Hier und da sind einige Äste an früh kapitulierenden Bäumen fast schon entblättert (es sind vor allem einige Linden, die da voreilig schwächeln, jetzt wohnt der Wind in den Zweigen, heißt es bei der Kaléko), im Wetterbericht für die nächsten Tage steht aber noch etwas von üppigen 20 Grad und der Nachbar übt seit Stunden Jingle Bells am Klavier, wobei er allerdings immer nur bis „all the way“ kommt, das erlösende „Oh what fun“ bleibt hartnäckig aus, fast möchte ich es ihm durch die Wand laut vorsingen. Egal, im Mittelwert ist dieses Gemisch dann also der 18. Oktober.

Die Außengastronomie lebt am Abend noch einmal auf, lautes Gemurmel an den Straßen und auf den Plätzen, Gläserklingen, Besteckgeklimper, gerufene Bestellungen, Sommergeräusche. Es wird nicht überall so sein, glaube ich, aber hier endet die Außengastronomie Ende des Monats, danach sollen die AnwohnerInnen Ruhe haben, bis März oder so, es gibt dann nur noch vereinzelte Glühweinstände. Auch deswegen wird jetzt jeder Abend bis zur letzten Minute genutzt, das Ende ist nah.

In den Hauseingängen sitzen hier und da Menschen, die sind nicht obdachlos und verzweifelt und verfroren, die sind nur jung und entspannt, die vercornern da den Abend.

Ich drehe die Abendrunde durch den Hauptbahnhof und über die Szenemeile, ich sehe nach allem, ich warte auf das Bild des Tages und warten Sie mal, ich habe da neulich was gefunden, fällt mir gerade ein, ich suche das mal raus.

Und zwar bei Jenny Odell, in ihrem Buch „Nichts tun“, Deutsch von Annabell Zettel. Das Buch habe ich bereits auf Englisch gelesen und etwas merkwürdig wenig verstanden, das ging mir sprachlich irgendwie quer, ich fand es sperrig und hölzern – aber inhaltlich war es doch interessant, ein gutes Thema ist das, ein sehr gutes sogar. Ich lese es jetzt auf Deutsch noch einmal, finde es ähnlich sperrig, verstehe aber deutlich mehr. Und die Odell jedenfalls zitiert dort, meine, Güte, was für ein langer Anlauf, John Steinbeck, und zwar einen Absatz aus der Einleitung der „Straße der Ölsardinen“:

„Es gibt Seegetier von so heikler Beschaffenheit, dass es einem unter den Händen zerbricht oder zerrinnt, wenn man es fangen will. Man muss ihm Zeit lassen, bis es von selbst auf eine Klinge kriecht, die man ihm hinschiebt, und es dann behutsam aufheben und in einen Behälter mit Meerwasser gleiten lassen. Auf ähnliche Art muss ich wohl dieses Buch schreiben: die Blätter hinlegen und es den Geschöpfen der Cannery Row überlassen, wann und wo sie darüber hinkriechen und sich darauf tummeln wollen.“

Da bekomme ich erstens sofort Lust, die Straße der Ölsardinen wieder einmal zu lesen, sie steht hier sogar im Regal und in Griffweite, da bin ich zweitens aber hell entzückt und geradezu hingerissen von diesem Bild des Schreibens. So abends um den Block gehen und sehen, was einem ins Bild gerät, was einem auf die Notizbuchseite gerät. Jenny Odell verwendet den etwas pompösen Begriff Beobachtungs-Eros.

Pardon, wo war ich? Ich drehe die Abendrunde durch den Hauptbahnhof und über die Szenemeile, ich sehe nach allem, ich warte auf das Bild des Tages und ich sehe es erst kurz vor meiner Haustür, nachdem ich schon die ganze lange Parade der Außengastro freundlich nickend und winkend abgenommen und alle Schaufenster gesichtet habe. Da steht eine junge Frau in einem nach französischem Film aussehenden Mantel vor dem Fenster einer Kneipe und spricht eine lange Nachricht in ihr Handy. Dann tippt sie auf den Bildschirm, vermutlich auf Senden, sieht kurz zum Himmel, lächelt, drückt das Handy an ihr Herz und sieht sehr, sehr glücklich und hoffnungsvoll aus. Ja, denke ich, so ein Abend, so eine Luft noch einmal.

Ansonsten war Schulanfang in Hamburg. Ein Sohn meldete sich am Morgen nach etwa 5 Minuten Unterricht krank und kam wieder nach Hause, that escalated quickly. Nur leichte Kost gab es heute für ihn, etwas Täubchen, etwas Franzbrot. Ach nein, das war die andere Familie mit Budden- vorne.

Noch ein trauriges Lied? Bitte sehr.

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