Dieser Raum ist auch doof

Der Januar ist kurz vor Schluss doch noch eingerastet, was sich in grundlos schlechter Stimmung ausdrückt, die sich, ich habe da Erfahrungswerte, im dümmsten Fall noch bis in den rettenden März ziehen wird. Kalendarisch abrufbare chronische Katastrophenstimmung, abgekürzt einfach KACK.

Es ist im Grunde vieles in Ordnung, es ist gar nichts los, aber die Wohnung kommt mir vor wie ein Gefängnis, ich weiß hier nichts mehr mit mir anzufangen. Ich gehe von Raum zu Raum und denke: „Dieser Raum ist auch doof“, dann gehe ich einen Raum weiter und im Kreis, der Schrittzähler vermeldet Unruhe. Das Einkaufen wird mir zum Hofgang, wie satt kann man seine Gegend eigentlich haben. Wie nervtötend kann jedes Haus sein, jede Kreuzung, jeder Supermarkt, alles so vorhersehbar und unendlich öde, ich sehe in den Schaufenstern nach, ob ich nicht längst wie Bill Murray aussehe, und zumindest der Gesichtsausdruck kommt hin. Es ist nur eine Stimmung, denke ich mir, es ist wie in jedem Jahr, guck nicht so überrascht. Du Trottel. Ich bin jetzt gerne unfreundlich, denn das hilft etwas, bilde ich mir zumindest ein, und da man nicht unfreundlich zu anderen sein sollte, bin ich es eben mir gegenüber, ich kann das ab.

Draußen dann auf einmal der Sonnenschein, das aufleuchtende Blau des Himmels und der Alster. Das nützt aber auch nichts, es bleibt ja doch Januar und kalt und alles, schon morgen ist es eh wieder grau wie gewohnt, warte nur ab, ich weiß Bescheid. Aber das Vitamin D, sagt mein innerer Erziehungsberechtigter. Okay, denke ich, ich gehe ja schon raus. Ich mache einen blöden Spaziergang durch die blöde gleiche Gegend. Kaum bin ich ein paar Meter durch die blöde Fußgängerzone, durch die blöde Konsumwelt gegangen, hält da jemand ein Pappschild hoch, auf dem steht tatsächlich “Kehret um!“ Ich frage mich, wozu ich dann überhaupt rausgehe, es ist ja auch wieder nicht richtig

Umkehren, nicht umkehren, zumindest spaziergangsbezogen fühlt sich heute beides gleich blöd an. Auf Religion habe ich ebenfalls keine Lust, so schlecht ist meine Stimmung nun auch wieder nicht, dass ich gleich nach einer Gottheit suchen würde. Die Stimmung ist mehr so routiniert schlecht, eher so, dass ich weiß, diese Phase endet auch wieder, vielleicht gleich schon, es müsste nur etwas passieren, idealerweise etwas Gutes. „50% auf alle Styles“, das lese ich auf einem Werbeplakat. Ich weiß gar nicht, was mein Style ist, aber er wird jetzt jedenfalls billiger. Ist das gut? Ist das gut genug?

Ach, egal. Es passiert nichts, natürlich passiert nichts, man darf ja nicht darauf warten, dass etwas passiert. Been there, done that, got the t-shirt, auf dem steht: “Januar ist doof.”

Ich höre mein Hörbuch weiter, Die Kameliendame. Armand verliebt sich heillos in Marguerite, sie fahren aufs Land, das so lauschige Haus wird angemietet, ich weiß, es wird nicht gut ausgehen. Stimmungsfördernd ist das heute auch nicht. Ich lese dies und das in der Wikipedia nach, ich lande schließlich bei Voltaire. Da ein Zitat aus Candide, ich nehme es einfach als Motto des Tages: „Lasst uns arbeiten ohne nachzudenken, das ist das einzige Mittel, das Leben erträglich zu machen.“

Ich glaube, ich werde hier mal eben durchsaugen oder die Wäsche in den Keller bringen. Oder die Kartoffellauchsuppe ansetzen, es ist Gemüsesuppentag. So etwas. Nur eben auf intellektuell anderem Level als sonst, sozusagen voltaireverbrieft.

Immerhin.

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3 Kommentare

  1. full ack! same! +1! (oder wie man heute sagt)
    Doof, dööfer, Januar. (und Februar)

    Grüße aus Nordostwestfalen!

  2. Ich find’s ja angenehm, dass Sie so lautstark herummosern. Wenn ich bloggen würde, würde ich mich direkt anschließen und einen Motz-Monat ausrufen, in dem alle mal nach Kräften ihre schlechte Laune auskippen sollen. Sozusagen ein Gegenpol zu Instagram mit den ganzen gut gelaunten Neues-Jahr-alles-wird-toll-los-fang-an-Posts. Also machen Sie ruhig weiter!

  3. Ja, ja, ja! Same here, alle Jahre wieder. Der erste Text, den ich lese, der den Januar voll auf den Punkt bringt. Selbst November ist besser. Grummelige Grüße aus dem ewig dreckigen, nassgrauen Berlin, aus der ewig viel zu kleinen Wohnung, aus der ich nicht einmal mehr schreiend rausrennen möchte, weil draußen Dreck und Nassgrau. Camilla

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