Draußen feierten die Menschen am letzten Wochenende fast rund um die Uhr irgendetwas. Auch die Nächte hindurch feierten sie, bis weit in die wee small hours of the morning. Die Fußballereignisse, den Sommer und Sonstiges werden sie wohl gefeiert haben. Man schrie herum, man grölte und lachte gellend. Auch tierhafte Geräusche waren dabei zu hören, bellende Füchse, röhrende Hirsche und das Grunzen der wilden Eber. Manche Menschen lachen seltsam und fast furchterregend, wenn man es in der Dunkelheit hört.
Man spielte außerdem enorm laute Musik aus besonders leistungsstarken Boxen. Welche, es war nicht zu überhören, auch in manchen Autos verbaut werden, mit denen man besonders gut immer wieder um den Block fahren kann.
Man sang sogar verschiedentlich gemeinsam. Es hatte nur leider nicht den geringsten romantischen Aspekt, es klang insgesamt verdächtig nach der typischen Geräuschkulisse aus Dokus über soziale Probleme. Es klang eher nicht nach heiteren Stunden am Lagerfeuer, am Ufer der mondbeschienenen Außenalster.
Und ja, ich würde es mir auch lieber etwas schöner denken, das alles. Aber die Lage, aber die Wirklichkeit, Sie kennen das.

Unten an der Alster konnte man wie immer bei solchem Wetter auch tagsüber nicht mehr spazieren gehen. Weil die Trotzdemjogger, also die mit den hochroten Köpfen und dem ungesunden Flackern auf den Wangen, die mit dem verdächtig unrhythmisch gehenden Atem und mit den leicht irren Blicken einem sonst vielleicht kollabierend vor die Füße gefallen wären. Von der Hitze, vom Sport, vom Freizeitstress und von ihrer etwas grotesken Selbstüberschätzung niedergestreckt.
Und dann wäre man am Ende für dieses selbstverschuldete Elend auch noch zuständig gewesen. Wer könnte das wollen.
In der anderen Richtung, zum Hauptbahnhof und zur Stadt hin, lagen wieder etliche Menschen auf den Wegen herum. Manche in einer Haltung, als habe man sie dort, wo sie mit ausgebreiteten Armen und seltsam verdreht lagen, vor wenigen Minuten erst erschossen. Manche auch derart eingerollt, dass sie auf den ersten Blick gar nicht als schlafende Menschen zu erkennen waren, dass sie mehr nach einem Haufen Altkleider aussahen. Irgendwo aussortiert.
Obdachlose darunter, Betrunkene in allen Stadien der Alkoholeinwirkung. Partyleichen, Aperolopfer aller Altersklassen. Junkies, entweder selig auf Trip oder wimmernd auf Entzug. All diese oft auch aus unklaren Gründen aus dem Alltag gefallenen Menschen, die Sonstigen und die Mischformen der Verelendung aller Art. Es kommt da vieles zusammen.
Der Hamburger Kältebus fährt im Sommer an besonders heißen Tagen auch als Hitzebus, lese ich aus guten Gründen nach, und ich sehe ihn kurz darauf auch in der Innenstadt. Man könnte auch einen Rettungswagen rufen oder nach einem der herumpatrouillierenden Sozialraumläufer sehen, nach einer schlendernden Bahnhofsstreife vielleicht, wenn jemand in der prallen Sonne herumliegt und sich nicht mehr rührt. Ohnmächtig oder schlafend, was aber oft kaum zu unterscheiden ist. Oder wenn jemand gerade erst wankend und wie in Zeitlupe niedersinkt.
Manchmal sieht man, und dann mit nicht geringer Erleichterung, dass andere sich bereits kümmern, schon telefoniert haben.
Menschen, die jedenfalls Hilfe brauchen, so sieht es oft aus. Menschen, die aber manchmal durchaus keine Hilfe wollen. Weil sie keine Papiere haben, wie man dann vielleicht hört. Kaum ein Wort Deutsch können sie, aber „Keine Papiere“, das haben sie doch lernen müssen, und vermutlich schnell. Die dann jedenfalls abwinken und sich hastig weiterschleppen, um die nächste Ecke und weg, bloß weg.
Es kommt hier alles vor, und nichts daran ist einfach. Ich habe es bisher nie gelesen, glaube ich, aber es kommt mir nicht gerade unwahrscheinlich vor, dass an der Hitze mehr Menschen auf der Straße sterben, und schneller auch, als an der Kälte im Winter.
Am Sonntagmorgen gehe ich zum Bäcker. Ich zähle die Menschen, die gerade am Straßenrand erwachen. Es sind neun an diesem Morgen, auf einem Weg von vielleicht zwölf Minuten. Das ist hier ein mittleres Ergebnis. Wobei mir einfällt, zwischendurch an dieses Kinderbuch zu erinnern, denn es wird weiterhin Eltern und Kinder geben, die daran Bedarf haben und über das Thema reden wollen oder müssen: „Ein mittelschönes Leben“ von Kirsten Boie, mit Bildern von Jutta Bauer.
Entstanden in Kooperation mit der Hamburger Straßenzeitung Hinz & Kunzt, bei der sich auch immer wieder das Vorbeilesen lohnt.
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