Der Enkeltrick

Smillas Blog ist umgezogen.

Ein Text – und was für einer – über Care-Arbeit.

Wenn wir aber ahnen, dass wir aussterben – ändert das irgendwas?

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Es ging weiter in der Verwandlung des Kinderzimmers, wir beschäftigen uns just in time mit dem heraufdämmernden Teenie-Alter. Es war dabei notwendig, viel, viel Zeug aus dem Kinderzimmer loszuwerden, denn das soll bitte kein Museum sein und nur aus Vergangenheit und Kleinkindzeit und Grundschulzubehör bestehen, da muss schon etwas Gegenwart hineinpassen. Oder gerne auch etwas beruhigende Leere, was neuerdings ganz gut möglich ist. Denn die Digitalisierung bringt es mit sich, dass deutlich weniger Platz verbraucht wird. Minecraft etwa ist ein riesiges Spiel für enorm viele Stunden, aber es passt auf einen handlichen Bildschirm und fällt im Interieur im Gegensatz zu Lego überhaupt nicht weiter auf – ist gerade kein Kind da, ist das Spiel nicht einmal vorhanden, es ist geradezu magisch. Und da sich eine Überfülle an Zeug sowieso nicht bewährt, in aller Regel auch bei Erwachsenen nicht, und etwas Luft im Raum gemeinhin guttut, galt es also auszuwählen. Es musste gewählt werden unter den Büchern und unter den Spielen, unter dem Spielzeug und auch unter all dem Kram, den man spontan gar nicht ausreichend definieren kann, also unter diesem seltsamen Huckleberry-Finn-Hosentaschenkram, der ganze Kisten füllt und zuverlässig den Fußboden bedeckt.

Die Kondo-Frage nach dem Joy hilft bei Kindern oft überhaupt nicht weiter, denn zum einen halten sie in schlauer Vorsicht künftigen Joy im Zweifelsfalle weiterhin für jederzeit möglich, auch wenn sie ein Spielzeug oder Ding oder Buch schon seit zwei Jahren nicht mehr angefasst haben, zum anderen entsteht Joy aber oft schon spontan durch die Frage, und die Aufräumaktion endet abrupt, weil das Kind jetzt sofort ganz dringend mit dem vergessenen Ding spielen muss, und zwar zwei Stunden lang und am besten mit Freunden, die dafür augenblicklich einzuladen sind. So kommt man nicht weiter.

Ich habe daher auch bei früheren Aufräum-und Umbauaktionen schon den Enkeltrick angewandt, aber nicht in der von der Kriminalpolizei in Warnungen verbreiteten Form, sondern in einer besonderen Fragevariante: “Würdest du das an deine Kinder weitergeben wollen?”Wobei es mir nicht darum geht, den Gedanken an Nachwuchs im Nachwuchs zu verfestigen, soweit bin ich geistig noch lange nicht und siehe oben, wenn wir doch eh aussterben – es ist kompliziert. Und ja, die Frage ist selbstverständlich in einem gewissen Alter noch völlig absurd. Aber gerade, weil sie so absurd ist, führt sie tatsächlich in einigen Fällen zu intensivem Nachdenken, sie führt dazu, dass auf eine ganz andere Art als sonst über den Wert von etwas nachgedacht wird. So stellen sich dann Bücher heraus, die tatsächlich einen besonderen Wert haben. Einen Wert, der über den Augenblick weit hinausreicht. Bücher, bei denen es irgendwann schön sein muss, davon zu erzählen, guck mal, das wurde mir früher vorgelesen, das habe ich so geliebt. Das sind am Ende die Bücher, welche die Kindheit ausgemacht haben (während die Minecraftwelt, in der sie ein Jahr verbracht haben, unrettbar verloren sein wird, das ist auch ein besonderes Thema). Kindern macht es manchmal Spaß, sich so eine Zukunft kurz vorzustellen, weswegen übrigens die Frage “Wie würdest du das mit deinen Kindern machen” auch in ganz anderen Zusammenhängen erstaunlich hilfreich sein kann, aber das nur am Rande.

Stellt man sich die Frage nach dem Zeug und dem Weitergeben selbst, funktioniert das natürlich auch. Wenn ich mir etwa überlege, was von meinen Dingen einmal zu vererben sein sollte und was den Söhnen später noch wirklich etwas bedeuten könnte, dann wird das fast alles unwichtig und kann weg und das, worum es vermutlich geht, das bisschen Souvenirgedöns, das passt schließlich in einen Schuhkarton. Oder ist schon längst online.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Die Kurzfassung

Es ist noch eben eine Randbemerkung eines Sohnes nachzureichen, ein ganz kleiner Satz nur, doch im Grunde ist es so ein Treffer, man könnte ganze Essays daraus wirken. Aber wer hat schon Zeit für Essays, ich etwa habe die nicht, keineswegs habe ich die. Ich belasse es daher bei der schlichten Kurzform, da kann sich jeder selbst in einer Mußestunde eine ausufernde mediengeschichtliche Einordnung dazu basteln oder mit erhobenen Brauen irgendwas mit dem Begriff Generationen drin murmeln oder sich plötzlich, das dürfte dann besonders für die verbliebenen Menschen in der Printbranche gelten, seltsam getröstet und verstanden fühlen, das ist ja auch immer schön, ich verstehe das.

Denn ein Sohn verlangte hier neulich nach der Regionalzeitung, er hatte das Konzept bei den Großeltern in Nordostwestfalen kennengelernt und für interessant befunden. Ich kaufte ihm ein Abendblatt, wir haben so etwas sonst nie im Haus, gedruckte Zeitungen finden hier seit vielen Jahren nicht mehr statt. Er blätterte es durch und sagte sinnend: “Das ist doch voll praktisch, wenn man sich nicht alles online zusammensuchen muss.”

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Du und das Gnu

Ich möchte mich im Vorwege für diesen Text entschuldigen, ich bin desaströs übermüdet und schreibe aus unerfindlichen Gründen dennoch. Schlimm.

Da sich unser Kinderzimmer allmählich, ganz langsam nur, in Richtung Jugendzimmer verwandelt, waren wir bei Ikea. Das war an einem Sonnabendnachmittag, die Idee hatten also noch ein paar andere Menschen, wie man sich leicht vorstellen kann, vielleicht waren es auch sämtliche Einwohner der Metropolregion Hamburg. Es gab Gelegenheit, sehr viele Leute zu beobachten, die sich erstaunlich ähnlich verhielten, weil der Mensch sich nun einmal ziemlich genormt benimmt, wenn er Möbel kauft. Es setzen sich alle mit dem gleichen kritischen Blick auf ein Bett, als würden sie mit dem Hintern sofort erspüren können, was dieses Möbel nun für ihren erholsamen Schlaf taugen kann, es öffnen auch alle auf die gleiche Art Kleiderschranktüren und sehen skeptisch hinein, ob der private Kostümfundus da vollständig hineinpassen mag oder nicht. Es sitzen alle gleich mit ausgestreckten Beinen in Sesseln und legen die Arme auf die Lehnen, wenn es denn welche gibt, und sinnen einen Augenblick konzentriert der potentiellen Gemütlichkeit künftiger Tage entgegen. Und es ziehen am Ende alle stieren Blicks durch die SB-Halle und es ist ihnen nach sieben Abteilungen, als wenn es tausend Vasen gäbe, und hinter tausend Vasen keine Kasse. Sie gucken also nur noch nach vorne oder auf den Boden direkt vor ihrem riesigen Einkaufswagen und strömen mit kleinen Schritten und schwer beladen immer der Masse nach zum Ausgang, zum Parkplatz, von wo aus sie sich wieder vereinzeln und endlich im Dunkel des Winterabends verschwinden.

Die vorbeiziehenden Menschen verschwimmen einem da im Laufe des Besuchs irgendwann, Paare, Familien, Sippen, Freundinnen und WG-Bewohner, alles kommt immer wieder vorbei, immer noch ein Trupp und noch einer, nach ein, zwei Stunden sieht man bei all den Leuten nur noch Ähnlichkeiten, keine Unterschiede mehr. Man nimmt dann irgendwann eher die Herde wahr, nicht mehr die Individuen. Man wechselt also sozusagen in die Perspektive eines Tierfilmers, der ja auch das Gnu primär im Rudel sieht und nicht etwa nur die eine und auf den ersten Blick schon sonderbar attraktive Gnuknuh. Wobei ich den leisen Verdacht habe, dass man Gnukuh gar nicht sagt, aber bitte, Gnuweibchen klingt dann doch zu verniedlichend, wenn man sich die großen Tiere einmal einen Moment vorstellt. Und das Abheben auf ein weibliches Tier ist natürlich nur meiner männlichen Perspektive geschuldet, Sie könne sich das auch gerne mit einem Gnubullen vorstellen, was allerdings wieder so ein Wort ist, das nach dreimaligem Lesen oder Schreiben albern und unbrauchbar wird, Gnubulle, Gnubulle, Gnubulle, es klingt fast wie irgendein Ding von Ikea, ein kleines Sofakissen vielleicht, aber ich schweife ab.

Egal. Der Blick auf die Herde also, denn wie sang schon Konstantin Wecker: “Ein Gnu ist nicht genug, ein Gnu kann nie genügen.”

Wie ein Tierfilmer sieht man nach einer Weile bei den Menschen auch Verhaltensmuster in Serie. Denn so wie die Gnus, ich bleibe der Einfachheit halber noch einen Moment bei denen, alle vergleichbar zur Tränke gehen, so geht der Mensch zum Hotdog-Stand und man erkennt dann beim Zusehen, okay, so ist es also artgemäß, so leben die, so machen die das. Ich habe nun schon lange keinen Tierfilm mehr gesehen, aber aus der Erinnerung weiß ich doch noch, dass da immer Sequenzen gezeigt werden, die zu bestimmten Lebenssituationen passen, so weiden die, so fliehen die, so paaren die sich, so laufen die Jungen neben den Alten und so ziehen sie durchs Land, man kennt das.

Selbstverständlich ist es eher ein Zufall, ein Stichprobenfehler, dass ich da bei Ikea in ganz verschiedenen Bereichen der Ausstellung drei Schwangere mit männlichen Partnern gesehen habe, die sich genau gleich benommen haben, das beweist eigentlich rein gar nichts, aber so als Tierfilmer hätte ich doch daraus ableiten wollen, dass es im Themenfeld Paarung und Nestbau beim Menschen ein Verhalten gibt, das sich so beschreiben lässt: Die Frau steht mit einer Hand auf dem Bauch und guckt betont skeptisch, der Mann steht vor Möbeln und fuchtelt. Ich erinnere dunkel, dass die Webervögel so ein ausgefeiltes Ritual haben, der eine baut etwas vor, der andere guckt zu und wägt sorgsam ab, ist mir das da jetzt gut genug oder nicht? Eine faszinierende Instinkthandlung der komplexeren Art, denn die bauen da ja nicht irgendwas, die bauen Kunstwerke.

Exkurs. Bei Erich Fromm – der schon wieder! – habe ich neulich einen außerordentlich faszinierenden Gedanken gelesen, wirklich umwerfend, den muss ich Ihnen kurz erzählen. Und zwar äußerte er da eine Begründung für die bekanntlich ach so spektakuläre Denkleistung der Gattung Mensch und er tat das ex negativo, denn er leitete unser Denken schlankerhand aus unserem desaströsen Mangel an Instinktsicherheit ab. Ist das nicht groß? Wir denken danach nicht aus Verdienst und purem Können so überaus erfindungsreich herum, nein, wir denken bloß deswegen dauernd, weil wir so jämmerlich instinktschwach sind und dank der lausigsten Automatismen im Tierreich einfach nichts ohne dieses Riesenhirn auf die Reihe kriegen, weil wir, so Fromm, “im Handeln nicht geleitet werden”. Wir denken kompliziert, weil wir das Einfachste nicht können. Einer der amüsantesten Gedanken, die mir in letzter Zeit begegnet sind, ich freue mich da schon seit Wochen drüber. Exkursende.

Wo war ich? Die Webervögel. Die jedenfalls inszenieren ihr ausgefeiltes Nestbauritual vermutlich doch vor der Paarung und der Mensch macht seines hinterher, was eigentlich etwas seltsam und in der Tat auch instinktschwach ist, denn wenn der vor den Möbeln fuchtelnde Mensch das gar nicht gut macht und sich in dieser Hinsicht also gerade als Niete erweist, wenn er gar keine Ahnung von Raumaufteilung und Inneneinrichtung hat, dann ist es eigentlich schon zu spät – und genau so gucken die Schwangeren auch, also zumindest die drei, die ich da gesehen habe, das wollte ich nur eben sagen.

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Über den Spaß an normalen Tagen

Die Kassiererin im Supermarkt hat ihre kleine Tochter dabei, stolz sitzt sie auf dem viel zu hohen Drehstuhl. Die Mutter steht daneben und beide arbeiten gemeinsam, wobei die sinnige Aufteilung darin besteht, dass die Mutter fast alles macht, das Mädchen aber die obligatorische Frage nach dem Bon übernimmt. Sie stellt sie ganz normal, der Wortwahl merkt man nichts an: “Mit oder ohne Bon?” Aber das Gesicht! Denn sie macht das wohl zum ersten Mal und sie ist einigermaßen stolz auf ihre Rolle, auf ihre Mutter sowieso, die den ganzen komplizierten Kram da macht, mit dem Geld und dem Scanner und so, und weil das Mädchen es zum ersten Mal macht, ist die Frage natürlich total spannend. “Mit oder ohne Bon?” Es ist eine der allerlangweiligsten Fragen unseres Alltags, und dieses Mädchen stellt sie so, als seien beide Antwortoptionen hoch spannend und irre aufregend. Ganz konzentriert hört sie hin und überreicht dann feierlich den Bon oder wirft ihn ebenso feierlich weg, es ist bei jedem Kunden aufs Neue ein besonderer und würdevoller Akt, Teezeremonie überhaupt nichts dagegen. Und dann strahlt sie die Kunden so dermaßen begeistert an, weil das nämlich alles wahnsinnig viel Spaß macht, da antwortet man heute sogar gerne, eine bisher vielleicht nie erlebte Situation. Und was man auch sagt, die Antwort erfreut. Heute spielen alle mit, so müsste die Welt öfter sein, jedenfalls aus der Sicht eines Kindes.

Vor dem Portal der Kirche liegen zwei obdachlose Russen und trinken aus einer Flasche entweder Wasser oder Wodka, reflexmäßig neige ich der zweiten Interpretation zu, genau erkennen kann ich es an der Flasche aber nicht, da beschreibe ich also schnell das Falsche, wie die Russen auch aus einem anderen Land im Osten kommen können. Vorurteile und Wahrscheinlichkeiten, sagen wir, es ist zu 80% Wodka. Die beiden liegen da und betteln nicht, es liegt keine Mütze vor ihnen, kein Plastikbecher, kein offener Gitarrenkoffer, nichts. Sie sprechen auch keine Passanten an, wobei da eh recht wenig vorbeikommen, das Kirchenportal liegt nicht am Hauptstrom der Einkaufenden. Es liegt aber auch nicht geschützt, da kommen Regen und Wind hin, beide kommen heute auch vor. Es ist im Grunde ein ziemlich erstaunlicher Platz, um stundenlang in einer fremden Stadt herumzuliegen. Vielleicht, so denke ich im Vorübergehen, folgt das auch nur einer Tradition, vor Kirchenportalen zu liegen, vielleicht ja deswegen: “Das haben wir schon immer so gemacht.” Sie liegen da mit Blick auf die Kreuzigungsgruppe vor der Kirche, die beachten sie aber nicht weiter, vielleicht haben sie die Figuren auf den Stelen nicht einmal wahrgenommen. Andere haben da genauer hingesehen.

Was aber auffällt, die beiden liegen da und lachen. Und es ist kein besoffenes Lachen, es ist nicht dieses verlallte und haltlose, schnell unangenehm irre wirkende Lachen, das man von den Alkoholkranken auf dem Bahnhofsvorplatz kennt, dieses Lachen, das so schnell ins Grölen, ins Kotzen oder ins Brüllen übergeht. Es ist ein normales Lachen, wie man eben über einen guten Witz lacht, über Situationskomik oder einen Spaß unter Freunden, und sie lachen so sehr, sie kriegen sich gar nicht mehr ein.

Eine Stunde später sehe ich, dass sie mittlerweile etwas weitergezogen sind und jetzt auf dem Spielplatz unter einem Dachvorsprung sitzen, es war wohl doch zu kalt und zu nass auf dem Boden vor der Kirche. Sie lachen immer noch und zwar so, dass sie fast von der Bank fallen. Sie stoßen sich immer wieder mit den Ellenbogen an und dann geht es wieder los, das Lachen hört man weit.

Soweit ich es auf meinen Streifzügen durchs Revier sehen konnte, hat an diesem Tag ansonsten kein Mensch Spaß im kleinen Bahnhofsviertel gehabt. Überall gab es nur die immer gleichen ernsten Gesichter und die ernsten Handlungen und vermutlich doch auch die ernsten Gedanken wie an jedem Tag, sogar dieses eine Kind da auf dem Spielplatz rutschte so, als sei das Rutschen eine ernste Angelegenheit. Was es bei Nieselregen und in einem unförmigen Schneeanzug vielleicht auch ist, ich weiß es gar nicht mehr, ich bin längst zu erwachsen.

Nur das kleine Mädchen an der Kasse und die beiden obdachlosen Russen jedenfalls, die haben sich prächtig amüsiert. Immerhin.

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Mit und ohne Zwischenhupf

Popo, der Todesclown”, eine großartige Kolumne. Daraus: “Ich bin Autorin. Wenn ich überhaupt eine Aufgabe habe, dann besteht sie darin, menschliche Wesen daran zu erinnern, dass auch andere menschliche Wesen sind.” Vielleicht mal irgendwo hinpinnen, wo es dauerhaft gut zu sehen ist.

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Die Klimmzugstange, an der ich mich bereits mit verbissenem Eifer auf fünf Klimmzüge gesteigert hatte, quasi Muskelmax, ist dann leider abgestürzt. Aber nicht etwa, als ich daran hing, sondern der federleichte Sohn II. Er ging dann, wie es in dem Alter eben ist, ohne weitere Bedenkminute und Trauerphase dazu über, ein Springseil für seine weitere sportliche Betätigung zu nutzen und ich musste also schon wieder darüber nachdenken, ob ich etwas noch kann. Ein Springseil habe ich ziemlich sicher seit der Schule nicht mehr benutzt, ich bin ja kein Boxer oder sonstwas, mir begegnen solche Springseile immer nur in Filmen, neulich etwa in einer Doku über John Irving, der macht so etwas. Und wie er das macht.

Der Sohn kann verschiedene Techniken, mit und ohne Zwischenhupf, und er arbeitet an der einbeinigen Version, die dann auch im eleganten Wechselschritt gehen soll, er ist da also recht weit vorne. Ich habe aber zum geradezu maßlosen Erstaunen der restlichen Familie festgestellt, dass ich mit so einem Springseil minutenlang total souverän und fehlerfrei herumhüpfen kann. Das also habe ich damals tatsächlich fürs Leben gelernt, da habe ich es endlich gefunden, das war es! Springseil ohne Zwischenhupf – genau mein Ding. Viel besser als Joggen, man trifft keine Leute dabei. Oder doch nur solche, mit denen man verwandt oder verheiratet ist.

Was die Söhne wohl als nächstes Sportgerät anschleppen? Ich bin bereit.

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Beim Französischlernen mit Sohn I fällt mir eine Wendung auf, die wir damals ganz sicher nicht gelernt haben. Es steckt ein großes Stück Sozialgeschichte darin, dass es heute ein normaler und auch früh zu erlernender Satz ist: “Meine Eltern sind geschieden.” Dieser Umstand war noch so dermaßen selten, als ich mit der Sprache anfing, das kam in meinen Vokabellisten nicht vor, während es heute natürlich elementar wichtig und alltäglich geworden ist, eine Basisinformation für Anfängerdialoge. Ich erinnere mich aber noch, dass gerade im ersten Halbjahr Französisch unsinnig viel Gemüse in meinem Vokabular vorkam, weil es im Buch dauernd um die Zubereitung von Salat ging, als ob auch nur einer von uns sich in dem Alter jemals damit befasst gehabt hätte. Egal, im Schulbuch machten die seltsamen französischen Kinder dauernd vergnügt miteinander Salat und redeten auch noch pausenlos darüber, mit oder ohne Ei, mit oder ohne Zwiebel, mit oder ohne gekochten Schinken. Weswegen ich bis heute theoretisch einen Salat mit oder ohne grüne Bohnen bestellen könnte, ich hab es aber leider nie, nie irgendwo zur Anwendung bringen können. Und die Bezeichnung für die Salatgurke, das weiß ich auch noch, die fanden wir tendenziell peinlich. Concombre, wie unfassbar affektiert klang das denn.

Würde man die Zutaten für einen Salat aber auf einem Tisch in zwei Häufchen teilen, der Sohn könnte jetzt jedenfalls sagen: “Mein Gemüse ist getrennt”, und so entwickelt sich eben alles sinnvoll weiter.

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Musik! Charles Trenét.

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Dreimal die Woche

Wir fahren mit den Söhnen U-Bahn, die U-Bahn ist ziemlich leer. Deswegen dürfen die Söhne endlich einmal das tun, was sie als kletterbegabte Kinder nun einmal tun wollen, sie dürfen sich an die Stangen hängen, die im Wagen unter der Decke entlanglaufen, an diese Stangen, an denen man sich festhält, wenn die U-Bahn brechend voll ist und man nur einen Stehplatz hat. Da baumeln sie also und machen das, was hier gerade Familiensport ist, sie machen etliche Klimmzüge und es sieht so aus, wie es in dem Alter eben aussieht – kinderleicht und so, dass man sich am liebsten auch dahin hängen möchte, denn das muss doch Spaß machen, besonders in den Kurven. Aber man ist ja soweit beherrscht.

Ein alter Mann kommt auf uns zu, und wäre er etwas jünger, ich würde sagen, er kommt auf uns zu gestürmt, aber das Stürmen ist in seinem Fall nicht mehr ganz altersadäquat. Er kommt immerhin recht schnell und mit deutlich aufgerissenen Augen, mir graut schon, als ich das sehe, jetzt kommt sicher wieder eine Litanei über das Benehmen von Kindern in der U-Bahn und früher war alles besser und sie hätten ja Schläge bekommen, aber sofort und überhaupt, das kenne ich alles schon und zwar mehrfach. Das kommt dann aber gar nicht.

Der alte Mann bleibt vielmehr direkt vor den Söhnen stehen und guckt eindeutig hingerissen zu und hebt die Arme, als wolle er sich selbst auch an die Stangen wagen, er ist aber nicht nur alt, er ist auch sehr klein, er würde da ohne Hilfe gar nicht ankommen. Er sieht die Söhne an, er sieht die Stangen an, er sieht seine Arme an: “Das habe ich alles auch gekonnt! Alles! Und was war das schön!” Er strahlt jetzt, die Erinnerung durchflutet ihn und seine Arme machen in der Luft halbe Klimmzugbewegungen. “Was war das schön!” Er sieht uns Eltern an. “Heute kann ich das nicht mehr. Ich bin 82, da geht das nicht mehr.”

Er sieht den Söhnen weiter zu und man merkt, dass er jede Bewegung im Geiste mitmacht, dass es in ihm arbeitet und dass es in seinen Armen zieht und sich reckt und jetzt kommt er noch einmal mit dem Früher: “Früher habe ich …”, und dann geht die Begeisterung mit ihm so dermaßen mit ihm durch, wir verstehen kein Wort von seiner Erzählung aus seiner griechischen Kindheit, zumal sein Deutsch nicht ganz perfekt ist und er die Grammatik schnell fahren lässt, früher hat er, er lacht und wiederholt sich und sucht nach Begriffen, früher hat er, was auch immer er hat, es war jedenfalls, er grinst breit, großartig war es, und er lacht und lacht. “Heute mache ich das alles nicht mehr”, sagt er, “aber ich mache griechische Tänze, dreimal die Woche! Das ist auch sehr gut!”

Dann steigt er aus und die Söhne fragen zwischen zwei Klimmzügen etwas entgeistert, was er denn gesagt habe, sie haben kein Wort verstanden. Aber dass sie freundliches Publikum hatten, das haben sie auch ganz ohne Grammatik mitbekommen.

Griechische Tänze, dreimal die Woche also. Did you say dance?

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In der wachsenden Stadt

Am Neujahrstag gingen die Herzdame und ich um die Alster, durch eine Stadt, die, wenn man auch einmal auf den Boden sah, deutliche Gebrauchsspuren aufwies und die auf diesen Portalen, auf denen alles und jeder bewertet wird, um das Wort “schmuddelig” sicher nicht herumgekommen wäre. Aber an der Alster sieht man kaum auf den Boden, sondern stets nur über die Wasserfläche hin, denn das ist ja nach allgemeiner Übereinkunft schön, was man da sieht. Es ist außerdem Hamburg, also in nuce sogar, und zwar in einer so dermaßen treffenden bildhaften Gültigkeit, das gibt es sonst nur noch an den Landungsbrücken, da dann aber sogar noch etwas gesteigert. “Wirklich ist nur, was inszeniert ist” heißt es in einem Vorwort zu einem Buch von Erich Fromm, das hätte ich an den Landungsbrücken gerne irgendwo als Messingplakette. Rainer Funk hat den Satz geschrieben, es ist doch gut, wenn man sich alles notiert.

Und obwohl diese Stadt über weite Strecken hässlich wie die Nacht ist und von Neubaugebieten so gezeichnet ist, wie manche Menschen von gewissen Hautkrankheiten, wird sie doch immer wieder gerne als “schönste Stadt der Welt” benannt, und dann freuen sich alle, wenn sie das hören, und denken ja sicher und an die Alster und an die Elbe, an winzige Ausschnitte der Stadt also, und dann wird ihnen warm ums Herz, so muss an sich das vorstellen. Weil diese Ausschnitte also enorm wichtig sind, gehen viele Menschen ab und zu mal nachsehen, ob das Bild auch noch stimmt, ob auch alles noch zur Erinnerung passt und dieses Hamburg also noch ihr Hamburg ist. So kommt es, dass sowohl die Herzdame als auch ich an diesem Morgen ein Rekorderlebnis hatten.

Noch nie, ganz sicher noch nie, haben wir nämlich eine so unfassbare Menschenmenge auf dem Rundweg dort gesehen. Das wogte und wimmelte rund um die Alster, sieben Kilometer im Kreis ein unendlicher outdoorjackenfarbiger Strom von Menschen, Menschen, Menschen. Und wenn Sie denken, jetzt übertreibt er aber wieder, oh nein. Es gab gewisse schmale Biegungen des Weges, da kam es sogar zum Menschenstau, weil die Menge ja nur konnte, wie die Langsamsten an den Rollatoren es schafften, da stand man dann tatsächlich kurz und die Joggerinnen und Jogger tippelten mit roten Wangen und bösen Blicken auf der Stelle und fragten sich, ob das mit den guten Vorsätzen denn wirklich so gemeint gewesen war, und alle sahen sich an und fanden die anderen reichlich überflüssig. Es hätte all diese andere Menschen gar nicht gebraucht, man wollte doch nur über das Wasser sehen! Man konnte keine zehn Schritte geradeaus gehen, ohne immer wieder anderen ausweichen zu müssen. Ich sprach ein Stück der Strecke mit der falschen Frau weiter, weil ich nicht gleich bemerkt habe, dass das gar nicht die Herzdame neben war, die war im Gewühle verschwunden und tauchte erst später wieder auf. Die fremde Frau nickte aber sehr verständnisvoll zu meinen Sätzen, vielleicht hatte sie auch Kinder.

Ein denkbar unentspannter Spaziergang war das also, bei dem man immer wieder “Du bist der Stau” murmeln musste, um nicht alle und alles ganz schrecklich und furchtbar zu finden und allzu grimmig zu gucken und Eiderstedt! Wie schön wäre Eiderstedt an so einem Tag, menschenleere Vennen, nichts als die weite, weite Ebene bis zum Horizont und nur zwei Pferde darin auszumachen und ein Busch und drei Bäume, kein Laut in der Luft, nur der Wind von der See her! Egal: “Du bist der Stau.”

Dann aber fiel ein gnädiger und tatsächlich unfassbar schöner Nebel über die Stadt und über die halbe Alster. Die Innenstadt versank wie in einem Hollywoodfilm, kitschig inszeniert, das Weiß war viel zu Weiß, die gerade noch herausragenden Türme und Dächer waren viel zu dahingetupft, die sich auflösenden Wasservögel auf der Alster waren viel zu deutlich asiatisch inspiriert, also wirklich, das war ein unglaubliches Bild aus einer Fantasy-Geschichte und die Menge stand am Ufer und sagte Oh und Ah und guck doch mal und machte ergriffene Gesichter und knipste hektisch mit den Handys. Der Nebel sank und wallte über die Wasser, die Menschen sahen verzückt dahin, wo sie keine anderen Menschen mehr sehen konnten und wo es endlich einmal nach stiller Landschaft aussah, mitten in der Stadt. Die Menschen, die im Nebel standen und vielleicht noch gerade eben heraus sehen konnten, die hatten natürlich Pech, die hatten keine Stadtsilhouette im Nebel vor sich, die hatten weiterhin die Menschenmassen im Visier, und wenn man das alles mit einer Drohne von oben gefilmt hätte, auf einer Seite der Alster hätte alle gerade deutlich beschleunigt, um schnell aus dem Nebel herauszukommen, auf der anderen hätten sie aber gerade gebremst, um den Nebel zu sehen, es muss ganz seltsam abgestimmt ausgesehen haben, eine choreografische Übung für Tausende, eine Performance für die Massen, wir nennen es das große Alsterwallen.

Hätte man es in der Hand, es würde jetzt jedes Jahr so stattfinden und schon am Neujahrstag 2021 wäre es noch viel voller und es gäbe schon die ersten Bier- und Wurstbuden und natürlich auch etwas Rahmenprogramm. So ist das nämlich in wachsenden Städten.

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Phasen und Level

Phäake News – Odysseus als schwieriger Mensch betrachtet.

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Am letzten Tag des alten Jahres waren wir noch am Nachmittag im Kino, was übrigens ein sehr guter Zeitpunkt dafür ist, wenn man kein Gedränge mag. Wir sahen die aktuelle Jumanji-Fortsetzung, und obwohl ich mit, wie soll ich sagen, unterirdischen Erwartungen da saß, fand ich es erstaunlich unterhaltsam, was zu der sehr speziellen Situation führte, dass wir alle vier mit einem Film zufrieden waren. Ich bin mir nicht sicher, ob es das überhaupt schon einmal gab, Filme sind bei uns ein traditionell schwieriges Thema. Neulich hatte ich die pädagogisch spitzenmäßige Idee, den Kindern nach und nach alte und ganz alte Filme zu zeigen, die also eher nicht in Streamingdiensten vorkommen, denn das ist doch auch Allgemeinbildung, gar keine Frage. Das Projekt ist teils erstaunlich gründlich gescheitert, etwa bei einem Film, der für uns damals ein wahrer Kracher war, unfassbar komisch: Wilde Kreaturen mit John Cleese und Jamie Lee Curtis. Wenn Sie einmal ernste Kinder sehen wollen, führen Sie ihnen diesen Film vor. Der Humor funktioniert bei der Generation einfach nicht mehr. Toll fanden sie dann aber z.B. James Bond, bei dem ich wiederum nicht mitziehen kann – es bleibt schwierig.

Exkurs. Apropos Humor. Sie werden es vielleicht mitbekommen haben, Patricia Cammarata und Marcus Richter haben einen neuen Podcast, “Nur 30 Minuten”. Wie alle Eltern sofort anhand des Titels erraten, geht es da um Medienerziehung, wie man aber nicht unbedingt sofort errät, sind die Folgen 45 Minuten lang, also einigermaßen gründlich und auch umfassend recherchiert. Zu diesem Podcast beantworte ich Ihnen jetzt eine Frage, die Sie mir gar nicht gestellt haben, aber das macht ja nichts, es ist nämlich dennoch eine brennende Frage. Ist nämlich so ein Podcast überhaupt interessant, so lautet die Frage, wenn man doch seit Jahren ambitionierter Elter ist und sich daher bereits bis zum Erbrechen mit dem Thema Medienerziehung beschäftigt hat, vorn vorne bis hinten und zurück und aus allen nur denkbaren Richtungen und auch durch endlose Familiensituationen und Phasen hindurch?

Ich habe das natürlich ausführlich getestet und befinde nach diesen Versuchen, dass ja. Denn man hat das alles ja nicht wie in der Schule gelernt und daher auch für die nächste Klassenarbeit parat, nein, man vergisst dauernd irgendwelche Aspekte und Umstände, Fakten und Erkenntnisse. Es schadet daher absolut nicht, sich noch einmal vieles aufzählen zu lassen, zumal die beiden das natürlich sehr gut machen, wer hätte es anders erwartet. Und es schadet auch nicht, Perspektiven aus anderen Familien zur Kenntnis zu nehmen. Klare Empfehlung also! Hören Sie sich das an, da lernen Sie dazu. In der aktuellen Folge geht es um Youtube, Patricia schildert darin u.a., wie sie versteinert vor den Videos sitzt, die ihre Kinder wahnsinnig lustig finden, wer kennt die Situation nicht. Aber siehe oben – das gilt auch andersherum. Exkursende.

Zurück zu Jumanji. Entweder der Film ist wirklich recht kurzweilig oder meine Ansprüche sind über Weihnachten irgendwie verschrumpelt, es ist im Grunde auch egal. Der Bösewicht heißt da “Jürgen der Brutale”, ich war sehr amüsiert. Wobei der volle Name noch ein anderer war, wir haben es nicht ganz verstanden, aber es klang für uns alle genau wie “Jürgen von Seppmaier”, vielleicht war es ja genau das, warum auch nicht. Ein recht knuffiger Bösewicht war das übrigens.

Vor einiger Zeit waren wir auf der “Blogfamiliär”, einem Ableger der Blogfamilia. Da hat Katja Seide in ihrem Vortrag (guter Vortrag übrigens, hören Sie sich die Dame an, wenn Sie eine Gelegenheit haben) die Froschdomse zitiert, die auf Twitter einmal geschrieben hat, man solle Kinder nicht als Endgegner, sondern als Quest betrachten. Das fiel mir wieder ein, als wir Jumanji gesehen haben, in dem die ganze Handlung in einem Spiel stattfindet und also alles als Quest zu betrachten ist. Ich halte das in der Erziehung und in alltäglichen Stresssituationen für eine erstaunlich brauchbare Sichtweise, wenn Sie das nicht kennen, probieren Sie es ruhig einmal aus. Man kommt erstaunlich weit damit und auch die Sache mit dem Level-Wechsel passt seltsam gut zu den Phasen der Kindheit. Es mangelt nur auffällig an diesen besonderen Gegenständen, die in den Spielen immer so wichtig sind. Oder ich habe nicht genug Fantasie, das kann natürlich auch sein.

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Musik! Noch einmal Dota Kehr mit Mascha Kaléko. Ganz kurz, ganz schön.

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Die gute Größe

Die Söhne haben zu Weihnachten auch eine Klimmzugstange bekommen, so ein Ding, das man einfach in einen Türrahmen klemmen kann, und da hängt es dann und fordert einen durch die reine Existenz bei jedem Vorbeigehen so passiv-aggressiv heraus.

Exkurs – habe ich eigentlich erzählt, wie mir neulich einmal auffiel, dass die Söhne nur noch “passiv-aggressiv” und nicht mehr einfach “agressiv” sagten? Und wie ich das natürlich neugierig hinterfragt habe und dabei erfuhr, dass sie dachten, das sei einfach eine besonders coole Steigerungsform des Begriffs? Und wie ich es ihnen dann selbstverständlich ganz genau erklärt habe, weil Bildungsauftrag? Wie sie danach dann auf einmal vom Thema genug hatten und fragten, was ich denn eigentlich kochen wolle und ich ohne groß nachzudenken sagte, wieso, ihr esst es doch sowieso nicht, und wie die Söhne sich dann so anstießen und leise zueinander sagten, also das sei doch jetzt echt … Egal. Eigentore kommen vor. Exkursende.

Ich musste dann jedenfalls eine ganze Weile warten, bis endlich die gesamte Bande einmal außer Haus war, ich hänge mich da ja nicht experimentell vor Zeugen dran, man hat doch seine Restwürde und will sie noch ein wenig bewahren. Oder man meint zumindest, eine solche noch zu haben. Sohn I kam, ich habe das im Vorwege genau und aus der Deckung beobachtet, auf zwölf Klimmzüge, Sohn II auf einundzwanzig und ein Besuchskind, bei dem wir alle künftig nicht mehr zusehen wollen, kam auf eine quasi unendliche Anzahl von Klimmzügen. Der ist aber auch Supersportler und darf als Vergleich daher gar nicht herangezogen werden, habe ich beschlossen.

Da stand ich dann also alleine vor dieser Stange. Es wäre mir wirklich unangenehm gewesen, gar keinen Klimmzug zu schaffen, das wäre dem betont kletterbaumaffinen inneren Zehnjährigen doch sehr gegen den Strich gegangen, der hatte nämlich eine Turnerfigur wie Sohn II, vielleicht noch etwas dünner. Irgendwas im Sinne von “mehrere” schien mir andererseits einigermaßen unwahrscheinlich, also so etwas wie fünf, sechs oder acht – wo sollte denn die Kraft dafür herkommen? Das gibt der Schreibtisch als Trainingsgerät einfach nicht her, glaube ich.

Es waren dann drei. Also drei echte, nicht so hochgewürgte auf der letzten Rille, so dahergezappelte Restposten, nein, drei ganz korrekte Klimmzüge. Und ich finde, drei ist eine gute Größe bei so etwas. Drei, das klingt so, als könnte ich im Laufe der Wochen fast zwanglos so etwas wie, na, sagen wir zehn daraus machen. Es ist aber auch nicht besonders angeberisch, so eine Drei, denn recht klein ist sie am Ende doch. Andererseits kenne ich viele, viele Menschen, die nicht einmal einen einzigen schaffen würden. Insofern – doch, ich bin geradezu hochzufrieden mit einer Drei. Ungefähr so zufrieden, wie ich als Gymnasiast mit einer Drei in Mathe gewesen wäre, und das will wirklich etwas heißen.

Das Jahr beginnt sozusagen voll befriedigend, wenn auch bisher nur in dieser Hinsicht. Aber ein Anfang ist doch gemacht.

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Musik! Jamie Cullum. Die Interpretation ist eher eine Zwei, wenn nicht besser.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank!

The same procedure …

Wir folgen der hinlänglich etablierten Tradition, kein Silvester ohne dieses Bild, eh klar. Es handelt sich beim Folgenden also um die Erinnerung an eine norddeutsch-ausgelassene Silvesterparty in einem Hamburger Vorort, der Abend ist bereits viele, viele Jahre her und eigentlich längst nicht mehr wahr. Deutlich erkennt man jedenfalls die sogenannte Hanseaten-Ekstase in meinem Blick.

Denn man muss gerade die süddeutschen und besonders die rheinländischen Leserinnen und Leser gelegentlich daran erinnern: wir hier oben, wir sind gar nicht so. Wir können auch ganz anders:

Hanseaten-Ekstase

 

Gleicher Abend, nur einen Meter weiter: Die Herzdame, liebreizend wie stets und dabei auf diese einmalig nordostwestfälische Weise in strahlender Herzlichkeit gut gelaunt:

Die Herzdame

Und damit endet das Blogjahr. Ich lese gerade viel, ich bin bei Schnurre, Rühmkorf und Kirsch, eine etwas eigenartige Mischung. Da ich keine Jahresrückblicktexte mag und einigermaßen froh bin, die Tür hinter 2019 endlich zuzuwerfen, da mir auch gerade die Fantasie fehlt, mir 2020, Twintetwinte, wie man auf Helgoland wohl sagt, bildlich genug vorzustellen, sehe ich weder zurück noch voraus, sondern einfach in Bücher, quasi bewährte Lebensstrategie.

Aus Rühmkorfs Tagebuch nehme ich ein winziges Zitat mit ins nächste Jahr, eine Kleinigkeit nur, er hat sie nach einem Spaziergang an der Elbe notiert, und die Stelle geht mir schon seit Wochen nicht mehr aus dem Kopf. Er notiert da en passant: “Sturmflut bei Sonne. Jede Welle des Mitschreibens wert.” Ich glaube, ich bin im ganzen Jahr an keinem anderen Satz so hängengeblieben.

Beim Schnurre lese ich im Schattenfotografen, welches eines der schwierigsten Bücher in meinen Regalen ist. Kein Tagebuch, kein Roman, irgendwas dazwischen, Aufzeichnungen. Eine ernste Angelegenheit ist das, Tod und Krankheit spielen eine größere Rolle, Schicksal und dramentaugliche Themen auf jeder Seite. Man findet nach einer Weile Handlungsstränge, es geht aber auch ohne sie, man kann einfach so irgendwo hineinlesen. Es sind Ideen für Geschichten darin, lose Skizzen, Splitter aller Art nur, Geschichten, die er hätte schreiben können oder irgendwann später dann doch noch geschrieben hat, Fingerübungen und Nachtgedanken. Ich zitiere eine eher untypische Stelle, denn es passiert mir gar nicht so oft, dass ich beim Lesen laut lachen, schon gar nicht bei diesem Buch, aber hier dann doch einmal:

“Thomas Mann wird von Marlene Dietrich um einen Songtext gebeten. Beleidigt schickt er ihr sein Gesamtwerk, um darauf hinzuweisen, wer er sei. Marlene Dietrich ruft daraufhin bei ihm an, sie habe sich den Songtext lockerer vorgestellt.”

Wie gesagt, die Stelle ist völlig untypisch heiter, das Buch aber unbedingt empfehlenswert. Vielleicht nicht gerade als Bettlektüre, denn man träumt nicht gut danach, ich habe das ausführlich getestet. Schnurre zitiert an anderer Stelle Walter Benjamin, das ist auch nicht unwichtig: “Lass dir keinen Gedanken inkognito passieren und führe dein Notizheft so streng wie die Behörden das Fremdenregister.” Jo. Genau so.

Zum Schluss und ganz ohne Zitat noch eine fixe Erwähnung der Prosaschriften der Sarah Kirsch, mit deren Gedichten ich leider bisher rein gar nichts anfangen kann, deren andere Bücher mir aber verlässlich erstaunlich gute Laune bereiten. Ich habe erschreckend lange gebraucht, um darauf zu kommen, wieso das so ist, denn im Grunde ist das recht einfach. Im Gegensatz zu den meisten anderen Diaristen lässt sie das Negative größtenteils weg und überhöht das Positive eigenwillig stark, aber nicht auf diese entsetzlich milde esoterisch Art, sondern mit diebischer Freude, hexenhaft kichernd und völlig verschrullt. Sie sitzt hinterm Fenster, späht durch die Gardinen und freut sich, sie freut sich etwa, dass keiner zu Besuch kommt, dass das Wetter sagenhaft schlecht ist und also niemand draußen herumläuft, dass sie in aller Ruhe und stundenlang Musik hören oder lesen kann. Dass Termine platzen und sie also nicht reisen muss, dass sie gutes Essen hat und Bilder malen und mit der Hand völlig ungestört Gedichte und Tagebücher schreiben kann – sie freut sich dabei aber nie auf diese fromm-dankbare Art aus den Gratitude-Journalen, sondern immer so, als hätte sie ihre kleinen Freuden irgendwo listenreich und langfingrig geklaut und erbeutet und dann fröhlich pfeifend nach Hause verschleppt, sie freut sich immer so, dass man ein leises “Gnihihi” hört, jede Seite im Grunde ein Räuberlied. Und je länger ich darüber nachdenke, desto erstrebenswerter kommt mir diese Haltung vor.

Na, auf was man eben so herumdenkt.

Kommen Sie gut rüber, bewahren Sie unbedingt Haltung, ich schließe für 2019 mit den besten Wünschen zum Neuen Jahr. Wir sehen uns drüben.

Nur noch eben Musik! Da kann es heute natürlich nur The burning hell geben. Ein wunderbares Video.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister im Jahr 2020 zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Auch noch einmal an alle, die hierbei in diesem Jahr irgendwann mitgemacht haben. Es war mir ein Fest.