Links am Morgen

Ich habe für das Goethe Institut etwas über die Innenstadt geschrieben. Hier entlang.

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Während ich beim Thema Home-Office allmählich doch denke: „Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“, läuft es bei Frau Novemberregen etwas anders.

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Eine Buchbesprechung, den Band vielleicht einmal vormerken. Auf Spotify auch als Hörbuch verfügbar.

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Die Rettung

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Vielleicht erinnern Sie sich noch, ich habe „früher“ manchmal Artikel aus dem gleich folgenden Blog hier verlinkt, es ging da um die Geschichte zweier Jungen aus Afghanistan, die bei denen im Pfarrhaus lebten … wissen Sie noch? Dazu ein Update aus traurigem Anlass.

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Und diese beiden Herren hier haben ein neues Album draußen, das exakt so klingt wie damals. Sie haben sich diesbezüglich in einem Interview mit Spargel verglichen – der schmeckt auch jedes Jahr gleich, niemand erwartet Überraschungen, aber alle freuen sich, hey, endlich Spargel.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Vinho Verde

Ich habe neulich über einen gelungenen Nachmittag geschrieben, hier war das. Da gelungene Momente, also richtig gelungene Momente, welche die vielleicht nur theoretisch mögliche Perfektion zumindest streifen, nicht eben häufig im Leben sein können, müssten einem zumindest manche auch nach Jahren noch wieder einfallen, sie müssten sich doch eingeprägt haben. Dachte ich so, und dachte dann etwas länger nach. Der erste Moment, der mir dabei einfiel, ist ziemlich lange her, er war in der Anfangszeit der hier in jahrelanger Chronik geschilderten Beziehung, die Herzdame und ich waren gerade erst zu einem Paar geworden. Er ist so dermaßen lange her, ich habe zu der Zeit noch nicht einmal gebloggt, ich wusste wohl noch nicht einmal, was Blogs sind. Aber das wussten insgesamt nur wenig Menschen in diesem Jahr, glaube ich. Es war unser erster gemeinsamer Urlaub, wir waren auf Madeira. Wir wussten bei der Buchung gar nichts über Madeira, es war so ein Last-Minute-Ding. Madeira klang gut, fanden wir. Und wir hatten Glück, Madeira gefiel uns sofort und sehr, die Insel des ewigen Frühlings, wer kann dazu schon nein sagen. Jeden Tag ein wenig Regen, jeden Tag viel Sonne, jeden Tag ist es dort warm, nie aber heiß – und ein paar Meter die Berge rauf, da wird es dann verlässlich frisch. Die Vegetation ist überall so unfassbar üppig, es wachsen Strelitzien aus Gullideckeln, da guckt niemand hin, das ist quasi Unkraut.

Wir saßen in dieser Urlaubswoche eines Abends in einem Park vor Funchal. Santa Catarina war der Name des Parks, wenn ich es richtig erinnere. Es war dieses Wetter, man erinnert sich an Hitzetagen wie heute besonders gerne, bei dem es gerade eben warm genug ist, um einfach so im Park im Gras zu sitzen. Es war gerade eben schön genug und dadurch war es unfassbar schön, ein Geschenk war es. Wir hatten wenig Geld und natürlich keine Vollpension, wir aßen da draußen Weißbrot und Tomaten und etwas Käse aus dem Supermarkt auf dem Rasen. Wir tranken dazu Vinho Verde, und es war das beste Getränk, das wir je getrunken hatten. In Reiseführern steht als Warnung, dass Vinho Verde nur im Süden schmeckt, nur im besonderen Moment, nur im Urlaub. Wenn man den in Hamburg kauft und trinkt, im November, im Regen, im Alltag, dann schmeckt der nicht, dann ist das nur billiger Jungwein, tendenziell sauer im Abgang.

Und das stimmt. Nie wieder hat Vinho Verde geschmeckt, nicht einmal ansatzweise, wir haben es mehrfach versucht. Wie es vermutlich alle versuchen, wie vermutlich alle scheitern, die diesen Wein mit einer Erinnerung abgleichen. Wir müssten noch einmal dahin. Wir müssten noch einmal in diesen Park, wir müssten noch einmal so mit uns und allem zufrieden sein wie damals, wir müssten noch einmal Weißbrot und Tomaten und Käse im Gras essen und auf Funchal am Abend sehen und es müsste gerade eben warm genug sein und wir müssten uns auf immer noch mehr gemeinsame Jahre freuen, was ich übrigens leicht finden würde – ja, dann vielleicht.

Aber wir müssen eigentlich gar nichts. Wenn ich nur lange genug an diese Szene denke, an unsere Verliebtheit, an die Richtigkeit aller Entscheidungen bis dahin – dann kann ich den Wein von damals immer noch schmecken. Und was für ein Wein das war!

Vielleicht aber war es auch gar nicht so. Vielleicht ist das nur ein banaler Fall von Verklärung. Welche nicht unwichtig ist, denn Verklärung, so heißt es doch, hält uns über Wasser. Oder war es etwas anderes? Egal.

Eigentlich mag ich nämlich gar keinen Wein. Nur den, den mochte ich.

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Trinkgeld April, Mai, Ergebnisbericht

So, der ausstehende Text, jetzt aber.

Das Bett, von dem ich längst berichtet habe, dass wir es gekauft haben, es ist nach wie vor nicht geliefert worden, es soll jetzt Juli werden. So cirka. Was sind das für Lieferfristen? Steckte es im Suez-Kanal fest, gibt es eine weltweite Bettenknappheit, über die nur niemand berichtet, liegt es am Holzmangel in der Bettenbauwirtschaft? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, es dauert unfassbar lange, längst habe ich vergessen, was genau wir da bestellt haben. Ob ich jemals auf eine Bestellung so viele Monate gewartet habe? Und wir schläft man in etwas, auf dass man ein halbes Jahr oder mehr warten musste? Besonders gut oder wird es den aufgestauten Erwartungen nie gerecht werden können? Ist es am Ende – einfach nur ein Bett? Mehr dazu dann im Juli. Oder später.

Es wurden diverse Mangas gekauft, die Söhne haben nach wie vor lebhaften Bedarf und der große Mangadealer ist dummerweise gleich um die Ecke. Aber hey, sie lesen. Immer alles positiv sehen. Wenn hier übrigens ein Text mit Sohnbezug erscheint und direkt darauf etwas hereinkommt, dann erhält der Sohn stets die Hälfte. Man braucht einfache Regeln, finde ich.

Es gab neue Kopfhörer für das Smartphone eines Sohnes, weil der nicht mehr in der Lage ist, ohne begleitende Musik draußen herumzugehen. Ich verstehe das.

Espresso! Es wurde der ganze Espresso von den Trinkgeldern bezahlt. Sie haben damit jeden Artikel hier überhaupt erst ermöglicht, ohne mein Koffein sage ich gar nichts.

Die Herzdame benötigte, so war ihre Wortwahl, und ich mache hier keine bezahlte Werbung, fellgefütterte Birkenstocks. Die waren wichtig, sagte sie, es war zu diesem Zeitpunkt noch bitterkalt. Erinnern Sie sich, es war gerade neulich noch bitterkalt. Ich kann dazu nichts weiter sagen, ich habe die Schuhe nicht getragen. Aber gut scheinen sie doch zu sein, denn die Söhne stehlen sie dauernd, das ist immer ein brauchbarer Indikator.

Nach monatelanger Diskussion wurde dann noch so ein Gerät besorgt um Leitungswasser in Blubberwassser zu verwandeln, wir müssen jetzt also keine Kisten mehr durch die Gegend schleppen. Dies führte im weiteren Verlauf wegen der neuen Knappheit an passenden Flaschen zu erstaunlich lebhaften familiären Streitsituationen, wer wann welches Wasser kaltgestellt, gesprudelt und konsumiert und damit also anderen weggetrunken hat, was wiederum dazu führte, dass ich in gewohnter Reaktanz kategorisch nur noch Leitungswasser (pur, unveredelt, leitungswarm) trinke, nur um ständig und verlässlich sagen zu können: „Also ich nicht!“ Das ist nämlich sehr gut, wenn man das sagen kann. Ein sicheres Gefühl.

Dann habe ich noch etwas Kleinkram verzeichnet, was man so braucht, Meisenknödel, FFP2-Masken, besondere Backzutaten. Der Rest ging wie immer schlicht in die Versorgung mit dem alltäglichen Zeug, was nicht abwertend gemeint ist. Auch wenn ich es schon xmal erwähnt habe: Wenn hier beispielsweise 2 Euro reinkommen, dann denke ich beim Einkaufen gerne, diese Bananen und der Frischkäse da, die sind jetzt von den Leserinnen. Das Einkaufen macht viel mehr Spaß auf diese Art, ich habe das jetzt monatelang getestet, es ist eine nachhaltige Wirkung, das bleibt so.

Es gab, Sie merken es, noch keine einzige größere Bespaßung in dem Zeitraum bis Ende Mai, wir haben uns mit allem noch zurückgehalten. Kein Ausflug, kein Essen, kein Museum, kein Theater, ich weiß gar nicht mehr, was alles außerdem schon ging – wir warten. Und während Warten normalerweise und ganz ernsthaft mein Kryptonit ist, dieses Warten macht mir gerade gar nicht viel aus.

Wie immer, ganz herzlichen Dank für jeden Euro und jeden Cent, es ist uns ein Fest. Je-des-mal.

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Geschrieben zu haben

Ich lese in einem Buch von Charles Fernyhough: „Selbstgespräche – Von der Wissenschaft und Geschichte unserer inneren Stimmen.“ Deutsch von Theresia Übelhör. Ein Werk, in dem in er in faszinierender Gründlichkeit einem nahezu unmöglichen Forschungsgegenstand nachgeht, denn es geht um das, was wir denken, und wenn wir daran denken, was wir denken, dann denken wir ja nicht mehr, was wir denken, sondern etwas ganz anderes. Als hätte man ein Stöckchen in den Gedankenstrom gehalten, und schon fließt er nicht mehr normal, sondern verwirbelt sich seltsam. Das normale Denken ist schwer zu erwischen und auch dieses Buch zeigt übrigens wieder, dass es zwischen den Menschen nennenswert mehr Unterschiede im bloßen Vorgang des Denkens gibt, als man es sich wohl gewöhnlich vorstellt. Die anderen Menschen sind also noch mehr anders, als man ohnehin immer annimmt. Das ist leicht zu verstehen, aber schwer zu verdauen, glaube ich.

Bis zu 15% der Durchschnittsbevölkerung, so heißt es da etwa, hören ab und zu Stimmen, ist das nicht eine erstaunlich hohe Zahl? Also Stimmen im Kopf, die sich wie fremde Stimmen anfühlen. Ich finde 15% ziemlich beeindruckend. Fernyhough vergleicht das dann, und da wird es für die schreibenden Leserinnen interessant, mit den kreativen Prozessen. Wie kommt man eigentlich zu Ideen und zu Figuren – und reden die? Sagen die den Schreibenden etwas, kann man denen zuhören? Wer macht eigentlich die Geschichte, wer die Dialoge, die Figuren oder der Autor und wer macht genau was bei dem Prozess, was macht unser Hirn dabei und wie kommt es dazu?

Für Eltern auch interessant ist die Frage, ab wann Kinder einen eigenen und mehr oder weniger verbalisierten Gedankenstrom im Kopf haben (überraschend spät) – und was eigentlich davor ist.

Nicht die leichteste Lektüre, nicht fluffig und unterhaltsam. Aber hier und da allemal zum Weiterdenken geeignet.

Das Wort parasozial habe ich nebenbei auch gelernt, das war mir nicht geläufig. Es ist aber für mich als Bloggerin, meine männlichen Anteile sind mitgemeint, gar nicht uninteressant.

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Zwischendurch recherchiere ich auf einmal, es überrascht mich selbst, wie das kommt, Füller und Notizbücher. Ein plötzlich wieder aufwallendes Interesse, den Anfangspunkt bekomme ich nicht einmal bewusst mit, es überfällt mich hinterrücks. Ich suche mir meine Federn zusammen, die Tinten usw., ich baue alles vor mir auf. Ich finde es großartig und möchte dringend mehr von allem haben. Ich interessiere mich nicht für Kalligraphie oder Handlettering, für dieses ganze bunte Schnörkelzeug nicht, ich interessiere mich eher für das gewöhnliche und altmodische Schreiben. Schreiben mit der Hand beruhigt, noch mehr aber beruhigt es, geschrieben zu haben. Geschrieben zu haben ist ein überaus angenehmes Gefühl, Seiten gefüllt zu haben ist schön. Eine Art handwerkliche Befriedigung ist das, sinnlich und verlässlich.

Immerhin hat Sohn II diese Phase nicht zeitglich mit mir, denn dann, das haben wir beim letzten Mal gemerkt, wird es teuer. Wir verstärken unsere Leidenschaften in dem Fall geradezu fürchterlich. Wir kaufen einen ganzen Schreibwarenladen, wir horten alles, was es gibt, Papier, Schreibgeräte, Tinten und Blöcke, und wenn die Phase abklingt, zehren wir jahrelang von den Vorräten.

Ich gehe eben nachsehen, wie lange die Notizbücher wohl reichen und ob es nicht doch sicherer wäre, noch ein, zwei …

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Mittwochnachmittag im Garten

Werktagsnachmittage im Garten sind manchmal besonders gut. Die ganze Anlage ist menschenleer, die Rasenmäherbeschallung hält sich in Grenzen, die sonst obligatorischen Grilldüfte sind ausgedünnt, es ist friedlich und ruhig, man hört die Vögel, und wie man sie hört. Und da, am Weißdornbaum ein kleiner, schneller Schatten, der den Stamm hinabläuft, das ist ein Kleiber. Noch nie habe ich einen Kleiber im Garten gesehen, die Söhne haben überhaupt noch nie einen gesehen. Immer ist es mir ein Fest, wenn ich zum ersten Mal ein Tier in einem Umfeld entdecke, in dem ich es nicht kannte. Neulich der Dompfaff auf dem Balkon, dann der Marder am Spielplatz, jetzt der Kleiber auf der Parzelle. Kein schlechtes Ergebnis für fünf Tage.

Wir pumpen das SUP-Board auf. Die Söhne machen ihre erste Fahrt in diesem Jahr, und spät sind wir dran damit, sehr spät. Dafür ist das Wasser schon so warm, dass sie auch gleich vom Board aus baden, und zwar ohne nach zwei Minuten blau anzulaufen. Wie es aussieht, macht es auch in diesem Jahr wieder Spaß. Ich muss nicht baden, denn ich trage nach dem Spaß das nasse Board zurück zum Garten, da bekomme ich schon genug Wasser ab für meinen Geschmack.

Ich mache Gnocchi, das bei uns klassische Gartenessen. Fertig-Gnocci mit angeschmolzenen Tomaten, Basilikum oder Rosmarin, was eben gerade wächst und vorhanden ist, Mozzarella und ein Spritzer Zitrone. Ein gutes Essen nach einem Bad im Fluss und in 15 Minuten ist es fertig. Dazu Wasser mit Holunderblütensirup und Zitronenmelisse direkt aus dem Beet. Es sind alle zufrieden, wie selten das so ist. Man müsste vor jedem Essen Schwimmen gehen, dann gäbe es die ganze Mäkelei vielleicht nicht.

Nach dem Essen sitze ich am Tisch auf der Terrasse und schreibe, die Herzdame wässert die Beete. Ein im Abendlicht aufperlender Wasserstrahl, die Akelei duckt sich weg wie ich unter einer kalten Dusche. Alles grünt in schönster Üppigkeit, auch der Mohn brennt schon, die Stachelbeeren sind bald reif und die Lupinen haben einen dermaßen dramatischen Farbverlauf, da kommt eine LED-Beleuchtung gar nicht gegen an.

Die Nachbarin zwei Gärten weiter wässert auch gerade ihre Beete. Sie hat die gleiche Körperhaltung wie die Herzdame, sie benutzt einen gleichfarbenen Schlauch. Vielleicht steht zwei Gärten weiter, das kann ich schon nicht mehr sehen, noch eine Frau in dieser Haltung, und zwei Gärten weiter noch eine und so weiter. Wie alle immer alles gleich machen, und wie dabei gar nichts gleich ist. Das ist nicht gerade geistreich, denke ich, aber was kann man erwarten, wenn man gerade pappsatt und müde ist, wenn es gerade genau richtig warm ist und die Sonne genau richtig tief in der Birke hängt und der Wind in aller gebotenen Dezenz ganz leicht über die nackten Unterarme streift und dazu schon wieder die Heckenbraunelle singt. Ich bin schwer damit beschäftigt, das alles ausreichend herrlich zu finden und zu würdigen, und ich schreibe sicherheitshalber alles mit. Ich sage einem neben mir sitzenden Sohn, dass gerade jetzt alle Wetterbedingungen hundertprozentig perfekt seien, und dass es gar nicht viele solche Momente im Laufe eines Jahres gebe. Dann achtet er auch darauf und wir sitzen da und fühlen herum und halten unsere Arme in die Luft und der Wind kommt und zeigt uns, wie warm er ist.

Der Sohn sagt, dass das auch schön sei, nur mal so zu sitzen und ich sage, wenn du das verstanden hast, dann hast du aber enorm viel Vorsprung vor mir. Ich habe dafür ein paar Jahrzehnte mehr gebraucht. Wenn man nur so guckt, sagt der Sohn, unterhalten sich die Augen mit dem Grün. Wir sehen ins Grün, es ist so viel davon da.

Helllila fällt neben uns die Rhododendronblüte. Diese Zeit ist schon vorbei.

Mücken im Gegenlicht, bewegte Pünktchen vor Pastellblau. Über uns tänzeln weiße Lampions an einer Leine über der Terrasse, vor mir liegen mein Notizbuch und mein Füller und ich verweile noch, denn es ist so schön. Das mal dem Augenblicke sagen!

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A fight for love and glory

Am Nachmittag, der sich überzeugend nach Sommer anfühlt, übt draußen einer Trompete, lange und gründlich. Erst spielt er immer wieder Sequenzen aus Moon River, dann aus As time goes by. Beide Songs klingen auf der Trompete als Soloinstrument wie die letzten Stücke bei einem Begräbnis mit militärischen Ehren. Die Träger kommen im Gleichschritt am offenen Grab an, der Sarg sinkt, my huckleberry friend, alle werfen eine Handvoll Erde. Die Gäste gehen dann, nachdem sie noch eine angemessene Minute lang gewartet haben, in kleinen Grüppchen gehen sie. Zwei, drei bleiben aber noch eine ganze Weile an der Grube stehen und sehen still auf den Sarg und auf die Kränze und fassen sich schließlich an den Händen, it’s still the same old story, a fight for love and glory. Abblende, Ende. Ein seltsamer Soundtrack.

Am nächsten und ebenso schönen Nachmittag übt der Kirchenchor auf dem Platz vor der Kirche. Ich nehme an, sie müssen immer noch draußen üben. Vielleicht wollen sie es aber auch, weil das Wetter so schön ist, was weiß ich. Die Häuser ringsum ermöglichen einen Klang wie im Freilufttheater, laut kommen die Lieder hier oben an. Es sind vermutlich Kirchenlieder, ich erkennen keines, das ist nicht mein Gebiet.

Das Rotkehlchen singt von unserem Balkongeländer aus laut gegen diesen Chor an. Zwischendurch hört es kurz zu, nur um dann eine noch lautere Strophe zu singen und meine Güte, kann dieser kleine Vogel laut sein. Rotkehlchen twelve points, sage ich anerkennend.

Ich liege vor der offenen Balkontür und lese Die Vögel von Tarjei Vesaas, neu übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Das Buch und die neue Übersetzung sind überall bejubelt worden, alle Rezensionen positiv, alles abgeräumt, und nach den ersten dreißig Seiten kann ich das bereits nachvollziehen. Dummerweise ist ganz vorne schon klar, dass so ein Buch mit so einer Hauptfigur nur schmerzhaft enden kann. Das also mal durchstehen.

Apropos durchstehen, die Söhne haben wieder zwei Tage Home-School. Weil Abitur geschrieben wird. Okay, das ist immerhin zeitlich absehbar. Es kommen abendliche Schulmails, kurzes Augenzucken, es sind aber nur die Einladungen zum Elternrat, es ist also fast nichts. Weiter atmen.

Noch ein Link:

Reisen muss sich wieder lohnen

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Was erstrebenswert ist

Ich habe aus der Bücherei einen großartigen Bildband mitgenommen, mit Sicherheit den besten, den ich seit einiger Zeit gesehen habe, ich bin hin und weg: Village People von Jindrich Štreit. Dorfbilder, ganz einfach. Jedes Bild eine Erzählung, eine Novelle, ein Roman. Ich hatte beim Betrachten manchmal Geruchsempfindungen, so direkt springt einen das an. Also mich jedenfalls. Hier noch etwas im Guardian zu ihm.

Dabei fällt mir ein, wie lange ich nicht mehr fotografiert habe. Also mit einer Kamera, nicht mit dem Handy. Auch seltsam. Und wenn Bildbände so wirken, das ist ja willkommen.

Ich sitze beim Schreiben übrigens gerade als Taubenvergrämer auf dem Balkon. Endlich wieder eine beherrschbare Aufgabe! Wie beim Urlaub auf Eiderstedt, wenn der Bauer mich dort bittet, mich irgendwo in die Landschaft zu stellen, damit die Schafherde gerade da nicht abbiegt. Irgendwo einfach sein und gut ist und Sinn fällt wie nebenbei an. So erstrebenswert!

Der Balkon allerdings ist dennoch voller Taubenkacke, ich kann hier ja nicht den ganzen Tag sitzen. Schlimm. Vielleicht einen Schichtplan für die Familie machen? Ich meine, wir sind immerhin zu viert, das reicht doch, vier Vogelscheuchen für ein Halleluja. Wir müssten lediglich die Zeit zwischen etwa 5 Uhr und 21 Uhr abdecken, das sind nur 4 Stunden für jeden, wenn ich das mal kühn im Kopf überschlage, das ist doch fast nichts.

Stunden später ein Update dazu: Die Herzdame, die im Zimmer mit dem Balkon arbeitet, hat sich aus den Kinderzimmern genug Strippen, Bänder und Riemen zusammengesucht, um daraus einen langen Strick zu knüpfen. Es sieht etwas nach Fluchtversuch aus, das Gebastel ist aber nur mit einer gefüllten und ziemlich großen Gießkanne verbunden, die sie jetzt per lässigem Seilzug polternd über den Balkon wandern lässt, wann immer sich eine Ringeltaube nähert. MacGyver im Home-Office.

Und das klappt auch, so etwas schätzen Tauben nicht, Krachkannen sind nicht ihr Ding.

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Außerdem noch: Über das Impfen. Via Kiki auf Twitter.

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Ich lese gerade zum zweiten Mal „Tagebuchschreiben“ von Olaf Georg Klein. Auch beim zweiten Mal interessante Stellen gefunden, so soll das sein.

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Links am Abend

Tove Jansson auf ihrer Insel

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Und hier eine Wieselfamilie, die das alles nicht interessiert.” 

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Ist es nicht geradezu verstörend, wie gut erhalten dieser Kasten aussieht?

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Falls Sie das gleiche befremdliche Schicksal ereilt hat wie mich und Sie also bei gutem Wetter gut gelaunt sind, aus welchen Gründen auch immer, dann brauchen Sie vielleicht – genau wie ich! – noch die passende Musik dazu. Der Titel dieser frisch auf Spotify gefundenen Playlist hier klingt wenig originell, Summer/Beach/Pool, aber das kann sich fast durchgehend in dieser ungewohnten Situation hören lassen, finde ich. Fast, denn irgendwas ist ja immer, etwa Mungo Jerry, meine Güte. Aber die Take-Five-Reggae-Version von King Tubby, so etwas findet man doch gerne. Bei Rumpel-Reggae im heißen Home-Office, unterhalb des Bildschirms dezent und mit der stets gebotenen Zurückhaltung mit der Hüfte wackelnd, also zumindest heute fand ich das gut.

Apropos Heiß, ich habe mir einen Ventilator mit Wasserkühlung gekauft, und weil ich dabei nicht aufgepasst habe, fiel mir erst spät auf, dass der auch LED-Beleuchtung hat, wie fast alles heutzutage, dass der also auch so Stimmungsbeleuchtung  macht. Allerdings sieht man davon nichts, wenn es taghell ist. Ich müsste also, um in den Genuss sowohl der Kühlung als auch der sanften Übergänge zwischen Pink und Lila etc. zu kommen, erst einmal das Zimmer abdunkeln. So eskaliert wieder alles vor sich hin. Home-Office im Dunkeln, Regenbogenfarben an der Wand, Beach-Sounds aus den Lautsprechern, da fehlt quasi nur noch ein Schirmchengetränk. Kann man so arbeiten? Das werde ich alles herausfinden, bald schon. 

Ich teste das mit der Arbeit von hier aus ohne Kinder in der Wohnung jetzt gründlich. 

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Links am Nachmittag

Employees Are Quitting Instead of Giving Up Working From Home”. Ich habe jetzt die erste Woche Home-Office ohne Kinder hinter mir, das war auch interessant. Die Herzdame und ich haben gemerkt, dass wir jetzt ab und zu mittags gemeinsam zum Essen rausgehen können, das ist eine ganz neue Form der ehelichen Vergnügung für uns. Wir bleiben also dran, da gibt es noch mehr zu entdecken, glaube ich. 

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Über das künftige Tragen von Masken

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Ich mochte diese Sätze bei Frau Novemberregen sehr: “Sie wissen, dass ich den Kleiderkauf während der Pandemie verweigere, weil ich nicht weiß, wer ich nach der Pandemie sein werde. Das meine ich völlig ernst. Ich gehöre zu den Personen, die eher nicht aus sich heraus irgendwelche Erkenntnisse zu ihrer Person haben sondern die aus Erlebnissen und Begegnungen ableiten. Ich habe seit 15 Monaten keine nennenswerten Erlebnisse und Begegnungen, folglich weiß ich nicht nennenswert, wer ich gerade bin und was für Kleidung diese Person benötigt.

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Jetzt hört man schon davon, daß die ersten das Ende der Pandemie feiern.

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Über TikTok und ADHS. Noch ein paar Jahre weiter und keiner kann sich mehr vorstellen, dass wir uns damals jegliches Wissen zu jedem Fachgebiet, zu Krankheiten, Hobbys und sämtlichen Spezialinteressen im Lebenslauf, von Erziehung über Ahnenforschung bis zu Gemüseanbau, noch über Sachbücher angeeignet haben. Nicht über Erklärvideos. Sachbücher! Wie öde waren die denn, wird man denken. Und wie unfassbar langsam. Und dann erzähle ich vom Schaukelstuhl aus, dass ich in meinen jungen Jahren und auch noch in den mittleren manchmal wochenlang warten musste, bis ein Buch in der Bücherei wieder verfügbar war, und dann lachen sich alle kaputt bei dem Gedanken, auf eine Information dermaßen lange zu warten. So wird es kommen, ich bin ziemlich sicher. Und es ist weder gut noch schlecht, es ist dann einfach so. Vielleicht spiele ich das dann auf TikTok nach, wie wir früher mit diesen Büchern … auch eine Idee.

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Christian Drosten über false balance und anderes. Äußerst lesenswert.

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Kennen Sie Marvin Pontiac (der von John Lurie erfunden wurde) und sein Lied Small Car? Es fällt mir gerade ein, vermutlich weil ich in einer very small Holzhütte neben der Laube im Garten sitze und schreibe, unter der Weide, zwischen der Kornelkirsche und dem alten Apfelbaum, ein vergleichsweise romantischer Schreibplatz. Das Lied erzählt eine Geschichte und man hat, so denke ich, die Wahl, ob man den Song fürchterlich nervtötend oder seltsam anziehend und hypnotisch findet, aber die Geschichte ist in jedem Fall sehr, sehr nett und wenn sie das hier am Abend lesen, dann nehmen Sie sie ruhig als Gutenachtgeschichte. Danach schläft man vermutlich gut, wenn man an die small farmers in their small cars denkt. They had such a good day, und man möchte doch auch mal wieder einen guten Tag haben, also so einen richtig guten, an den man sich dann gerne erinnern möchte, sogar jahrelang noch.

Wann hatte ich den letzten richtig guten Tag? Vermutlich im letzten Sommer auf Eiderstedt. Es ist eine Weile her, und es wäre mal wieder dran, wenn ich mal so unbescheiden sein darf. Ende des Monats fahren wir hin, wenn alles klappt.

Davon abgesehen bin ich gut gelaunt, merke ich gerade. Ich denke schon seit zwei Tagen, dass hier irgendwas anders ist, jetzt komme ich endlich darauf, ich bin gut gelaunt. Stark. Manchmal muss man eben nur ein paar Monate warten, dann ist es auch schon wieder soweit. 

Hier das Lied jedenfalls. Ohne Video, aber mit der guten Geschichte.

 

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für die Zusendung von Tee einer feineren Marke in größeren Mengen, die Herzdame reagierte geradezu ekstatisch, also im Rahmen ihrer nordostwestfälischen Möglichkeiten, die womöglich noch unterhalb meiner hanseatischen anzusiedeln sind. Ganz herzlichen Dank, sehr guter Tee, sehr gute Zusendung, sogar mit hinreißenden Komplimenten im Text, wir freuen uns!

Ich habe mittlerweile auch sonst vielfach zu danken, der Trinkgeldbericht ist hier mehr als überfällig, pardon, ich kam zu nix – aber in Kürze.  Ich habe übrigens, Sie können meine Abgründe ruhig kennenlernen, bei Versprechungen aller Art immer Rod Stewart im Kopf, ausgerechnet, der einmal in einer deutschen Popsendung zu Zeiten meiner frühen Jugend in einem Interview gefragt wurde, wann er denn nach Deutschland käme. Er sagte daraufhin etwas vom nächsten Jahr und fing dann unvermittelt an hysterisch und mit kippender Stimme herumzubrüllen: „I promise! I promise!“ Ich glaube, er ging auch theatralisch in die Knie dabei. Unerfindlich, warum sich mein Hirn das so gut gemerkt hat, bis zum heutigen Tag wiederholt es diese Szene und es gibt Momente, da mag ich mein Hirn nicht ganz so gerne. Was aber wollte ich sagen? Der Trinkgeldbericht. Bald. I promise.

Vorderseite

Ein außerordentlich schlichtes Bild, ganz schnell ist es erzählt und ich vermerke dann nur noch kurz, warum es mir überhaupt auffiel, da wird es dann moralisch verwendbar.

Ein Mann steht vor dem Kofferraum eines kleinen Autos, das kein Smart ist, den würde ich nämlich erkennen. Es ist irgendein anderes kleines Auto, von denen erkenne ich nämlich mittlerweile kein einziges Exemplar mehr. Das Auto ist grau, aber das tut nichts zur Sache, das dient nur der Vollständigkeit, als ob die hier wichtig wäre. Egal. Der Kofferraum ist offen, man sieht im Auto, auf der Rückbank und im Kofferraum, mehrere große Terrakottatöpfe stehen, ohne Blumen darin, teils aber halb mit Erde gefüllt. Vor dem Auto stehen weitere Töpfe dieser Art und man muss nicht jahrelang Tetris gespielt haben, um sofort und auch im Vorbeigehen erkennen zu können, dass diese Anzahl Töpfe in dieser Größe nicht in dieses Auto passen kann, unter gar keinen Umständen, es sei denn, man würde sie für diesen Zweck zerschlagen, dann wohl schon. Aber wir nehmen mal an, das steht nicht zur Debatte, das Zerschlagen.

Der Mann jedenfalls, stellen Sie sich einfach irgendeinen Mann vor, es ist wieder eine Ausmalfigur und es kommt nicht so sehr darauf an, wie er aussieht, nutzen Sie Ihre Fantasie und nehmen Sie bitte nur an, dass er ausgesprochen nett aussieht, dieser Mann neben dem Auto, der lacht, und zwar unverkennbar. Nicht laut und übertrieben, eher für sich, aber immerhin doch gut sichtbar. Er steht da und guckt die Töpfe und den Kofferraum an, er hat die Arme auf die Hüften gestützt und lacht, denn das passt nicht, man kann es nicht übersehen, das ist unlösbar. Entspannt wirkt der Mann, nach gelöster Stimmung sieht der aus, trotz seiner offensichtlichen Schwierigkeit. Er ist alleine, er wird schwere Töpfe wieder dahin tragen müssen, woher er sie geholt hat, er wird seinen Plan ändern müssen, die Situation ist, gar kein Zweifel, nicht unerheblich vergurkt, und er lacht und lacht.

Was ich als Hinweis nehmen möchte, ich neige nämlich dazu, alles als Hinweis zu nehmen, quasi die Gamification des Lebens, dass dies eine probate und mitunter angebrachte Methode ist, einem Problem zu begegnen, nämlich sich danebenzustellen und zu lachen. Nicht hämisch, nicht verzweifelt, nein, einfach vergnügt. Vielleicht fatalistisch vergnügt, das mag sein, aber das ist ja eh meine bevorzugte Haltung, der fröhliche Fatalismus. Sisyphos als glücklicher Mensch, Sie kennen das.

Ich merke mir das jetzt wieder eine Weile. Ab und zu einfach an den Terrakotta-Mann denken.

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