Es scheint mir eine auch in diesen Zeiten nützliche Übung in der Wahrnehmung des Positiven zu sein. Ähnlich wie bei der aus verschiedenen Blogs bekannten Reihe „Was schön war“, also mache ich mit dem hier begonnenen Format noch etwas weiter.
So sind mir etwa jene Typen ausdrücklich sympathisch, die eine gepflegte Verrücktheit lediglich in einem kleinen Teilaspekt ausweisen. Komplette Verrücktheiten, die hier auch reichlich vorkommen, finde ich dagegen eher anstrengend. Weil mir selbst das permanente Auffallen und Darstellen so überaus unangenehm wäre, es hat sonst keinen rational vertretbaren Grund.
Mit jenen Menschen aber, die nur partiell ein wenig aus dem Rahmen der Konvention fallen, die in gebotener Dezenz verrückt sind, sympathisiere ich sehr.
Verrücktheit nicht im negativen Sinne, versteht sich. Eher als interessante Abweichung von der Norm, von unserer kollektiven Erwartung gemeint. Wie etwa bei jenem Herrn, der hier schon mehrfach erwähnt wurde, weil ich ihn öfter sehe. Bei diesem Herrn, der so sehr nach erfolgreichem Notar aussieht. Oder vielleicht nach dem Chef einer Privatbank von Bedeutung, davon laufen in Hamburg immerhin auch einige herum.
Ein distinguierter Herr also. Wobei man den Ausdruck wohl kaum noch gebraucht. Sehr schön, aber das nur am Rande, sind die hier gelisteten verwandten Ausdrücke: edel, erhaben, erlaucht, hehr, illuster). Sagen wir einfach, er sieht nach Vermögen, Bildung und Stil aus. Wenn Sie spontan auf andere Berufe oder gesellschaftliche Positionen kommen, die für Sie plausibel diese Mischung ergeben können: Es ist schon recht. Sie können das so einsetzen.
Wie in einem vermutlich ebenfalls kaum noch bekannten Tango von Milva gehört er zu den Männern mit den graumelierten Schläfen:
„Das sind die Männer mit Erfolgen und Erfahrung
Sie sind für jede Frau ein wenig Offenbarung“
Allerdings gibt es eine dezente Abweichung im Bild, eine kleine Störung im Klischee. Denn der Herr trägt zwar einen dunkelhanseatenblauen Anzug, wie er feiner kaum ausfallen kann, mit einem derart perfekten Sitz, dass man spontan einen starken Maßschneiderverdacht haben kann. Aber er trägt dazu hochhackige Pumps. Auf denen er zudem, das Bild ist eindeutig, gekonnt geht. Fast möchte man sagen, besser als manche Frau.
Und neuerdings gibt es ein Pendant zu diesem Herrn. Er hat eine Parallelfigur bekommen, mit Ähnlichkeit in der Ausführung etwa des Anzugs und überhaupt im ausgestrahlten Niveau, welches man ihm unterstellen zu können sofort glaubt, wenn man ihn nur flüchtig betrachtet. Seine kleine Abweichung trägt er allerdings nicht an den Füßen, sondern vielmehr auf dem Kopf, wo wir neonpink gefärbte Haare sehen. In einer Frisur, die fast eine normale für Männer seines Alters und seines Berufsstandes sein könnte. Ein gewöhnlicher und gepflegter Schnitt. Nur einen Tick voluminöser fällt das Haar vielleicht aus. Etwas wogender steht es auf seinem Kopf und hat ein wenig mehr freudige Üppigkeit, so dass es nicht nur durch seine Farbe auffällt.
Ich stelle es mir nun als eine Art Sonderglück im allgemeinen Stadtbildlotto vor, diese beiden nebeneinander an einer Ampel stehend warten zu sehen. Zwei Herren, die sich vermutlich gar nicht kennen, sich aber doch so überaus sinnig ergänzen. Bisher habe ich sie allerdings nur in weiten zeitlichen und auch räumlichen Abständen wahrgenommen.
In einer Fernsehserie, das versteht sich fast von selbst, würde man bald herausfinden, dass sie das, was sie beruflich betreiben, diese Kanzlei, Bank, Praxis oder was auch immer es genau sein mag, selbstverständlich entweder gemeinsam führen oder aber in direkter Konkurrenz zueinander. Irgendwie müssen sie zusammengehören.
In der Wirklichkeit hilft uns erst einmal nur, diesen Bezug wenigstens zu bemerken und zu beschreiben, sich den bereits gestern erwähnten sinnigen Zufall als Verbindung zwischen so vielem wenigstens zu denken.
So bleibt man immerhin geistig beschäftigt, selbst wenn man gerade nur an Ampeln herumsteht und sich irgendwelche Menschen in der Großstadt ansieht. Auch schön.

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