Am Morgen gehe ich zum Bahnhof. Der Gemüsehändler an der Ecke räumt gerade neue Ware aus einem Lieferwagen in den Laden, Kisten und Kartons stehen auf dem Fußweg. Ich mache einen großen Schritt über Mangold, Thymian und Zwiebeln hinweg, ich bekomme beim Blick nach unten schon um 07:15 Hunger auf Mittagessen. In der halbleeren S-Bahn reden die Leute über die Teuerung, jetzt auch die Nudeln, mit Ausrufezeichen wird es berichtet, die Nudeln! Bis zu 30%! Es ist außerdem überraschend kalt, die Kollegen aus den Außenbezirken berichten vom morgendlichen Eiskratzen an den Autos, es ist kurz vor Winterjacke. Beim Discounter gibt es, ich sehe auf dem Rückweg vom Büro dort die Werbung im Fenster, schon Weihnachtsbaum-Lichterketten. So also ist die Lage da draußen.

Drinnen habe ich mich gestern Abend enorm über Büchner gefreut, dessen Lenz mir als Hörbuch begegnet ist. Ich habe den vor langer, langer Zeit gelesen und hatte in vage als „überraschend gut lesbar“ in Erinnerung, aber erst jetzt, beim Wiederlesen, bzw. beim Wiederhören, fällt mir auf, wie sensationell dieser Anfang ist. Wie modern das klingt und wie klug das gemacht ist:

Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen.

Es war nasskalt; das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht – und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump.

Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf-, bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehn konnte.“

Ich habe das jetzt ein paarmal gehört und das Buch aus dem Regal genommen und auch nachgelesen, ich finde es immer wieder gut. Ein Literatur-Ohrwurm sozusagen. Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Ich könnte schon wieder, ich bin ganz vernarrt in diesen Anfang.

Was noch? Ich war in den letzten Tagen zweimal in Restaurants, beide Male hat niemand nach Impfung, Test oder sonst etwas gefragt. Diese ganze Diskussion um 2G und 3G in Hamburg, die hätte man sich auch sparen können, weil es alles eh egal ist. Ich rege mich allerdings nicht auf, es regen sich alle schon genug auf, ich stelle das nur fest, ich mache mir nur Notizen.

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Kathrin Passig über Dunning-Kruger

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Später sitze ich mit einem Sohn bei Regen in der ausgekühlten Laube im Schrebergarten, wir unterhalten uns über Musikgeschichte. Es geht um die Anfänge der Rockmusik und ich zeige ihm „one of the most beautiful lovesongs that’s ever been written“, weil der Anfang so überraschend ist. Ihre sanftmütige Einleitung und dann dieses Lied vom hard headed woman: Wanda Jackson. Der Sohn findet das gut, das Lied, wir hören es so laut, wie es gehört und ich glaube, das war das Beste heute. Draußen wird es dunkel, außer uns ist kein Mensch weit und breit in den Gärten. Im Laubhaufen unter der hängenden Kätzchenweide arbeitet der Igel am Winterquartier.

Dann stellen wir das Wasser im Garten ab. Es wird Zeit, bevor die Leitungen Frost bekommen.

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