Rote Wirbel

Das Wetter: Nach wie vor furztrocken, um es mal deutlich auszudrücken. Bei der Kaltmamsell kann man gucken, wie die Isar gerade aussieht.

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Zwischendurch ein herzlicher Dank die Leserinnen, die den Hut gerade auf anderen Wegen als via Paypal befüllt haben – ich bin hocherfreut und begeistert, das ist ja alles keineswegs selbstverständlich.

Ein nachgereichter Dank (pardon!) auch für die Zusendung zweier Bücher mit ausdrücklichem Gartenverwendungszweck, ich bitte um Entschuldigung, das ist dezent verspätet.

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Ich höre weiter Robert Seethalers “Das Feld”, gelesen von ihm selbst, und finde es immer noch gut. Ich höre selten Bücher, ich habe da also keine Routine. Ich bin ein altmodischer Leser, immer noch gerne Papier und stapelweise und abends im Bett bis zum Einschlafen. Was jetzt aber nicht so leicht herauszufinden ist: Hätte ich das Buch anders gefunden, wenn ich mich auf ganz herkömmliche Weise in das Buch vertieft hätte? Also nicht nur in Details, das versteht sich ja, das man da ganz andere Stellen besonders wahrgenommen hätte, sondern auch grundsätzlich? Hat man womöglich einen ganz oder wenigstens leicht anderen Geschmack, wenn man Texte nur übers Ohr wahrnimmt? Das hat bestimmt schon einmal jemand untersucht, aber das habe ich dann verpasst. Zwischen dem mit den Fingern verfassten Text und der diktierten Version liegen doch auch Welten, zumindest am Anfang, spiegelt sich das am Ende bei der Lektüre, beim Hören?

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Ich lese Mark Mazower: “Was du mir nicht erzählt hast”, übersetzt von Ulrike Bischoff. Ein Historiker klärt seine Familiengeschichte mit den Werkzeugen seines Fachs und alter Schwede, ist das ergiebig. Wenn man dachte, man kennt sich in der Geschichte Europas vor 33 einigermaßen aus, bei der Lektüre wird man wieder ganz bescheiden.

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Ich gehe auf den Spielplatz und wirbele wie die Kinder Laubhaufen mit den Füßen auf. Es ist heute kein einziges Kind da, aber Laub gehört nun einmal gründlich verwirbelt, das haben wir hier schon immer so gemacht. Ich trete an die große Eiche, in der die Eichhörnchen wie komplett irre hin- und her rennen, seit Stunden schon. Sie rasen immer wieder den Stamm hinauf und hinab und umkreisen ihn, sie springen über die Äste und von Baum zu Baum und über den Platz, sie balancieren in stürmischer Eile über die den Kirchhof begrenzende Mauer. Sie suchen in aller Hektik die Eicheln zusammen und lassen sie gleich wieder fallen, wenn sie die nächste oder eine größere sehen, fliegende Wechsel, diese Eichel, nein, diese, vielleicht haben sie den Zweck der Übung auch längst aus den Augen verloren. So eilig suchen sie, als würde der Winter in der nächsten Woche schon mit ganzer Härte ausbrechen, Schnee bis ins Flachland, Eis und Hagel – dem ist aber gar nicht so, sagt der Wetterbericht. Sie gönnen sich jedenfalls keine Minute Pause, sie sind rote Wirbel im gelb leuchtenden Laub. Wie lange kann man auf diese atemlose Art einer Aufgabe nachgehen? Der Eichelhäher, die Ringeltauben und die Amsel gucken immer wieder irritiert zu ihnen hin, wenn sie wie besessen durchs Bild stieben. Ich klopfe an die Eiche und sehe zu ihnen hoch. “Guten Tag”, sage ich und versuche, seriös und vertrauenserweckend zu klingen, “ich möchte mit ihnen über Burn-out sprechen.” Die Tierchen denken gar nicht daran, auf mich zu reagieren, die Tierchen haben zu tun. Dann eben nicht. Aber soll keiner sagen, ich würde mich nicht kümmern.

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Egal. Musik!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Der Vogelzug

Gelesen: “Die Flut war pünktlich”, Erzählungen von Siegfried Lenz. Gar nicht mal so gut gefunden. Hm. Aber egal. das kann man machen, einfach was von einem Großmeister nicht gut finden, das ist okay. Es ist nur Literatur, da passiert nix. 

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Ich lese außerdem in “Der Freund und der Fremde” von Uwe Timm, die Erinnerungen an seinen Freund Benno Ohnesorg (ja, genau der). Das wollte ich schon seit dem ersten Erscheinen 2005 mal lesen, aber man kommt ja zu nix.

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Für den Freundeskreis Insel: Eine geschichtentaugliche Meldung von Baltrum. Ich schreibe ja gerade nix, aber das müsste doch bitte jemand verarbeiten, so eine wunderbare Vorlage. Der schießwütige Hotelier, der auf Vogeljagd am Strand geht und das erlegt, was wegziehen kann, während er aus Gründen, die man sich noch erarbeiten müsste, die Insel nie länger verlassen hat, dazu eine frei erfundene Hassliebe mit einer Umweltschützerin und das alles auf einer in grandioser Natur gelegenen Insel, die mit steigendem Meeresspiegel eh nicht mehr lange … das ist doch wirklich einladend. Titel: “Der Vogelzug”, in etwa Novellenlänge, das klingt doch geradezu schulbuchtauglich.

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Den Satz “Unter jedem Dach ein Ach” (hier gefunden) kannte ich nicht, den finde ich aber ganz wunderbar. So einfach, so gut, den merke ich mir, den denke ich jetzt bei jedem abendlichen Spaziergang durchs Viertel vor jedem Haus. Ich habe mich, so allerdings die bittere Wahrheit, zuerst verlesen und dachte da steht: “Unter jedem Dach ein Arsch”. Was die Formulierung nicht zwingend unzutreffender macht, nicht wahr. 

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Aufkleber "I am loved"

Sohn II: “Das hat bestimmt jemand da hingeklebt, der überhaupt nicht geliebt wird. Und der macht das nur, damit es dann jemand wie du fotografiert, jemand, der ein Blog hat oder Instagram. So läuft das doch. Und es klappt ja auch.”

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Wie auch immer. Musik!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Was schön war

Patricia schreibt über normale Leute, ich möchte etwas anlegen. Nämlich eine frühabendliche Hamburger Stunde auf einem quadratischen Platz. Wir hatten hier in der letzten Woche leider keine Demo in Berliner Dimensionen zu bieten, wir hatten nur ganz normales Stadtleben, nehmen wir also einfach das, vielleicht geht es ja auch. Den Platz, um den es gleich gehen wird, muss man sich bitte leer vorstellen, da ist nichts. Keine sogenannten Stadtmöbel, also keine Bänke, keine Werbeaufsteller, keine Bäumchen, Büsche oder Beete, keine Schilder, nicht einmal Verbotsschilder, da ist wirklich gar nichts, nur Fläche, und die ist bemerkenswert glatt ausgelegt, keine Höcker oder Kanten oder Lücken im Boden, alles ist eben. Der Platz liegt etwas erhöht zwischen der Kunsthalle und der Galerie der Gegenwart, Treppen und rampenartige Wege führen dort hinauf. Der Platz ist so leer, er wirkt ein wenig wie ein Platzhalter, da könnte irgendwann noch etwas kommen, ein weiteres Galerietrumm oder sonst etwas – aber erst einmal ist da nichts. Und wenn man Tourist in dieser Stadt ist, dann geht man natürlich wegen der Kunst links und rechts davon dorthin, nicht wegen des Platzes, denn auf dem ist ja nichts. Aber man bleibt vielleicht doch mal kurz stehen und guckt, denn viel großstädtischer wird es nicht.

Die glatte Fläche wird oft von jungen Menschen genutzt, die mit Bikes, Boards oder sonstwas Kunststücke üben, vermutlich kann ich mittlerweile gar nicht mehr alle Fortbewegungsmittel korrekt benennen. Aber das kennt man auch von anderen Plätzen, das ist noch nichts Besonderes. Hier kommen jedoch manchmal auch Menschen aller Alters- und Kulturgruppen her, die diverse Tänze üben, so ist es an diesem Tag auch. Ein unentwirrbares Musikgemisch aus kleinen und kleinsten Boxen hängt über dem Platz, den Sie sich eben noch leer vorgestellt haben, pardon, der ist nämlich in Wahrheit doch voll, voller Menschen nämlich. Die Tanzenden hören vermutlich nur mit einiger Mühe die für sie jeweils passenden Rhythmen aus dem wüsten Durcheinander der Musikstücke heraus, aber sie schaffen es irgendwie. Vorne Tango Argentino, das erkennt man gleich. Die Runde übt recht fortgeschritten aussehende Schrittfolgen und schön sieht das nicht unbedingt aus, aber das gehört eben dazu, wenn man gut sein will, man muss durch die Technik irgendwann durch. Da starren also Menschen auf Füße, stehen sich selbst und Tanzpartnern im Weg und diskutieren, zwischendurch gibt es ab und zu die berauschenden Erfolgserlebnisse, für die man das alles macht, ach so muss das! Dann sieht man zwei, drei sehr elegante Drehungen schnell nacheinander, bevor es wieder stockt. Das Durchschnittsalter beim Tango ist eher etwas fortgeschritten. Gleich dahinter eine jugendliche Gruppe, die tanzen irgendwas vermutlich afrikanischen Ursprungs, da rät man so herum, was das nun sein könnte, die sind auch noch ganz am Anfang. Daneben eine große Gruppe junger Mädchen, einige im Cosplayer-Look, die üben eine Choreografie, wie man sie aus Musikvideos kennt. Es sind noch nicht alle schnell genug, aber es wird, noch zwei Abende und dann klappt das, dann wird es auch ziemlich gut aussehen, es reicht locker für jede Schulaufführung. Dann ein kleiner Kreis von Mädchen, die sich nur ab und zu und eher zögerlich überhaupt zu Tanzbewegungen durchringen können, und die kann man dann nicht einmal recht erkennen, das ist alles etwas schüchtern dahergestolpert und geht sowieso im altersbedingten Gekicher und Herumgealber gleich wieder unter. Aber die haben Spaß, was auch immer das bei denen einmal werden soll. Zwei junge Männer machen weiter hinten Breakdance vor einigen Zuschauern, da guckt man auch als Passant etwas länger hin, die können das nämlich nicht nur ein wenig, die sind ausdrücklich super. Die könnten damit auch anderswo auftreten, vielleicht machen sie das auch. Eine anderen Gruppe schließt sich denen jetzt spontan an, Tänzerinnen stellen sich neben die Männer, machen nach und machen mit, ich habe gar nicht gewusst, dass Breakdance wieder in ist. Wenn man nicht dauernd rausgeht!

Die Söhne üben Waveboard zwischen den Gruppen, sehen sich ab und zu an, was da so vorgemacht wird, wer weiß, sie könnten ja etwas davon gebrauchen, sie kurven dann aber wieder weiter. Der ganze Platz ist in Bewegung, es wimmelt und wogt, ein Knäuel aus Musik, Sprachen und Kulturen. Ich könnte übrigens bei allen Menschen und Gruppen auch geratene Herkunftsvermutungen dranschreiben, aber wie würde sich das lesen? Stellen Sie sich einfach irgendwas vor, das ist ja ohnehin der Witz beim Lesen. Die einen sehen so aus, die anderen ganz anders, also wirklich ziemlich anders. Das ist eine großstädtische Menge da, die ist natürlich vielfältig.

An der Westkante des Platzes sitzen die Unersättlichen aufgereiht, die trotz des unfassbar langen Sommers heute noch einmal Sonne brauchen, da sitzt auch die Herzdame und wartet, dass die Söhne genug geübt und ich genug gesehen habe. Lindy-Hop, Balboa oder Shag tanzt heute niemand, ihre Fraktion fehlt also leider. Um den Platz herum gehen staunend und fotografierend oder filmend die, denen so etwas sonst nicht geboten wird. Wenn man von unten gegen den Sonnenuntergang hoch zum Plateau guckt, sieht man nur noch die sich drehenden und wiegenden Silhouetten der Tanzenden. Und wenn man es ganz geschickt macht, sich einen besonderen Winkel sucht und den Hals etwas lang macht, dann tanzen sie im Bildausschnitt genau vor der Binnenalster, solche Bilder hängt man dann gerne in Ausstellungen, druckt sie auf Kalender oder taggt sie zumindest mit #welovehh auf Instagram.

Ein Vater bringt seinen Kindern Eis, und während er damit durch die Menge geht, sieht man in vielen Gesichtern, an denen er vorbeikommt, interessierte Blicke – wo bitte gibt es hier denn Eis? Zwei, drei vier gehen los, in die Richtung, aus der der Vater kam, man kann ja mal gucken. Auf dem Boden des Platzes stehen Bier-, Wein- und Wasserflaschen, die Luft riecht eindeutig so, als würden hier und da auch gewisse Kräuter geraucht werden. Besoffen oder breit wirkt allerdings niemand, das passt auch nicht zum Tanzen, jedenfalls nicht zum gemeinsamen Tanzen.

So war das da also, auf dem kleinen Platz bei Sonnenuntergang an einem bemerkenswert warmen Tag im Oktober, golden wie nur was.

Einer dieser Momente, für die ich in der Großstadt lebe, weil ich genau diese Vielfalt so möchte. Weil es sich hier dann wie ein Stück Welt anfühlt – nicht nur wie ein kleines Stück Hamburg-Mitte. Kleine Stücke Hamburg-Mitte sind auch toll, gar keine Frage, aber die Auswahl zu haben, das ist noch besser. Weil solche Momente doch das Versprechen der Millionenstadt sind.

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Und übrigens bin ich zur Überraschung aller nach wie vor der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Seriös, ernsthaft und stets bemüht

Die Menschen freuen sich wie die Lemminge über eine Hitzewelle im Oktober, ich stehe fluchend in der schon wieder stickig-heißen Dachgeschoßwohnung: “Dieser Herbst ist nicht von hier.”

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In unserem kleinen Bahnhofsviertel gibt es da, wo der Stadtteil nach Nordosten in Ausfallstraßen unästhetisch zerfranst, einen neuen Porscheladen. Was natürlich viel zu niedlich klingt, es gibt eher so einen modernen Prachtbau für Luxusautos, viel Fenster, viel Licht, viel Schwung in der Fassade, und der Bau ist lustigerweise auf einer Fläche entstanden, die den Charme einer riesigen Verkehrsinsel hat. Ich wüsste auf Anhieb gar nicht, wie man da eigentlich hinkommt, es ist ein Platz, den man als Autofahrer immer nur umfährt, aber nie anfährt. Egal, ich wüsste auch nicht, warum ich da jemals hin sollte. Gestern spielten wir ziemlich lange am frühen Abend Stau vor diesem neuen Gebäude, so wie es enorm viele andere auch taten, ich weiß schon, warum ich das Autofahren so hasse. Wir ruckelten also schrittweise am Porschedings vorbei, das noch hell beleuchtet war, die Menschen darin machten gerade Feierabend, Reinigungskräfte schoben schon Staubsauger. Auf einem gigantischen Bildschirm liefen noch Werbefilme, man konnte das von der Straße aus ganz gut sehen. Werbefilme, in denen diverse Porschemodelle über leere Straßen durch schöne Landschaften bretterten, selbstverständlich von oben gefilmt, wie man es aus den letzten dreißig Jahren Autowerbung kennt, Fahrspaß galore. Das Auto neben uns war zufällig ein neuer SUV von Porsche, der schob sich im gleichen Takt wie wir durch städtisches stop and go, ab und zu sah der Fahrer nach rechts, auf diesen Bildschirm, auf die freie Fahrt, dann sah er wieder nach vorne und auf den Pizzaliefersmart vor sich, der alle paar Sekunden kurz mal nach vorne rollte.

Ich konnte den SUV-Fahrer aber nicht lange beobachten, da wir ihn mit unserer arg zerdellten Familienkutsche vorsintflutlicher Bauart bald souverän überholten und die nächsten fünfzehn Minuten ein paar Meter vor ihm verbrachten. Es sind die kleinen Freuden.

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Abends auf der Langen Reihe, auf der Promeniermeile des Stadtteils. Alle Stühle vor den zahlreichen Lokalen sind besetzt, auch die Stufen vor den Hauseingängen und überhaupt alles, worauf man noch sitzen kann, sogar die Stromkästen. Es ist warm, da muss man doch draußen sitzen, so glaubt man, was würde man sonst verpassen. Nächste Woche ist Schluss mit lustig, sagt der Wetterbericht. Also noch ein Getränk und danach ist es tatsächlich immer noch warm, man muss sich nicht einmal in die überall bereitliegenden Decken wickeln, man kann einfach so sitzen und staunen und ab und zu das sagen, was alle sagen: “Im Oktober!” Die Gäste, die nach althergebrachter kalendarischer Vorgabe bereits Herbstmode tragen, sie öffnen Jacken und Mäntel.

An den Lokalen vorbei ein Strom von Menschen, die suchen Plätze oder ihre Freunde oder beides, die wechseln das Café, haben Hunger oder Durst oder wandeln einfach so herum, die haben vielleicht gerade irgendwo gelesen, dass man hier auf die Lange Reihe geht, die wollen jetzt auch mal gucken. Mitten im Strom eine allein gehende Frau im schwarzen Kleid, Typ französische Romanschönheit. Sie sieht unglücklich aus, was bei französischen Romanen ja nicht ausbleibt. Sie hat ein schwarzes Kleid an, das womöglich sogar ein Abendkleid ist, sie geht barfuß und ohne Blick für das Leben in den Lokalen. Und das sieht man dann im Vorbeigehen und erfährt die Geschichte nicht, es ist im Grunde fast unerträglich. Aber was gehe ich abends auch raus! Besser zuhause bleiben, besser ein Buch lesen, da erfährt man in aller Regel die ganze Geschichte, da weiß man dann, warum sie so guckt, wo sie herkommt und wo ihre Schuhe sind, das ist doch alles wichtig, das will man doch wissen. Da liest man auch, wo sie hingeht und welches Kapitel danach kommt.

Nächste Woche wieder Lesewetter, und das ist auch gut so.

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Mein Bademantel ist wieder da, er ist aus dem Theater geflogen mit dem Vermerk: “Nicht witzig genug.” Jetzt sitzen wir hier wieder beide, der Bademantel und ich, durch und durch seriös, ernsthaft und stets bemüht. Wie es sich gehört.

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Sohn I geht morgens in seinen Theaterworkshop, wobei er “Heute HP3 und GP” murmelt, was auf Nachfrage lässig entschlüsselt wird: Hauptprobe 3 und Generalprobe. So lernt man immer dazu, wenn die Kinder was machen, und muss nicht einmal selbst vor die Tür. Das hat Vorteile, siehe oben.

Update einen Tag später hierzu: Wir haben die Vorführung jetzt gesehen, der Sohn auf der Bühne des Ohnsorg-Theaters – un he hett Platt snackt! Alle haben das beeindruckend gut gemacht (acht Kinder nach nur zehn Tagen Proben). Ich bin eventuell ein wenig stolz, aber ich freue mich am meisten, dass er das alles selbst gesucht und gemacht hat, dass das komplett sein Ding war und ist. Und die großartige Betreuung der Kindertruppe im Ohnsorg-Theater soll natürlich auch nicht unerwähnt bleiben, das lief dort ganz wunderbar.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, zum Dank blogge ich morgen wieder. Oder übermorgen. Oder so.

 

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Wenn Du jetzt gehst

Ich lese “Der Mann im Strom”, von Siegfried Lenz. Das Buch ist bisher komplett an mir vorbeigegangen, nie gehört, auch alle Verfilmungen verpasst, wie isses nun bloß möglich? Es gibt sogar eine Verfilmung mit Hans Albers, der kam hier im Blog auch gerade vor, wie es sich wieder fügt. Jetzt läuft das jedenfalls am Theater um die Ecke, Sohn I erzählt mir davon, so komme ich endlich dazu. Ein äußerst dramentauglicher Stoff, harte Szenen, schwere Themen, alternde Männer. die manches nicht mehr können. Ich glaube, ich gucke mir das mal an. Und lese überhaupt nochmal beim Lenz herum, das habe ich lange nicht mehr gemacht.

Im weiteren Verlauf des Jahres läuft in diesem Theater übrigens auch “Buten vör de Döör”, also “Draußen vor der Tür” von Wolfgang Borchert. Der Sohn fragt, was da passiert, denn das will er auch sehen, er will jetzt überhaupt alles sehen, was im Theater kommt, auch das ganze Erwachsenenzeug. Ich sage: “Ein Mann kommt nach Deutschland”, das ist fast wie ein Reflex, aber Reflexe reichen nicht immer, deswegen wühle ich im Gedächtnis und erzähle ihm das Stück nach, die Sache mit dem Zurückgeben der Verantwortung, mit der Elbe und dem dauernd rülpsenden Tod, da kracht es aber schon ordentlich im Gebälk meiner Allgemeinbildung. Kindertauglich geht natürlich anders, wir werfen lieber mal einen Blick in die Hamburger Spielpläne und suchen weiter. Wenn die Kinder mit dem Kindertheater durch und für das Erwachsenentheater noch ein wenig zu klein sind, dann wird es etwas schwierig. Aber zwischen elf und etwa vierzehn Jahren gibt es sowieso bei erstaunlich vielen Themen eine Versorgungslücke.

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Ich war auf einem Konzert von Manfred Maurenbrecher, der mich mit einem Satz irritiert hat – manchmal ist es gut, irritiert zu werden – , der sagte nämlich zwischen zwei Liedern: “Reimen ist besser als Denken.” Meinend natürlich, dass er über die Suche nach Reimwörtern Sinnzusammenhänge in seinen Liedern erreicht, auf die er sonst nie gekommen wäre. Kommt es nicht als Gedicht – kommt es leider nicht. Vielleicht sollte man aus seinen ungelösten Problemen öfter mal einen Vierzeiler machen?

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An der Straßenecke steht ein junges Paar, sie sagt: “Wenn du jetzt gehst!”, und sie guckt furchtbar ernst.  Solche Szenen gibt es also nicht nur in Serien und Schulterbeißeromanen, solche Szenen gibt es auch da draußen. Er sagt: “Was dann!” und sie sagt nichts mehr, weil ich da gerade vorbeigehe. Wenn es eine Serie wäre, ich würde da jetzt wie der letzte Idiot durchs Bild latschen und ein völlig entnervter Regisseur würde mir wüste Flüche hinterherbrüllen.

Ich drehe mich nach ein paar Metern um, pardon, ab und zu bin ich womöglich etwas neugierig. Er geht und sie guckt ihm hinterher, etwas zu überrascht, das war so nicht geplant. Wer jetzt keine Beziehung hat, baut sich keine mehr, prompt wehen ein paar Blätter durchs Bild.

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Ich war mit einem Kind in einer großen Buchhandlung, da war eine riesige Fläche nur für Kalender vorgesehen. Fotokalender, Witzekalender, Literaturkalender, Rezeptkalender, Familienkalender, was man sich nur ausdenken kann. Berge davon, in allen Größen und Formen. Das Kind sah diese Sonderausstellungsfläche und ging da mit dem Satz hin: “Mal sehen, für welches Jahr die sind.”

Sie, die Sie das hier lesen, Sie sind natürlich längst hoffnungslos erwachsen, ausreichend gebildet und abgeklärt. Sie wissen also, dass die Kalender selbstverständlich für das Jahr 2019 sind, denn wir sind im Oktober 2018, es kann gar nicht anders sein, über so etwas denkt man nicht mehr nach. Sie wären vermutlich sogar sauer, wenn Sie da einen Kalender für 2018 oder für 2020 finden sollten, so etwas wäre ja geradezu ungeheuerlich! Da würde man sich beschweren wollen. Denn der eine wäre das Geld nicht mehr wert, lauter abgelaufene Monate, der andere müsste viel zu lange auf seinen Einsatz warten, wo soll man den solange hinlegen, also wirklich, was für ein Gedanke. 2019, alles andere ergibt doch überhaupt keinen Sinn. Das Kind denkt das alles aber nicht, das Kind ist neu im Thema, geht da hin und ist einfach neugierig. Einmal noch so völlig ergebnisoffen auf die Welt zugehen! Morgens aufwachen und denken: “Überrasch mich!” Und dann macht die Welt das wirklich.

Wie langweilig Erfahrung ist. Aber auch ganz praktisch, schon klar.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, Sie überaus guter Mensch.

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Grausame Vollidioten bringen Steine zum Weinen

Ich höre immer noch Element of Crime, Sie verstehen, die Jahreszeit, das neue Album … was soll man machen. Sven Regener bleibt sich in seinen Texten selbstverständlich treu, so treu sogar, dass mir Wiederholungen auffallen. Das Wort “grausam” kommt mehrfach auf dem Album vor, ebenso das Wort “Vollidioten”, ein zweifellos schönes, gut gealtertes Schimpfwort, man sollte es wieder öfter verwenden, immerhin ist die Welt tatsächlich voller Vollidioten. Etwas überraschend ist die doppelte Erwähnung weinender Steine, das würde man in einer Sammlung von Kurzgeschichten so nicht durchgehen lassen, also “man” im Sinne von: “irgendein Lektorat”, Wortwiederholung, Einsatz für den Rotstift. Ich bin aber nicht irgendein Lektorat und ich gehöre zu den Leuten, die thematische Verengungen gut finden. Wenn jemand seinen Sound und seine Themen gefunden hat, dann soll er oder soll sie ruhig dabei bleiben, das geht in Ordnung, dann soll er oder soll sie immer besser genau darin werden, wie schmal die Spur auch sein mag. Hans-Ulrich Treichel etwa hat sich auch gefühlt über zehn Bücher mit seiner Familiengeschichte wiederholt, ich fand das gut, das wurde nicht schlechter, im Gegenteil. Ich würde vermutlich den zwanzigsten Brenner-Roman von Herrn Haas immer noch mit Begeisterung lesen. Und es wird auch bei Sven Regener nicht schlechter, natürlich nicht, bei ihm am wenigsten. Vielleicht hat er seine ultimativen, svenregenerhaftesten und allerbittersten, allerverlassensten ersten drei Liedzeilen immer noch nicht geschrieben, vielleicht geht da noch was, wer weiß. Ich freue mich auf alles, was da noch kommt. Und dann weinen die Steine aber sowas von, wenn er diese Zeilen erst geschrieben hat, da können die Vollidioten, die das selbstverständlich nicht verstehen werden, das noch so grausam finden.

Aufkleber Straßenblues

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Sohn I geht neben mir her, hört Element of Crime über Kopfhörer und lacht und tanzt dazu, offensichtlich hört er da etwas ganz anderes heraus als ich. Auch interessant.

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Der Tag beginnt aber damit, dass mein Bademantel nicht da ist. Mein Bademantel hängt normalerweise entweder an seinem Haken im Bad oder ich habe ihn an. Es verstößt massiv gegen die Ordnung der Dinge, wenn beide Optionen nicht zu einem positiven Ergebnis führen, es ist ungeheuerlich. Ich kann morgens nicht in Ruhe Nachrichten lesen und Kaffee trinken, wenn der nicht da ist, ich kann eigentlich gar nichts, dieses Zuhause ist gar kein Zuhause, wenn der Bademantel fehlt, der ist hygge zum Anziehen, der ist mein Adresszusatz. Das geht so alles nicht, in einem Comic wären tiefschwarze Wolken über meinem Kopf zu sehen, während ich fluchend durch die Zimmer gehe. Nachdem ich bei stark auffrischender Wut die ganze Wohnung inklusive höchst unwahrscheinlicher Stellen nach dem Ding abgesucht habe, teilt mir ein gerade erwachender Sohn I lapidar mit, mein Bademantel sei jetzt im Ohnsorg-Theater, den habe er gestern mitgenommen, als Requisite: “Wir brauchten noch was Lustiges. Für das neue Stück.”

Der komödientaugliche Charakter meines Bademantels war mir bisher nicht einmal ansatzweise klar, am Ende habe ich endlich und doch noch die Erklärung gefunden, warum mich in dieser Familie niemand ernst nimmt? Da mal drüber nachdenken! Aber egal. Mein Bademantel ist jetzt also jeden Tag im Theater, mein Bademantel ist kulturell ambitionierter als ich. Ich sage es ja, kein Tag ohne Demütigung.

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An einer roten Ampel stehen neben mir zwei Frauen, die eine klärt die andere detailliert, ach, viel zu detailliert über ihre bevorstehende Schönheits-OP am Bauch auf, was man da mit dem Bauchnabel macht, so herum und dann so und wieder zusammen, ein kleiner Eingriff ist das ja nicht, sagt sie, sie schneiden dann ja noch hier und so, sie zeigt das auch und kneift sich ins T-Shirt. Die Freundin verfärbt sich zusehends und passt schließlich ganz gut zur Ampel, als diese endlich auf grünes Licht umspringt.

Hausfassade mit aufgemaltem Reißverschluss

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Alte Tricks und neue Lieder

Ich lese Erzählungen von Amanda Lee Koe, „Ministerium für öffentliche Erregung“, übersetzt von Zoë Beck. Die ersten drei Geschichten sind gut, ich nehme an, die anderen werden es dann auch sein.

Ich lasse mir außerdem „Das Feld“ von Robert Seethaler vorlesen, und zwar von ihm selbst. Das Buch kam bei der Kritik nicht ganz so gut weg, wenn ich es recht erinnere, aber zumindest den Anfang kann man sich hervorragend vorlesen lassen, ohne auch nur im mindesten Kritik üben zu müssen. Vielleicht liegt es auch an seiner Stimme. vielleicht kann man mit dieser Stimme alles vorlesen und die Leute sitzen alle da, strecken die Beine aus, entspannen sich und denken: „Ja, jetzt wird es wieder ernst und gut“. Es gibt so Stimmen, mit denen geht das.

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Sohn II ist von seinem Reiterhof zurück, hat sich aber sofort danach mit Freunden in Husum verabredet und daher nur eine Nacht in unserer Wohnung verbracht. Ich habe ihn mit dem Zug nach Husum gebracht, habe ihn den Freunden übergeben und bin gleich wieder zurückgefahren. D. h. ich wollte gleich wieder zurück fahren, es gab aber Schwierigkeiten mit der Zugverbindung, das ist auf dieser Strecke wohl ziemlich oft der Fall, die Sylt-Pendler kennen das. Weswegen ich da also längere Zeit auf einem Bahnsteig ein paar hundert Meter neben der Nordsee stand, das neue Album von Element of Crime gehört und mir angesehen habe, wie der Herbst in Husum Sachen mit Licht und Farben gemacht hat. Manchmal ist es nämlich ganz in Ordnung, wenn unerwartet kein Zug fährt, wenn man warten muss, wenn man nur so herumsteht. Es soll ja auch kreativ machen, wenn man sich etwas langweilt, weil das Hirn dann vor lauter Ödnis nach einer Weile ein wenig mit dem Unterbewusstsein herumspielt, mal gucken, was da so kommt, und zack, Hammeridee. Aber dummerweise klappt das nur, wenn man es nicht weiß, glaube ich. Ich z.B. weiß das, der Fluch der Sachbuchlektüre, deswegen fällt mir nie etwas ein, wenn ich denke jetzt gleich, jetzt kommen die Ideen, die Gelegenheit ist so dermaßen günstig, gleich macht das Hirn diesen alten Unterbewusstseinstrick, jetzt geht’s lohoos. Dann gucke ich in freudiger Erwartung aus dem Zugfenster, sehe eine Kuh und denke nur: Kuh. Und mehr nicht.

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„Ich wäre gerne ein Gummibär, da gibt’s die gelben und die roten, das sind alles Vollidioten.“ Seit er diese Textzeile gehört hat, zieht auch Sohn I übrigens in Erwägung, das Element of Crime vielleicht doch irgendwie cool sind.

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Kreise, Zigarren und Zusammenhänge

“Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautet”, das ist so eine Standardformulierung im Journalismus, die feine Bezeichnung für Gemunkel aller Art, stille Post für graue Herren (und Damen) in den Hauptstädten und Zentralen der Welt. Auf Twitter hat man weniger Platz als auf den Medienseiten, deswegen wird diese Formulierung da manchmal abgekürzt und ein Tweet beginnt dann so –

“Kreise: Bundeskanzlerin Merkel blahfasel raun …”

Einfach so, Kreise Doppelpunkt, ich denke mir das nicht aus. Kreise als Kurzform für irgendwer sagt irgendwas zu irgendwem, ich weiß nicht, ob ich das nur lustig oder auch seltsam schön finden soll, die komplett sinnfreie Erwähnung einer geometrischen Figur am Textanfang, man möchte sofort zu Wolf Schneider schalten. Da immer irgendwer irgendwas sagt, könnte man es fast überall davor setzen, es stehen doch immer Kreise am Anfang einer Geschichte oder einer Meldung, Quellenbenennung in ganz grob, reicht doch, who cares, und wenn man das oft genug macht, fragt eh keiner mehr nach dem Sinn. Man benutzt es eben, weil es common sense ist, zwei Generationen weiter beginnen junge Journalisten vermutlich einfach jeden Text routinemäßig mit “Kreise:”, weil man das eben so macht, weil journalistische Texte nun einmal so anfangen.

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Es gibt hier in der Nähe einen Zigarrenladen. Da stehen ein paar Stühle vor der Tür, darauf sitzen, wenn es nicht regnet, Männer, die sich gerade Zigarren gekauft haben, und rauchen. Es sind immer Männer, die da sitzen, Frauen rauchen keinen Zigarren. Oder zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Ich nehme an, es sind recht teure Zigarren, die sie da rauchen, es sind sicher nicht irgendwelche Nebenbeizigarren, wie sie etwa ein Großonkel von mir in meiner Kindheit geraucht hat, der immer so einen dicken Stumpen im Mund und eine blaugraue Wolke um sich herum hatte. Der war Tischler, roch nach Holz, Sägespäne und Tabak und nannte mich wegen meiner Frisur Prinz Eisenherz, obwohl ich doch sehr blond und nicht schwarzhaarig war. Das fand ich gut und saß gerne auf seinen Knien, wenn er unser Wohnzimmer gründlich vollqualmte, zumal ich genau wie der Prinz in den Büchern für Prinzessin Aleta alles getan hätte, alles und mehr, weswegen die Bezeichnung schon zu mir passte. Ob der Prinz diese Frisur aber auch wegen abstehender Ohren trug? Wenn man Kind ist, dann bleibt so vieles unklar.

Die Männer vor dem Laden, das wollte ich eigentlich sagen, sehen immer aus, als würden sie wahnsinnig bewusst und feierlich rauchen, das wird sicher am Preis der Zigarren liegen, denke ich mir. Und wenn man an diesem Laden öfter vorbei geht, erkennt man einen recht heiteren und unübersehbaren Zusammenhang zwischen Zigarrenrauchen und Manspreading. Fast möchte man stehen bleiben und lachen, aber das tut man ja nicht, auch wenn das Dargebotene noch so sehr nach Kabarett und Klischeewitz aussieht, oben das glühende Phallussymbol und unten das Raumgreifende, wie billig ist das denn.

Wissen Sie noch, wie es damals war, als alle plötzlich Zigarre geraucht haben, angeführt von Gerhard Schröder? Als man Leute im Freundeskreis hatte, die sich gar nicht so kleine Humidore in die Wohnung gestellt haben, als alle Welt plötzlich über Tabak und Deckblätter fachsimpelte, über Lagerbedingungen und die verschiedenen Methoden eine Zigarre möglichst kunstvoll anzuzünden, als man auf Partys auffiel, weil man da nicht mitgemacht hat, weil man lieber stur bei den dünnen Zigarettchen blieb? Das war in einem Land vor unserer Zeit.

Neulich hatte einer dieser Männer auf den Stühlen vor dem Laden eine Antiklederjacke an, da hätte ich dann aber doch fast laut gelacht. Zu viel ist zu viel.

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Blick aufs Münzviertel mit Bahngleisen

 

Ich habe einen neuen Roman angefangen, mit dem Feigenbaum bin ich dann doch nicht warm genug geworden. Jetzt lese ich “Was dann nachher so schön fliegt” von Hilmar Klute, der Kaffeehaussitzer hat drüben rezensiert. Ein Literaturroman also, da kann man sich im Stillen immer schön Bildungspunkte geben, wenn man eine Anspielung, ein Zitat oder einen Zusammenhang verstanden hat, das ist nett. Und wenn man etwas nicht versteht, dann merkt man es ja nicht. No risk!

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Musik. Bitte zurücklehnen und etwas einwirken lassen.

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Komm in den totgesagten Wald und googel

Den gestern in den Kommentaren empfohlenen Band von Julian Barnes habe ich vorgemerkt, vielen Dank für den Hinweis.

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Ein Lob der Zerrisenheit zum Tag der Einheit.

Aufkleber Solidarity

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Gegen das, was ich hier so wild behaupte, können Sie momentan herzlich wenig tun. Selbst, wenn ich Sie beleidigen würde, Sie mittelschöner Zeitungsleser (Ich bin nicht so gut im Beleidigen).

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Die Kunst der Erzählung und die der Geschichtsschreibung:

Treber zeigt, wie nach der Wiedervereinigung die beiden doch sehr unterschiedlichen west- und ostdeutschen Trümmerfrauen-Traditionen auffallend schnell zu einem gesamtdeutschen Erinnerungsort verschmolzen. Der von Politikern immer dann gerne heraufbeschworen wird, wenn an die Leistungs- und Opferbereitschaft der Deutschen appelliert werden soll. Zunehmend wird die Trümmerfrau aber auch vom rechtsradikalen Milieu instrumentalisiert, um Deutschland als Opfer des Zweiten Weltkrieges darzustellen.

Lange Reihe Ecke Spadenteich

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Sedantag

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Am Feiertag waren wir in Mecklenburg, wie passend. Am Feiertag waren wir in einem deutschen Wald, wie passend. Da wies ein Schild zur Grabanlage eines alten deutschen Adelsgeschlechtes, dem sind wir dann einfach mal gefolgt und haben die Gräber auch irgendwann gefunden, mitten im Wald. Und wenn mich die Wikipedia und Google nicht täuschen, die allerdings ziemlich schlecht erreichbar waren, weil man im deutschen Wald nun einmal kein Netz hat, wenn man nicht gerade eine Kreuzspinne ist, dann lag da einer der Hitler-Attentäter vom 20. Juli, also aus dem weiteren Kreis, und der war einmal, wovon ich noch nie gehört habe, auf dem gleichen Gymnasium wie ich, guck an. So stolpert man alle paar Meter über Geschichte, wie passend.

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Hamburg, Sankt Georg, Lange Reihe. An die Gedenkplakette am Hans- Albers-Geburtshaus hat jemand ein ganz kleines Röschen gesteckt, das sehe ich zum ersten Mal dort. Und auf dem Handy sehe ich, dass es in diesem Haus ein Hans-Albers-Gedächtnis-WLAN gibt, das ist auch schön und würdig. Ich habe da mal eine Wohnung besichtigt, in diesem Haus, ich weiß gar nicht, ob es DIE Wohnung gewesen ist, ich habe das damals nicht einmal gefragt. In der Wohnung gab es jedenfalls einen überaus prächtigen Kachelofen, der war so prächtig, er hätte einen geradezu davon abgehalten, dort in Ruhe zu wohnen. Man hätte da jeden Abend im Wohnzimmer auf dem Sofa gesessen, hätte auf diese wahnsinnig großartigen Ofen geguckt und immer wieder nur gedacht: „Alter Schwede, was für ein Ofen!” Und das wäre ja auf Dauer auch kein Zustand gewesen. Ich bin immer noch dankbar, dass wir diese Wohnung nicht bekommen haben.

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In einem Kommentar zum letzten Artikel wurde mein mäandernder Schreibstil gelobt (vielen Dank!). Am Abend habe ich ein neues Buch angefangen, eine von Susanne Urban und Ilja Trojanow herausgegebene Anthologie über das Gehen (“Durch Welt und Wiese oder Reisen zu Fuß) und gleich auf den ersten Seiten finde ich das Wort Mäandertaler. Ist das nicht furchtbar schön? Und da steht man dann, liest das und ist jahrelang nicht selbst auf das Wort darauf gekommen. Ist das nicht furchtbar dumm?

Inhaltsverzeicnis der Antholgie zum Thema Gehen

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Ich gehe am Vormittag durch einen Park, ich kann aber im Herbst nicht durch einen Park gehen ohne das Wort „totgesagt“ zu denken. Das sind so die Spätfolgen allzu intensiven Lyrikkonsums in der Jugend, darüber spricht man beim Deutschen Germanistenverband auch nicht gerne, nehme ich an. Komm in den totgesagten Park und schau, nicht wahr, das kennt man, wobei ich den Park jetzt eigentlich hätte klein schreiben müssen, pardon, komm in den totgesagten park und schau, der schimmer ferner lächelnder gestade, das hatten Sie vielleicht auch mal im Lesebuch stehen, die Wahrscheinlichkeit ist sogar ziemlich groß. Totgesagt, totgesagt, totgesagt, erbaulich geht ja auch anders. Aber seit ich das kenne jedenfalls, also schon sehr lange, gehe ich im Herbst durch irgendwelche totgesagten Parks, schaue so und denke mir: „Ja was jetzt.“

Baumstamm am Zaun

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Seit zwei Tagen haben wir Dauerregen, also das Wetter, das hier früher einmal normal war. Gerade in diesem Moment, es ist 05:30 am Mittwoch, am Feiertag also, ich stehe leise diktierend in der Küche beim ersten Kaffee, wird der Regen stärker, es schüttet, es kübelt, wilde Percussion am schrägen Dachfenster, ein fast vergessenes Geräusch. Die Menschen liefen gestern alle in Jacken durch die doch noch wieder graue gewordene Stadt, gar nicht wenige auch schon in voller Wintermontur, Schal, Mütze, Handschuhe. Bei mir wirkt der unglaublich lange Hitzesommer in der Dachgeschoßwohnung noch so dermaßen nach, ich trage nach wie vor nur einen Pullover. Ich gehe raus, ich werde nass, ich denke: Geil, ich friere ein wenig. Und es ist noch kein Ende abzusehen, vielleicht bin ich ja so dermaßen durchgeglüht, dass die 2018er Wärme bis 2019 reicht.

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“I’m a minority in a minority in a minority.” So hat sich eine Sprecherin auf der Tedx in Hamburg (die Mehrheit der dort Auftretenden war weiblich, geht doch) vorgestellt, sie ist eine palästinensische Christin, die in Israel lebt. Das war Jana Boulus, was sie macht, kann und sollte man sich hier ansehen, sie ist außerdem Fotografin. Ich gehöre keiner einzigen  Minderheit an, ich bin durch und durch Mehrheit und Mainstream, was ich vielleicht in manche Gedankengänge stärker einbeziehen sollte. Ich sage ja, irgendwas nimmt man immer von solchen Veranstaltungen mit.

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Musik!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Die Kraft der Ente und die Kunst der Kroaten

Eine Verschwörungstheorie.

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Während ich bei dem Roman (Der Feigenbaum) immer noch nicht recht weiß, wie ich ihn finde (jetzt aber auch einen Feigenbaum haben will), kann ich bei diesen Kurzgeschichten hier schon einmal anmerken: Verdammt gut.

Titelseite Anthony Doerr

(Anthony Doerr: Die Tiefe, übers. von Werner Löcher-Lawrence)

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Die ebenfalls gestern angesprochene Sache mit der Berufsbezeichnung hat sich übrigens ganz einfach gelöst, dank der Hilfe von Sohn I im Gespräch und von Paula im Kommentar zum letzten Artikel. Die wiesen mich nämlich beide noch einmal darauf hin, dass grundsätzlich und ausschließlich englische Bezeichnungen als cool durchgehen können und dann fiel mir ein, dass ich meine Texte ja gerade spreche und nicht schreibe! Weswegen “Dictator” doch ganz hervorragend passt. That was easy! Man ist aber auch manchmal ein Dummerchen.

Graffiti Putin und Erdogan

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Es wird hier wohl eine schöne Tradition, dass ich die Texte mit Antworten auf die Kommentare zum Vortag beginne. Da fragte etwa Richard, ob ich Laurence Sterne kenne, das ist selbstverständlich der Fall. Denn ein Autor, der ein Leben erzählen möchte, dabei aber bei der Geburt für ein paar 100 Seiten und mehrere Bände vom Thema abkommt, der gilt mir natürlich als Großmeister, zu ihm ist unbedingt aufzusehen. Sollte jemand das Leben und die Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman, versehentlich nicht kennen: Es ist Herbst, es regnet, es wird früh dunkel, man kann schon Herzensternenbrezeln kaufen, die Gelegenheit ist wirklich günstig, genau jetzt damit zu beginnen. Und dann hat man ein paar gepflegte Abende lang etwas zu tun.

 

Thalia-Plakat: Gegenwarten

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Aber zurück zur Tedx. Der erste Redner dort war Paul Bethke, der Gründer von Lemonaid, Sie haben vielleicht mitbekommen, die Firma war im Sommer in den Schlagzeilen, weil ein großer Discounter deren Produkte ziemlich schamlos gefälscht hat, eine Sauerei erster Klasse.

Hier muss kurz ein alberner Exkurs hin, pardon. Denn diese Diktiersoftware ist zwar dahingehend erstaunlich, dass sie fast alles versteht, aber doch nicht ganz alles, und die verbleibenden Fehler sind manchmal schon schön. So stand hier bis eben gerade, dass Paul Bethke an Lemon litt, was sicher eine ganz neue Sicht auf sein Leben ist. Und gestern wurde in einem anderen Text durch einen Fehler das Wort Pointe durch Kroate ersetzt, weswegen mein seltsames Hirn jetzt dauernd Sätze wie :”Er konnte meisterhaft Kroaten setzen” und “Ein Kroate jagte den anderen” abspult, so ist man als Diktierender manchmal auch höchst eigenwillig beschäftigt. Bitte um Vergebung für die Albernheit, Exkursende.

Jener Paul Bethke also hat in den auf der Tedx üblichen 15 Minuten sein Leben und sein Projekt umrissen, also sein größtes Projekt, die bekannte Limonadenfirma mit dem karitativen Aspekt, auch sein Leben wird sicher aus mehreren Projekten bestehen, nehme ich an. Der Film dazu ist noch nicht online, den muss ich irgendwann nachreichen, es dauert immer eine ganze Weile, bis die auf Youtube erscheinen. An Paul Bethke haben mich zwei Aspekte irritiert, und nein, es folgt jetzt weder Kritik an seiner Person noch an seiner Firma, er dient mir hier nur als bloßer Stichwortgeber. Zum einen habe ich ziemlich weit hinten gesessen und nicht die besten Augen, aus dieser Beobachtungssituation heraus sah er ziemlich überzeugend aus wie Frank Zappa, das war sehr merkwürdig. Schon aufgrund dieser Ähnlichkeit konnte er gar keinen normalen Lebenslauf haben. Wobei eine Limonadenfirma mit Wohltätigkeit und Fairtrade-Zutaten in Bioqualität vielleicht auch gut zu Frank Zappa gepasst hätte. Also wenn schon Brause, dann so.


Zum anderen schweife ich aber nicht nur als Autor, sondern auch als Zuhörer gerne und ausgiebig ab, was mir bei Paul Bethke zum Beispiel gleich zu Anfang passierte, weil ich über dieses von ihm vermutlich selbst gewählte und mit den ersten Sätzen klar werdende Format „Mein Leben in 15 Minuten“ nachdenken musste.

Denn 15 Minuten sind denkbar knapp, das wären sie sogar für ein ziemlich ereignisloses Leben. Man bricht sich in so einer Situation als Vortragender auf wenige Eckpunkte herunter, man zeichnet sich mit nur ein paar Linien, man zeichnet sich selbst wie ein Karikaturist, natürlich aber ohne jede beleidigende Absicht. Da sind dann nur die vermeintlich prägenden Merkmale übrig, die Highlights. Dazu dann noch einige sinnvolle Übertreibungen, es soll ja auch werben, und alles mit großem Schwung verbunden. Fast alles aus dem Lebenslauf lässt man aber weg, man entnimmt dem üppigen Material an Jahren und Jahrzehnten nur eine Handvoll Momente – und dann hat man sich als very short story, als prägnante Skizze.

Das kann man leicht zu Hause einmal nachspielen, diese 15-Minuten-Sache, ich glaube, dass daran mindestens zwei Sachen höchst interessant sind. Zum einen natürlich das, was man weglässt, denn das ist vielleicht nicht unbedingt das, was andere auch weglassen würden, wenn sie uns beschreiben müssten. Da ist man dann wieder und wie so oft bei der Selbstbild/Fremdbild–Sollbruchstelle der menschlichen Intelligenz, das ist immer ein höchst spannender Abgrund, über den man gar nicht genug nachdenken kann. Andere würden eine andere Karikatur von uns zeichnen, vermutlich eine, die uns in Teilen überraschen würde.

Zum anderen, und da komme ich wieder auf den gestern verlinkten Text zur Erzähltheorie – obwohl ich den beim Besuch der Tedx noch gar nicht kannte -, ist es aber bedenkenswert, dass man diese 15-Minuten-Version von sich selbst normalerweise und mit bestem Gewissen für die Wahrheit hält. Denn wenn mich meine Psychologiekenntnisse nicht täuschen, spricht einiges dafür, dass genau dies nicht die Wahrheit ist. Ich hatte dazu vor ein paar Tagen auch einen Text über die Täuschungen des Gedächtnisses verlinkt, es gibt aber noch mehr Gründe, sich selbst nicht alles zu glauben, wer einmal eine Therapie gemacht hat, der nickt jetzt wissend. Wenn man das nun ernst nimmt, dann muss man eigentlich enorm vorsichtig mit diesen Kurzfassungen von sich selbst umgehen, ganz egal, ob man sich nun elaboriert einem Auditorium oder nur nebenbei einem Gesprächspartner auf einer Party vorstellt. Noch einmal, damit meine ich nicht speziell den Vortrag von Paul Bethke, der war nur der Auslöser für diese Gedanken, der kann gar nichts dafür.

Das bin also nicht ich, was ich da von mir berichte, das ist nur die von mir zu repräsentativen Zwecken erdachte Geschichte von mir. Was wiederum auch deswegen spannend ist, weil man Geschichten meistens fortschreiben möchte. Und da man dabei nicht irgendwas schreiben, sondern die Geschichte möglichst sinnvoll fortsetzen möchte, verhält man sich permanent so, dass die nächsten 15 Erzählminuten vor Publikum, zu denen es jetzt noch gar keinen Inhalt gibt, möglichst gut zu den ersten 15 Minuten passen werden. Die Erzählung bestimmt das Verhalten.

Da kann man, wie Sie sich vielleicht vorstellen können, noch sehr viele Gedanken anschließen, da passt ja auch die gestern bereits diskutierte Sache mit der Berufsbezeichnung und ihrer erstaunlichen Wirkung auf andere, da kann man sich immer weiter hervorragend in Grübeleien zu Lebensgestaltung, Lebenslauf und Lebenssituation verlieren. Das habe ich dann selbstverständlich auch getan, weswegen ich von Paul Bethke nicht alles mitbekommen habe. Er hat sich aber wiederholt vehement gegen Rassismus und für Wohltätigkeit ausgesprochen, so viel habe ich mitbekommen, das fand ich alle sehr sympathisch. Darauf eine Limo!

Stühle vor einer Kneipe im Regen

Wenn man über solche Aspekte zu lange nachdenkt, dann wird es aber auch schwierig. Ich habe gerade eine Kolumne für eine österreichische Frauenzeitschrift geschrieben, nein, diktiert (wie es dazu kam, das muss ich auch noch einmal erzählen, das war ganz amüsant), und bei so etwas reicht man immer auch eine kurze Bio ein, also zwei, drei, vier Zeilen über sich selbst. Da habe ich einigermaßen ratlos vor dem Bildschirm gesessen und bin nicht darauf gekommen, was ich schreiben sollte. “Kommt aus Lübeck”, das stand da bisher immer am Anfang – aber ist dieser Umstand denn so wichtig, dass er in einer ganz kurzen Reihe von Fakten über mich wirklich unbedingt genannt werden muss? Ist nicht irgendwas anderes, was weiß ich, “War in der Grundschule schon der Klassenclown” oder so etwas, vielleicht viel wichtiger? Da sitzt man dann und denkt sich fest, so etwas kommt von so etwas.

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Mit der nächsten Rednerin auf der Tedx hat sich die biografische Zuspitzung durch ihre Selbstbeschreibung sogar noch verschärft. Dazu morgen mehr. Oder übermorgen. Oder so.

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Sohn I bittet um Veröffentlichung eines Terminhinweises aus dem Hamburger Ohnsorg-Theater, es geht um das zweisprachige Stück “Glück hatt?! – Glück gehabt?!” – da spielt er nämlich mit und probt gerade jeden Tag.

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Heute keine Musik, heute die Frage: Woher nimmt die Ente die Kraft?

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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An der Finkenau