Des Wochenendes erster Teil

Wie sieht es eigentlich mit dem phänologischen Kalender aus? Wir haben doch gleich schon September, da sind Menschen wie ich schon etwas aufgeregt, denn da müsste doch … Okay. Ich habe eben nachgesehen. Das ist hier recht einfach, denn auf dem Spielplatz unten steht eine große Eiche, also die korrekte Zeigerpflanze. Ich muss nur eben aus dem Fenster sehen, um die aktuelle Lage zu überprüfen. Und es verhält sich so, dass der Baum noch grün, die ersten Blätter aber ganz eindeutig gelb sind. Und dass auch der Anblick insgesamt einen unverkennbaren Stich hat. Als hätte man in einer Foto-App ein klein wenig an einem Regler gedreht, als hätte man die Temperatur so einen Millimeter auf der Skala verschoben, et voilà: Wir haben es also viertel vor Vollherbst, stellen wir zufrieden fest.

Schön, schön. Immer muss man auch die tröstlichen Entwicklungen im Auge behalten, es gibt schließlich wenig genug davon.

Aber apropos tröstlich. Am Sonnabend war ich kurz an den Landungsbrücken und direkt davor beim Start des jährlichen Demoraves – „Reclaim Hamburg“ (hier auch der Instagram-Account dazu). Das Motto war: „Alles Gute kommt von unten“. Es ist eine Demo mit lauter Musik für soziale Teilhabe, gegen den Rechtsruck, gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Sexismus. 6000 oder 10000 Teilnehmende waren es in diesem Jahr. Je nachdem, welcher Quelle man glauben möchte, von Polizei bis Veranstalter.

Blick von der S-Bahn-Station aus auf die volle Promenade an den Landungsbrücken

Ein Transparent beim Demorave: "Love Music Fight Fascism"

Ein Rave ist nun von der Musik her und bezogen auf Stil, Tanz und Durchschnittsalter der Teilnehmenden sicherlich so gar nicht meine Welt. Aber man kann und sollte sich so etwas auch einmal ansehen, einfach nur, um plakatelesend und zufrieden nickend murmeln zu können: „The kids are alright.“ Das ist auch wichtig und hilfreich im Alltag. Selbst dann, wenn man die selbstgemachten Kids in der Menge diesmal nicht ausmachen kann.

Danach ging ich, um mich eher wieder in meine seniorige Musikrichtung zu begeben, zum Jazz Open in Planten & Blomen, das mir gar nicht bekannt war. Den Hinweis darauf hatte ich am Morgen erst aus dem Augenwinkel auf Instagram gesehen. Es findet aber, wie auch der Demorave, der mir allerdings ebenfalls bisher nicht geläufig war, jährlich statt. Was wieder schön beweist, was bei mir längst ein Running Gag ist: Ich kann mir noch so viel Mühe geben, die Termine in dieser Stadt, die mich mindestens vage interessieren könnten, sämtlich mitzubekommen und frühzeitig einzuplanen – es ist aber schlicht ein Ding der Unmöglichkeit.

Man muss es wohl so hinnehmen und die Sache eher als ein Glücksspiel auffassen.

Der Flyer zum Jazz Open

Der Fernsehturm im Abendlicht, von Planten & Blomen aus aufgenommen

Die Musikerinnen und Musiker, die dort gerade spielten, machten das zwar, soweit ich es beurteilen kann, ganz hervorragend, aber es war leider etwas mit „Fusion“ und „Cross-over“ in der Beschreibung, und da bin ich leider oft raus. Ich habe einen schrägen Geschmack, aber doch mit Lücken in einigen schrägen Bereichen, pardon. Vermutlich reichen meine Kenntnisse in manchen Fällen nicht aus, um die Darbietungen ausreichend würdigen zu können. Siehe auch klassische Musik, gleiches Problem.

Um mich dennoch freuen zu können, denn ich hatte Freude wahrlich dringend nötig, stellte ich aber fest, dass diese Veranstaltung erstens sehr gut besucht war und dass zweitens die Gäste in vielen Fällen sympathisch aussahen und mehrheitlich einen ungemein entspannten Eindruck machten. Besonders diejenigen, welche sich so etwas wie Campingstühle oder Liegen mitgebracht hatten. Und in einigen Fällen so darauf saßen oder lagen und wirkten, als seien sie kurz davor, per Jazzmeditation im Geiste vollkommen neue Dimensionen zu erreichen, die nie ein Mensch zuvor …

Das gehörte dann wieder zum globalen Offline-Trend. Einfach mal bei einem Konzert wieder gründlich zuhören, sich versenken und innerlich abhauen. Schon schön. Und zwar selbst dann, wenn man gar nicht mitmacht.

Die Musik war also zwar nicht meine, aber ich ging da dennoch mit Gewinn durch das Publikum. Falls Sie dort waren: Da können Sie mal sehen, wie man manchmal sinnvoll und stimmungsaufhellend auf andere wirken kann, ohne das Geringste davon zu bemerken.

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In die Bilder hinein, durch die Bilder hindurch

Auf meiner nachmittäglichen Spaziergangrunde wende ich seit einiger Zeit immer am Rathaus. Genauer gesagt wende ich dort, indem ich durch den Innenhof gehe, dann auf der anderen Seite zurück. Durch diesen Neorenaissance-Hof mit dem so attraktiven Hygieia-Brunnen also. Gestiftet vom Senat nach der vorerst letzten großen Cholera-Epidemie in der Stadt. Mehr Italien-Feeling geht kaum, abgesehen vom Anblick der Alster-Arkaden unter blauem Himmel vielleicht. Es hat ein wenig Florenz-Charme, sich im großen Hof umzusehen und etwas zu verweilen. Aber es ist auch dann charmant und immer wieder beeindruckend, wenn man nur kurz hindurchgeht.

Hamburger Rathaus im Weitwinkel

Ich gehe oft nicht nur hindurch, ich sehe mich auch um. Ich höre den Touristen ein wenig zu, ich rate Sprachen und Herkünfte und versuche, auf Merkmale zu achten. Und ich mache vielleicht auch einmal ein Foto. Was aber hier etwas peinlich ist, weil doch alle Touristen dort Fotos machen und man dann aussieht, als sei man auch so einer, was in der eigenen Stadt doch stets kränkend ist.

Ich ging dort jedenfalls schon durch sicher Tausende von Aufnahmen. Durch Bilder und Videos, durch Familienporträts und Selfies mit Selbstauslösern, durch ambitionierte Architekturaufnahmen usw. Wenn gutes Wetter und Ferienzeit sind, dann kann man dort einfach nicht hindurchgehen, ohne hinterher auf etlichen Fotos und Videos zu sein. Was man in einem Hamburg-Krimi gut verwerten könnte, aber das nur am Rande.

Innenhof des Hamburger Rathauses

Bei den gewöhnlichen Urlaubsbildern à la „Ich oder wir vor Attraktion“ kann man grundsätzlich zwei Hauptkategorien unterscheiden. Zum einen die eher unbeholfen wirkende und mittlerweile zügig veraltetende Variante, bei der sich jemand stumm und stocksteif vor etwas stellt und bemüht in die Richtung der Kamera lächelt, dabei vielleicht sogar noch auf etwas zeigt. Viele ältere Menschen machen das so, sie dokumentieren vermutlich auch ihre ganze Reise auf diese Art. Tante Lisbeth vor Brunnen, Tante Lisbeth vor Denkmal, Tante Lisbeth vor Alster. Es gibt unter Touristen, besonders aus Asien, auch Gruppen, die das mit einer Systematik und Akribie abarbeiten, die schon wieder nach Arbeit aussehen.

Und Tante Lisbeth oder ihre zigtausendfachen Varianten aus aller Welt stehen manchmal derart rührend verkrampft vor der Kamera, dass es mich an die Körperhaltung erinnert, mit der man damals bei Monty Python’s Flying Circus die Dorfdeppen dargestellt hat. Sie erinnern sich vielleicht.

Ich schreibe das allerdings ohne jede Herablassung, denn mein Ding ist es auch nicht, irgendwo elegant zu posen. Diese Begabung hat bisher niemand an mir nachweisen können, sie wird schlicht nicht vorhanden sein. Sehe ich eine Kamera, sieht diese Kamera im Umkehrschluss nicht mehr mich, sondern eine seltsam karikaturhafte Verzerrung von mir, der man die Anspannung und den Fluchtreflex sofort ansieht. Wie bei vielen Fotografierenden hat es einen guten Grund, warum ich immer hinter der Kamera bin.

Innenhof des Hamburger Rathauses

Es ist aber allen jenen gegeben, solcherart zu posen, die zur zweiten Hauptkategorie gehören. Die nämlich zu jeder Zeit und an jedem Ort instagramoptimiert und doch mit lässiger Eleganz herumstehen können. Als sei es ihre Natur. Mit passend gewählten und die Situation bereichernden Gesten oder Grimassen, dabei täuschend echt auch passende Stimmungen simulierend, als sei es das natürlichste Verhalten der Welt. Fast instinkthaft wirkt es manchmal, und wer weiß, vielleicht war die Evolution ja bei diesem Thema tatsächlich so schnell.

Es gibt dabei welche, besonders im jungen Erwachsenenalter, späte Teenies auch, da sieht das noch etwas albern und unreif aus. Als müsse noch ein, zwei Jahre geübt werden. Man erkennt aber schon, wie gut es werden wird, nach der Sturm-und-Drang-Phase. Es gibt auch welche, da muss man von einer eigenen Kunstform sprechen, wenn es um ihr Posen geht. Und es gibt welche, die es mit einer sympathischen, derart tiefenentspannten Selbstironie hinbekommen, dass man unwillkürlich und sogar im schnellen Vorbeigehen denkt: Ja, so ist es wohl richtig. Ihr könnt das, so gehört es.

Es gibt eine weitere Hauptkategorie der Bilder dort. Eine besonders auffällige Gruppe ist darin, nämlich die mit der Hochzeitsfotografie. Mit Zubehör und Ausrüstung, teils in beachtlichem Ausmaß. Manchmal auch mit Personal dabei, mit Reflektorhaltern und Visagistinnen, mit Styling-Beraterinnen und Hochzeitskleidbeauftragten, mit Schleppenträgern und mit Personen, die zwar umtriebig herumlaufen, deren Zweck man als Außenstehender aber nicht erkennt. Am Ende wechseln sie Kamera-Akkus oder dergleichen.

Soziologische Studien könnte man da machen. Denn je nach den Familienhintergründen fallen Styling, Symbolik, Farbgebung etc. stets etwas anders aus. Man erkennt aber auch, und ich finde es immer etwas familienromanmäßig, dass diese Hintergründe sich so mischen, wie es sich in Millionenstädten gefälligst gehört. Dass also etwa der offensichtlich arabische Bräutigam einen offensichtlich russischen besten Freund hat, dass die offensichtlich türkische Braut von einer offensichtlich deutschen Schwiegermutter betüdelt wird usw. Wobei das alles natürlich stets nur geraten ist und man sich immer klar machen muss, dass man in x Fällen falsch liegen wird.

Was aber über alle Hintergründe hinweg gilt: Das Hochzeitspaar sieht nicht unbedingt glücklich aus. Was man sofort nachvollziehen kann, wenn man selbst nicht gerne fotografiert wird, denn wie soll man da dann zwei Stunden mit prächtigem Lächeln stehen? Es ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Der eine Hochzeitsfotograf, der sein Brautpaar immer wieder und schon etwas verzweifelt wirkend mit „Mehr Glück!“ anschrie, wobei er mit den Armen wedelte, als würde er pausenlos kiloweise Konfetti werfen, er ist mir als innerer Running Gag erhalten geblieben. Ich höre seine Stimme manchmal noch rufen, wenn ich morgens aufstehe und vor den Spiegel im Bad schlurfe: „Mehr Glück!“

Hygieia-Brunnen im Innenhof des Hamburger Rathauses

Die Paare sehen oft auch deswegen nicht glücklich aus, weil ihre festliche Kleidung ganz banal nicht zur Außentemperatur passt. Weil etwa der Bräutigam in seinem Anzug sachte geschmort wird oder weil die Braut im schulterfreien Kleid dem Erfrieren nahe ist. Und wenn es schauert und windet, dann ist der Stress für alle gleich noch schlimmer: Alles zusammenraffen und in Deckung hasten, Kleid und Anzug und Deko und Blumen und Make-up schützen. Dann wieder vorsichtig rauskommen, witternd wie Erdmännchen, ob etwa noch einige Tropfen in der Luft sind. Dann die anderen auch rauswinken, weitermachen.

Bei den Frauen sieht es auch manchmal so aus, als würde ihnen die kunstvolle Frisur wehtun. Die ihnen jemand zwar sicher in bester Absicht, aber auch mit robustem Mandat angetan hat.

Und dann gibt es schließlich noch die, und auch die sind so selten leider nicht, da scheint das alles nicht zuzutreffen. Und doch sehen sie nicht glücklich aus, auch nicht fröhlich, nicht einmal gut gelaunt. Da wirkt das Unglück, das sie ausstrahlen, unheimlicher, echter und tiefer. Da möchte man jemandem im Vorbeigehen vielleicht ein warnendes „Sag nein!“ zuraunen. Als Nebenfigur mit einem sehr kurzen, aber doch ungemein wichtigen und vielleicht rettenden Auftritt.

Aber auch dabei, versteht sich, kann man sich täuschen. Das hält mich bisher noch zurück, und ich belasse es beim Beobachten.

Aber es ist nicht immer einfach.

Ein Sticker mit der Aufschrift "Liebe"

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Linkwerk zum Wochenende

Gesehen:

Kaum ein paar Minuten Filme oder Serien habe ich geschafft, und nur kurz sah ich die in der letzten Ausgabe noch spöttisch behandelte Krimiserie „Murder in a small town“ weiter, bei der mir der Gattungsbegriff so suspekt war: Cosy Crime.

Mir fiel nämlich noch ein, dass jemand, der mit Agatha Christie und Dorothy L. Sayers in seiner Jugend in die Krimiwelt eingestiegen ist, jemand, der später etwa die Bücher von Janwillem van de Wetering mochte und der im Fernsehen gerne so etwas wie Columbo sah, womöglich aus einer ausgeprägten Cosy-Crime-Welt kommt. Cosy Crime war wohl unser Normalfall, bevor es alles in Richtung blutrünstiger Thriller und immer üblerer Massaker eskalierte. Nur dass es damals nicht so hieß. Wir hatten ja nichts! Nicht einmal schick benannte Schubladen.

In dieser Serie versucht der Polizeichef jedenfalls etwas, das man sonst eher selten sehen kann, so weit ich weiß. Er versucht nämlich, ein guter Vorgesetzter zu sein. So etwas wird normalerweise ex negativo erläutert, indem krasse Verfehlungen der Leitenden vorgeführt werden. Dass aber einfach Positives gezeigt wird – es ist doch selten, nehme ich an.

Eine Rezension gibt es z. B. hier bei den Serienjunkies.

Detail der Station Elbbrücken, der Verbindungsgang zwischen U und S.

Gelesen:

Spontan und schnell eingeschoben durchgelesen habe ich zwischendurch das in der letzten Ausgabe dieses Formats aufgetauchte „Botanik des Wahnsinns“ von Leon Engler. Hier die Verlagsseite dazu. Interessant und mitreißend ist das. Hier und da mit einem gewissen Meyerhoff-Faktor im Tonfall, dabei aber ungeheuer ernst in der Thematik. Hat mir sehr gefallen.

Kid37 erlebt Positives in für Hamburger Verhältnisse ungeheuren Dimensionen.

Thomas Gigold:Wieso es keine gute Idee ist, Einsteigerjobs durch KI zu ersetzen

Dies und das aus den Bergen“ – und zwar aus französischen Bergen und außerdem sehr, also wirklich sehr ansprechend bebildert.

Blick elbawärts von der Station Elbbrücken aus

Die Sache mit der Bucket-List wieder einmal, diesmal bei Fragmente.

Kinder, es liegt ein herbstlicher Faden in der Luft!, würde mein Großvater selig jetzt sagen, und alle seine zahllosen Kinder würden genervt mit den Augen rollen, und am Ende hätte er aber wieder recht. Wie immer.

Eine Meldung sah ich, die mich gar nicht dringend interessiert hat, zum Konzert der Toten Hosen in Hamburg. Ich überflog sie nur, blieb dann aber kurz an einer Stelle hängen – und wenn Sie auch zu diesen Leuten gehören, die Verfilmungen und weitere Bearbeitungen für andere Gattungen, Roman, Kurzgeschichte, Theater etc. jederzeit spontan vor sich sehen, dann wissen Sie gleich auch, warum ich hängenblieb:

Auch nach 44 Bandjahren versprühen die Toten Hosen reichlich Spielfreude, zugleich merkt man ihnen die Routine (positiv) an. Nur einmal geht etwas schief. Bei „Wannsee“ lässt sich Campino ins Publikum fallen, doch das ist von der spontanen Einlage überrascht und fängt ihn nicht auf. Der 64-Jährige landet etwas unsanft auf dem Hosenboden, steht aber schnell wieder auf der Bühne.

Und jetzt bitte alle im Chor und in angemessenen Kapitälchen: „DAS KANNSTE DIR DOCH NICHT AUSDENKEN!“

Weitere Links im aktuellen Newsletter von Ligne Claire. Im dazugehörigen Blog wird noch einmal die Motivation für diesen Newsletter zusätzlich zum Blog (oder auch später stattdessen) erläutert, und ich finde es interessant, dass die Sichtweise natürlich vollkommen legitim, für mich aber überhaupt nicht nachvollziehbar ist. Andere Leute, andere Gedanken, es überrascht doch immer wieder.

Glaskuppel über dem U-Bahnsteig Elbbrücken

Gehört:

In der Hörsaal-Reihe von Deutschlandfunk Nova gab es einen Vortrag des Wirtschaftshistorikers Klaus Weber: „Ungleichheit – Über Reichtum und Überreichtum“.

Es wird einem vielleicht ein klein wenig schlecht dabei, das möchte ich nicht ausschließen.

Beim BR eine Sendung über die Qualität und Genauigkeit der Klimawarnungen aus der Wissenschaft, mit historischem Rückblick und Erinnerungen an frühe Warnungen in den Medien.

Im Medienpodcast beim Deutschlandfunk gab es eine Sendung mit Matthias Spielkamp von Algorithmwatch – wie sich Algorithmen auf Medien und Gesellschaft auswirken.

Im History-Podcast hörte ich eine Folge „Wie war das damals? Als Pizza und Döner nach Deutschland kamen

Außerdem die Hörbuchversion (gelesen vom Autor) der Poetik-Vorlesung von Sven Regener: „Zwischen Depression und Witzelsucht – Humor in der Literatur.

Außengastro an der Kleinen Alster, eine Frau mit Aperol, von oben und von hinten fotografiert

Zur Musik. Um Dolly Parton zu würdigen, muss ich über die Auswahl nicht lange nachdenken, denn sie hatte so fantastische Kooperationen, etwa hier mit einem Neil-Young-Titel:

Oder hier mit einem der Carter-Family:

Und bei Tim Curry fällt die Wahl a little too obvious aus, aber was soll man machen: Es muss doch so. Und es ist und bleibt einfach ein anbetungswürdiger Auftritt.


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Momente des Arturs

Das morgendliche Bloggen findet heute erst am späten Nachmittag statt, weil ich ja bekanntlich wild, spontan und gefährlich lebe. Weil ich auch vollkommen unberechenbar bin, weil ich wider den Stachel löcke und außerdem: Je öller, je döller. Und all das. Dazu demnächst sicher auch noch mehr, fällt mir dabei auf, da könnte ich noch einige Gedanken notieren. Aber das nur am Rande, es gehört hier gerade noch nicht hin.

Ein wenig unterbreche ich den Rhythmus der allzu regelmäßigen Morgenbloggerei aber auch deswegen schon wieder, weil ich gerade mit hoher Dringlichkeit dem ergiebigen Regen auf dem Dachfenster über dem Schreibtisch noch etwas länger ergriffen zuhören muss. Nur ein Viertelstündchen!

Denn für den Freundeskreis Herbst ist es doch ein wahrhaft schönes Geräusch. Nein, ist es geradezu ein Stück feinster Musik und außerdem Verheißung und Verlockung, der Sirenengesang der nächsten Saison.

Und wenn das kein Argument ist, nicht wahr?

Blick über die Elbbrücken Richtung Süden

Wenn ich ins Büro gehe, stehe ich morgens hier und denke kurz an das, was da in der Blickrichtung liegt, denke ich also an Südelbien. Was es da wohl alles geben mag, wie es da wohl zugeht und was ich da alles verpasse? Dann denke ich aber wieder: Ach nee, lass mal. Dann gehe ich erneut nordelbisch ins Büro und stelle dabei fest: Es ist auch gut so.

Wie auch immer. Dieses nur eben notiert, weil sonst wieder Klagen kommen, wenn zum Frühstück kein Text ausgeliefert wurde, denn ich bleibe ja so weit serviceorientiert.

Zum Rest und zum Linkwerk später.

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Wandertag

Weihnachtsfeier mit meiner Abteilung in der Brotberufsfirma gehabt. An dieser lapidaren Feststellung Ende August erkennt man immerhin schön, dass „Man kommt ja zu nichts“ keineswegs nur mich betrifft. Dass es vielmehr ein breiteres und auch gründliches Phänomen ist, das sich auf die Kalender und Vorhaben diverser Leute verheerend auswirkt.

Es wurde dann eher so etwas wie ein Wandertag. Bei einem Wetter, das dafür dermaßen gut geeignet war, dass es allen Beteiligten dermaßen rechtmachte, dass es, siehe Text von gestern, schon fast wieder etwas unheimlich war und man insgeheim nach Unwettern Ausschau hielt. Die aber diesmal ausblieben, die also fest für das nächste Mal eingeplant werden.

Nicht alle Teilnehmenden waren aus Hamburg. Ich habe daher noch einmal erlebt, dass der Alte Elbtunnel, wenn man dergleichen noch nie gesehen hat, ebenso überraschend wirkt wie auch hervorragend vorführbar ist. Dass da so gut wie alle staunend im gewaltigen Treppenhaus und vor den alten Fahrstühlen stehen. Zum einen wegen des Bauwerks an sich. Dann aber auch wegen eines Umstandes, bei dem man es kaum schaffen kann, nicht mit der Gegenwart zu vergleichen. Die dabei aber nicht allzu gut abschneidet, nämlich wegen des Umstandes, dass dieses Bauwerk schön ist, dass es durchdacht gestaltet wurde, dass es als Kunstwerk gelten muss – und dabei ist es doch bloß ein Tunnel. Was in unserer Gegenwart routinemäßig schlicht als schmucklose Betonröhre dargestellt wird, liebos und kostensparend ausgeführt. Ungefähr so attraktiv wie ein Parkhaus von innen sind die Tunnel unserer Zeit und Kunstfertigkeit.

Die Fußgängerröhre des Alten Elbtunnels

Mit der Hafenfähre weiter durch die durchgehend bildbandtaugliche Elbszenerie bis nach Teufelsbrück und dann hoch in den Jenischpark. Wobei es einem auch als Hamburger erneut auffällt, wie außerordentlich vorzeigbar das alles ist und wie logisch also der Tourismus ist. Ob er einem nun passt oder nicht. Natürlich möchte man das alles sehen, erleben, fotografieren etc. Daran gibt es gar nichts zu diskutieren und man kann den Leuten ihre Reisen nicht übelnehmen. Ich will es ja auch sehen, und sogar immer wieder.

Dann stellte ich etwas überrascht fest, dass neben dem Jenischpark noch ein weiterer Park liegt. Der Westerpark, in dem ich noch nie war. Was aber nur ein weiterer Beweis von Hunderten dieser Art ist, welche man über die Jahre sammelt. Dafür nämlich, dass man auch als Einwohner einer Stadt diese keineswegs jemals gut genug kennen kann. Dass man mit großen Städten nicht fertig wird.

Das Jenischhaus im Weitwinkel

Ausgezeichnetes Essen gab es im Restaurant Quellental. Man saß im Freien, im Halbschatten unter alten Bäumen. Man hätte jemanden wie den Herrn Liebermann bestellen mögen, diese attraktive Sommerszene eben zu skizzieren, denn es sah alles ganz so aus, als sei es das durchaus wert. Und als nach dem Essen die Augen etwas schmaler wurden und der fehlende Mittagsschlaf sich bemerkbar machte, sah es gleich noch viel deutlicher so aus.

Salatteller im Restaurant Quellental

Vom Restaurant aus waren es, und ich stand einen Moment staunend vor dem Schild, nur 800 Meter zur S-Bahn Klein Flottbek. Staunend stand ich deswegen, weil ich an dieser Station sicher mehr als tausendmal umgestiegen bin. Vom Bus in die Bahn, jahrelang und immer wieder. Nie auch nur ahnend, dass direkt hinter der Station dieser Park, dieses Restaurant …

Und es ist natürlich eine Binsenweisheit, aber doch tatsächlich gut, sich wieder klarzumachen, dass man eine weitere interessante Auffaltung der Wirklichkeit stets hinter jeder Ecke vermuten muss. Was ausdrücklich auch die Ecken umfasst, die man zu kennen meint.

Blick über die Lombardsbrücke Richtung Rathaus

Man könnte hier schon wieder an Kafkas Landarzt erinnern, der plötzlich Pferde im Stall sah, von denen er nicht einmal wusste, dass er sie besaß, dass es sie überhaupt gab: „Man weiß nicht, was für Dinge man im eigenen Hause vorrätig hat.“

Also nicht immer nur „Mind the gap“, sondern öfter auch „Mind the corners“ beachten.

Das vielleicht einmal unauffällig unter die gerade geltenden Lebensregeln mischen? Ich merke mir das vor.


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Pegel halten

Auch diese Woche entwickelt sich in ungeahnte Dimensionen der Komplexität. Sie ist nennenswert zu voll, will viel zu viel, bietet andererseits auch zu viel, führt also wiederum zu Verhedderungen und Verstrickungen.

Zu meiner neulich erwähnten kleinen Projektidee komme ich bisher auch nicht, was meine Laune etwas absenkt. Allerdings merke ich beim Nachdenken darüber, dass mir der Projektwunsch erhalten bleibt, was die Laune gleich wieder etwas hebt. Der Pegel wird also gehalten. Immerhin! Man muss stets das Immerhin des Tages finden, um die seelische Stabilität zu wahren, ich sage es ja.

Ich habe allerdings auch an diesem Morgen entgegen allen Erwartungen gar keine Zeit, einen Text zu schreiben. Keinen Slot habe ich frei für die besinnliche Bloggerei, so eng nämlich fällt das alles aus, und es will wirklich etwas heißen.

Ich kann stattdessen nur kurz etwas notieren. Dabei kommt zwar, wie Sie unschwer erkennen können, am Ende auch etwas Text heraus, aber! Sie verstehen, und ich bemühe mich hier um einen verschwörerischen, raunenden Tonfall: Es ist ein Trick. Ein Trick, mit dem ich mich gekonnt selbst ausdribbele. Je älter ich werde, desto mehr verfestigt sich übrigens meine Erkenntnis, dass die Anwendung von Tricks gegen die eigene Psyche zu den erstrebenswertesten Learnings im Leben gehört. Also im Rahmen gewisser Grenzen des selbst definierten Anstandes, versteht sich, denn man soll sich bekanntlich auch nicht zu schlecht und zu hinterhältig behandeln.

Ein Bemerknis von gestern jedenfalls in diesem Zusammenhang. Da wachte ich nämlich noch besser gelaunt auf, als es bei mir ohnehin routinemäßig der Fall ist, denn wie Sie wissen, finde ich die frühen und auch die sehr frühen Morgenstunden super und möchte, wie die Möwen in „Findet Nemo“ beim Anblick etwa der 4 oder der 5 auf der Uhr, immer „Meins! Meins!“ schreien.

Aber gestern war die Stimmung doch irgendwie spürbar … drüber. In etwa so, dass ich die ganze Zeit hätte pfeifen mögen („just whistle while you work“). Die noch schlafenden Familienmitglieder hätten sich gewiss innig bedankt. Oder mit Gegenständen geworfen.

Wie ich da also am Schreibtisch saß und dermaßen morgenvergnügt war, dass es sogar mir schon leicht dubios vorkam, dachte ich kurz, und die Stimme meiner Lübecker Großmutter klang dabei wieder an: „Hähne, die am Morgen zu früh krähen, holt abends der Fuchs.“ Man könnte hier ergänzend eine profunde Redensart-Kritik anschließen und auf die bremsende, wenn nicht sogar abwürgende Funktion dieser mindestens zweifelhaften Aussage hinweisen, überleitend zum übellaunigen Volkscharakter etc. Aber dafür fehlt mir nun wirklich die Zeit, worum soll ich mich noch alles kümmern.

Mindestens eine meiner etwas zaghafteren inneren Persönlichkeiten war dem Sinn dieser Redensart aber interessiert zugewandt, merkte ich dann. Und exakt in dem Moment, in dem ich dies dachte, sah ich auf Instagram „zufällig“ einen Post, der auf den Begriff Cherophobie verwies. Der Begriff beschreibt eine Aversion, die auch für die Anhänger von Anhedonie und Dysphorie ein bekanntes Thema ist, nämlich die Aversion gegen das Glück oder die Angst davor. Zusammen klingen die drei Fachbegriffe zweifellos ebenso beeindruckend wie faszinierend. Und zunächst gar nicht so furchtbar freudlos, wie sie sind.

Der Begriff Cherophobie begegnete mir aber nicht nur in genau diesem Moment, sondern damit zum dritten Mal in wenigen Tagen und durch verschiedene Quellen. Wobei ich ihn vorher meiner Erinnerung nach nicht einmal kannte. Er war aber jetzt auf einmal da, er war so etwas von da. Und hier gilt selbstverständlich wieder: Ich bin zwar nicht paranoid, aber ich erkenne doch Muster.

Ich las also pflichtgemäß weiteres zur Cherophobie nach, etwa hier im psychologischen Fachmagazin Glamour, wo es allerdings als Frauenleiden beschrieben wird (für die männliche Variante siehe hier bei Esquire). Dann las ich noch mehr und noch mehr nach, denn solche Rabbit Holes machen auch Spaß, wenn nicht sogar glücklich. Also mich jedenfalls.

Und ich dachte dann und sprach zu mir selbst, denn es war sonst noch niemand wach: Nee, das haste nicht. Du würdest dich schon freuen, zweifellos doch. Wenn du etwas finden würdest, worüber du dich wirklich, also ganz wirklich freuen könntest, und du könntest auch furchtlos Glück dabei empfinden. Echtjetztmal.

Dann überlegte ich, was das denn sein könnte, worüber ich mich zweifellos gründlich freuen würde, was mich also glücklich machen würde. Und mir fiel etwas zu lange nichts ein. Bis ich mich wieder darauf besann, dass es doch der Anfang der morgendlichen Gedankenrunde gewesen war, sich sogar einfach so zu freuen, nicht einmal einen aufspürbaren Anlass dafür zu haben.

Womit erstens der Befund der Cherophobie bei mir erst einmal ausreichend widerlegt war. Und womit zweitens wie nebenbei noch ein schöner Beweis angetreten wurde, dass es durchaus zweckmäßig ist, zweckmäßig, richtig und zielorientiert, seine Gedanken kreisen zu lassen. Immer wieder und bis zum Anfang zurück, erneut über Start. Denn man kommt am Ende eben doch vorwärts.

Na, wie auch immer. Dieses Thema vielleicht auch einmal in einem lehrreichen Vortrag beim Freundeskreis Overthinking aufarbeiten! Aber ich komme ja zu nichts, ich habe doch nicht einmal Zeit genug für diesen Text hier.

Schlimm.

(Der Autor geht grundlos kichernd ab und achtet im weiteren Verlauf des Tages verstärkt auf Füchse.)

Ein Sticker mit der Aufschrift "Labil bleiben"

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Mit Blick aufs Elend

In der letzten Woche stand ich zwischendurch am Bürofenster in der Hafencity und sah hinaus auf das bekannte Hamburger Demotivations-Mahnmal direkt vor mir. Wir konnten diese auch bundesweit bekannte Ruine des Elbtowers aus der lange mäandernden Wirtschafts-Saga der Signa-Pleite, in die man laut Wikipedia schon 400 Millionen Euro Baukosten versenkt hat, ohne allerdings etwas Brauchbares erreicht zu haben, zwar auch schon aus den Konferenzräumen des alten Büros in Hammerbrook sehen, nun aber arbeiten wir direkt vor ihr. Mit freiem Panorama-Blick auf Unfertiges also.

Das Logo der Signa-Gruppe, daneben Graffitis

Mit direkter Aussicht auf ein Monument, dessen eindringliche Hauptaussage für die sinnenden Betrachter wie mich wohl zweifelsfrei ist: „Lass mal, das mit den Plänen, es wird eh alles nichts.

Die Ruine des Elbtowers

Wir fragten uns dann noch kurz im Kollegenkreis, was damit nun eigentlich sei, mit dieser verelendeten Rohbauleiche. Da sollte doch das neue Naturkundemuseum einziehen, war es nicht so? Es gab doch einen Beschluss, einen kühnen? Daran sollte doch weitergebaut werden, an dem tragischen Trumm, nur ein Drittel weniger in die Höhe oder so, eine Variante von „reduce to the max“ sollte es werden? Da gab es doch Zusagen und Pläne, Investitionsvorhaben und neue Geschäftspartner, all das.

Wie bestellt gab es dann am nächsten Tag prompt Updates zum Thema in den Zeitungen und anderen Medien. Dahingehend, dass es leider doch nicht allzu gut aussehe. Dass die Verhandlungen nicht vorankommen würden, dass die Investments verklemmt seien, dass dieses Projekt weiter und vielleicht bis in alle Ewigkeit ruhe.

Ja, so sieht es auch aus. Seit wie langer Zeit schon, seit mehreren Jahren steht der Bau nach allen Seiten offen als Riesen-Beton-Skelett da. Wind und Wetter fahren jederzeit ungehindert hindurch, die Jahreszeiten toben sich an den offenen Flanken aus. Und ohne, dass auf der Baustelle jemals etwas passieren würde, nimmt die nähere Umgebung hier und da Schaden, weil der sinnlose Sockel sich langsam senkt und nach unten in den Grund drückt, wodurch anderes ringsum nach oben bewegt wird. Wodurch sich vielleicht auch die Schienen der vorbeifahrenden Züge verbiegen könnten etc.

Die U- und S-Bahn-Station Elbbrücken, vor der diese besondere Baustelle zu finden ist, erfreut sich auch bei Touristen großer Beliebtheit. Sie ist noch recht neu im Stadtbild, diese Station. Sie ist fotogen und architektonisch besonders schick, sie bietet zudem einen hervorragenden Ausblick über die Elbe. Man sieht dort so schön, wohin die Bahn einmal weiterführen soll, über den Fluss hinweg und in Richtung Grasbrook, zum Moldauhafenquartier. Wo alles erst noch entstehen soll, das wird dann der Hafencity nächstes Kapitel.

Das innere der Station Elbbrücken, Glas und Stahl, schwarze Wände

Die Station Elbbrücken (U-Bahn-Teil) im Panoramablick

Blick von der Station Elbbrücken über die Elbe, künftige Weiterführung der Strecke

Blick von der Station Elbbrücken elbabwärts

Man fährt also als Gast in der Stadt dorthin, zu dieser Station, man geht herum und macht Fotos. Und zeigt zwischendurch vielleicht auf das dunkel ragende Mahnmal: „Guck, das ist das, was auch in den Nachrichten war. So sieht das aus.“

Und dann lästert man einen Moment. Wahlweise über Olaf Scholz, dessen Verbindung zum Turm man vielleicht noch im Gedächtnis hat. „Olaf ist an allem Scholz“, wie es auf etlichen Stickern in der Stadt heißt. Die Medien hier verweisen zudem immer wieder auf die Bezeichnung „Kurzer Olaf“ für den angefangenen Turm, denn „das Volk“ würde das so nennen, wobei dieses Volk in Wahrheit höchstens spöttisch die Medien mit dieser Bezeichnung zitiert. Oder aber man lästert über die Hybris des Menschen an sich. Babel und dergleichen, Turmbauten sind auch historisch belastet.

Über den Kapitalismus spricht man auch, über das System, über die Gegenwart und unsere kaputte Gesellschaft, den Niedergang des Landes usw. Vieles gibt es, was einem zu dem Anblick einfallen kann. Ich höre oft kurz mit, während ich auf die U- oder S-Bahn warte.

Es wird manchmal auch angemerkt, dass man so etwas früher aber hallo und mit großer Selbstverständlichkeit fertiggebaut hätte. Plangerecht und im korrekten Timing, weißte? Denn das gab es ja früher nicht, dass nichts fertig wurde. Früher wurde immer alles fertig! Deswegen stehen auch überall fertige Sachen von früher herum. Logisch.

Heute bauen aber nur noch die Chinesen etwas fertig. Die auch so einen Turm in ein paar Wochen hinbekommen würden, wie jedermann weiß. Denn die können das komischerweise. Da auch mal drüber nachdenken!

Ja, es fällt allen etwas dazu ein. Auch Forderungen, es versteht sich fast von selbst. Etwa die Forderung nach dem zügigen Abriss des Riesenstumpfes. Oder nach dem sofortigen Umbau des Restes in billigen Wohnraum oder aber nach zackiger und planmäßiger Fertigstellung. Und nach dem Abbau all der sicher unsäglichen bürokratischen Hindernisse, nach dem Aufheben sämtlicher Bauvorschriften, die ohnehin nur alles aufhalten und behindern.

Man macht dann auch Fotos vom Elend. Weil man heute eben von allem Fotos macht. Die kann man später zuhause auch denen zeigen, die auf dem Hamburg-Trip nicht dabei waren. Neben all den schöneren Bildern aus Hamburg, neben den Azzurro-Postkartenmotiven von Alster und Elbe zeigt man eben auch das:

Nun guck dir das doch mal an! Das ist dieser Elbtower. Oder was das mal werden sollte. Das wird aber nix mehr, das kannste voll vergessen.

Aber wie auch immer.

So spendet Segen noch immer die Hand

des René Benko am Elbestrand.

Das wollte ich nur eben anmerken, nachdem ich also wieder einmal eine Weile in diese Richtung gesehen hatte.

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Analoge Reliquien

Es ist der 24. August. Damit endet meine Sommerpause, die aber eh schon ausgedünnt wurde, nun auch offiziell. Allerdings habe ich kaum Notizen gesammelt und stehe recht blanko da, also für meine Verhältnisse. Ich habe zwar schon etwas im Sinn, um dem entgegenzuwirken und meine Gier nach frischem Content, Ideen und Gedanken zu befriedigen, etwas Projektähnliches ist es fast. Aber ich will in dieser Woche erst einmal sehen, ob es auch machbar ist, ob es konveniert.

Bllick über die Kleine Alster in Richtung Jungfernstieg

Blick über die Binnenalster in Richtung Rathaus

Blick vom Westfield über die Elbe

Ein Bemerknis vom letzten Wochenende noch. Da habe ich ein Update zum hier oft schon erwähnten globalen Offline- und Analog-Trend, der quasi eines der zeitgeistigen Leitthemen 2026 ist. Denn es begab sich, dass innerhalb von nur zwei Stunden erstens einer der Söhne, für den das Wort „Buch“ bisher eher unter die Abstrakta fiel, mich aus außerschulischen Gründen nach einer GEDRUCKTEN Ausgabe eines Werkes von Kafka fragte. Die ich dann prompt nicht im Regal hatte, getreu der alten Regel: kein Tag ohne Demütigung. Und dass zweitens der andere Sohn den Wunsch aussprach, einen Plattenspieler besitzen zu wollen. Was er beiläufig erwähnte, während er durch gerade ergatterte Alben blätterte.

Darunter „Relics“ von Pink Floyd, das ich auch einmal besessen hatte. Und das ich also, hätte ich nicht wie all die anderen Deppen in meinem Alter die Platten aus meinen Regalen irgendwann sämtlich verkauft, hätte vererben können. Na, man macht Fehler. Auch größere. Um die Platten tut es mir doch mehr und mehr leid, je länger ich darüber nachdenke, je mehr Jahre vergehen.

Auf „Relics“ war jedenfalls das damals gern gehörte „Cirrus Minor“. “The song has a hallucinogenic, pastoral quality, with prominent organ and bird sound effects, like those later that year featured on the Ummagumma track „Grantchester Meadows”.

Ich mache uns das mal eben an. Nicht ohne zuzugeben, dass dieser Song am Montagmorgen womöglich eine nur bedingt motivierende Wirkung hat. Er könnte sogar eskapistische Tendenzen befördern. Es tut mir leid.

Diese Lyrics sind mir immer noch seltsam vertraut. Wir haben das Stück damals gründlich wie ein Shakespeare-Sonett in Musik durchgenommen, in der zehnten Klasse etwa, und zwar taten wir das ausgesprochen gerne. Wir hatten da einen Lehrer, der mit uns die Geschichte der Popmusik durchgenommen hat, der uns ihre groben Richtungen kundig erklärt hat, der die Schubladen und Verzweigungen erläutert hat und uns dabei jeweils die Meilensteine vorgespielt hat. Der mit einem jeweils vollkommen angemessen feierlichen Gesichtsausdruck Heiligtümer der Popkultur vorgeführt hat. Von denen er so restlos begeistert war, dass wir es zu verstehen meinten.

Es kommt mir heute noch so vor, als seien diese Stunden mit die sinnvollsten am Gymnasium für mich gewesen. Neben denen, in denen wir in Deutsch verschiedene Verfilmungen zu Romanen gründlich verglichen haben. Wer da also was, wie und warum aus dem Text in Bilder übertragen hat. Was ich damals ähnlich erhellend fand. Dieser Musiklehrer jedenfalls, er konnte etwas und er liebte sein Fach.

Wie passend aus heutiger Sicht der Titel „Relics“ auf einem Plattencover aus den Sechzigern des letzten Jahrhunderts ist, das fiel mir an diesem Wochenende erst auf.

Falls das mit den eskapistischen Tendenzen bei Ihnen nach dem Genuss von Cirrus Minor versehentlich greifen sollte, schlage ich vor, sich dem einfach hinzugeben. Keine halben Sachen. Wenn schon geistig raus, dann gleich gründlich. Deswegen schiebe ich noch eben Grantchester Meadows hinterher. Mit einem Video, bei man über diese beiden jungen Leute mit Gitarren staunen kann, die so friedlich miteinander zu spielen scheinen.

Auf eine entspannte Woche für Tagträumende und für alle, die wieder eher tausend Nebendinge treiben, als den Frosch zu essen, für die geistig Abwesenden aller Art.

Wir melden uns erst einmal körperlich anwesend, was immerhin nicht gelogen ist. Und machen ansonsten aber erst einmal keine Versprechungen, on our trip to cirrus minor.

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Beschwerden und Beobachtungen

Ganz im Sinne meines letzten Textes zum saisonalen Kippen in der zweiten Augusthälfte gab es, noch bevor die sommerliche Wärme in der kommenden Woche noch einmal voll aufgedreht wird, einen Sonntagmorgen und Vormittag mit der üblichen Heimat-Temperatur, also mit stabilen 12 Grad. Regen gab es noch dazu, ergiebige Schauer nennt man das dann in den Wetterberichten, was da herunterkam. Außerdem Wind, der aufrauschend durch das nasse Laub auf dem Spielplatz fuhr. Keine Kinder oder Eltern waren weit und breit zu sehen, leere Schaukeln nur und Pfützen in der Sandkiste, es war ein Drinnenspielwetter wie im Bilderbuch.

Aus der Kirche hörte ich Orgelmusik. Aber was da durch den Regen herangeweht wurde, das nutzte sich auf der kurzen Strecke zu mir schon so sehr ab, dünnte unterwegs schon so aus, dass es bei mir wie Spott auf Kirchenlieder ankam. So lustlos heruntergeleiert klang das, so schwunglos, langweilig, fad und zerfasert, so vorhersehbar war es auch in der Melodieführung. So würde man dieses Kirchengeorgel nachmachen, wenn man es nicht ausstehen kann. Es liest sich immer so gut, wenn der Wind von irgendwoher, von einem benachbarten Fest oder dergleichen, etwas Musik herüberweht …

„Vom Grand-Hotel weht der Nachtwind hin und wieder

einige Takte Tanzmusik herüber.

Gläser klingen, Lachen, weiße Jacketts und schöne Frauen.

Kennen Sie das noch?

Es ist aber durchaus nicht immer gut, was da herangeweht wird.

Nacheinander landeten dann Eichelhäher, Rabenkrähe und Elster auf dem Balkongeländer, um sich in durchaus begrenzter Höflichkeit, in eher schon fortgeschritten forscher Direktheit dahingehend zu äußern, dass es erbärmlich kühl an diesem Tag sei, dass es außerdem reichlich nass und auch fortgeschritten chillig in dieser ohnehin zugigen Stadt sei. Sie plusterten sich jeweils theatralisch dabei auf, um zu illustrieren, wie nass und kalt sie waren. Und sie warfen dabei mit langem Hals und schräg gelegtem Kopf demonstrative Blicke in den leeren Blumentopf, in dem im Herbst und im Winter die Erdnüsse zuverlässig für sie bereit liegen. Jetzt aber noch nicht! Und es war ein unheilvolles Ausrufezeichen in diesem Satz, welches sie krächzend und keckernd betonten, alle drei.

Ich konnte ihnen aber nicht helfen. Ich habe noch gar keine Erdnüsse im Haus, ich bin noch nicht so weit.

Außerdem sollen es noch einmal fast 30 Grad werden, und zwar in zwei Tagen schon. Womit dann vielleicht das große Sommerfinale aufgeführt werden wird, das jährliche Special zum Staffelende. Aber das wussten diese drei Vögel natürlich nicht, denn die nutzen keine Wetter-Apps. Die leben vielmehr so dermaßen im Hier und Jetzt, davon können sämtliche spirituell interessierten Menschen nur träumen. Vollkommen unerreichbar bleibt uns diese Gegenwärtigkeit.

Aber es hat Vor- und Nachteile, wie alles.

Um zehn Uhr fingen dann die Glocken an zu schlagen, und zeitgleich brachen die ersten Sonnenstrahlen durch, nahezu auf die Sekunde genau. Ich stand am Fenster und freute mich für die religiösen Menschen, deren Existenz in der Nachbarschaft ich dabei voraussetzte, auch wenn ich keinen einzigen Kirchgänger sehen konnte, über den kleinen Kick, den sie diesem Zusammentreffen von Glockenschlag und Sonnenstrahl vielleicht entnehmen konnten.

Denn man muss auch gönnen können. Das ist sehr wichtig und hebt die Stimmung. Auch oder gerade an einem ansonsten verregneten, deutlich eingetrübten Sonntagvormittag.

Blick über die Binnenalster vom Jungfernstieg aus, im Vordergrund Menschen unter Regenschirmen

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Linkwerk zum Wochenende

Gesehen:

Zwei kurze Sendungen auf arte sah ich, je nur um zwanzig Minuten lang. Hier mit YouTube-Links: „Ist Monogamie eine Erfindung?“ und „Wie monogam ist der Mensch?“ Dabei habe ich festgestellt, dass meine Allgemeinbildung bei diesem Thema sogar recht gut abschnitt. Das meiste war mir bekannt, und teils war es sogar gut bekannt. Das kann man auch tröstlich finden – habe ich also doch phasenweise aufgepasst.

Allerdings würde ich diese Sache mit der Monogamie auch für ein Thema halten, bei dem man aus dem Wissen um die Vergangenheit und aus all den Erkenntnissen in der Biologie, in der Ethik, in der Kulturgeschichte und in welchem Fachgebiet auch immer vergleichsweise wenig Schlussfolgerungen für das eigene Leben und die eigenen Maximen ziehen kann. Es ist der Fluch der freien Welt und der mit Wissen so angereicherten Gegenwart, wir können es uns vollkommen beliebig aussuchen (zumindest in diesem Land), was wir bei diesem Thema richtig finden. Und wir können das dann auch mehr oder weniger folgerichtig anstreben.

Aber wir müssen es eben auch selbst aussuchen. Denn auch diejenigen, die glauben, nicht gewählt zu haben, trafen längst Entscheidungen dazu. Es sind allerdings, was es insgesamt für uns alle nicht lustiger macht, zumindest außerhalb von romantischen Komödien im Kino nicht, durchweg reversible Entscheidungen.

Da passen gerade noch einmal Herman Dune und Mayon, fällt mir ein, mit dem ebenso weisen wie schönen Lied: „You’re the buffoon of love.“

„From Senegal to Mexico

People say I told you so

From the Holy Land to California

People say well did’nt I warn you

That love is a ruthless king

For whom you dance and sing – oh

You’re the buffoon of love.”


Was man als Zusammenfassung des Ganzen wohl so stehen lassen kann. Tiefer, so steht zu befürchten, wird unsere Erkenntnis zu dem Thema in diesem Leben nicht mehr werden, liebe Gemeinde.

Blick über die Außenalster mit Segelbooten

Ich sah außerdem, nein, ich sehe immer noch: „Jeanne du Barry – Favoritin des Königs“, hier bei „Wer streamt es“ und hier die Wikipedia-Seite. Ich finde den Film etwas besser, als es dort zum Ausdruck kommt. Vor allem, weil er etliche geradezu gemäldeschöne Bilder und Szenen enthält, bei denen ich kurz auf Stopp drücken und mich hineinträumen möchte. Dafür bin ich anfällig, so etwas mag ich.

Gelesen:

Offline durchgelesen habe ich den Novellenband von Maupassant, „Die vertane Schönheit“. Seine letzte Sammlung von solchen Erzählungen war das. Darin enthalten sind etliche Story-Ideen, die modern anmuten, die auch leicht zu übertragen wären in spätere Jahrzehnte. Die vielleicht sogar etwas später noch besser funktioniert hätten. Er hat, könnte man vermuten, in Bezug auf Pointen, Wendungen und überhaupt Erzählkonstrukte seiner Zeit etwas voraus gedacht.

Das nächste Buch ist von Bruno Schulz: „Das Sanatorium zur Sanduhr“, neu übersetzt von Doreen Daume. Hier die Verlagsseite bei Hanser, hier die Perlentaucherseite dazu.

Der überaus filmkundige Kid37 vom hermetischen Café wies mich darauf hin, dass es zwei Verfilmungen zu diesem Buch gibt, eine von den Brothers Quay und eine von Wojciech Has.

Da hat man also gleich noch mehr vor, wenn man schon dabei ist, und das ist in kultureller Hinsicht meist angenehm und willkommen.

Bei Hanser heißt es:

„Das Sanatorium zur Sanduhr“ ist ein Buch über die verrinnende und die stehenbleibende, über die wuchernde, sich verästelnde und die rückwärts ablaufende Zeit. Es ist ein Buch über die Jahreszeiten mit ihrem Licht und ihren Gerüchen, aber auch ein Buch der kindlich-zarten Erotik, und nicht zuletzt ein Buch der grotesken Gestalten, das ein phantastisches Universum eröffnet.“

Vor allem aber ist es ein Buch, das man in die Hand nimmt, in das man kurz mal hineinliest, bei dem man dann zwei, drei Absätze lang hängenbleibt und bezogen auf die Sprache denkt: „Wow!“ Denn nicht immer fallen erste Eindrücke besonders geistreich aus, manchmal ist man auch einfach nur beeindruckt. Kunstvoll ist diese Sprache, so nennt man es wohl. Poetisch, was allerdings immer wie kurz vor kitschig klingt, aber diesmal nicht so gemeint ist. Verzaubernd vielleicht, aber auch das klingt allzu lieblich. Magisch muss man vielleicht sagen. Ja, magisch könnte es treffen.

Und ein paar Ergänzungsvokabeln für seinen eigenen Wortschatz kann man nebenbei auch noch einsammeln beim Lesen. Bereichernd!

Auf dem "Uniqlo"-Gebäude am Rathausmarkt weht eine Hamburg-Flagge, die sich sehr rot vom regnerischen Himmel abhebt

Apropos „Wow“, ich schlage nur aus Spaß eben ähnliche englische Ausrufe dieser Art nach („20 British slang words für wow“) und merke mir bei dieser Gelegenheit mit großer Begeisterung „Jeeze Louise“ zur baldigen Verwendung vor.

Ich las diese beiden Offline-Bücher allerdings ohne ein, wie man heute sagt, „performatives Lesen“ in Cafés oder so. Ich las sie schlicht zu Hause, im Bett oder im Sessel, und ganz ohne Zuschauerinnen. Vielleicht mache ich das auch falsch! Vielleicht wird man da draußen heutzutage sofort umschwärmt, wenn man sich mit einem Roman auf eine Bank an der Alster setzt – ich denke fast, ich muss es einmal versuchen.

Zwischendurch sah ich dann noch auf Instagram eine Aussage, die mich besonders hoch erfreute, dass nämlich das Lesen in Zeiten von KI eindeutig ein Akt des Widerstandes sei. Was ein Gedanke ist, mit dem ich doch heftig sympathisieren möchte, und Sie vielleicht auch? Wir lesen nicht etwa einfach nur, oh nein. Wir lesen vielmehr widerständig. Und gleich macht es noch mehr Spaß.

Gegen die Zeit und die Moden nämlich! Gleich möchte man grimmig entschlossen noch ein paar Seiten mehr lesen. Fast so wie damals, als man noch mit der Taschenlampe unter der Bettdecke … Aber das werden jüngere Menschen wohl gar nicht mehr kennen.

Blick vom Rathausmarkt in Richtung Alte Post

Was noch. „Let it burn“ – Die großen Feuer dieses Sommers finden auch in Blogs statt. Wie auch andere Naturphänomene, etwa die Sonnenfinsternis neulich. Und im Fachblog für Bewölkung gab es passend zu den Feuern etwas drohenden Regen.

Wenn Blogs einfach weg sind“ Bei mir sind Blogs manchmal auf eine ganz andere Art weg, denn ich habe noch keinen Feedreader gehabt, der nicht zwischendurch eigenmächtig hier und da ein paar Abos gekündigt hätte. Und das dauert dann manchmal, bis man merkt, dass man etwas verloren hat. Gerade in der letzten Woche erst habe ich wieder fünf Blogs „nachabonniert“. Seltsam.

Ein Text für die „Neigungsgruppe Overthinking“.

Felix hat währenddessen seine Blogroll renoviert und frischgemacht, hier für die deutschen, hier für die englischen Blogs. Ich bin etwas neidisch auf die Beschreibung beim Blog Fragmente. Aber es ist ein okayer Neid.

Blick über Außenalster mit Segelboot

Über Körpergeruch bei uns und in japanischen Zügen. Man lernt nicht aus! Vom gleichen Autor, Stefan A. K. Weichelt, gab es noch Anmerkungen zum Rhein-Pegel. Welche die Laune allerdings passend zu den Pegeln nicht heben.

Gehört:

Zwei Vorträge zu psychischen Krankheiten, Abweichungen und Defekten bzw. zu ihrem unbeweisbaren Gegenteil, der sogenannten Normalität. Einen gab es bei Deutschlandfunk Nova: „Mental Health – wie krank sind wir wirklich?“ Über die Verbreitung und die Kosten psychischer Besonderheiten aller Art und auch über die Frage, was da mehr oder weniger wird, was sich vielleicht auch nur gemäß anekdotischer Evidenz, aber ohne statistischen Beweis ändert. Der Freundeskreis Psychotherapie sollte sich diese Sendung auf jeden Fall anhören, denn es werden Beweismittel gegen die aktuellen Kürzungen aufgeführt.

Interessant ist aber auch für alle, deren Herz noch links schlägt, wie sehr betont wird, dass die Verringerung von Ungleichheit eine besonders wirksame Prophylaxe-Maßnahme im Dienst der seelischen Gesundheit ist. Na bitte, murmelt man da nebenbei, na bitte.

Und wunderbar dazu passend gab es noch eine Sendung beim SRF: „Was ist psychisch krank? Über Normalität und Wahnsinn.“ Ein Interview mit Leon Engler, der gerade den Roman „Die Botanik des Wahnsinns“ geschrieben hat. Hier die Perlentaucherseite mit recht positiven Rezensionen dazu, hier die Verlagsseite.

Noch etwas weiter mit der Psychologie: Beim Radiowissen ging es – für alles gibt es einen Fachbegriff, wirklich für alles – um den „Heterofatalismus“, eine Sendung zum Thema „Wenn Frauen männermüde sind“. Mit einiger Wahrscheinlichkeit kennen auch sie eine Frau, vielleicht auch mehrere, denen Sie den Link gerne weiterschicken möchten.

Moment, ich mache uns eben noch einmal Musik an.


Zur Literatur. Zunächst ein Feature beim WDR: „Die phantastischen Konstruktionen des Stanislaw Lem“.

Auch bei Lem stets die lebhafte Erinnerung daran, wie präsent er in meiner Jugend war. In den Buchhandlungen, in den Büchereien, in den Buchregalen der studentischen WGs: allgegenwärtige Suhrkamp-Taschenbuchausgaben. Ähnlich wie manche Schallplattencover waren sie jederzeit und überall anzutreffen, vollkommen verlässlich.

Eine Sendung aus der schönen Reihe „Essay und Diskurs“ noch, die ich mit einiger Dringlichkeit allen empfehlen möchte, die mit dem Thema Lesen und Schreiben etwas zu tun haben, vielleicht auch in irgendeiner Form beruflich, und zwar vom Werbetexter bis hin zur Autorin von Bestsellern: „Erzählen gegen den Untergang – Scheherazades Kunst und die Kraft der Fiktionen in Zeiten der Bedrohung.

Ein Text von Samira El Ouassil. Die Sie vielleicht noch von dem Buch kennen, das sie vor ein paar Jahren mit Friedemann Karig geschrieben hat, „Erzählende Affen – Mythen, Lügen, Utopien – Wie Geschichten unser Leben bestimmen“ (Verlagsseite), und das hier auch noch im Regal steht. Gerne habe ich es gelesen damals (na ja, es war 2022).

Es passiert eher selten, dass ich eine Sendung zweimal höre, hier fand ich es angebracht. Ein feiner Text, ein schwieriges, inhaltsreiches Thema, eine gute Pointe auch. Die Autorin erwähnt „Die Krise der Narration“ von Byung-Chul Han, welches ich neulich erst gelesen habe, es sei hier bei der Gelegenheit noch einmal empfohlen.

Blick über den Zollkanal Richtung Elphi

Ebenfalls sehr interessant war die aktuelle Folge eines Podcasts, den ich gerade neu entdeckt habe und bei dem ich wohl noch einige alte Folgen hören werde: „Erschöpfung statt Gelassenheit – wieso Achtsamkeit die falsche Antwort auf ziemlich jede Frage ist“. Die Autorin und Sprecherin, Kathrin Fischer, hat zum Thema auch gerade ein Buch geschrieben: „Achtsam geht die Welt zugrunde – Wie die Ideologie der Achtsamkeit den gesellschaftlichen Wandel blockiert“ (Verlagsseite).

Es geht in der aktuellen Folge mit dem Wirtschaftsjournalisten Stephan Kaufmann um antifaschistische Wirtschaftspolitik. Die Folge ist lang und gründlich, sie erfordert sicher auch etwas Konzentration. Es lohnt sich aber.

Musik gab es schließlich auch wieder live für mich, denn noch einmal war ich bei „Draußen im Grünen“ in Planten & Blomen. Es spielten Bun Jon & The Big Jive, und es tanzten dazu ungemein viele Gäste. Und zwar tanzten sie dergestalt munter und vergnügt, dass ich etwas herausfordernd fand, nicht doch wieder verschärfte Lust auf Lindy Hop zu bekommen.

Contenance, so wichtig.


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