Vorweg herzlichen Dank für die Zusendung eines Buchs vom Wunschzettel. Es kam die „Zwischenbilanz“ (Verlagslink) von Günter de Bruyn, die dann vermutlich auch bald dran ist. Sehr schön!

***
Da in letzter Zeit so viel vom Krankfeiern und vom Blaumachen die Rede ist, habe ich es doch noch einmal nachgeschlagen, was es eigentlich bedeutet und warum ausgerechnet Blau – hier die Erklärung, es geht um Stoffe und Farben.
Es verhält sich mit dieser Redewendung ein wenig wie mit dem aus norddeutscher Sicht sonderbaren Fest Fronleichnam – ich kann es noch so oft nachschlagen, ich vergesse es umgehend wieder, was ich da gerade gelesen habe. Es gibt Sachverhalte, für die man eine Art Speichersperre zu haben scheint, merkwürdige Blockaden im Hirn.
Da aber auch das Private der Patienten politisch ist, selbstverständlich ist es das, möchte ich kraft anekdotischer Evidenz thematisch verbunden vom Blau zu Grün überleiten. Und dabei einen weiteren Umstand aufführen, den irritierenderweise bisher kein Mensch in den Beiträgen zur Debatte zu erwähnen scheint.
Denn diese Figur, die in der aktuellen Diskussion mehr oder weniger deutlich immer wieder angesprochen wird, welche sich morgens krankmeldet und dann, man soll sie sich wohl hämisch grinsend dabei vorstellen, für den Rest des Tages in die Hängematte im Garten zurückzieht, von wo sie dann ab und zu hohnlachend ihres solcherart schamlos ausgebeuteten Arbeitgebers gedenkt – die kann ich als Existenzform in meinem Umfeld gar nicht bestätigen.
Niemand macht das so. Niemand, den ich kenne. Obwohl ich doch Menschen auf eine Art in der Nähe habe, dass ich es vermutlich wüsste, wenn sie es machen würden, machen sie es nicht. Ich kann da als Zeuge nichts bestätigen, es kommt einfach nicht vor. Vielleicht schon wegen der um mich herum stark verbreiteten und nach wie vor überaus wirksamen protestantischen Arbeitsethik nicht, das mag sein.
Grenzfälle, die gibt es wohl. Die sind dann meist verbunden mit der Frage, ob man nun krank ist oder nicht, denn manchmal könnte man sich so oder so entscheiden und weiß aber nicht recht. Man hat da nur so ein Gefühl … Was dann richtig ist, was richtig gewesen wäre, darüber erhält man eh keine Auskunft, auch später meist nicht. Das verbleibt alles im Unklaren.
Aber die freundlich zugewandte Aussage: „Dann bleib mal lieber einen Tag zuhause“, sie ist in vielen Fällen der einigermaßen naheliegende und vermutlich auch vollkommen korrekte Prophylaxehinweis. Es wird oft schon passen, und es wird auch aus medizinischer Sicht oft richtig sein.
Überlastungsfälle kenne ich auch, kennen wir vermutlich alle. Gut erinnerbar etwa aus der Kleinkindzeit, in der man mit neuen Aufgaben, Terminen, Viren und Zumutungen aller Art derartig heftig bombardiert wird, dass man zwischendurch aufgeben möchte. Da heißt die Krankheit dann aber Erschöpfung und wird für einige vielleicht diskutabel sein. Für einige, die es unbedingt eher kalt und ohne jede Empathie betrachten wollen, und gibt es selbstverständlich auch. Alle anderen neigen da tendenziell eher zum Verständnis.
Das Blaumachen als diebisches Vergnügen aber – eher Fehlanzeige.
Und was überhaupt nicht zur Sprache kommt, was aber seit Beginn der Home-Office-Zeit in sämtlichen Büroberufen ein neu eskalierter und komplett gegenläufiger Umstand ist, das ist das Arbeiten im Zustand der Krankheit. Das Dennoch-Arbeiten. Das Abarbeiten wenigstens der wichtigsten Sachen. Denn man liegt ja nur herum, da kann man sich doch zumindest kurz und vielleicht nur stundenweise … Ich glaube, man unterschätzt leicht, was es ausmacht und vor allem, in welcher Häufigkeit es auftritt.
Es ist ein Plus an Arbeitsstunden, das man zwar statistisch kaum greifen kann, das ich aber für eindeutig nennenswert halte. Man schaltet das Notebook trotz Grippe, Covid, Kopfweh, Übelkeit, Hexenschuss oder was auch immer ein. Einige Mails beantwortet man dennoch und man ruft vielleicht auch jemanden schnell an. Man wird dabei in MS Teams zwischendurch als anwesend und also grün angezeigt.
Was dann eine äußerst sinnige Gegenposition zum Blaumachen ergibt. Wir haben mittlerweile das Grünmachen erfunden, und zwar merkwürdigerweise so, als habe es eine sprachliche Notwendigkeit oder Folgerichtigkeit hierfür gegeben.
„Du bist krank und bleibst hier? Prima, dann kannst du ja etwas Schlaf nachholen.“
„Nein, ich mache grün und habe gleich einen Call.“
Schon gut, ich weiß, das sagt niemand.
Ein Teil der neuen Wirklichkeit ist es dennoch längst geworden. Und wenn man Krankentage oder -stunden zählt und die Ergebnisse argumentativ einsetzen möchte, man müsste diesen Faktor eigentlich mitdenken, um ein korrektes Bild zu ermitteln.
Aber was weiß ich schon.

***
Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

























