Der Sonnabend war, was hier lange kein Tag mehr war, grau und gründlich verregnet war er. Gleich am Morgen nach dem Aufwachen hörte ich dieses beruhigende, von früher vertraut wirkende Geräusch auf den Dachfenstern. Fast war es schon in Vergessenheit geraten, wie das klang. So ein gleichmäßiges, sachtes Rauschen und Tröpfeln. Ein filmnoirjazzmäßiges Hintergrundgeräusch zu Geschichten mit Substanz und tiefer Ernsthaftigkeit.

Unten auf der Straße gingen währenddessen Menschen in Schwarzweiß an alten Autos vorbei. Aber, versteht sich, es war wieder nur einer dieser sogenannten Zufälle, dass ausgerechnet bei diesem Wetter eine Göttin vor dem Haus parkte. Eine Göttin, der manche Passanten einen Moment andächtig huldigten, bevor sie weitergingen. Bevor sie im Regen um die nächste Ecke aus dem Bild bogen, vielleicht in einen anderen Text.
Ein Geräusch jedenfalls auf den Scheiben, dem man schon nach kurzem Zuhören anzumerken meinte, dass es lange, lange anhalten wird. Den ganzen Tag vielleicht, und dann auch noch morgen. Dass also ausnahmsweise die norddeutsche Grundregel, die wir uns früher am Strand mehr als tausendmal mit trotziger Hoffnung gegenseitig aufgesagt haben, „Da hinten wird es schon wieder hell“, diesmal sicher nicht zur Anwendung kommen konnte.
In meiner Familie hätte man früher „Landregen“ dazu gesagt. Mir fiel erst spät auf, dass es im festen Vorrat der Redewendungen und Sondervokabeln kein urbanes Pendant dazu gab, keinen Stadtregen. Wir benannten nur diesen besonders lange anhaltenden, den sanft fallenden und besonders gleichmäßig niedergehenden Landregen. So lange anhaltend vielleicht, wie die norddeutsche Tiefebene weit ist. Dieser Regen, der so zuverlässig Stunden und Tage durchnässt und durchweicht.
Er kühlte auch die Wohnung weiter runter. Er war mir daher recht, dieser Regen, sehr recht sogar, endlich wieder einmal unter 25 Grad am Schreibtisch. Gerade noch rechtzeitig vor der nächsten Hitze kam dieser Regen. Und meinen Segen hatte er daher, nicht nur ein Tagestourist zu sein. Um eine Stadt kennenzulernen, um sich anzufreunden, braucht man sowieso mindestens drei Tage.
Die anderen Tagestouristen übrigens, die zum Schlagermove in der Stadt waren, zum fest eingeplanten Besäufnis also, die spülte der Regen diesmal aus all den Stadtteilen, die vom Umzug mit den Party-Trucks nicht betroffen waren. In der Innenstadt, an der Alster und auch im kleinen Bahnhofsviertel waren in diesem Jahr kaum Grüppchen in grellbunten Outfits zu sehen. Dort hörte man auch diese Musik nicht, und es fand kein schlagerseliges Cornern mit kreisenden Proseccoflaschen statt. Diesmal schien sich alles auf Sankt Pauli zu konzentrieren.
Wir dachten wie immer voll Anteilnahme an die Menschen, die dort wohnen, wo sich 200.000 Menschen vor ihrer Haustür dringend betrinken möchten.
Hier darf man das bald ohnehin nicht mehr. Meine Gegend wird nämlich demnächst eine ausgeweitete Alkoholverbotszone. Zum Schutz der Anwohnenden, versteht sich, so wird stets argumentiert. Es ist aber, wenn ich das als Anwohner anmerken darf, doch ein wenig verdreht, denn die Außengastro in dieser Zone wird es selbstverständlich weiterhin geben. Man darf sich also sitzend und als zahlender Gast sehr wohl immer weiter in die kreischend gut gelaunte Aperolekstase des Hochsommers trinken. Das bleibt jederzeit willkommen und heißt dann auf den Seiten, die dem Tourismus positiv zugewandt sind, „Urbanes Flair“ oder „Buntes Treiben“.
Und beides wird sehr gut bewertet, das sind Qualitätskennzeichen für großstädtische Gegenden.

Man darf künftig aber nicht mehr mit einem offenen Dosenbier an dieser so lustigen Gesellschaft vorbeigehen. Dann bekommt man ein Problem mit der Polizei, denn dann stört man. 200 Euro Bußgeld.
Wenn ich aber an ein Delikt wie etwa Ruhestörung denke, vermutlich ein Bagatelldelikt aus juristischer Sicht, nicht aber aus der Perspektive der betroffenen Nachbarschaft, sind im Sommer eher die zahlenden Gäste in Cocktailpartystimmung vor den Restaurants, Kneipen und Bars das Problem, nicht aber die meist leise leidenden Alkoholkranken am Straßenrand. Bei denen würde vermutlich doch eher Sozialarbeit weiterhelfen. Aber was weiß ich schon.

Auch bei diesem Thema ist jedenfalls gar nichts so einfach, wie es auf den ersten Blick vielleicht wirkt.
Bei diesem Wetter – es regnet immer noch ländlich weiter – ist es allerdings ohnehin egal. Es findet da draußen ohnehin nichts statt. Eine herrliche Ruhe und tiefer Frieden am Sonntagmorgen. Landruhe könnte ich es nennen, der Regen regelt.
Auch mal schön.
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