Die drei AI und die Adelstitelfragmente

Ich hatte neulich das Presse-Monitoring via KI erwähnt, dazu noch ein kleines Update. Zum einen gibt es einen Umstand, den ich eher noch als amüsant verbuche, nämlich dass die Programme Friedrich Merz weiterhin oft „Bundeskanzlerin“ nennen. Die Trainingsdaten werden diese Bezeichnung mehrheitlich so ausweisen, wie man sich leicht vorstellen kann. Jedes Mal, wenn ich das sehe, freue ich mich ein wenig. Umso mehr, als man klar zu ahnen meint, wie sehr ihn so etwas ärgern dürfte. Denn Größe traut man ihm, und das „man“ kann ich sicher stehenlassen, es wird eine allgemeine Annahme sein, auch in dieser Hinsicht kaum zu

Zum anderen, und das ist deutlich weniger witzig, sind die Ergebnisse auch bei längerem Testlauf und bei mehreren Anbietern so schlecht, dass man das Ganze als weitgehend unbrauchbar deklarieren muss. Oder dass zumindest der Aufwand, die Ergebnisse der Software als „Babysitter“, wie es neulich in einem Artikel hieß, zu beaufsichtigen und zu korrigieren, unangemessen hoch ist. Hierzu ein Beispiel.

Die Software meldet mir eine Meldung zu dem Konzern, für den ich arbeite. Mit Link zur Quelle immerhin und allem. Der Link läuft allerdings ins Leere und den Artikel gibt es gar nicht, aber das nur nebenbei. In der Zusammenfassung der halluzinierten Meldung wird auch der CEO des Konzerns genannt. Es ist aber nicht der aktuelle, der da erwähnt wird. Es ist sein Vorgänger, der öffentlich ganz gewiss nichts mehr zur Firma sagt. Wie bei der Bundeskanzlerin auch kann man sich gut vorstellen, dass bei so etwas die Mehrheit der Daten gewinnt und dass der Abgleich mit der Gegenwart offensichtlich trotz klarer Datenlage nicht geleistet werden kann. Warum auch immer nicht, denn manchmal gelingt dieser Abgleich durchaus. Aber eben nur von Fall zu Fall, ohne Gewähr.

Ich weise darauf hin, dass der Name falsch ist. Die Software korrigiert und nennt mir prompt den Namen des CEOs, der vor dem vorigen CEO einmal CEO war. Dann, nach weiterer Korrektur durch mich, nennt sie den Namen einer Frau, die vor etlichen Jahren einmal fast, aber eben nur fast, CEO geworden wäre. Mein Hirn assoziiert altmodische Nachschlaggeräusche im Hintergrund.

Ich teile der Software mit, dass sie mir nur Schrott liefert. Woraufhin sie sich, und man meint es tatsächlich so herauslesen zu können, aber es ist natürlich in Wahrheit keine passende Deutung, in zunehmender Hektik entschuldigt. Und, genau wie es ein Mensch machen würde, in rasender Eile mehr und mehr Quellen zusammensucht. Dann beschließt sie, wozu sich auch mancher Mensch entscheiden würde, jedenfalls solange er dabei eine gewisse Erfolgsaussicht annehmen kann, nämlich stabil zu lügen.

Es werden für mich in der Folge eine ganze Reihe von CEO-Namen flott erfunden. Ich sehe mit so etwas wie fasziniertem Grauen, wie genau da vorgegangen wird, denn es wird nach einer Weile ziemlich deutlich, welche Logik dabei wirkt. Es ist ein internationaler Konzern, für den ich arbeite, mit einem Management hauptsächlich aus europäischen Ländern. Die Software erfindet mir daher Namen, die zu diesem Kontext passen. Italienische Vornamen mit französischen Nachnamen etwa oder auch eine englische Variante gemischt mit Spanisch usw.

Tretboote an einem Steg an der Außenalster

Würden Sie und ich uns spontan Namen für den männlichen CEO eines großen europäischen Konzerns ausdenken sollen, für ein Rollenspiel oder ein Theaterstück etwa, wir würden zu ähnlichen Ergebnissen kommen.

Irgendwie klangvoll sind diese Namen, irgendwie markant, vielleicht noch mit einem ungemein schmückenden Adelstitelfragment in den Silben. Denn es soll ja nach etwas klingen. Nach Kompetenz, nach guter Familie und großer, weiter Welt womöglich, nach Macht vielleicht. Mit anderen Worten, die Software sucht und findet eine Lösung auf Groschenromanniveau.

Und das eben ist ein Effekt, der sich aus dem Mitteln enorm vieler Daten fast zwingend ergibt. Den man also unbedingt mitdenken sollte, wenn man mit so etwas arbeitet. Man bewegt sich da unter Umständen auf einem Niveau irgendwo zwischen dem Agenten Jerry Cotton, dem Geisterjäger John Sinclair und der Nachtschwester Aurelia aus der Chiemsee-Klinik. Und vielleicht, das will ich gar nicht ausschließen, passt das ab und zu auch ganz gut zur Aufgabe.

Aber leider längst nicht immer.

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Drei am Dienstag

Drei Kleinigkeiten nebenbei. Zum einen fahre ich aus medizinischen Gründen durch die Gegend und die Stadtteile. Wobei ich auch in einen Bus steige, was sonst eher selten passiert, denn wie eine Freundin sagte: Wenn ich Bus fahren will, kann ich auch in Kleinstädten wohnen. Aber manchmal muss man eben doch.

Blick über den Isebekkanal

Es steigt jemand ein, der nicht gut riecht und nicht gut aussieht, der aber umgehend zum gerade in Hamburg stattfindenden OMR-Festival in Bezug gesetzt werden kann, das den Touristen so drastisch die Hotelpreise verdirbt. Man las davon, Rekordsummen pro Nacht wurden wieder genannt.

Der Mann, der da einsteigt, ist nämlich auf den ersten Blick schon deutlich heruntergekommen, er sieht aber nicht so aus, wie man sich Obdachlose klischeemäßig vermutlich vorstellt. Sondern eher so, als habe er noch vor etwa einer halben Spielfilmlänge eine Agentur geleitet, und zwar eine große. Irgendwas mit Marketing hat die vermutlich gemacht, irgendwas mit Online sicher auch. In diesem Umfeld war die Agentur etwas Etablierteres, kann man sich leicht vorstellen, denn so sieht er aus. Werberschick auf der Mitte zwischen Technik-Avantgarde und dem Establishment der Branche. Vielleicht fällt Ihnen dazu der passende und besonders stylishe Anzug ein, die passende Steppweste, der passende Rollkoffer – damit liegen wir richtig.

Aber er hat in diesem Anzug seit etlichen Nächten schon draußen geschlafen. Der Rollkoffer hat dabei zwischendurch deutlich Schaden genommen, das Sakko auch. Ein Bad hat er definitiv lange nicht gesehen und sein Hemd ist nicht nur seit Tagen oder Wochen nicht gewechselt worden, es hat auch eine Fleckenhistorie, wie es sie nur nach drastischen Vorkommnissen verschiedener Art geben kann. Vermutlich im Zusammenhang mit Alkohol oder anderen Drogen, aber das ist nur geraten. Der Bart wächst, die Haare auch, die Entgleisung von allem schreitet voran. Um im Filmkontext zu bleiben, dieser Mann hat in den letzten 14 Tagen nicht nur so etwas wie einen rasanten Roadmovie erlebt, es muss dabei schon einen starken Einschlag Richtung bitteres Sozialdrama gegeben haben. Und von Comedy keine Spur.

Aber ein Tag in bester Pflege, könnte man meinen, und er dürfte, natürlich nur dem Aussehen nach geurteilt, morgen wieder als Speaker auf der OMR auftreten. Während er heute noch als lebendes Mahnmal durch die Stadt fährt: Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe.

Dann eine Praxis, die geschlossen hat, obwohl Menschen in ihr Termine haben. Keine Erklärung an der Tür, nur die lapidare Meldung des Umstandes. Murren und Knurren unter denjenigen, die an dieser verschlossenen Tür scheitern. Allgemeines und nicht eben leises Fluchen auf die Umstände, auf das System und auf die Verschlechterung. Die man, es ist nicht zu überhören, so leicht verallgemeinern kann. Denn es ist eben nicht nur diese eine Tür, die nicht aufgeht, obwohl sie doch verdammt noch einmal aufgehen sollte. Es ist mehr.

Schließlich ein Einkauf in einem Supermarkt, noch einen Stadtteil weiter. Jemand hinter mir an der Kasse fragt mich, was mein Blumenkohl kostet. Ich weiß nicht, was mein Blumenkohl kostet – mind your privilege! – ich habe ihn einfach so in den Einkaufswagen gelegt.

Aber wir sehen es dann beim Einscannen, der Blumenkohl kostet 3,99, und günstig ist das nicht gerade. Dieser Preis sorgt, und er ähnelt darin der verschlossenen Tür, für deutlichen Ärger und auch für Verwunderung unter den Umstehenden. Dieser Preis ist nämlich auch wieder eine Rekordsumme, und wo kommen wir dahin. Das kann so nicht sein, also wirklich, wer soll das noch bezahlen, das geht doch nicht? Das können die doch nicht machen?

Man nennt andere Preise aus anderen Märkten, die sind auch nicht eben billig, jedoch noch günstiger als hier. Aber für jedes Produkt den Markt wechseln, das geht ja nun auch nicht, wie stellt man sich das denn vor, da läuft man ja nur noch herum. Es ist ein Stückpreis, da müsste man dann also wenigstens den größten Blumenkohl nehmen. Nicht so einen kleinen, wie ich ihn als Suppenzutat gewählt habe.

So waren die drei Zufallsbilder von gestern, nur kurz notiert. Und wie weit es nun politisch ist, was privat so nebenbei anfällt, es kann selbstverständlich wie immer von allen selbst entschieden werden.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Du bist Teil des Problems (Teil fälschlicherweise kleingeschrieben)

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NOMO bis FOBI: das Wochenende

Das Wochenende war lang, meine Wege waren verletzungsbedingt umso kürzer. Die Schmerzen in der Knöchelgegend schienen mich darauf hinweisen zu wollen, dass Herumliegen jederzeit eine gute und betont vernünftige Option sein könnte. Wenn ich doch etwas ging, weil ich nun einmal zum Gehen neige, so wie ein Fisch routinemäßig schwimmt und ihm andere Existenzformen eher nicht geläufig sind, wurden diese Hinweise auch gleich eindringlicher.

Es nervte erheblich.

Das wurde mir solcherart also zu einer NOMO-Versuchsanordnung. Necessity Of Missing Out. Was irgendwann als Antwort auf FOMO aufkam, der Fear Of Missing OUT. Zu den Anfängen dieser Haltung oder Erkenntnis siehe auch Jenny Odell: „Nichts tun: Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen“. Ein gutes Buch, ich las es damals, als es herauskam, 2019.

Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Abkürzungen dieser Art, die sich auf das Verhältnis von Psyche und Teilnahme beziehen. Man verliert da leicht die Übersicht, siehe etwa auch JOMO, Joy of missing out usw. Sie können auf dieser Wikipedia-Seite zur Abkürzung, und ich möchte es dringend empfehlen, im Abschnitt „Linguistic“ ganz unten auf der Seite, sich gerne einmal alle Abkürzungen laut vorlesen. Das hebt definitiv die Stimmung, es hat etwas Zauberspruchartiges und wer weiß, was man damit alles bannt.

Die letzte dort genannte Abkürzung, FOBI, ist mit Entschiedenheit wieder etwas, das man sich für die baldige Anwendung im Büro oder Betrieb merken möchte.

Ich habe kein Problem damit, mich vier Tage zu beschäftigen, ohne an der ansonsten geschätzten Stadt und ihrem Trubel Anteil zu nehmen, vom Blick aus den Fenstern einmal abgesehen. Mich interessiert genug, so dass es mir auch ohne dieses Draußen so schnell nicht langweilig wird. Und sollte es mir wider Erwarten doch einmal langweilig werden, ich würde vermutlich einen Text daraus machen.

Denn man hat als bloggender Mensch auch gewisse Vorteile im Alltag, ab und zu fallen sie mir angenehm auf.

Dass aber an den eventuell einzigen vier Tagen des Jahres, an denen ich auf Spaziergänge, Foto-Walks aller Art und sogar auf das Herumlungern in Parks etc. verzichten musste, dass ausgerechnet an diesen Tagen dieses Wetter inszeniert wurde, wie seltsam war das. Dieses glitzernde Sommersonnenkonzentrat, das fand ich doch zunächst etwas kränkend und herausfordernd.

Schrift in einem Schaufenster mit glitzernden Dingen: Glitter is my favourite colour

Gerade sehe ich bei Mek einen weiteren Fachbegriff aus der Kunst der Lebensführung, der mir gar nicht geläufig war, Sunshine Guilt.

Ich schiebe eben einen Smallltalk vom Montag ein, geführt an einem dieser Erdbeerverkaufsbüdchen in launiger Fruchtform. Es beteiligten sich mehrere einkaufende und verkaufende Personen, über die man kaum mehr wissen muss, als dass sie hier wohnen:

„Das war ja ein Wochenende, was.“

„Wenn das mal nicht der Sommer war!“

„Wird auch wieder kalt, morgen schon.“

„Sonst wird man auch zu verwöhnt, nech.“

„Man weiß doch gar nicht mehr, wie Regen geht!“

„Und die Pflanzen!“

„Immerhin haben wir jetzt ja Erdbeeren. Zweck erfüllt, kann man doch sagen.“

Das Wochenende erinnerte mich auch einen Gedanken, den ich als Jugendlicher in einem hellen Moment einmal hatte, noch damals in Travemünde. Als es einer dieser makellosen Strandtage war, die dort nie so oft vorkamen, wie es sich die dort Urlaubenden stets erhofft hatten und wie es etwa in der Langnese-Werbung aussah, wenn die junge Frau das Calippo aus ihrem …  Aber das ist ein anderes Thema, pardon.

Es war jedenfalls ein perfekter Tag, makelloses Sommerwetter der feinsten Ausprägung.

Ich aber hatte keine Lust auf Strand (I‘m not a tourist, I live here) und dachte irgendwann, als ich mit vermutlich noch pubertär schmollend vorgeschobener Unterlippe lesend herumlag, dass es eine Form von Freiheit sein könnte, nicht diesem Wetter zu gehorchen. Nicht der Jahreszeit, nicht der kollektiven Stimmung, der Tradition oder den Gebräuchen etc.

Sondern vielmehr: Mit Buch ins Bett. Und manche frühen Erkenntnisse haben eine ganz erstaunlich lange Auswirkung im Leben.

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K. u. K.

Vorweg herzlichen Dank für die freundliche Zusendung der Aufzeichnungen von Hilde Spiel: „Die hellen und die finsteren Zeiten, Erinnerungen 1911 – 1946“. Ich freue mich erheblich auf die Lektüre, denn ich glaube, es passt gerade nahezu perfekt in meine Lesereihe. Ich muss nur schnell noch einen literarischen Abstecher nach Portugal beenden (José Saramago, auch interessant), dann geht es los.

Hilde Spiel: Die hellen und die finsteren Zeiten

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Ansonsten bin ich fortgeschritten genervt vom kaputten Fuß, Knöchel, was auch immer es nun genau ist. Es gibt noch nicht einmal ausreichend Klarheit. Denn es gibt ja auch keine Termine, oder zumindest nicht in der zeitlichen Abfolge, die wir in einem selig wirkenden Damals für ideal gehalten hätten. Na, in dieser Woche wird man am Ende mehr wissen, nehme ich an. Wenn alles klappt und man auf Bildern etwas erkennen kann.

Würde man das literarisch verarbeiten wollen, wie man heute, sobald man einen Prozessschritt in einer Praxis hinter sich hat, an weiteren Terminen der Behandlungsabfolge oder Diagnostik scheitern kann, weil telefonisch nahezu kategorisch niemand erreichbar ist, weil Mails keiner beantwortet oder vielleicht auch nur liest und weil die Termin-Buchungs-Apps zwar einige freie Slots anzubieten haben, nicht aber für genau diesen Zweck, den man wahrheitsgemäß angegeben hat, die sind erst in drei Monaten wieder möglich – man wäre in einem Szenario ungefähr auf der Mittellinie zwischen Kafka und Kishon. Kippelig zwischen bedrohlich und belustigend, je nach Gebrechen und Verlauf.

Kreideschrift auf dem Pflaster: "So tun als ob der tägliche Wahnsinn normal wäre

Und hätte man andererseits die Wahl, sich eine Wirklichkeit mit Alltag, Schicksal und allem nach den gängigen Mustern bekannter Vorbilder aus der Literatur zusammenzustellen, eine Mischung aus den Themen eben dieser beiden Autoren wäre sicher nichts, was man freiwillig anstreben würde. Zumindest nicht, wenn man bei Verstand und nicht allzu risikofreudig ist.

Aber man sieht es sofort vor sich, finde ich, wie etwa der berühmte Schlusssatz aus Kafkas „Vor dem Gesetz“ in diesem Zusammenhang ins Satirische gedreht werden kann, vielleicht am Ende eines bissigen, bösen Einakters, gesprochen von einer Arzthelferin, in der Tür des Wartezimmers lehnend:

Hier konnte niemand sonst behandelt werden, denn dieser Termin war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und vergebe ihn neu.“

Und der Patient sitzt da und beißt verzweifelt in seine Krankenversichertenkarte. Die er dann, nachdem er sie solcherart zahngelocht hat, allerdings neu bestellen muss. Wofür er erst einmal seine Krankenkasse erreichen müsste, die aber die Hotline gerade auf eine KI umgestellt hat, welche die Angabe „Karte zerbissen“ nicht deuten kann und daher das Gespräch wiederholt an dieser Stelle beendet.

Wir könnten diesen Einakter vermutlich mittlerweile alle schreiben. Locker würde es uns von der Hand gehen. So dermaßen naheliegend ist das alles in Handlung, Ausführung und Komik.

Was wiederum beweist, dass die zunehmend irritierende Annäherung von Satire und Realität stetig weiter voranschreitet. Es ist ein Phänomen, das den meisten mit Humor im weitesten Sinne beruflich umgehenden Menschen seit Jahren bekannt sein dürfte.

Wenn Sie einen Bürojob, womöglich sogar wie ich einen Konzernjob haben, und wenn Sie die entsprechenden Corporate-Job-Memes auf Insta, TikTok etc. kennen, dann kennen Sie das auch aus diesem Zusammenhang. Sie sind oft sehr witzig, diese Memes, es sind erstaunlich gelungene Pointen dabei. Aber wenn man die ersten zwanzig, dreißig Lacher dieser Art hinter sich hat, stellt man mit wachsendem Erstaunen fest, dass sie nicht nur satirisch und witzig, sondern gleichzeitig auch vollkommen wahr sind, dass sie den eigenen Job womöglich merkwürdig realistisch beschreiben. Sie spitzen nicht zu, sie bilden nur ab.

Ein Umstand, zu dem es selbstverständlich auch etliche Memes gibt. Weil wir alle früher oder später darauf kommen.

Denkt man dies konsequent weiter und hält es auch noch für möglich, dass sich Satire und Wirklichkeit bei sämtlichen Themen annähern, dass dies eine allumfassende Entwicklung ist, dann können wir die großen Fragen der Menschheit vielleicht irgendwann auf nur noch eine und also finale Frage zusammendampfen. Mit deren Beantwortung dann alles, alles enden wird.

Nämlich auf die Frage, wer wohl zuletzt lacht, und ob dann für alle Ewigkeit.

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Provinzpreise und Millionenstadtmargen

Neulich sah ich Meldungen über Lebenshaltungskosten. Was wohl auch ein besonders schönes Wort ist, über das man in den Kursen „Deutsch für Ausländer“ besonders lange reden könnte. Gerne auch mit spielerisch anmutenden Erweiterungen wie etwa „Lebenshaltungskostenjahresbilanz“ oder „Lebenshaltungskostentabellenübersicht“ und dergleichen.

Aber Moment, kurzer Exkurs. Ich benutze in diesem Blog oft, aber nicht immer, das generische Femininum. Es scheint mir sprachlich deutlich eleganter zu sein als andere Formen, etwa als die so seltsam beflissen wirkende permanente Benennung beider Geschlechter, wie etwa bei „Deutsch für Ausländer und Ausländerinnen“. Was dann oft einen mir eher unangenehm vorkommenden Anklang von Behördensprache hat.

Es sieht für mich aber auch besser aus als das „AusländerInnen“ mit dem großen Binnen-I, welches längere Zeit üblich war und hier und da auch noch ist. Oder was immer man sich da noch ausdenken mag, mit Sonderzeichen und allem.

Außerdem hat das generische Femininum auf einer eher simpel gedachten Logikebene selbstverständlich einen Gerechtigkeitsaspekt. Denn das generische Maskulinum, so kann man mittlerweile durchaus meinen, hat nun lange genug gewonnen. Es hat auch zweifelsfrei einige Nachteile. Es wirkt und ist oft überholt, es führt nachweisbar hier und da in die Irre beim Lesen und Assoziieren, es gibt längst ausreichend Studien dazu.

Manchmal finden Leserinnen das lustig, wie ich das hier benutze. Wenn ich etwa nur von Leserinnen, Bloggerinnen etc. schreibe und also im Satz bei „wir Bloggerinnen“ lande. Manchmal finden sie es großartig, weil sie es als Unterstützung ihrer Position lesen oder weil durch diese Benutzung sprachlich doch einmal etwas auffällt, das einem sonst leicht entgangen wäre. Es gibt bei so etwas immer interessante Stolperstellen, wie auch bei allen anderen Varianten der Benennung nach Geschlechtern.

Es gibt aber auch Besonderheiten, die in Ihrer Wahrnehmung und in meiner differieren werden, die aber in jedem Fall Spezialfälle sind. Wenn ich etwa das generische Femininum in einem Zusammenhang benutze, den man kritisch verstehen kann oder auch muss (wie etwa hier in diesem Text die „Berufsanfängerinnen“), dann liest man es womöglich als eine Beleidigung speziell der Frauen – und nicht etwa nur wie eine sprachlich etwas ungewohnt daherkommende Verallgemeinerung. Man liest es also unwillkürlich so, als seien Männer nicht mitgemeint (mon Dieu!).

Es gibt auch Fälle, wie etwa bei den oben im ersten Absatz zunächst nicht mitgenannten Ausländerinnen, da denkt man beim Gebrauch die Verallgemeinerung vielleicht eher nicht mit, da denkt man dann eher an Deutschkurse nur für Frauen, hat die auch gleich bildlich vor sich. Und kann vielleicht gar nicht benennen, warum man vom Wort aus diesmal nicht verallgemeinert, sondern auf einmal nur Frauen auf Schulbänken sieht.

Man fragt sich dann vielleicht, wieso ich jetzt an dieser Stelle nur die Ausländerinnen meine, was denn mit den Kursen für die Männer los sei. Man denkt also kurz eine Sinnebene mit, die ich unter Umständen gar nicht parat hatte. Was vielleicht auch manchmal seine eigene Komik und Abgründe hat, vielleicht nur in Ihrem, vielleicht nur in meinem Kopf.

Es gibt also mit anderen Worten und etwas abgekürzt beim Gebrauch des generischen Femininums ganz ähnliche Nachteile wie beim generischen Maskulinum, so einfach ist das. Aber das nur am Rande. Unter Umständen ist konsequentes Mischen auch eine sinnvolle Übergangslösung, bis die deutsche Sprache in zwei, drei Generationen einen praktischeren Ausweg gefunden haben wird. Denn ganz zweifellos wird sie einen finden.

Aber egal, wo war ich. Die Lebenshaltungskosten, genau. Die waren, nein, die sind, so stand es da in diversen Medien, in Hamburg am höchsten. Wir zahlen für das ganze Zeug im Einkaufswagen am meisten. Überall ist es besser, wo wir nicht sind, da haben wir es wieder.

Wir sollten vielleicht zum Einkaufen nach Bremen fahren. Nach Berlin wäre auch möglich und finanziell durchaus sinnvoll. Diese Städte waren die beiden Schlusslichter im Ranking, dort ist alles günstiger als bei den Hochpreishanseaten.

Angeblich haben wir hier aber auch tendenziell hohe Einkommen. Das halte ich zumindest im Falle dieses Haushalts allerdings für ein Gerücht, das wüsste ich. Den Vergleich bei den Preisen aber, den denke ich z. B. immer mit, wenn wir etwa meine Schwiegermutter besuchen und ich dabei in Richtung Minden und drumherum etwas Einkauf mitbekomme. Auch die Eintrittspreise und dergleichen dort, was man auf Märkten zahlt. Es ist teils markant, wie viel weniger dort ausgegeben werden muss. In Minden zahlen wir minder.

Zwioschendurch ein Lied? Aber sicher doch, nehmen wir einen Klassiker.

Es ist nicht schwer abzuleiten, dass wir mit unserem Haushaltseinkommen in Nordostwestfalen tatsächlich mehr Geld hätten, deutlich mehr. Allerdings würden wir diese Ersparnis dann umgehend und dringend für Kurztrips in Städte, die diesen Namen aus unserer verwöhnten Sicht auch verdienen, verjubeln, nehme ich an.

Es ist also, wie es ist. Wir sprachen hier kurz darüber, wir machten unsere üblichen bitteren Kommentare. Die längst allzu routiniert klingen, seit etlichen Jahren nun schon. Dann ging ich runter zum Briefkasten und holte dort, ich scherze keineswegs, die nächste Mieterhöhung heraus. Es passte also alles wieder sensationell zusammen, aber nicht immer ist das auch gut so.

Denn man macht was mit. Und man zahlt dann auch noch extra dafür.

Ein Schild in einem Schaufenster, neben glitzernder Deko: Life's a bitch

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Linkwerk zum Wochenende

Gesehen

Nachdem ich durch „How to get to heaven from Belfast” zu meiner eigenen Überraschung auf den Seriengeschmack gekommen war, machte ich es noch weiter so, wie es wohl alle machen, und wie es mir bisher aber kaum je Spaß gemacht hat: Netflix and Chill, allerdings ohne den heute dabei mitgedachten sexuellen Beiklang.

Ich sah versuchsweise The Four Seasons, denn es wurde überall recht gut besprochen. Ich fand es aber eher fragwürdig bis bescheuert. Und zwar schon wegen des mir vollkommen albern vorkommenden Kniffs des Autorenteams, alle Figuren einfach und auch noch größtenteils unerklärt mit völlig beliebig wirkenden Geldmitteln auszustatten, weswegen sie überhaupt keinen äußeren Zwängen zu unterliegen scheinen und z. B. jederzeit und überall Urlaub machen können etc. Da merkte ich schnell: Das lehne ich ab.

Dazu bin ich zu realistisch, vielleicht auch zu links, zu was auch immer. Jedenfalls aber bin ich dagegen, eine Geschichte, die dennoch realistisch sein soll, solcherart ins Märchenhafte zu verschieben. Davon abgesehen gab es etliche Bilder, die wie ein animierter Lands-End-Prospekt aussahen. Das wiederum fand ich dann halbwegs interessant, denn auch das ist Gesellschaftskunde.

Weidenzweige, die aus der Außenalster ragen und wieder grünen

Schließlich blieb ich bei After Life hängen, der Serie von Ricky Gervais. Die, und es war mir eine vergleichsweise helle Freude, von einer interessanten, ethisch-philosophischen Fragestellung nach dem Sinn des Lebens und der Möglichkeit der Lebensfreude ausgeht. Und die dabei ohne Verbrechen, Action, mörderische Abgründe etc. auskommt. Sondern die vielmehr ausgesprochen tiefschürfende Fragen der Lebensführung für mich interessant verhandelt. Manchmal etwas heiterer, manchmal etwas dramatischer oder leider auch kitschiger, letzteres unnötigerweise teils auch im peinlichen Bereich. Aber es passt schon, weil das Leben so ist.

In den Rezensionen habe ich es nicht prominent wahrgenommen, aber ich finde auch, dass die Nebenrollen ganz hervorragend besetzt sind. Und gucke mir vermutlich gerne alle Folgen an. (Update: Doch, bei der SZ sieht man es auch so, das mit den Nebenfiguren.)

Ein Bootsclub an der Außenalster, Ruderer davor, die gerade in ihr Boot steigen (Achter)

Ansonsten eine Instagram-Empfehlung. Ich mag Accounts, bei denen etwas kundig erklärt wird, denn man kann auch auf Instagram etwas lernen. So bei Sindre Aarhus Narvestad, der über Architektur und Städtebau spricht. Etwa hier über Brutalismus, oder hier: Why modern buildings can make us miserable.

Gelesen

In Gregor Schmalzrieds Newsletter (der Herr ist vielleicht auch bekannt vom KI-Podcast bei der ARD) ging es um die Frage „Warum ist KI-Text so schlecht?“.

Da findet man als textender Mensch erst einmal schon die Überschrift ansprechend und angemessen, und es geht dann auch so weiter:

„Und letzte Woche las ich in der physischen (!) Welt im Begrüßungstext auf einer Restaurantspeisekarte: „Sie sind nicht hier, um satt zu werden. Sie sind hier, um zu genießen.“ Oh nein, dachte ich. Die KI-Sprache ist aus dem Labor ausgebrochen. Sie ist überall. Und aus irgendeinem Grund… kann ich sie auf den Tod nicht ausstehen.“

Es geht noch um den Aufbau von Witzen, um Storytelling und um das, was KI-Modelle eigentlich machen, wenn sie texten. Ich halte es alles für lesenswert. Und folgen Sie unbedingt auch dem Wikipedia-Link dort zum Witz von Norm McDonald, man sieht interessante Erklärungsansätze.

Blick über die Außenalster mit weißen Segeln im Hintergrund

Vanessa schrieb über dänische Stadtplanung.

Beim Familienbetrieb las ich amüsiert: „Frühstück in einem kleinen Café in Eppendorf. Avo-Rührei, Overnight Oats mit Hafermilch-Topping aus Granola und Hanfsamen sowie Banana-Pancakes. Dazu Flat Whites und frisch gepresster O-Saft. Fühle mich wie eine Mischung aus Arschgeigen-Hipster, der nichts mehr spürt, und menschgewordener Gentrifizierung. Schlimm. Zur Beruhigung meines Gewissens gebe ich Trinkgeld wie ein amerikanischer Tourist, was die Situation nicht besser macht.“

Eine Rezension zu einem Buch über östliches Erzählen: „In Geschichten aus Asien greift meist eine Vier-Akt-Struktur, die uns dann überrascht oder gar enttäuscht zurücklässt (weil wir etwas anderes erwartet haben). Diese Struktur aber ermöglicht das Erzählen von „anderen“ Geschichten, mit anderen Werten, und das fand ich interessant. Gerade weil immer mehr solcher Geschichten auch bei uns zu lesen und zu sehen sind (Parasite, Studio-Ghibli-Filme, Murakami).“

Der Kaffehaussitzer rezensiert „Die langen Abende“, einen Roman der von mir sehr geschätzten Elizabeth Strout, enthaltend ein besonders schönes Zitat zur Unerklärbarkeit von allem.

Ein Steg an der Außenalster, zwei Gänse schwimmen gerade darauf zu

Kiki über Kunst und Fans: „Ich gehöre zu den Leuten, die Kunst und KünstlerIn trennen, bzw. Kunst vom Image des bzw. der Kunstschaffenden. Vielleicht, weil ich selbst Künstlerin bin, wahrscheinlicher aber, weil ich alt genug bin, um zu wissen: Wenn wir das nicht tun, gibt es keine Kunst mehr auf diesem Planeten.

So nämlich ist es. Und wiederum durch einen dieser sogenannten Zufälle hörte ich äußerst passend zu Kikis Text die Folge mit Chilly Gonzales aus der Reihe „Der Soundtrack meines Lebens“ (1:48). In der es lang und differenziert um Cancel Culture und um die Abgründe und charakterlichen Schlechtigkeiten von Künstlerinnen und Künstlern geht, um die Trennung von Werk und Schaffenden. Alles am einleuchtenden Beispiel von Richard Wagner entlang verargumentiert. Kann ich empfehlen, das fand ich alles bedenkenswert.

Meine Buchlektüre verarbeite ich in einem anderen Format, siehe gestern, aber offline las ich außerdem in der neuen Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik. Die ich Ihnen ohnehin ab und zu ans Herz lege (keine bezahlte Werbung, nein). Es ist mein einziges verbleibendes Papier-Abo, und das bleibt wohl auch so. Wenn man so wie ich nicht mehr unbedingt täglich Zeit in das Weltgeschehen und die darüber schnell und viel berichtenden Medien investieren möchte, ist dies eine vorzügliche Variante, die monatlich verfügbar ist.

Ein Wochenformat wäre für mich auch okay, wie ich von früher noch weiß, aber mit den wöchentlich erscheinenden Kandidaten in diesem Land komme ich schon lange nicht mehr zurecht. Wir haben uns auseinandergelebt, aber ab und zu vermisse ich sie sogar. So sad.

Die aktuelle Ausgabe der "Blätter" außerdem ein Apfel, farblich passend

Gehört

Im Podcast „Nur eine Frage“ der Zeit werden Topexpertinnen zu oft großen Themen befragt. In der Folge mit der Frage „Gibt es Zeit“ (41 Min.) fand ich interessant, was der theoretische Physiker Martin Bojowald alles an Nichtwissen beschreibt. Was wir also bisher nicht herausgefunden haben, welche Lücken unser Wissen über die Zeit noch hat.

Die Linguistin Tatjana Scheffler forscht zu Emojis, hier berichtet sie davon im Interview beim WDR (21 Min.)

Warten bis der Arzt kommt: 20 Minuten beim WDR darüber, warum wir immer schwerer an Arzttermine kommen. Passenderweise in einem Wartezimmer gehört, quasi method listening.

Bei „Der Soundtrack meines Lebens“ fiel mir außerdem auf, dass mir die Sendungen mit den eher jüngeren Menschen zu wenig sagen. Die Folgen dieser Reihe machen mir nur Spaß, wenn ich mit den Erzählenden ausreichend Wegstrecke durch die Jahre gemeinsam hatte. Ich höre also nur noch die etwas älteren Zausel, wie etwa Marcus Wiebusch (1:41). Er ist, und es fällt sehr auf im Vergleich mit etlichen anderen in der Reihe, die recht abgeklärt von ihren Erfahrungen berichtet haben, noch angenehm begeisterungsfähig, wenn es um das geht, wovon er Fan war oder ist. Er kommt bei Erinnerungen noch in Fahrt, das fand ich sympathisch.

Bei „Interpretationssache“ gab es eine Folge über die Coverversionen zu „Stayin‘ Alive“ von den Bee Gees (32 Minuten).

Die Rechtsphilosophin Fraue Rostalski geht beim Deutschlandfunk gründlich und tiefsinnig der Frage nach der Verantwortung beim Klimawandel nach, also auch den moralischen, ethischen Aspekten. Wo da irgendwo zwischen dem Pariser Abkommen und der eigenen Flugbuchung eine Linie zu finden sein könnte. Fand ich gut und angemessen ernsthaft in der Überlegung, diese Sendung (29 Minuten).

***

Währenddessen ist es Mai geworden, welches Lied habe ich zum Mai, dass ich Ihnen anbieten kann? Einen Song von Rogér Fakhr vielleicht. Ein Sänger aus dem Libanon, über den online nicht viel zu finden ist, hier steht aber kurz etwas zu seiner Geschichte bei rbb24. Und was für eine Geschichte das ist, man denkt beim Lesen vielleicht auch kurz an Sixto Rodriguez.

Ein Mailied von Rogér Fakhr, also. Eine Perle, möchte ich meinen, wenn auch eine mit eher trauriger Note. Was nicht unbedingt unseren typischen Maui-Assoziationen entspricht. Andererseits aber sagt uns die Lebenserfahrung, dass etwas Traurigkeit nahezu überall hineinpasst.

“Hear the story of the lady rain
It happened in the cloudy, early times of May
The sunshine who was going down his way
Saw the lady cry, cold, talking to her pain

Lady rain, lady rain
Won’t you dry up your eyes?
Tell me, what’s the reason for the useless cry?
Lady rain, lady rain
Won’t you show me your smile?
I’m gonna tell you how to fight the saddest times.“

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Reinlesen, Behalten und Weggeben (5)

Vorweg herzlichen Dank für die freundliche Zusendung eines gewünschten Buches, nämlich „Krise der Narration“ von Byung-Chul Han. Hier eine Rezension im Tagesanzeiger dazu. Das Buch hatte ich mir gewünscht, obwohl ich auf die darin vorkommenden Begriffe „Narrativ“ und auch „Storytelling“ stark allergisch reagiere. Ich hatte nämlich den Verdacht, dass dieses Buch Gedanken enthält, die ich in geistig natürlich viel bescheidenerer, schlichterer Form auch schon hatte.

Mal sehen, ob ich da richtig lag.

Das Buch "Krise der Narration"

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Das Büchlein von Hilde Spiel habe ich mittlerweile durchgelesen, die kurze Erzählung „Mirko und Franca“, sie kam hier bereits vor. Als Sommer- und Reiselektüre ist es allemal empfehlenswert, das können Sie gerne so vormerken. Es füllt eine etwas längere Zugfahrt oder dergleichen, eine Zwischenstation vielleicht, es sind nur rund 130 Seiten. Sommerlich und auch südlich geht es zu in dem Buch. Und es hat ein Ende für die beiden Liebenden, bei dem können Sie je nach Lebenserfahrung, Laune, Optimismus oder Verbitterungsgrad sogar selbst entscheiden, ob Sie das für eine Vorhersage in eine spätere Happy-End-Richtung halten oder für etwas ganz anderes. Das hat mir gefallen, diese Variante des Ausklangs.

Aber, versteht sich, es wird auf Dauer nicht gut gehen mit den beiden.

Das Buch Mirko und Franca aufgeschlagen vor Thomas-Mann-Playmobil-Figur und Tintenpatronen

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Ich sah dann kurz in Heinrich Bölls „Frauen vor Flusslandschaft“. Denn erstens ist es sein letztes Buch, und ich habe ein etwas morbides Interesse für abschließende Werke aller Art. Zweitens hat es einen schönen Titel, der übrigens von seiner Frau ersonnen wurde. Drittens spielt es in Bonn, wozu ich gerade einen nicht nur beruflichen Bezug habe.

Allerdings findet es komplett in Dialogform statt. Es liest sich also wie ein Theaterstück. Und zwar ein besonders wild verwickeltes, bei dem man sich auch noch über zehn handelnde Personen merken muss. Das liegt mir gerade nicht, mir ist eher nach Erzähltem. Und auch in absehbarer Zeit wird mir nicht danach sein, nehme ich an. Das Werk kann also erst noch einige Runden über den öffentlichen Bücherschrank drehen.

Das Buch Frauen vor Flusslandschaft

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Ich fing danach mit „Wittgensteins Neffe“ an, von Thomas Bernhard, auch ein Leserinnengeschenk, vom Wunschzettel ausgesucht. Dieses Buch war in der Wohnung verschwunden, kaum dass ich damals den Dank dafür gepostet hatte. Es war mir tage- und wochenlang ein größeres Rätsel, was damit passiert war, höchst befremdlich kam es mir vor. Als würde mich die eigene Wohnung bestehlen.

Jetzt ist es unter einem Möbelstück, unter dem es beim besten Willen gar nicht gewesen sein kann, wieder aufgetaucht. Was mir dann eine derart große Freude war, dass ich umgehend mit dem Lesen begonnen habe, sozusagen noch neben dem Möbel kniend.

Hier die Wikipedia zum Werk. Bei dem ich zuerst, noch von allen inhaltlichen Merkmalen ganz abgesehen, etwas überrascht feststellte, dass es, genau wie der gerade erst mit so unerwartetem Genuss konsumierte „Buridans Esel“ von Günter de Bruyn, kaum Absätze enthält. Mein unerbittliches Offline-Konzentrationstraining wird hier also beinhart fortgesetzt. Und selbstverständlich betrachte ich es als Fortsetzung der Challenge, keine Frage.

Das Buch Wittgensteins Neffe

Davon abgesehen wird im Buch mehrfach der Traunsee in Österreich benannt. Dort war ich einmal, wie einige wenige Blogleserinnen vielleicht sogar noch wissen, es ist allerdings bereits Jahrzehnte her. So dass ich schon wieder, wie gerade erst an der Hoheluftbrücke in Hamburg, erinnerungstechnisch zurückgeführt wurde und in Gedanken unvermittelt etwas länger und mit nicht unerheblicher Wehmut bei einer damals mitreisenden Freundin verweilte. Und sie dann, manchmal hat man diese merkwürdigen Momente, die etwas so wirken, als habe man hierfür besonders geeignete Drogen genommen, dabei denkt man doch nur ein wenig rückwärts, ungewöhnlich plastisch vor mir sah.

Ich hörte ihre Stimme, ich sah ihr Gesicht, zum Abmalen deutlich, und dies Gesicht war es entschieden wert, gemalt zu serden. Ich roch ihr Parfüm und ich wusste auch wieder, wie es war, wenn ich sie zur Begrüßung umarmte, ich fühlte es, ich hielt sie. Wir haben keinen Kontakt mehr, längst ist sie in Gott weiß welche Gegenden irgendwo in Südelbien gezogen. Es ist so ein Fall, bei dem ich das bedaure, obwohl ich sonst eher ein wenig zu gut darin bin, Menschen ziehen zu lassen.

Etwa eine Stunde nach diesem Erinnerungs-Flash vermeldete mir eine Kalender-App dann per Pop-Up, dass diese Freundin am nächsten Tag Geburtstag habe. Das kam mir erstens entschieden unheimlich vor, auch wenn man es wieder auf diesen sogenannten „Zufall“ schieben muss, und war zweitens mit einer Falschaussage verbunden. Denn da stand doch tatsächlich, dass sie 55 Jahre alt werde. Ich aber hatte sie ja gerade erst gesehen, wenn auch nur in meinen Gedanken. Aber es ist nun einmal so, die Wahrheit und ich, wir wohnen gemeinsam in meinen Gedanken, und wir sprechen manche Sache genau ab. Weswegen ich also mit Sicherheit weiß: Sie ist erst 35 Jahre alt.

Und sie wird es auch immer sein.

Das folgende Lied passt textlich gar nicht, es fällt mir wohl nur wegen des Sehnsuchtsanklangs ein, aber es ist ein schönes Lied und der Refrain immerhin kommt ungefähr hin, also bitte:

Nach den ersten fünfzig Seiten kam es mir jedenfalls so vor, als würde mir das Buch durchgehend gefallen. Vielleicht behalte ich es am Ende sogar. Es hat Zeilen und Absätze, die lesen sich so, also würde ich sie später wieder lesen wollen. Und ich merkte auch, was ich schon lange geahnt habe, was mir fast schon Gewissheit war: Auch von Thomas Bernhard muss ich mir unbedingt weitere Werke besorgen.

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Freiheit und Prophylaxe

Am Montagabend hätte ich im Rahmen meiner eigenen Kulturfördermaßnahmen zu einem Konzert gewollt, da der Blues-Gitarrist und Sänger Hans Theessink (Wikipedialink) in der Stadt auftrat, der auf meinen Playlists mehrfach vertreten ist und mir sympathisch vorkommt. Zumindest singt und spielt er sympathisch.

Der Freundeskreis deutsches Liedgut möchte vielleicht einen Satz aus dem oben verlinkten Wikipediatext besonders beachten:

„Wenige Wochen vor seinem Tod schenkte ihm der Liedermacher Georg Danzer seine Lieblingsgitarre mit dem Beisatz, er möge gut auf sein „Baby“ aufpassen. Am 29. Juni 2007 spielte Theessink dann erstmals live auf dieser Gitarre – unter anderem auch den Danzer-Song Freiheit.“

Mit kaputtem Fuß stundenlang in einem unbestuhlten Club zu stehen, das klang für mich aber irgendwie nicht empfehlenswert. Das Konzert fand also ohne mich statt.

Hans Theessink aber, der klingt wie gesagt gut, und falls Sie den nicht kennen, zeige ich Ihnen eben ein Beispiel. Ruhiger, gechillter Blues wie aus seiner Whisky-Reklame. Auch in dieser Stimmung ist man doch manchmal.

Wenn ich den Danzer und sein vielleicht längst halbvergessenes Lied von der Freiheit schon kurz erwähne, dann soll er auch mit eben diesem Song gewürdigt werden. Ältere Mitlesende dürfen beim Anblick des Wortes “Liedercircus” im Video umgehend schwer nostalgisch werden. Das ist vollkommen in Ordnung und auch intendiert.

Es ist okay gealtert, dieses Lied, befinde ich beim Wiederhören. Den Text kann man weiterhin hören, der steht noch.

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Kreideschrift auf dem Pflaster: Dicki was machst du

Im neuerdings für mich relevanten Fachbereich Medizin scheitere ich ansonsten an dem, woran gerade auch so viele andere scheitern, und zwar in vielen Fällen seriell. Ich kann Praxen telefonisch nicht erreichen und sie scheinen dort auch keine Mails zu lesen. Man müsste also hingehen. Am Empfangstresen müsste man antreten, um etwas zu erreichen oder auch nur um eine Frage, die eigentlich ernsthaft in die aus Konzern-Calls vielleicht bekannte Kategorie „quick question“ fällt, beantwortet zu bekommen.

Aber das ist etwas ungünstig, wenn man gerade nicht so gut gehen kann und die Ärztinnen zudem nicht um die Ecke sind, sondern gleich ein paar Stadtteile weiter. Schwierig, das alles. Noch schwieriger, wenn man an dieser Stelle kurz innehält und sich vorstellt, was eine nur realistische Vorausschau ist, dass man nämlich zehn, zwanzig oder noch mehr Jahre älter sei und vor diesem Problem stehe.

Ich bekomme am Beispiel meiner Mutter, die zudem kein Handy hat, unangenehm oft und deutlich mit, zu welchen Problemen diese Nichterreichbarkeit dann führen wird.

Noch eine kleine Erkenntnis nebenbei: Man kann, wenn man an Krücken läuft, beim Gehen gar nicht aufs Handy sehen und dadurch erneut stürzen. Wie klug ist das denn eingerichtet? Und sollte man also einfach zur Prophylaxe an Krücken gehen?

So wirft jeder Tag neue Fragen auf und man bleibt geistig beschäftigt. Auch schön.

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Kreuzungen, Krücken und Madeleines

Erfreulicherweise hatte ein anderes Familienmitglied am Montagmorgen einen Orthopädentermin, den ich einfach kapern konnte, direkt zugreifend wie Störtebeker bei einem Handelsschiff. Das sind Zufälle, die man ab und zu dringend braucht, denn die Vorstellung, als unangemeldeter Notfallpatient irgendwo zwei bis drei Stunden warten zu müssen, sie kam mir so gar nicht gelegen. Schon gar nicht zum Start der Woche, bei dem man vielleicht noch mehr Stunden des Wartens addieren muss. So aber ging es unerwartet gut, ich humpelte zum Bahnhof und fuhr zur Hoheluftbrücke. Der Arzt war dort in der Nähe.

Lange bin ich nicht mehr dort gewesen, jahrelang schon bin ich dort nicht mehr aus dem Bus oder der Bahn gestiegen. Es ist aber ein Stück Stadt, mit dem ich durch vielfältige Erinnerungen und Erlebnisse intensiv und auch über etliche Jahre hinweg verbunden bin. Es ist so ein Stück Stadt, in dem ich ein wenig herumstehen könnte, einfach so, den Blick vollkommen wahllos auf die Straßen, Häuser, Geschäfte, Plätze und Brücken richtend, und es würden nach und nach Geschichten und Vorfälle sonder Zahl aufsteigen. Personen und Szenen würden nach und nach wiederbelebt werden. Gespräche würden noch einmal anklingen, längst verglühte Gefühle, Dramen und Komödien noch einmal aufgewärmt und wieder fühlbar werden. Sogar Namen würden mir vermutlich doch wieder einfallen, nach all der Zeit. Ein Stück Stadtbild als Aufknuspertaste der eigenen Vergangenheit, eine Bus- und Bahn-Station wie bei anderen eine Madeleine.

Es kommt dann allerdings stark auf die Stimmung des Moments an, ob einem das gerade gelegen kommt oder nicht. Und ob man damit gut umgehen kann oder nicht, von etlichen Erinnerungen in diversen Ausprägungen überschwemmt zu werden. Es ist immer auch alter Kummer dabei, und bei dem ist es nicht wie beim Rotspon aus meiner Heimatstadt, dass er nämlich gut abgelagert immer besser wird.

Wobei die Auswahlmöglichkeit der Orte, an denen es derart intensiv zugeht, dass die Erinnerungen gleich serienstaffelfüllend daherkommen, in meinem Fall eher klein ausfällt. Würde ich alles das auf einem Hamburger Stadtplan markieren, wozu ich durch stattgehabtes Erleben intensiven Bezug entwickelt habe, es wären erstaunlich überschaubare Markierungen. Als hätte ich mich in all den Jahren kaum durch die Straßen bewegt.

Viel der Fläche dieser Stadt ist von meiner Existenz unberührt. Und ebenso ich von diesen Gegenden, die ich teils nur dem Namen nach kenne. Von denen ich eine bestenfalls vage Ahnung habe und in denen ich mich auch nicht richtig hamburgisch fühle, wenn ich versehentlich doch einmal dort bin. Aus irgendwelchen eher abseitigen Gründen, denn manchmal hat man ja seltsame Termine bei entlegenen Fachärztinnen, Steuerberaterinnen oder dergleichen. Und dann fragt man sich auf einmal, wo zum Kuckuck eigentlich Heimfeld sein mag. Man hat es schon einmal gehört, dass es das gibt, doch, doch, aber wo nun genau …

Ich weiß von einigen anderen, dass es ihnen auch so geht. Dass auch ihr Stadtausschnitt bescheiden ausfällt. Und auch andere kamen schon darauf, dass es etwas merkwürdig ist, wie viele der eigenen Geschichten sich an verdächtig wenigen Punkten häufen. Dass es da also tatsächlich Kreuzungen in der Stadt gibt, die wie Kreuzungen im Lebenslauf wirken.

Hoheluftbrücke jedenfalls. Mit frühlingsgrünem Blick über den Isebekkanal, ich habe Ihnen ein Bild gemacht.

Blick über den Isebekkanal mit grünen Bäumen am Ufer

Und anschließend dann etwas besinnliche Zeit für besinnliche Interieurstudien im schönen Resopalien, im Wartezimmerreich. Natürlich ohne Empfang auf dem Smartphone, und als ausliegendes Lesematerial gab es lediglich Pro-Olympia-Broschüren. Die so wichtige Zeit zum Runterkommen also, Rawdogging auf harten Stühlen.

Wartezimmerausschnitt mit Plastikstuhl und Resopalwand

Auf dem Rückweg holte ich mir die verschriebenen Krücken, nein, pardon, die Unterarmgehhilfen aus einem Sanitätshaus ab und stellte kurz darauf fest, dass es auch nicht eben die einfachste Übung ist, damit zu laufen, wenn man es noch nie gemacht hat. Wobei es selbstverständlich noch ein Glück ist, wenn man es noch nie gemacht hat, schon klar.

Ich probierte etwas herum, stellte mich dabei vermutlich sensationell dämlich an und hatte vermutlich den Körperklausmoment des Jahres. Nach einigen Bemühungen wusste ich auf einmal nicht mehr, wie man geht, und ich hatte außerdem das unangenehme Gefühl, dass mir mehr und mehr Menschen interessiert beim Scheitern zusahen. Guck mal, der kommt gar nicht vorwärts, man kennt es vielleicht aus beliebten Albträumen.

Nach einer Weile klemmte ich mir die Krücken daher doch lieber unter den Arm und humpelte vor mich hin. So kam ich entschieden besser vorwärts und ich wollte dringend nach Hause, das Bein hochlegen und den Knöchel kühlen.

Drei Mädchen im Teenager-Alter, die auf einer Bank vor einem Kaufhaus saßen, sahen genau diesen Moment, wie ich mir die Krücken gerade unter den Arm klemmte und doch lieber ohne ging, und sie riefen begeistert: „Er ist geheilt! Halleluja, er ist geheilt, er wandelt!“ Und sie kriegten sich überhaupt nicht mehr ein vor Lachen. Hysterisch kicherndes Kreischen in bester Vormittagslaune und offensichtlich bei Tagesfreizeit, wie regulär auch immer die sein mochte.

Ich winkte freundlich mit den Krücken. Es ist eine gute Jugend mit einem guten Humor, dachte ich mir, und wann stellt man das schon einmal fest. Dann aber wandelte ich wie der „Gichtbrüchige“ in Matthäus 9, 9, nach Hause und setzte mich dort an den Schreibtisch.

Denn mit kaputtem Fuß kann man immer noch Home-Office machen. Vorsicht bei der Wahl der zu beschädigenden Körperteile! Das war wieder nicht bis zum Ende durchdacht, mit welchen Folgen ich da verunfallt bin.

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Der Sonntag mit Sport und Absturz

Am Sonntagmorgen sah ich vor den Fenstern rennende Menschen, und wie viele davon. War es ein sportliches Großereignis, war es eine Massenpanik? Sollte ich vielleicht einmal kurz in die Nachrichten sehen? Unsicherheiten am Morgen. Wenn man sich zu ungefährdet fühlt, wenn man zu selbstverständlich von gewöhnlichen Ereignissen ausgeht, das weiß man, gerade dann geht es schief, ist es etwas anderes, naht eben doch die Katastrophe.

Aber gut, da standen Menschen neben den Laufenden und Rennenden, neben den vor was auch immer Flüchtenden. Und sie hielten Pappschildchen hoch, betätigten hin und wieder Tröten und riefen der schnellen Truppe ab und zu etwas entgegen. Es war ein Marathon. Okay.

Später am Tag sah ich überall im Stadtbild die Humpelnden, die Gebeugten, die Gebresthaften und Versehrten, die Parade der Großereignis-Heldinnen. Schmerzverzerrte Gesichter, gekrümmte Haltungen, längst aufgegebene Frisuren und rotfleckige Gesichtshaut, als würden wir mit Mustern geboren werden. Einige wankten, eingehüllt in diese glänzenden Notfallfolien, in diese goldenen Rettungsdecken, zombiegleich und fernab der Laufstrecke durch die Parkanlagen. Sie wirkten seltsam orientierungslos dabei und erinnerten dann doch ein wenig an apokalyptische Szenen. Andere saßen auf den Bänken oder auf dem Rasen, guckten absichtslos in die Gegend und sahen aus, als hätten sie etwas von dem richtig guten Zeug genommen. Und zwar verdammt viel davon.

Die Hinfälligkeit der Figuren überwog aber im Eindruck. Postmarathonale Erscheinungen sind insgesamt nicht die beste Werbung für den Outdoor-Sport, könnte man meinen.

Aber! Kaum schreibe ich einen Text über die elende Frühjahrskälte, schon lassen wir sie hinter uns. Das Thermometer nahm es an diesem Tag ebenfalls sportlich und die Temperaturen mühten sich aufwärts. Wie die Radrennfahrenden bei den Bergetappen der Tour de France gingen sie es an, ich kann mich gegen Sportmetaphern gerade nicht ausreichend wehren. Es kam im weiteren Verlauf sogar zu Werten deutlich oberhalb aller angesagten Wahrscheinlichkeiten.

Es war also ein betont leistungsbezogener Sonntag in dieser Stadt. Entschlossen füllte die Bevölkerung sämtliche Parks und die Uferstreifen an Alster, Elbe und Bille. Man picknickte etwa in Planten un Blomen, gerade zum schönsten Park Deutschlands gewählt, man spielte auch mit Bällchen und Frisbees auf erstaunlich gründlich besonnten Rasenflächen. Man herzte und küsste sich, man lachte über freilaufende, tobende Kinder, welche aufgrund erster sommerlicher Wallungen die Zoomies hatten wie junge Hunde (den Fachausdruck FRAP, Frenetic Random Activity Periods, siehe Wikipedia, kannte ich nicht, aber man kann ihn sehr schön etwa auf das Management gewisser Firmen übertragen).

Liegende auf dem Rasen in Planten un Blomen

Der Rasen vor den Gerichten in Planten un Blomen

Parkgewässer in Planten un Blomen

Eine Brücke für Fußgänger über ein Teilstück von Planten un Blomen

Der See, an dem die Lichtorgel im Sommer gespielt wird, in Planten un Blomen

Teehaus in Planten un Blomen

„Geht doch“, dachte ich zufrieden, während ich mir diese Generalprobe der Massenszenen für den Mai ansah, „da musste ich zwar wieder erst einen strengen, zurechtweisenden Text schreiben, aber es geht doch!“

Und dann ging zumindest ich plötzlich nicht mehr. Sondern stolperte vielmehr über ein Absperrungsdings am Rand des Marathongeschehens und zerlegte mir dabei einen Knöchel und auch das Smartphone. Hochmut/Fall, dies, das, man kennt es. Vor mittlerweile etlichen Jahren ist Isa einmal gestürzt, weil sie beim Gehen auf ihr Handy sah, und seit dieser Zeit denke ich dauernd, dass mir das auch einmal passieren könnte. Und dann denkt man das etwa fünf, sechs Jahre lang, schon ist es eine selbsterfüllende Prophezeiung. That was easy!

Andererseits schaffe ich es also, mich bei einer Sportveranstaltung zu verletzen, ohne auch nur daran teilzunehmen, und das muss man auch erst einmal hinbekommen. Immer auch das Positive und die Leistungen vermerken, es ist so wichtig.

Den Rest des Tages habe ich dann mit hochgelegtem Bein, schmerzmittelschluckend und kühlend verbracht, ab und zu Wehlaute von mir gebend und missmutig ahnend, dass ein Arztbesuch am Montag notwendig sein könnte.

Dann im Bett Thomas Bernhard gelesen, weil apropos Missmut, und das fand ich dann so geschickt und gelungen, da war ich so zufrieden mit mir und der Wahl des Buches („Wittgensteins Neffe“), dass es die Laune doch wieder hob.

Ob das aber im Sinne dieses Autors war – wohl eher nicht.

„Wie begegnen Sie Menschen, die Ihnen unsympathisch sind?“

„Möglichst gar nicht.“

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