Abendlied

Irgendwo im Haus spielt jemand das Abendlied von Matthias Claudius auf einer Flöte, und sehr schlecht spielt er es. Da stimmt gar nichts, die Geschwindigkeit nicht, die Betonung nicht, von der Technik ganz zu schweigen, aber erkennen kann man es – immerhin! Ein gutes Lied ist doch eine robuste Sache, das kann man nicht so schnell komplett zerstören. Der Mond ist aufgegangen, oder, so wie es da gerade gespielt wird, derMondistaufgegaaaaaaaaangen.

Das habe ich früher oft am Bett der Söhne gesungen, kurz tut es kräftig weh, es ist schon so lange her, schon damals, schon vorbei. Die goldenen Sternlein hatten wir an die Kinderzimmerdecke geklebt, da prangten sie jahrelang hell und klar. Da war die Welt auch abends noch stille, sogar vor zwanzig Uhr schon, und in der Dämmerung Hülle, ja, es stimmt schon, da war sie manchmal sogar traulich und hold. Ich erinnere mich an diesen Augenblick, in dem wir die Kinderzimmertür leise, so leise geschlossen haben, vorher ein Blick noch auf die Schlafenden, das war schön. Es war ein langes Lied, das Abendlied, es war einschlaflang. Ich kann den ganzen Text des Gedichtes noch, glaube ich.

Manchmal auch den Mond noch gemeinsam mit den Kindern gesehen, vom Wohnzimmer aus, wie er über dem Kirchturm stand, da war er nur halb zu sehen, und war doch rund und schön, das haben wir den Söhnen schon früh erklärt. Diskussionen darüber, ich weiß auch das noch.

Sicher bin ich auch stolz gewesen, allzu stolz, wie alle Menschenkinder, und wusste doch gar nicht viel. Dafür weiß ich heute immerhin das – aber darauf lieber auch nichts einbilden. Und dann das Ziel, von dem ich da abgekommen bin, ich habe überhaupt keine Ahnung. Ich weiß nicht, was es damals war, ich weiß nicht, was es heute ist, ich habe das mit dem Ziel in diesem Leben bisher einfach nicht verstanden. Ich werde es wohl auch nicht mehr verstehen.

Einfältig immerhin muss ich vielleicht nicht mehr werden, ich bin mir mit jedem Jahr sicherer, es längst zu sein, wenn auch vielleicht nur in des Wortes eher unerfreulicher Bedeutung. Wie Kinder fromm und fröhlich – nein, dermaßen einfältig nun auch wieder nicht. Vielleicht ist es schade.

Die Söhne kommen aus der Schule und gamen lärmend an ihren Computern, die Herzdame telefoniert. Ich nehme mein Notebook und verziehe mich in mein Refugium, in mein etwas seltsames und seit Jahren nur provisorisches Arbeitszimmer, das im Grunde etwas ganz anderes ist. Ich kann das zwanglos unter diesen Text dichten, was es ist, es passt schon –

Ich in der Abstellkammer

wo ich des Tages Jammer

vergessen oder bloggen soll.

Kalt ist der Abendhauch. Dieser Raum hat keine Fenster, aber warten Sie, ich sehe nach, es gibt heute Apps für so etwas: Vier Grad, schwache Winde aus West, Nordwest. An den Küsten böig, es wird kälter im Laufe der Woche. Wie gut die Sprache des Wetterberichtes zu alten Gedichten passt, ist Ihnen das einmal aufgefallen?

Man sollte noch viel mehr Gedichte lesen.

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Anmerkungen zur Flugbahn der Weihnachtsdekoration

Vielleicht noch genauer hinsehen, was da draußen jetzt passiert, es ist doch historisch interessant, wie sich diese 4. Welle entwickelt und was man davon sehen oder hören kann. Ich höre von mehr und mehr Corona-Fällen im Bekanntenkreis, in Schulen, Firmen und auch nach Besuchen, Partys usw. Es wird jetzt, zumindest nach meiner Stichprobe, die selbstverständlich überhaupt nichts für Sie da draußen beweist, eine ernsthaft häufigere Erkrankung. Man hat das jetzt, man bekommt das jetzt, wobei die Zahlen in den mir bekannten Schulen noch ziemlich gering sind, das ist aber klarerweise schlicht Glück und kann sich verdammt schnell ändern.

Es gibt nicht wenig Menschen, wiederum auch in meinem Umfeld, mich eingeschlossen, die deswegen noch einmal deutlich vorsichtiger werden, die für sich einen Lockdown in welcher exakten Ausprägung auch immer beschließen, Home-Office etc., ganz ohne Staat und Vorgabe, gewissermaßen gemäß persönlicher Freiheit.

Am Sonntagnachmittag war ich auch in der Innenstadt. Es war ein noch mäßig warmer, eher grauer Sonntagnachmittag, Regen drohte vehement, schwarze Wolkengebirge über der Stadt, in ungeheuerliche Größe bauschten die sich auf, es war nicht das beste Spaziergangswetter, wirklich nicht. Und die Stadt war, pardon, bummsvoll. Menschenmassen schoben sich eng an eng an geschlossenen Weihnachtsmärkten und teils unbeleuchteten Schaufenstern vorbei, allgemeines Bedauern war hundertfach zu hören: „Ist ja alles noch zu!“ An einigen Buden und Absperrgittern hingen laminierte Zettel mit 2G- oder 3G-Erklärungen, lange Texte waren das teils, Kleingedrucktes. Ohne Prophet sein zu wollen: Macht man diese Märkte auf, dann ist da Party, und gewiss keine mit viel Abstand zwischen den Menschen.

Über der Spitaler Straße hängen jetzt wieder diese weihnachtlichen Lichtobjekte, die stellen Menschen auf Schlitten und Geschenkkartons und dergleichen dar, Dezembersymbole. Mir ist so, als hätte ich neulich erst mit meiner Freundin V. darüber gelästert, dass diese Figuren da immer noch hingen, wann war denn das, gerade erst war das, im März war das, letzte Woche war das. Jetzt hängt das da also schon wieder und ich schreibe sie an und frage: „Sag, war denn ein Sommer zwischendurch?“ Sie weiß es auch nicht. Egal. Winter is staying.

Die Nachbarn im Haus gegenüber haben Weihnachtdeko aufgehängt, Lichterketten an Balkonbrüstungen und Fensterrahmen, bei einem blinkt sogar alles. Es ist mir unklar, wie man das aushält, wenn vor dem Wohnzimmerfenster alles blinkt. Andere Menschen, das ewige Rätsel. Egal, nichts gegen Deko, bei uns liegt Weihnachten noch im Keller, aber bald schlagen wir auch zu. Ein Nachbar hat, das habe ich noch nie gesehen, drei Blumentöpfe so angebracht, dass sie schräg außen am Balkongeländer hängen, sie sehen wie kleine Abschussrampen aus, die auf den Kirchhof zeigen. Darin stecken kleine, koniferenähnliche Gewächse, weihnachtsbaumförmig und also geschossmäßig gedrillt und licterkettenumwunden. Als könne man diese drei Weihnachtsleuchtkörper jederzeit abfeuern, so sieht das aus. Was würden sie treffen? Ich denke mir die Flugbahn, sie würden wohl in der Wohnung der Pastorin einschlagen, krachend und glitzernd durchs Fenster, vom Himmel hoch, da kommen sie her.

Es dekorieren in dieser Saison auch Nachbarn, die noch nie dekoriert haben, fällt mir auf. Und wie sie das tun, gleich volles Programm vielleicht ist das auch ein Trend. Jetzt aber richtig! Oder sie haben Kinder bekommen, Enkel, dergleichen.

Am frühen Montagmorgen fegen und elektropusten drei Männer von der Stadtreinigung Laub vor unserer Tür zusammen. Es riecht kräftig, erdig und überzeugend waldig, es ist ein Geruch, den man hier in der Stadtmitte gar nicht kennt, und ich bleibe stehen und atme und rieche, denn das ist sehr schön. Und so viel ist nicht schön, in diesen Zeiten.

Riechen ist gut, hinsehen darf man aber auf keinen Fall, sonst nimmt man auch die zahllosen OP-Masken im Laub war, die blauen Tupfen überall im Gelb, man sieht den Müll, das Plastik, die Coffee-to-go-Becher, die Imbissstyroporschalen, die Flaschen und Dosen. Aber den Duft, denke ich, den habe ich. Damit in die Woche starten.

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I got the blues even though nothing is wrong

Ich bin ein großer Fan von Dan Reeder, hier ist ein neuer Song von ihm, er macht uns also heute die passende Soundkulisse, und wie immer macht er es großartig. Wenn Sie Dan Reeder versehentlich nicht kennen, hören Sie alles nach, was er gemacht hat. Es lohnt sich.

Es war ein Biest von Woche, nicht wahr, das ging nicht nur mir so. Ich habe mich zwischendurch allzu intensiv für Politik interessiert, ich habe alles Mögliche nachgelesen und versucht, etliche Aspekte ganz ernsthaft zu verstehen, ich habe mit aller Vehemenz einen auf interessierten Bürger gemacht wie schon länger nicht mehr. Dummerweise war aber gestern, zumindest für mein Verständnis, wohl einer der allerdümmsten Tage deutscher Politik ever, und da steht man dann da mit seinem Interesse und fühlt sich unsäglich veralbert. Unschön, und das ist milde ausgedrückt.

Ansonsten gab es viel Arbeit, wie in meinem Brotberuf zu dieser Jahreszeit üblich, und es gab Tage, die mit dem eher schnöden Dreiklang von Home-Office, Haushalt und Schule vollkommen freudlos verpufften. Das ist nicht schlimm, es gibt eben solche Phasen, es ist nur nicht gerade motivierend. Motivierend zu was auch immer. Es ist aber auch ein wenig schade, weil ich den November doch mag und ihn so fürchterlich gerne als Wellness-Monat für mich hätte. Davon bin ich sehr weit entfernt. Am Dienstag war es, glaube ich, da habe ich am späten Nachmittag an der Balkontür gestanden, als ich gerade einmal allein in der Wohnung war, und ich habe eine halbe Stunde zugesehen, wie es dunkel wurde. Das war schön. Wie die letzte Meise vom Futter wegflog, wie in der Kirche drüben ein Licht am Eingang anging, wie ganz oben am Himmel auf einmal etwas Mond zu sehen war, ein ganz kleines Stück nur, in wolkiger Dezenz. Wie dann drei Krähen vor diesem Mondausschnitt entlangflogen, so überaus bilderbuchmäßig.

Wie in den Wohnungen auf der anderen Straßenseite die Lichter angingen. Ich gehe in der dunklen Jahreszeit gerne allein draußen herum und sehe in andere Fenster. Ich stelle mir ausgiebig vor, was in diesen beleuchteten Wohnungen alles besser als bei mir läuft. Kommen Sie mir nicht mit Ihrem Imposter-Syndrom, ich bin längst weiter fortgeschritten.

Ich habe einen Nachbarn, bei dem läuft jeden Abend ein riesiger Fernseher, und dieser Fernseher hängt an einer Wand, die er lilafarben anstrahlt. Dieser Mann kann vermutlich Netflix oder was auch immer wahnsinnig unterhaltsam finden, der kann all diese Serien genießen oder die albernen Filme – ich kann das nicht. Der kann da vollkommen entspannt in seinem Sessel liegen und sich mit seichtem Zeug volllaufen lassen, das muss doch schön sein, und ich meine es es nicht ironisch, so gar nicht.

Ich habe einen Nachbarn, dessen Schreibtisch steht am Fenster, und er arbeitet wahnsinnig emsig daran. Er tippt etwas in ein Notebook, und er macht das immer. Also immer, wenn ich hinsehe. Der ist viel fleißiger als ich, der ist auch konzentrierter und bestimmt wesentlich strebsamer und ernsthafter, also verdient er mit dem, was er da macht, auch viel mehr Geld als ich. Er hat in der Konsequenz auch eine größere Wohnung. Glaube ich.

So hingegeben arbeiten – ich kann das nicht.

Ich habe einen Nachbarn, der kann Saxophon spielen. Das weiß ich aber nicht, weil ich sehen kann, wie er spielt. Ich sehe von seinen Fenstern nur einen eher schmalen Lichtspalt, ich sehe seinen eher kargen Balkon. Warum weiß ich dann das mit dem Saxophon? Es gab da einen Moment, im letzten Jahr oder wann, es war noch in dieser jetzt schon seltsam unwirklich erscheinenden Pandemiephase, in der manche abends aus den offenen Fenstern geklatscht haben. Da gab es auch einmal so ein Happening, bei dem alle, die irgendwas mit Musik konnten, etwas gemeinsam machen wollten, deutschlandweit, glaube ich. Es ging um die Ode an die Freude, meine ich noch zu wissen, ohne es aber beschwören zu wollen. Und zu der Uhrzeit jedenfalls, als das überall stattfinden sollte, da kam dieser Nachbar auf den Balkon, mit seinem Saxophon. Und setze das so an, guckte dann aber doch erst einmal, lauschte, guckte noch einmal. Und stellte fest, dass er vollkommen allein war. In diesem Block und um den ganzen Platz herum war sonst absolut niemand, der irgendwas mit Musik machte, es gab keine Blockflötenkinder, keinen E-Gitarristen, keine Chorsänger, keine Geiger, keine Cellistinnen, nichts. Es gab kein Happening. Da hat er sein Saxophon wieder abgesetzt, hat mit den Schultern gezuckt und ist kopfschüttelnd wieder in seine Wohnung gegangen. Das war ein sehr trauriger Pandemiemoment. Im Grunde tut er mir heute noch leid, der Nachbar.

Aber jedenfalls kann er Saxophon, und ich kann das nicht.

Ich habe eine Nachbarwohnung, die sieht immer besonders hell und einladend aus. Und ausgesprochen gut dekoriert, geradezu wohnzeitschriftenmäßig durchstilisiert. Altbauhohe Bücherwände, teure Design-Leuchter und ein großer Tisch in der Mitte der Wohnung, auf dem eine riesige Obstschale auf weißem Tischtuch steht. Große Bilder an der Wand, Kunst, bestimmt Originale, Ölgemälde. Und die haben da dauernd Besuch, der aussieht wie aus alten Woody-Allen-Filmen, also von der Ausstrahlung her. Da kommen immer Leute, die einen Verlag haben, ein Theater leiten, ein Museum oder eine Konzerthalle, die Professoren sind oder weltbekannte Bildhauerinnen. Vielleicht kommen auch Leute, die Saxophon spielen können, das würde passen.

Die führen da ein äußerst gepflegtes Sozialleben auf verdammt hohem Niveau. Ich kann das nicht.

Und es gibt auch eine Wohnung, da sind immer alle Fenster verhängt, das ganze Jahr hindurch, da sieht man nur Lichtschlitze, wenn man überhaupt etwas sieht.

Da lebt jemand vollkommen im Geheimen. Ich kann das nicht.

Ich mache das übrigens ausgesprochen gerne. Ich sehe dermaßen gerne in andere Wohnungen, ich stelle mir so gerne vor, was da alles gelingt und was gut und schön ist. Ich stelle mir den Spaß vor und die Wärme, die Liebe und die Entspannung, die Ruhe und die Zeit, manchmal sogar den Babyduft, den Geruch von Kleidern an Schranktüren und auch den Geruch von Plätzchen oder Braten aus Küchen, von denen ich im Vorbeigehen nur einen Oberschrank sehe. Ich stelle mir vor, wie jemand in einem wahnsinnig gemütlichen Wohnzimmer auf einem Sofa sitzt und liest, ich höre das Umblättern im Geiste, es klingt wunderbar beruhigend, wie auch das Ticken dieser antiken Wanduhr da.

Ich laufe herum und billige fremden Menschen gelingendes Leben zu. Ich kann immerhin das.

Egal. Ich wollte etwas anderes schreiben, was ist jetzt wieder passiert? Na,  jedenfalls was geschrieben, sagte er mit einem trotzigen Unterton.

Hier noch drei Links. Ich müsste wohl schneller mit den Links sein, sie veralten so schnell im Moment. Aber schnell geht gerade nicht, mir fehlt dummerweise die Schreibschnellkraft.

Apropos. Ich habe, und auch das war seltsam schön, gesehen, dass jetzt noch ein Satz von mir in diesem Internet zitiert wird, den ich im Juli oder so geschrieben habe. Es ist kein besonders schöner Satz, es ist nur einer, den viele Menschen (da draußen an den Empfangsgeräten, sagt eine Stimme im Kopf) nachvollziehen konnten. „Ich bin nicht erholt genug für diesen Herbst“ habe ich da geschrieben. Ein eher schlichter Satz, nicht wahr. Aber so sieht es aus, das war die reine Wahrheit. Ich war vermutlich noch bei keinem Jahresendspurt jemals so unfassbar erschöpft und komplett durch. Ich leite daraus nichts ab, es ist vermutlich auch nicht so schlimm, wie es vielleicht klingt. Es ist nun einmal so, ich halte es einfach nur fest.

Wie auch schon im letzten Jahr.

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Positiv

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Zur Regierung durchschweigen

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Dynamische Ignoranz

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Links am Abend

Ein Drittimpfbericht

 

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Stochastische Verantwortlichkeit

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Bei der Kaltmamsell gute Links und Auszüge im vorgestrigen Text des Tages.

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Über die Freiheit. Via Ichichich auf Twitter.

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La comédie humaine

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El cormorán pasa

Ich habe für das Goethe-Institut etwas über Menschen und Tiere geschrieben. Ein Text, der im Oktober geschrieben wurde, aber auch im November noch seltsam gut zu passen scheint.

Aus Gründen, die weiter unten noch deutlich werden, kommt die Musik zum Text heute erst gegen Ende, es hat alles etwas Erklärungsbedarf und die Szene muss ein wenig ausgemalt werden, manchmal ist das so. Aber kurz zurück zum Leitmotiv des Textes beim Goethe-Institut: Mehr Tiere ansehen! Dazu noch etwas.

Neulich war ich mit der Herzdame bei Ikea, was selbstverständlich eine selten blöde Idee zurzeit ist, ich weiß, Kommentare überflüssig. Aber wir brauchten unbedingt eine bestimmte Lampe. Die Home-Office-Situation ist hier an dem einen Arbeitsplatz allzu spätherbstlich-düster geworden, das kann so nicht weitergehen. Ein nicht geringer Teil von mir würde es zwar ausdrücklich begrüßen, bei Kerzenlicht mit der Hand zu schreiben, kratzende Feder, Tintenfass und alles, aber nein, es geht nun einmal um Büroarbeit im Jahr 2021, ich muss es widerstrebend anerkennen und mich fügen. Das Möbelhaus war dann allerdings dermaßen überfüllt mit Trotteln, die nicht in der Lage waren, Masken auch nur halbwegs korrekt zu tragen, etwas Abstand zu halten oder sonst eine sinnvolle Maßnahme auch nur annähernd zu akzeptieren, ich fand es wirklich über allen Maßen anstrengend. Vor dem Gastrobereich eine sichtlich überforderte Zugangskontrolle, im Kassenbereich die Wartenden, die mir in den Nacken atmeten und husteten … Es überforderte mich alles etwas und mein Bedarf an Kontakt zu Menschen da draußen ist erst einmal gedeckt, ich möchte bitte bärenhaft in meine Höhle zurück. Bis März, bis wann es eben passt.

Aus organisatorischen Gründen haben die Herzdame und ich uns danach direkt vor dem Möbelhaus getrennt – nicht endgültig, nur für diese Stunde -, und sie fuhr mit dem Auto weiter, ich ging zur S-Bahn und das war sehr gut so, denn dabei war ich allein. Nach dem grellen Licht und dem absolut grauenvollen Gedränge im Möbelhaus war da auf einmal, nur ein paar Schritte weiter, ein ruhiger, diesiger Novemberabend über Schrebergärten zwischen Ausfallstraßen, auf denen nicht viel los war. Steingrauer Himmel, orangegelbe Lichtkegel um die zahlreichen Straßenlaternen, dazu das mittlerweile spätherbstmatte Ocker des letzten Straßenbegleitbaumlaubes. Dann die Schienen der Bahn. An dem einen Ende der Strecke die Innenstadt, nur in der Ferne zu ahnen, bekannte Lichter hoher Häuser, in der anderen Richtung ein großer Umschlagbahnhof, still und trostlos, Krimikulisse, Tatortabend. Container, Lastwagen, Güterzüge bis zum Horizont, kein Leben darin oder dazwischen, gar keines. „Gott strafe diese Stadt mit Industrie, Industrie ist die härteste Strafe Gottes.“ Das hat Joseph Roth geschrieben (im Hotel Savoy), noch bevor die Weltgeschichte eine Weile später auf ganz andere Strafen Gottes kam.

Die S-Bahnstation im Nirgendwo war fast menschenleer, ein Mann nur stand da wartend am Gleis, sah mich kommen und ging sofort weiter weg, ans andere Ende des Bahnsteigs. Zehn Minuten bis zum nächsten Zug, und ich fand es hervorragend dort. Ruhig, leer und der Jahreszeit angemessen, man muss dem November auch einmal Raum geben, das ist wichtig. Bahnschienen können, besonders wenn sie exakt gerade verlaufen, etwas angenehm Klares haben, da links, da rechts, daher, dahin, keine Nebenwege, keine Umwege, hier, die Richtung.

Auf Plakaten wurde für die Mobilität von morgen geworben. Es gab keine Erklärung, worum es sich dabei genau handelt, und der Text prangte direkt neben diesen Schienen, die nicht so aussahen, als würden sie sich morgen irgendwie verändern. Schienen werden gelegt, um zu bleiben, sollte man meinen.

Über mir ein großer Vogel, ein einziger Vogel nur. Eine schwarze Silhouette vor dem schon fast abendlichen Himmel. Ein Kormoran war das, er flog über die Gleise. Vielleicht flog er von der Alster oder der Elbe zur Bille, das kann gut sein, wo der Kormoran hinfliegt, da wird wohl Wasser sein. Er folgte jedenfalls einer anderen Geraden durch die große Stadt, als wir Menschen sehen oder wahrnehmen können. Eine lange, schnurgerade Linie durch den Himmel zog dieser Vogel, und ich stellte mir vor, dass das eine altbekannte Kormoranlinie war, immer schon so geflogen seit Generationen und Generationen, eine Traditionslinie, schienengerade über die Gegend und seit ein paar Jahrzehnten auch den riesigen Umschlagbahnhof hinweg: Aber die Vögel sind immer quer über die Gleise geflogen.

Ich sah dem Kormoran nach, hörte dabei Hildegard Knef, die mir vom Shuffle-Modus kundig zugespielt worden war, und ich habe exakt in diesem Augenblick, Kormoran, Schienen, Umschlagbahnhof, Alleinsein, Stadtrand, Wartezeit, eine Stelle in einem Lied gefunden, die ich nicht kannte. In dem zunächst etwas schlagerhaft anmutenden Chanson von den Eisblumen nämlich, es ist sicher nicht eines ihrer bekanntesten Lieder. Die Anspielung auf den Krieg im Text fällt beim ersten Hören auf, das „zersplitterte Rot am Gardinenrand“. Man muss es dann aber ganz bis zum Ende hören, sonst bekommt man nicht mit, welche Stelle ich meine. Denn erst nach dem Gesang sagt sie auf einmal etwas, ganz ernst sagt sie das, und in anderer Stimmlage, hören Sie doch mal: „In der Watte seines Unvermögens lebt der Mensch – begrenzt …“ Und dann folgen noch kurze Sätze, sehr kurze Sätze. Es ist etwas niederschmetternd resignativ, was da folgt. Es endet schließlich mit einer dreimal wiederholten Wendung, die übrigens, ich habe das nachgelesen, auf der Schallplatte, die Älteren erinnern sich, in einer Endlosrille lief. Und lief und lief, das muss man sich also bitte auch so vorstellen, das mit der letzten Rille.

Hier das Lied, den Text mit der Watte des Unvermögens spricht sie ab 3:04. Aber es ist viel ausdrucksvoller, wenn man alles hört.

Der Kormoran, die Knef, der November. Das war wunderschön da, an diesem Umschlagbahnhof, etwa drei Minuten lang, allein am frühen Abend, außerhalb der Stadt und fern vom Getümmel, über mir der Flügelschlag des schwarzen Wasservogels, zielstrebig wohin auch immer. Hier, die Richtung.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken, begeistert zu danken für die überaus freundliche Zusendung der Tage- und Notizbücher von Patricia Highsmith, hier ist die Verlagsseite dazu. Über 1.300 Seiten, das Buch wird also eine Weile reichen, oder wie sagt man heute, es wird für zwei Wellen reichen oder so. Grandios jedenfalls, ich freue mich sehr! Wenn man selbst Tage- und Notizbücher führt, sind fremde Tage- und Notizbücher ganz außerordentlich interessant.

Vorderseite

Eine Szene wieder, die nicht als klassisches Foto funktioniert, wir brauchen Bewegung und Sound dabei, sonst funktioniert es nicht. Seltsame Postkarten sind das hier! Es ist eine Theaterszene, die vor einem Theater stattfindet, was hier nicht so erstaunlich ist, da ich um die Ecke zwei große Theater habe und dort oft vorbeikomme, es ist einigermaßen naheliegend, dass mir auch vor diesen Theatern einmal etwas Theatralisches auffällt. Wir haben also links im Bild bitte die Fassade des Hamburger Schauspielhauses. Wenn Sie das nicht kennen, so macht das nichts, stellen Sie sich bitte einen einigermaßen prächtigen Theater-Altbau vor, weißwandig und üppig. Über den Türen steht natürlich, was dort abends gegeben wird. Ich weiß es allerdings schon nicht mehr, was da dieser Tage steht. Ich sehe aber auch kaum hin, das Schauspielhaus ist regiemäßig in der Regel eher nicht mein Fall und sowieso habe ich Theater noch nicht wieder in der Planung. Da läuft also irgendwas. Theater eben. Rechts und links von dem Portal Poster mit Szenenbildern in beleuchteten Schaukästen. Vor dem Theater der Fußweg, es ist ein Fußweg ohne besondere Kenneichen. Einen deprimierend schmucklosen U-Bahn-Abgang sehen wir noch ein paar Meter weiter. Es ist später Nachmittag, es dämmert. Das ist alles, mehr Bühnenbild brauchen wir nicht. Im Hintergrund beliebige Großstadthotels, Licht in den Lounges, Details sind nicht notwendig. Einige Passanten vielleicht noch, die sind aber vollkommen egal, es müssen keine bestimmten Typen sein. Die stellen nur die normale Betriebsamkeit der Großstadt dar. Menschen gehen eben durchs Bild, einer hat irgendeinen Hund dabei, einer isst einen Burger, eine fährt E-Scooter, fertig. Haben Sie das?

Vor der Tür des Theaters steht ein Paar auf dem Fußweg und streitet. Es handelt sich bei den beiden Personen nicht um Schauspieler, auch wenn sie recht eindeutig eine Szene machen, und was für eine. Sie haben sich, ich möchte mich da festlegen, nur zufällig vor dem Schauspielhaus zu einer großen Aussprache veranlasst gesehen, manchmal ereilt es einen eben irgendwo. Sie kennen das vielleicht, wenn Sie in einer Paarbeziehung sind. Die beiden reden laut, vor allem die Frau. Etwas zu laut reden sie, man könnte berechtigt vermuten, dass Alkohol im Spiel ist, und zwar eine nicht geringe Menge davon.

Obwohl ich die beiden nur im Vorbeigehen wahrnehme, nicht einmal minutenlang also, reicht die Zeit doch aus, um Grundzüge der Situation zu erfassen. Es verhält sich nämlich so, dass er in arger Bedrängnis ist, denn sie stapelt Argument auf Argument und zählt auf, was in letzter Zeit alles nicht richtig war, und wenig war das nun nicht. Man sagt manchmal spaßhaft, dass jemand bei so etwas immer kleiner wird, und genau das sehe ich hier in ausgeprägter, fast schon slapstickhafter Deutlichkeit, wie der angeklagte Mann nämlich langsam den Kopf einzieht und in der halben Minute, in der ich ihn sehe, deutlich an Größe verliert. Das geht in dieser eindeutigen Form schon als Geständnis durch, nehme ich an.

Sie leitet die Absätze ihres beachtlichen Monologs jeweils mit einem „Und warum?“ ein, wonach dann folgt, was wieso in dieser Beziehung passiert ist, also aus ihrer Sicht, also absolut wahrheitsgemäß, und sie wiederholt diese rhetorisch recht geschickte Frage mit den anschließenden und sich jeweils unterscheidenden Ausführungen mindestens dreimal. Das hört sich übrigens so an, dass es auch im Theater aufgeführt werden könnte. Nicht schlecht für eine private Improvisation, wirklich nicht schlecht.

Nach diesen Anklagepunkten folgt dann der abschließende argumentative Höhepunkt, und es ist wieder einer dieser Sätze, über die ich mich lange freuen kann. Ich werde ihn auch für einen eigenen Ehestreit memorieren, ich möchte ihn nicht vergessen, er ist einfach zu gut. Ich gehe mit der Familie an den Streitenden vorbei, Sohn II und ich sehen uns an und wir wissen beide, das ist einer dieser Sätze, über die kann man etwas schreiben. Wir sind in dieser Hinsicht ein gutes Team, wir können durch die Stadt gehen und wissen zur gleichen Zeit, wann etwas notiert werden sollte. Aus unserer Sicht, versteht sich, andere werden das selbstverständlich anders sehen. Wie es auch bei diesem Satz, von dem ich gleich berichten werde, durchaus zwei Meinungen geben kann. Vielleicht finden Sie den gar nicht gut, ich kann mir das vorstellen.

Die Frau jedenfalls sagt, und es ist manchmal klug, einen Satz so zu beginnen, wie wir alle wissen: „Ich habe auch viel falsch gemacht …“, wonach sie eine äußerst gelungene Kunstpause macht und diesen Anfang dann mit neuem Anlauf und frischer Verve wiederholt. „Ich habe auch viel falsch gemacht“, sagt  sie also noch einmal und dann folgt ein Gedankenstrich, ob Sie es glauben oder nicht, man kann ihn ihn förmlich sehen, diesen Gedankenstrich, und dann erst das vernichtende Schlussargument: „Ich habe auch viel falsch gemacht – aber du hast dich falsch verhalten.“

Mehr nicht. Nur noch Vater und Sohn Buddenbohm, die da vorbeigehen und sich ansehen und verschwörerisch nicken.

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Links am Morgen

Jochen über die Bellsche Zahl und Partys.

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Sven über Fahrradstellplätze vor Schulen in Hamburg

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„Es gab “Michael Kolhaas”, ein Lehrstück über Eskalation, ich fühlte mich sehr verbunden und hatte auch gleich Lust, eine Stadt niederzubrennen, so sehr, dass ich mich gedanklich kurz an diesen Ort, den ich niederbrenne, entfernte und dadurch ein Stück der Vorstellung verpasste und folglich nicht wusste, was für einen kleinen Zettel Kolhaas verschluckt.“

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Über Spoiler

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Das Eigengrau ist ein Bild des Novembers

Ich mache Ihnen wieder Musik zum Lesen an, Moment. Das hier passt mir recht gut, wenn ich auch bei der Übertragung auf meine Situation vielleicht das body im Titel gegen soul tauschen müsste. Aber egal. Einer der nicht so bekannten Titel von Paul Simon.

Im Fernsehen kommt Wetten dass, so lese ich erstaunt, und in den Medien wird das neue Album von Abba besprochen, was ist das bitte für ein Zusammentreffen, können wir kurz einen Uhrenvergleich …. Ich hatte hier vor vielen Jahren mal eine Nachbarin, ein paar Häuser weiter wohnte sie, die war alt und dement, die war so ein Fall, bei dem sich alle fragten, wie kann die denn alleine, warum macht denn da niemand etwas. Es machte aber niemand etwas. Die hängte sich, sie wohnte im Hochparterre, oft weit aus dem Wohnzimmerfenster, manchmal nur höchst unzulänglich bekleidet, und fragte Passanten nach der Uhrzeit. Und manchmal ergänzte sie, wenn sie die Antwort hörte, ein zutiefst verzweifelt klingendes „Aber welches Jahr denn?“ Irgendwann war sie dann doch weg.

Als ich letzte Woche in Nordostwestfalen war, stand dort auf einer Kommode eine kaum verblichene Dose „Quality Street“, darin vermutlich das süße Konzentrat der gesamten 70er, ich habe die Büchse lieber nicht geöffnet. Die Zeiten gehen seltsam durcheinander, die Tore sind auf, dabei ist es doch noch etwas hin bis zu den Rauhnächten, in denen es routinemäßig und erwartbar zu gewissen Verwirbelungen kommt.

Ich mache das Internet an, das Internet ist klare Gegenwart. Youtube empfiehlt mir auf der Startseite ausschließlich Filmchen, die ich alle schon gesehen habe, das nennt sich dann Algorithmus und ist angeblich intelligent und durchdacht. Es ist aber wie ein Verweis auf das Lesen vor der Zeit der Romane, vor der Leserevolution also, als alle Welt auf einmal so fürchterlich viel las und das übrigens als ungemein schädlich galt, es wurden auch damals schon in Familien Medienzeiten diskutiert, das vergisst man gerne: „Du sollst nicht so viele Romane lesen!“ Vor dieser Kulturrevolution jedenfalls hat man das, was man im Hause hatte, Erbauliches in aller Regel, mehrfach gelesen und vorgelesen, hundertfach womöglich, tausendfach gar im Laufe des Lebens, das Lesen war intensiv, nicht extensiv. Da kannte man die Texte noch, die Reime, die Sinnsprüche, die Bibelstellen, die Breviere, die Märchen, die Fabeln. Das also spiegelt mir Youtube jetzt seltsam verzerrt wider, ich kann mir dort qua Empfehlung immer noch einmal die fünf wilden Schwäne von Hans Wader anhören, ich kann mir immer wieder diesen einen kurzen Clip über das Leben und Sterben von Adalbert Stifter ansehen. Und warum auch nicht. Zu große Auswahl ist eh ein Problem, denke ich, und gucke brav alles noch einmal, immer annehmen, was ist. Ich nehme noch einmal die Sache mit dem sanften Gesetz zur Kenntnis, das ist eine Hypothese von Stifter (aus der Vorrede zu den Bunten Steinen, glaube ich), dahingehend, dass die sachten Veränderungen, die langsamen, allmählichen, kaum sichtbaren Einflüsse, die eigentlich entscheidenden Bewegungen und Entwicklungen in der Welt sind, dass also etwa das über Jahrhunderte gebildete Wurzelwerk im Wald entscheidender für das Gesamte ist als der eine Blitzeinschlag in die hohe Fichte. Da auch mal drüber nachdenken. Oder das mal nachlesen.

Es ist Wochenende. Was mache ich? Ich bewege mich auch nur langsam und kaum sichtbar, ich verwurzele auf dem Sofa. Ich folge dem sanften Gesetz, denke ich, und wenn ich schon dabei bin, kann ich auch ein Hörbuch von Stifter anmachen, ich habe bei Stifter noch Lücken, große Lücken. Ich stehe auf und höre Stifter am Küchenfenster. Mein Blick geht auf den Spielplatz auf dem Kirchhof, das kann ich mir biedermeierlich passend zurechtdenken. Wo heute die Kinder spielen, war früher der Friedhof, wer weiß, was noch unter der Schaukel ruht, das hat auch Geschichtenpotential und in den Rauhnächten … aber ich schweife ab, es wäre dies auch eher etwas für den Gespenster-Hoffmann. Nein, ich denke mir keine Geschichten aus, ich sehe nur zu, wie draußen das Laub fällt. Jetzt auch das der Eiche, und so schnell fällt es, als wäre es auf einmal eine eilige Angelegenheit, als müsse alles weg, weg, bald, heute noch, fort damit. Gestern noch war auf dem Baum die Hälfte des Laubwerks grün, heute schon ist fast alles gelb und bald wird es gar nicht mehr sein, stattdessen wirbeln dann unten die Kinder durchs liegende Laub, und wenn die am späten Nachmittag weg sind, die emsigen Eichhörnchen. Das restliche Laub am Kirschbaum daneben zittert im Wind, und nur an diesem Baum zittert es, alle anderen Bäume stehen mit ruhigen Blättern, warum ist das nun wieder so? Eine unruhige Stelle im Bild ist dieser Baum dort mit seinem Vibratolaub. Die Blätter zittern sich von den Zweigen und erst wenn sie sinken, hören sie auf mit dieser unruhigen Bewegung, sanft erlöst kreiseln sie entspannt zu Boden und liegen dann still, endlich still. Das passt alles sehr schön zu Stifter, denke ich. Ein Nachbar gegenüber hat die erste Lichterkette an der Fensterbrüstung befestigt, es werden bald etliche folgen, das Gesetz der Tradition, willig befolgt.

Auf dem Balkon haben wir heute den Vogelimbiss wieder eröffnet. Wir bedienen dort Kohlmeisen, Spatzen und auch Rotkehlchen, und zwar, das ist neu, diese drei Arten gemeinsam. Im letzten Jahr kamen die immer getrennt, wie im streng geregelten Schichtbetrieb. Die Absprachen in Vogelreisen werden sich geändert haben. So etwas mitbekommen, die kleinen Veränderungen, das ist mir wichtig geworden.

Ich lese Stifter in der Wikipedia nach, ich lese immer alles nach, das hat sich bewährt. Man unterstellt ihm dort, dass er dahingehend modern war, der Natur so dermaßen viel Raum in seinen Texten einzuräumen, als er dabei dem Menschen und seinen Bestrebungen implizit Raum genommen hat, das sei doch quasi öko, so steht es da, also sinngemäß und nur in etwa, ich schreibe hier kein Referat. Ein interessanter Gedanke ist das jedenfalls. Ich habe nicht genug Zeit für interessante Gedanken, es ist ein Elend, es bekümmert mich.

Apropos, hier ein Artikel über das Klima in der Literatur. Vielleicht müsste man das Beschreibende generell anders denken, überlege ich, weit weg von der im Moment marktbeherrschenden Plot-Literatur, vielleicht müsste oder könnte man auch in der erzählenden Literatur vollkommen anders vorgehen. Weg von den ewigen Heldenreisen, sie haben zu nichts geführt, sie gingen nicht gut aus, wir sind nirgendwo angekommen. Die Heldenreise als Irrrweg betrachtet, das denke ich schon seit einer Weile, Heldenreisen passen nicht in eine Postwachstumsgesellschaft, zu der wir doch werden müssen, auch wenn es noch nicht alle glauben können. Ich kann das übrigens ohne jeden Ehrgeiz in der Beweisführung denken, da ich weder Literaturwissenschaftler noch Romanautor bin, ich bin also unbelastet und keine Rechenschaft schuldig, das ist auch mal schön.

Auf einer Lampe, die draußen am Dachvorsprung über dem Balkon hängt, sitzt oben ein Spatz und hängt unten eine Meise, und je nachdem, wie sehr man innerlich noch Kind ist, glaubt man womöglich, dass die beiden da Spaß haben, Schaukelspaß. Drei andere Spatzen, die für diesen Unsinn überhaupt keine Zeit haben, picken eilig am Meisenball, geschäftig und gierig wie Menschen bei der Arbeit.

Ich komme bekanntlich zu nichts, aber ich würde eigentlich gerne so weiterdenken, über das Beschreiben und das Erzählen. Mit Stifter etwa, auch mit Melville vielleicht. Zwanzig, dreißig Seiten über Walfett in einem Roman unterbringen, wie weit vorne war denn dieser Mann. Wenn Sie auch Hörbücher hören – den Anfang von Moby Dick, den könnte ich auch immer wieder hören. Er ist sensationell gut, er ist geradezu ehrfurchtgebietend.

Wir brauchen noch ein Musikstück, merke ich gerade. Nehmen wir etwas mit “weary im Titel”, immer Bezüge suchen.

Es ist Wochenende, ich habe frei. Also abzüglich des Care-Krempels und der Schulplage, versteht sich. Pardon, wenn das etwas abwertend klingt, die Pandemie und die Folgen, wir sind hier nach wie vor ein wenig durch, to say the least. Aber egal, wir üben natürlich unerschütterlich dennoch Englisch mit den beiden Schülern, oder was gerade so anfällt. I am thinking, I am learning, das passiert jetzt gerade, at this moment, right now, das ist Present Progressive. Sohn I war es, glaube ich, der im fortgeschritten genervten Zustand beim Lernen einmal auf die Form Present Aggresive kam. Zwei Jahre wird das etwa her sein. War da auch schon Pandemie? Nein, aber fast. Little did we know.

Ich lerne mit den Söhnen, ich koche Essen, es gibt Hühnersuppe, das ist Prophylaxe. Ich gehe auf mein Sofa, ich höre immer weiter Stifter, „Katzensilber“ heißt der Abschnitt. Ich kann ihm nicht folgen, ich bin mit den Gedanken gottweißwo. Ich höre alles noch einmal, es ist wie auf Youtube.

Ich drücke Start, ich schließe die Augen, ich sehe nichts mehr, keine Englischbücher, keine Küche. Das Eigengrau ist ein Bild des Novembers, das wäre vielleicht auch ein guter Titel für eine Story gewesen. Eigengrau, das Wort habe ich neulich auf Twitter gesehen, nie vorher ist es mir begegnet. Faszinierend.

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Links am Abend

Die Kaltmamsell hat mich wieder an die Blätter erinnert, die ich zwischenzeitlich völlig vergessen hatte. Was man nicht im RSS-Feed hat, das gibt es nicht. Dabei ist es manchmal sinnvoll, dort nachzulesen, etwa auch das hier zur möglichen Politik der Ampel. Gefällt mir, da mal wieder öfter reinsehen.

Frau Herzbruch macht währenddessen lustige Prognosen. Na gut, lustig ist das eher nicht.

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Giardino zeigt dagegen, wo es rausgeht. Auch wichtig. Apropos raus, hier noch einige Waldspaziergangsbilder. Da könnte man auch gleich wieder, also ich jedenfalls. Und zwar dringend.

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Wütend, visionär, verkannt: Marlen Haushofer. Audio, lang. Es sei sehr empfohlen, das ist aufschlussreich. Wenn Sie allerdings labiler Stimmung sind, hören Sie das lieber nicht, es ist doch harter Stoff.

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Und bei Arte gibt es etwas über Dostojewski, da lernt man wieder was.

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Tante Eugenie

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Hier übt der Nachbar weiter Klavier, immer noch Jingle Bells. Ich denke dabei immer wieder „A tinkling piano in the next apartment“, ich habe einen Ohrwurm dadurch, seit Tagen schon. Ist ihnen mal aufgefallen, dass der dazugehörige Song einen sehr langen Text hat?

Oder lieber instrumental? Schon auch schön. Mit Paul Desmond. Zum Reinlegen.

Und dann gibt es natürlich noch die überaus seltsame Version von Bryan Ferry. Was hält man davon? Es ist kompliziert.

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Leopard vor Laub mit Bild

Zwei Erlebnisse noch, die sich seltsam verbinden und wovon eines auch bebildert wird, ich danke bereits jetzt dem Künstler. Und zwar war ich einerseits in Hagenbecks Tierpark, wovon ich das meiste aber an anderer Stelle verwenden und berichten werde, und zweitens in einem Kletterwald. Klassische Ausflüge zur Ferienzeit. Die Herbstferien sind hier nicht lange her, man vertrieb sich die Zeit, bzw. wir Eltern eher die Zeit der Söhne.

Es ist beim Schreiben oft so, dass ich auf Muster achte, oder eher sogar so, dass ich ein Muster nicht suche, sondern schlicht sehe und darin im besten Fall dann auch schon eine Pointe erkenne, also wenn ich Glück habe (es ist tatsächlich wohl eher Glück als Verstand). Mustererkennung ist oft die Grundlage von mehr oder weniger humoristischen Einlassungen, sieht man Muster, kann man leicht kreativ sein, in welcher Form auch immer. Im besten Fall verbindet ein Muster Bezüge und Inhalte, die nicht zusammenpassen und überraschen, so die einfache Theorie. Vermutlich geht Humor auch ohne Muster, wobei ich da allerdings kein Spezialist bin. Und manchmal machen Muster auch, was sie wollen, sie erscheinen einfach, ob mir dazu nun etwas einfällt oder nicht. Sie machen sich vielleicht manchmal über mich lustig, was ihnen gewiss auch zusteht, bei all den Scherzen, die ich schon über sie oder mit ihnen gemacht habe.

Am klassischen Beispiel des Leopardenmusters, also vermutlich unerwartet wörtlich: Das sah ich im Zoo. Ein klein wenig Leopardenmuster sah ich da, denn die Raubkatze, also die Inhaberin des Musters, lag unter einem Strauch versteckt im Halbdunkel eines lichtergefleckten Käfigbodens. Sonne fiel durch Gezweig und Blätter, wobei man sehr schön erkennen konnte, wie gut ein Tarnmuster wirken kann. Denn man sah dieses Stück Leopard, es handelte sich genauer um einen Leopardenpo, überhaupt nur, weil man als Gast im Tierpark wusste, dass da irgendwo im Geäst etwas zu erwarten war. Also graste man da mit den Augen alles ab, was dort zu sehen war, jedes Stück Boden, jeden Ast – und so viele Stücke und Äste waren das auch nicht, es ist ja kein Safaripark mit reichlich Auslauf. Es war nur eine Art Käfig, es war nur etwas Geäst, darin ein Leopardenpo im Zwielicht. Davor etliche Menschen, die dahin sahen, zeigten und „Da!“ riefen. Immer wieder.

Dann der Kletterwald. Es wird gleich etwas absurd, verbleibt aber ohne Pointe, das ist manchmal so. Da habe ich, während die Söhne und die Herzdame oben gut gesichert durchs Geäst turnten, unten gesessen und Leute beobachtet. Was man eben so macht, wenn man nichts macht. Unter diesen Gästen war auch eine junge Frau in etwas, das wie ein Jumpsuit mit Leopardendruck aussah. Ich habe in den letzten zwei Wochen schon drei Exemplare von diesem Jumpsuit gesehen. Entweder es ist ein Trend oder es ist ein reichlich fortgeschrittener Zufall. Diese Frau jedenfalls kletterte auch, und kletterte dabei an dem Platz vorbei, an dem ich saß, wobei für einen Moment, ich gebe zu, es klingt seltsam, ihr mit diesem Muster bekleideter Po so aus dem Laub sah, dass es exakt dieses Bild ergab, welches ich im Tierpark gesehen habe. Leopardenpo an Laub. Was sagt einem das? Es sagt einem gar nichts. Es ist nur. Wirre Gedanken über Wahrscheinlichkeiten hat man da. Aber noch Tage später dachte ich immer wieder an diese Duplizität der Leomuster, an das etwas obskur gedoppelte Bild, und wie das wohl zu verwerten sei und ob überhaupt. Es kam aber wieder nichts dabei heraus, als nur ein weiterer Blogeintrag. So ist es manchmal, selbst bei sehr auffälligen Mustern in der Wirklichkeit.

Ich saß da auf dieser Lichtung im Kletterwald, um mich herum die hohen Bäume, in die man diese Parcourvorrichtungen aus Brettern und Seilen gebastelt hatte, in denen sich kletternde Kinder, Eltern und Leoparden von Baum zu Baum hangelten. Es war kalt, aber es war schön, es war ein ausgesprochen günstiger Tag, um etwas Wald zu sehen, noch vor der novembrigen Entlaubung.

Moment, ich mache eben Musik an. Ich saß da nämlich und hörte Lee Hazlewood, passend zum angegilbten Laub: My autum’s done come. Das können Sie hier auch anmachen, es ist ein schönes Stück, auch wenn es ohne Video verbleibt.

„Kiss all the pretty ones goodbye
Give everyone a penny that cry
You can throw all my tranquil pills away
Let my blood pressure go on its way

‘Cause my autumn’s done come“

Der Waldboden roch fantastisch intensiv und ich hatte diese etwas schmerzhafte Empfindung, dass ich so etwas zu selten rieche. Wald und Meer, beides müsste ich öfter in der Nase haben, viel öfter und für einen Moment war ich mir sicher, es falsch zu machen, vieles falsch zu machen, weil ich das nicht öfter rieche. Es ist vermutlich gut, dass mich niemand näher beobachtet hat, während ich dort saß und intensiv roch und hörte, ich nehme stark an, man sieht nicht allzu geistreich aus, wenn man sich auf diese Art Mühe mit der Wahrnehmung gibt. Aber egal. Ich saß und roch und hörte, ab und zu fiel ein Blatt von einem Baum, leicht löste sich das Laub der Linde. Es war der Herbst der besseren Art. „Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen roch und hörte“, so steht es nicht bei Hebbel, nein, dort heißt es etwas anders. Bleiben wir bei Lee Hazlewood:

„Bring me water short and scotch tall
A big long black cigar that ain’t all
Hang me a hammock between two big trees
Leave me alone, damned! Let me do as I please
For my autumn’s done come“

Mir wurde langsam kalt, es fehlten ein paar Grad, um längere Zeit draußen stillsitzen zu können. Ich ging etwas herum, hin und her über die Lichtung. Oben die turnenden Söhne, die Herzdame, der Leopard und andere Kletterer, an zwei Tischen weiter hinten auf der Lichtung wartende Eltern vor Keksen, Cola und Thermoskannen. Zwei, drei auf dem Boden spielende Kinder, die noch zu klein fürs Klettern waren.

Am Kassenhäuschen diskutierten welche. Was gab es da zu diskutieren? Die wollten rauchen. „Nein, hier darf man nicht rauchen, das ist ein Wald“, hieß es da. Ein Arm wies im Kreis, tatsächlich, überall Bäume. Blankes Unverständnis bei den Rauchern, das sei ja nun eher eine Lichtung als ein Wald, also genau genommen. Sie zeigten zu den Bänken und Tischen, auf denen keine Aschenbecher standen, warum standen da denn keine Aschenbecher, da hätte man doch welche hinstellen können. „Und wenn wir nur am Tisch?“ „Nein, hier darf man nicht rauchen, das ist ein Wald. Im Wald raucht man nicht, das weiß man doch.“ Aber, und sie zeigten immer wieder zu den Bänken und Tischen, um diese Tische herum, da sei doch nur so, was war denn das, Sand? Da könnte man doch? Und dann fiel die Antwort, über die ich mich immer noch freue. Es war vielleicht der beste Satz des Monats und ich bin gar nicht sicher, ob das alle nachvollziehen können, warum ich bis heute manchmal daran denke und dann leise lache: „Nein, Sie dürfen hier nicht rauchen. Das ist ein offizieller Wald.“

Vielleicht kennen Sie Gerd Brunzema von Instagram oder Twitter, er macht prima Druckgrafiken. Und gucken Sie mal, er hat eine passende Grafik gemacht, die kann man bei ihm natürlich auch erwerben. Keine bezahlte Werbung, nein. Nur eine Kneipenidee, als wir uns darüber unterhielten, wie man in Druckgrafik und Text mit Ideen und Szenen umgeht. Das kommt dann dabei heraus, wenn man doch wieder ausgeht und Menschen trifft.

Grafik fünf Bäume

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