Neu auf dem Nachttisch

Sachbücher kommen mir ja eher selten unter die Finger, aber manchmal ist es ja ganz nett, etwas dazuzulernen. James Hamilton-Paterson: Vom Meer – Über die Romantik von Sonnenuntergängen, die Mystik des grünen Blitzes und die dunkle Seite von Delfinen (man mag sich gar nicht vorstellen, wie lange das Marketing im Mare-Verlag für den Titel gebraucht hat – ich höre förmlich jemanden rufen „Der Delfin muss rein, Delfin läuft immer!“ Und alle so: yeah.). Das Buch wurde übersetzt von Thomas Bodmer und ist in diversen Feuilletons geradezu hymnisch besprochen worden. Es enthält Reportagen über Inseln, Fischerei, Meeresbewohner und ähnliche Themen, durchweg sehr unterhaltsam und dümmer wird man auch nicht. Die hymnische Besprechungen kann ich nicht nachvollziehen, ich würde es einfach für ein gutes Buch halten, nicht für eine Offenbarung. Aber als gutes Buch kann man es allemal empfehlen, besonders die Beiträge über Fischerei haben es in sich, bergen aber auch das Risiko, dass man seine Fischmahlzeit hinterher mit etwas anderen Augen betrachtet – oder gleich ganz ausfallen lässt.

Eine der geradezu bezaubernden Erkenntnisse aus dem Buch: Zu den erfolgreichsten Lebewesen auf diesem Planeten gehören die Quallen, die seit 500 Millionen Jahren ohne großen Änderungsbedarf an Gestalt und Bauweise durch die Weltmeere dümpeln und es, so vermutet der Autor, auch noch dann tun werden, wenn wir Menschen uns längst aus der Geschichte verabschiedet haben. Quallen können eine beträchtliche Größe erreichen, haben einen interessanten Aufbau, raffinierte Jagdmethoden und eine seltsame Art der Fortpflanzung. Was sie aber zu dem Riesenerfolg ihrer endlosen Laufbahn nicht gebraucht und daher bis heute nicht entwickelt haben: ein Gehirn. Oder auch nur ein zentrales Nervensystem. Denken Sie mal drüber nach.

Neu auf dem Nachttisch

Einer von den zu Unrecht früh vergessenen Autoren des letzten Jahrhunderts, Ford Madox Ford. Wenn man etwas über die Kunst der Situationsbeschreibung lernen möchte, dann bei ihm. Nach den ersten zwanzig Seiten kurz nachgedacht und festgestellt, dass im Buch etwa drei Minuten Handlungszeit verstrichen waren, wenn überhaupt. Und keine Zeile war langweilig. „Der Mann, der aufrecht blieb“, erlesen übersetzt von Joachim Utz, erschien zuerst mit dem Titel „A man could stand up“ 1926 und beginnt mit dem Moment, in dem der erste Weltkrieg endet:

„Langsam, unter unerträglichem Lärm, der teils von der Straße, teils von dem weiten und mächtig widerhallenden Schulhof zu ihr drang, verwandelte sich das Innere des Telephons für Valentine in etwas, was es schon in früheren Jahren für sie gewesen war – es erschien ihr als unerforschliches Requisit des Schicksals. Es war auf subtile Weise beunruhigend, dass das Telefon aus unerfindlichen Gründen gänzlich unabgeschirmt in einer Ecke des großen Schulraums stand, und nachdem sie in einem Augenblick banger Erwartung mit höchster Dringlichkeit vom asphaltierten Schulhof gerufen worden war – wo sie die unter ihrer Anleitung in Reihen aufgestellten und wie unter elektrischer Hochspannung stehenden Mädchen gerade noch im Zaum hatte halten können -, wurde Valentine, sobald sie den Hörer ans Ohr hielt, von einer Stimme, die ihr halbwegs bekannt vorkam, schlagartig mit ihr unverständlichen Mitteilungen überschwemmt.“

Neu auf dem Nachttisch

Und noch ein Simenon: „Der Mann aus London“, übersetzt von Stefanie Weiss. Ein Roman, der vielleicht nicht so bemerkenswert wäre, wenn man nicht etwas länger über die Antwort auf ein paar Fragen nachdenken würde. Weiß man nach dem Roman, wie die Stadt, in der er spielt, Dieppe, aussieht? Ja, das bildet man sich tatsächlich ein. Hat Simenon sie beschrieben? Kaum. Weiß man, warum die Hauptfigur tut, was sie tut? Ja, das weiß man. Hat Simenon ihr Innenleben beschrieben? Kaum. Nun ja. Genie ist eben Genie.

Der Roman erschien zuerst 1933 und beginnt so:

„Im Augenblick denkt man, es seien Stunden wie andere auch, und merkt erst hinterher, daß etwas Außergewöhnliches daran war. Hinterher, da spürt man mühsam dem Faden nach, der sich durch das Geschehen hindurchzog, und man versucht die einzelnen Minuten sinnvoll wieder zusammenzufügen. Warum war Maloin an dem betreffenden Abend schllechtgelaunt von zu Hause weggegangen. Sie hatten wie gewöhnlich um sieben zu Abend gegessen. Es hatte gebratene Heringe gegeben, es war die Jahreszeit dafür.“

Neu auf dem Nachttisch

Von einem Simenon wird man nicht satt, gleich den nächsten hinterher und dieser sogar noch gehaltvoller. Der Mann hat erfreulicherweise Tagebuch geschrieben, zumindest eine Weile lang. Georges Simenon: Als ich alt war. Deutsch von Linde Birk.

Wenn man selbst schreibt, ist der Anfang ein klein wenig frustrierend, wie man gleich merken wird, davon abgesehen ist es aber ein sehr erhellendes Buch, auch über das Schreiben.  Es erschien zuerst 1963 und beginnt so:

„Vor vier Tagen – am 21. – beendete ich einen Roman. Es sind nun über einhundertachtzig, und diesen wollte ich besonders einfach halten. Als ich am ersten tag anfing zu schreiben, hatte ich etwa bei der neunten oder zehnten Seite das Gefühl, dass es sinnlos sei, weiterzuschreiben, dass ich nichts Lebendiges zustande bringen könne.

Ich war, wie immer, wenn ich schreibe, allein hinter geschlossenen Vorhängen in meinem Arbeitszimmer, fünf-, sechsmal ging ich im Kreis herum, nur eine Art menschlicher Achtung hielt mich davon ab, diese paar Seiten zu zerreißen und einige Tage abzuwarten, um dann mit einem anderen Roman zu beginnen. Das ist mir schon zwei- dreimal in einem einzigen Jahr passiert. Diesmal brach ich in Weinen aus. Dann setzte ich mich, ohne allzuviel Hoffnung, wieder an die Maschine. Ich glaube, dass es mein bester Maigret geworden ist.“

Neu auf dem Nachttisch

Und zwischendurch immer wieder zurück zum Großmeister: Georges Simenon. „Die Fantome des Hutmachers“, erschienen zuerst 1947. Die Szenerie in La Rochelle mutet sehr historisch an, der Roman könnte auch in der Vorkriegszeit spielen und wie immer bei Simenon meint man schon nach zehn Seiten genau zu wissen, wie es sich angefühlt hätte, an einem Abend im Herbst der Hauptfigur durch die verregneten Straßen der Altstadt zu folgen, in der die Lichter früh verlöschen und die Stimmung unbestimmt bedrohlich wird. Und wäre man begabter Zeichner, man könnte das Ladengeschäft der Hauptfigur, seinen Lehrling, sein Hausmädchen, seinen Nachbarn umgehend aufs Papier werfen, so klar wird hier ein Bild erschaffen. Der Roman beginnt so:

„Man schrieb den 3. Dezember, und es regnete immer noch. Die Zahl 3 hob sich riesig, ganz schwarz, mit einer Art dickem Bauch von dem grellen Weiß des Kalenders ab, der rechts von der Kasse an der Zwischenwand aus dunklem Eichenholz hing, die den Laden vom Schaufenster trennte. Es waren genau zwanzig Tage her, die Geschichte war nämlich am 13. November passiert – wieder so eine dickbäuchige 3 auf dem Kalender -, seit die erste alte Frau in der Nähe der Saint-Sauveur-Kirche, einige Schritte vom Kanal entfernt, ermordet worden war. Und seit dem 13. November regnete es. Man konnte sagen, daß es seit zwanzig Tagen ohne Unterbrechung regnete.“