In Tonnen und Gehäusen

Der Freitag in der Mittwochausgabe also. Ich höre am sehr frühen Morgen ein Feature über schlechte Laune, danach grummelt es sich noch wesentlich besser: „Lob der schlechten Laune – Das Leben hat an und für sich nur Nachteile.“ Wer würde dem widersprechen wollen im Freundeskreis Dysphorie und Anhedonie, der gerade ganz gut Zulauf hat, wie man so hört. Die Stimmung in den Timelines zumindest, sie ist übel bis verzweifelt. Das kann man auch nur noch in gewissen Dosen zur Kenntnis nehmen und ansonsten lieber Bücher aus anderen Zeiten lesen. Das Konstruktive fehlt allenthalben, das Konstruktive fällt niemandem mehr ein. Wenn ich mit Leuten spreche, was situationsbedingt gar nicht allzu oft vorkommt, kommt die Rede irgendwann immer darauf, dass es noch dauernd wird, und dann werden so halb lachend und halb ernst Monate hingeworfen, bis Juni, bis Juli, bis September, bis Oktober, jeder und jede rät so herum. Vor Juni nennt schon niemand mehr etwas. Im Juni beginnen hier schon die Sommerferien, das klingt noch gar nicht vorstellbar.

Währenddessen ziehen alle Werte munter und flott in Richtung Rot und darüber hinaus, Hamburg hat die Hundert heute gerissen.

Ich sitze währenddessen in meiner Abstellkammer, Buddenbohm im Gehäuse, und arbeite und lese und schreibe. Und wissen Sie was, ich finde es ausgesprochen schön hier. Ausgedientes Familiengerümpel um mich herum, aber auch ein Sessel und ein Schreibtisch. Gemütliche Beleuchtung der irgendwann ausrangierten Art, lädierte Lampenschirme, funzelige Birnen. Bücher und Notizbücher. Kochzeitschriften jahrgangsweise. Keine Fenster, aber auch keine anderen Menschen. Ich glaube, ich bin vergleichsweise anspruchslos, und das immerhin ist eine Eigenschaft, die bewährt sich jetzt.

Ab und zu sieht die Herzdame herein und fragt ironisch: „Na, gemütlich?“ Und ich sage betont unironisch: „Ja, sehr.“ Ich habe mir schon als Kind die Mülltonne von Oskar immer ganz heimelig vorgestellt, so wirkt der frühkindliche Fernsehkonsum bis heute angenehm nach.

Und sonst: In den Foodblogs sprießt schon der Bärlauch, sehe ich gerade. Nehmen wir das einfach als Hoffnungszeichen des Tages.

Das Konstruktive nicht nur vermissen, immer auch suchen und finden.

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Abwinken, aussitzen, abperlen lassen

Der Dienstag ist ansonsten ein Tag ohne besondere Vorkommnisse. Es kommt nur eine mäßig schlechte Nachricht, etwa Kategorie mittleres Ärgernis, das ist keine Aufregung wert. Abwinken, aussitzen, abperlen lassen.

Ich lese am Abend weiter in Somerset Maugham, „Einzahl- erste Person“. Die Übersetzung ist von Mimi Zoff (klingt wie eine Figur bei Nick Knatterton, die Älteren erinnern sich) und enthält das wunderschöne Wort ausruhsam. Ein Hotel in Rom, so heißt es da, sei in der heißen Stadt kühl und „ausruhsam“. Ein besonders schönes Wort, da mal etwas darauf herumschmecken. Wenn man es übrigens googelt, das fand ich lustig, findet man einen Kammerjäger aus Ruhsam. Ich stelle mir ausruhsame Orte und Hotels vor und fange an zu träumen, das wirkt ein wenig.  Ich schreibe das Wort in mein Notizbuch, es schreibt sich auch schön. Ich nehme mir vor, das zu verbloggen, hiermit geschehen, sehen Sie, so kommt das immer. Jetzt kennen Sie das Wort auch und können etwa ihre Möbelstücke durchgehen, welche wohl die ausruhsamsten davon sind. Man braucht doch etwas Ausruhsames, in diesen Zeiten.

Direkt neben mir stehen die Eierkartons mit den Kartoffeln drin, die dort bitte vortreiben sollen. Die eine Sorte heißt Linda, die andere heißt Charlotte, das klingt zusammen wie ein Geschwisterpaar. Zwei wohlgeratene Töchter, Linda und Charlotte, gleich sieht man sie vor sich, ein Mehrteiler im ZDF über ihr Liebesleben. Und hätte man Zeit, hätte ich Zeit, es wäre doch auch eine hübsche Idee, ein Romänchen zu schreiben, in dem alle Figuren nach Kartoffelsorten benannt sind, es gibt definitiv genug Auswahl. Das dürfte man aber keinem sagen, nein. Listig verschweigen müsste man das und erst nach den Kritiken voller Genugtuung darauf hinweisen, dass niemand in den Feuilletons bei diesem besonders feinsinnigen Text über aktuelle Probleme in der deutschen Gesellschaft das allerkartoffeligste Merkmal darin entdeckt hat. Einmal im Leben so eine Pointe mitnehmen, ich sage es ja, man braucht Ziele, unbedingt braucht man die.

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