Insel, gestern

Am Wochenende habe ich auf dem Weg zur Parzelle den Insel-Imker gesehen, wie er Bienenstöcke öffnete, sich bückte und lauschend ein Ohr daran hielt. Erst hinterher fiel mir auf, was für ein schönes Wort das ist, Insel-Imker, fast möchte man das sofort selber werden. Geballte Romantik! Es ist schon sehr schön, dass der Garten auf einer Insel ist, auch wenn sie mitten in der Stadt liegt und auf ganz normalen Straßen zu erreichen ist. Ein wenig Inselgefühl rette ich doch immer dahin.

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Wir haben im Garten etwas an einem anderen Haus gemacht, eine Gemeinschaftsarbeit. Da waren wir viele Leute und kamen auf die Frage, wer da was kann, wenn man etwa zwanzig bis vierzig völlig verschiedene Menschen zusammen hat, Kinder auch dabei, etliche Berufe. Etwa vierzig Leute, das war die Größe der steinzeitlichen Menschengruppen, habe ich gerade gestern wieder irgendwo gelesen. Etwa vierzig Leute, das ist eine Größe, die sich also evolutionär bewährt hat. Und es ist eine Menge, was so eine Gruppe in der Größe kann. Wenn man sogar noch die weiteren Kontakte einrechnet und überlegt, wen man alles über die Gruppe hinaus kennt, weil jemand in der Gruppe jemanden kennt, den man um etwas was bitten kann, dann geht auf einmal fast alles, man könnte Paläste und Kraftwerke bauen! Na ja, fast. Es ging ohnehin nur um ein ganz kleines Bauvorhaben. Dennoch, keiner von uns könnte das alleine lösen, aber in der Gruppe – selbstverständlich schaffen wir das in den nächsten Wochen, auch wenn aktuell noch keiner weiß, wie das genau gehen soll. Es wird zu lösen sein, allgemeine Zuversicht, yes, we can.

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Unklar ist, was Garfield selbst zu dem Strandgut sagen würde.” Via Geräuschtasche auf Twitter.

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Ich habe unfassbare Mengen von kaputten Links im Blog gelöscht oder repariert, meistens tatsächlich eher gelöscht, denn es gibt die angegebenen Quellen oft schlicht nicht mehr. So viele verstorbene Blogs, so viele entfernte Inhalte, darunter erhebliche Mengen durch die allseits geschätzte DSGVO, bzw. genauer durch die allgemeine Angst oder eher Panik vor ihr. Aber auch bei größeren Medien halten einige Stücke nicht mehr länger als zwei Jahre, danach schmeißt das jemand weg, löscht das raus, als ob man irgendwie den Platz für etwas anderes brauchen würde. Das Internet hat kein langes Gedächtnis, es vergisst sehr schnell. Nicht in einem speziellen technischen Sinne, ich weiß, aber doch aus Sicht der normalen Userin.

Die alten Wirtschaftsteile und “Woanders”-Ausgaben, der damalige Beifang – das löst sich alles auf wie von Motten zerfressen, etliche waren bei der Durchsicht schon so durchlöchert, ich habe sie besser gleich gelöscht. Was mir auch egal ist, ich hänge nicht daran, aber die Geschwindigkeit gefällt mir ganz und gar nicht. Ich bin studierter Bibliothekar, ich finde, Texte müssen sortiert und greifbar vorliegen. Gerne auch nach ein paar hundert Jahren noch. Wenn man aber nur noch ein halbes Jahr zurückverweisen kann, das ist dann doch recht wenig und die kulturelle Dominanz des Online-Jetzt behagt mir nicht.

Vielleicht ist es ja auch kein Zufall, dass sich hier gerade ein Sohn hartnäckig die englische Vokabel für “gestern” nicht merken kann. Gestern, gestern, ja was weiß ich denn.

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Musik! Gesterntag.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Prosa und Pastinaken

In der letzten Woche war ich in der Bücherei, denn jetzt, wo meine Sachbuchphase erst einmal wieder beendet ist, brauche ich Nachschub und frisches Futter, Romane und Geschichten. Ich habe viele Bücher mitgenommen, denn ich bin ein furchtbar ungnädiger Leser und breche schnell ab, im Grunde gibt es wenig, was mich wirklich interessiert. Kein schöner Zug von mir, ich weiß. Ich habe “Das Buch der entbehrlichen Gedanken” von Ömür Iklim Demir (übers. von Gabriela Senti und Mathias Müller Senti) angelesen, das gefiel mir gut, aber dummerweise geht es u.a. um Folter, so etwas verfolgt mich dann wieder wochenlang, das las ich also nicht sehr weit. Aber wie gesagt, gut war es doch.

Ich habe Lydia Davis angefangen, das war überhaupt nicht mein Fall. Ich habe George Saunders angefangen, das war auch nicht mein Fall. Das sind aber keine Qualitätsurteile, die Bücher können meinetwegen nobelpreiswürdig sein, deswegen müssen sie mir ja noch lange nicht gefallen. Ich habe womöglich einfach einen schlechten oder auch nur zu schlichten Geschmack, man sollte das nie ausschließen. Also ernsthaft nicht, das ist gar kein Scherz, das klingt nur so. Ich habe Colm Tóibin angefangen, da wird eine Figur in einer Kurzgeschichte eingeführt mit dem Satz: “Cassidy trug, was er immer anhatte […]”, und an der Stelle hat jemand wütend an den Rand geschrieben: “Wie anschaulich!!!” Mit drei zeternden Ausrufezeichen, ich war das also nicht, so etwas mache ich nicht. Aber grundsätzlich ist diese Randbemerkung nicht völlig unverständlich, möchte ich meinen. Auch abgebrochen, das zündete irgendwie nicht.

Hängengeblieben bin ich dann an Mariana Leky mit “Was man von hier aus sehen kann”, ich glaube, danach ist mir gerade. Ein friedliches Buch, mit Liebe, angenehmen Figuren und überschaubarer Handlung, mit guten Bildern und  überhaupt schön geschrieben. Ich habe Rezensionen nachgelesen, da wird der Autorin der Satz: “Im Gegensatz zu Selma fieberte der Optiker bei der Vorabendserie kein bisschen mit, aber bei Selmas Profil, da fieberte er mit […]” allen Ernstes als Fehler angekreidet. Wissen Sie warum? Na? Weil man nur bei sich entwickelnden Prozessen mitfiebern kann, etwa bei einem Fußballspiel, nicht aber bei einem statischen Profil. Das stand da wirklich, ganz offensichtlich war da also jemand in der Feuilletonredaktion noch nie ernsthaft verliebt und hat überhaupt keine Ahnung davon, wie man bei einem Profil sehr wohl Zentimeter für Zentimeter mitfiebern kann, ein Banause erster Klasse. Denn das ist doch ein sehr brauchbares Bild, ist das doch! Aber nein, es ist ein Fehler und da freute sich also jemand wirklich, dass er diesen furchtbaren Fehlgriff  in einer Zeitung zeigefingerig und mit wahrer Oberlehrerfreude hämisch benennen konnte, Herr im Himmel. Man möchte sich beim Lesen Bücher auf den Kopf hauen. Oder ihm oder ihr, ich habe es schon wieder vergessen, wer das genau war. Egal.

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Wir haben überraschend viele und große Pastinaken aus dem längst kahlen Beet im Garten gezogen. Ich habe sie geschält, das duftete schon so, wie man es bei der Ware aus dem Laden nicht kennt. Ich habe sie mit ein paar Kartoffeln und einer Zwiebel in Öl angedünstet und dann gekocht und versuppt, ich habe alles püriert, etwas Kokosmilch untergerührt und nur mit Brühe, Pfeffer und Salz gewürzt, ein denkbar einfaches und großartiges Essen. Wenn man Pastinaken lange im Beet lässt, so wie ich das den ganzen Winter über gemacht habe, dann werden sie sehr mild und süß, die Suppe schmeckte grandios aromatisch. Sollten Sie mal Pastinaken anbauen: Lassen Sie sie lange, lange drin, es lohnt sich. Den Geschmack kennen Sie so eventuell noch nicht.

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Drüben bei der GLS Bank habe ich etwas zum Thema Arbeit und Freizeit geschrieben und zusammengestellt.

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Ein Nachruf: Mama Blume.

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Musik! Victor Borge. Endlich mal ernste Musik hier.

 

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Was schön war

Auf meinem Weg zum Büro kam ich im letzten Jahr jeden Tag an einem Brachgelände vorbei, ehemaliger Autohandel, so eine kleine Wüstenei an Bahngleisen mitten in der Stadt. Ungepflegtes Gestrüpp und Brennnesseln, wildwuchernde Gräser, Sperrmüllreste, Unrat und alte Container hinter hohen Zäunen, in denen es längst große Lücken gab. Da wohnten oder schliefen zumindest mehrere Obdachlose. Wenn ich morgens zur Arbeit ging, machten sie das manchmal auch gerade, schoben sich da mühsam durch den Zaun und gingen Flaschen sammeln oder was auch immer.

In diesem Jahr ist da ein neuer Autohandel, die Fläche ist wieder gepflegt, gefegt und aufgehübscht, Fahnen wehen und gebrauchte Autos strahlen sehr gewaschen. Vor dem reparierten Zaun stehen oder sitzen gelegentlich dennoch Obdachlose, obwohl da gar nichts mehr ist, was für sie interessant oder nutzbar wäre. Vielleicht hängen sie an dem Platz, weil sie da schon einmal waren und den nun einmal kennen, vielleicht hängen sie auch an der Tankstelle gegenüber, ich weiß es nicht.

Es ist einer dieser seltsam warmen Tage mitten im Februar. Ein Obdachloser im Rollstuhl hat sich vor dem Zaun in die Sonne gedreht und hält den Kopf ins Licht. Vor seinen Beinen liegt ein Kumpel auf dem Boden, vermutlich fortgeschritten alkoholisiert und schlafend. Er hat den Kopf zwischen den Knien des Rollstuhlfahrers, da kann er nicht zur Seite wegkippen, da muss er auch nicht ganz auf dem Boden liegen, es ist vielleicht ein Minimum an Bequemlichkeit. Sein Mund steht offen, er schnarcht und sieht gründlich ausgeknipst aus. Der andere, der mit dem Gesicht in der Sonne, tätschelt seinen Kopf, mit einer kleinen Bewegung, die alle Eltern kennen. Mit einer Bewegung, die man unwillkürlich nebenbei macht, so fährt man den Kleinen übers Haar, durch das Haar, wenn sie einem auf dem Schoß sitzen, darüber denkt man gar nicht nach. Die Bewegung macht sich von selbst.

Der Rollstuhlfahrer sieht mich an, als ich vorbeigehe, er lächelt, nickt, sieht auf den zauseligen Kopf zwischen seinen Beinen und murmelt etwas. Vielleicht war es “Pst, er schläft”, das kann sein. Vielleicht hat er es so gesagt, wie wir es früher über die Kinder gesagt haben, väterlich und freundlich, sein Gesichtsausdruck sah so aus. Ich weiß es aber nicht, denn er sprach etwas, das für mich wie Russisch klang.

Wie auch immer, diese Hand auf dem Kopf da, das war schön.

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Kurz und klein

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Tand, Tand

Hier wird Tik Tok erklärt, für Eltern quasi Pflichtlektüre.

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Ein Buchtipp, es ist interessanter als es vielleicht klingt. Tim Parks: Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen, übersetzt von Ulrike Becker und Ruth Keen. Ja, noch ein Buch über Bücher, dabei gibt es doch schon zwei oder drei, ich weiß. Aber es sind dann doch ein paar Gedanken drin, die mir neu waren, etwa über globalisierte Literatur. Kann ich empfehlen.

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Sozialmeisenbauten

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Es ist keine Investition (!)

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Der Tag war ein Gartentag und ich habe zwar nur mit aller Vorsicht gearbeitet, da ich nicht schon wieder drei Monate wegen kaputter Arme arbeitsunfähig sein möchte, aber dennoch – Laubharken ist Hochleistungssport, wenn man den ganzen Winter nichts gemacht hat. Definitiv.

Es blühen Krokusse und Schneeglöckchen und noch etwas, das ich nicht mehr erkenne. Es müsste an der Stelle eine Glockenblume sein, aber im Februar? Ich weiß ja nicht. Die Magnolie hat die allerdicksten Angeberknospen, quasi Bullenklöten, und in ihren Zweigen sitzt das Rotkehlchen, zutraulich wie im letzten Jahr und singt uns was in einer schmetternden Fröhlichkeit, da kommen wir Menschen stimmungsmäßig noch nicht mit, wir fühlen da ja noch ganz vorsichtig hin, in diesen unerwartet maienhaften Monat, als wären wir gerade erst aus der Winterschlafhöhle gekrabbelt.

Wir entfernen schubkarrenweise tote Stauden und Zeug, Marie Kondo in den Beeten, alles, was schwarz ist, macht da definitiv keine Freude mehr. Der Rasen sieht aus, als müsse man ihn dringend mal aufschütteln. Der Grünkohl, den wir nicht rechtzeitig gegessen haben, wirkt allmählich auch nicht mehr genießbar, wer nicht kommt zur rechten Zeit. Das mit der pünktlichen Ernte haben wir immer noch nicht drauf.

Der Winter war nicht lang und nicht kalt genug für die Vogelmiere, die hat sich gedacht, ach, wachse ich einfach mal weiter. Sie liegt wie ein hellgrüner Schaum überall herum und pflückt sich leicht wie dahergewehte Watte, das ist eine schöne Arbeit mit schnell vorzeigbarem Ergebnis. Die Finger riechen nach Kraut und Boden.

Dennoch sieht der Garten wüst aus, von den vielen, vielen Mühen des letzten Jahres ist erstaunlich wenig zu erkennen, aber das ist nicht nur bei uns so. Das kommt in den Gartenbüchern übrigens immer zu kurz, wie sehr man im Frühling wieder von vorne anfängt, wie viel man nach dem ersten Eindruck im sehr frühen Frühjahr umsonst und weitgehend ergebnislos gemacht hat. Man muss das schon mögen und ich mag es sehr. Tand, Tand, ist das Gebilde von Menschenhand, drei Monate ohne Pflege und man sieht fast nichts mehr davon. Du arbeitest Dir einen Wolf, dann kommt die Natur und wischt da mal eben so drüber, es ist wie bei diesen Mönchen in Tibet oder wo das war, die diese Mandalas aus Sand anfertigen, die stets wieder verweht werden, kaum dass sie fertig sind. Und dann machen die Mönche einfach weiter, so auch wir. Die Hände im Beet und im Laub, es fühlt sich gut an, richtig gut.

Wir stehen später am Ufer der Bille und sehen ins Wasser. Der Himmel ist so blau über uns und spiegelt sich so freundlich in der sachten Strömung, ich möchte direkt in den Fluss springen und anbaden. Aber ich bin ja ungewöhnlich willensstark und bleibe also eisern auf dem Rasen stehen.

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I wish I could talk to you.

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Musik! Was wir über Jenny Wren noch nicht wussten.

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Männer mit Blumen und Frauen mit Gouda

Wir brauchen keine Frühlingszeichen mehr, es ist einfach Frühling. Dreizehn Grad und Sonnenschein, klare Sache und damit hopp. Alles fühlt sich anders an, riecht anders, klingt anders, es ist eine Leichtigkeit und eine hoffnungsvolle Bläue in der Luft, die will einen aus dem Büro ziehen. Man muss sich am Schreibtisch festhalten und die Fenster schließen, dann geht es.

Im Supermarkt liegt stapelweise junger Gouda, Sonderaktion! An jedem Goudapäckchen klebt eine Plastiktulpe, und während ich in der Nähe dieses Goudastapels stehe, weil ich Joghurt für die Söhne suche, bleiben nacheinander drei Frauen verschiedener Altersgruppen vor dem Sonderangebot stehen und weisen ihre jeweilige Begleitung darauf hin, dass das doch echt süß sei, niedlich oder guck doch mal. Drei! Wie viele Frauen wären es wohl gewesen, hätte ich eine ganze Stunde da gestanden? Geschmacklich unauffälliger Käse mit beliebiger Deko, da geht also was, manchmal komme ich aus dem Staunen auch nicht heraus.

In der Bücherei stehen eine Frau und ein Mann in einer Ecke. Er redet und redet, enorm schnell redet er, wahnsinnig viele Sätze und dazu hat er eine flatternde Gestik, bei der er fast nur die Hände bewegt, nicht aber die Arme, nur die Hände, die er vor ihr Gesicht gehoben hat, wo die Finger jetzt wie Derwische herumtanzen, sich spreizen, biegen, beugen, zu Fäusten ballen und sofort wieder aufgehen, durch die Luft sicheln und dann für den Bruchteil einer Sekunde wie im Gebet verharren, bevor sich ein Zeigefinger doch wieder erhebt, ich kann gar nicht wegsehen, so kunstturnend bewegen sich diese Finger. Der Redestrom des Mannes versiegt nicht, er erklärt und erklärt oder doziert und doziert oder windet sich aus irgendwas heraus oder auch schon wieder hinein, wer weiß, er redet eine schnellere Sprache als unsere, ich verstehe kein Wort, zumal er auch sehr leise redet. Gedrängt und getrieben, aber leise.

Die ganze Zeit steht sie einfach nur da und guckt unentwegt zu ihm hoch, denn sie ist einen Kopf kleiner als er, guckt hoch und weint und weint, ohne ein Wort. Mit herabhängenden Armen steht sie da immer weiter im Regen seiner ungeheuer wortreichen Sätze. Ein Experte muss man da nicht sein, um anzunehmen, dass der Valentinstag  2019 diesen beiden vielleicht nicht in bester Erinnerung bleiben wird.

Aber egal! Sie haben ja noch ein paar Stunden Zeit für die Versöhnung und da die beobachtete Situation hier endet, können wir uns alles ausdenken, das ist unser gutes Recht. In zwei Stunden hat sie es vielleicht schon geschafft, dass die Finger des Mannes wieder etwas Vernünftiges machen, ihr durchs Haar fahren oder so, und vielleicht hält er im weiteren Verlauf des Abends kussbedingt auch einmal die Klappe, das kann doch sein. Es kann immerhin alles sein, Geschichten gehen weiter, wir denken das nur meistens nicht. Wie neulich bei den zehn Leuten, die die Frage nach der Anzahl der Autokinos im Hauptbahnhof gesehen haben, ich berichtete. Von denen hat mittlerweile immerhin einer gerade gegoogelt, so beschließe ich das jetzt, dass es auf Rügen ein Autokino gibt, wo er, so ein Zufall, im Sommer mit einem Freund sein wird. Er sitzt in seiner Single-Wohnung, in seiner beeindruckend aufgeräumten Single-Küche und guckt aufs Notebook, klickt auf die Adresse des Kinos und sagt dann leise im Tonfall der Werbung aus dem letzten Jahrhundert: “Isch abe gar kein Auto”, womit er auch wieder Recht hat. Aber auch dazu fällt uns schon noch etwas ein, nicht wahr.

Auf einem Grünstreifen vor der Bücherei treffen sich zwei Hunde und finden sich sofort so dermaßen toll, dass sie beide zeitgleich ihren Herrchen die Leinen aus den Händen reißen und sich in größter Freude auf dem Rasen umeinander wälzen. Die Begeisterung sieht man ihnen auf hundert Meter an, Liebe auf den ersten Blick, voller Körperkontakt, so muss das. Die Herrchen machen währenddessen notgedrungen etwas Smalltalk, rauchen Sie? Nein.

Auf dem Spielplatz vor unserer Wohnung ist zum ersten Mal wieder Hochbetrieb, da liebt ein Kind die Schaukel so, dass es die ganze Straße hört, Jubelschreie, wenn es aufwärts geht. Und es geht oft aufwärts, also zumindest, wenn man schaukelt.

Einige Meter weiter blühen die ersten Krokusse unter der großen Magnolie, die noch nicht so weit ist. Lilafarbene Krokusse, viele und über Nacht, da bleiben die Menschen stehen und sagen zueinander: “Guck mal, die Krokusse!” Man kann ja nicht immer geistreiche Bemerkungen machen und auch das Sagen des Offensichtlichen hat seine Berechtigung im sozialen Miteinander.

Im Hauptbahnhof stehen die Männer Schlange vor dem Blumenladen, dessen Angebot heute nennenswert pinkfarbener als sonst ist, es kommen immer noch mehr Männer dazu, aus jeder einfahrenden S- oder U-Bahn ein neues Grüppchen. Männer, die von der Arbeit kommen und schnell und kompetent auswählen, nicht zu teuer, nicht zu billig, keine roten Rosen, das dauert keine zehn Sekunden, dann haben sie, was sie wollen und reihen sich in die Schlange ein, gucken noch einmal prüfend auf die Blumen, ob die auch ja alle korrekt sind, gucken dann auf die Uhr, wie sie heute in der Zeit liegen.

Dann zahlen sie und gehen ihre Frauen lieben. Oder ihre Männer, egal. Happy Valentine’s Day!

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Null, nada, nix

Das Frühlingszeichen des Tages entnehmen wir einfach dem Internet. Geht auch.

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Die Bücher meines Lebens.

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06:30: Ich sitze beim Schreiben wieder im Wohnzimmer, auch jetzt am frühen Morgen. Da habe ich freien Blick auf etwa dreißig bis vierzig Wohnungen schräg gegenüber, die ich im Moment natürlich nicht sehen kann, es ist ja noch stockduster zu meiner gewöhnlichen Aufstehzeit, so frei ist der Blick gar nicht. Aber da kann ich doch, so dachte ich, beim morgendlichen Tippen immerhin sehen, wie nach und nach bei den anderen Leuten da drüben die Lichter angehen, was ja irgendwie auch ganz romantisch ist. Ich schreibe ein, zwei Absätze, so dachte ich, hebe kurz den Kopf und sehe sinnend aus dem Fenster, und dann ist da wieder eine Nachbarin mehr wach, so in etwa.

Und wissen Sie was, ich sitze hier jetzt seit genau einer Stunde, und wie viele Lichter sind da in den Häusern angegangen? Kein einziges. Null, nada, nix. Alles schläft, einsam wacht – nur der traute Buddenbohm, fern jeder Heiligkeit. Und starrt aus dem Fenster ins Dunkel. So ist das mit den Plänen und der Wirklichkeit.

(Was wohnen da eigentlich für Leute, haben die alle keine Arbeit oder was.)

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Heute hat Simenon Geburtstag, wobei gewisse Quellen auch den 12. angeben, aber egal, ich nehme den 13., der passt mir gerade besser. Zum ehrenden Andenken schlage ich jedenfalls vor, wir schreiben alle diese Woche noch mal eben einen Roman. Oder wenigstens einen halben, das ist etwas realistischer an seinem Pensum. Tippeditipp!

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Musik! Irgendwas mit Nacht und Ruhe.

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Ich glaube, es war gutes Wetter

Kodachrome

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Wie die steigenden Meere im Alltag ankommen, hier am Beispiel meiner Heimatgegend.Man bereitet sich so langsam vor, die ersten können nachsehen, wann ihre Dörfer weg sind.

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Zwischendurch ein besonderer Dank an die Leserin S.Z., aus Gründen und für Sie wissen schon. Ich freue mich.

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Und mehr Zeit ist heute nicht, war heute nicht, wie auch immer. Im Büro gewesen, Kind von A nach B gebracht, aufs Kind gewartet, dabei brav an Texten gearbeitet, die aber nicht fürs Blog waren, Kind wieder von B nach A gebracht, zack, Tag vorbei, nein, gleich noch eine Kolumne abschicken! Ich glaube, es war gutes Wetter, aber egal, der Tag war untertunnelt. Ich glaube, ich kann schon wieder Urlaub gebrauchen. Ich glaube, ich finde den Zugriff des Alltags geradezu empörend belästigend.

Aber! Es gibt auch etwas, das schön ist. Und zwar sitze ich hier gerade im Wohnzimmer, nicht an meinem gewohnten Schreibtisch, denn im Wohnzimmer ist mehr Ruhe, also zumindest nachdem ich alle anderen hinausgeworfen habe. Vor mir stehen drei bunte Tulpen, das Zeichen des Tages. Das Notebook liegt auf dem Esstisch und wenn ich hier eine Taste antippe, dann vibriert links neben mir ein metallener Kerzenständer, eher eine Kerzenschale, die da auch auf dem Tisch steht. Und dieses fein klappernde Geräusch gibt jedem Tastenanschlag so ein würdevolles Vintage-Feeling, als würde ich hier an einem altertümlichen Gerät wichtige Texte morsen oder als hätte ich wenigstens eine Steampunk-Tastatur, es klingt so, als sei jeder Buchstabe auf eine irgendwie nicht digitale Art bedeutend stop. Das ist zwar grob irreführend, aber doch sehr nett. Es sind die kleinen Dinge, ich sage es ja.

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Musik!

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Das Leben ist kein Tanzlokal

In hundert Jahren ist alles weg.

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Apropos hundert Jahre und alles weg, kennen Sie die obige Zeile auch aus Ihrer Kindheit? Heile, heile Mausespeck? Meine Mutter hat das gesungen, meine Großmütter, die Großtanten und Tanten, alle. Ein seltsamer Text, aber die Melodie war irgendwie beruhigend, ein wiegender Rhythmus. Und ich habe erst vor ein paar Jahren mitbekommen, dass dazu ein ganzes Lied mit mehreren Strophen gehört, den Text dieser Strophen kannte ich nicht. Es gibt auf Youtube eine Aufnahme von Ernst Neger, 1967, da sieht man dem Publikum an, dass nichts je wieder gut geworden ist. Nicht in Mainz und nicht anderswo.

 

“Und denk dein ganzes Leben lang

ans Lied, das dir die Mutter sang”

Das immerhin hat also geklappt, quod erat demonstrandum. Ich glaube allerdings, unsere Söhne kennen die Zeilen nicht.

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Frau Beck über Schottland. Ich weiß noch, wie ich einmal vor vielen Jahren in Schottland bei einer Familie zu Gast war, in Glasgow. Der Hausherr, der ein wenig Deutsch konnte, holte abends einen Gedichtband von Manesse aus dem Regal und zitierte in hochdramatischer Stimmlage und mit weit ausholenden Gesten Balladen von Goethe und Schiller, in der sicheren Annahme, dies müsse die deutschen Gäste ungemein erfreuen. “Bedecke deinen Himmel, Zeus!” Das war eine Form der Gastfreundschaft, die war uns vollkommen unbekannt. Später am Abend kam ein Nachbar dieser Familie dazu, er brachte sein Akkordeon mit und spielte und sang schottische Lieder, einfach so, er hatte gehört, dass Gäste aus Deutschland da seien. Wer konnte, sang selbstverständlich mit. Das war sehr schön und ungeheuer fremd und es war auch so, dass ich noch Jahrzehnte später, längst lebt der Mann mit dem Balladenbuch nicht mehr, immer noch denke, nach Schottland könnte ich ja auch einmal wieder.

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Ich kenne mich kaum.

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Beim Einkaufen im Discounter eine Szene, wie ich sie eher bei Frau Novemberregen erwarten würde. Und zwar stehe ich da in einer Kassenschlange, als mir einfällt, dass ich etwas vergessen habe. Ich schere also wieder aus und gehe zu den Regalen zurück, was normalerweise natürlich blöd ist. Heute aber gerade nicht, denn ich denke da auf etwas herum und es passt mir daher seltsam gut, in Kassenschlangen zu stehen und nichts weiter zu tun zu haben, gerne auch länger. Man kommt ja sonst nie zum Denken, wo auch. Ich hole also, was ich vergessen hatte, ich gehe zurück zur Kasse und stelle mich hinten an, was weiter vorne aber für erheblichen Unmut sorgt, denn man hat mir einen Platz freigehalten, eine für Hamburger Verhältnisse höchst ungewöhnlich Verhaltensweise mit der wirklich niemand rechnen kann. Ich lehne freundlich ab, nein danke, ich bleibe lieber hier hinten, ich habe ja Zeit, fast hätte ich gesagt: “Ich möchte hier einfach nur stehen.” Weiter große Unzufriedenhheit auf den vorderen Plätzen, also wirklich, da hält man schon mal frei und dann kommt der Kerl nicht, wo gibt es denn so etwas. Bleibt der da stehen! Man zeigt anklagend auf die einladend klaffende Lücke zwischen den Warentrennstäben auf dem Kassenlaufband, auf diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. In die ich partout nicht will, mit meinem Toastbrot und den Eiern.

”Also sowas”, höre ich und dann noch den Satz, der das alles vermutlich erklärt, nämlich was man darf und kann und was nicht: “Sie können doch nicht einfach Zeit haben!”

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Musik. Ich muss es gar nicht immer bei einem Clip belassen, fällt mir ein, zwei können auch interessant sein, besonders wenn dazwischen eine Geschichte liegt. Im ersten Clips eines der vermutlich pornösesten Duette, die jemals aufgenommen worden sind, Rita Coolidge und Kris Kristofferson, verliebt wie sonst etwas. “I don’t wanna sleep alone” singen sie und “DAS SEHEN WIR!” möchte man antworten. Im zweiten Clip wieder die beiden, kurz vor dem Ende ihrer Ehe, dazwischen liegt der vermutlich ungeschriebene Beziehungsroman.

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Tägliche Zeichen

Freitag: Es weht ein böiger Südwest und es regnet, die Jacken werden wieder geschlossen, die Schals werden wieder enger gebunden. Der Wind treibt einen leeren Kinderwagen quer über den Spielplatz und verblüffend schnell auf einen Baum zu, Eltern laufen mit dem Kind auf dem Arm hinterher. Das Hoffnungszeichen des Tages muss ich heute etwas länger suchen, ich finde es erst in der S-Bahn: Die Frau neben mir liest Wedekinds “Frühlings Erwachen”, das lasse ich durchgehen. Mit etwas gutem Willen haben wir fast Mitte Februar, es müssen jetzt einfach täglich Zeichen zu finden sein.

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Gestern habe ich hinterm Bahnhof Leute in gelben Westen gesehen, die marschierten da längs und haben etwas im Chor gerufen, was ich aufgrund der Entfernung nicht verstanden habe, es schien auch alles etwas durcheinander zu gehen. Haben wir also Gelbwestenproteste in Hamburg? Das ist mir entgangen. In den Medien steht dazu nichts, die Straße war für eine Demo auch eher abseitig, es war keine Polizei dabei, was war denn das? Nicht nur ich, noch mehr Passanten drehten sich um und blieben verwundert stehen, Fragezeichen im Blick, wie bitte? Wenn man schon protestiert, dann doch bitte allgemein verständlich. Mit verständlichen Sprechchören und eingängigen Parolen, mit großen und gut lesbar beschrifteten Pappplakaten oder vernünftig hoch gehaltenen Bettlaken und Polizei vorweg und so, wie es sich gehört. Also wirklich.

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Ein freundlicher Hinweis, Geschichten und Gedichte zu lernen.

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Das Blog schwächelt technisch, groteske Ladezeiten, da stimmt etwas nicht. Ich arbeite daran. Also ich habe eine Mail an jemanden geschrieben, der sich damit hervorragend auskennt und hoffe so vor mich hin, meine ich.

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Musik! Song for whoever. Noch so ein Ding von damals. Und falls sich auch von diesen Herren einer in den letzten dreißig Jahren politisch oder sonstwie falsch verhalten hat, es entzieht sich leider komplett meiner Kenntnis.

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