Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 6.7.2022

Die besten Wünsche nach Berlin, das ist am wichtigsten.

***

Euphorie hat nie recht. Nicht auf lange Sicht.

***

Herr Fischer über Digitalisierung. Er klingt ein wenig so, als hätte er einen Restglauben an gelingende Digitalisierung. Das finde ich sehr tapfer, sich so eine Haltung zu bewahren.

***

Es gab finnische Lachssuppe, die fanden hier alle gut, außer mir, aber ich zähle bei Geschmacksfragen gerade nicht. Für mich schmeckte das ganz entfernt nach Fisch, eventuell sogar etwas nach Dill. Vielleicht. Kochen ohne etwas zu schmecken, das bleibt eine verstörende Erfahrung.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 2.7.2022

Ich war verliebt und es war schön.

***

Flügel statt Autos.

***

Die Fundstücke aus den Literaturblogs für den Juni.

***

Anke seit zwanzig Jahren. Ein VSOP-Blog, ich gratuliere.

***

im übrigen stelle ich fest, dass das reisen mit geld einfacher wird und besser“.

Ich bin immer noch etwas coronageschädigt, weswegen hier eher Sparbetrieb ist, pardon, ich will aber sehen, dass ich bald eine Dankespostkarte posten kann, vielleicht sogar heute noch.

Wobei ich das spärliche Schreiben aber auch neu rechtfertigen kann, ich habe nämlich draußen wieder gut aufgepasst. Erinnern Sie sich, ich habe neulich das Ladensterben und das schnelle Shop-Wechsel-Dich-Spiel hier erwähnt, in welch flottem Rhythmus die neuen Lokale, Geschäfte etc. aufgemacht werden, kurz blühen, wieder vergehen, wie nichts mehr Bestand hat, alles Tand, Tand ist und man sich an kein Geschäft noch lange erinnern kann … vielleicht wissen Sie das noch. Da sprach ich auch von einem Laden, der mal auf und mal zu ist, von einem Laden, der gerade flackert, so habe ich das genannt. In der einen Stunde stehen da Tische und Stühle vor der Tür und sehen einladend aus, dann sind sie plötzlich wieder weg und das Licht ist aus, alles verschlossen und verwaist, es ist unergründlich. Gestern fragte da eine Passantin, als es gerade für einen Moment halbwegs geöffnet aussah, ob man da denn nun oder nicht, so exakt war das nämlich beim besten Willen nicht zu erkennen, also ob man da jetzt etwas bekommen könnte? Einen Kaffee etwa? Es gibt hier doch Kaffee? Und die Frau, die da irgendetwas herumräumte, lieferte dann die Erklärung und den Fachbegriff, der mir gefehlt hat, Sie ahnen ihn vielleicht schon, besonders wenn Sie in Berlin wohnen und also Vorsprung haben. Die Frau konnte das wunderbar erklären, dass es den Laden gab und gleichzeitig doch nicht gab: „Wir machen hier ein Slow-Opening.“

So also nennt man das, wenn alles nur halbfertig ist, und ich könnte hier jetzt auch einfach ab und zu einmal eine Zeile posten, eine vage Idee von einem Text nur, einen flüchtigen Hinweis vielleicht, und ich könnte das dann schlicht Slow-Publishing nennen und alles wäre gut und hip und gewollt so. Da mal drüber nachdenken.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Mit dem gegenwärtigen Moment war er immer gut fertig geworden

Ich habe noch keinen Urlaub, die Söhne haben noch keine Ferien, aber ich lese schon einmal davon und ich erhöhe auch schon einmal den Bücherstapel. Christine Avel: Nur hier sind wir einzigartig, Deutsch von Christine Amann. Da haben Sie etwas zur Einstimmung, das kann ich empfehlen. Leicht, dünn, sommerlich, assoziativ einladend und freizeitorientiert. Sommerkindheitserinnerungen haben alle, da kann man anlegen.

***

Oder hier, der Meeresroman von Petri Tamminen, Deutsch von Stefan Moster, nur zufällig aus dem selben Verlag wie das erste Buch. „Seekapitän Vilhelm Huurna schämte sich für gestern und fürchtete sich vor morgen, aber mit dem gegenwärtigen Moment war er immer gut fertig geworden.“ Wer kennt es nicht.

***

Der Herr Giardino empfahl neulich auf Twitter eine App zum Erkennen von Vogelstimmen, auch die kann ich empfehlen: Merlin – all about birds. Zilpzalp und Grünfink und Hausrotschwanz kann ich hier nicht sehen, hartnäckig nicht, aber immerhin zuverlässig hören.

***

Ich schmecke und rieche nach der Corona-Infektion weiterhin nichts, kann jetzt aber Lebensmittel ganz neu klassifizieren, nämlich ausschließlich nach Gefühl. Die Lustigkeit von Mozzarella erwähnte ich bereits, Schokolade ist ohne Aromen überaus merkwürdig und Erdbeeren sind definitiv gruselig, wirklich schrecklich, das möchte man nicht im Mund haben. Spaghetti Bolognese bleibt seltsam dumpf befriedigend, Geschmack hin oder her und Kaffee schmeckt ganz schwach bitter, das immerhin. Kaffee ist jetzt also dreifach interessant. Macht wach, ist heiß und schmeckt nach irgendwas, gleich drei Wünsche auf einmal.

Ich koche etwas für die hungrige Familie, ich reiße mich erheblich zusammen. Das Kochen nervt allerdings sehr, wenn man nichts davon hat und dabei nichts riecht, nicht einmal das ansonsten zuverlässig beglückende Anbraten der Zwiebel.

Der erste Home-Office-Arbeitstag nach der Woche mit der Krankschreibung. Nach sechs Stunden könnte ich vom Stuhl rutschen, mich auf dem Teppich einrollen und dort den Rest des Tages einfach verdämmern, ich finde die Vorstellung ausgesprochen attraktiv. Ich müsste an einem Text arbeiten, ich kann nicht. Ich denke über den Text nach, ich schlafe ein.

Aus der Schule erreichen mich Mails mit organisatorischen Anmerkungen zu den letzten Schultagen und Hinweisen auf das nächste Schuljahr. Es sind zu viele Mails für meinen Zustand, nach der dritten weiß ich schon nicht mehr, was in der ersten stand, ich schlafe schon wieder ein. Ich wache auf und weiß weder den Wochentag noch die Tageszeit, dann fällt mir alles wieder ein und verstimmt mich nachhaltig.

In den Foodblogs jetzt überall die Kirschen- und Beerenrezepte, das Jahr schreitet voran, wir sind schon kurz vor Pflaume. Ich kann mich an den Geschmack von Kirschen erinnern, aber wenn ich zu lange darüber nachdenke, ist die Erinnerung auf einmal nicht mehr greifbar. Besser nicht nachdenken, das gilt ja öfter. Davon abgesehen finde ich das Wort Kirschenplotzer sensationell abstoßend. Das ist etwas, das würde ich nicht machen, nur weil es so schlimm heißt.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 26.6.2022

Früher hat man vorgeschlafen, heute wird vorgelebt. Ich dagegen mühe mich noch mit Corona ab, ich schwächele herum, wobei ich aber irgendwelche allfälligen Symptome gar nicht recht von den Folgen des Wetters unterscheiden kann. Diese elende Großstadthitze, bei der geht es mir ohnehin nicht gut, das ist nicht mein Wetter. Dabei fühle ich mich ohnehin elend und krankenhausreif, in jedem Sommer. Herumsitzen und herumfühlen, was haben wir denn da so, im Körper? Keine Ahnung, denke ich, aber fit geht vermutlich anders. Wie ging fit denn noch einmal? Fit war damals, vor Corona irgendwann, fit ist mittlerweile eh lange her. Ich habe jedenfalls keine Lust, irgendwelche Bäume auszureißen, ich habe ja nicht einmal Lust, die längst geschossenen Radieschen auszureißen.

Ich darf wieder raus. Der Test ist negativ, der Sicherheitskontrolltest auch. Ich gehe zum Einkaufen, die übliche Runde, mir fehlt auf halbem Wege eine Bank. So eine Rentnerbank, um mich dort etwas auszuruhen, gerne mit ein paar Enten davor und attraktivem Teichblick. Aber nichts ist, es gibt keine Bank. Ich gehe also weiter, ich kaufe ein. Ich kaufe irgendwas, es ist egal, ich schmecke eh nach wie vor nichts. Mozzarella ist auf diese Art am lustigsten, ein eher surreales Gefühl im Mund. Aber das nur am Rande (hier noch mehr zum Phänomen) Ich gehe zurück, ich lege mich hin und schlafe zwei Stunden wie ein Stein. Es stimmt schon, es ist besser, alles langsam anzugehen. Es wird etwas dran sein.

Ansonsten: Vier Personen im Haushalt, vier vollkommen verschiedene Krankheitsverläufe. So verschieden, als seien es vier Krankheiten. Bei der Herzdame zwischendurch auch diese Blödigkeit, von der viele berichten. Sie steht eine Stunde unter der Dusche, weil sie vergessen hat, wie das geht, das mit dem Duschen.

Ein Sohn schläft freiwillig tagsüber. Doch so schlimm, denke ich, doch so schlimm. In der Klasse des einen Sohnes hat Corona die Beschulung erledigt, da geht nichts mehr, in der Klasse des anderen Sohnes ist er der einzige Fall. Noch.

Ich sehe Lady Chatterley auf arte, die Neuverfilmung. Schöne Interieurs, anziehende Landschaftsbilder, zwischendurch nervt der Sex. Ist es das Alter, ist es Corona, ich denke immer, Moment, zeig nochmal die Vase da, wie sieht die Tapete aus und was ist das für ein Sessel, nein, jetzt zieht sie sich schon wieder aus, meine Güte. Ein hübscher Film, also von der Gegend und der Kulisse her.

Ich lese Fabian von Kästner. Das geht natürlich nicht als Stimmungsaufheller durch, aber das wusste ich vorher und es passt gerade gut, denn auch die jetzigen Zwanziger Jahre scheinen kein gutes Ende zu finden, wenn man es einmal komplett durchdenkt. Ich sehe die Nachrichten, ich finde alles niederschmetternd, ekelhaft, dystopisch. Optimismus ist für Trottel, die Weltlage ist fubar. Ist das ein Symptom, ist das mein Symptom, sind die Symptome da draußen?

Meiner Stimmung schadet das übrigens nicht so sehr, wie es vielleicht klingt, ich komme zurecht, es wird anderen viel schlechter gehen. Mich stört nur, dass ich auf so wenige Handlungen komme, die aus all dem korrekt abzuleiten sind. Aber wie es aussieht – es geht Ihnen und Euch genauso. Man wählt eine vermeintlich richtige Partei, man schränkt sich hier und da schon einmal etwas ein, man macht dies und das nicht, man nimmt doch einmal das Fahrrad, man vertritt hier und da seine Meinung, ansonsten wartet man ab, macht man weiter, macht man mit. Ich weiß auch keine Antworten. Ich wäre gerne weniger an all dem Unfug beteiligt, der geschieht, da ist der Kästner schon wieder – aber ich weiß nicht recht, wie das geht.

Am Meisenball hängt währenddessen ein turnender Buntspecht, das immerhin. Am Himmel sehe ich Schwalben und Mauersegler, jetzt kreisen dort tatsächlich beide Arten, das auch. Und die Stachelbeeren sind in aller Üppigkeit reif, die Erbsen, die Sauerkirschen ebenfalls. Ich schmecke sie nur nicht. Irgendwas ist bei allem in dieser Zeit, ein bitterer Beigeschmack oder gar kein Geschmack, was auch immer.

Noch zwei Wochen bis zu den Ferien, zum Urlaub. Auch darauf warten.

***

Die USA und der deutsche Mann. Die Schlussfolgerung teile ich.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Lange irgendwo hinsehen

Heute höre ich, morgen lese ich, übermorgen schreibe ich dem Blog einen neuen Beitrag.

Ich höre Dumala von Keyerling, es ist erlesen schön, geradezu meisterhaft und es fällt viel Schnee, das kühlt in langen Fieberphasen auch etwas den Coronahasen. „So geht man liebevoll durch den hübschen Abendschein, und einer legt dem anderen seine Lügen ans Herz.“ Ein Buch mit einer lapidaren Liebesgeschichte und einem nur fast ausgeübten Kapitalverbrechen, ein Buch über Menschen, die wenig verstehen und sehr viel zu verstehen meinen, ein Buch über Menschen wie wir. Es endet mit grandiosen, eiskalten Sätzen, sie sind so desillusionierend wie das Älterwerden, das Rauswachsen, das Vernünftigwerden selbst.

Ich lese „Wer wir sind“, das ist von Lena Gorelik. Ein sprachlich schönes Buch, sehr gelungen, nehmen Sie sich das doch auch vor, es lohnt sich. Wie ich überhaupt empfehlen möchte, Bücher bereit zu legen, Bücher, nicht Essen. Ich habe keinen Hunger, ich schmecke nichts, also tatsächlich überhaupt nichts, das nimmt den Appetit, das macht Essen egal und beiläufig und zu einer Sache der bloßen Vernunft, ab und zu etwas kauen, muss ja, aber es ist ganz gleich, was es ist.

Essensvorräte sind überschätzt. Also in meinem Fall, aber wer weiß, vielleicht gilt es auch für andere. Sorgen Sie sicherheitshalber für Bücher, wenn Sie die Infektion noch vor sich haben, wenn Sie sie also morgen erst erwarten, übermorgen, was weiß ich. Wenn ich die Meldungen aus dem Umfeld richtig deute, kann es viel länger nicht mehr dauern. Das Land legt sich hin, das Land wird krankgeschrieben, dem Land geht es gar nicht mal so gut. Von Betrieben höre ich, von Abteilungen, Kliniken und Klassen – da geht jetzt nichts mehr, einfach gar nichts, es ist niemand mehr da.

Hier geht auch weiterhin nichts, nur dieses Buch ging, es ist, wie gesagt, sehr gut, eine Rezension finden Sie hier, eine andere hier. Ein Genuss, es zu lesen.

Am Nachmittag das Saxofon. Jeden Nachmittag spielt einer Saxofon, entweder übend an einem Fenster im Haus gegenüber oder unten auf dem Spielplatz neben der gerade nicht bespielten Tischtennisplatte im Schatten der Bäume, einmal auch auf irgendeiner lustig sein sollenden Veranstaltung für Kinder mit Zauberer und allem oder natürlich auch von Tisch zu Tisch ziehend hinten bei den Restaurants auf dem Platz vor der Kirche, immer wieder dieses Saxofon, unweigerlich. Oh, when the saints.

I want to be in that number, denke ich und gucke auf die beiden Streifen auf dem Test, I want to be in that number, und ich bin es ja auch.

In einer Vase vor meinem Bett drei Pfingstrosen, die gehen nacheinander auf. Ein etwas hinfälliges Pink ist die Blütenfarbe, die Keramikvase dagegen in einem altrosa Ton. Davor steht, wie für einen Zeichenkurs arrangiert, eine andere Vase, kleiner und leer, in einem Mittelmeerreiseprospektblauton. Das ist ein schönes Bild und es verändert sich. Eine Blüte nach der anderen geht nämlich auf, und wie die aufgehen, es gibt kaum eine Blume, die so wahnsinnig aufgeht wie eine Pfingstrose, es ist im Grunde eine Orgie der Entfaltung. Ich sehe immer wieder hin, denn sie gehen so spektakulär und barock auf, dass ich meine, ich müsste sie doch in der Bewegung erwischen, wenn ich nur lange genug hinsehe, aber dann schlafe ich doch wieder ein dabei, wache auf und sie haben sich prompt verändert, heimlich, während ich schlief. Es ist ein ausgesprochen ölbildhafter Anblick, dieses Pfingstrosentrio in der Vase da, es ist stimmungsaufhellend wie es kaum je ein Blumenstrauß war und ich sehe zu, wie das Tageslicht sich und sie wandelt und mit den Farben und Schatten spielt, shades of pink. Dazu muss man auch erst krank werden, um so etwas wirklich sehen zu können, dazu muss alles andere erst gründlich wegfallen und wahrhaftig nicht mehr gehen.

Lange irgendwo hinsehen, es wird vielleicht auch unterschätzt.

Wenn Sie krank werden, lassen Sie sich Blumen bringen, man braucht etwas Nettes um sich oder vor sich.

Im Spalt der Balkontür einmal eine Schwalbe, halbkreist da durch. Es gibt hier sonst keine Schwalben, nie sehe ich Schwalben in der Stadtmitte. Aber jetzt sehe ich eine, eindeutig ist das eine, und sie macht mir den Mittsommer, schnörkelt ihn einwandfrei in den Abendhimmel, dann holt sie noch ihre Freunde dazu.

Wo die hier wohl ihre Nester haben? Ich kenne hier keine Schwalbennester, ich freue mich immer nur auf die am Dach des Hofes auf Eiderstedt. Da also mal drauf achten, wenn ich wieder um den Block gehe. Wenn ich aus meinem eigenen Nest wieder herauskomme.

Ich höre das nächste Buch: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, von Olga Grjasnowa. Das hier.

Auf dem Balkon die Tauben. Ringel- oder nicht, die kacken da alles voll. Ich binde ein Stück Schnur an eine große Gießkanne, ich führe die Schnur über Haken bis zum Bett. Eine leichte Armbewegung nur und die Kanne rumpelt da draußen, das Geflügel stiebt davon, Federchen in der Luft. Ich liege herum und vergräme Tauben, immer in allen Lebenslagen sinnvoll bleiben, wo kommen wir sonst hin.

Ja, wohin eigentlich. Da auch mal drüber nachdenken.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 19.6.2022

Kein Ort, nirgends.

Ich dagegen habe einen Ort, einen rechtlich klar definierten sogar, denn ich liege mit Corona flach, weswegen hier auch vermutlich in den nächsten Tagen etwas weniger erscheinen wird. Ich finde durch die Bank alles etwas anstrengend, auch das Sitzen, auch das Tippen. Keine empfehlenswerte Krankheit ist das, sicher auch keine, die man mal eben flott mitnehmen könnte, wie es einige auch in meinem Umfeld zu denken scheinen. Tatsächlich war ich lange nicht so krank, und ich sehe nicht, wieso man so etwas leichterhand in Kauf nehmen sollte, das kann nicht richtig sein. Es fühlt sich eindeutig danach an, was es vermutlich auch ist, es fühlt sich also an wie ein verdammt gefährliches Virus.

Im Nachbarhaus gab es dazu noch einen Kabelbrand mit fatalen Folgen für die Haustechnik, deswegen gibt es hier gerade keinen Strom auf der Leitung zum Herd und kein heißes Wasser, ich mache also Corona auf Campingniveau, auf die Idee muss man auch erst einmal kommen. Wie gut, dass ich ohnehin nichts essen möchte.

***

Der Herr Praschl bloggt wieder (die Älteren erinnern sich).

***

Spät am Abend sitzen wir auf der hölzernen Bank unterm Vordach, uns gegenüber der alte, hagere Bauer und seine Frau.“

***

Und hier, die Freibadbeschreibung. Unser Freibad, es fällt mir leider dann wieder ein, hat die Lokalpolitik ja abreißen lassen, ich finde es immer noch unglaublich und auch unverzeihlich. Man sitzt und trägt nach, auch im Namen der Kinder.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

 

Oder ich habe es vergessen

Ich höre „Schwüle Tage“ von Keyserling, obwohl ich es schon gut kenne, aber wie auch in der Wikipedia steht: „Sowohl die schlichte Sprache des Autors als auch der unaufdringliche Vortrag der Sommergeschichte erscheinen als makellos. Treffsichere Naturschilderungen beleben – gerade wegen ihrer unsentimentalen Kürze – die Lektüre.“ Und genau so ist es. Freundinnen und Freunde des situativ angepassten Lesens greifen jetzt zu dieser Erzählung, noch während die Temperaturen steigen.

Ich lese „Auf der Straße heißen wir anders“ von Laura Cwiertnia, hier eine Rezension dazu. Ich habe vermutlich bisher noch keinen aktuellen Roman mit Armenienbezug gelesen – oder ich habe es vergessen. Das ist ein Satzteil, den ich immer zweimal denke – oder ich habe es vergessen, oder ich habe es vergessen -, denn es ist ein Zitat, so unscheinbar es auch ist. Aus der deutschen Übersetzung des „Ce gens-là“ vom Brel, Klaus Hoffmann war das, die herzzerreißende Liebeserklärung an Frieda, schön wie die Sonne:

„Und dann …
Und dann, da ist Frieda
Schön wie die Sonne
Die mich genauso liebt
Wie ich Frieda liebe
Und wir sagen uns oft
Dass wir reich sein werden
Und es wird schön sein!
Die anderen sagen,
Du bist zu schön für mich.
Ich wäre gerade gut genug um Katzen zu töten.
Ich habe nie Katzen getötet –
Oder ich habe es vergessen,
Oder ich habe es vergessen.“

Wobei er das mit dem Geruch im Originaltext unterschlagen hat, aber das ist egal. Es wird dann jedenfalls nichts mit den beiden, natürlich nicht.

„Les autres ils disent comme ça
Qu’elle est trop belle pour moi
Que je suis tout juste bon
À égorger les chats
J’ai jamais tué d’chats
Ou alors y’a longtemps
Ou bien j’ai oublié
Ou ils sentaient pas bon
Enfin ils veulent pas
Enfin ils veulent pas“

Was kann ich Ihnen erzählen. Gestern Abend, als der Spielplatz kinderleer war, als die riesige Krähe in ihrem amtlich wirkenden Schiedsrichterschwarz über den verlassenen Sand stolzierte, als hätte sie dort zu gesetzter Uhrzeit akribisch zu prüfen, ob auch alle Butterkekskrümel und Reiswaffelreste korrekt von den Tauben beseitigt wurden, da blieb sie neben der Schaukel stehen, die noch ein wenig schwang, im Abendwind oder weil das letzte Kind gerade erst abgesprungen war, ich weiß es nicht, ich trat gerade erst ans Küchenfenster und sah nach unten. Der Vogel besah sich die Schaukel mit schiefgelegtem Kopf, ernst und lange. Sprang dann entschlossen darauf und schaukelte etwas. Wollte vermutlich doch einmal sehen, was diese Menschenkinder da immer machen. Und die Krähe schwang etwas hin und her, legte den Kopf nach links, legte den Kopf nach rechts, sprang wieder herunter und besah sich die leere Schaukel noch einmal von unten, während eine andere Krähe von der großen Eiche aus ihr etwas zurief, das wie eine Frage klang, die sie aber nur einsilbig und achtlos beantwortete, sie musste wohl noch weiter über das Schaukeln der Menschen nachdenken und wollte dabei nicht gestört werden.

Ich habe noch nie eine Krähe auf einer Schaukel gesehen, das wollte ich nur eben sagen. Oder ich habe es vergessen. Ou bien j’ai oublié.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Partynächte und Konzeptfiguren

Am Wochenende die postpandemischen Partynächte. Also um mich herum, ohne meine Beteiligung, und zwar ganz so, als sei das hier der zentrale Partykiez der Stadt. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie die Nächte dort gewesen sein müssen, wo in diesem Jahr wirklich der zentrale Partykiez der Stadt ist. Nicht dass ich wüsste, wo das gerade ist. Hier ist jedenfalls nur eine Nebenstelle. Aber laut war es dennoch, und wie, noch um eins, noch um zwei Uhr zerklirrten leere Flaschen auf dem Pflaster, dröhnte die unvermeidliche Achtzigerjahremusik aus Autos und von Balkonen, kicherten, kreischten, grölten und lallten nachtberauschte Menschen aller Altersgruppen und Schichten durch die Gassen und Straßen, zogen von der Alster zum Bahnhof und umgekehrt, stritten sich, schlugen sich, küssten sich, fielen sich in die Arme und lachten hysterisch.

Am frühen Morgen, noch vor fünf Uhr, zu meinem Tagesbeginn, stehen drei immer noch laut diskutierend unter meinem Balkon, eine Frau und zwei Männer sind es, einer davon ist weiß geschminkt, eine Theaterfigur. Sie umarmen sich reihum, alle Konstellationen einmal durch, dann diskutieren sie, stoßen mit Getränken in Dosen an, fangen wieder von vorne an und ahnen vermutlich nicht, wie laut ihr Dialog nach oben übertragen wird, in alle Wohnungen rings um den Platz, der Amphitheatereffekt. Übernächtigte Gestalten, überdreht immer weiter redend und redend, damit sie nicht nach Hause müssen, nur das nicht.

Ich überlege, wann ich zuletzt eine Nacht durchgemacht habe. Das ist lange her, ich weiß es nicht mehr.

Tagsüber in den Nachrichten und auch in den Meldungen der Bekannten das Gegenteil. Die Infektionen, die Sorgen, die Mahnungen zur Vernunft. Es sind wieder mehr krank um mich herum, viel mehr sogar, und wenn man es jetzt bekommt, so scheint es, dann fällt man mindestens eine Woche, eher aber deutlich länger aus und will von mildem Verlauf nichts mehr hören. Hier und da Personalmangel in Abteilungen und Betrieben, hier und da Reiheninfektionen nach Branchen-Events. Ganz Twitter hat wohl nach der Republica eine rote Warnapp, das kommt nicht unerwartet.

Ich lese weiter in Kristine Bilkau, „Nebenan“, ich lese auch Kritiken dazu. Da wird ihr mehrfach vorgeworfen, die Figuren seien zu sehr Konzept, das finde ich lustig. Also wenn es danach geht – gleich mal drei Viertel der Weltliteratur aussortieren, von Emma Bovary bis Captain Ahab und Konsul Buddenbrook und noch viel weiter – alle viel zu sehr Konzept.

Ich lese „Elefanten treffen“ von Kristina Schilke (der Titel wird in der Rezension gleich mehrfach falsch geschrieben, es heißt Elefanten treffen, nicht Elefantentreffen) und mag den Ton. Ich bin immer schon sehr zufrieden, wenn ich den Ton mag, im Grunde bin ich ein Klangleser. Oder wenn ich, wie etwa bei der Bilkau, die Gegend mag. Im Grunde bin ich ein Klang- und Kulissenleser.

Wie gut, dass ich damals doch nicht Germanistik studiert habe, ich hätte am Ende auf Inhalte achten müssen.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci

Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 12.6.2022

Es gibt eine neue Monatsnotiz der geschätzten Nicola, die dauernd das macht, wozu ich nie komme, nämlich Podcasts hören. Sie erwähnt da auch den Roman „Nebenan“ von Kristine Bilkau, den lese ich ebenfalls gerade, was für ein Zufall. In dem Buch spielen leerstehende Häuser eine zentrale Rolle. Etwa solche in der Innenstadt, in denen einmal Läden waren, also die mit den blinden oder schon schadhaften Schaufenstern und dem unklaren Schicksal. Läden also, die Sie vermutlich auch in nächster Nähe haben, ob Sie nun in einem Dorf leben, in einer Kleinstadt oder in einer Millionenstadt wie ich (wenn ich durch den Hauptbahnhof in die Hamburger Innenstadt gehe, gleich auf den ersten Metern: Karstadt Sport weg, Kaufhof weg, C&A weg).

Das ist mir bisher noch nicht als Thema in einem deutschen Roman begegnet, glaube ich, dieser urbane oder ländliche Strukturwandel der neueren Zeit, aber es ist ein einladendes Thema. Umweltthemen kommen auch im Buch vor, bei denen denke ich aber, dass die nicht recht in einen Roman passen. Mikroplastik etc., Klimawandel und Bauschäden. Ich vermute, dieser Gedanke ist komplett irrational und abwegig, denn selbstverständlich gehört so etwas in Romane, auch wenn mir die Begriffe nicht literarisch genug vorkommen oder was mich da nun genau stört, ich kann es ja nicht einmal exakt benennen, es ist einfach ein Unbehagen. Ich habe jedenfalls nicht Recht mit diesem Unbehagen, glaube ich. Warum soll man immer alles gut finden, was man selbst denkt.

Apropos Strukturwandel, ich schwenke eben in den Alltag vor der Haustür – hier macht neben einem Coffeeshop gerade ein neuer Laden auf, es ist ein, ich halte auf dem Fahrrad extra an, um nachzusehen, es ist ein weiterer Coffeeshop. Das ist gut, denke ich, weil ich doch gerade direkt neben dem Coffeeshop oft Durst auf Kaffee hatte, wer kennt es nicht.

Klebkunst: Ein papierner Schmetterling an einer gekachelten Wand

Ansonsten gilt hier seit ein, zwei Jahren übrigens das Prinzip der halbherzigen Eröffnung, es machen also dauernd Läden auf, nur um nahezu sofort wieder zu sterben. Es gab sie dann immerhin einen Tag, zwei Wochen oder einen Monat, manche sogar ein Quartal. Egal, es wird sich niemand jemals an sie erinnern können. In einem dieser Eintagsfliegenlädchen steht eine Schale im Schaufenster, verschrumpeltes Obst liegt darin und ein Schild steht daneben: Vegane Häppchen. Der Laden, ein Café soll es wohl sein, hatte einen Tag geöffnet, dann wieder doch nicht, dann Tage später noch einmal, der Laden flackerte. Jetzt ist er wieder weg, seit Tagen war da kein Licht mehr an. Am Ende war es bloß kurz Kulisse für ein Filmteam, was weiß ich.

An einem anderen Laden schrauben zwei Männer auf Leitern gerade ein Schild ab, als ich vorbeikomme, und in dem Moment, in dem sie es herunterheben, habe ich schon vergessen, was darauf stand.

Ich kann auch keine Podcasts hören, das wollte ich noch eben sagen, weil ich doch Bücher höre. Bücher beginnen gleich mit dem Inhalt, das ist sehr gut eingerichtet. Podcasts dagegen beginnen mit Smalltalk, viele jedenfalls, und ich komme mir doch etwas irre vor, wenn ich Smalltalk im echten Leben kunstvoll vermeide, nur um ihn mir dann medial gezielt zuzuführen, das geht doch nicht.

Ich höre „Wellen“ von Keyserling, den ich mit Vehemenz mag, wie vermutlich bereits häufig genug erwähnt. Keyserling gehört zu den Autoren, die im Grunde immer das Gleiche geschrieben haben, in jedem Buch, immer nur leicht anders betonte Nuancen und sacht abweichende Varianten, aber das ist alles sehr gut so und reicht aus.

Ich schreibe auch immer das Gleiche, nur nicht so gut wie Keyserling. Kein fishing for compliments, eher ein Erkennen des Problems. Ich fahre aus dem Garten (erste Erdbeeren, Zucchini wachsen, Stachelbeeren in Bälde) nach Hause, weil ich nicht nur das Gleiche schreibe, sondern auch immer das Gleiche mache, womöglich besteht da ein Zusammenhang. Immer wieder die Wege zwischen der Wohnung und dem Büro und dem Garten, dazwischen das Einkaufen und die Bücherei, mehr passiert hier einfach nicht. Ich fahre über eine Brücke, unten liegt ein Fleet. Stand-Up-Paddler in träger Bewegung darauf, am Ufer malerische Schrebergärten. Überhängende Bäume spiegeln sich im Wasser, schön sieht das aus. Kleine Boote liegen vertäut an Stegen, es ist ein Sommerromantikbild, es ist das Postkartenhamburg abseits von Alster und Elbe. Aus einer Laube kommt laute Schlagermusik, da hat die ganze Gartenkolonie etwas davon und auch die Menschen, die vorbeikommen oder über die Brücke fahren, so wie ich, die also irgendwo hinwollen, denen singt Udo Jürgens laut nach: „Ich weiß, was ich will!“

 

Ja, schön für dich, denke ich mit immerhin nur geringer Bitternis, „dass jede Nacht für uns zum Karneval wird“, die Phase habe ich doch längst hinter mir. Ich aber will meine Ruhe, denke ich. Dieser Satz kommt bei Hüsch irgendwo wörtlich als Pointe vor, ich aber will meine Ruhe, es ging da um den Text auf seinem Grabstein, wenn ich mich richtig erinnere. Es gibt viele Sätze beim Hüsch, bei denen nicke ich ihm so zu, vage in Richtung Himmel.

„Sag mir nur eins“ singt Udo, und dann höre ich ihn nicht mehr, „will ich zu viel?“

***

Ach, und ich habe hier für das Goethe-Institut etwas über Menschen im ÖPNV geschrieben.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für die Zusendung der gesammelten Lyrics von John Prine, wunderbar, sehr erfreulich ist das. Da ich unlängst auch schon die gesammelten Texte von Brassens erhalten habe, muss ich eigentlich ein neues Regal anfangen, Liedtexte, aber so etwas endet dann vermutlich wieder im Umbau der ganzen Wohnung, Sie kennen das. Ich zögere also noch etwas. Vielen Dank jedenfalls!

Vorderseite

Ein Bild aus dem ÖPNV, mit dem ich gerade deutlich mehr Zeit verbringe als in den letzten zwei Jahren, und ich habe viel Spaß dabei. Man muss sich nur hinsetzen und notieren, es passiert dauernd etwas, es laufen unentwegt Menschen durchs Bild, die irgendwie agieren, mit denen man aber meistens nicht interagieren muss, es ist ganz wunderbar. Eine kleine, eine winzige Szene nur aus dem Hamburger Hauptbahnhof, ein Sekundenclip, wie auf diesen Karten, die eine gif-artige Bewegung zeigen, wenn man sie hin- und herdreht.

Ein kleines Mädchen, noch vor dem Grundschulalter ist sie vermutlich, höchstens in der ersten Klasse wird sie sein. Sie steht neben ihrer Mutter, die gerade Brötchen kauft, sie steht auch neben ihrem kleinen Bruder, der den Daumen noch im Mund und die Augen geschlossen hat, der ist gar nicht ganz da. Eine Taube fliegt auf die kleine Gruppe zu. Es ist eine ausgesprochen tief fliegende Taube, wie es sie in diesem Bahnhof oft gibt. Es empfiehlt sich manchmal, lieber in Deckung zu gehen, besonders rund um die Bäckereien, in die sie hinein und hinaus fliegen. Über die Jahrzehnte haben sie es in der Wandelhalle gelernt und können es jetzt sehr gut, es kommt aber doch gelegentlich noch zu Kollisionen mit diesen Menschen, die da auf dem Boden überall herumlaufen, wo das ganze Essen bereitliegt. Diese Taube also rast auf die Familie zu, schnurgerade wie ein Geschoss, auch Tauben können ein wenig segeln und sehen dann sogar halbwegs elegant aus, flotter Flug, starke Beschleunigung. Das Mädchen aber geht nicht in Deckung. Das Mädchen sieht die Taube auf sich zukommen und macht einen kleinen Karate-Move. Einen Arm schiebt sie dabei als Block nach vorne, der andere geht im gleichen Moment nach hinten und die Faust holt mit Schwung aus. Gekonnt sieht das aus, sie wird Unterricht haben, und sinnlos ist der absolut nicht. Sie hat diese Bewegung verinnerlicht, das sieht man. Sollte die Taube nicht sofort abdrehen, die würde dermaßen auf den Schnabel bekommen. Die Bewegung geht aber noch weiter, es wird noch besser, denn als die Taube knapp über den Kindern wegzieht, schiebt sie in wahrhaft großer Geste mit dem rechten Arm, mit dem sie dann doch nicht zuschlagen musste, ihren kleinen Bruder hinter sich. Kein Held aus einem Actionfilm könnte Schwächere lässiger in die Sicherheit hinter seinem Rücken überführen, so gekonnt sieht das aus, so selbstverständlich, so stark. Und sie sieht der Taube ernst nach, die Gefahr im Blick behaltend.

Der Bruder aber lutscht Daumen und merkt nichts. Er muss auch gar nichts merken, er hat ja diese Schwester.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!