Rummeroma

Auf einem Zettel in einem Schaufenster, es geht in dem Text um Impfungen, glaube ich, steht: „Nie wieder 2020!“ Das geht zwar auch als Satire durch, ist aber ansonsten eine Forderung, die ich ausdrücklich unterstützen möchte. Und das Gute ist ja, nach meinem kalendarischen Wissen geht das formal auch klar. Es sei denn, jemand drückt einen ziemlich fundamentalen Reset-Knopf. Inhaltlich aber – zu retten, ach, zu spät, es ist alles noch einmal da. Manchmal kommen sie wieder.

Auf einer Kalender-App auf dem Handy poppen mit lustigem Ping die Sporttermine der Söhne auf. Die wische ich weg, zack, erledigt. Da, noch zwei weitere Familientermine, die wegen der aktuellen Situation ebenfalls nicht stattfinden können: weg damit. Die App befindet, dass es total super sei, was ich alles erledige. Der Bildschirm zeigt mir ein Krönchen, ich bin der King der To-Dos. Ja, denke ich, wer kann, der kann!

Ich mache das Radio an, Corona-Zahlen. Ich mache Twitter auf, Corona-Zahlen.

Ich mache Home-School. Ein Sohn ist hier mathematisch auf eine seltsame Art begabt und rechnet mir etwas vor, das ich vollkommen absurd finde. Es ist irrsinnig kompliziert, aber er findet es einfach, er sieht das so vor sich. Ich wünschte, ich würde es auch vor ihm sehen. Ich sage, das geht doch auch einfacher, und zwar so, guck mal. Ich zeige ihm das. Er sieht mich an, er zweifelt, und nicht zum ersten Mal. Er weiß es besser, und er hat Recht. Kein Tag ohne Demütigung, und sei es im Matheunterricht am Küchentisch.

Ich gehe einkaufen. Unterwegs entgleitet mir auf einmal die Contenance, ich brauche sofort Stützschokolade, dringend, jetzt. Ich kaufe Rumtraubenuss, das hilft in solchen Fällen am besten. Ich atme die Tafel ein. Es ist der Rumgeschmack, glaube ich. Als ich Kind war (als das Kind Kind war, ja, ja, das werde ich nie mehr los, gottverdammt) buk meine Mutter so gut wie jeden Tag einen ganz einfachen Kuchen, in dem war Rumaroma. Rummeroma, für mein kindliches Verständnis. Kleine Ampullen mit Rumaroma, ich nehme an, die sehen heute noch genauso aus wie damals, aber sie sind mir etwa seit dem zwölften Lebensjahr nie wieder begegnet. Meine Mutter hörte dann auf, diesen Kuchen zu backen, sie mochte ihn eh nicht. Kuchen mit Rummeroma und Sahne, jahrelang gab es den. Lange nicht mehr daran gedacht.

An kalten Wintertagen, die es damals auch im Norden noch gab, haben die erwachsenen Männer manchmal, wenn sie von der Arbeit draußen nach Hause kamen, Grog getrunken. Rum muss, Wasser kann, Zucker darf, oder wie das damals hieß. Dampfende Gläser, in denen man mit Glasstäbchen rührte, es klingelte vergnügt. Braun, süß und gut.

Ich habe heute so einen Tag, ich weiß auch nicht. Ich möchte mit anderen Bloggerinnen draußen arbeiten, ich möchte draußen hart schreiben. Ich möchte in der Kälte sein und etwas Anstrengendes tun. Dann endlich zum Feierabend reinkommen und sofort Grog serviert bekommen. Heiße Gläser in eiskalten Händen, es muss ein wenig wehtun. Ein Grog, zwei Grog, drei Grog, und die Runde – die große Runde! – wird schnell immer fröhlicher. Lachende Gesichter, die Älteren erinnern sich. Der Raum wird in kurzer Zeit so dermaßen vollaerosolt, man macht sich gar keinen Begriff.

Ich sehe die spärlich bestückte Hausbar in der Wohnung der Gegenwart durch, wie haben keinen Rum im Haus. Schade eigentlich.

Ich denke an damals und es tut kurz weh, obwohl es damals gar nicht schön war. Oder es war vielleicht doch schön, das kann auch sein, aber ich fand es nicht schön. Nicht durchgehend jedenfalls. Guck, der Lütte, was hat er wieder. Elendes Kleinsein, ich habe es gehasst. Aber Rummeroma war schön. Ich habe immer an diesen Ampullen geschnuppert und die Schüssel mit dem rohen Teig aus- und die Rührstäbe vom Mixer abgeleckt. Ich möchte wieder Rumaroma riechen. Hurra, ich regrediere, reduce to the Max.

Los, lass dich ein, es war am Ende doch alles schön. Tu nicht so abgehoben, du bist es nicht. Der Klang der Gläser mit diesen Stäbchen drin, natürlich war das schön. Kaminfeuer dabei, sehr schön, gar keine Frage. Nie wieder einen Kamin gehabt seitdem. Schlimm. Kaminfeuer war sehr schön, jeder einzelne Holzscheit ist wunderschön verbrannt, und wie gerne habe ich das gesehen. Das Nachglühen, das Aufflammen, das Verlöschen. Das war so das Unterhaltungsprogramm am Abend, wir hatten ja nichts. Schon schön! Sogar die braunen Cordsamtsessel im Wohnzimmer waren schön.

Nein, waren sie nicht. Meine Güte. Die Pandemie schlägt einem allmählich doch etwas auf das Seelchen, nicht wahr.

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