Ein Anblick grässlich und gemein

Meist bemühe ich mich, kein Rechtschreibreaktionär zu sein. Aus lediglich rationalen Gründen, weil viele Argumente dagegensprechen. Etwa die Rechtschreibfehler hier im Blog, an die ich bei solchen Gedanken selbstverständlich sofort denken muss. Weil mich ohnehin irgendjemand hohnlachend darauf hinweisen würde, täte ich es nicht selbst in halbwegs weiser Prophylaxe. Also ja, ich schreibe gewiss auch nicht alles richtig. Ich weiß.

Emotional und insgeheim allerdings, sozusagen im Privaten, bin ich durch und durch Rechtschreibreaktionär. Wie so viele Menschen aus meiner Generation, die noch mit der aus heutiger Sicht merkwürdig anmutenden Gewissheit großgeworden sind, dass Rechtschreibung etwas mit Bildung oder gar Intellekt zu tun hat, dass sie diese sogar direkt spiegelt. Das ist längst diskutabel geworden, die allgemeinen Rechtschreibkenntnisse nehmen stetig weiter ab. Wie wir alle wissen, ist das so, und erhebliche Schwächen in der Rechtschreibung wurden auch neulich bei der Abi-Feier nicht zufällig und wohl nur vermeintlich scherzhaft in den Reden der Lehrerinnen erwähnt.

Ein kleines Segelboote mit sehr buntleuchtendem Segel auf einem Steg an der Außenalster

Andere Kenntnisse wurden dafür aber vermutlich erworben. Wie auch immer man das genau gegeneinander aufwiegen möchte. Es wird am Ende fortgeschritten kompliziert sein, offiziell halte ich mich daher mit einer Meinung zurück.

Ich gebe aber zu, dass ich vor einigen Jahren doch einmal Schulhefte verglichen habe, solche aus der Gegenwart gegen die aus meiner Vergangenheit. Weil ich etwas genauer wissen wollte, ob ich nicht vielleicht alles verkläre oder einfach nur falsch und aus viel zu überheblicher Haltung heraus erinnere. Aber es gab dann keinen Zweifel, unsere Rechtschreibkompetenz war damals tatsächlich erheblich besser. Das Wort „drastisch“ würde auch passen.

Noch einmal, das heißt nun keineswegs, dass ich oder wir aus meiner Generation schlauer waren oder sind als die SuS der Gegenwart. Keineswegs heißt es das. Das wäre als Ableitung nennenswert zu einfach. Es sind nicht umsonst ganze Sachbücher über dieses Thema verfasst worden. Aus konservativer, verbissen rechtschreibregeltreuer Position und auch aus progressiver, betont fehlertoleranter, liberal anmutender Perspektive. Es gibt dabei mehr Argumente, Umstände und Entwicklungsszenarien, als hierher passen würden.

Ich fühle meine Aversion gegen Schreibfehler also normalerweise nur still vor mich hin. Ich sage aber lieber nichts, und ich schreibe fast nie etwas darüber. Das Thema ist ohnehin totgetrampelt und ausdiskutiert, an allen Stammtischen in diesem Land wurde es bereits ausführlich zerredet, in zahllosen Kolumnen gründlich zerlegt.

Selbst wenn ich eine offizielle Meinung hätte, sie wäre daher weitgehend nutzlos und egal.

Blick über die Außenalster von der Sankt-Georg-Seite in Richtung Fernsehturm/CCH

Es geht mir auch gerade um etwas anderes, nämlich um einen dieser Gefühlsaspekte. Weil ich es manchmal ebenso erheiternd wie bemerkenswert finde, dass Menschen wie ich durch einige Fehler stark getriggert werden, durch andere aber nicht.

So muss ich mich etwa mittlerweile und nach jahrelanger, durchaus schwieriger Gewöhnung durch penetrant wiederholte Fehler wegen dem Genitiv (sic!), den kein Mensch mehr richtig benutzt, sei es in der Schrift oder im gesprochenen Dialog, nicht mehr aufregen. Das nehme ich einfach so hin. Gelassen wie ein buddhistischer Mönch höre und sehe ich das, denn das sind dem Mönch seine Fähigkeiten (okay, doch leichte Schmerzen).

Auch den immer weiter Fahrt aufnehmenden Wegfall von Präpositionen finde ich eher amüsant, nicht mehr wirklich schlimm.

„Wo gehst du hin?“

„Ich gehe Kino.“

Es ist ein Satz, der mir kaum noch wehtut. Ich habe oft junge Menschen um mich herum, das hilft bei der Gewöhnung.

„Was machst du mit der Idee?“

„Die Idee mache ich Blog.“

Man kann damit herumspielen.

Was mich aber wahnsinnig und tendenziell aggressiv macht, und es ergibt gar keinen tieferen Sinn, das sind unterlassene Bindestriche. Ich denke, wenn ich die im Morgensternschen Sinne grässlichen und gemeinen Lücken zwischen unverbundenen Begriffen sehe, den altgedienten Imperativ „Im Deutschen wird durchgekoppelt!“ stets in Fraktur und in einem verdächtig historischen Tonfall. Was auch immer da genau in mir vorgehen mag.

Man sollte auch erkennen, denke ich, an welche Stellen man im Alltag zum etwas befremdlichen, irrationalen Durchbrennen neigt. Ich glaube, dies ist sogar wichtig. Denn nur dann kann man sich halbwegs gezielt und ausreichend oft mäßigen.

Wie auch immer. Ich komme nur darauf, weil ich seit Tagen über einen Zettel im Schaufenster eines Ladens in der Nähe lache. Wobei es sein kann und vielleicht sogar wahrscheinlich ist, dass es außer mir niemand oder fast niemand witzig finden wird.

Aber ich lese im Vorbeigehen also mehrmals diesen Zettel, auf dem nur vier Wörter und eben kein Bindestrich stehen, harmonisch in zwei Zeilen geteilt. Die mir durch diese Schreibweise in geradezu haiku-hafter Verkürzung eine seltsam tragische Geschichte zu erzählen scheinen. Lyrisch streng verdichtet wird da vom Niedergang eines Geschäfts berichtet, von ausbleibenden Käuferinnen und Käufern. Dabei hat man dort doch gerade erst in die sanitären Anlagen investiert … Also ich sehe es direkt vor mir, das betrübte Gesicht des Inhabers oder der Inhaberin. Ich sehe es vor mir, wie sie die Lage überdenken und dann etwas auf einem kleinen Zettel notieren, eine knappe poetische Eingebung ist es nur. Die sie dann auch prompt ins Schaufenster kleben, wo nunmehr steht:

„Keine Kunden

Toiletten vorhanden“

Tragisch ist das, nicht wahr. Es greift einem doch ans Herz.

Ein Steg mit Aiußengastro auf der Außenalster, bedeckter Himmel

***

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Also bei mir nicht

Am Montagmorgen fand eine Erweiterung des Smalltalkrituals um einen weiteren Inhalt statt. Ohne jede Absprache war das Thema auf einmal gesetzt. Und wer weiß, vielleicht texteten wir dabei schon Phrasen, die für Jahrzehnte und Generationen Bestand haben werden. Nämlich bei der allgemeinen Abkühlungskritik, deren Leit- und Kernsatz aus einem bündigen „Also bei mir nicht!“ bestand, woran man dann beliebig hohe Temperaturen hing, gemessen oder gefühlt in Schlaf- und Wohnzimmern, Büros etc.

Regen und Gewitter wurden dann ebenfalls nach Kräften relativiert: „Aber das brachte ja alles gar nichts!“

In der fachkundigen Bewertung der sogenannten „Abkühlung“, wozu wir lustige Anführungszeichen in die Luft malten, war man sich vielleicht sogar dermaßen einig, wie man es sonst nur bei der Bewertung der Fußball-Nationalmannschaft ist. Man könnte es gleich heute ausgiebig vergleichen: „Aber die brachten ja alle gar nichts!“

Doch, doch, es werden Ähnlichkeiten auszumachen sein.

Ein Fleet bei Niedrigwasser, im Schlamm wird ein versunkenes Fahrrad erkennbar

Währenddessen, um kurz und nur der Vollständigkeit halber auf die eingangs erwähnte Abkühlung in Schlafzimmern zurückzukommen: „Also bei mir nicht!“.

***

Ich habe die Kameliendame von Alexandre Dumas d. J. nun durchgehört (hier gab es sie in der ARD-App, es las Dominik Freiberger, empfehlenswert) und mich dabei noch über einige Vokabeln gefreut. Etwa über die „kopfhängerischen Gedanken“, die sich da jemand machte. Er war also trübe, mutlos, verzagt, deprimiert, resigniert, ratlos etc. Ein bildschöner Ausdruck ist es, dieses „kopfhängerisch“. Ganz zu Unrecht wurde das Wort fast vergessen, finde ich, vielleicht sollten wir es wiederbeleben? Jetzt schon an die kopfhängerischen Kolumnen im Herbst denken!

Dann schlug ich beim Satz „Mein Vater saß im Schlafrock am Kamin“ die Bedeutungsdifferenzen von Schlaf- und Morgenrock nach, mit einem kleinen Exkurs über Bademäntel. Man kommt ja dermaßen leicht auf weit verzweigte Abwege, Sie kennen das. Dabei stieß ich auf ein Bild, bei dem ich kurz dachte, das könnte doch auch etwas für mich sein. Interessant und gediegen sah das Kleidungsstück aus. Und dann staunte ich kurz, dass es eine Firma gibt, die dergleichen heute noch herstellt.

Die Speichertadt im Sommersonnenschein

Keine bezahlte Werbung, nein, das war nur ein Zufallsfund, aber ich war doch einen Moment lang fasziniert von dem gerade gefundenen Shop, in dem es sogar die passenden Kopfbedeckungen zu diesen Mänteln gibt, mit denen auch schon Romanfiguren aus dem 19. Jahrhundert am Kamin gesessen haben. Und der Hausmantel, der Dressing Gown, dort mein Interesse geweckt hatte, er ist auch nicht gerade ein Schnäppchen. Aber gut, es geht dort auch nicht um Fast Fashion, sondern um Handwerk, ich sah mich also weiter um. Oder dieser hier? Mit der ebenfalls schönen Bezeichnung „Erbstückqualität“ in der Beschreibung. Für den es aber, siehe oben, erst deutlich abkühlen müsste.

Stellen Sie sich das doch bitte einmal vor, eine Wohnung so kühl, dass man gerne einen samtenen Hausmantel anziehen möchte … Na, man träumt so vor sich hin.

Und apropos Kamin – in der letzten Woche, als die Hitze gerade komplett eskalierte, wurde ich dezent darauf hingewiesen, dass mein Hintergrundbild bei den Videocalls im Brotberuf u. a. einen brennenden Kamin zeigen würde. Und schon der Anblick sei doch etwas herausfordernd, bei diesen absurd heißen Temperaturen.

Bei der nächsten Hitzewelle also umsichtig und mitdenkend alles auf kühlere Bilder umstellen. Auch das merke ich gerne vor. Es wird wohl mit zur Anpassung gehören, welche der Wandel von uns allen verlangen wird.

Der Rathausmarkt, menschenleer im Weitwinkel

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Einige Wellenabschlussbemerkungen

Ohne dass ich auch nur ansatzweise wüsste, warum es so ist, wie es ist, habe ich in den letzten Tagen ein bedeutendes Immerhin für mich entdeckt. Denn ich kann mit der Hitze in diesem Jahr bisher viel besser umgehen als früher. Erheblich besser sogar. Sowohl körperlich als auch in den Auswirkungen auf die Laune und auf die Leistungsbereitschaft, sei es im Brotberuf oder bei der Bloggerei etc.

Vielleicht wiege ich deutlich weniger, das könnte sein und wäre eine naheliegende Erklärung. Ich habe keine Waage, aber gefühlt ist es doch möglich, und es macht eventuell viel aus, mag sein. Aber wie auch immer, in den Vorjahren hätte mich eine Hitzewelle in dieser krassen Ausprägung stärker belastet, wäre auch der Tonfall hier signifikant leidender gewesen.

Im nächsten Jahr – oder auch bei der nächsten Welle schon, versteht sich, denn zwei bis drei könnten für uns auch in diesem Jahr noch vorgemerkt sein und die nächsten 30 Grad werden in den Wetterberichten schon angekündigt – wird es dann aber wieder heißen: Neues Spiel, neues Glück in der Klimafolgenlotterie auf der persönlichen Ebene. So spannend!

Der Turm der Alten Post, sommerliche Straßendeko davor

***

Das schrieb ich so, also die obigen Absätze. In vergleichsweise munterer Stimmung schrieb ich sie, und zwar in meiner Dachgeschosswohnung, die in den letzten Tagen von einem leistungsstarken Dörrautomaten kaum zu unterscheiden war. Direkt nach dem Tippen sah ich erst, denn heiteres Timing gelingt mir offensichtlich nach wie vor sehr gut, eine Meldung aus Köln, die mir dann doch etwas bedenklich vorkam. Auch in Bezug auf meine eigene Lage.

Rettete dort doch die Feuerwehr, es wurde auf mehreren Kanälen gemeldet, etliche Menschen aus überheizten Dachgeschosswohnungen. Dazu gab es Bilder mit angelehnten Drehleitern. Außerdem wurde in der Stadt ein Notlazarett eröffnet, ein Hitzelazarett also, und ich nehme an, dass ich von beiden Umständen in Bezug auf Hitze zum ersten Mal gelesen habe. So ist das mit den Rekordwerten, sie bringen dann auch neue und ungeahnte Ereignisse mit sich. Aber Rettung aus besonnten Dachgeschosswohnungen? Bitte was, sind wir schon so weit?

Ja, so wird es wohl sein.

Sicherheitshalber stellte ich mich nach dem Lesen dieser Meldung vor einen Spiegel und sah mich prüfend an. Sah ich so aus wie jemand, der von der Feuerwehr aus der Wohnung geholt werden musste? Auf den ersten Blick fand ich das nicht, beschloss dann aber, zur Sicherheit auch den verbleibenden Sohn zu fragen, ob sein alter Vater einen seltsamen Eindruck auf ihn machen würde. Also noch seltsamer als ohnehin schon.

Der Sohn sagte durch seine konsequent verschlossen bleibende Zimmertür, ihm sei zu heiß, um irgendwelche Fragen zu beantworten. Ich solle bloß verschwinden und erst wiederkommen, wenn ich ihm ein vernünftiges Wetter garantieren könne.

Okay, das half nicht weiter. Ich befand mich einfach per Eigendiagnose für noch erstaunlich funktionsfähig.

Die Binnenalster vom Jungfernstieg aus

Dann sah ich aber weitere Meldungen zu Dachgeschosswohnungen, diesmal aus Frankreich. Dort brieten sich mehrere Menschen Spiegeleier auf Dachschindeln und Gesimsen. Und das ging, natürlich ging das. Vielleicht hätte ich Ihnen das auch in einem launigen Video vorführen können, ich nehme es stark an. Aber ich hätte nicht die mindeste Lust gehabt, meinen Oberkörper so lange aus einem geöffneten Fenster zu halten, wie ein Spiegelei zum Braten braucht. Denn man brät dabei ja mit.

Und schließlich, was hätte ich danach mit dem fertigen Spiegelei machen sollen? Ich esse bei diesem Wetter kategorisch nichts Heißes und verweigere auch das Kochen. Ich ernähre mich nur noch von Feta, Gurken, Oliven und Melonen und dergleichen, ein Jäger und Sammler mit ausgeprägtem Kühlschrankbezug.

Aber als ich einmal, am Sonnabendnachmittag war es, versuchsweise eines der Fenster in Richtung Süden öffnete, stellte ich in Sekunden fest, dass die Hitze vor der Scheibe zweifelsfrei eine neue Dimension hatte. Dass sich das Draußen überraschenderweise exakt so anfühlte, als hätte man beim Warten auf die Fertigpizza das Fenster zum Backofen geöffnet. Und das war neu, dass es sich in beeindruckender Deutlichkeit derart gefährlich anfühlte, und zwar sofort. Das hatten wir bisher noch nicht.

Ich habe es noch durch andere Familienmitglieder verifizieren lassen. Wir waren uns im Ergebnis einig: Das ist jetzt anders.

Das sind die Momente, da bemerkt man die Dimensionsverschiebung durch den Klimawandel, das Betreten von uncharted territory. In diesen Zusammenhang gehören auch die Bilder, ich weiß nicht mehr, aus welcher Stadt sie kamen, von den geschmolzenen Ampeln. Auch das kam mir neu vor.

Oder wir ergänzen noch durch lapidare Sätze aus den Blogs, etwa hier: „Die Kunststoff-Wäscheklammern zerbröseln.“

Blick von der Kennedybrücke Richtung Lombardsbrücke und Rathaus

Ein letztes Beispiel noch für die große Verschiebung und den Beginn eines neuen Kapitels. Es fällt schon fast nicht mehr auf, wie irre das ist, aber alle Wetterberichte reden oder schreiben von der Abkühlung ab diesem Montag. Und die vorhergesagte Höchsttemperatur für den Tag liegt bei 27 Grad.

Abkühlung. 27 Grad. Man muss es sich auch bewusst machen.

***

Vor einer Kirche sah ich eine hitzebeschädigte Hochzeitsgesellschaft. Auch nicht schön, bei so einem Wetter zu heiraten, stellte ich mir vor. Wenn alle Gespräche nur aus Bemerkungen über die verdammte Hitze bestehen werden und sich alle Gäste permanent in jeden noch so schmalen Streifen Schatten drängen, statt sich in lockerer Runde immer wieder neu gruppiert fotogen aufzustellen.

Die Herren versuchten teils, die traditionelle Kleiderordnung dennoch weiter durchzuhalten, das ergab tomatenrote Köpfe über feierblauen Anzügen. Während die Braut eine Haut hatte, die war so, wie es bei den Gebrüdern Grimm steht, nämlich so weiß wie Schnee. Wenn das mal nicht am langsam wegkippenden Kreislauf lag.

Es hätte jemand mit ausgebreiteten Armen neben ihr stehen müssen, dachte ich, ein Fänger für alle Fälle. Der Bräutigam hätte so stehen müssen, wo war der eigentlich. Vermutlich weiter hinten, im Schatten.

Alles wird bei diesem Wetter schwieriger, einfach alles.

Dalmannkai-Treppen, Promenandenblick

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Dieses drängende Gefühl

Es gab am Freitag eine Abi-Abschlussfeier in der Aula des Gymnasiums. Das war dann mit 39 Jahren Abstand das zweite Mal, dass ich so etwas erlebt habe. Und mir vielleicht einbilden durfte, die Gefühlslage des Abschlussjahrgangs zumindest in Ansätzen verstehen zu können.

Sie hatten jedenfalls, das wird wohl zweifelsfrei sein, die heißeste Abi-Abschlussfeier, die es je bei einem Jahrgang in dieser Stadt gab. Eine weitere lapidare Meldung aus dem Tagebuch der Klimakrise. Wohin auch die Anmerkung gehört, die man in anderen Ländern sicher mit einigem Staunen lesen würde, dass die Aula selbstverständlich nicht klimatisiert war. Und auch nicht durch Lage oder Bau so eingerichtet, dass sie kühl geblieben wäre. Eher im Gegenteil, man saß dort in molliger Brutkastenatmosphäre.

Weswegen auch Sanitäterinnen bereitstanden. Es wurde zum Beginn der Veranstaltung darauf hingewiesen: Wenn man Hilfe brauche, dann könne man … und tatsächlich war es dermaßen warm da drin, sahen auch etliche Gäste an diesem späten Nachmittag eines weiteren Rekordhitzetages bereits dermaßen angeschlagen aus, es war doch eindeutig mehr als nur ein obligatorischer, heruntergeleierter Hinweis, diese erläuternde Erwähnung der Hilfstruppen. Es wirkte vielmehr plausibel, dass man die tatsächlich brauchen könnte.

Erstaunlich viele Gäste hatte Fächer dabei und benutzte diese auch fortwährend. Wir saßen ganz hinten und etwas erhöht, wir sahen daher auf und über ein merkwürdig flirrendes Publikum. Auf den ersten Blick etwa so, als habe man da eine leichte Bildstörung vor sich, eine etwas verzitterte Wahrnehmung vielleicht. Vermutlich habe ich nie vorher ein derart gründlich befächertes Publikum gesehen. Oder wenn, dann doch nur in Filmen aus Spanien oder anderen heißen Ländern. Oder auch in Natur-Dokus. Diese mit tausend Flügeln fächernden Bienen an heißen Tagen, erinnern Sie sich? Die auf diese Art den Stock etwas herunterkühlen? Ein gar nicht so unpassendes Bild.

Redner gab es dann, die entschuldigten sich erst einmal dafür, keinen Anzug zu tragen, wie sonst an solchen Tagen üblich. Die da stattdessen in kurzer Hose vor uns auf der Bühne standen und die auf Notwehr plädierten. Man erteilte fächernd Absolution.

Es sind alles nur Kleinigkeiten, aber vielleicht sollte man sie akribisch notieren. Vielleicht sollte man eine Chronologie des Wandels, der Krisen und der steigenden Temperaturen anlegen.

Äußerst wohlmeinende Reden wurden jedenfalls im weiteren Verlauf gehalten. Musik wurde in erstaunlicher Qualität aufgeführt. Zeugnisse wurden schließlich feierlich überreicht. Und dann standen sie fertig und in einem althergebrachten Sinne reif vor uns, all die nunmehr Freigelassenen.

Eltern verglichen im Geiste den Anblick der noch sehr frischen Erwachsenen mit den Bildern, die man von ihnen damals bei der Einschulung am Gymnasium gemacht hat. Die Jugend aber drängte es, noch während die Eltern gerührt neue Fotos für spätere Erinnerungen machten – oder vielleicht auch gerade deswegen –, sichtlich und mit Dringlichkeit nach draußen, auf den Hof.

Aber im Grunde, wir wissen es vielleicht kurz einmal besser als sie, denn wir erinnern uns immerhin aus eigener Erfahrung an dies und das, war dieses Drängen nach draußen ein viel fundamentaleres Gefühl, hatte es vielmehr etwas Grundsätzliches.

Eine ganze Weile wird dieses Drängen noch anhalten, einige Jahre vielleicht, und das ist auch gut so.

Schrift an einer Wand: Isch liebe dieses Lebe"

Na dann! Ich darf es sicher ein wenig verallgemeinern, nehme ich an – wir wünschen von Herzen das Beste für den Weg.

“But you’ve gotta
Make your own kind of music
Sing your own special song
Make your own kind of music
Even if nobody else sings along”

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Linkwerk zum Wochenende

Gesehen:

Dann habe ich gemerkt, dass ich beim Suchen nach Sendungen grandios auf mich selbst hereingefallen bin, nämlich auf meinen typischerweise leicht genervten Kenn-ich-schon-Reflex. Durch den ich z. B. immer sekundenschnell am Tatortreiniger von Mizzi Meyer alias Ingrid Lausund vorbeigeklickt habe. Denn das haben wir doch damals gemeinsam gesehen, noch im Familienkreis. Aber als ich daran kurz einmal zurückdachte, kam mir doch auf einmal ein gewisser Verdacht.

Den ich dann prompt bestätigt fand: Ich kannte höchstens die Hälfte der Folgen, eher noch weniger. Wir haben es damals noch im Fernsehen gesehen, nicht im Streaming, aber dazu hatte man gar nicht immer Zeit. Es stellt sich jedenfalls heraus: Ich finde das immer noch gut, und es war mir geradezu ein Fest, die fehlenden Folgen nachzuholen. Eine hervorragende Produktion. Ein ideales Programm auch für nahezu hirntote Hitzetage, wenn man dringend Input von außen braucht, weil von selbst im Schädel nichts mehr funkt und das Stand-by-Licht auch stündlich schwächer wird.

Und Staffel 4, Folge 4, diese vollkommen irre Episode, in der alle Dialoge durchgehend gereimt gesprochen werden und der Gorilla Priscilla auftaucht, sie bleibt in unserer gemeinsamen Erinnerung eine, vor der die Familie damals hysterisch lachend saß. Wir haben insgesamt nicht viel gemeinsam ferngesehen, da ist es umso schöner, wenn so etwas dabei war.

Walther Ziegler erklärte mir ansonsten Wittgenstein, soweit es in dieser Woche eben möglich war:

 

Auf arte sah ich eine weitere Film-Doku, diesmal über Shirley MacLaine. Diese Doku macht mir, mehr noch als manche der anderen aus der Reihe, Lust darauf, alte Filme noch einmal anzusehen. Und vielleicht auch, sie neu zu verstehen. Also etwa so, wie ich es auch bei einigen wiederholt gelesenen Büchern gerade anstrebe.

Segelboote an Stegen an der Außenalster, Sommerstimmung, blauer Himmel

Gelesen:

Die geschätzte Landlebenbloggerin war bei Hitze in der Stadt, und richtig gut fand sie es nicht.

Einen Bericht über einen besonders attraktiven High Tea im Mutterland dieser Veranstaltung las ich auch.

Außerdem einen Artikel in der taz über die neulich auch hier erwähnte Lage der Obdachlosen in Hamburg bei Hitze.

Ich las als Mitglied des Freundeskreises Herrenmode ferner interessiert nach, was etwa über den abgehenden Keir Starmer bilanzierend in modischer Hinsicht zu sagen ist. Und guck an: Wir tragen wohl gelegentlich Anzüge vom gleichen Hersteller. What a nice surprise!

Schließlich eine Besprechung zum aktuellen Bachmann-Film von Regina Schilling, mit Sandra Hüller (die übrigens auch eine Hauptrolle in einer der Folgen vom Tatortreiniger hatte).

Die Rezension klingt anziehend, vielleicht mal ins Kino gehen. Dort ist es am Ende sogar klimatisiert.

Außengastro (leer) an der Kleinen Alster

Gehört:

Das Hörbuch „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas dem Jüngeren habe ich weiter gehört, gelesen wird es von Dominik Freiberger. Und wie immer bei der Literatur aus dieser Zeit wirkt schon der andere, deutlich ruhigere Umgang mit der Zeit, der sich etwa im Satzbau ausdrückt, wirkt diese aus heutiger Sicht eher gemächliche Art der Gedankenentwicklung angenehm und mild sedierend auf mich. Literatur aus dem 19. Jhdt., dieser Roman etwa ist von 1848, fällt für mich im Grunde unter Wellness.

Ich nehme zwar an, gewisse Autorinnen oder Autoren aus jener Zeit könnten dies als Beleidigung empfinden. Aber andererseits – sie sind allesamt längst darüber hinaus.

Eine Folge Radiowissen hörte ich über die Geschichte des Muskatnusshandels – „Krieg um ein Gewürz“, 21 Minuten. Kurz möchte man vielleicht doch einen historischen Roman schreiben, wenn man sich solche Geschichten anhört. Schon diese anziehenden geografischen Bezeichnungen!

Dieses Verlangen gibt sich dann aber Gott sei Dank bald wieder.

Die Kleine Alster am Rathaus, Sommerstimmung

In der Sendung „Breitband“ gab es eine Sequenz über KI an Kassen: „Warum uns die KI im Supermarkt beobachtet“ (35 Minuten). Es ging da auch um das Erkennen und Eingeben von Gemüse und Obst, also um die Frage, ob Ware an SB-Kassen von den Kundinnen korrekt deklariert wird. Und es wird ein Aspekt ausgelassen, fiel mir auf. Oder vielmehr eine naheliegende Frage, über die man offensichtlich wenig nachdenkt. Und die man vielleicht, wenn ich sie gleich kurz notiere, zunächst für einen Scherz halten möchte, es ist aber gar keiner.

Ich weiß nämlich nicht, warum ich Obst und Gemüse an automatisierten Kassen kundiger deklarieren sollte, als es menschliche Kassiererinnen und Kassierer tun, die nicht so selten falsch liegen. Was aber keine Kritik an einem mir ausgesprochen heldenhaft vorkommenden Berufsstand sein soll. Vermutlich würden wir alle viele Fehler machen (direkt nach diesem Absatz ging ich einkaufen, und die rote Paprika wurde wie zur Bestätigung als „Rote Beete, Bio“ erfasst).

Die KI in den neuen Kassen ist aber auch nur ein Mensch, bzw. eine schlechte Kopie davon. Bevor man über die Fehlerquote an Self-Service- und AI-gestützten Kassen spricht, müsste man erst die Fehler der gegenwärtigen Prozesse durchzählen. Es wäre nur fair, und es wäre eine korrekte und praxisbezogene Ermittlung der Basis-Werte.

Dann bin ich noch etwas beim Thema KI geblieben. Im Medienmagazin ging es um KI im Journalismus (28 Minuten).

Und bei „Neugier genügt“ im WDR gab es ein Interview mit Ralf Otte, KI-Experte (24 Min.). Das fand ich empfehlenswert, sogar auch etwas tröstlich, da er gegen die gerade vorherrschenden Allmachtfantasien in Bezug auf AI argumentiert. Und sehr schön fand ich den gerade in Corporate-Jobs elegant verwendbaren Euphemismus „Deskilling“, als wunderbare Umschreibung für die schlichte Verblödung. Ein Wort, das wir uns wohl merken sollten.

In einem anderen Interview, mit dem Medienphilosophen Roberto Simanowski, fiel in diesem Zusammenhang der ebenfalls schöne Begriff „Kognitive Schuld“, der eine weitere elegante Umschreibung für Verdummung ist.

Die Elbe elbabwärts von der Station Elbbrücken aus

Bei „Alles Interpretationssache“ ging es in der neuen Folge um den Song „Sunny“ von Bobby Hebb (31 Min.).

Und im Podcast „Meilensteine – Alben, die Geschichte machten“ ging es eine Stunde lang um den Buena Vista Social Club. Interessant fand ich darin etwa die Stelle, bei der verschiedene kubanische Rhythmen ausführlich erklärt wurden, inklusive laut vorgezählter Takte. Interessant fand ich es deswegen, weil ich absolut nichts davon verstanden habe.

Ein wenig war es wieder so, als würde mir im Hirn schlicht ein komplettes Modul fehlen. So fühlte es sich jedenfalls an. Ich hörte die Sätze, ich wusste, sie waren logisch, sie waren auch deutsch, aber sie ergeben dennoch überhaupt keinen Sinn. Und sie ergaben auch nichts, was ich mir merken konnte.

Ein wenig schade ist es aber doch, so gar keinen Zugang zu haben.

Angeschnittener Kirschkuchen

In der Küche stand ansonsten auf einmal ein saisonales Update aus dem Garten. Es ist sicher eine der besseren Arten, den Wechsel der Saisonzutaten zu registrieren, wenn es dabei Kuchen zum Frühstück gibt.

Und zu Kirschen gibt es in diesem Blog zwei Traditions-Songs, wie Sie vielleicht wissen. Ein deutsch-französisches Obst-Intermezzo.

Und zwar wie folgt – zur Geschichte des französischen Liedes siehe bitte hier, zum leider nicht mehr unter uns weilenden deutschen Sänger, wenn Sie ihn versehentlich nicht kennen sollten, siehe bitte hier.

 

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„Komme gleich wieder“

Der Mann vor mir an der Kasse ist jünger als ich, deutlich muskulöser auch. Einen Jogginganzug trägt er, und überhaupt hat er eine deutlich wahrnehmbare, freundlich wirkende Sport-Coach-Ausstrahlung. So ein Typ, der bereitstehen sollte, wenn man etwa in einer Turnhalle auf einen Kasten zuläuft, über den man laut Lehrplan zu grätschen hat. Wenn ich kurz an für manche traumatische Erlebnisse erinnern darf.

Er kauft erheblich mehr ein als ich, dieser Typ. Unmengen kauft der. Und ohne eine sherlockhafte Attitüde ausleben zu wollen, schon anhand dieser Einkäufe kann man ableiten, dass er vermutlich für eine Gruppe einkauft. Eine Wohngruppe, womöglich. Diese Kombination aus dermaßen vielen Packungen Fertigtortellini, Kochschinken der Hausmarke und Sahne, dazu diese Stapel von Spaghettipackungen und Fertigtomatensoße. Ich kenne andere Kunden in diesem Discounter flüchtig, die ähnlich einkaufen, und ich weiß, dass sie soziale Arbeit verrichten, dass sie tatsächlich Betreuer sind.

Ich weiß auch, dass es in nächster Nähe dieses Ladens mehrere Wohngruppen gibt, mit unterschiedlichen Ausrichtungen.

Der Mann bückt sich jedenfalls dauernd in seinen Einkaufswagen (der oben bereits erinnerte Sportlehrer brüllt in meinem Kopf dabei hohnlachend sein damaliges „Auf und nieder immer wieder!“), und er lädt unentwegt weiteres Zeug aufs Band. Und noch mehr und noch mehr. Auch Sixpacks mit Wasserflaschen, auch große Melonen, also auch schwere Ware dabei. Etwas angestrengt wirkt er dabei, ein wenig überfordert auch, trotz seiner so betont sportlichen Ausstrahlung.

Er sieht, um im Sportbild zu bleiben, mehr nach dem Ende eines Wettkampfs als nach dem Beginn einer leichten Trainingseinheit aus. Schon diese am Kopf klebenden, schweißnassen Haare. Wobei es allerdings einer dieser Tage ist, an denen wir vermutlich alle so wirken, landesweit, sobald wir uns auch nur ansatzweise irgendwie betätigen oder kurz durch die Sonne gehen müssen. Eine verschwitzte Solidargemeinschaft unter sengender Sonne sind wir in dieser Hinsicht. Und den kollektiven Bad-Hair-Day gibt es für alle noch dazu.

Ein Sticker: Die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern das, was ist.

Die Kassiererin, die immerhin während ihrer Arbeitszeit in klimatisierter Umgebung sitzt, wie einige Kundinnen vor mir im Smalltalk und mit Anflügen von Temperaturneid anmerken, bewegt die Ware in gewohnter Eile über den Scanner. Wieselflink also wird all das Zeug bewegt und weitergereicht. Der Mann lädt wieder ein. Sie nennt schließlich einen Preis. Er legt die letzte Packung Kochschinken in den Wagen, er richtet sich auf. Er steht vor ihr und sieht durch sie hindurch, vollkommen unbewegten Gesichts.

Etwas leblos sieht er auf einmal aus. Eine Reaktion auf die Kassiererin ist beim besten Willen nicht zu erkennen. Sie wiederholt den Preis daher etwas lauter und dann noch einmal, noch etwas lauter, aber dabei keineswegs unfreundlich. Nur mit etwas fester und ausdrücklicher werdender Betonung. Vielleicht so, wie eine Erzieherin im Kindergarten eine Anweisung heiter drei- bis viermal wiederholt, noch bevor sie die Geduld verliert und es ernster wird.

Schließlich wedelt sie mit behutsamer Geste eine Hand durch sein Gesichtsfeld, und er zuckt endlich zusammen. Atmet sehr tief und ruckartig ein und sieht die Kassiererin mit großen Augen an. Sieht dann kurz und sichtlich irritiert seinen Warenberg im Einkaufswagen an und sagt schließlich: „Entschuldigung, ich war kurz aus.“

Und das war ein Satz, das wollte ich nur eben sagen, den ich ganz außerordentlich nachvollziehbar fand. Einfach mal kurz ausgehen! Das ist es, was wir in Hitzewochen unbedingt zelebrieren müssen. Kurz auf Reset drücken, dann alles wieder hochfahren. Weil das System es gerade braucht, weil danach vielleicht etwas besser funktioniert oder auch überhaupt erst, es könnte doch sein. Man kennt es auch von den Windows-Computern.

Man sollte sich an dermaßen heißen Tagen wie in dieser Woche so oft aus- und wieder anschalten dürfen, wie es einem richtig und gesund fürs Betriebssystem vorkommt. Das dachte ich jedenfalls noch, als ich mich zuhause nach dem Einkauf und dem ungewöhnlich anstrengenden Rückweg durch die sengende Sonne kurz hinlegte, für mein eigenes kleines Reset-Erlebnis am Nachmittag.

Einfach mal weg sein, dachte ich mir, wenigstens zwischendurch kurz einmal weg sein.

Und dann war ich es auch schon.

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Jahre gab es …

Jahre gab es, ich weiß aber nicht mehr wann, vielleicht war es zu einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, da fiel die Hitze im Sommer nicht annähernd so heftig und beeindruckend aus wie in diesem. Also auch nicht dergestalt, dass man sie wirklich satt hatte, die Sommerglut, dass man diese Temperaturangaben im Wetterbericht einfach nicht mehr sehen konnte. Damals war es im Hochsommer nur ein wenig wärmer als sonst. Und das reichte dann gerade einmal für zwei, drei Erwähnungen im Smalltalk. Es war aber kein Aufregerthema. Und es war auch keine Schlagzeile wert.

Kurz nach diesen ein wenig wärmeren Tagen war dann auf einmal schon August und die Sonne brannte ohnehin nicht mehr so heiß. Das brachte es dann allerdings mit sich, dass man in manchen dieser Jahre zum September hin nicht genug oder sogar überhaupt nicht unter der Hitze im Hochsommer gelitten hatte. Dass man sie nur wie nebenbei abgetan und fast ohne jede Anstrengung durchgestanden hatte.

Was aber nicht genug war! Nicht genug jedenfalls, um die in unseren Breiten notwendige und auch seelisch überlebenswichtige Herbstbereitschaft herzustellen. Ohne die man doch die dunkleren Jahreszeiten in diesem Land nicht gut überstehen kann. In solchen Jahren fror man dann fast unweigerlich von Oktober bis März. Ein durchgehendes Klappern und Zittern war es. Und die lastende, lähmende Novemberstimmung, sie dehnte sich in manchen dieser Jahre auf bis zu sechs Monate aus. Sie quoll immer weiter grau und zäh über den Rand des ihr zugewiesenen Kalenderbereichs.

Denn man war einfach nicht bereit für das alles, man war nicht gerüstet. Der Herbst kam über einen, als sei er der erste und daher auch der schwerste Herbst überhaupt.

So ein Jahr ist dieses nun aber nicht, wie wir in dieser Woche mit Entschiedenheit bemerken wollen, noch während wir die vierzig Grad anpeilen, liebe Gemeinde. Um dabei wiederum im Torbergschen Sinne festzustellen, was auch an dieser Wetterlage noch ein Glück ist: Wir werden für den Herbst dann schon bereit sein! Das immerhin darf man ruhig annehmen. Vielleicht sind es die Ersten sogar in ein, zwei Tagen schon, und die müssen dann aber noch etwas warten.

Eine inhaltliche Brücke zum Klimawandel bietet sich an dieser Stelle leider nicht an. An dem ist wohl gar nichts noch ein Glück, und den gewöhnlichen und uns so nützlichen Herbst können wir metaphorisch dummerweise nicht in seine Bildwelt übertragen. Er stellt uns also nicht einmal diese geistige Form der angenehmen und entlastenden Ausflucht zur Verfügung.

Ein rettendes „Immerhin“ beim Klimawandel zu suchen, es ist wohl eine der sportlicheren Denkaufgaben. Und Denkaufgaben bei diesem Temperaturen, das wird ohnehin nichts.

Ein Sticker: Ich will keine Schokolade, ich will lieber Klimaschutz

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Ein mittleres Ergebnis

Draußen feierten die Menschen am letzten Wochenende fast rund um die Uhr irgendetwas. Auch die Nächte hindurch feierten sie, bis weit in die wee small hours of the morning. Die Fußballereignisse, den Sommer und Sonstiges werden sie wohl gefeiert haben. Man schrie herum, man grölte und lachte gellend. Auch tierhafte Geräusche waren dabei zu hören, bellende Füchse, röhrende Hirsche und das Grunzen der wilden Eber. Manche Menschen lachen seltsam und fast furchterregend, wenn man es in der Dunkelheit hört.

Man spielte außerdem enorm laute Musik aus besonders leistungsstarken Boxen. Welche, es war nicht zu überhören, auch in manchen Autos verbaut werden, mit denen man besonders gut immer wieder um den Block fahren kann.

Man sang sogar verschiedentlich gemeinsam. Es hatte nur leider nicht den geringsten romantischen Aspekt, es klang insgesamt verdächtig nach der typischen Geräuschkulisse aus Dokus über soziale Probleme. Es klang eher nicht nach heiteren Stunden am Lagerfeuer, am Ufer der mondbeschienenen Außenalster.

Und ja, ich würde es mir auch lieber etwas schöner denken, das alles. Aber die Lage, aber die Wirklichkeit, Sie kennen das.

Ein Sticker: Der Struggle so real

Unten an der Alster konnte man wie immer bei solchem Wetter auch tagsüber nicht mehr spazieren gehen. Weil die Trotzdemjogger, also die mit den hochroten Köpfen und dem ungesunden Flackern auf den Wangen, die mit dem verdächtig unrhythmisch gehenden Atem und mit den leicht irren Blicken einem sonst vielleicht kollabierend vor die Füße gefallen wären. Von der Hitze, vom Sport, vom Freizeitstress und von ihrer etwas grotesken Selbstüberschätzung niedergestreckt.

Und dann wäre man am Ende für dieses selbstverschuldete Elend auch noch zuständig gewesen. Wer könnte das wollen.

In der anderen Richtung, zum Hauptbahnhof und zur Stadt hin, lagen wieder etliche Menschen auf den Wegen herum. Manche in einer Haltung, als habe man sie dort, wo sie mit ausgebreiteten Armen und seltsam verdreht lagen, vor wenigen Minuten erst erschossen. Manche auch derart eingerollt, dass sie auf den ersten Blick gar nicht als schlafende Menschen zu erkennen waren, dass sie mehr nach einem Haufen Altkleider aussahen. Irgendwo aussortiert.

Obdachlose darunter, Betrunkene in allen Stadien der Alkoholeinwirkung. Partyleichen, Aperolopfer aller Altersklassen. Junkies, entweder selig auf Trip oder wimmernd auf Entzug. All diese oft auch aus unklaren Gründen aus dem Alltag gefallenen Menschen, die Sonstigen und die Mischformen der Verelendung aller Art. Es kommt da vieles zusammen.

Der Hamburger Kältebus fährt im Sommer an besonders heißen Tagen auch als Hitzebus, lese ich aus guten Gründen nach, und ich sehe ihn kurz darauf auch in der Innenstadt. Man könnte auch einen Rettungswagen rufen oder nach einem der herumpatrouillierenden Sozialraumläufer sehen, nach einer schlendernden Bahnhofsstreife vielleicht, wenn jemand in der prallen Sonne herumliegt und sich nicht mehr rührt. Ohnmächtig oder schlafend, was aber oft kaum zu unterscheiden ist. Oder wenn jemand gerade erst wankend und wie in Zeitlupe niedersinkt.

Manchmal sieht man, und dann mit nicht geringer Erleichterung, dass andere sich bereits kümmern, schon telefoniert haben.

Menschen, die jedenfalls Hilfe brauchen, so sieht es oft aus. Menschen, die aber manchmal durchaus keine Hilfe wollen. Weil sie keine Papiere haben, wie man dann vielleicht hört. Kaum ein Wort Deutsch können sie, aber „Keine Papiere“, das haben sie doch lernen müssen, und vermutlich schnell. Die dann jedenfalls abwinken und sich hastig weiterschleppen, um die nächste Ecke und weg, bloß weg.

Es kommt hier alles vor, und nichts daran ist einfach. Ich habe es bisher nie gelesen, glaube ich, aber es kommt mir nicht gerade unwahrscheinlich vor, dass an der Hitze mehr Menschen auf der Straße sterben, und schneller auch, als an der Kälte im Winter.

Am Sonntagmorgen gehe ich zum Bäcker. Ich zähle die Menschen, die gerade am Straßenrand erwachen. Es sind neun an diesem Morgen, auf einem Weg von vielleicht zwölf Minuten. Das ist hier ein mittleres Ergebnis. Wobei mir einfällt, zwischendurch an dieses Kinderbuch zu erinnern, denn es wird weiterhin Eltern und Kinder geben, die daran Bedarf haben und über das Thema reden wollen oder müssen: „Ein mittelschönes Leben“ von Kirsten Boie, mit Bildern von Jutta Bauer.

Entstanden in Kooperation mit der Hamburger Straßenzeitung Hinz & Kunzt, bei der sich auch immer wieder das Vorbeilesen lohnt.

Oder das Spenden, versteht sich.

Ein Sticker: Solidarisch sein ist unbequem. Bitte mach es trotzdem.

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Die Pose der letzten Sekunde

Ich schleiche durch die unerträglich heiße Wohnung und probiere kühlende Maßnahmen aus, teils gegen besseres Wissen. Das ist dennoch okay, finde ich, denn der Mensch möchte nun einmal etwas tun. Selbstwirksamkeit und so, da landet man schnell bei dem nicht eben tiefsinnigen Gedanken: Hauptsache, du machst irgendetwas. Wer aufgibt, der ist schon tot – man hört sich selbst beim Denken zu, schüttelt vielleicht kurz den Kopf und macht dann, wie immer, alles dennoch.

Blauen Himmel spiegelnde gläserne Hochhausfassaden

Ich trage also beispielsweise den großen und lange nicht gebrauchten Standventilator, er ist etwa so hoch wie ein Grundschulkind, aus der Abstellkammer in das Wohnzimmer. Ich stelle ihn in die Mitte des Raumes, schalte ihn ein und warte auf den ersten, äußerst angenehmen Luftzug. Dann wandere ich weiter ruhelos durch die Wohnung, in der ich an diesem Wochenende allein bin. Das ist auch gut so, denn andere Menschen strahlen bekanntlich Wärme und weitere Belästigungen ab.

Ich probiere in verschiedenen Räumen dies und das. Vereiste Wasserflaschen, nasse Laken, Durchzug oder auch nicht, was einem alles so einfallen kann. Ich gehe irgendwann auch wieder ins Wohnzimmer und schramme knapp am Herzinfarkt vorbei: Mitten im Wohnzimmer steht ein fremdes Kind.

Dass dann selbstverständlich nur der Ventilator ist. Aber so kann es kommen, denke ich mir, genau so kann es kommen. So stirbt man an Schreck, so also fühlt sich das an. Während das außerordentlich heftige Herzrasen langsam wieder nachlässt, denke ich das. Während der Körper allmählich wieder aufhört, seltsam zu beben, und während ich noch das ebenso merkwürdige wie unangenehme Gefühl verarbeite, tatsächlich einmal weiche Knie gehabt zu haben, von so etwas liest man doch sonst nur. Ich wüsste jedenfalls nicht, wann ich zuletzt weiche Knie gehabt habe. So also kann es kommen!

Dann liegt man da, hingestreckt und mit nicht mehr schlagendem Herzen, vor dem verdammten Ventilator. Der ungerührt und im Gegensatz zum liegenden Menschen davor immer weiter in Betrieb bleibt. Gründlich außer Betrieb ist nur der Mensch davor, dessen eine Hand vielleicht noch nach vorne gestreckt ist. Die immer weiter auf das Gerät weist, weil in der letzten Schrecksekunde reflexhaft noch das Grauen abgewehrt werden sollte.

Blauen Himmel spiegelnde gläserne Hochhausfassaden

Irgendwann findet die Familie mich schließlich in dieser Pose dort auf dem Parkett. Für die anderen wird es dann vielleicht so aussehen, als sei man beim Versuch gestorben, den Ventilator noch einmal, noch ein allerletztes Mal, etwas höher zu drehen. Und das werden dann alle gut verstehen, denke ich mir. Es wird vermutlich sogar als ein besonders zeitgemäßer Tod verstanden werden. Der Buddenbohm, so wird man im Smalltalk an den nächsten besonders heißen Tagen sagen, und ich kann es fast schon hören, wie man es sagen wird, der ist ja auch in seiner glühenden Dachgeschosswohnung verendet. Direkt vor dem Ventilator!

Und man wird einen Moment lang gemeinsam die Köpfe schütteln und sehr ernst gucken. Was dann auch vollkommen angemessen sein wird. Denke ich mir so. Viel mehr denke ich allerdings nicht an diesem Tag.

Aber andererseits: Immerhin habe ich überhaupt noch etwas gedacht. Es war nachweislich kurz Licht an im Hirn. Und es sind die kleinen Dinge, nicht wahr.

Blauen Himmel spiegelnde gläserne Hochhausfassaden

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Stillstand und Fortschritt

„Die Betriebstemperatur ist zu hoch, der Autor muss gekühlt werden!“ So lautete die immerhin klar verständliche Fehlermeldung auf dem Display der inneren Kommandobrücke. Dem ist unbedingt Folge zu leisten, denke ich mir, weswegen es hier wohl ein bis drei Tage Pause geben wird. Es ist einfach zu warm für alles, wie Ihnen sicher auch aufgefallen sein wird. Schon die Korrektur von Grammatik, Wortwahl und Tippfehlern ist mir gerade entschieden zu nah an einer handwerklichen, also körperlich fordernden Tätigkeit. Der Wunsch, einen Text zu schreiben, der irgendwem gefällt, und sei es wenigstens mir, er ist viel zu nah am Sport.

Und allein der Gedanke! Nein, nein.

Ein Sonnenhut, eher altmodisch, vor einem Poster, auf dem man Wasser erkennt

Es gibt Bücher um mich herum, es gibt Serien und Filme auf Streamingplattformen. Es gibt auch noch Podcasts und Hörbücher. Ich werde schon irgendwie zurechtkommen, auch ohne mich zu bewegen. Lassen Sie mich einfach hier zurück, ohne mich können Sie es schaffen.

Ohnehin darf ich mich aber gar nicht weiter beschweren, denn andere Menschen leisten sehr wohl etwas, auch bei diesen in einer idealen Welt gar nicht zulässigen Temperaturen. Andere Menschen stehen etwa souverän eine mündliche Prüfung durch, sogar noch im Fach Mathe, und haben damit das Abitur bestanden. So wie Sohn I gestern.

Der doch neulich noch erst so groß … (der Autor macht an dieser Stelle vage Gesten in Hüfthöhe) …

… und der jetzt aber (der Autor wedelt irgendwo über seinem Kopf herum).

Sie wissen schon. Es überfordert mich heute deutlich, es weiter auszuführen.

Bunte Deko über einer Straße in der Innenstadt

Es blitzt mehrfach, während ich dies schreibe. Grellgelbe Bilderbuchblitze auf dunkelblauem Grund über der Hamburgflagge auf dem Hotel gegenüber, sehr gut sieht es aus. Würde ich es fotografieren, gleich hätte man einen AI-Verdacht. Darüber könnte man auch länger nachdenken, nicht wahr, wenn man denn noch nachdenken könnte. Aber.

Donner rollt kurz darauf über Hamburg-Mitte hinweg und verhallt über der am frühen Morgen spiegelblanken Alster. Ein Luftzug weht kurz und verheißungsvoll durch unsere Wohnung. Ein Fenster schlägt heftig zu und unten auf dem Spielplatz rauschen die Blätter an den Bäumen und Büschen kurz und wild auf, im Zugriff einer Böe.

Der Luftzug bleibt dann aber allein. Er hatte keine Gefährten bei sich und zieht ohne jede Gesellschaft seinesgleichen weiter, er eilt zum Fenster hinaus und fort, durch die Straßen dieser Stadt. Er war nur ein versprengter Kämpfer der windigen Art.

Und so auch meine Gedanken an diesem Tag – eher vereinzelt auftretend.

Ein Segelboot auf der Außenalster, Frühabendlicht

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