Na, guck mal an. Jetzt bin ich doch glatt, nachdem ich lange Zeit, über ein Jahr sogar, mit einem wahrhaft üppigen Vorrat gelebt habe, am Ende meiner Notizen angekommen. Der nachfolgende Text unten ist aus irgendeinem Grund in meinen Entwürfen nach hinten gerutscht, vor einem halben Jahr etwa. Und von diesem abgesehen gibt es nur noch einige Stichwörter, von denen ich etwa die Hälfte selbst nicht mehr verstehe. Kryptische Brocken, sie hatten vielleicht irgendwann einen Sinn. Notate wie etwa „Sommer halb und zu“. What?
Mangels ausgedehnter Spaziergänge kommt jedenfalls gerade nichts Neues rein. Gestern habe ich daher versucht, die weiteren Gehstrecken wieder aufzunehmen. Aber das war, so meldete der Problemfuß danach lebhaft zurück, keine allzu gute Idee. „Alles mit Maß und Ziel!“, wie mein Vater zu sagen pflegte, ohne sich je daran gehalten zu haben.
Es war dennoch ein sinniger Satz, keine Frage.
Falls hier in der nächsten Woche also ein, zwei Tage kein neuer Text erscheint – bitte gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.
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Eine weitere Szene, in der es um die neuerdings so posh bezeichnete „Grand Hall“ im Hauptbahnhof geht, also um die olle Wandelhalle.
Und zwar geht es um eine Frau, die etwa in der Mitte dieser großen Halle im Zentrum der Fußgängerbetriebsamkeit dieser Stadt steht, mitten am Tag. Sie fällt dort aus verschiedenen Gründen auf. Denn zum einen ist sie überdurchschnittlich groß. Was noch kein Grund für ein Bemerknis wäre, aber sie hat dazu auch noch üppig aufgetürmte Haare. Auf diese Beehive-mäßige Art, wie es sonst nach Amy Winehouse kaum noch jemand trägt.
Eine etwas exzentrisch anmutende Retro-Frisur, vielleicht erinnernd an Soulsängerinnen aus den 70ern, in die auch noch bunte, schillernde Tücher mit Glitzer daran verwoben wurden. Sie ist zum anderen auf eine bestimmte Art festlich angezogen, die ich durch den farbenfrohen, auffälligen Glanz mit dem Sonntagsstaat in Verbindung bringe, der hier von Menschen aus afrikanischen Ländern, vor allem meist wohl aus Ghana, bei Festlichkeiten getragen wird.
Ihre Erscheinung passt zumindest zu den mir bekannten Beispielen, und im Verlauf der folgenden Szene höre ich sie dann auch eine Sprache sprechen, die ich für eine afrikanische halten möchte. Wir können uns in diesem Fall bezüglich ihrer Herkunft aufgrund der Indizienlage also einigermaßen sicher sein, was sonst nicht eben oft der Fall ist.
In der Regel rät man solche Herkunftsdetails aber nur. Meistens meint man nur, ahnt etwas und rät am Ende doch, rechnet lediglich Wahrscheinlichkeiten hoch. Und hat vielleicht auch oft Recht mit seinen Einschätzungen, das mag sein. Aber ich könnte nicht einmal die Trefferquote realistisch schätzen, und es werden jederzeit signifikante Fehler dabei sein.
Weswegen es für mich auch schwierig bis unlösbar bleibt, die Menschen, denen ich hier in der Stadtmitte begegne, in Texten so realitätsnah für andere zu bezeichnen, dass diese beim Lesen ein zutreffendes Bild im Kopf haben würden. Ich scheitere da sprachlich und finde keinen Weg, das gleichzeitig angemessen vorsichtig und zurückhaltend, aber auch attraktiv beschreibend und zutreffend darzustellen, so dass sie sehen können, wer mir hier entgegenkommt, wenn ich durch die Fußgängerzonen gehe.
Ich denke, unsere aktuelle Schriftsprache gibt das einfach nicht her. Weswegen es hier weiterhin meist Ausmalmenschen geben wird. Ich rede also nur von Passantinnen oder von Menschengruppen an Ampeln etc., und Sie können sich aussuchen, wonach die wohl aussehen könnten. Ob nach Bayern, nach Bulgarien oder nach Brasilien. Und ob sie wohl die Landestracht tragen, was bei diesen Beispielen nur im Falle von Bayern einigermaßen wahrscheinlich ist. Denn der Bayer als solcher, er lässt sich oft gerne als ebendies identifizieren. Vielleicht sogar besonders dann, wenn er Hamburg besucht.
Diese Frau im Bahnhof jedenfalls, zurück zur Szene, in ihrem bunten, schillernden Festkleid, sie ist auch außerordentlich schön. Das allerdings ist selbstverständlich eine betont subjektive Wahrnehmung und fällt vielleicht keiner Mehrheit auf. Was aber definitiv auffällt, auch allgemein, das ist, wie sehr sie sich freut.
Denn sie winkt quer durch die Halle einem ihr entgegenkommenden Mann zu. Der, ebenfalls in feinerer Gewandung, gerade auf sie zueilt. Sie rufen sich winkend etwas zu, diese beiden. Sie steht mit erhobenem Arm und wartet ungeduldig, bis er herankommt, kriegt sich dann aber auf einmal nicht mehr ein vor lauter Begeisterung. Man muss jedenfalls annehmen, dass es die Begeisterung darüber ist, dass er kommt, dass er jetzt gerade zum Treffpunkt kommt, dass er fast schon bei ihr ist. Weswegen sie nämlich ein Freudentänzchen aufführt.

Nur wenige Schritte sind das, nur ein kurzes Wiegen der erhobenen Arme, es ist auch nur eine einzige Drehung und es sind nur wenige Schritte, wenn auch gekonnte, wie man gleich erkennt. Es ist nur ein Momentchen, leicht zu übersehen. Aber es ist eben ein Tanz, gar keine Frage. Ein Tanz, der sogar in dieser Kürze gut aussieht.
Ich müsste lange nachdenken, um darauf zu kommen, wann ich zuletzt so etwas wie ein veritables Freudentänzchen bei einem erwachsenen Menschen gesehen habe. Zumindest abseits von großen Sportübertragungen und dergleichen, wo so etwas nicht weiter auffällt und in der kollektiven Begeisterung untergeht. Hier aber, in der Wandelhalle, pardon, in der Grand Hall – es kommt mir geradezu spektakulär vor. Und nicht nur mir, einigen Umstehenden geht es ähnlich.
Dann fallen sich die beiden in die Arme, wie sich nur je ein Filmliebespaar der plakattauglichen Art entgegengesunken ist. Wenn an dieser Stelle eine laute, aufrauschende Soundtrackmelodie der etwas süßlichen und dabei doch betont beschwingten Art eingesetzt hätte, es hätte sich gewiss niemand gewundert, der diese Szene beobachtet hat.
Es haben, ich kann das überaus seltene Vorkommnis bezeugen, mehrere Menschen unwillkürlich gelächelt, die diese beiden gesehen haben. An einem Werktag. In Hamburg. Noch vor der üblichen Feierabenduhrzeit, noch vor den ersten Drinks oder anderen Entspannungsritualen.
Was es alles gibt, nicht wahr.
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