Meine Mutter macht eine kleine Krankenhaustournee der ungeplanten Art. Ich versuche mitzubekommen, wann sie wo ist, was sie dort braucht oder was sie brauchen könnte. Telefonate in Gewölben und Klinikabgründen, in denen es hinter sehr viel Beton kaum Empfang gibt. Nur etwa jedes dritte Wort kommt durch, ich sortiere kaum verständlichen Halbsatzsalat.
Ich gehe zu ihrer Wohnung, in den Supermarkt, in die Apotheke und in die Klinik. Ich trage Zeug von A nach B.
Danach mache ich das noch einmal, denn sie hat dies und das vergessen. Was man auch verstehen kann, wenn man gerade in einer so hyperkomplexen, schwer verständlichen Einrichtung wie etwa einem riesigen Krankenhaus gelandet ist.
Zwischendurch kommen ihr dort die Wertsachen abhanden, der Wohnungsschlüssel auch. Damit beschäftige ich mich dann ebenfalls, lasse Karten sperren etc. Bis die Sachen am Abend überraschend in einem Schrank wieder auftauchen. In einem Schrank, den sie allerdings nicht geöffnet haben kann. Man steht in der Abteilung vor einem Rätsel. Aber es ist eines dieser Rätsel, das merkt man, für die man in einer Klinik auch nicht viel Zeit hat.
Jedenfalls ist es eine überaus verlässliche Konstante der Sandwich-Generation: Es ist ganz egal, um wen man sich gerade zu kümmern hat, ob sehr jung oder sehr alt – immer trägt man dabei Zeug von A nach B. Zeug, das man danach wieder zurückträgt. Und dann noch einmal, und dann noch einmal.
Das Leben mit Betreuungsaufgaben ist eine lange, ruhige Besorgung.
Vor vielen Jahren, noch ganz am Anfang der Familienwerdung, wurde mir klar, dass ich hier der Mensch bin, der einkauft. „Jemand müsste mal …“ bezog sich stets auf mich, es wurde schnell deutlich.
Meist war ich dann auch tatsächlich der, der herumging. Dazu habe ich selbst entscheidend mit beigetragen, denn Gehen, da stehe ich drauf. Ich habe früh schon ein geistiges Kunststück erlernt, welches sich über die Jahre als so sinnvoll wie kaum ein zweites in meinem Repertoire erwiesen hat. Ich finde Gehen nämlich nicht nur gut, ich finde es einfach kategorisch und immer gut. Wozu entscheidend beigetragen hat, dass es erstens mein einziger Sport ist und dass ich dabei zweitens Bücher, Musik, Podcasts und überhaupt nahezu alles in Textform hören kann. Es kann nicht langweilig werden, es ist fast ausgeschlossen.
Sollte ich aber einmal nichts hören wollen, sollte ich vielleicht eher einfach mal denken wollen oder im Kopf schon einmal etwas vorschreiben, so wie diesen Text hier gerade, dann ist das auch recht und gut. Und es passiert auch gar nicht so selten.
Ich denke gerne. Nicht unbedingt übermäßig erfolgreich, wie wir alle wissen, aber doch wirklich gerne und auch viel. Andere machen in der Freizeit etwas mit Holz, Ton oder Wolle, ich mache mir Gedanken. Und mein innerer Dagobert freut sich immer wieder, dass es ein so sensationell günstiges Hobby ist.
Ich gehe also herum, ich mache Strecke. Ich hole Zeug, ich bringe Zeug, ich kaufe Zeug, ich trage Zeug zu Containern. Repeat.
„Im Krankenhaus“, sagt meine Mutter, „ist die Würde des Menschen dann doch antastbar.“ Ich glaube aber, sie meint eher die nahezu unweigerlichen Entwürdigungen durch das Alter als die durch das Krankenhaus und das mir sehr freundlich vorkommende Personal. Mit einer heilen Krone kommt niemand durch die Jahrzehnte, man muss irgendwann Zacken lassen. Ja, so wird es sein.
Heute wird sie wieder verlegt, eine weitere Klinik. Ich werde dort vermutlich einmal hingehen. Wo auch immer es sein wird, das weiß man noch nicht. Und es scheint auch etwas Glücksspielcharakter zu haben.
Aber wie auch immer: Ich werde jedenfalls Zeug dabeihaben.

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