Die leeren Bilderrahmen, die auf einer der Abbildungen im ersten Teil dieses Textes zu sehen waren, sie repräsentieren all die nach wie vor verschollenen Werke aus den Sammlungen der jüdischen Kunstmäzene. Es geht in der Ausstellung um den Zeitraum vor 1945, in dem diese Sammlerinnen und Sammler durch ihr Interesse und ihre Käufe einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der modernen Kunst geleistet haben. Und es geht in Texten, Dokumenten und Fotos auch um das Schicksal dieser Menschen, welche sich dieser nach Nazibegriffen „entarteten“ Kunst gewidmet haben. Es geht auch um ihre Familien, ihre Nachfahren und Erben.
Die Sammlungen wurden geraubt, zwangsversteigert, zerstreut, zerstört. Teils wurden sie auf abenteuerliche Weise in Teilen gerettet, teils sind die Werke bis heute unauffindbar. Oder in fremdem Besitz oder auch nach Jahrzehnten immer noch Gegenstand von Rechtsstreitigkeiten um das Eigentum an ihnen. Die Verbrechen der Nazis wirken sich weiter auf die Erbengenerationen aus.
Ich war spontan in der Ausstellung, da ich gerade dort vorbeikam und Zeit hatte. Es war allerdings eine strategisch einigermaßen dämliche Uhrzeit, denn es war wochenendvoll. Es standen also überall Menschen vor Buchstaben und Bildern. Weswegen ich auch den Textmengen, die dort in reichlichem Ausmaß Lebensläufe, Untaten und Schicksale erläutern, nicht einmal annähernd gerecht werden konnte.
Einen zweiten Besuch wird es daher wohl geben müssen, aber es gibt sicher schlimmere Verpflichtungen als diese selbstgewählte Übung.
Und apropos Menschen vor Buchstaben. Dabei ist dann doch einmal Kritik angebracht. Denn wenn man so eine Ausstellung plant, bei der man schon wegen einiger besonders klangvoller Namen aus der Kunstszene vor 1945 davon ausgehen kann, dass sie überaus gut besucht werden wird, dann ist es eine ausgesprochen schlechte Idee, die Texte neben den Kunstwerken eher klein zu halten. Und außerdem in weißer Schrift auf hellgrünem Grund anzubringen.
„Usability!“, möchte man dem Menschen, der sich das ausgedacht hat, gerne unwillig zurufen, „Usability gibt es nicht nur beim Webdesign!“ Und man möchte ihn sehr ernst ansehen dabei. Analog zum Roman von Franz Werfel „Eine blassblaue Frauenschrift“ hatte ich dauernd „Eine blassgrüne Kunstbetextung“ im Sinn.
Die Kunstwerke wiederum sind eine fantastische Auswahl. In der Kunsthalle gibt es auch gerade eine Ausstellung zur Moderne, ich berichtete hier, und vermutlich werden die Auffassungen da variieren, aber ich fand die Ausstellung im Bucerius-Kunst-Forum noch beeindruckender. Aber, versteht sich, es geht dabei gar nicht um Konkurrenz, es geht vielmehr um Ergänzung und Bereicherung. Es hängt ohnehin stark vom persönlichen Geschmack ab oder von dem, was man vielleicht schon in früheren Jahren verehrt hat.
Es bietet sich jedenfalls an, und zwar in aller Deutlichkeit, beide Ausstellungen zu besuchen. Und wenn Sie nicht aus Hamburg kommen und womöglich noch einen letzten, einen allerletzten Grund für eine sinnvolle Tagesreise gebraucht haben – et voilà. Besonders dicke Empfehlung.

Es hängen dort, und ich fand es äußerst erfreulich, nicht nur Gemälde, es hängen auch Zeichnungen. Etwa von Schmitt-Rottluff, Barlach, Liebermann usw., und es war mir eine besondere Freude, sie zu sehen. Wenn Sie sich ebenfalls für Zeichnungen interessieren oder sogar selbst ambitioniert welche verfertigen – ich weise besonders auf die „Hängende Wäsche“ von Liebermann hin.
Man kann eine Weile davor stehenbleiben, fand ich.
Die Gemälde aber sind ebenfalls grandios, etwa der Utrillo. Wie hieß es denn noch, irgendwas mit Mühle. Einen van Gogh sah ich außerdem, den ich entweder noch nie gesehen oder aber vergessen hatte: das „Mädchen mit zerzausten Haaren“ (eine Abbildung hier). Das Bild ist nicht so küchenpostertauglich wie die ollen Sonnenblumen oder wie die psychedelische Sternennacht, aber wenn man sich für seine Arbeitsweise interessiert, ist es doch vielsagend. Entstanden ist es spontan, noch auf der ersten Skizze.
Hier noch einmal der Link zur Ausstellung, dort auch Öffnungszeiten, Anfahrt etc.
Morgen früh, um das auch schon anzukündigen, wird es hier keinen neuen Text geben. Morgen früh gehe ich stattdessen noch vor der Arbeit um die Alster, denn ich lebe bekanntlich spontan, wild und gefährlich.
Weswegen ich mir so etwas auch sorgsam vornehme und es einplane, nicht wahr.
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