Gestern Abend habe ich noch etwas im Schwalbenbuch (Stephen Moss, Über die Schwalbe) gelesen, wenige Seiten nur. Wieder zwei Bemerknisse, die hängengeblieben sind. Zum einen können Schwalben bei manchen ihrer bekanntlich sehr abgedrehten Flugmanöver auf 70 Stundenkilometer beschleunigen. Eine faszinierende Präzisierung des vagen Gefühls, dass die wirklich verdammt schnell sind. Zum anderen kann man es hören, so stand da, wenn eine Schwalbe im Flug ein Insekt fängt, das Zuklappen des Schnabels ist als Geräusch wahrnehmbar, eine Art Klicklaut. Das kann ich dummerweise nicht bestätigen, vielleicht habe ich bisher nicht genug aufgepasst. Ich muss im nächsten Sommer auf Eiderstedt unbedingt besser hinhören, womit ich also ein überaus attraktives Vorhaben in der Planung habe: Ich setze mich da in den Strandkorb, mache nichts, atme nur leise und achte intensiv auf das Zuklappen von Schwalbenschnäbeln. Und freue mich dann, wenn ich das Geräusch aus eigener Erfahrung bestätigen kann, ich werde natürlich berichten. Der Mensch braucht Ziele, ich sage es ja.

Heute wird es eher schwierig mit dem Nature Writing im Alltag, das mich gerade so interessiert, ich bin im Home-Office. Die Natur findet also nur beim Blick aus den Dachfenstern statt. Nicht einfach! Dennoch hinsehen. Wenn man nichts sieht, was man beschreiben kann, hat man nur nicht richtig hingesehen oder zu nachlässig assoziiert. Zwei Bücher habe ich gerade gehört, in denen beneidenswert gute Beschreibungen waren. Zum einen „Das Urteil“ von Hildegard Knef, da geht es um ihre Krankenhauserlebnisse und Diagnosen, und sie beschreibt Personal, Umstände und Einrichtungen mit bewundernswerter und auch geradezu grauenvoller Präzision. Sie schreibt gut, noch viel besser, als ich gedacht hatte. Schön, wenn man so irrt. Zum anderen „Die Enden der Welt“ von Roger Willemsen, das sind Reiseberichte. Manchmal etwas over the top, also für mein Empfinden, etwas byzantinisch verkünstelt vielleicht, aber doch alle paar Minuten eine Formulierung, bei der ich mit großem Respekt denke: „Oha. Das war jetzt verdammt gut.“ So eine Formulierung, bei der man das Hörbuch stoppt, kurz stehenbleibt und dem Satz noch etwas nachsinnt.

Egal. Ich sehe am Morgen aus dem Fenster des Zimmers von Sohn I. Über mir ziehen prompt und wie bestellt zwei Kormorane weg, fast möchte man Kormoräne schreiben. Kräne und Kormoräne, das ist alles folgerichtig. Langhälsiges Schwarz am Himmel, ziemlich tief, sie ziehen hinunter zur Alster, sie hausen dort in allerbester Wohnlage. Ich lese Kormorane nach, ich lese immer alles nach. Der Name kommt von „Wasserrabe“, das ist doch hübsch. Nicht durchgesetzt haben sich die älteren deutschen Bezeichnungen Scholver und Scharbe, aber wir haben sie jetzt einmal zur Kenntnis genommen. Immerhin! Schau, der schöne Flug der Scharben!

Was macht der Vogel da auf dem Kühlschrank? Es ist eine Küchenscharbe. Pardon, es geht gleich wieder.

Die Vögel werden jedenfalls zur Alster fliegen und dort am Rand des Gewässers einen erheblichen Teil des Tages mit Stillsitzen verbringen. Mit Starrsitzen noch eher, kein Zenmönch bekommt das jemals in dieser Perfektion hin.

Ich gucke nach links, da sitzt eine Krähe. Die guckt nach rechts, also zu mir. Sie legt den Kopf schief und überlegt so, wie sie das jetzt finden soll, dass da einer aus dem Fenster zu ihr guckt, wo sie doch gerade etwas trinken will, von dem noch recht frischen Regenrinnenwasser unterm Fenster. Von dem Wasser, das da noch in der Rinne steht, und über das jetzt der morgendliche Wind geht und kleine, ganz kleine Wellen treibt, so dass sich der zu dieser Zeit noch eher ödgraue Hamburger Himmel wildbewegt darin spiegelt. Dann trinkt sie betont gelassen ein paar Schnäbel Regenwasser, sieht noch einmal zu mir und fliegt wieder davon. Krähen haben, ist Ihnen das schon einmal aufgefallen, einen besonders schönen Abflughupf. Sie hüpfen in die Luft und lasse sich dann dermaßen butterweich in die ausgebreiteten Flügel fallen – es muss wunderschön sein, so etwas zu können. Unser erdgebundenes Losgehen ist dagegen gar nichts, eine unvergnügliche Bewegung ohne jede Eleganz. Man muss auch erkennen, wo man nicht mithalten kann.

Die Krähe fliegt zu einem abrissreifen Haus in unserer Straße und dann dort hinein. Das ist vielleicht etwas klischeehaft, Krähen und Ruinen, aber so ist es nun einmal, ich suche mir das nicht aus. In diesem Haus wohnen Tauben, Krähen und Spatzen, ich stelle mir die nachbarschaftlichen Beziehungen nicht immer einfach vor.

Ich sehe aus dem Fenster des Zimmers von Sohn II. Auf einen Balkon am Haus schräg gegenüber hat jemand einen Busch hingestellt. Ein Busch auf dem Balkon fällt hier auch unter der Natur, das ist die Großstadt, wir sind nicht wählerisch. Das Haus da drüben ist alt und die Balkone spiegeln die Mietpreisveränderungen, die zur Zeit seiner Erbauung für die Etagen galten. Die Balkone werden mit jedem Stockwerk nach oben etwas kleiner und schmuckloser. Ganz oben dann nur noch eine Art Austritt, das war da eher schäbig, oben war es billig, die armen Poeten unterm Dach. Der Balkon, auf dem dieser Busch jetzt steht, ist schon ziemlich klein, und der Busch nimmt etwa die Hälfte des Platzes ein, die überhaupt zur Verfügung steht. Unverhältnismäßig groß ist er also, unüblich groß für Balkonpflanzen. Er ist außerdem so hoch wie der Nachbar, manchmal sieht man beide auf dem Balkon, den Mann und seinen Busch. Ich weiß nicht, was für ein Busch das ist, es ist ein sehr buschiger Busch, würde ich sagen.

Aber ich kann ihn so beschreiben, dass Sie ihn sich wahrscheinlich gleich vorstellen können. Denn er entspricht exakt den Büschen, in denen sich in den alten Asterix-Bänden gelegentlich römische Soldaten weggetarnt haben. Erinnern Sie sich? Und so absurd ähnlich ist er diesen Comiczeichungen von Uderzo, ich finde diesen seltsam überdimensionierten Balkonbusch immer wieder amüsant, und jedes Mal, wenn ich hingucke, sehe ich auch den Römer darin.

Wobei mir nebenbei auffällt, wie präsent mir diese Naturzeichnungen aus Asterix noch sind. Wie sehr ich damals die Wälder in den Comics gemocht habe, ich hätte so gerne auch solche Wälder zeichnen und malen können. Aber das habe ich dann nicht gelernt, das war mir zu mühsam. Selbst schuld!

Ich gehe auf unseren Balkon. Unter mir der Spielplatz, die umtriebigen Eichhörnchen, das kennen wir schon. Was noch? Hinsehen! Die Mirabelle hat keine Früchte mehr, auch der Fruchtmatsch unter ihr ist schon größtenteils vom Regen weggespült und von Passanten unter den Sohlen der Schuhe weggetragen worden. Neulich war ein Fotograf da, der schien mir schon sehr alt zu sein. Eine Wahnsinnsausrüstung hatte er dabei, große Reflektoren etc., und der fotografierte da von unten in die Mirabelle, als noch einige Früchte an den Zweigen hingen. Ich hätte ihn gerne gefragt, warum und wozu, obwohl ich eigentlich nie fremde Menschen anspreche. Aber es ging ohnehin nicht, ich hätte nämlich Schlange stehen müssen, das fragten ihn nämlich alle, die hier ringsum wohnen und da vorbeikamen. In einer Kurzgeschichte, eh klar, hätte er da gar nichts fotografieren wollen, in einer Kurzgeschichte hätte er einfach nur mal mit jemandem reden wollen. That was easy!

Ansonsten: Mehr und mehr Gelb im Grün der Eichen und Birken. Kein Gelb im Laub der Linden, aber es verliert doch an grüner Sättigung und wird allmählich matt, stumpf und gänzlich glanzlos, es wird, wie ich mich seit Wochen schon fühle.

Das letzte Fenster, das Küchenfenster. Fast exakt der gleiche Ausblick wie vom Balkon, nur zwei Meter nach links verschoben.

Ich sehe die Wetterfahne auf dem Kirchturm, der Heilige Sankt Georg, der Drachentöter, dreht sich dort. Der Wind kommt aus Südwest bis West, lese ich ab. Ich finde das merkwürdig befriedigend, die Windrichtung zu benennen, es hat etwas. In den Himmel sehen, wie die Wolken ziehen, zum Kirchturm, zu den Fahnen auf dem Hotel, und dann: „Süd, auf Südwest drehend.“ Das ist schön, und ganz kurz, immerhin für den Moment dieser Feststellung, wenigstens eine Minute lang, habe ich doch einmal Himmelsrichtungen im Kopf, die Verortung der Stadt auf der Karte, das Größere, das Land und den Kontinent, die Meere. Beiläufig nur, aber doch. Heute Nacht, so lese ich dann im Wetterbericht, wird Sturm aufkommen, von der Nordsee her. In exponierten Lagen erreicht er Stärke 10, schöne Grüße nach Helgoland, da wäre ich jetzt auch gerne.

Ich bin aber nur virtuell in exponierter Lage, wie das bei Blogs so ist.

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