Der Sonnabend begann damit, dass sich Sohn II, als er aus unruhigen Träumen erwachte, in einen ungeheuren Kulturwissenschaftler verwandelt hatte. Anders scheint es mir zumindest nicht zu erklären zu sein, dass er, den ich hier vorgestern noch als Banausen bezeichnet hatte, mit mir über meinen Messebesuch bei der Affordable Art sprechen wollte. Und sich sogar zeigen ließ, was ich dort fast gekauft hätte. Um dann mit lässiger Geste, dabei vage auf die verbleibenden Leerstellen an meinen Wänden weisend, in seltsam kundigem Tonfall zu sagen:
„Du musst beim Kunstkauf immer den Kontext beachten, checkstu?“
Eventuell stand ich einen etwas zu langen Moment mit offenem Mund vor ihm. Ich kann es zumindest nicht ausschließen. Wir konnten das interessante Thema dann aber ohnehin nicht weiter vertiefen, denn er musste dringend weiter in seinem Zimmer Rachmaninow hören. Was zwar zunächst gebildet klingt, von dem er aber noch bis vorgestern nie etwas gehört hatte. Aber vorgestern war ja auch klassische Musik an sich in seiner Welt noch vollkommen abwegig. Und nun aber zack. Eine Wende beim Segeln ist nichts gegen die geistigen Umschwünge bei Menschen in seinem Alter.
Über Nacht! Teenager, Phasen und Leidenschaften, Sie kennen das. Und Rachmaninow – immerhin auch schön.
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Wir fuhren mit dem Zug nach Nordostwestfalen, sammelten unterwegs noch Sohn I ein und staunten gemeinsam über unfassbar heruntergekommene Bahnhöfe, defekte Rolltreppen, nicht fahrende Züge, zu langsam fahrende Züge etc. Das mag man aber gar nicht mehr ausführen, denn es wurde schon zu oft und von zu vielen und leider auch wahrheitsgemäß in epischer Breite berichtet. Man hat es längst ein wenig satt, hat man nicht?
Auf Instagram sah ich vorgestern den Clip eines englischen Journalisten, der Deutschland als das dysfunktionalste Land Europas schilderte. Und sich darüber amüsierte, dass es immer noch Menschen im Ausland gibt, die weiter annehmen, wir würden kollektiv nach wie vor den längst veralteten Klischees entsprechen. Ein Volk mit besonderer Leistungsfähigkeit, mit einem angeborenen Sinn für Effizienz, Ordnung, Pünktlichkeit und Verlässlichkeit, außerdem mit einer starken und geradezu instinkthaft sicheren Neigung zum Vorsprung durch Technik usw.
Those were the days, my friend!
Es wurde dann die bittere Wahrheit geschildert. Mit einer Reportage über unsere Reise hätte man diesen Clip gut illustrieren können: Nichts lief richtig, nichts war im Plan. Solch eine Fahrt war es also.
Ich habe zwar immer noch in der Mehrheit der Fälle Glück auf den Schienen, aber manchmal erlebe auch ich das, was alle anderen so oft beschreiben.

Davon abgesehen fuhren wir aber auch im November durch Niedersachsen, was ohnehin nicht gerade eine erhebende Angelegenheit ist. Über weite Strecken blickt man dabei auf Lärmschutzwände in einem unerfreulichen, blassen Krankenhausflurgrün, das zweifellos zu den Farben der besonders demotivierenden Art gehört. Ab und zu ragt Beton über die Lärmschutzwände auf, das sind dann die Autolagerstätten der überall gleichen Park-and-Ride-Parkplätze.
Geht der Blick doch einmal etas weiter, sieht man eine apathisch liegende Landschaft. Alle Farben der Wälder, Äcker und Felder sind nun vermodert und verblasst, verwest, verwaschen, angelaufen oder ausgelaufen, altersschwach und vom trüb hängenden Nebel betäubt und verschleiert.
Folgt Symbolbild „Niedersachsennovember“:

Ich hörte auch während dieser Bahnfahrt den „Dracula“ weiter. Gerade sah ich aus dem Zugfenster auf ein sich dunkelgrau abzeichnendes Sumpfgebiet zwischen kahlen Bäumen, als der Sprecher vorlas: „Es war, als hätte die Fäulnis selbst zu faulen begonnen.“
Diese Passage in genau diesem Moment wollte ich zunächst für das Hörbuch-Highlight des Monats halten. Nicht ahnend, dass es am Abend noch wesentlich besser kommen sollte. Siehe weiter unten.
Zusammenfassend kann man nach zwei Stunden bemerkenswert langsamer und unselig unterbrochener Zugfahrt durch Niedersachsen jedenfalls auf den Gedanken kommen, dass eine seelsorgerische Aufbereitung der Reiseeindrücke bei manchen Passagieren zu empfehlen gewesen wäre.
In diesem Zusammenhang sind auch die vielen, vielen traurigen oder zumindest entschieden unfrohen Gesichter erwähnenswert, mit denen die Reisenden überall an den Haltepunkten aus den Zügen steigen oder in andere, ebenfalls verspätete umsteigen. Aus und in die maroden Züge, die wieder nicht rechtzeitig sind, die kaputt sind, die keine funktionsfähigen Toiletten haben etc.
Ich habe nachgesehen: Die Bahn befördert mehr als fünf Millionen Menschen pro Tag durchs Land. Das ergibt schon einen beachtlichen Prozentwert, wenn man es auf die Gesamtbevölkerung bezieht. Man wird daher eine gewisse Auswirkung auf die gesamte Stimmung nicht von der Hand weisen können. Sie ziehen uns runter, diese Züge, die nicht fahren. Bahnbetrübnis als Bremse am Volksvergnügen.

Eine ältere Frau in unserem Abteil hörte nicht auf, sich über die stockende Fahrt zu beschweren. Sie ereiferte sich von Station zu Station immer mehr. Weil es doch nicht sein konnte, weil es doch einfach unfassbar war. Und sie wiederholte das Wort „unfassbar“ sehr oft, immer lauter und mit mehr und mehr Ausrufezeichen dahinter. Sie sprach dabei zu sich selbst und auch zu allen um sie herum, Zustimmung suchend. Und sie klang ein wenig so, als sei eine veritable Nervenkrise bedrohlich bald wahrscheinlich.
Weswegen sich schließlich ein Mann mit Pastorenstimme zu ihr umwandte und goldene Worte sprach. Die man auch wieder auf Kissen sticken könnte:
„Es ist nun einmal so, wie es ist. Und irgendwann kommen alle irgendwo an.“
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Abschließend zum Highlight des Reisetages.
Method-Reading, aber in der Hörbuchversion: Nach der arg verzögerten Ankunft in Nordostwestfalen, nachdem auch die uns mit dem Auto abholende Mutter meiner Söhne ihren fairen Anteil an den Tagesverwirrungen abbekam und an Baustellen, Brückenschäden etc. verzweifelte, daher erst nicht zum Bahnhof fand und sich dann mit dem Navi pöbelnd herumstritt und daher ebenfalls als stimmungsmäßig gefährdet gelten musste, ging ich in ihrem Heimatdorf noch einmal um den Block.
Was man hier aber mangels Blöcken gar nicht so sagen kann – sagen wir, ich ging einmal um den Acker. Und hörte dabei immer noch, entschlossen und trotzig um Entspannung bemüht, den „Dracula“.
In dem sich der finstere Graf gerade auch an der zweiten weiblichen Hauptperson schamlos vergriff. Es floss Blut, es gab ein größeres Drama und die heroischen Herren aus der Abteilung Weltrettung machten sich kampfbereit, Knoblauch und Kruzifix schon im Anschlag. Der ruchlose Vampir alten Adels aber stand rotbefleckt über sein Opfer gebeugt und sah dabei furchtlos seine Gegner an, die in seinem Blick in diesem Moment die tiefsten Abgründe der Hölle erahnen konnten.
Ich hörte genau diese Passage – und es wird wohl in Bezug auf situative Passgenauigkeit so leicht nicht mehr zu schlagen sein –, während eine Bande von Fledermäusen aus dem Nichts auftauchte, eine Weile schwarzschattig tanzend um mich herum kreiste und mich dann auch noch ein Stück weit dunkelwirbelnd zum düster wartenden Wald begleitete.
So munter flatterten sie lautlos wirbelnd um mich herum – als sei es ein besonderes Fledermausvergnügen, den einsam durch die Dunkelheit strolchenden Abendspaziergängern auf Landstraßen etwas Flederbegleitung anzubieten.
„Die Nacht ist da, dass was gescheh‘“, wie es in einem alten Lied heißt.
Ich fühlte mich in gewisser Weise geradezu durch den Moment geehrt. Und immerhin etwas mit dem Tag versöhnt, das auch.





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