Umbra, Umbra

In der Sonntagsstunde, in der es nicht regnet, fahren wir in den Garten. Die Herzdame harkt in sportlicher Ambition große Mengen Bilderbuchlaub vom Rasen, ich betätige mich als Prachtgreifer und sammle alles ein. Altmetallfarben, viel Kupfer dabei heute, Messing auch, Gold und Bronze und rostiges Eisen, ich nehme alles, wie es kommt. Am Beetrand die dunkle Erde. Umbra, denke ich,und das Wort habe ich lange nicht gedacht, vielleicht jahrelang nicht. Es macht aber Spaß, das zu denken, Umbra, Umbra, was für ein großartiges Wort, gleich möchte man ein weißes Blatt vor sich haben und eine geschwungene Linie in wunderbarem Umbra pinseln. Aber danach wüsste ich dann leider nicht weiter und würde beim Malen nur alberne Sätze wie Umbra, Umbra, tätera denken, ich kenne mich genug. Immer Abzüge in der seriösen Note. Ich schlage Umbra nach, weil ich alles nachschlage. Man nennt es auch Römischbraun, das klingt ebenfalls gut. Aber: “Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands nutzt den Farbton Umbra in ihrer Werbung seit der Bundestagswahl 2005.” Das wiederum klingt zu sehr nach Nachrichten, das will ich nicht wissen. Angewidert stecke ich das Handy wieder weg.

Egal, es liegt so viel Schönheit in tausend Varianten auf dem Rasen, ich kann mich gar nicht sattsehen. Ich umarme die Laubhaufen, wie ich sie greifen kann und viel von dem Laub fällt wieder zurück aufs müdgrüne Gras, das macht nichts.

Zwischendurch gibt es für die Herzdame und mich noch vier Himbeeren, die teilen wir uns sorgsam ein und essen sie feierlich. Es riecht nach Moder und November im Garten. Unter der kleinen Trauerweide steht ein eleganter Pilz, der hat sich eine Elsterfeder schick an die Hutkrempe gesteckt, Herbstmode ist überall.

Wir packen die Bettwäsche aus der Laube ein und nehmen sie mit, da schläft jetzt keiner mehr. Im März wieder, im April vielleicht, wie lange ist das hin. Bis dahin nur ab und zu mal reinsetzen in die Hütte und mit einem Kaffee auf den schlafenden Garten sehen, das ist auch gut. Bach dabei, dann ist es noch besser. Herz und Mund und Tat und Leben oder andere Stücke, die einen so tiefgreifend durchorgeln. Und Buxtehude! Den auch mal komplett hören. Vielversprechende Titel dabei, etwa “Gott hilf mir, denn das Wasser geht mir bis an die Seele.” Das in einem kahlen Garten, neben einem Komposthaufen, das muss doch schön sein? Es muss. 

Ich stehe im Garten und lausche, aber es ist wenig zu vernehmen. Die Vögel sind still und kein Nachbar feiert mehr irgendwas, nirgendwo liegt noch eine Wurst auf dem Grill. Weiter hinten rattert ein Zug, weiter hinten tutet ein kleines Schiff auf der Bille, die beiden fahren irgendwohin. Und ich sitze da und bleibe und träume. Und schreibe vielleicht, das kann auch sein.

Am Montagmorgen aber stehen sechs Mann in Signalorange vor meiner Haustür, die laubblasen mir den Buxtehude gründlich weg und den Alltag wieder ins Gehör. 

Muss ja.

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