Es war zu warm, so berichteten auch andere, und so wurde es mir auch offline von anderen bestätigt. Ich kann es also wohl notieren, ohne Gefahr zu laufen, als Dachgeschossbewohner wieder eine exzentrische Einzelmeinung zu vertreten.
Gut, dass wir verglichen haben.
Ich nutzte die besonders heißen Stunden, um ein Bett aus tausend Teilen aufzubauen, nach einer Montageanleitung aus der Hölle. Man kann sich schließlich nicht immer für die intelligentesten Timings und Lösungen entscheiden. Manchmal verbleibt man auch nach dem sorgfältigen Abwägen aller Argumente bei einem schlichten „Ich will aber!“
Geistig ausgereift wie ein tobendes Kleinkind vor dem Regal mit der Quengelware an der Kasse im Supermarkt, aber was soll man machen. Man hat nun einmal ein inneres Kind. Und es lebt, dieses innere Kind. Es regt und rührt sich, es ist außerdem verzogen wie der eigene Nachwuchs. Es gibt da womöglich auch Zusammenhänge, aber das ist ein anderes Thema.
Zu einem eigenen Zimmer gehört jedenfalls ein eigenes Bett, befand ich. Und für irgendwelche Restmöbelkonstruktionen, wie etwa Lattenrost auf Ziegelsteinen und dergleichen, bin ich doch schon zu ausgereift, und zwar in jeder Hinsicht, das überlasse ich den Jugendzimmern. Man möchte in meinem Alter morgens auch einfach aufstehen können, und nicht schon an dieser ersten Übung des Tages kläglich scheitern.
Ich kaufte also eine Matratze, ich kaufte ein Bett. Und zwar kaufte ich beides ungeachtet des Umstandes, dass die Auswahl bei beiden Produkten im Grunde längst die Dimension einer grotesken Zumutung erreicht hat. Wieviel Lebenszeit und Energie soll man denn bitte darauf verwenden, sich für die Nachtlagerzubehörteile zu entscheiden. Und wieso stellt einen auch ein so banaler Vorgang schon vor viel zu komplizierte Fragen, bei denen man wieder genau wissen muss, wer man ist. „Sind Sie überwiegend Seitenschläfer?“ Ja, was weiß ich denn. Ich sehe mir beim Schlafen nicht zu und messe Zeiten und Anteile! Ich liege da vielmehr ebenso unbewusst und untätig herum, wie es wohl die meisten Menschen im Schlaf tun.
Matratzen aber, sie haben tausend komplexe Eigenschaften und Ausprägungen, über die man einzeln befinden kann und auch muss, und in welcher Detailtiefe! Schon nach kurzer Recherche möchte ich Loriot dringend abwandeln und anwenden: „Ich möchte hier einfach nur liegen.“
Ich entscheide mich schließlich für ein mittelhartes Produkt. Denn mittelhart, da stehe ich drauf. Die Matratze besteht, abgesehen vom Härtegrad, aus zig Schichten, die dermaßen durchdacht übereinander gelagert und miteinander verbunden wurden, dass man gleich an Raketenwissenschaft und dergleichen denkt. Diese Schichten werden auf der Produktseite grafisch so erläutert wie früher in den Biobüchern die Hautschichten des Menschen: Man hat beim Ansehen gleich das unangenehme Gefühl, etwas definitiv Uninteressantes lernen zu müssen.
Ich sehe mir diese Bilder unmotiviert an, ich stelle fest, dass mir das Subkutane meiner Matratze vollkommen egal ist.
Beim Bett gibt es selbstverständlich noch mehr Auswahl. Denke ich zunächst. Ich stelle dann aber in einem Anfall von jäher Selbsterkenntnis und klarer Gewissheit fest, dass ich gerne einen bestimmten Holzton am Bett hätte. Und der ist, da muss man dem Weltgeist dankbar sein, total und rettungslos unmodern. Das reduziert meine Auswahl enorm, fast bis auf Nachkriegsniveau. Denn der moderne Mensch, er schläft gerne in hellen Möbeln, wie es aussieht.
Es verbleibt daher im Warenkorb: Genau ein Bett. Ohne weitere Bedenkzeit wird es bestellt. Ich lasse liefern, ich packe aus, ich schraube zusammen. Ich zerfließe dabei hitzebedingt, meinen schweißnassen Fingern entgleiten immer wieder Schrauben, Unterlegscheiben und Metallteile aller Art. Es wäre sicher besser, dieses Bett zu zweit oder zu dritt aufzubauen. Aber, wie eine einstige Chefin von mir zu sagen pflegte: „Man muss auch im suboptimalen Lösungsbereich agieren können.“
Und wie ich agiere. Denn ich habe ja damals etwas gelernt bei dieser Chefin, möchte ich mir zumindest einbilden. Fluchend und schimpfend, schwitzend wie Butter in der Pfanne und zwischendurch sämtliche handwerklich begabten Vorfahren schamanistisch aus ihrem ewigen Feierabend heraufbeschwörend. Wenige Vorfahren dieser Art waren das übrigens nicht. Sie werden allerdings auch sämtlich gebraucht, denn ich schlage etwas aus der Art, wie es aussieht.
Und das war also der Dienstag, an dem ich dann schließlich sehr gut im neuen Bett und auf der neuen Matratze schlief. Nämlich so, wie ich mich gebettet hatte, also allein und vergleichsweise zufrieden mit mir.

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