich gehe zum Kühlschrank und sehe nach essbaren Dingen, denn Essen kann auch entspannen. Aus dem Kühlschrank tropft es und es riecht etwas seltsam, das kommt, wie mir nach eingehender Prüfung klar wird, weil jemand ein nicht richtig geschlossenes Glas mit Sardellenfilets in Öl umgekippt hat. Das Glas stand ganz oben, das Öl ist jetzt aber nicht nur ganz unten, sondern auch überall sonst, es hat, als ich die Kühlschranktür nur kurz geöffnet habe, sofort die ganze Küche kontaminiert, es ist schnell und raumgreifend. Ich habe Öl an den Fingern und kurz darauf also auch in den Haaren, ich rieche nach Urlaub in der Bretagne. Also mit etwas Fantasie jedenfalls.

Auch auf dem Boden ist Öl, man gleitet hier jetzt sehr schön über das spiegelnde Laminat, aber das kann so natürlich nicht bleiben. Eine Stunde später ist die Küche komplett geputzt, alles sieht aus wie neu, bei näherem Hinsehen vielleicht aber auch wie eingeölt, besonders der Fußboden.

Ich bin nach dieser Aktion etwas erschöpft und also wirklich entspannt, wie ich interessiert feststelle. Ich merke mir daher für weitere entspannte Stunden in diesem Sommer vor: Sardellen. Immer auf dem Bekannten aufbauen, dann wird es wesentlich einfacher.

Noch fünf Tage bis zum Urlaub.

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