Randbemerkungen

Auf der Straße vor dem Haus rollt mir ein kleiner Tannenbaum entgegen, das deutsche Tumbleweed des Winters. Allerdings bewegt sich dieser tote Baum nicht windgetrieben, sachte und fast lautlos, er wird vielmehr von zwei johlenden Kindern schwungvoll getreten, dass die Nadeln nur so fliegen. Was ich insofern mit einer gewissen Freude und entspannt betrachte, als es nicht meine Kinder sind, das ist auch einmal schön. Die lieben Kleinen! Die wertvolle Beschäftigung im Freien! Am Ende der Straße liegen noch mehr Bäume, der Spaß wird gleich noch größer, wenn sie die erst finden. Ich bleibe stehen und sehe noch ein wenig zu, gutgelaunte Menschen sieht man gar nicht so oft in der aktuellen Situation.

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An der Hauswand weht ein Einkaufszettel entlang und bleibt vor meinen Füßen liegen, so dass ich ihn gut lesen kann. Auf dem stehen, blauer Kuli auf weißem Grund, so Sachen wie Butter und Brokkoli. Oben drüber aber hat jemand mit einem schwarzen, dicken Stift, in Großbuchstaben und mit mehreren Ausrufezeichen SCHOKOLADE!! geschrieben, das sieht nach einer gewissen Dringlichkeit aus. Ich nicke dem unbekannten Menschen, der das geschrieben hat, im Geiste zu, ich verstehe ihn, ich unterstütze seinen Wunsch und hoffe, er hat in ausreichender Menge bekommen, was er benötigt hat; ich hoffe, er oder sie hatte nach dem Einkauf die volle Gönnung, wie die Söhne so treffend sagen würden.

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Vor der Kirche stehen zwei Menschen und fotografieren erst diese und dann sich. Ob das Touristen sind? Gibt es noch Touristen, gibt es schon wieder Touristen? Und wenn ja, von wo? Das weiß man alles nicht und man fragt ja auch nicht. Also ich jedenfalls nicht. Am Ende ist es einfach ein Ehepaar, das in dieser Kirche vor 25 Jahren oder so geheiratet hat, und die machen da heute ein Erinnerungsfoto, das wird es sein. Wir wollen nicht nach abwegigen Erklärungen suchen, wir nehmen die naheliegende Vermutung, die ist meistens richtig – und Touristen waren damals.

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Im öffentlichen Bücherschrank stehen Werke von Hans-Georg Gadamer. Die lasse ich stehen, die sind mir zu kompliziert. Aber wenn es danach geht, was mir alles zu kompliziert ist – meine Güte, was müsste ich alles stehen lassen. Personen, Dinge, Systeme, Weltlagen. Alles lassen und weitergehen.

One minute you’re here, one minute you’re gone, das shuffelt mir Spotify genau bei diesem Gedanken in den Gehörgang. Algorithmen haben manchmal auch einen speziellen Humor.

Weiter unten im Bücherschrank, verdeckt von den Münzkatalogen und dem Steuerrecht, liegt ein Lustiges Taschenbuch. Das nehme ich mit.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Nur ganz schnell …

… der Text steht heute wieder woanders, nämlich drüben beim Goethe-Institut. Ich habe dort eine Gesellschaftskolumne geschrieben. Gewissermaßen.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!