Es stellt eine eindeutige Überforderung dar, bei diesen Temperaturen in der Wohnung flüssige Texte schreiben zu wollen. Dazu ähnelt mein Hirn gerade zu sehr kochendem Brei. Aber wie immer gilt: Alles dennoch machen. Zumindest versuchsweise.
Ich werde sicher später, wenn die Sonne tiefer steht, also viel tiefer, noch einmal durch die Stadt gehen. Obwohl es mir auch da noch zu heiß sein wird. Aber ich bin bewegungssüchtig, ich brauche Auslauf, viel Auslauf. „Am Abend schnürt der Buddenbohm lange durch sein Revier.“ Und wehe, wenn nicht. Unleidlich Hilfsausdruck.

Vermutungen über das Aussehen der meisten Menschen, die ich dort sehen werde, kann ich jedenfalls jetzt schon anstellen. Sie werden nämlich so aussehen, wie man eben aussieht, wenn es einem schon wieder alles nennenswert zu anstrengend war. Wenn es also etwa zu heiß war, zu schwül, zu sauerstoffarm, zu fordernd. Die Kleidung zu klebrig am Körper, die Luft zu stickig und staubig. Die S-Bahn zu Sauna, die U-Bahn zu Backofen, die Sonnenseite der Mönckebergstraße viel zu sehr Madrid. Man sieht es den Menschen bereits auf den ersten Blick an, wie sehr die Hitze sie fordert, und man sieht auch, was sie fordert: Lebendigkeit, Munterkeit, Frische, Kraft. Eleganz auch. In durchweichten Klamotten wirkt einfach niemand mehr präsentabel, von Würde ganz zu schweigen. Und es ist fast allen am späten Nachmittag eines 30-Grad-Plus-Tages auch vollkommen egal.
Einige werden wieder leichenblass aussehen, als würde die Hitze sie ihrem Ende nahebringen, einige werden gegenläufig einen knallroten Kopf haben, denn zum Ende gibt es mehrere Wege. Wieder andere werden diese brandroten Stressflecken im ansonsten todesblassen Gesicht haben, Muster wie bei Koi-Karpfen dabei.

Vermutlich werde ich auch noch einmal etwas sehen, was mir in diesem Sommer schon öfter aufgefallen ist und was gerade für Hamburg ziemlich speziell ist: Dass sich nämlich wildfremde Menschen, denen ein anstrengender Moment gerade besonders zusetzt, etwa wenn sie eine Treppe von der U-Bahn zur Straße hinaufsteigen, und die dabei vielleicht unwillkürlich kurz aufstöhnen oder auch leise knurren oder fluchen, sich in ihrem Elend erkennend gegenseitig anlächeln, sobald sie merken, dass andere sich ebenso wie sie verhalten. Und die dann, da wird es endgültig absurd, vielleicht sogar einen smalltalkhaften Satz wechseln: „Is‘ schlimm, ne?“
Um kurz gemeinschaftlich etwas zu fühlen.
Wir sind hier sonst nicht so, wir ignorieren uns hier gewöhnlich um jeden Preis. Das Wetter aber, es ist extrem. Und Extreme sorgen für neue Erfahrungen und Erlebnisse.
Eigentlich müssten wir alle gemeinsam etwas verändern, müssten wir etwas drehen. Aber es wäre doch eine größere kulturelle Übung, was da ansteht, und es würde uns wohl aus verschiedenen Gründen ziemlich schwerfallen, so angebracht es auch wäre.
Das mit der Besinnlichkeit nämlich, die wir traditionell fest um Weihnachten herum verorten, das müssten wir wie auf einer riesigen Drehbühne in den Sommer rollieren lassen. Denn jetzt ist doch neuerdings die Zeit dafür. Jetzt muss und darf man nichts machen. Jetzt, wo es klarerweise zu heiß für alles ist. Zurückziehen müsste man sich jetzt irgendwo tief in den Schatten. Jetzt müsste man in Ruhe Bücher lesen, Briefe schreiben oder sich tatsächlich besinnen. In Ruhe sein, im Schatten sein, bei sich sein.
Es müsste uns ein harmonischer Gleichklang für den Hochsommer werden, so wie es in manchen südlicheren Ländern längst üblich ist. Die Hitze steht für die Pause.
„If you want to be alone – just be alone
Timing is the answer to success”
Und um Weihnachten herum dann im Gegensatz dazu all die Aktionslust ausleben. Die ungestüme Reiselust auch, den Sport- und Bewegungsdrang dazu, all die Action und auch die vielen Events, Begegnungen und Feste. In einer Jahreszeit, in der man sich noch frei bewegen kann, und das sogar in vernünftiger Kleidung. Dem Winter von Grund auf ein Bild von Spaß, Freiheit und Lust verpassen. Den Sommer dafür bis zur Unkenntlichkeit herabdimmen und die althergebrachten Urlaubs-, Spaß- und Frohsinnsbilder endlich überwinden.
Von wegen halbnackt am Strand jauchzend Frisbee spielen! Es ist zu warm dafür. Echtjetztmal, es ist nicht mehr gesund. Man bekommt Sonnenbrand und der Sand fühlt sich an den nackten Füßen an, als würde man sich bei jedem Schritt verbrennen.
Die Bilder müssen wir also ändern. Und all die alten Lieder müssen wir dazu umtexten, die Gedichte werden wir neu schreiben müssen und unsere Assoziationen sämtlich durchtauschen. Es klingt vielleicht noch spaßig, aber ich nehme doch im Ernst an, dass es langfristig ohnehin so kommen wird. Weil wir bald gar nicht mehr anders können, wenn es so weitergeht. Und es wird ja wohl so weitergehen, denn so wird es doch weiterhin noch überall bestellt, nicht nur von der deutschen Gasministerin.
Man könnte nun, wenn es doch eh so kommen wird, auch einfach damit anfangen. Es gibt immerhin genug zu tun bei einer derart großangelegten alltagskulturellen Umräumaktion. Es sind wahrhaftig Aufgaben genug zu vergeben.
Ja, ich denke, man könnte einfach anfangen.
Aber nicht heute. Denn es ist auch dafür entschieden zu warm.
(Der Autor bleibt nach dem Tippen der letzten Absätze noch sehr lange vor dem Bildschirm sitzen. Aber nicht etwa, weil er weiterdenkt. Leider nur, weil er wetterbedingt am Stuhl festklebt.)

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