Ich liege hinter Blankenese am Elbstrand. Ein Sohn, der bei St. Pauli Handball spielt, hat hier ein ferieneinleitenes Beachhandball-Turnier. Ich wusste nicht, dass es so etwas wie Beachhandball überhaupt gibt, aber gut, ich weiß eh nicht viel von keinem Sport. Es gibt sogar spezielle Bälle dafür, lerne ich, also Beachhandballbälle. Das liest sich etwas seltsam, fällt mir gerade auf.

Ein Sohn spielt also mit und macht dabei sogar eine gute Figur, wie die sagen, die sich damit auskennen. Der andere Sohn sieht ihm zu, die Herzdame spricht mit einer Freundin, die hier organisatorisch tätig ist, dann verliere ich sie aus den Augen.

Ich liege unter einem Busch auf einer Decke im Sand und lese im Stevenson weiter. Es werden Abenteuer in Nordengland bestanden, und was für welche und in was für schlechtem Wetter. Das liest sich gut, während man im Halbschatten und in einer Ahnung von Urlaubsstimmung liegt und es ringsum in der Sonne nach einer kurzen Gewitterabkühlung schon wieder heiß wird. Ich lese Kapitel um Kapitel und überlege, bis wann ich so ein spannendes Buch wohl noch mit dieser allseits bekannten kindlichen Zusage zu jedem Abenteuer gelesen habe, bis wann ich also in tendenziell aufgeregter Fantasie mitgekämpft und gewonnen habe, selbstverständlich gewonnen habe. Das ist nach meinem zwölften Lebensjahr noch so gewesen, das weiß ich sicher, aber genauer wird es dann nicht. Irgendwann hört man eben auf, solche Bücher derart mitzuträumen, irgendwann will man nicht mehr unbedingt zu Pferd dem Feind nachjagen, der soeben die Braut entführt hat. Irgendwann findet man es besser, wenn die Braut gar nicht erst entführt wird, man hat dann anderes mit ihr vor. Das Mitfiebern hört im Laufe der späten Kindheit so auf, dass man es nicht recht merkt. Erst in der Rückschau fällt es auf, wenn man doch wieder einmal zur Schatzinsel oder ähnlichen Werken greift oder wenn Winnetou I noch einmal im Fernsehen läuft und es bei der Titelmelodie ein wenig im Rückenmark kribbelt.

Auf einem erklärenden Schild am Strand steht, dass das da gegenüber die Insel Neßsand ist. Da steht auch, wie die Insel entstanden ist, ein Gebilde von Menschenhand. Und dass es hier Rapfen gibt, das steht da auch. Das habe ich auch noch nie gehört oder gelesen, das Wort. Ein seltener Fisch ist das, der Rapfen, aus der Gattung der Karpfen, lese ich. Ist das nicht schlimm, dass die Gattung der Rapfen nicht Krapfen heißt, sondern Karpfen? Wer kann so etwas klaglos hinnehmen? Manchmal tut Sprache auch weh.

Große Schiffe fahren elbabwärts. Containermengen türmen sich an Bord, die kann man sich nicht vorstellen. Kleine und aggressiv wirkende Motorboote jagen zwischen den Riesen herum, die scheinen jede und jeden am Strand zu stören. Sind die laut, sind die lästig. Die Insel Neßsand ist ein Naturschutzgebiet, aber es ist drumherum manchmal laut wie auf einer Verkehrsinsel. Die großen Schiffe dagegen stören nicht, ein tiefes Brummen, ein gemütliches und gemächliches Fahren, so hört es sich an. Nichts auf diesen Schiffen ist gemütlich, ich weiß. Aber man lässt sich so gerne täuschen, wenn man da liegt und störende Eindrücke gerade nicht gebrauchen kann.

Die Container auf dem einen Schiff sind fast alle in Herbstfarben gehalten. Weinrot, Ocker, Dunkelgrün, Tiefblau, Umbra. Satte Herbstfarben in strahlender Junisonne. Irgendwo ist immer Herbst, denke ich, und da fährt das Schiff jetzt hin. Da wird es schön passen und eine ungemein harmonische Hafeneinfahrt wird es haben.

Die Schatten der Zweige und Blätter über mir irren tänzelnd und taumelnd über die Seiten des Romans, den ich lese. Ein sich stetig wandelndes Muster aus feinen Zeichen flattert da, wie eine zweite Bedeutungsebene über den Sätzen sieht es aus, und nichts davon kann ich deuten.

Die Stimmen um mich herum werden langsam leiser, auf diese angenehme Art, die ich von Autofahrten in der Kindheit erinnere, als ich noch auf der Rückbank lag und die Gespräche vorne irgendwann nicht mehr mitbekam und den Motorenlärm auch nicht, als alles klang wie hinter einer dicken Watteschicht, als alles undeutlich war und immer egaler wurde. Der Strand gleißt grell im Sonnenlicht, der Strand blendet. Die Sonne am Himmel blendet auch, das überstrahlte Weiß der Wolken, die allzu hellen Seiten in meinem Buch. Der Wind fährt von der Elbe her in den Busch über mir und die schon wieder trockenen Blätter rascheln und knistern und wispern, tausend Flüsterstimmchen tuscheln im Geäst. Die Elbe gabelt sich hier vor Neßsand, und ein Teil des Stroms führt nach oben, in das Blauweiß des Mittsommerhimmels, ein Teil strömt erdnah weiter, dunkler ist der und vertrauter. Die großen Schiffe fahren aber auf dem oberen Teil, die Schiffe fahren himmelwärts. So sieht es jedenfalls aus und gut sieht das aus, wie sie im Blau oder im Weiß und im jedenfalls Wolkigen verschwinden. Ich kann es nicht mehr genau erkennen, aber ganz leicht müssen sie jetzt sein, diese ungeheuren Schiffe. Es ist alles dermaßen hell um mich herum und da fährt der Wind so schnell und ruppig in den Busch, dass ich von dem kleinen Trommelwirbel der Zweige wieder aufwache.

Zwischen der Elbe, die sich hier, wie ich jetzt sehe, doch nicht gabelt, schon gar nicht nach oben oder unten, was für ein Gedanke, zwischen der Elbe und mir steht ein Hund. Ein collieähnlicher Hund steht da, ein Bearded Collie vielleicht, ich weiß es nicht genau. Er hat eine äußerst anspruchsvoll aussehende Frisur in edlem Grau, die er mit großer Würde trägt. Er sieht mich ernst an. „Ich habe geschlafen“, sage ich, und da dreht er sich wortlos um und geht ruhig auf eine etwas entfernte Dame zu, die mit der Leine und einem ordnungsgemäßen Kotbeutel in der Hand auf ihn wartet. Vielleicht hätte es eines etwas geistreicheren Gesprächeinstiegs meinerseits bedurft, denn dass ich schlief, das hat er ja selbst gesehen, der alte Hund, was ich selbstverständlich nicht beleidigend, sondern ausschließlich als beschreibenden Umstand meine.

Ich richte mich auf und sehe auf die Elbe. Es kommt ein Containerschiff aus dem Hamburger Hafen, das erreicht an diesem Nachmittag noch die Nordsee. Nächste Woche erreiche ich die auch, aber über den Landweg. So ist der Plan.

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