Am Sonntag ging es gleich weiter im Kulturprogramm. Immer im Vibe bleiben, immer die Wellen abreiten, „as my whimsy takes me“. Es hat sich in der Rückschau, auch über die Jahrzehnte, doch meistens bewährt.
Im Museum für Kunst und Gewerbe war ich schon lange nicht mehr, also mehrere Jahre nicht. Das lag daran, dass mich die Sonderausstellungen dort in seltsamer Reihung nie recht interessiert haben. Und auch die aktuellen eher nicht. Stets gingen sie knapp an meinen Interessen vorbei, in wenigen Fällen auch an meiner Zeitplanung. Dabei hatte ich das Museum in guter Erinnerung, war früher auch viel öfter dort. Ein Nachbar ist es auch, wenn ich es auf den Stadtteil beziehe, und es beinhaltet sogar eine Buchhandlung, die am Sonntag geöffnet ist. Es gibt also Argumente, die dafür sprechen, dort wieder hinzugehen. Man muss es nur durchziehen, nicht nur dauernd im Vorbeigehen denken.
Es ist immerhin keine Pflicht, auf eine passende Sonderausstellung zu warten.



Das Museum liegt in einigermaßen prekärer Lage gegenüber der Methadon-Ausgabestelle, weswegen ich vor der Tür wieder etwas sah, das hier im Blog öfter vorkommt: das namenlose Entsetzen der Touristen aus vermutlich beschaulicheren Gegenden, denen reihenweise die, man kann es kaum anders nennen, zombiehaften, verwahrlosten und verlumpten Junkies entgegenkamen. Mit allen Formen von Hautschäden, so dass man bei ihrem Anblick auch an Aussätzige denken könnte, an Lepröse und sonstige Opfer grauenvollster Krankheiten.
Die auch in vielen Fällen seltsam verrenkt gehen oder stehen, manchmal an die grausigen Darstellungen von Irren aus dem Mittelalter erinnernd. Aber auch Expressionismus unter den Opfern. Barlach-Zeichnungen kommen einem da entgegen, Kollwitz-Blätter, Kubin auch.
Dass man bei Crack etc. eine weitgehende Hoffnungslosigkeit mitdenken muss, macht den Anblick noch schlimmer, für mich jedenfalls. Man sieht auf Verdammte, in einem tief historischen Sinn.
Die Ironie der Geschichte, in diesem Fall eine nicht eben feine Ironie, liegt darin, dass unser kleines Bahnhofsviertel immer schon jene Gegend der Stadt war, die für solche Fälle vorgesehen war. Auch in jener Zeit, als es tatsächlich noch um Lepra ging. Die Kranken, die Irren, die Galgenvögel, die Gebresthaften, die Gebrochenen, die Außenseiter – das war hier ihre Heimat. Und ist es teils immer noch, denn die Stadtgeschichte ist eine starke Macht, die lange wirkt.
Wieder ging ich im Museum nach der so sehr bewährten Kindermethode vor. Ich ging also planlos, stromernd und ungezielt herum. Auf alles zusteuernd, was meine Aufmerksamkeit kurz oder länger haben wollte.
Nebenbei erwähnt gibt es wohl so leicht kein zweites Museum weit und breit, in dem man sich derart leicht und verwirrend verlaufen kann. In jedem Treppenhaus, von denen es gefühlt etwa zwanzig gibt, diskutieren ratlose Menschen. Also vor allem deswegen ratlos, weil die meisten eben doch planvoll vorgehen möchten, nicht so wie ich.
Kaum las ich irgendwelche Erklärbärschilder, mir war an diesem Tag nicht danach. Ich ging einfach so herum und genoss das, was mir auffiel.



Vieles erkannte ich wieder. Weil ich es seit vielen Jahren schon kenne, auch seit vielen Jahren schon mag. Etwa die Jugendstilinneneinrichtungen und auch andere Möbel. Einige davon habe ich schon als Jugendlicher angestaunt.




Was mir aber zum ersten Mal auffiel – es ist auch ein Teil des Heimatgefühls, solche Stücke in Museen zu kennen, die man geradezu freundschaftlich betrachtet. Bei denen man sich also gelegentlich über ein Wiedersehen freut. Ausgesprochen angenehm war mir das Wiedererkennen in einigen Fällen, und ich hätte manche Sachen auf kumpelige Art anstupsen mögen: „Na, auch hier?“
Aber Contenance, man kennt das. Und so ein Alarm löst ja Stress für alle aus, das möchte man nicht.
Noch ein Nebengedanke: Dass die ehemalige Spiegel-Kantine im Museum gelandet ist, kann man aufgrund des spektakulären Designs leicht nachvollziehen. Für die zahlreichen Menschen aber, welche diese Kantine noch im Alltag benutzt haben, stelle ich es mir als besonders markanten Alterschritt vor, die ehemals gewohnte und oft benutzte Stätte nun im Museum wiederzufinden.


In meiner Firma wurde das Thema Essen, Pausenräume etc. stets ausgesprochen stiefmütterlich behandelt. Die Kulisse aus dem trostlosen Kellerraum, in dem wir in den Neunzigern geschmacklose Pampe aus aufgewärmten Aluschalen unter Neonröhren aßen, sie wäre wohl eher ein Fall für das Museum der Arbeit. Wo dann die Gäste kurz davor stehenbleiben, den Kopf schütteln und leise mit leichtem Grusel sagen: „Also schön war das ja nicht.“
Aber apropos Essen und Trinken! Es gab in der „Destille“ im Museum sowohl guten Kaffee als auch guten Kuchen. Was ganz und gar keine Selbstverständlichkeit in Kultureinrichtungen aller Art ist. Aber die Frischkäse-Karamell-Torte, der Espresso Macchiato: sehr in Ordnung.

Auch mit dem Sonntag also war ich im Sinne meines vagen Urlaubsplans voll zufrieden.
Was mache ich heute? Ich habe noch keine Ahnung, denn ich betrete nun Dimensionen der Spontaneität, die keine Version von mir jemals … Sie wissen schon.
Aber ich werde vermutlich berichten.



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