Retromax

Am Montag war es nach wie vor geradezu ungebührlich heiß in der Stadt, was für mich auch deswegen ein Problem ist, weil ich an solchen Tagen seit meiner Jugend zwanghaft „Hot in the city“ von Billy Idol im Kopf und im brülllauten Endlos-Loop höre, das ist nach mittlerweile mehreren Jahrzehnten doch etwas belastend, to say the least.

Egal. Es war also hot in the city, es war entschieden zu hot für Hoodies und ich habe deswegen mal wieder ein Hemd angezogen, was ich lange nicht gemacht habe. Eventuell seit dem 13. März 2020 nicht mehr, das kann tatsächlich sein. Es war eindeutig eine Hoodie-Zeit, die Monate nach diesem März im letzten Jahr, und nicht nur für mich. Jetzt also das Hemd. Das war seltsam.

Natürlich erinnere ich mich noch an meine Hemden. Ich weiß, wie sie aussehen und wie sie sitzen und alles, aber was waren die fremd! Als läge das Tragen nicht etwa ein Jahr, als läge das mindestens zehn Jahre zurück. Und mit dem Tragen auch die Umstände, die Stimmungen, der Alltag, die Epoche, v.C., vor Corona. Ich ging vor den Spiegel und sah nach damals aus, nur deutlich verbrauchter und müder. Das da im Spiegel – das war ein verkleideter Retromax. Ich hätte, da bin ich wieder bei Affekten, gerne alle Hemden mit ausholender Theatergeste aus dem Schrank genommen und glattweg entsorgt. Ich wäre gerne spontan in einen Laden gegangen und hätte zehn Hemden und zwei Anzüge gekauft, alle neu, alle frisch, alle anders, alle jetzt. Das habe ich selbstverständlich nicht gemacht, hier wird aufgetragen, was im Schrank hängt. Es hat auch gar kein Laden auf, noch lange nicht, und ich bin nicht einmal durch die Pandemie ein besonderer Fan des Onlinehandels geworden. Wie ich bereits einmal schrieb, schon deswegen nicht, weil nach so einer Bestellung immer irgendwann jemand hier klingelt. Ich lehne das ab.

Aber ich fand es interessant, dass mir diese Relikte des präpandemischen Zeitalters in meinem Schrank da irgendwie abgehangen vorkamen, was Hemden zwar ohnehin sind, aber eben noch abgehangener und abgetragener. Älter. Einige der Hemden waren vor 15 Monaten noch gar nicht alt. Jetzt schon, jetzt sind sie sehr alt.

Vielleicht ein Hinweis darauf, dass ich als Anderer aus der Pandemie komme. Vielleicht auch in stärkerer Ausprägung, als es mir bisher bewusst ist.

Ich habe daran eigentlich keinen Zweifel, das wird so sein. Aber faszinierend, woran das zu bemerken ist.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

 

Nichts II

Am Sonntag habe ich weiterhin nichts gemacht, und das sogar im Intermezzosommer, im Garten. Dabei habe ich allerdings oft aufs Handy gesehen und mich zwischendurch gefragt, wie problematisch ich das eigentlich finde. Junkie? Smombie? Macht man denn wirklich nichts, wenn man aufs Handy guckt und etwa durch Twitter scrollt? Muss ich scrollen oder will ich? Darf ich? Wie ich immer sage, übers Müssen, Wollen, Können und Dürfen nachzudenken, das reicht schon als Lebensaufgabe, das ist schon kaum zu schaffen. Muss ich richtig nichts machen? Geht’s noch?

Dann aber wieder gedacht – es ist ja etwas anderes. Ich scrolle da immerhin nicht durch irgendwas, nicht durch Beliebigkeiten ohne Bezug, ich lese da nicht stumpf die Freizeit-Revue (was aber letztlich auch okay wäre). Ich scrolle durch Meldungen von Menschen, die ich überwiegend mag, die ich zu einem nicht kleinen Teil persönlich kenne, die mich seit vielen Jahren begleiten, mit denen ich schon etwas mitgemacht habe. Die mir vielleicht mal geholfen haben oder ich ihnen, mit einem Satz oder etwas anderem. Es ist ein wenig, als würde ich die Tür zu einer ewigen und stets gut besuchten Party aufmachen, kurz durch die Küche gehen, wo die immer gleichen Leute vor den Salaten und den Getränken stehen, der harte Kern. Als würde ich dort vielleicht ein, zwei Sätze wechseln und dann wieder gehen. Und der Hammer: Niemand nimmt mir das übel. Niemand fragt, wo ich hingehe. Ich habe da also diese Party in der Hosentasche, ich habe meine Aufmunterungstruppe, meinen Sozialklimbim, meinen Anschluss an die Welt jederzeit abrufbar, und ich kann dabei so introvertiert und schlechtgelaunt und knurrig, smalltalkavers oder auch vollkommen verpeilt sein, wie ich nur will. Ich finde es herrlich, und ich denke gar nicht daran, das schlecht zu finden. Ich hätte es im Gegenteil immer schon haben sollen, es ist perfekt für mich.

Das ist eine mittlerweile altmodische Sicht auf soziale Medien und klar, Twitter ist auch etwas anderes, viel Schlechteres. Vielleicht ist es das sogar vor allem. Aber erstens darf ich qua Geburtsjahr altmodisch sein und zweitens kann ich wahrnehmen, was ich will.

Bei Facebook gelingt mir das übrigens nicht, Facebook ist einfach die Pest. Ein ganz schlimmer Ort, aber da hat jede und jeder so seine Vorlieben.

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Dann doch wieder ein Buch angelesen, Robert Louis Stevenson, den ich sehr bewundere: St Ives. In der schönen und frischen Übersetzung von Andreas Nohl. Ein wunderbar mitreißender Einstieg und noch herrlich viele Seiten vor mir, es ist alles ganz wunderbar schmökerhaft. Stevenson hatte es einfach drauf, nach wie vor für mich einer der ganz Großen und wenn ich „gut erzählt“ meine, denke ich oft an seine Art.

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Im Drogeriemarkt steht ein neues Regal, so eines dieser spontan in den Weg gestellten Sonderregale. Es sind Schokoladenosterhasen und entsprechende bunte Eier darauf. Für einen Moment, für einen ganz kurzen Moment nur, bin ich mir nicht sicher, ob Ostern schon war oder nicht. Dann erst sehe ich im Vorbeigehen die 50%-Aufkleber, die Rabattschildchen, alles muss raus. Natürlich. Vor meinem geistigen Auge justiert sich ein Wandkalender und ruckelt sich zurecht, Pfingsten voraus. Aber ich merke doch – ich bin weiterhin enorm leicht zeitlich zu verwirren. Sagen Sie mir einen Wochentag, ich nehme ihn.

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In den Timelines geht es um Impfneid. Ein im Affekt auftretendes Gefühl, ich kann nichts Schlimmes daran finden. Die Frage ist doch, ob im weiteren Fortgang der Gedanken der innere Fünfjährige gewinnt oder nicht, aber das gilt ja für verblüffend viele Themen im Leben und die Sache mit dem Erwachsenen-Ich bleibt nun einmal hier und da recht anspruchsvoll. Kein Grund, gleich aufzugeben! Vernunft kann gewinnen.

Ich fühle heute übrigens keinen Impfneid, deswegen habe ich auch gut reden, ich fühle, und das aber vehement, Mauerseglerneid. Jedes Jahr im Frühjahr melden nämlich diverse Menschen aus verschiedenen Gegenden der Republik triumphierend die Rückkehr der Mauersegler, ihrer Mauersegler, und ich habe den starken Verdacht, ich habe noch nie im Leben einen gesehen. Dabei soll es in Hamburg sogar welche geben. Mauersegler meiden mich. Schlimm.

Update: 10 Minuten nach diesen Zeilen einen Impftermin bekommen. It’s magic.

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Links am Morgen

Ich finde das hier auch deswegen interessant, weil es eine Corona-Folge der besseren Art ist. Vermutlich ein Beispiel von Tausenden. Es wird solche Spuren geben, viele und überall. Wie es aussieht, kehre auch ich nicht für fünf Tage in der Woche ins Büro zurück. Es wird anders bleiben und sein, vielleicht wird es hier und da sogar besser sein, was denke ich heute wieder positiv. Wobei ich es, ich erwähnte es bereits einmal, gar nicht recht einschätzen kann, denn ich kenne Home-Office ja bisher nur und ausschließlich in Verbindung mit Home-School. Die ersten Tage mit Home-Office als purer Variante, sie werden interessant für mich werden – vielleicht werde ich sie aber auch so dermaßen entspannend finden, dass ich zum ersten Mal im Leben während der Arbeit einschlafen werde. Na, mal sehen. 

Die Jugend, so höre ich hier und da und gar nicht nur aus den Kinderzimmern in unserer Wohnung, ist dagegen jetzt schon genervt, dass es nicht Wechselunterricht für immer geben wird. Einen Tag Leute treffen und Programm und Anspannung, dann zur Erholung einen Tag ganz in Ruhe und nach eigenem Rhythmus mit ein paar besinnlichen Arbeitsblättern im chilligen Zimmer, Musik und Chat dazu, dann wieder Leute und Action, dann wieder ausschlafen, das sind so die Träume. Gar nicht mal so unerreichbar, wenn man es recht bedenkt. Und gar nicht mal so dumm. Eher im Gegenteil. 

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Touristification in Lissabon. Da wollte ich auch immer noch einmal hin, aber das ist eben das Problem. 

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Mario Sixtus mit einem Twitter-Thread über die Learnings aus der Pandemie. Quasi Debriefing, dezent verfrüht. Was könnte man da anlegen, haben wir etwas gelernt? Nun, vielleicht das: Keine der Parteien, die eine oder einen dieser Kultusclowns gestellt hat, kann noch als wählbar gelten. Nur meine Meinung, sehen Sie das ruhig anders. Und apropos: Das hier.

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Über das nächste Schuljahr (Via Frau Nessy). Und: “Schüler werden die Letzten sein, die wieder normalen Alltag erleben.”

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Mein Anteil an der Revolution

Im Postfach sind nur Spam-Mails von Fake-Damen, die mir mit der Betreffzeile „Ich will Sex“ entgegenkommen. Ich denke, wofür soll ich noch alles zuständig sein, ist gut jetzt, und ich lösche das alles, weg, weg.

Der Wetterbericht verkündet für die nahe Zukunft unfassbare 27 Grad und Regen, ich lege schon einmal das Monsunjäckchen raus. Wir haben Maiferien, also regnet es vermutlich die ganze nächste Woche durchgehend.

Wir haben Maiferien und wir machen nichts, was kaum überraschend sein kann. Im Zweifelsfalle kann man eh nichts machen. Besser nicht mehr darüber nachdenken, sonst fehlt einem am Ende noch etwas. Da ich mich gerade erschöpfungsbedingt aber eh für nichts interessiere, nicht einmal für die Pandemie, und da ich mich, wenn ich mich doch interessieren würde, vermutlich nur aufregen würde, was ja nicht gut ist, mache ich also erst recht nichts. Das wollte ich ohnehin schon länger, und diesmal also wirklich. Ich sitze auf dem Sofa und begucke mir die Wohnung und wohne so herum. An einigen Stellen haben wir es ganz schön, finde ich, und freue mich darüber. Ich sehe den Spatzen auf dem Balkon zu, ich sehe zu, wie das Licht durch den Vorhang fällt. Ich schlafe ein, ich wache auf, ich mache nichts, ich werde etwas besser darin.

Ich setze mich vor den Computer, aber mich interessiert ja nichts. Dennoch mal davor sitzen, denn da gehöre ich doch hin. Ich klicke lustlos durch die Tabs, aber da ist nichts. Ich denke Musik, vielleicht doch Musik. Und dann dazu etwas schreiben. Ich spiele viele Playlists an, die etwas mit Home-Office im Titel haben, sie sind alle furchtbar. Wirklich schreckliche Musik, so kann man nicht arbeiten, was stimmt denn mit den Leuten nicht, arbeiten die alle in Fahrstühlen.

Ich stelle mich vors Bücherregal mit den uninteressanten Büchern, ich blättere durch die herumliegenden uninteressanten Kochzeitschriften. Ich stehe einfach nur herum und lausche. Der Nachbar singt, das macht er öfter. Er ist aber im entferntesten Teil seiner Wohnung, er klingt dumpf und gedämpft. Er klingt wie ein Mönch in seiner Zelle, betend und singend. Ich finde das beruhigend. Ich würde jetzt vielleicht auch etwas singen, wenn ich mich für einen Song interessieren würde.

Ich gehe spazieren. Man braucht Bewegung, auch wenn man sich für nichts interessiert. Auf einem Mülleimer im Park ein neuer Aufkleber: Wer nicht gegen die Arbeit revoltiert, arbeitet gegen die Revolution.

Ich lese das im Vorbeigehen, ich hebe solidarisch die Faust. Ich bin ein Revoluzzer, allerdings einer, dessen Begleitung beruhigend sagt: „Der tut nichts.“

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Pass ma auf

Aus der Grundschule kommt am Nachmittag ein kleiner Mensch. Ich höre im Vorbeigehen, wie er zu seiner ihn begleitenden und ebenso kleinen Freundin mit eindeutiger Begeisterung in der Stimme sagt: „Ich steh ja auf die Acht. Ist die toll!“ Und er malt eine große Acht in die Luft. Sie sagt: „Ich mag die Zehn“, und da guckt er aber skeptisch und schüttelt den Kopf. Es ist die Acht, die so toll ist, er hat es ihr doch gesagt. In seinem Blick eine fundamentale Erkenntnis, wieder was fürs Leben gelernt: Andere Menschen sind echt anders.

In einer kleinen Nebenstraße gehen zwei, die schon lange erwachsen sind, gerade in einen Hauseingang. Er hält ihr freundlich die Tür auf, sie trägt die Einkäufe rein, er macht einen Briefkasten auf, Nachbarn wohl. Ich höre im Vorbeigehen, wie er mit Bückwarenverheißungsstimme zu ihr sagt: „Weißte, wie du an einen Impftermin kommst? Weißte? Pass ma auf!“ Dann hebt er einen Zeigefinger und wendet sich ihr zu, dann schließt sich die die Tür, noch bevor ich den Trick hören kann. Denn um einen Trick, einen genialen womöglich, wird es sich doch gehandelt haben, so wie er geguckt und geklungen hat.

Im Edeka legt kurz darauf einer frischen Koriander in seinen Einkaufswagen und fragt seinen Freund, dem er dabei die Hand auf die Schulter legt: „Oder hast du etwa dieses Seifenproblem?“ Der Freund winkt lachend ab, nein, er hat kein Seifenproblem, er mag Koriander.

Ich bin da übrigens ein Mischtyp, eine ganz seltene Spezies, glaube ich. Ich finde nämlich schon, dass Koriander ziemlich nach Seife schmeckt. Aber ich mag Seife. Vermutlich Freak durch und durch.

Egal. Hier noch zwei Links.

An den hier beschriebenen Auftritt von Beuys bei Bananas und an den ungeheuer dumpfen Text und die eher tumbe Performance kann ich mich tatsächlich noch erinnern. Aber der alte Mann war auf der richtigen Seite, fand ich, es war also alles gut. Sechzehn war ich da.

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Ich habe für das Goethe Institut etwas über den Bahnhof geschrieben, den ich hier quasi vor der Haustür habe.

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Ein Fehldruck

Draußen grau durchwölkter Himmel mit etwas barockem Dunkeldrama, abgerissene Blätter fliegen vorbei, anschwellende Regenpercussion auf dem Dachfenster, es ist kalt, es wird Herbst. Bald kommen die langen Winterabende, da kann man dann mal. Was auch immer, im Grunde kann man ja eh nix. Egal. Ich habe den Frühling verpasst, ich habe den Sommer nicht mitbekommen, ich bin durcheinander. Der Kalender auch, der sagt Mai. Ich sehe raus, dieser Monat muss defintiv ein r am Ende haben, plötzlich Appetit auf Muscheln. Es ist alles falsch, es ist alles verquer, das ganze Jahr ist vermutlich ungültig, ein Fehldruck, ein unschöner. Und schon der zweite in Folge. Zustände! In diesem Land klappt gar nichts mehr, nicht einmal die Basics, nicht einmal die Jahreszeiten.

Ich sehe mir, keine bezahlte Werbung, die Becher von Fraeuleinheiligenscheiss.de an, ich finde alle gut, soweit ist es nämlich. Bei Videocalls einfach mal spontan Becher mit Beleidigungen in die Kamera halten, was stimmt denn mit dir nicht? Kommunikation endlich wieder beleben, irgendwie drastisch sein, lebendig auch.

Ich lese ein paar Seiten in einem Buch, Entspannung und so. Graham Greene, Der menschliche Faktor. Ich finde, und das Gefühl ist mir neu, die Schilderung der Normalität darin schwer auszuhalten. Dieses Damals. Dass die da alle dauernd rausgehen, in Restaurants gehen, sich umarmen, mit der Bahn fahren. Sachen machen. Ich will das nicht lesen. Ich greife blind ins Regal, ich nehme irgendein anderes Buch: Es ist der Trakl. Ich schlage auf, ich lese:

Kranke kreischen im Spitale,

Bläulich schwirrt der Nacht Gefieder.

Glitzernd braust mit einem Male

Regen auf die Dächer nieder.

Da kann man nicht meckern, das passt. Und während ich tippe, wird der Regen lauter und lauter.

Egal. Hier noch ein paar Links. Warum auch nicht.

Das Ruhrgebiet ist das Gestalt gewordene Anthropozän.

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Über Saisonalität. Es wird kein Halten mehr geben, es wird History repeating geben. Schlimm.

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Weniger arbeiten, öfter faulenzen. Mit einer Argumentation, die man ähnlich von Herrn Harari kennt.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für freundlich zugesandte Ranunkelsamen, für eine große, große Leiter, die für den Zustelldienst etwas herausfordernd war und uns im nächsten Winter einen gewissen Apfelbaumschnitt überhaupt erst ermöglichen wird, und dann auch noch für Sportsocken für die Söhne, sie sind beide sehr angetan. Ganz herzlichen Dank!

Vorderseite

Eine Rätselkarte, das hatte ich noch gar nicht. Vielleicht ahnen Sie die Lösung schneller als ich, das kann sein, das will ich Ihnen gerne zugestehen, ich bin manchmal etwas langsam. Wir sehen auf dieser Karte also ein Portal in einem alten Kirchturm. In einem Turm aus rotem Backstein, versteht sich, es ist die Kirche vor unserer Haustür. An diesem Portal gehe ich also dauernd vorbei, mehrmals täglich. Oft kenne ich die Menschen, die da hinein oder hinausgehen, ich kenne auch die Menschen, die da gelegentlich die Aushänge im Schaukasten wechseln oder ein Banner am Turm befestigen oder zu den großen Festen irgendeine Deko montieren. Und jetzt ist da wieder etwas Neues. Das Portal sehen wir also, eine große, dunkle Kirchentür in einer roten Wand. Links daneben unerwartet drei blau lackierte Buchstaben, ich weiß gar nicht aus was, aus Holz, Plastik, Metall, aber sie sind jedenfalls größer als ich. Schmale, hohe Buchstaben, die hat man da im Boden befestigt und verankert, die stehen jetzt frei neben dem Kirchenportal. Es sieht aus, als sollten sie dort bleiben. Ziemlich auffällige Buchstaben. Ein F, ein A und ein I. FAI, denke ich, was heißt das nun wieder und ich bleibe natürlich kurz stehen. So oft sehe ich ja nichts Ungewöhnliches mehr in dieser monotonen Abfolge der immer gleichen Pandemietage. FAI. Irgendeine christliche Abkürzung, denke ich, wie INRI oder so, allerdings kenne ich sie nicht. Was mag denn bloß FAI heißen? Ich denke, dass ich ganz im Ernst nicht den leisesten Schimmer habe, was FAI sein könnte, wofür das stehen könnte. Ich denke, aber immerhin sieht das aus wie eine Postkarte, rote Mauer, schwarzes Portal, blaue Buchstaben, das geht doch, das nehme ich. Ich denke, aber das wirklich nur für den Bruchteil einer Sekunde, an blaugrüne Seife aus den 70ern, dann verblasst dieser Gedanke sofort wieder, denn das war ja Fa, nicht FAI, und mein Hirn weiß das auch und schämt sich jetzt. Ich google FAI, natürlich google ich das. Immer alles nachschlagen! Die Erklärungen kommen aber alle nicht hin, die sind auch alle nicht religiös. Immerhin sind die Färöer Inseln bei den Erklärungen dabei, für die interessiere ich mich neuerdings aus mir unklaren Gründen, das passt also irgendwie, es erklärt aber wieder nichts.

Ich lese die Aushänge in den Schaukästen, die haben mit FAI nichts zu tun. Ja, was jetzt? Die können da doch nicht einfach Rätsel an die Kirche montieren und nichts auflösen?

Ich stecke das Handy weg, nehme meine Einkaufstüten und gehe weiter. Und dann sehe ich es. Auf der anderen Seite des Portals stehen auch zwei Buchstaben, soweit war ich noch nicht. T und H stehen da, natürlich, Faith.

Das ist geradezu ärgerlich tiefsinnig, man muss erst einen Schritt zurücktreten, um das Wesentliche zu erkennen. Ja, ja, geschenkt, das ist doch unangenehm platt und überzeichnet. Aber so ist sie leider oft, die Wirklichkeit. Ich habe, so stelle ich fest, wiederholt gewisse Schwierigkeiten mit ihr.

Faith. Meine Güte. Ich gehe da jetzt immer kopfschüttelnd vorbei.

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Einfach aufstehen und alles abtippen

Es ist und bleibt eines der besten Gefühle überhaupt, wenn ich irgendwo so sitze und gar nichts mache oder fast nichts und dann plötzlich merke, wie mir aus dem Nichts auf einmal ein Text wächst oder zumindest eine Idee dazu. Wenn diese Idee dann bleibt, nach mehreren Minuten immer noch greifbar ist und brauchbar erscheint und sich dann noch etwas auswächst, wenn ich merke, da ist etwas dran, das könnte klappen, und zwar so herum und auch so herum. Wenn ich darauf komme, das könnte so oder so enden und guck, eine Pointe gibt es da ja auch. Wenn ich mir dann irgendwann sicher bin, dass diese Idee, obwohl ich doch gar nichts gemacht oder geleistet habe, vermutlich schon wieder genug für einen Artikel im Blog oder sogar für eine Kolumne ist.

Dann einfach aufstehen und alles abtippen, der Rest fingert sich erfahrungsgemäß schon irgendwie hin. Wirklich, das ist eines der besten und schönsten Gefühle überhaupt.

Ich liebe es.

Und heute habe ich es übrigens nicht.

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Links am Abend

Die Bubble, die Bubble

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Diesen Text teile ich eigentlich nur wegen des Begriffs Weltreichweitenschrumpfung. Gefällt mir. Aber okay, es sind noch ein paar andere gute Stellen drin. Und Katzenvideos kommen auch vor.

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Gehirnnebel und die Hoffnung auf Heilung

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Ein Livekonzert in der aktuellen Situation

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Herumdenken

Sohn II bittet mich, beim Lernen mit ihm möglichst gestüm vorzugehen. Dann denken wir beide über das Wort nach. Ungestüm, gestüm, man kann das natürlich googeln. Und ja, das gab es zumindest einmal, diesen heute seltsam klingenden und nicht verneinten Wortstamm, wir dürfen das also so sagen, stellen wir zufrieden und gestüm fest, das Wort gefällt uns sehr gut. Dann legen wir fest, was wir heute wann machen, dabei hebt einer von uns einen Daumen hoch für die Eins in der Priorisierung des Tages, wie man dann so macht, dann zwei Finger für die Zwei. Und weil wir ja gestüm vorgehen, denken wir über alles sorgsam nach, auch darüber, warum man eigentlich, Sie müssen jetzt kurz mit den Fingern mitzählen, die Eins mit dem Daumen zeigt, die Zwei mit Zeige- und Mittelfinger, die Drei aber mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Wenn Sie das bitte mal kurz nachmachen, dann fällt Ihnen vielleicht auch auf, dass der Daumen mit der Zwei nichts zu tun hat, mit der Drei und der Eins aber sehr wohl, was natürlich mathematisch gar nicht haltbar ist und im Grunde auch seltsam kontraintuitiv.Das ist etwas abgefahren, welches Theater der Daumen da aufführt, dieses ich duck mich, da bin ich wieder, wenn man bis zur Drei zählt. So viel Bewegung, so kleine Zahlen. Der Sohn und ich zählen mehrmals und zeigen Finger, wir finden das im Grunde ganz falsch, wie man das macht, es ist nicht stringent und durchdacht, es ist geradezu widersinnig, möchten wir meinen, wie konnte sich das so durchsetzen? Und wie wäre es besser? Wir sind nämlich Topchecker, der Sohn und ich, wir bemerken alles, auch solche Kleinigkeiten. Wir können uns an guten Tagen an solchen Fragen entlang bis sonstwohin durchdenken, wir lernen und denken einfach immer weiter.

Nur zu den Aufgaben der Home-School kommen wir dummerweise auf diese Art nicht und vielleicht sollte ich das genauso in eine Entschuldigung schreiben, pardon, wir mussten erst bis Drei zählen, das hat eine Stunde gedauert, und mehr Zeit hatten wir heute nicht. So schade.

Ich: „Jetzt machen wir aber endlich Mathe!“

Der Sohn: „Das ist ungenau, Badematte oder was.“

Und jetzt müssen wir, das wird ja jeder sofort einsehen, dringend über Bademathe nachdenken oder es mal eben erfinden.

Lassen Sie uns durch, wir müssen herumdenken.

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