Und der Wind, er weht wütend weiter an jeglichem Tag. Die lokalen Medien berichten von stürzenden Bäumen, gesperrten Straßen und dergleichen, neue Warnungen folgen direkt darunter. In den Wetterberichten tauchen währenddessen überall 30-Grad-Tage in der nächsten Woche auf. Man benötigt aber viel Vorstellungskraft, um das für eine plausible Entwicklung zu halten.
Ich stehe am Sonntag wieder lange am Fenster und sehe mir das da draußen an. Den wärmenden Kaffeebecher halte ich dabei in den Händen. Unten schaukelt ein Elternpaar trotz der Schauer seine beiden Kinder. Der Tochter scheint das auch hervorragend zu gefallen. Jauchzend streckt sie ihre Füße, die in knallroten Gummistiefeln stecken, immer wieder in Richtung Himmelsgrau. Ihr kleinerer Bruder dagegen wutweint schmollend und durch irgendetwas ebenso fundamental wie unzumutbar gekränkt auf seiner Schaukel.
Welche die Mutter auch bloß nicht anfassen soll, wie man an seinen abwehrenden, wild fuchtelnden Händen leicht und auch aus größerer Entfernung erkennen kann. Der Junge hat außerdem ein dringendes Anliegen. Welches er über eine erstaunlich lange Zeit schreiend wiederholt, und zwar dermaßen laut, dass eine stattliche Anzahl der Anwohnerinnen ringsum etwas davon haben kann. Es klingt ein wenig wie diese Schlachtrufe, die man auch aus Fußballstadien kennt: „Zu-hau-se-gehen!“ Die Betonung liegt auf allen Silben, versteht sich.
Immer wieder und wieder ruft er das. Ich mache das Fenster auf, um zu erfühlen, wie kühl es sein mag, ob Rollkragenpullover nun wieder statthaft sind. Der Junge sieht kurz zu mir hoch, ich winke ihm freundlich zu. Er guckt böse zurück und bleibt mit Vehemenz bei: „Zu-hau-se-gehen!“ Nunmehr wird es versuchsweise in meine Richtung, also nach oben gebrüllt. Zuhause ist es auch nicht immer schön, denke ich mir da als Mensch mit viel Lebenserfahrung, und überlege dann, ob dieser Satz wohl pädagogisch wertvoll genug sein könnte, um ihn dem kleinen Wüterich zuzurufen.
Ich verzichte dann aber darauf. Eltern legen meist keinen Wert auf oberschlaue betriebsfremde Personen, wie ich aus eigener Erfahrung noch gut weiß.
Ich beobachte die Wolkenverteilung am Himmel über Hamburg, die jagenden Schauer, die Windrichtung. Ich sehe mir genau an, wie heftig die Böen heute in das Laub der Bäume und Büsche greifen. Lange sehe ich mir das an, länger als es dauert, einen großen Kaffee zu trinken. Ich vermute dann weitere Entwicklungen, verwerfe sie wieder und schätze die Lage erneut ab. Und schaffe dann etwas später am Tag einen immerhin zweistündigen Spaziergang. Ohne dabei nass zu werden! Ohne auch nur einen einzigen Tropfen abzubekommen.
Da muss man dem verdammten Wetter also widerstrebend auch noch dankbar sein, verhilft es einem solcherart doch zu signifikanten Erfolgserlebnissen, mit denen man am Wochenende gar nicht unbedingt rechnet.
Sie sehen, es liegt ein Immerhin in allem, man muss es nur finden und freilegen.
Ich fahre mit der S-Bahn nach Altona, gehe runter zum Altonaer Balkon und weiter zur wüst bewegten und chaotisch gekräuselten Elbe und am Dockland vorbei.



Ich hätte auch auf das Dockland hinaufgehen können, der Aussicht und der Bilder wegen, aber wer weiß, wohin es mich von dort aus verweht hätte. Am Ende hätte es hier keinen Montagstext geben können, es war nicht abzusehen. Denn Sturm, alte Regel, ist gefährlicher, als man denkt. Ich reiße mich nur mühsam zusammen, nicht schon wieder mit alten Orkan-Geschichten anzufangen. Opa erzählt vom Krieg, ich weiß.
Das mit der Gefahr jedenfalls, das denken sich wohl auch einige Touristen, die auf halber Höhe des Gebäudes erstaunlich schräg in den Böen stehen und die dann doch lieber umkehren. Selfies mit verwehten Haaren vor den Gesichtern und ordentlich Wellengang im Hintergrund, sogar ein alter Dreimaster dümpelt situativ passend vorbei, da hat man zu-hau-se dann etwas zu erzählen.
Am Alten Elbtunnel steht diesmal keine touristische Schlange, ich kann Ihnen also diesmal die neulich versprochenen Fotos zeigen.





Auf denen man aber nicht erkennt, was der besonders großartige Effekt in diesem historisch wertvollen Tunnel ist, in diesem besonderen Baudenkmal. Denn wenn man an einem solchen Tag dort hinabsteigt, über die wunderbaren alten Treppen, wenn man langsam durch die alte, gekachelte Röhre nach Südelbien geht, dann hat man die ganze Zeit einen besonderen Genuss: Es ist vollkommen windstill dort unten. Und es regnet auch nicht rein.
Man ist für eine Viertelstunde also aus allen Risiken raus. Es ist kaum zu beschreiben, wie entspannend das an solchen Tagen sein kann.
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