Die Herzdame redet: beim Frauenmahl in Böblingen

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die ihre erste richtige Rede gehalten hat.

Es ist mittlerweile schon ein paar Tage her, dass ich auf Reisen war, aber wie der Gatte hier bereits schrieb, man kommt ja zu nix. Schon Ende Oktober war ich nämlich eingeladen eine Rede zu halten, beim Frauenmahl in Böblingen.

Die wenigsten Leser-/innen werden wohl wissen, was sich hinter einem Frauenmahl verbirgt, deshalb will ich das hier kurz erklären. Bei dieser Veranstaltung treffen sich Frauen zu einem festlichen Essen, um sich über die Zukunft von Religion und Kirche auszutauschen. Es gibt ein mehrgängiges Menü und zwischen den einzelnen Gängen trägt eine Rednerin eine Rede vor, über die während des Essens gesprochen und diskutiert werden kann.

Die Rednerinnen kommen nicht zwangsläufig aus kirchlichen Kreisen – ich ja auch nicht – befassen sich in ihrer Rede aber durchaus mit christlichen Themen. Vor allem die Gespräche während des Essens sorgen für einen interessanten Diskurs über die Verantwortung sowie Gegenwart und Zukunft der Kirche.

Die Frauenmahle sind in Anlehnung an die Tischreden im Hause Luther entstanden und sollen auch an die Frauen der Reformationszeit erinnern, wie z.B. an die Ehefrau und Gastgeberin Katharina von Bora. Hierfür legte das erste Marburger Frauenmahl 2011 den Grundstein, mittlerweile werden diese Gastmahle deutschlandweit ausgerichtet, u.a. auch in Böblingen.

Das diesjährige Frauenmahl in Böblingen stand unter dem Motto „Reden. Essen. Feiern. Weil wir Freiheit haben“. Und eingeladen hatte mich die ebenfalls bloggende und twitternde Pastorin der Stadtkirche Böblingen, Frau Feine. In meiner Rede sollte es neben meiner Rolle als bloggende Gattin vor allem auch um mein Spendenprojekt „St. Georg hilft“ gehen, welches ich 2015 aus dem Boden gestampft habe (zugegebenermaßen für die Bloggerszene nicht unbedingt etwas Besonderes, für Kirchenkreise aber dann doch).

#Böblingen

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Natürlich habe ich mich wahnsinnig gefreut. Versteht sich. Aber als ich dann die Liste der bisherigen deutschlandweiten Tischrednerinnen gesehen habe, ist mir doch etwas anders geworden. Etliche bekannte, große Frauen. Und gefühlt jede Zweite mit einem „Dr.“ oder „Prof. Dr.“- Titel. Oder zu mindestens was mit Politikerin, Pastorin, Vorsitzende oder Direktorin. Die Herzdame in bester Gesellschaft! Ich hätte ja auch gerne meinen Mann geschickt, der das besser kann als ich, aber das schloss sich irgendwie von selbst aus.

Also tief Luft holen und die Challenge annehmen. Und um nicht als total dusselig und dumm dazustehen, habe ich erstmal recherchiert, worauf ich mich da eingelassen habe. Dabei habe ich dann auch eine ganze Menge gelernt, die Hälfte aber auch schon wieder vergessen.

Am 29. Oktober war der große Abend meiner ersten Tischrede gekommen. Ich war, Gott sei Dank, nicht die letzte Rednerin, sonst hätte ich wahrscheinlich den ganzen Abend völlig paralysiert und nicht ansprechbar vor mich hingestarrt und wäre am Ende doch noch heimlich durchs Klofenster abgehauen. Ich hätte auch um ein Haar den Fototermin verpasst, weil ich vor lauter Aufregung 100 mal auf Klo musste.

Mit mir waren noch vier sehr interessante Frauen eingeladen, die tolle Reden gehalten haben, von denen ich eine Menge mitgenommen habe.

Jede von uns hat eine Patin aus der Reformationszeit zugedacht bekommen. Das fand ich eine sehr schöne Geste. Mir zur Seite gestellt war Katharina Zell, in der Wikipedia findet man Folgendes zu ihr: „An der Seite ihres Mannes wurde sie ihm eine hilfreiche Partnerin in seinem Amt und verfasste ab 1524 ihre ersten literarischen Werke. Sie kümmerte sich um Arme, Kranke, Leidtragende und Gefangene. An der Seite ihres Mannes bemühte sie sich um ein gastfreies Pfarrhaus. Das große Münster-Pfarrhaus glich oft einer Herberge für Schutzsuchende und Notleidende.“ Schön, nicht? Das mit der Herberge. An den ersten literarischen Werken muss ich noch etwas arbeiten. Hüstel.

Vor mir dran war die Verlegerin und Theologin Reinhilde Ruprecht aus Göttingen, die eine leidenschaftliche Rede über das Thema „Freiheit in beweglichen Lettern“ gehalten hat und an ihre Reformationspatin Katharina Gerlach erinnerte, die als Buchdruckerin mit eigener Werkstatt als Pionierin galt und später als Verlegerin auch zur Verbreitung der reformatorischen Ideen beitrug.

Dann kam meine Rede „Einfach machen“, die ich ohne schlimmeres Gestotter oder in Ohnmacht zu fallen über die Bühne brachte. Danach konnte ich dann endlich entspannen, musste auch nicht mehr ganz so oft aufs Klo und konnte meine Tischnachbarinnen kennenlernen.

Nach mir folgte die grüne Politikerin und stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Bündnis90/Die Grünen Baden-Württemberg Thekla Walker mit ihrer Rede „Von der Freiheit Politik zu gestalten“ über Elisabeth von Rochlitz, die politisch Einfluss auf die Reformation nahm, als einzige Frau im Schmalkaldischen Bund mitwirkte und diesen auf Grund ihres umfangreichen Netzwerkes mit Informationen versorgte.

Danach kam Johanna Machado, Kantorin und studierte Kirchenmusikerin mit Hauptfach Popularmusik, die mit ihrer Band BetaGrooves Choräle neu und modern verpackt in Jazz, Funk & Soul. Wie das geht, hat sie den Zuhörerinnen mal eben am Flügel demonstriert. Cool! Ihre Patin war Elisabeth Cruciger, die als erste Kirchenliederdichterin der evangelischen Kirche gilt.

Zum Schluss rezitierte die Stuttgarter Schauspielerin Luise Wunderlich stimmgewaltig und ausdrucksstark die Briefe der Reformatorin Argula von Grumbach an die Professoren der Uni in Ingolstadt. Eine Frau, deren Eintreten für die Reformation den Ehemann das Amt kostete.

Die Herzdame als Menüpunkt.

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Alles in allem ein gelungener, schöner Abend. Ich bin sehr froh, dass ich mich auf meine Herausforderung eingelassen habe und dabei mal ganz neue Perspektiven und interessante Menschen kennenlernen durfte, mit denen ich sonst vielleicht nicht zusammengekommen wäre. Eine tolle Sache, wirklich.

Hier eine Nachlese der Sindelfinger Zeitung / Böblinger Zeitung

Sankt Georg hilft – zum Beispiel Hakim von der Theatergruppe Karoon

(Zu “Sankt Georg hilft” gab es lange kein Update mehr, aber es passiert dennoch weiterhin etwas. Ich habe bei Hakim nachgefragt.)

Hakim

Hakim ist mein Name, ich komme aus dem Al-Ahwaz. Vielleicht fragen Sie sich, was das Al-Ahwaz ist? Das ist ein Land, das vom Iran besetzt wurde, es liegt zwischen dem Irak, dem Iran und dem Golf. Ich bin jetzt seit vier Jahren in Deutschland und ich arbeite als Berater für Ausbildung bei der ASM (Arbeitsgemeinschaft Selbständiger Migranten). Und ich betreue – nein, das will ich so nicht sagen, ich helfe Freunden. Wir haben einen kleinen Verein und zwei Gruppen gegründet, eine Musikgruppe und eine Theatergruppe. Warum mache ich das? Weil ich selber immer noch Flüchtling bin, so steht es auch in meinem Pass.

Um mit Menschen Kontakt zu haben, musste ich Deutsch lernen, als ich hier ankam, das war der einzige Weg. Bevor ich Deutsch gelernt habe, hatte ich hier sehr wenig Kontakt, das ging einfach nicht. Und genau so geht es anderen Flüchtlingen auch. Ich wollte aber etwas mit dieser Lücke machen, die es nun einmal gibt, bevor man eine neue Sprache kann.  Ich selbst kann Farsi, Arabisch und Afghanisch sprechen. Meine Muttersprache ist Arabisch, aber wir mussten dort alle Farsi lernen.  Ich habe mich gefragt, was können denn die Flüchtlinge überhaupt machen, die noch kein Deutsch können?  Der eine sagte: Musik. Der andere sagte: Theater.

Theatergruppe Karoon

Wir machen das jetzt seit ein paar Monaten, in der Theatergruppe sind auch Menschen aus anderen Ländern, Eritrea, Afghanistan, Iran, Irak und auch aus Deutschland. Man muss doch aktiv sein, ich selber kann überhaupt nicht ohne Aktivität sein. Wir wurden zwar von unseren Ländern rausgeschmissen, aber manche von uns haben studiert, manche haben berufliche Erfahrungen. Wir müssen hier mit einfachen Sachen wieder anfangen, um weiter etwas zu tun. Und dabei dann etwas lernen. Vielleicht kommt irgendwann ein weiterer Deutschkurs, ein Integrationskurs,  aber man kann bis dahin doch auch schon etwas lernen. Einfache Sachen eben. Ich hatte vorher gar nichts mit Musik oder Theater zu tun, ich war Professor für Agrarwissenschaft. Das werde ich hier so leicht nicht wieder werden können, mein Deutsch ist dafür auch nicht gut genug [Anmerkung MB: Hakim spricht druckreif].

Theatergruppe Karoon

Ich habe hier Leute kennengelernt, die ihre Probleme irgendwie zeigen wollten, aber sie konnten das nicht. Daher hatten wir die Idee, Theater zu spielen. Ohne Sprache. Lachen können alle Menschen, das geht immer. Wir haben dann einfach angefangen, zum Beispiel mit Szenen, wie man sich auf Deutsch vorstellt. Viele Flüchtlinge möchten gerne etwas mitteilen, können aber nicht. Und da wollten wir etwas tun.

Theatergruppe Karoon

Die Leute aus meiner Heimat haben es besonders schwer mit den Sprachkursen, weil viele kein Arabisch gelernt haben und auch kein Farsi, nur einen Dialekt. Es sind mehr als hundert Familien aus meiner Heimat hier in Hamburg, und wir versuchen, die Leute von uns, die schon etwas geschafft haben, erklären zu lassen, wie das ging. Besonders den Jugendlichen. Da sind auch Menschen dabei, die schon in der Bildung gearbeitet haben, Lehrer und so weiter.

In unserem Theaterstück geht es also um einen Deutschkurs. Wir haben für die Proben Unterstützung von “Sankt Georg hilft” bekommen, da wurden die Fahrkarten bezahlt, damit die Darsteller zu den Proben fahren konnten. Wir wollen mit dem Stück zeigen, welche Gründe es gibt, warum Deutschkurse manchmal nicht so funktionieren, warum einige von uns nicht gut und nicht schnell lernen können.

Theatergruppe Karoon

Es gibt aber erst einmal nur eine Aufführung, wir sind eine Gruppe ohne Erfahrung. Wie gesagt, wir wollten einfach nur etwas machen. Aber wir hoffen, dass wir z.B. an Schulen auftreten können.

(Wenn sich jemand für Aufführungen interessiert – bitte einfach per Mail bei uns melden, Adresse siehe Impressum, wir leiten weiter. Außerdem ist die Truppe auf der Suche nach einem Proberaum – wer etwas weiß oder hat, gerne auch melden. Sankt Georg hilft nimmt weiterhin auch gerne Spenden an und verteilt an verschiedene Projekte – wie etwa dieses.)

In der S-Bahn

In der S-Bahn sitzen mir zwei Mädchen gegenüber, irgendwo im Pubertätsalter, vierzehn Jahre vielleicht. Sie unterhalten sich in einem sehr rudimentären Deutsch und nach einer Weile reime ich mir zusammen – die beiden können keine gemeinsame Sprache, lernen aber gerade zusammen Deutsch und kommen wohl gerade vom Sprachkurs oder aus der Schule, wie auch immer. Unmöglich zu sagen, aus welchen Ländern sie kommen, grob Richtung Süden wird nicht falsch sein, mehr kann man nicht raten oder gar erkennen. Sie könnnten geflüchtet sein, zugereist, eingewandert, Expat-Töchter, was auch immer. Die Kleidung gibt keine Hinweise, H&M vermutlich, wie überall. Sie fallen zwischendurch nur so kurz in ihre jeweiligen Muttersprachen, dass ich sie nicht zuordnen kann.

Sie haben es denkbar schwer, sich zu verständigen, aber sie sind beide gleich alt und haben Jungs in der Klasse oder im Kurs, über die man sich dringend, wirklich enorm dringend austauschen muss, also reden sie eben trotzdem. Ihre Sätze bestehen fast nur aus Adjektiven, Substantiven und irrem Gekicher, da fehlt alles sprachliche Beiwerk, aber das Milo süß ist, das kommt dann doch deutlich zum Ausdruck, sehr oft sogar. In einer gemeinsamen Sprache würden sie enorm viele Wörter in kurzer Zeit von sich geben, aber sie haben nur ziemlich wenige Begriffe zur Verfügung, es macht sie wahnsinnig, gleichzeitig finden sie es aber auch witzig. Milo süß! Ja, Milo süß. Bei anderen Namen werden Augen verdreht, wird noch mehr gekichert, werden Augen sogar hochdramatisch gerollt, werden wegwerfende Gesten gemacht und Hände zum Himmel gehoben. Sie stoßen sich an und lachen sich kaputt und sind sehr aufgeregt und versuchen sich zu verabreden, wozu sie Zeiten und Straßennamen und Nummern brauchen, das ist wieder ziemlich schwer, und schließlich werden Karten auf dem Handy gezeigt und Stadtteile buchstabiert. Al-to-na, so ein komisches Wort, sie lachen sich schon wieder kaputt. Und dann einigen sie sich mühsam, wo sich treffen können, um noch mehr zu reden, denn reden müssen sie unbedingt bald wieder, auch wenn sie es nicht können. Weil Milo süß. Hihi.

Woanders – Die siebenundzwanzigste Sonderausgabe Flucht und Fremdenfeindlichkeit

Eine bloglastige Ausgabe, warum auch nicht.

Deutschland: Es war noch nie so einfach, die Welt zu retten. Ein Artikel von Journelle.

Deutschland: “Ich glaube, wir machen in Deutschland den großen Fehler, das Thema hysterisch, geradezu hysterisch zu bearbeiten.” Der Bürgermeister von Altena im Sauerland.

Libanon: Ein Interview mit dem Autor Pierre Jarawan, der aus dem Libanon stammt. Vielleicht möchte sich jemand dem Land, das in der aktuellen Situation nicht ganz unwichtig ist, literarisch nähern, das klingt alles so, als würde man es lesen wollen. Siehe zu dem Buch auch hier bei Ninia.

Europa: Pia Ziefle zum Jahrestag ihres Buches Suna, in dem es auch um Heimat geht.

Italien/Malta: Ein Artikel über ein Ehepaar, das ein Vermögen in ein Projekt investiert hat, um Menschen aus dem Mittelmeer zu retten.

Europa: Homestories ist ein Projekt, in dem Geflüchtete ihre Geschichten erzählen – und es ist außerdem hervorragend bebildert.

Deutschland: Martin Gommel über Sinzheim.

Kleine Szenen (8)

Es ist eigentlich nur eine Szene, sie hat sich im Winter ein paar Mal wiederholt, ich bin bisher nicht dazu gekommen, sie aufzuschreiben. Und sie hat nichts mit Flüchtlingen zu tun, wie es bei den letzten Artikeln dieser Art war. Es geht aber um Migranten anderer Art, sie kamen in den letzten Texten in dieser Kategorie schon am Rande vor. Es geht um die weit fortgeschrittenen Alkoholiker vor dem Hauptbahnhof, von denen ein großer Teil Russisch spricht. Oder eine andere slawische Sprache, das kann ich nicht unterscheiden. Es geht also um Menschen, deren Lebensweg sie irgendwie vor diesen Bahnhof geführt hat, von dem sie nicht wieder wegkommen. Vor dem sie jeden Tag herumstehen, hocken, liegen. Sie sind da bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit, sie sitzen auf dem blanken Boden, sie liegen auch im Regen unter freiem Himmel, sie merken längst keine Kälte und keine Nässe mehr.

Manchmal liegen sie lange wie tot herum, dann ruft ein Passant oder jemand vom Sicherheitsdienst vielleicht einen Krankenwagen. Oft liegen sie so, dass man schon im Vorbeigehen denkt, wenn ich so liegen würde, wie schnell wäre ich tot? Wie überleben sie das denn bloß? Viele sind in einem Zustand, zu dem man sich keine hoffnungsvolle Perspektive mehr denken kann, da müssten schon mehrere und wahrhaft gewaltige Wunder geschehen, um diese komplett abgerockten Gestalten noch ein paar Kurven zum Besseren im Leben nehmen zu lassen. Wahrscheinlich ist das wirklich nicht. Wahrscheinlich ist, dass dieser Bahnhof eine der allerletzten Stationen ist, wenn nicht sogar die Endstation. Das sind gescheiterte Lebens -und Migrationsgeschichten, an denen man da vorbeigeht, da ging etwas gründlich schief, da ging alles schief.

Die Männer und Frauen sitzen und trinken und stieren in die Gegend, es sind vom Alkohol zerstörte Gesichter, denen man keine Mimik mehr ansieht. Leere Blicke, halboffene Münder, aus denen Gebrabbel und Sabber tropfen. Gebissruinen, hängende Mundwinkel, darunter im parallelen Bogen hängende Schultern. Wirre Haare, rote, aufgedunsene Nasen. Sie prosten sich zu, gelegentlich geht einer irgendwo neues Bier oder Schnaps holen. Mehr passiert nicht. Manche reden den ganzen Tag vor sich hin und gestikulieren lahm dazu, manche verdämmern einfach die Stunden. Weil sowieso nichts passieren wird, heute nicht und morgen nicht.

Aber einer von ihnen kann etwas Besonderes. Einer von ihnen stellt sich ab und zu hinter eine oder einen der anderen und fasst tastend an Schultern, Hälse und Arme. Und die Art, wie der das macht, die lässt einen gleich denken, dass der da etwas Professionelles macht. So biegt man keine Arme, so drückt man nicht probeweise in fremde Muskeln, wenn man sich nicht damit auskennt, wenn man das nicht irgendwann gelernt hat. Der war sicher einmal Masseur, Physiotherapeut, so etwas in der Richtung. Der drückt und knetet gekonnt, der macht da nicht irgendwas. Und die Angefassten schälen sich nach einer Weile mühsam aus ihren Winterjacken, damit er besser zugreifen kann. Er bohrt Finger in Rücken und Knöchel in Oberarme, er fragt leise etwas. Der Mensch vor ihm zeigt vage auf eine Stelle, er nickt und drückt dorthin, da geht es dann weiter. Ganz normal sehen diese Bewegungen im Dialog aus, als würde jemand in irgendeinem Wellnesstempel kurz seine Verspannung von der Büroarbeit schildern. Der Masseur drückt und greift, mal sachte, mal fester. Und dann passiert nach ein paar Minuten etwas mit den sonst so unbeweglichen Gesichtszügen der Trinker, dann heben sich nämlich Mundwinkel zögernd und wie untrainiert. Da gehen zottige Augenbrauen weit nach oben, da werden Augen wie in höchster Konzentration geschlossen und auf diesem vom Suff zerstörten Gesicht sieht man etwas, das dort vermutlich jahrelang nicht mehr gesehen wurde: Behagen.

Nach einer Weile klopft der Masseur abschließend auf die Schultern vor ihm, mit einer Geste, als würde er sich jetzt dem nächsten Patienten einen Raum weiter zuwenden. Er brummelt etwas, kratzt sich am Bart, er sieht zu, wie sich der Mensch vor ihm wieder mühsam anzieht. Dann wendet er sich nicht dem Nächsten zu, sondern doch wieder seinem Bier. Winkt den Dank des anderen ab. Und der andere bewegt noch eine Weile verblüfft seine Arme, dreht seinen Kopf, hebt die Schultern, hebt sie wieder, als hätte er gerade erst gemerkt, dass da Arme dranhängen. Und schüttelt sich dann etwas, mit einem wehen Staunen im Gesicht, in dem vielleicht, wer weiß, ein wenig Erinnerung an längst vergangenes Wohlbefinden liegt. Und dann trinkt auch er weiter.

Woanders – Die sechsundzwanzigste Sonderausgabe Flucht und Fremdenfeindlichkeit

So, nach kleiner Erholungspause wieder weiter mit diesem Thema. Mal sehen, was von den nebenbei gesammelten Links der letzten Wochen überhaupt noch lesbar ist, ohne völlig überholt zu klingen.

Deutschland: Den ersten Text brauche ich im Grunde nur wegen der ausführlichen Plot-Schilderung. Denn es ist ja so – das kann so nicht sein. Das ist so unwahrscheinlich, es ist schon geradezu lachhaft. Auf Facebook kursierte gerade ein Witz über eine Konferenz von Drehbuchautoren, die genau wegen so einer schwachsinnigen Story Ärger bekommen. Weil sie einfach zu schlecht ausgedacht ist. Drei Brüder in dieser Konstellation in Sachsen, und sie heißen dann auch noch Hetze, na klar, haha. Der eine als Heimleiter in der AfD, der andere macht in Containern, der andere in Demos. Was haben wir gelacht. Es ist ja so, wenn man jetzt drei bis vier halbwegs vernünftige AutorInnen, BloggerInnen oder ähnliche Kreative bitten würde, sich eine Story über ein Dorf in Sachsen mit ankommenden Flüchtlimgen auszudenken, sie würden auf eine wesentlich wahrscheinlichere Version kommen. Nicht so elend klischeehaft, haarsträubend holzschnittartig, erbärmlich flach, schlicht schülerzeitungsmäßig, albern karikaturnah. Womit ich jetzt nichts gegen Schülerzeitungen sagen will, pardon. Die drei bis vier AutorInnen unserer Wahl würden auf ein Szenario kommen, das viel subtiler gestaltet wäre, feinsinniger ausgeführt, dezenter in den Details, realistischer in der Personengestaltung. Es wäre, da führt kein Weg daran vorbei, schlichtweg realistischer als die tatsächlichen Vorkommnisse. Die Literatur, das muss noch einmal wiederholt wären, würde sich für die allermeisten von uns also eindeutig echter anfühlen als die Wirklichkeit. Wir wären, es ist gar keine Frage, ziemlich sicher, welche Version da wohl stimmen kann, wenn man die Nachricht gegen den fiktiven Entwurf vergleichen würde. Müssen wir dann in Clausnitz und ähnlichen Gemeinden also nicht geradezu von einer Lügenwirklichkeit sprechen? Kommen wir damit jetzt nicht der Wahrheit näher? Und muss es uns stören, dass die Tatsachen dagegen sprechen, das stört die anderen doch auch nie? Da mal drüber nachdenken, wie der olle Kempowski gesagt hätte.

Deutschland: Da gibt es etwa einen längeren Artikel über die neuen Kinder in Golzow. Das Dorf in Brandenburg, in dem damals diese lange Dokumentation gedreht wurde – jetzt geht es um syrische Kinder, die der Bürgermeister dorthin geholt hat. Um eine Situation, die die Kommunalpolitiker ganzn und gar nicht bestellt haben, geht es in Sumte, aber auch das liest sich recht entspannt. Siehe auch Wiederau in, nanu, Sachsen.

Europa: Andere Kinder hängen währenddessen irgendwo an Grenzen fest oder klettern gerade über Zäune.

Island: Und um noch einmal etwas Nettes zu verlinken – in Island kann man sich ein paar mehr Flüchtlinge gut vorstellen: “Wir sind ja so wenige.”

Norwegen: Auch in Nordnorwegen läuft es ganz gut, nach diesem Bericht hier.

Frankreich: Ganz anders in Frankreich.

Europa: In der NZZ geht es um Architektur für Menschen, die schnell untergebracht werden müssen, die ein Dach über dem Kopf brauchen. Und beim Deutschlandfunk geht es auch um eine Idee zum Wohnen, aber noch etwas origineller. Obwohl, geschichtlich gesehen wird es tatsächlich gar nicht originell sein.

Deutschland: Es gibt jetzt eine arabische Zeitung aus Deutschland.

Deutschland: Den Kommentar eines Clausnitzers werden alle schon gelesen haben, oder? Na, hier zur Sicherheit.

Deutschland Nils Minkmar über die große Gereiztheit.

Deutschland: Medienarbeit, wie man sie gerne hat: Die Zeit lange und ausführlich über rechte Gewalttäter, die angeblich aus der Mitte kommen.

Und überhaupt: Meike Lobo über das Zeitalter der Massenhysterie. Patricia will nicht mehr zuschauen. Und es gibt hinter all dem noch etwas, das sich niemand auszusprechen traut. Obwohl es doch alle wissen.