Les feuilles mortes

Die Blätter färben sich, da wird es hier wieder Zeit für dieses Lied, für diese Lieder. Vorweg noch einmal einen der besten Live-Auftritte überhaupt, also aus meiner Sicht natürlich nur. Yves Montand à l’Olympia, er singt Les feuilles mortes, Text Jacques Prévert, Musik Joseph Kosma.  Das darf in diesem Blog ruhig jedes Jahr wieder vorkommen, es ist mir geradezu eine Ehre. Man beachte bitte auch seinen Gesichtsausdruck direkt nach dem Lied, also da, wo man normalerweise schon hektisch weiterklickt.


Die englische Version des Liedes, Autumn leaves, ist weltweit sicher der bekanntere Song, textlich ist diese Version allerdings deutlich schwächer und platter, es ist eher ein Liedchen. Ein immerhin schönes Liedchen, das dann aber doch. In der englischen Version ist der jeweils andere Part gegangen, fortgegangen, hat also jemanden verlassen, in der französischen Version hat das Leben lautlos und sanft getrennt. Das Meer verwischt die Spuren der getrennten Liebenden am Strand, da ist keine Rede davon, wer was war und was getan hat. Die Rede ist nur davon, dass derjenige, der singt, nichts vergessen hat. Das beweist gar nichts oder doch nur, dass zwei einmal geliebt haben, dass es einmal gut war und nicht mehr ist. Aber wie es zu Ende ging – wer weiß. Das verbleibt ohnehin oft im Ungewissen, man kennt das.

Goethe hat zwei Versionen von “Willkommen und Abschied” geschrieben, das ist das berühmte Gedicht mit dem Gassenhauer-Anfang “Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!” In der ersten Version endet es mit:

“Du gingst, ich stund und sah zur Erden

Und sah dir nach mit nassem Blick …”

In der späteren Version heißt es:

“Ich ging, du standst und sahst zur Erden

Und sahst mir nach mit nassem Blick …”

So ist das mit der Wahrheit, mit den Erinnerungen, mit der Dichtung und mit dem Lauf der Jahre, in diesem Beispiel ist schon alles. Wobei man, ganz egal, wie man die Änderung interpretiert, den endgültigen Schlusssatz des Gedichtes immerhin stehen lassen kann, er ist auch in beiden Versionen gleich:

“Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!

Und lieben, Götter, welch ein Glück!”

Und die Zeit so: Warte, ich mach mal Herbst.

Ich habe eine Playlist bei Spotify mit den Versionen der Feuilles mortes, die mir besonders zusagen. Die Zusammensetzung wechselt jährlich, immerhin ist kein Herbst wie der andere. Es gibt noch wesentlich mehr Aufnahmen, man könnte das Lied tagelang hören, inklusive sehr schlechter Versionen, nur noch geeignet für Fahrstühle in hauptsächlich geschäftlich frequentierten Hotels am Rande von Industriegebieten in uninteressanten Städten

Man kann, wenn man viele Versionen eines Liedes hört, enorm viel entdecken, ich mache das gerne. Etwa das ganz leichte und mutmaßlich sogar absichtliche Schwächeln der Stimme an der einen Stelle da bei Frank Sinatra. Oder das ein wenig feinere Modulieren bei Édith Piaf, wenn sie aus dem Englischen ins rettende Französische wechselt. Man kann auch einfach staunen, etwa wie seltsam überorchestriert und aufgeschmalzt die ansonsten doch sehr respektable Version von Udo Jürgens ist. Man kann sich in einen anderen Zeitgeist denken mit der etwas nervösen, dann aber unterm Strich doch sehr coolen Version von Paul Desmond, man kann die leicht verwackelten Konsonanten bei Chantal Chamberland anmerken, das wie immer kuscheldeckenhafte Timbre von Bing Crosby. Bei Keely Smith fragt man sich, wann denn die Geschwindigkeit des Songs wohl anziehen wird, ist da doch auch der hibbelige Turbogatte, also Louis Prima, mit an Bord, und dann dauert es immerhin ganze zwei Minuten, bis er im Hintergrund loslegt und natürlich legt er noch los. Und wie gut bitte, wie unfassbar gut, aber das frage ich mich bei jedem Hören, war denn Vince Gueraldi? Wie depressionsfördernd traurig ist die entsetzlich klare Version von Eva Cassidy, schon gar wenn man ihre im wahrsten Sinne todtraurige Geschichte kennt?

Den deutschen Part übernehmen in diesem Jahr Hildegard Knef, Hannes Wader, Ina Müller (“nu wo die Sonne geiht und Schnee fallt bald”, ich hätte gerne mehr große und ganz große Stücke op Platt). Wobei ich so ein Gefühl habe, dass es die endgültige deutsche Version nach wie vor noch nicht gibt.

Und dann Cannonball Adderley, den noch als Abschlussempfehlung. Wenn Sie in einer Stadt wohnen oder wenigstens in einem Städtchen, dann gehen Sie dahin, wo abends oder zur Dämmerung noch etwas Leben um die Häuser ist. Sehen Sie mit diesem Stück auf den Ohren dem Treiben zu und sehen Sie genau hin, wie der allfällige Oktoberregen zwischen all die Beziehungen fällt – da brauchen Sie dann kein Kino mehr.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte. 

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Als es auf einmal so kalt war

Neulich, als es auf einmal so kalt war, lag ich mit einem Sohn auf dem Sofa und wir lasen. Es war schon spät am Abend, jedenfalls aus Sicht eines Kindes. Die Balkontür war einen Spalt auf, denn ich mag es, wenn die Nächte kühl sind und man endlich wieder unter Decken liegen und Tee trinken kann. Von draußen kam ein Geräusch, das da sonst nicht war. Ein dröhnendes Stampfen, ein regelmäßiges Beben, es klang nach schwerer Arbeit und es klang weit weg. Man hörte es nur, wenn man darauf achtete. Bei jedem nebenbei gesprochenen Satz war es schon weg, es ging in den eigenen Wörtern unter. Aber da, wo es herkam, da war es sehr laut, das hörte man dem dunklen Gepolter doch noch an, wenn man nur darauf achtete. Das donnernde Schlagen war schon ein gutes Stück durch die Nacht gezogen, das war nur ein Rest, der bei uns ankam, ein wolkiger Nachhall. Wie aber hört man einem leisen Geräusch eigentlich an, dass es laut war?

Wenn in Filmen, in amerikanischen Filmen, Güterzüge durch endlose Landschaften rollen, dann gibt es da immer dieses einschläfernde metallische Geratter, das kennt vermutlich jeder. So war dieser Rhythmus, ein klein wenig langsamer vielleicht. Es kam, der Wind stand wohl günstig, vom Hafen her. Je nachdem, wie der Wind gerade weht, sind wir hier auf einmal recht nah am Hafen, besonders nachts, wenn der Autoverkehr nachlässt. Dann weht manchmal das Schiffstuten so unvermittelt heran, als könnten wir gleich vor der Haustür an Bord gehen. Südwind muss das dann wohl sein, ein seltener Wind. Südwest vielleicht.

Vielleicht war es Arbeit auf einer Werft, die wir da gehört haben, Arbeit in irgendeinem Hafenbetrieb, das Verladen von Containern, das wäre dann eine Erklärung wie in einem Hamburgbilderbuch. Vielleicht waren es auch nur Güterzüge, die den Hauptbahnhof querten. Wobei aber kein Zug so lang sein kann, wie dieses Geräusch war. Vielleicht haben sich Hafenarbeit und Züge und wer weiß was noch auf eine Art durchmischt, dass es nur zufällig diesen Rhythmus ergab, der dann ganz lange hielt, ein Zufall auf Dauer, gekommen um zu bleiben. Autos mit Sirenen fuhren vorbei und webten helleren Fäden in das nachtdunkle Wummern. Polizei, Feuerwehr, Krankenwagen, was auch immer, jedenfalls fuhren die in Angelegenheiten, die waren viel dringender als meine. Und als sie weg waren, wieder dieser dumpfe Rhythmus.

Ich lag nur da, legte das Buch weg und hörte in die Nacht. Ich fragte den Sohn: “Hörst du das auch?” Und dann lagen wir beide da und staunten und hörten das Maschinenherz der Stadt. Irgendwo von der Elbe her, von wo auch sonst.

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Ansonsten viel Unblogbares.

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Musik! Dota Kehr, Felix Meyer, Mascha Kaléko.

Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Ganz klein und kaum hörbar

Im Garten gab es heute zwei unreife Himbeeren, sonst nichts mehr. Die letzten Tomaten sind wohl komplett chancenlos bei den Temperaturen, ein übriggebliebener Hokkaido wird aber vielleicht doch noch etwas, auch der Topinambur und der Feldsalat sind nicht ganz verloren. Die Zucchinipflanze müht sich noch, sieht aber schon nach Siechtum aus. Und später natürlich noch die Pastinaken, viel später, im Februar oder so. Im Wintergarten. Heute am Morgen nur ein Grad, im Grunde ist schon Winter.

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Wenn ich im Garten in der Laube sitze und die Augen schließe, erinnert mich das dezente Knacken der Balken, das im Garten nie endende Geflüster kleiner und kleinster Geräusche, das Knacken, Knarren, Kratzen und Scharren rings um die Hütte an irgendeine ähnliche Wahrnehmung in der frühen Kindheit. Ich komme nicht darauf, was, wie und wo das genau gewesen sein kann, im Wohnwagen an der Ostsee vielleicht, das war dann noch Jahre vor der Grundschule. Ich erinnere mich an das Gefühl, nicht an die Kulisse. Es lässt sich nicht ergründen, ein Dämmern vor dem Mittagsschlaf, so etwas in der Art, aber es geht auf jeden Fall um eine Erinnerung an ein Alter, in dem Momente noch riesige Bögen spannen konnten und auch die Zeit selbst noch unvorstellbar groß war, in der das Jetzt noch jung wie ich und endlos war, der Vorrat an Sekunden und Minuten noch so gut wie unverbraucht. Und ich lag da und lauschte auf die Langsamkeit. Ich lauschte, wie eine Fliege gegen die Scheibe flog, wie trockene Blätter fielen oder dünne Zweige im Wind wogten, ich lauschte, wie irgendetwas ganz Kleines etwas kaum Hörbares machte, ich weiß es nicht genauer. Aber eines weiß ich doch, das war sehr schön und es ging immer, immer so weiter, es hörte einfach nicht auf. Aber irgendwann dann doch.

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Ich habe Etty Hillesum durchgelesen und nehme mir jetzt die Tagebücher von Brigitte Reimann vor: “Ich bedaure nichts, Tagebücher 1955-1963”. Also von extremer Not und Religion und Literatur zu Liebe, Lust und Schriftstellerei, der Wechsel fällt drastisch aus, zeitlich immerhin ist der Anschluss gar nicht so unpassend. Die Tagebücher der Reimann gibt es auch auf Spotify, sehe ich gerade.

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Auf Postern an Kreuzungen wird für einen Auftritt der Kelly Family geworben, die kennen die Söhne nicht und fragen also nach. Ich zeige ihnen auf dem Handy den uralten Videoclip von David’s song (“Who’ll come with me”), jenes Filmchen also, in dem noch der Vater zu sehen ist, das zieht aber nicht so richtig: “Ah okay, das ist mehr so Klassik.” Da winken sie schnell ab.

Immerhin kann ich noch mit der alten Geschichte punkten, dass ich eine von denen mal kennengelernt habe, weil ich mit ihr gemeinsam in einer Talkshow war, das immerhin findet doch ein wenig Anerkennung. Ein ganz klein wenig. Na, man nimmt, was man kriegen kann.

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Musik! Heute empfohlen von der Herzdame, die gerade auf einem Konzert von denen war: Nouvelle Vague.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Shakespeare und Shantel

Fontane ist besser.

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Die Schrift und das föderale Chaos um die richtige Form

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Die Söhne haben staunend beobachtet, wie Elektro-Roller in einen großen Lieferwagen gesammelt wurden. Die Dinger müssen eben mal geladen werden, dafür müssen sie irgendwo hin, denn Ladestationen dafür gibt es bisher nicht da draußen, logisch. Dass dafür allerdings ein Auto mit Verbrenner kommt und mit laufendem Motor am Straßenrand steht, während einer so herumgeht und die Roller vom Straßenrand wegpflückt, das fanden sie doch ziemlich absurd. Da fährt man also dem Strom mit Benzin hinterher, das kann doch so nicht richtig sein? Und es gibt doch auch große Lieferwagen mit E-Antrieb, wenn die Firmen also wollten, dann könnten sie doch?

Ja. Ich nehme an, sie könnten. Sie wollen aber nicht, weil es darum auch gar nicht geht.

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Sohn II ist weiterhin im Schreibwarenrausch und war deswegen im Kaufhaus mit der letzten noch eben groß zu nennenden Abteilung für so etwas, wobei groß … na, es geht so. Er fragte dort nach Zeichenfedern, also nach solchen, die man mit einem Tintenfass benutzt, nicht etwa nach solchen, mit irgendeinem modernen Patronensystem, er wollte das alte Zeug und gerne wollte er auch Gänsefedern, Federkiele. Wie damals schreiben, alles mal versucht haben. Wobei – immer alles nachlesen! – es übrigens überraschenderweise von Bedeutung ist, ob man links- oder rechtsflügelige Federn nimmt, wer ahnt denn so etwas.

Der Verkäufer hinter den Vitrinen mit den etwas teureren Füllfederhaltern sah ihn über seine Lesebrille hinweg an und lächelte wehmütig: “So etwas kann man hier schon lange nicht mehr in Läden kaufen. Die Fachgeschäfte gibt es alle nicht mehr.” Und er und ich murmelten im Chor den Namen des letzten großen Schreibwarenladens, den vermutlich viele Menschen in der Stadt gelegentlich vermissen. Immer dann, wenn sie etwas brauchen, was über das Schmalspursortiment der Drogeriemärkte hinausreicht.

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Ich lese im Tagebuch von Etty Hillesum, der Name war mir gar nicht geläufig. Falls es Ihnen auch so geht – das ist ein umwerfendes Buch. Vielleicht lieber noch im Oktober lesen, für den November ist es zu stark. Man möchte bei jeder Zeile daran verzweifeln, dass sie in Auschwitz umgebracht wurde, sie hat es früh geahnt, gewusst.

“Und mit dieser schlanken Füllfeder müsste ich ausholen, als wäre sie ein Hammer, und die Worte müssten wie ebenso viele Hammerschläge von unserem Schicksal künden, von einem Stück Geschichte, wie es noch nie eines gegeben hat. Zumindest nicht in dieser totalitären, ganz Europa umspannenden Form der Massenorganisation. Es müssen doch ein paar Menschen überleben, die einst die Chronik dieser Zeit schreiben. Ich würde später gern Chronistin sein.”

Da war sie 27 Jahre alt und hatte noch zwei Jahre

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Apropos Buch, ich habe ein Buch, das ich gerade durchgelesen habe, durch Zufall direkt hinterher noch einmal als Hörbuch gehört. Das war eher ein Versehen als Absicht, aber da das Buch gut war, dachte ich nach den ersten gesprochenen Zeilen,na gut, dann wiederholst du das eben, wie früher beim Lernen. Ruhig auch mal gründlich sein! Das war interessant, weil es darin auf einmal einen längeren Abschnitt gab, der mir völlig unbekannt war. Ich habe natürlich sofort nachgesehen, den Abschnitt gibt es sehr wohl auch im gedruckten Buch, ich habe ihn tatsächlich gelesen, also was man so gelesen nennt. Die Buchstaben rauschten vermutlich so durch, aufgenommen wurde dabei rein gar nichts. Ich habe automatisch weitergeblättert oder habe nur quergelesen, ich bin dabei halb eingeschlafen, weiß der Kuckuck, das wird sich nicht mehr klären lassen. Oder ich habe es tatsächlich bewusst gelesen und sofort wieder gelöscht, weil mich daran in der Schriftform eben nichts ansprang, weil sich nichts im Gedächtnis verhakt hat. In der gehörten Version war es dann aber irgendein Stichwort, auf das ich doch interessiert reagiert habe, vielleicht tatsächlich nur, weil es gesprochen wurde und mich so ganz anders erreichte.

Dummerweise fehlt mir die Zeit, daraus eine längere Versuchsreihe zu machen, aufschlussreich wäre es vermutlich.

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Eine Bio-Ladenkette wirbt hier auf Plakaten mit “Kauft weniger”, die Postwachstumsgesellschaft und ihre Anfänge, so sieht das also aus. Eine deutsche Band bewirbt die Karten für ihre Auftritte in großen Stadien mit “Exklusiv für alle”, das wäre schon wieder als Buchtitel gut gewesen. Da werden sich aus der Fachrichtung Soziologie einige ärgern, darauf sind sie nicht gekommen. Und eine Marktlücke hat auch wieder jemand gefunden, jemand, dem man gratulieren möchte, denn die Lücke ist vermutlich gar nicht so klein – es gibt jetzt eine spezielle Hautpflege für die tätowierte Haut. Ich sehe es vor mir, wie die Leute morgens und abends ihre Bildchen auf Brust und Bizeps sorgsam einreiben, in der Hoffnung, die Leuchtkraft zu erhalten. Wie sie sich dann zehn Jahre später freuen, insgesamt immer noch farbechter als der langsam verblassende Kumpel zu sein. Man wird all die Sprüche der Buntwaschmittelwerbung mit geringen Abweichungen für diesen Zweck recyceln können, es muss ein wahres Fest für Werbeagenturen sein.

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Ein Sohn fängt gerade eine Zitatensammlung an, er schreibt sich gute und berühmte Sätze auf. Wir sitzen dabei im Garten in der Laube, er fragt die Herzdame, die draußen marodierend durch die Beete zieht, nach einem wichtigen Satz, die sagt: “Sein oder Nichsein.” Das wird sofort notiert und der andere Sohn fertigt dann eine Zeichnung dazu an, wozu wir aber erst einmal recherchieren, wie die Szene mit diesem Satz auf der Bühne aussieht. Und dann entsteht das auch schon alles auf dem Papier, der Schädel in der Hand, das offene Grab, der Mond über dem Friedhof, RIP auf dem Stein. Wobei der Satz gar nicht zu der Szene geört, was erlauben Google? Egal. Dazu weht aus dem Nachbargarten fröhlichster Balkanpop herüber, laut aufgedreht, Partylachen und Gekreische. Es ist fast schon zu kalt in der Laube, wir trinken heißen Tee und sitzen in Decken, aber wir haben Shakespeare und Shantel. Es ist eine krude Mischung, aber sie ist sehr gut.

Es ist der erste richtige Pullovertag, mir ist das immer ein Fest.

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Trinkgeld September, Ergebnisbericht

Im September war Zeit für Gartenarbeit und endlich Gelegenheit, alle Zuweisungen mit dem Betreff “Garten” aus den letzten drei Monaten sinnig auszugeben. Wir haben Sonnenhutstauden nachgekauft, weil sie von allen Stauden am besten mit unseren Beeten klarkommen. Wir haben einen Sommerflieder gekauft und gepflanzt, einen noch sehr kleinen Holunder, eine Rispenhortensie, Blauraute, Ehrenpreis und einen schon ziemlich großen roten Hartriegel, in den ich mich auf dem Wochenmarkt spontan verliebt habe. Außerdem gab es wieder Kompost und Rasensamen. Wir haben dann, als wir das alles einsortiert haben, etliche Bäume und Sträucher aus dem Bestand umgepflanzt, was dank der schier unfassbaren Arbeitswut von Sohn II alles an nur einem Tag geklappt hat. Es haben jetzt ziemlich viele Pflanzen einen hoffentlich besseren Platz, im Grunde haben wir alles, was so aussah, als würde es sich nicht ganz wohl fühlen, mit einer zweiten Chance versehen. Fördern und Pflanzen!

Das war der Outdoorbereich, den haben wir gerade rechtzeitig abgeschlossen, bevor es überraschend fortgeschritten novembrig wurde und der Gedanke, mal eben in den Garten zu fahren, doch nicht mehr ganz so attraktiv wirkte.

Im anderen Leidenschaftsbereich habe ich mir für to go den besten Billigfüller zugelegt, das ist wohl der Pilot Metropolitan aus Japan, hier eine Rezension dazu. Oder, um noch das Urteil eines weiteren versierten Fachmanns in Sachen Schreibwaren einzubringen – Sohn II hat sich nach mir und einer Woche Bedenkzeit auch so einen zugelegt. Wir können ihn jetzt beide empfehlen. Er läuft mit ganz normalen Standard-Patronen, das ist ja nicht unwichtig.

Zu Lesen gab es “Slow Writing – Reflections on Time, Craft, and Creativity ” von Louise DeSalvo, das fand ich, ohne es im mindesten abwerten zu wollen, eher unterhaltsam als lehrreich, aber dagegen spricht ja auch nichts. Ein paar gute Gedanken habe ich dennoch mitgenommen, bzw. rausgeschrieben. Außerdem kaufte ich “Tagebuchschreiben” von Olaf Georg Klein, das wiederum fand ich sehr gut, große Empfehlung, wenn das Thema auch nur annähernd interessiert. Ein schmales, sehr vollgepacktes Buch.

Jetzt bin ich in den letzten Sommerwochen gar nicht dazu gekommen, die verbleibenden zwei oder drei Euro für gentrifiziertes Eis auszugeben, das muss ich im Herbst nachholen, wenn er denn auf golden dreht. Außerdem sehe ich gerade, es ist noch etwas Geld mit dem Betreff “Schokolade” da, das sollte im Oktober auch zu schaffen sein.

Sohn II hat sich von seinem Geld ein neues Notizbuch gekauft, was sonst. Sohn I ist mehr der Spartyp und kann  sich längere Zeit zurückhalten, wenigstens einer in der Familie.

Wie immer gilt, ganz herzlichen Dank für jeden Euro und jeden Cent, es ist immer eine große Freude, diese Summen schönen Themen zuzuordnen.

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Die Chöre summen für mich

Erich Fromm und die Angst vor sozialer Isolierung, ein langer Text. Erich Fromm steht auf der Leseliste, den ziehe ich vielleicht mal vor.

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Neues Hörbuch: Simenons “Maigret amüsiert sich”, wieder gelesen von Walter Kreye. Maigret macht in dem Roman Urlaub, fährt aber nicht weg, sondern bleibt zuhause in Paris und sieht zu, wie seine Frau in der Wohnung “ihren Aufgaben nachgeht”, denn für sie kommt so etwas wie Urlaub nicht einmal in Betracht, sie arbeitet ja nicht. Sie ist nur den ganzen Tag mit Aufgaben beschäftigt. Ab und zu bittet sie ihn, ihr etwas aus dem Weg zu gehen, damit sie besser fegen kann. Er geht dann einen Schritt und sieht weiter aus dem Fenster.

Die unfassbaren Mengen Alkohol, die in den Maigret-Romanen zu jeder Tageszeit verbraucht werden, sie sind mir natürlich schon früher aufgefallen, da ich aber im Moment keinen Alkohol trinke, fällt es noch viel mehr auf. Zumindest die Männer trinken praktisch immer, wenn sie nicht gerade von A nach B gehen. Irgendwo anzukommen, das heißt auch etwas zu bestellen oder aus dem Schrank zu holen. Die dauerbreite Gesellschaft, ich habe die letzten Ausläufer davon sogar noch erlebt. Als ich im Büro anfing, 1987, da wurde tagsüber noch erheblich mehr getrunken als heute, und es war ganz normal und nicht irgendwie anrüchig. Piccolöchen am Vormittag, gar kein Problem.

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Ich sitze mit meinem Notebook in der Zentralbücherei zwischen der Soziologie und der Kunst, ich habe mir einen ruhigen Platz zum Arbeiten gesucht. Die Wohnung ist voller Besuch und ich muss Texte abgeben, ich bin quasi auf der Flucht. Vor mir sitzt ein mir unbekannnter etwa dreizehnjähriger Junge in Bomberjacke, der nichts macht und nur ernst ins Leere guckt. Ab und zu sieht er auch zu mir, was für ihn aber vermutlich deckungsgleich ist. Er sitzt da sehr lange und sieht in der ganzen Zeit auf kein Handy und in kein Buch, er wechselt nur ab und zu die Beinhaltung und er hält auch nach niemandem Ausschau, womöglich denkt er tatsächlich einfach lange nach. Faszinierend, das versuche ich vielleicht auch mal.

Später esse ich etwas in der Cafeteria der Bücherei. Neben mir sitzen drei summende und singende Damen vor einem ganzen Berg von Noten, sie blättern diese in großer Geschwindigkeit durch, so schnell wie man gerade eben noch blättern kann, bevor es hektisch und auffällig aussieht. Es ist eher sehr zielstrebig als eilig. Sie schlagen die Hefte auf, gucken jeweils kurz auf die Noten und summen dabei, sie reichen sich die Noten zu und weiter und im Kreis. Sie blicken sich kurz zwischendurch an, lächeln wissend, trinken einen Schluck Kaffee, summen manchmal auch synchron, singen einzelne Silben oder Zeilen, manchmal sogar zu dritt, meistens aber einzeln oder zu zweit. Ganz leise machen sie das, eine dezente Chorarbeit im Hintergrund. Ab und zu lachen sie, nachdem sie etwas gesummt haben, wer weiß warum, vielleicht in Erinnerung an frühere Auftritte oder Proben. “Glocken mit heiligem Klaaahaaang” singt die eine dann etwas lauter, ich habe danach für den Rest des Tages einen leicht verfrühten Ohrwurm. Es ist also Saisonbeginn für Weihnachtschöre, noch sitzen sie diskret in Cafés herum und erinnern sich und suchen Stücke und summen, bald treten sie schon wieder auf.

Oben in der schönen Literatur könnte jemand das kleine Sonderregal “Weihnachten”, das den ganzen Sommer über von Ecke zu Ecke geschubst wurde und immer irgendwie ungeliebt am Rand herumstand, bald wieder in den Mittelpunkt rücken, wo es dann für etliche Wochen völlig logisch und angemessen aussehen wird.

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Im kleinen Bahnhofsviertel: Um eine Litfaßsäule herum steht eine kleine Horde abgestellter E-Roller, alle gleich ausgerichtet wie hungrige Nutztiere um einen Trog. Das könnte man so im Weihnachtsmärchen einbauen, dieses Bild, Ochs und Esel als E-Roller, voll modern und wahnsinnig urban.

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Ich teste wieder eine Meditations-App, denn das mache ich ab und zu, weil es ja gut sein soll. Diesmal läuft es so: Eine Stimme fängt an und bittet mich in freundlichem Tonfall, ruhig zu atmen. Da ich nur spätabends überhaupt Zeit für diese App habe, liege ich dabei schon im Bett und schlafe sofort ein, tatsächlich in Sekunden, Narkose nichts dagegen. Die Stimme macht daraufhin eine lange und geduldige Pause, weil man ja gründlich und langsam atmen soll, das wartet sie also erst einmal ab. Dann erklärt sie, wie es weitergeht. Ich kriege einen Todesschreck, weil auf einmal jemand im Raum spricht, ich bin schlagartig wieder hellwach, mache die App aus und kann noch eine halbe Stunde lesen. Das ist eine feine Sache und hilft mir sehr weiter, Meditations-Apps sind super.

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Musik! Da muss man sich ein wenig Zeit nehmen, es lohnt sich aber: Die Show of the week von 1968 mit Louis Armstrong.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Ein reitender Philosoph, der auch bloggt

Die Fortsetzung zu diesem Artikel.

Wir gingen an der nur mäßig hohen Steilküste entlang, die hier etwas weniger beeindruckend als bei Brodten ausfällt, die etwas arrangierter aussieht, nett angerichtet. Wir gingen durch die Hitze, die wir, das wurde uns ziemlich schnell klar, wieder deutlich unterschätzt hatten, ganz so, als seien wir nicht im Geringsten lernfähig. Trotz großzügiger Mengen von Sonnencreme fühlte es sich bedrohlich so an, als würden sich die Strahlen durch die Haut am Hals bohren, ich hängte Pullover über den Sohn, der wenigstens ging dann beschatteter weiter. Alle paar Minuten drehten wir uns um um zu prüfen, ob der bauliche Schrecken von Sierksdorf immer noch zu sehen war. Das war stets der Fall und nach einer Weile kamen wir zu dem Schluss, dass man dieses riesige Ungeheuer von Bauwerk vermutlich in ganz Norddeutschland sehen kann, wo auch immer man steht und sich umdreht, es war uns bis dahin nur noch nie aufgefallen.

Auch dieses Stück Weg war ich mit T. schon im letzten Jahr gegangen, aber bezogen auf meine Kindheit und Jugend war es da endlich Neuland für mich, hinter Sierksdorf bin ich früher nie gewesen, das war zu weit. Von da bis Dänemark kenne ich nur einige wenige Küstenmeter von späteren Besuchen als Erwachsener, da war ich in Neustadt, Eckernförde und einmal sogar in Kiel, und auch diese Besuche waren nur kurz, im Grunde ist mir da alles unbekannt. Der Anblick dieses Küstenstreifens zwischen Sierksdorf und Neustadt war – jedenfalls mit Blick nach vorne! – dauerhaft recht bilderbuchmäßig. Abgeerntete Felder unter blauem Landschaftsbildhimmel mit wenigen Dekowölkchen ganz weit hinten, ein graublaues Meer, das in seiner Farbgebung trotz des prächtigen Sommertages Wert darauf legte, ganz gewiss nicht die Südsee zu sein. Heller Strand unten am Rand des Steilufers, fast nirgendwo Menschen. Zwei, drei Badende nur, zwei, drei Fahrradfahrer mit Hunden dabei, die machten da Strecke, und ob das nun schlau war, Hunde bei der Hitze so laufen zu lassen, wir wussten es nicht recht.

Als ich mit T. im letzten Jahr dort entlang ging, da war es auch so menschenleer. Nur einer kam uns entgegen, der uns schon aus erheblicher Entfernung gestikulierend etwas zurief, es war unmöglich, irgendetwas zu verstehen. Erst als er mit sportlichem Schritt an uns vorbei wanderte, konnten wir das richtig deuten, was er hastig winkend rief: “Halleluja! Ich segne euch, meine Brüder!” Und damit war er auch schon wieder weg. Wenn er im Auftrag Gottes unterwegs, dann war dieser verdammt eilig. Wenn er andererseits einfach nur irre war, dann schon etwas fortgeschritten, denn er ging ganz so, als müsse er noch an diesem Tag alle ihm entgegenkommenden Wanderer segnen, bis runter nach Lübeck oder weiter, und da lag noch viel vor ihm.

Der Weg an der Steilküste entlang war hübsch aber ereignislos, der Sohn und ich redeten also viel. Es ging zunächst um eine Frage, die mehrere Kinder an der Grundschule gerade umtreibt. Ich habe nicht ergründen können, wo sie eigentlich herkommt, die Frage nämlich, ob etwas ganz sein kann, hundert Prozent, vollendet. Das Thema begann mit dem Meter und dem Kilo, denn die beiden gibt es, so der Sohn, in der Wirklichkeit eben nicht exakt. man müsse ja nur genau genug messen, das sei ganz leicht zu beweisen, dass nichts genau hundert oder tausend irgendwas sei, in welcher Maßeinheit auch immer, und das gelte dann eben für alles. Es ist nichts ganz schwarz, es ist nichts ganz umsonst, es ist nichts nur Energie oder nur schön und immer so weiter. Wie übrigens auch das Zählen bis Zehn eigentlich nur eine Krücke sei, ein Zählen über Lücken hinweg, denn man lässt dabei ja alles aus, was dazwischen ist, und das ist doch sehr viel und es wird immer mehr, je mehr man nachdenkt, man kann also durch reines Denken Zwischenräume vergrößern. Es ist im Grunde ziemlich abgefahren, weil auf diese Art nichts Bestand hat. Von da aus kamen wir auf das Ganze und auf das Nichts an sich, das waren ziemlich schwere und große Themen für einen heißen Tag, es waren eigentlich eher Themen für den Schatten. Es gipfelte dann darin, da konnten wir dann aber auch schon nicht mehr, dass das Nichts stets zum Etwas wird, wenn es einen Betrachter gibt, der es als solches erkennt und feststellt. Womit wir vermutlich bewiesen haben, dass es das Nichts aus menschlicher Sicht gar nicht geben kann, aber ganz sicher waren wir uns nicht und der Rest der Gedanken schmolz so dahin. Es war wirklich ganz außerordentlich heiß und es gab keinen Schatten, weit und breit nicht.

Der Sohn fragte, wie das heißt, wenn man etwas bis zum Ende durchdenkt. Ich sagte, dass es dabei um die Philosophie ginge und dass es auch Bücher gäbe, die das für Kinder verständlich darstellten, die könnte ich ja aus der Bücherei … das fand er aber abwegig, denn wenn das für Kinder sei, dann sei das ja schon bearbeitet und also fremddurchdacht, und es ginge doch gerade um das Selberdenken. Ein Philosoph, sagte er, das wolle er dann auch werden, und er dachte noch etwas weiter nach. Ein reitender Philosoph, der auch bloggt, fasste er dann schließlich seinen aktuellen Berufswunsch zusammen. Ich habe selten einen plausibleren Wunsch gehört, es war die denkbar passendste Zukunftsvision für ihn. Davon sollte dich nichts abhalten, das ist total super, sagte ich und meinte es völlig ernst, denn in dieser Welt ist alles möglich und warum sollte sich ein Berufswunsch denn auf einen festgelegten Katalog von Ausbildungsgängen und Studienfächern beziehen. Ich wollte als Kind Rentner werden, fiel mir ein, und ich habe vielleicht sogar ganz gute Chancen, das noch zu schaffen, man braucht eben ein Ziel im Leben. Wobei ich mich tatsächlich nicht erinnern kann, ob ich als Kind überhaupt wusste, was ein Rentner ist, aber die Erwachsenen fanden meinen Wunsch jedenfalls lustig und Pointen haben für mich immer schon gezählt. Der Sohn ist womöglich etwas tiefsinniger und ernster als ich.

Ich blieb stehen und schrieb mir das auf, was der Sohn da gerade gesagt hatte, ich schreibe mir immer alles auf. Das macht er mittlerweile übrigens auch und vielleicht sogar noch akribischer als ich. Etliche Wochen und Monate später saß er bei seiner wöchentlichen Reitstunde auf dem Pferd und holte, als die Gruppe gerade im gemütlichen Schritt ging, sein Notizbuch heraus, um schnell und heimlich etwas aufzuschreiben. Das war einer dieser seltenen Momente, in denen ich an einen übergeordneten und geradezu romanhaften Sinn des Ganzen glauben wollte, zumindest kurz einmal. Denn das ist ein enorm schöner und tröstender Gedanke, diesen Sinn kurz für möglich zu halten, und ich gönne mir ja sonst nichts.

Am Steilufer kam dann bald die Stelle in Sicht, in der ein kleines Stück Wald bis an den Ostseestrand reicht, wo tatsächlich Bäume in die Wellen fallen, was ein Bild von großer Schönheit ist. Allerdings war es wie bei einem Suchbild, zwei Sachen waren dort grundfalsch.

Fortsetzung folgt.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, heute natürlich wieder für Sohn II, ganz herzlichen Dank!

Hörbücher und Herbstmorgennebel

Beim Einkaufen und Herumlaufen gehört: Simenons “Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien”, gelesen von Walter Kreye. Das Buch hat sich vermutlich von selbst übersetzt, es wird jedenfalls keine entsprechende Angabe gemacht. Das ist natürlich schlecht, aber Walter Kreye ist wiederum gut, der hat nämlich eine Stimme, die für mich genau zu Maigret-Geschichten passt, sie ist geradezu ideal. Der Roman spielt teils in Bremen, wo sich Maigret nicht wohlfühlt, es ist ihm alles zu fremd und er spricht nur sehr wenig Deutsch. Ich habe nicht gewusst, dass Norddeutschland überhaupt je bei Simenon vorkam. Es zeichnet sich für ihn dadurch aus, dass die Armut nirgendwo schwärzer als dort aussieht. Nanu.

Außerdem als Hörbuch angefangen: “Blackbird” von Matthias Brandt, das ist gut oder sehr gut geschrieben, es ist allerdings thematisch keine leichte Kost und ich weiß noch nicht recht, ob mir das im Moment liegt.

Nebenbei hatte ich aber immerhin die Erkenntnis, dass ich in Hörbüchern überraschend weit komme, wenn ich die bei Besorgungen und auf Wegen etc. laufen lasse, das ist doch ziemlich viel Zeit am Tag.

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Donnerstag: Ein von der Elbe herübergelungerter Herbstmorgennebel zeichnet in Hammerbrook die Verwaltungsgebäude gnädig weich, verwischt sie und löscht alle oberen Stockwerke der Nachkriegsbüroungetüme aus, es verschwimmen auch die Konturen der besten Sachbearbeitungspaläste aus den 70ern, 80ern, 90ern und von heute. Aus der aufgeständerten S-Bahn durch die Straßen blickend denkt man an Hamilton, zärtliche Gebäude.

Rund um die letzten Neubauten stehen Architektenbäumchen mit goldenem Herbstlaub, womöglich ist es sogar echt. In einem der Hausboote auf dem Fleet neben der Station ist schon Licht, der Schein über dem noch dämmerungsdunklen Wasser sieht aus, als könnte es da an Bord geradezu gemütlich sein.

Für einen Morgen in Hammerbrook ist der Anblick wirklich ganz okay – und mehr Komplimente sind in der Gegend auch beim besten Willen nicht möglich.

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Ich habe auf Twitter gesehen, dass in meiner Timeline hier und da dreier guter Momente pro Tag gedacht wird, das ist so eine Gratitude-Geschichte, das wird allenthalben empfohlen und nein, ich möchte das nicht abwerten oder Witze darüber machen. Ich hätte an diesem Tag jedenfalls ein wunderbares Geräusch erwähnt, und zwar den Sound des Motors, der im Büro meinen Schreibtisch rauf- und runterfährt. Ich habe da so ein Möbel, an dem man ganz nach Bedarf auch im Stehen arbeiten kann. Das ist nämlich ein enorm befriedigendes Geräusch, es gefällt mir ausgesprochen gut, es hat genau die richtige Lautstärke und Intensität. Wenn ich das anwerfe, während ich telefoniere, kommt immer die entgeisterte Frage, was denn bei  mir da los sei? So laut? Es hat ganz entschieden etwas, so als Schreibtischtäter zwischendurch einfach mal einen Motor zu starten, eine Maschine zu bedienen, und dann passiert sogar etwas.

Ich könnte diesen Schreibtisch sehr oft rauf- und runterfahren, fast pausenlos, wenn ich ehrlich bin. Aber Großraumbüro, und dann gucken wieder alle. Schlimm.

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Später am Tag steht ein kleines Mädchen im Park und sagt ganz begeistert: “Guck mal Mama, die Eicheln!”Und sie kickt lustig umher, was da auf dem Boden liegt. “Ich glaube ja, das könnten auch Haselnüsse sein”, sagt die neunmalkluge und pädagogisch beseelte Mutter ernst und blickt sinnend auf die Dinger vor ihrer Schuhspitze. Ich sitze daneben und lächel milde und sage nichts. Ich denke nur in Wahrscheinlichkeiten und daran, dass dieser kleine Mutter-Tochter-Dialog da gerade unter einer ziemlich großen Eiche stattfindet. Aber was weiß ich schon.

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Musik! Bill Callahan.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Goldene Momente

Hier, ein Video von Kiki: Escaping the social media trap. (And it’s all true.)

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In den Kommentaren zu meinem letzten Text wurde auf Facebook ASMR erwähnt, das wird sicher nicht jedem etwas sagen. Clemens Setz hat einmal etwas darüber geschrieben, und wenn Sie jetzt auf Youtube zum ersten Mal danach gucken sollten, Sie finden da hochgradig erstaunliches Zeug. Wenn Sie etwas weiter suchen, wird es noch entschieden seltsamer, versprochen. Natürlich wirken diese Videos in der von Clemens Setz beschriebenen Weise nur bei einigen wenigen Menschen. Bei mir z.B. wirken sie nicht oder jedenfalls nicht in der intendierten Weise. Bei mir wirken sie wie diese Fokus-Playlists auf Spotify, die ich brüllend ausstellen möchte, und das ist ja wirklich nicht erstrebt. Ich habe dennoch vor einer Weile ein paar dieser ASMR-Videos gesehen, aber es war doch eher die Faszination des Schreckens. Wenn es nicht wirkt, wirkt es eher seltsam.

Ich kann aber etwas in der Richtung beisteuern, da ist sogar auch eine körperliche Reaktion dabei. Es ist kein Kribbeln oder etwas in der Art, aber es ist doch immerhin ein Schönheitsempfinden, das irgendwie auch den Bauch erreicht und das vor allem sehr entspannend wirkt, weil kurz – viel zu kurz! – alles richtig ist. Dazu brauche ich Kopfhörer, Musik, die mir sehr gut gefällt und ich brauche, das ist dann der Teil, bei dem es verdammt schwierig wird, eine Stadtszene, in der die Bewegungen mehrerer oder im Idealfall sogar aller Passanten und/oder aller sich bewegenden anderen Elemente im Bildausschnitt genau zum Rhythmus des Songs passen. Das klappt gar nicht so oft, aber manchmal eben doch. Vielleicht sogar über mehrere Takte! Das ist dann schon fast perfekt, ein goldener Moment.

Ich nehme an, das ist ein Folgeschaden meines exzessiven MTV-Konsums als junger Erwachsener. So etwas bleibt doch sicher nicht ohne Folgen, wenn man diese Clips jahrelang wie ein Junkie verbraucht, statt sich sinnvoll zu beschäftigen. Im Grunde gehe ich nach all den Stunden vor dem Bildschirm mit dauerlaufenden Musikvideos vermutlich unbewusst davon aus, dass Szene und Ton gefälligst harmonisch zu passen haben, dann ist es nämlich richtig, dann gehört alles so und ist sinn- und planvoll. Wobei man sich natürlich an den heute völlig unfassbar  erscheinenden Umstand erinnern muss, dass wir damals nicht vorspulen konnten. Wir haben also stundenlang alles gesehen, auch den übelsten Müll, auch Last Christmas, immer wieder und immer in der Hoffnung, irgendwann doch noch das sehen zu können, was wir gerade gut fanden. Und es hat sich auf diese Art alles recht tief eingeprägt, möchte ich meinen.

Wenn ich heute morgens im Hamburger Hauptbahnhof stehe und am Gleis gegenüber der Regionalexpress aus Lübeck einläuft, wenn aus dem die vor Müdigkeit wankenden Pendler aussteigen und die ersten drei Figuren das zufällig im richtigen Takt meiner Musik tun, dann, so deute ich das jedenfalls, bin ich ganz kurz in einem Video und mein innerer Jugendlicher bebt mal eben ergriffen. Und das soll er auch ruhig tun, er hat ja sonst nichts mehr zu melden.

Ein Glas auf Ray Cokes! Ist zwar nur Wasser, aber egal. Die Geste zählt.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Die geschenkte Zeit

Die Herzdame und ich haben heute den 15. Hochzeitstag. Läuft. Oder, wie die Herzdame es ganz untypisch ausdrückte: “Immer noch die große Liebe.” 

Die Söhne schenkten uns Zeit, wir konnten zu zweit in ein Restaurant gehen. Das haben Sie neulich schon einmal gemacht, da kamen wir beide abgehetzt von der Arbeit und fragten, was denn jetzt wieder zu tun sei und wer mit wem wohin und so, da saßen sie da gechillt auf dem Sofa und sagten ganz ernsthaft : “Nichts. Geht Kaffee trinken oder so. Wir brauchen Euch hier nicht, es ist alles gut.”

Wir saßen dann kurz darauf irritiert, erfreut und amüsiert im Café vor ausgezeichneter Mandelkaramelltorte. Auch an diese Phase müssen wir uns erst gewöhnen. 

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Ich habe gerade eine etwas überladene Woche im Büro, zur Erleichterung habe ich versucht, mir während der Arbeitszeit irgendwelche Spotify-Playlists mit “Focus” im Titel anzuhören, also so deepes Konzentrationszeug, das war ganz schrecklich. Als ob eine Frau mit viel zu sanfter Stimme, eine Ersthelferin in der Psychiatrie oder etwas in der Art, einem tief in die Augen sieht und betont freundlich und sehr deutlich sagt: “Jetzt beruhigen Sie sich doch erst einmal.” Es macht mich, wie soll ich sagen, spontan eskalationsbereit. 

Das funktioniert also nicht, da höre ich doch lieber weiter monumentales Georgel von Bach. Ich finde, Bach klingt nach Konzentration.

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Keine bezahlte Werbung und kein Partnerlink, nur ein freundlicher Hinweis: Ich benutze als Notizbuch gerade etwas mit dem seltsamen Namen Filzduett in freundlichem Grau, und das ist sehr gut. Falls Sie auch Notizbuchjunkie sind, das dann mal probieren, es liegt hervorragend in der Hand. Und hier übrigens noch Kritzeleien von Kafka, apropos Notizbuch. 

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Ein Nachtrag zum Wochenende. Auf dem Weg vom Garten nach Hause (wir haben Hochbeete versetzt, eine sehr befriedigend Arbeit) fährt Sohn II auf Inline-Skates, und zwar macht er das auf eine Art, die bei mir für Rückenschmerzen sorgt. Bei Ihnen vielleicht auch gleich, wer weiß, ich beschreibe Ihnen das mal. 

Und zwar müssen Sie sich vorstellen, Sie haben ja Fantasie, dass Sie da so ganz zwanglos auf Inline-Skates einen Fußweg entlang fahren, der ist breit und eben und menschenleer, darauf kann man wirklich prima fahren, top Bedingungen, gutes Wetter auch. Jetzt stellen Sie sich bitte weiter vor, wie Sie sich beim Rollen langsam und mit ausgestreckten Beinen nach vorne beugen. So lange beugen Sie sich, bis ihre Handflächen den Boden berühren können, die Handflächen, wohlgemerkt, nicht etwa nur die Fingerspitzen. Weil sie das also können und wo Sie mit den Händen schon einmal da unten sind, machen Sie mit den Händen einfach mal schwungvoll krabbelnde Bewegungen, wobei Sie feststellen werden, dass Sie, wenn Sie die Beine nur breit genug auseinander spagatiert bekommen und geschmeidig genug in der Wirbelsäule sind, auf diese Art erstens recht lustig und zweitens auch noch ziemlich flott vorankommen, also wenn Sie denn auch ausreichend Kraft in den Armen haben.

Sohn II zumindest kommt auf diese Art vorwärts wie ein seltsames Rieseninsekt auf Speed, er kann sich auch zwischendurch einfach so wieder aufrichten, lachend und winkend, während mir allein vom Zusehen so ziemlich alles wehtut, was mit Muskeln und Gelenken zu tun hat, was ja eine ganze Menge ist. 

“Guck mal Papa, guck mal!”

“Ich sehe es”, sage ich stöhnend und halte mich weiter aufrecht, sehr aufrecht. 

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Musik! Suburban kids with biblical names, wenn das kein schöner Bandname ist.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte. 

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