Ex negativo

Ich sehe gerade etliche Urlaubsberichte und Strandfotos in den Blogs und auch meinen privaten Nachrichten, es ist der Beginn der Reisesaison. Durchweg aus südlicheren Gegenden kommt das alles, in fast allen Fällen mit einem postkartentauglichen Meer im Hintergrund. Und es ist außerordentlich hilfreich für mich, denn daran erkenne ich schon einmal, dass mir das gerade nicht fehlt. Keine Spur von Fernweh habe ich, keinen Funken davon kann ich spüren.

Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein, ich schrieb irgendwann schon einmal darüber, glaube ich. Ab und zu denke ich es nach wie vor. Ich weiß aber auch nicht, was ich stattdessen will. Vielleicht will ich beim Thema Reisen einfach gar nichts, das ist immerhin möglich. Auch wenn es eine eher unübliche Einstellung ist. Vielleicht komme ich nur nicht darauf, was ich will. Das mag auch sein.

Segelboote an einem Steg an der Aussenalster

Es gibt allerdings zusätzlich zur Urlaubsfrage gerade fast unangenehm viele Themen, bei denen ich ebenso wenig weiß, was ich eigentlich will. Und bei denen ich noch hoffe, dass es vielleicht auch okay ist, wenn man eine Weile lang eher betont ergebnisoffen, um es freundlicher als „ratlos“ auszudrücken, auf ihnen herumdenkt. Was auch immer dann aber die richtige Definition von dieser „Weile“ sein könnte. Da hat man nämlich gleich die nächste Frage am Hals, die es intensiv zu durchgrübeln gilt.

Aber so ist es ja immer, die Themen falten sich vor einem auf, noch während man sie ansieht. Und zwar sämtliche Themen, der Freundeksreis Overthinking und philosophische Grundbegriffe kennt das Problem gut.

Wenn ich jedenfalls bei einem dieser Themen verbindlich feststellen kann, was ich ausdrücklich nicht will, dann bin ich doch wieder einen Schritt weiter, möchte ich mir gerne einbilden. Erfolgsorientiert und strebsam, wie ich nun einmal bin. Das geht selbstverständlich bei vielen Problemen, etwa auch bei der Wahl von neuen Partnerinnen oder Partnern. Man stellt sich einfach in die Fußgängerzone, sieht sich eine Weile um und stellt dann fest: „Also die schon einmal nicht!“

Schon ist man wieder etwas weiter, ohne sich seelisch allzu sehr verausgabt zu haben.

Ein Sticker mit der Aufschrift "Liebe Digga"

Hätte ich jedenfalls ab morgen drei Wochen Sonderurlaub – was weiß ich, als angemessenen Ausgleich für besondere Verdienste und außerordentlichen Einsatz oder so, in einer idealen Welt wäre dies immerhin möglich und auch passend –, ich hätte spontan nach wie vor nicht parat, was ich da für das Beste halten würde, um diese drei sogenannten besten Wochen des Jahres für mich optimal zu füllen.

Vermutlich ist dergleichen nun so etwas wie die Definition von Peak Luxusproblem, das ist mir bewusst. Mind your privileges und so, schon klar. Und genau deswegen sollte man Probleme dieser Art auch nach Kräften genießen. Man sollte darauf intensiv herumdenken, auf einer Edelherausforderung dieser Art, keine Frage. Man sollte dabei nur unbedingt, wie auf einer Hintergrundspur, immer den folgenden Gedanken im Endlos-Loop laufen lassen:

Wie großartig ist das denn bitte, dass man über solche Fragen ernsthaft und lange nachdenken kann.

Wenn man das so hinbekommt, stelle ich mir vor, dann macht man es halbwegs richtig. Dann kann man sich bei seinen offenen Themen, bei seinen diversen Baustellen und Problemzonen langsam weiter vorarbeiten. Gedanke um Gedanke. Vielleicht auch erst einmal nur vorsichtig und zögerlich bis zum nächsten Erkenntnisabschnittstrich auf dem imaginären Zollstock, mit dem wir unsere Geistesgröße messen.

Dann komme ich im aktuellen Beispiel bei den sicher bald nachfolgenden Urlaubsberichten aus dem Rest der Welt vielleicht zu so etwas wie: „Okay, in den Norden möchte ich auch nicht.“

Damit werde ich dann schon wieder etwas geschafft haben; damit wird sich auch dieses Jahr Tag für Tag erfolgreich fülllen. So dass ich irgendwann sagen kann, auf diese Zeit zurückblickend:

„2026? Ja, das war damals ein gutes Jahr. Was ich da alles nicht gewollt habe!“

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Verdrängung, Auftrieb, Schwimmfähigkeit etc.

Gerade im Bereich der Geschichte der Popmusik höre ich oft auch alte Podcasts, die mit Tagesaktualität nichts zu tun haben müssen. Weil es etwa um Songs, Bands oder Alben aus den Sechzigern geht, um olle Kamellen, um gut abgehangenes Zeug.

Gelegentlich stoße ich beim Hören dieser älteren Podcasts bis in die erste Zeit der Pandemie vor, also eher zurück. Fünf oder sechs Jahre alte Sendungen, so etwas in der Art. Die Hosts erwähnen die  damaligen Umstände der Podcast-Produktionen oft zumindest nebenbei. Diese Umstände also, die wir alle vermutlich ausnahmslos erlebt haben, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Sie klingen zwar nur an, denn es geht in den Sendungen um andere Themen, um Musik und Geschichte meist, aber deutlich werden sie doch am Rande.

Selbst aus flüchtigen Nebensätzen heraus werden sie mir beim Hören plastisch und zumindest kurz wieder vorstellbar. Bei Sätzen etwa, in denen es um das erste Erleben von Home-Office-Situationen geht, um Home-Podcast-Studios auch, um Lockdowns, um verunmöglichte Reisen und Treffen. Dann auch um Impfungen, Ansteckungsrisiken, Krankheitsverläufe etc. Auch um Todesfälle geht es manchmal in der Musikszene. Siehe etwa John Prine, aber es gab mehr Opfer, auch in dieser Szene, viel mehr.

Manchmal wird auch krank moderiert, frisch und erstmalig infiziert oder in der Rekonvaleszenz. Und oft wird erwähnt, was alles gerade während der Aufnahme nicht geht. Konzertbesuche, Zugfahrten, Flugreisen, Kongresse, Interviews etc.

Mit einiger Faszination stelle ich nun beim Hören fest, wie überaus deutlich ich das lieber nicht als Inhalt serviert bekommen möchte. Es stößt mich ab, und wie stark es mich abstößt. Ich müsste vermutlich länger, viel länger darüber nachdenken, um es in der Tiefe zu ergründen, was da genau passiert. Ich müsste mich, zumindest bildlich gesprochen, vielleicht auf eine Couch legen. Und erzählen, was es mit mir macht, wieder von diesen Themen zu hören, während eine weise Therapeutin nickend Notizen macht und vor dem Fenster, wenn die Kamera einmal kurz schwenkt, der Blick auf die Hochhäuser von Manhattan … Seltsam, immer lande ich irgendwann in Woody-Allen-Filmen, wenn ich mir so etwas vorstelle.

Wenn man ein eher ereignisloses Leben führt und dennoch jahrelang nahezu jeden Tag über irgendetwas bloggt, so wie ich, dann lernt man mit der Zeit, die eigenen Reaktionsmuster und Gedanken, die Gefühlchen und die seelischen Mechanismen vergleichsweise aufmerksam mitzuschneiden. Denn über irgendetwas muss man ja schreiben, nein, will man schreiben. Und sie könnten immerhin interessant sein, diese Gefühle etc. Sie könnten Content sein.

Vielleicht könnten sie sogar ein Thema sein, das ein wenig über mich hinausragt, in die Gesellschaft hinein. Oder zumindest in meine Peer-Group, in meine Stadt, in mein Berufsleben etc. Dieses lange Training in Selbstwahrnehmung zahlt sich manchmal aus, bilde ich mir zumindest ein. Denn hier und da, Sie merken es, möchte auch ich gerne etwas gut können. Wie wir alle, nehme ich an.

Deswegen jedenfalls erwische ich mich beim Lesen einer Online-Romanrezension, die ich umstandslos und im Bruchteil einer Sekunde wegklicke, fast reflexhaft, sobald ich merke, dass es in den Familiensituationen der geschilderten Figuren auch um das Home-Schooling im Jahr 2020 geht. Klick und aus, nächstes Thema bitte.

Wi-der-lich ist mir das, geh weg, hau ab, lass mich bloß in Ruhe mit dem verdammten Elend von damals. Und das ist noch milde ausgedrückt. Es ist eine Form des Ekels, die mein Hirn da kurz empört funkt, wenn auch nur aufblitzend und kaum zu verstehen.

Nun frage ich mich gerade, ob mir die die Weltgeschichte hier etwas liefert, das mir womöglich einen dezenten Hinweis darauf geben sollte, wie das beinharte, fast vollkommen undurchdringliche Schweigen meiner Eltern, Großeltern, Tanten etc. über die Zeit vor 1945 auch zu erklären ist. Ohne da etwas direkt vergleichen zu wollen, versteht sich, denn das ginge selbstverständlich nicht auf. Wenn wir uns neben den Kriegsgenerationen vermessen, hatten wir schließlich nie etwas auszustehen. Einerseits.

Andererseits steht man immer das aus, was einem von den Zeiten, die man durchlebt, geliefert wird. Und die Reaktionsmuster, mit denen wir das gut verarbeiten, wegstecken und bewältigen oder eben nicht, sie sind im Gegensatz zu den zugrundliegenden Ereignissen vielleicht doch in ihrer Mechanik vergleichbar? Hm?

Na, es ist nur so eine vage Vermutung. Man denkt so herum, nicht wahr.

Ich bin, das jedenfalls weiß ich aus vielen Gesprächen, nicht der Einzige, der die Pandemie und gerade ihre Anfänge lieber ausdrücklich nicht als Inhalt serviert bekommen möchte. Nicht in Filmen, nicht in Romane, nicht in Gedichten oder Songs. Nicht einmal in Dokus.

Aber ich bin auch sicher, dass ich dies damals, also etwa 2020, nicht so erwartet habe. Nicht einmal ansatzweise. Ich dachte damals eher, ich weiß es sogar noch ziemlich genau und könnte es auch bei mir selbst nachlesen, dass es uns alles lange und intensiv beschäftigen wird. Eine Verarbeitung über Jahre hinweg hatte ich da antizipiert.

Na, guck an. Wie es dann so kommt.

Im Bild ein Epidemie-Denkmal, allerdings mit älterem Bezug: Der Hygieia-Brunnen im Innenhof des Rathauses.

Der Brunnen im Innenhof des Rathauses, blauer Himmel, rote Sonnenschirme der Außengastro

 

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Ein Highlight, die Haseldorfer Marsch und eine Einkaufsempfehlung

Ein weiteres Highlight gab es, das erneut auf die schwindende Distanz zwischen Satire und Wirklichkeit zu verweisen schien. Und welches wieder belegte, dass wir kollektiv dem Irrsinn zutreiben oder auch längst alle darin ein prima Biotop gefunden haben. Vermutlich geht es mittlerweile bei solchen Fällen eher um die letztgenannte Option, nehme ich an.

Bei einem meiner Versuche jedenfalls, einen der wenigen verfügbaren Arzttermine in dieser Stadt zu bekommen, wurde mir an einem Empfangstresen in einer Praxis eine Terminmöglichkeit am nächsten Tag benannt. Also in spektakulärer zeitlicher Nähe! Es war eine Option, welche ich dann freudig und selbstverständlich sofort bestätigen und buchen wollte – aber nicht konnte. Wie mir das Personal dann mit sparsam eingesetzter Freundlichkeit erklärte, denn dafür, so hieß es dann, müsse ich jetzt erst nach Hause gehen und mir diesen Termin dann online sichern. In der Praxis, so wurde weiter erläutert, ginge das nicht mehr. Oder, versteht sich, mobil übers Handy, das ginge auch, selbstverständlich.

Aber mit dem Handy hatte man wieder keinen Empfang in dem Gebäude und ich hätte mir auch erst die verdammte App … von den Login-Daten ganz zu schweigen.

Wie auch immer, der Nächste bitte.

Da steht man dann in so einer Situation, guckt womöglich etwas dümmlich und überlegt vielleicht, so wie ich, wer hier gerade den Verstand verliert. Ob nur man selbst oder doch vielleicht alle anderen.

Und was jene Menschen in solchen Fällen eigentlich machen sollen, die gar nicht online sind, das kann man sich allerdings auch einen Moment überlegen. Denn ich zumindest habe solche Menschen noch in der Familie. Und so wenige sind es insgesamt auch gar nicht, wir hatten das Thema neulich schon einmal. Es sind immerhin ein paar Millionen in diesem Land, das ist kein so kleiner Anteil der Bevölkerung. Man hat diese Menschen nur oft nicht parat, weil sie uns, haha, online nicht so auffallen.

Ich humpelte nach Hause, was sollte ich auch machen, und buchte mir den so verlockend nahen Termin. Immerhin erfolgreich. Es ist nicht alles schlecht.

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Blick über die Kleine Alster an den Rathausarkaden

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Davon abgesehen rahmte ich mir einen Druck. Stieg ich in wilder Abenteuerlust, vielleicht aber auch, siehe oben, eher schon im wilden Wahn, trotz des kaputten Fußes auf einen Stuhl, hämmerte ich einen Nagel in die Wand und hängte ich mir dann endlich ein Bild auf, das mir an dieser Stelle wirklich zu passen schien. Weil mich mit dem Künstler einiges verbindet, weil das Motiv mir wohlig heimatlich vorkommt und weil mir die Stimmung zusagt, auch Farbe und Wirkung: Die „Haseldorfer Marsch“ von Horst Janssen, aus dem Jahr 1978.

So sieht das Bild aus, und ich mag es sehr.

Ich kenne die Haseldorfer Marsch allerdings gar nicht aus eigener Erfahrung, ich war dort noch nie. Ich sah mir vor dem Kauf des Bildes Fotos aus der Gegend an, ich las auch nach, wo genau sie ist (der Wikipedia-Artikel enthält übrigens den ungeheuren Begriff „Allerkindleinsflut“, man möchte sofort passende Prosa dazu verfassen).

Gegenüber von Stade liegt sie an der Elbe, diese Marsch. Also in der Gegend, in die ich ohnehin demnächst einmal wollte. Und sie sieht, auch auf den online gefundenen Fotos, verbindlich norddeutsch aus, das passt schon.

Da könnte ich, auch genau auf diesem Weg, den Janssen da gekonnt abgebildet hat, entlanggehen und mich im weitesten Sinne wie in meiner Gegend fühlen. Das finde ich gut, das so an meiner Wand zu sehen.

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Blick über die Binnenalster Richtung Jungfernstieg

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Der Dienstag, der ansonsten eher betrüblich und auch unangemessen anstrengend ausfiel, er wurde davon abgesehen deutlich aufgeheitert durch eine freundliche Meldung, welche mir ein Online-Shop auf das Smartphone schickte: „Basierend auf deinem letzten Einkauf glauben wir, dass dir auch Müllbeutel gefallen könnten.“

Alles wissen diese Algorithmen nämlich über mich, einfach alles. Und gut kümmern sie sich um mich. Doch, doch.

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Blick über die Binnenalster am Ballindamm entlang

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Reinlesen, Behalten und Weggeben (6)

Vorweg herzlichen Dank für die freundliche Zusendung von Safranskis Hoffmann-Biografie vom Wunschzettel! Sehr schön und gerade auch sehr passend. Hier noch der Verlagslink dazu.

Die E. T. A. Hoffmann-Biographie von Safranski

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Nach den letzten drei herausfordernden und betont anspruchsvollen Büchern ohne Absätze brauchte ich dringend etwas Erleichterung und eine Art geistige Hängematte. Ich verschlang daher aufatmend und fast schon gierig, wie man an einem Sommerabend ein Kaltgetränk kippt, einen Band Kurzgeschichten von Ian McEwan: „Zwischen den Laken“. Bei Diogenes erschienen, und zwar vor längerer Zeit schon, es sind ältere Geschichten (1978). Deutsch von Michael Walter und Bernhard Robben. Wieder war es ein Buch aus dem so überaus nützlichen öffentlichen Bücherschrank.

Das Buch "Zwischen den Laken"

Ein anständiger Kurzgeschichtenband ist es, gut und gekonnt geschrieben, wie bei McEwan auch nicht anders zu erwarten. Auch wenn es sich um ein Frühwerk handelt. Es war erst sein zweites Buch, er hat seither ein paar mehr veröffentlicht. Kein Grund für Enthusiasmus, aber gepflegte Unterhaltung doch allemal. Gut geeignet als Urlaubslektüre, wenn einem gerade nach Geschichten ist. Oder auch nur nach Texten mit Absätzen.

Denn Absätze sind, das kann ich sicher im Namen eines großen Teils des Lesepublikums schreiben und gerade nach den Erfahrungen mit den letzten Büchern, doch eine feine Sache. Ich sehe nach wie vor nicht recht ein, dass es irgendeinen Vorteil haben soll, und nein, auch keinen intellektuellen, keine Absätze in den Text einzubauen.

Ich finde das eher, nun ja, etwas affektiert. Günter de Bruyn, Thomas Bernhard und José Saramago mögen es mir bitte verzeihen.

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Dann las ich die Erinnerungen von Hilde Spiel, „Die hellen und die finsteren Zeiten – Erinnerungen 1911 bis 1946“. Viel hochkultiviertes Name-Dropping aus der Intellektuellen-Szene in jener Zeit liest man da, wie es auch nicht anders zu erwarten war. Für Interessierte an deutschsprachiger Literaturgeschichte ist es ein Fest, ihre Erfahrungen in dieser etwas gedrängten Form aufgezählt zu bekommen, und auch ich konnte in meiner Vorstellung des komplizierten Beziehungsgeflechts der deutschsprachigen Autorinnen und Autoren aus jener Zeit noch einmal einige Aspekte geraderücken.

Hilde Spiel: Die hellen und die finsteren Zeiten

In die im Buch erinnerte Zeit fiel bekanntlich das Erstarken der rechtsextremen Kräfte in Deutschland und Österreich, selbstverständlich nimmt es auch im Buch viel Raum ein. Ich las den Text aber leider, während auf allen Kanälen, und ob ich es nun mitbekommen wollte oder nicht, immer wieder erwähnt wurde, welchen außerordentlichen und rekordmäßigen Zuwachs die extremen Rechten in der Gegenwart in Deutschland gerade haben. Grafiken mit Umfrageergebnissen, die ich durchaus nicht sehen wollte, die ich dann aber sehen musste.

Man nimmt diese Nachrichtenlage noch nennenswert fassungsloser als sonst zur Kenntnis, wenn man dabei von so einem Buch hochsieht. Ich stellte es bei dieser Gelegenheit wieder fest.

Und während alle gerade nach der Freigabe der entsprechenden Listen nachsehen, ob die Großeltern, Urgroßeltern oder andere geschätzte Vorfahren in der Partei der originalen Nazis waren, sollte man vielleicht auch überlegen, was die noch lebenden Angehörigen der Sippe politisch so treiben. Es könnte im Moment wichtiger sein.

Das Buch von Hilde Spiel behalte ich jedenfalls noch, da muss der Bücherschrank etwas warten. Und ich werde weitere Bücher von ihr lesen.

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Überlagerungen, Unterbrechungen und Erzählstränge

Ich habe lange Zeit, über etliche Jahre, nur sehr wenige Filme und noch weniger Serien gesehen, ich hole aber gerade etwas auf. Dabei fallen mir vielleicht Aspekte verstärkt auf, an die sich andere längst gewöhnt haben. Vielleicht wurden sie auch neuerdings erst in auffälliger Häufigkeit in den Drehbüchern untergebracht. Ich weiß es nicht genau, mir fehlt in der Regel der Vergleich.

So ging es mir z. B. gerade bei drei Produktionen, die ich nacheinander weg gesehen habe, in denen die Hauptdarstellerinnen bei der Kommunikation dauernd das machten, was man heute eben so macht, was also durchaus realistisch abgebildet war – sie tippten etwas ins Smartphone oder lasen etwas darauf, sie reagierten auf Hinweisgeräusche und auf grafische Notifications. In allen nur denkbaren Situationen taten sie das, und zu allen Tages- und Nachtzeiten.

Und wer bei diesem Thema ohne Schuld ist, der werfe bitte das erste Handy, um es gleich vorwegzunehmen.

Der Text dieser Nachrichten auf den Smartphones war als Dialogsurrogatextrakt für den Fortgang der Handlung natürlich wichtig und wurde daher folgerichtig jeweils eingeblendet. Wurde also kurz, manchmal auch zu kurz, über die weiterlaufende Handlung oder über die Gesichter mit der auf die Nachricht reagierenden Mimik gelegt. In einigen Fällen auch in äußerst kleiner Schrift, und ich könnte an dieser Stelle also schon wieder etwas zum fortschreitenden Alter anmerken, zur Lesebrillen- oder Gleitsichtproblematik etc. Aber egal.

Bei einer skandinavischen Serie sah man jeweils gleich zwei Einblendungen. Eine in der Originalsprache mit all den lustigen Sonderzeichen, eine in der übersetzten Fassung für das deutschsprachige Publikum. Da waren in einer Sequenz dann immerhin drei Informationsebenen zusammen zu sehen: das klassische Handlungsbild, der Originalsprachentext und die Übersetzung.

Selbstverständlich passt das so zu unserer Wirklichkeit, denn so verhalten wir uns. Zumindest viele von uns. So kommunizieren wir. So lassen wir uns durch Textbröckchen bei allem und fast jederzeit unterbrechen und genauso werfen auch wir fortwährend oder zumindest häufig mit Informations-, Gefühls- oder Gesprächshäppchen um uns.

Aber wenn man es so auf einem weiteren Bildschirm gespiegelt bekommt, fällt es auf einmal noch viel mehr auf, was man ohnehin schon lange ahnt, nämlich wie seltsam das manchmal ist. Um es noch nett auszudrücken. Weil es alles ständig unterbricht, weil es Abläufe, Szenen und Bilder aller Art überlagert, weil es letztlich kommunikative Ruckbewegungen sind und weil dabei kaum jemals ein sprachlicher Abschluss erreicht wird. Weil wir uns diesen Kurztexten immer nur kurz widmen, gerade so, als sei das die Bedingung für den Gebrauch, was natürlich Unfug ist. Weil es oft dem eigentlichen Handlungsstrang schadet. Und weil es, wenn es nur häufig genug eingesetzt wird, also so häufig wie in der Wirklichkeit vielleicht, auch erheblich nerven kann. Etwa wenn es nicht gerade um den Austausch mit geschätzten, gewollten und zu diesem Spiel ausdrücklich eingeladenen Menschen geht. Man kennt es immerhin auch von MS Teams im Büro, zumindest die mit den Corporate-Jobs kennen das.

Dabei war doch das klingelnde Telefon, schon gar in der mobilen Variante, als potenziell jederzeit drohende Unterbrechung bei allem schon schlimm genug. Könnte man meinen.

Das fand ich jedenfalls interessant, mir das auf diese Art wie von außen anzusehen. Etwas unangenehm erhellend kam es mir vor.

So weit jedenfalls, wie ich es eben mitbekommen habe, während ich nebenbei … na, egal.

Eine mechanische Schreibmaschine, daneben eine Postkarte mit einem Bild von Anders Zorn

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Systemischer Ausgleich

Mein beklagenswert eintöniges, um fast jeden Freigang reduziertes Leben, in dem ich hauptsächlich knurrend in der immer noch zu kalten Wohnung sitze und immer schlechter gelaunt überlege, was ich alles Großartiges machen könnte, wenn ich nur wieder ausreichend gehfähig wäre …

Also, nein, Moment. Ich komme noch einmal rein. Denn es ist selbstverständlich keineswegs so, dass ich Großartiges mache, wenn ich ausreichend gehfähig bin, wie wir alle wissen. Aber man denkt es dann doch manchmal, in solchen Situationen, auch wenn man meinen sollte, längst ausreichend Erfahrung mit sich selbst zu haben.

Man nimmt es sich trotz allem vergleichsweise ernsthaft vor, in der näheren Zukunft irgendwie anders zu sein, besser womöglich. Auf jeden Fall aber so, dass da durch das eigene Verhalten und Wollen etwas justiert wird. Denn man strebt nach einem systemischen Ausgleich.

Blick über die Außenaklster von der Grillwiese Schwanenwyk aus

Das haben auch schon die ersten Zellen kurz nach dem Beginn des Lebens auf der Erde getan, dieses Bestreben legen wir so leicht nicht ab. Es hat sich immerhin vielfach bewährt, seit etwa vier Milliarden Jahren. Wir hätten Systeme nun einmal gerne stabil, auch unser eigenes. Und wenn von etwas zu wenig da ist, braucht man kurz darauf etwas zu viel davon, dann wird es schon wieder passen, zumindest tendenziell. Denkt man sich.

Geistreich wie eine Amöbe, aber so läuft es eben.

Dieses beklagenswert eintönige Leben jedenfalls unterbrach ich am Freitag kurz, um geschätzte Menschen aus dem Internet zu treffen. Was dankenswerterweise krückenfreundlich hier um die Ecke geschah. Wir kamen im Gespräch auch auf aktuelle Ausstellungen der Museen in Hamburg, denn es war selbstredend eine kulturbeflissene Runde. Und in diesem Zusammenhang, das wollte ich nur eben sagen, beschloss ich, einen sinnigen Hinweis zu verbloggen:

Nämlich den auf den gerade erst erfolgten Ausstellungswechsel im Bucerius-Kunst-Forum, wo man sich nun die Ausstellung „F. C. Gundlach – You’ll never watch alone“ ansehen kann. Die immerhin noch bis Mitte August läuft, so dass auch ich es schaffen könnte, dort hinzukommen. Denn so lange habe ich für die Reparatur des Fußgelenks nun auch nicht eingeplant.

Wenn Ihnen dieser Herr Gundlach nichts sagt, das ist der hier. Und wenn Sie einmal kurz die Google-Bildersuche mit seinem Namen bemühen wollen, werden Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit einige Bilder entdecken, die Ihnen bekannt vorkommen dürften.

***

Zusammenhangslos noch etwas Musik, es kann nicht immer elegante Übergänge geben. Den YouTube-Kanal der Ed-Sullivan-Show hatte ich Ihnen schon einmal empfohlen, ich sehe da weiterhin besonders gerne rein. Gestern etwa erschien diese fantastische Aufnahme eines Auftritts der „The Brothers Four“ aus dem Jahr 1960 mit dem lieblich klagenden Trauer-Klassiker „Greenfields“:

Für die eher muntere Stimmungslage, vielleicht möchten Sie sich ja heute dynamisch und positiv geben, lief mir online Paul Heaton wieder einmal über den Weg. Den ich schon lange nicht mehr gehört hatte, dessen Stimme aber nicht nur mir seit seiner Zeit bei „The Housemartins“ und bei „The Beautiful South“ unvergesslich ist.

Hier singt er mit Rianne Downey.

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All die Lust und Lieblichkeit

Der Feiertag fand bei 12 Grad drinnen und draußen statt, denn die Heizung in diesem Haus hatte beschlossen, nicht mehr mitzuspielen. Die dunkle und kalte Jahreszeit war lang genug, es reichte ihr jetzt vermutlich. Immer nur beste Leistungen bringen, Tag für Tag, Monat um Monat. Wer hält das auf Dauer aus, so eine Heizung ist am Ende auch nur ein Mensch. Und braucht Urlaub.

Das Licht im Fahrstuhl gab zeitgleich ebenfalls auf. Vielleicht gab es einen Zusammenhang, eine geheime Absprache der technischen Anlagen in diesem Haus. Vielleicht gab es keinen, man weiß es nicht. Was aber jedenfalls zur spannenden Frage führte, ob man da nun mutig dennoch einsteigen sollte. In so eine pechschwarze, nachtfinstere Metallkiste, die an Seilen und etwas älterer Mechanik hängt. Und die sich auch noch seltsam ruckelnd bewegte. Wie man deutlich hören konnte, als der Fahrstuhl in Bewegung war.

Denn er fuhr noch, er stellte eine Art metallene Grabkammer im vertikalen Pendeldienst dar. Ob man nun ernsthaft darauf vertrauen konnte, dass der Rest der Elektrik schon irgendwie laufen würde, dass man tatsächlich heil oben ankommen würde … Nicht nur ich dachte vor dem Einsteigen vermutlich etwas länger nach.

Und traute mich dann doch. Denn mit Krücken auf den Treppen, das wäre auch nur ein weiteres Abenteuer gewesen, eine weitere Gelegenheit für die Reihe „Zwischenfälle aller Art“, und die slapstickhaften Sturzszenen sah ich schon vor mir.

Ich machte also die Taschenlampe am Smartphone an, um mir die Sache da drinnen wenigstens etwas zu beleuchten. Die dann allerdings überraschend wenig Licht gab, sie funzelte mehr. Wie ein flackerndes Kerzchen in einer alten Schauergeschichte vielleicht, mit der die bange Heldin in mondloser Nacht über die Schlossflure hastet, den seltsam kettenklirrenden Geräuschen nach. Kaum leuchtete diese Smartphonelampe die kleine Kammer des Fahrstuhls vollständig aus, und dunkel, stockdunkel blieben die Ecken.

Es sah alles betont nach Horrorfilm aus, mindestens aber nach Thriller. Es passierte dann zwar nichts, der Fahrstuhl tat lediglich, was ein Fahrstuhl eben tun muss, nur eben ohne Beleuchtung – aber wenn man genug Thriller gesehen hat, dann kennt man das selbstverständlich schon. Und dann weiß man recht gut, dass es einen erst bei der dritten oder vierten Fahrt, nachdem die ersten Versuche nur retardierende Elemente waren und man daher fast vollkommen sorglos dort einsteigt, doch noch erwischen wird. Und wie es einen dann erwischen wird! Das kennt man alles, das weiß man.

Weswegen ich danach auch den Rest des Tages lieber klug abwartend in der Wohnung verbrachte und von weiteren Fahrten in der kleinen Kammer des Schreckens absah.

Ich soll mich ohnehin um „maximale Schonung“ für den Fuß bemühen. Was den kleinen Nachteil hat, dass man mit dem Rest des Körpers dummerweise auch nicht mehr viel anfangen kann, wenn da eine Extremität auf einmal dergestalt aus der Reihe tanzt und eine derart aufwändige Sonderbehandlung verlangt. Da hängt man dann komplett mit drin und auch dran, ob man will oder nicht. Ich z. B. wollte eindeutig nicht, stellte dann aber fest, dass es mir nichts nützte.

Frierend und fluchend saß ich also in der kalten, klammen Wohnung, zog mir schließlich notgedrungen mehrere Schichten an und war bald eingepackter, als ich es im ganzen Winter je gewesen bin. Ich humpelte zwischendurch zum Küchenfenster, öffnete es und sagte laut, wenn auch zu einer mir ungewiss verbleibenden Empfangsinstanz, um meine Beschwerde wenigstens irgendwo anzubringen: „Diesen Mai habe ich mir so nicht vorgestellt!“

Und weil ich den Band mit den Mai-Gedichten aufgeschlagen auf der Arbeitsplatte neben mir liegen sah, blätterte ich kurz etwas darin herum und trug auch noch die passenden Zeilen von Ludwig Uhland dem nur gedachten Publikum da draußen vor:

„Wenig hab‘ ich noch empfunden

Von der werten Frühlingszeit

All die Lust und Lieblichkeit

Hat zu mir nicht Bahn gefunden.“

Der geschätzte Ludwig Uhland (1787–1862) konnte es selbstverständlich nicht wissen, aber uns Heutigen ist längst klar, dass es fast immer um starke Verspätungen geht, wenn in Texten das Wort „Bahn“ vorkommt.

Und es ist keine bezahlte Werbung, nein, aber die Reclam-Reihe mit den Monatsgedichten empfehle ich nach wie vor für die gepflegte lyrische Hausapotheke.

Der Reclam-Band Mai-Gedichte, daneben ein Tellerchen mit zwei etwas lustlos wirkenden Karotten

Die Elstern im Holunder unten antworteten mir keckernd irgendetwas aus ihrem Nest heraus. Vielleicht saßen sie da auch gerade motzend und auf bessere Zeiten wartend. Ich habe sie leider nicht genau verstanden, die dauerempörten Tauben gurrten auch wie immer unzufrieden mit allem dazwischen.

Nach dem Regen ist der Tag verquollen und taub, wie ein verzogenes Diapositiv. Nichts heitert die Traurigkeit der Straßen auf.

Der verlinkte Text passte gut zum Anblick, den mir die paar frierenden Eltern auf dem Spielplatz ansonsten boten. Pflichtgemäß und leicht bibbernd standen sie neben ihren Kleinen, die in buntglänzender Regenmontur sinnlos durch den Sand krabbelten und vielleicht auch nicht recht wussten, ob und warum das bei diesem Wetter nun wirklich sein musste.

Ich las dann doch lieber Bücher. Ich sah Filme, ich schrieb Texte. Und am Ende war es auch gut so.

Man muss sich nur erst hineinfinden. Aber so ist es ja bei allen Zwangsmaßnahmen.

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Linkwerk zum Brückentag

Gesehen:

Dann habe ich doch noch zwei amerikanische Filme auf Netflix zu Ende gesehen. Weil ich sie schon angebrochen und dann fast wieder vergessen hatte, denn man kommt doch dauernd von allem ab.

Erst gab es „Die Dolmetscherin“ aus dem Jahr 2005. Ein mittelmäßiger Film von Sydney Pollack, mit Nicole Kidman und Sean Penn. Immerhin ein Film gegen diktatorische Umtriebe, es passte daher halbwegs in unsere Gegenwart. Von der Handlung her etwas mühsam verwickelt und allzu durchsichtig in der Auflösung, von der Liebesgeschichte her eher noch drunter und zu belächeln. Interessant aber immerhin, dass erstmals Filmszenen im Gebäude und auch im Sitzungssaal der UN gedreht wurden. Interessant vielleicht auch, dass Nicole Kidman für die Rolle Flöte spielen und Vespa fahren lernen musste, wie ich in der Wikipedia lese.

Es ist doch ein Beruf mit wahrhaft vielfältigen Weiterbildungsmöglichkeiten. Da kommt der gewöhnliche Excel-Aufbaukurs nicht ganz mit.

Vor allem fand ich aber Sean Penn interessant. Der meinetwegen nur sein Gesicht in die Kamera halten muss, denn es ist fast egal, was er dabei aufsagt: Es ist immer ein interessantes Gesicht. Nicole Kidman dagegen wirkte barbiehaft, wächsern und unbewegt, lediglich dekorativ. Letzteres immerhin erfolgreich, werden viele da sagen.

Kulturgeschichtlich am Rande sind noch zwei Aspekte bemerkenswert. Man kann zum einen darauf achten, wie sehr die Büros in diesem Film noch papierlastig sind, mit einem Offline-Schwerpunkt, den man deutlich sehen kann. Und kann dann auch selbst zurückdenken an das Jahr 2005. Wie war denn das, wie hat man da gearbeitet? Und wie unfassbar lange muss das also her sein?

Noch vor dem iPhone war das, das zwei Jahre später erst zur Welt kam. Gemeinsam mit Sohn I, was für mich nach wie vor eine der besten historischen Eselsbrücken ist. Den exakten Beginn des mobilen Zeitalters, den weiß ich nämlich jederzeit, den kenne ich, den kann ich streberhaft präzise benennen.

Zum anderen wirkt es aus heutiger Sicht, 21 Jahre später, doch recht merkwürdig, einen Film über das Schicksal eines afrikanischen Landes zu drehen, bei dem zwei Menschen die Hauptrolle spielen, die mit diesem Kontinent rein gar nichts zu tun haben. Und der Regisseur auch nicht. Sämtliche Figuren mit dunklerer Hautfarbe aber werden in Nebenrollen mit auffällig wenig Text verwiesen …

Das macht man heute eher nicht mehr, und das ist auch gut so.

Zum anderen sah ich „The Birdman“ (gibt es bei diversen Streamingdiensten) von Alejandro González Inárittu. Ein Film (Wikipedia), der diverse Preise völlig zu Recht gewonnen hat, mit einem Michael Keaton, dem man hinterher etwas Sonderapplaus zukommen lassen möchte. Dito Emma Stone. Gutes Drehbuch, starke Handlung, großartige Kamera und die für mich genau richtige Menge an Wirklichkeitsverlust im Alltag. Dazu ein fantastisches, mutiges Ende, ich war sehr angetan. Eine deutliche Empfehlung.

U-Bahnstation Hafencity Universität

Gelesen:

Johannes Kuhn denkt über einige popphilosophische Theorien zur großen Gereiztheit nach.

Das große Reisen beginnt ansonsten auch wieder, und bringt sogar Menschen zum Bloggen, die es länger nicht gemacht haben, aus teils sehr nachvollziehbaren Gründen. Frau Herzbruch ist über mehrere Texte hinweg in der Karibik. Was ich nur so pauschal benenne, um das lästige Sonderzeichen im genauen Reiseziel zu vermeiden, den mein Blog befindet bei diesem und auch bei ähnlichen Sonderzeichen verlässlich, dass es lieber nicht möchte.

Isa ist etwas mehr in der Nähe, nämlich in Split, und sie ist es ebenfalls über mehrere Texte und viele Bilder hinweg.

Der Korrespondent aus Luxemburg dagegen ist in St. Jean de Luz. Daran bin ich immerhin schon einmal vorbeigefahren! Wenn ich mir die Bilder im Blog ansehe, wären Aussteigen und Bleiben auch interessante Optionen gewesen. Aber gut, ich war damals nur Beifahrer, ich bin im Grunde also unschuldig am Verpassten. Auch mal schön.

Warum Männer sich nicht anziehen können“: Matthias Kalle schreibt in der taz über den deutschen Mann und seine Mode (via Kaltmamsell).

U-Bahnstation Hafencity Universität

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Gehört:

Eine Sonderfolge der Lage der Nation zum Thema China (1:49). Wenn Sie nur einem Link folgen wollen, nehmen Sie den, es ist die Hauptempfehlung des Tages. Informativ und erhellend. Wenn Sie vielleicht so wie ich eher wegwollen vom täglichen Nachrichten-Update, hin zu durchdachteren und vor allem ruhigeren Formaten, dann sind genau solche Sendungen das Ziel der Bemühungen, denke ich.

Sehr gut war außerdem die Lange Nacht beim Deutschlandfunk zum Thema „Die Last des Schweigens“, über die Folgen der NS-Zeit (1:59). Vermutlich war es sogar eine der besten Langen Nächte für mich bisher. Und ich könnte bei dem Thema auch Text anlegen, wie die vermutlich meisten Menschen in diesem Land und in meinem Alter. Aber es fehlt gerade leider die Zeit dafür. Vielleicht später noch.

Diese Sendung beim WDR hörte ich auch: „Fernweh – Sehnsucht nach dem Wegsein“ (18 Min.). Sie hatte mich mangels Betroffenheit gar nicht als Zielgruppe, aber ich höre ja ab und zu auch außerhalb meiner Interessenskomfortzone zu. Und nahm also amüsiert noch einmal zur Kenntnis, dass die beiden ebenso schönen wie für viele auch besonders wichtigen Reiseplanungsbeginnbegriffe „Fernweh“ und „Wanderlust“ beide auf Dichter zurückzuführen sind. Fürst Pückler-Muskau der eine, Goethe der andere.

Im Text der Sendung wird außerdem gesagt, dass keine andere Sprache einen Begriff für Fernweh hat, ob das stimmen kann? Gar keine andere? Da malte ich ein geistiges Fragezeichen an den imaginierten Rand.

Außerdem hörte ich ein historisches Interview beim ORF, ein Gespräch aus dem Jahr 1989 mit der Autorin Hilde Spiel (56 Min.), deren Erinnerungen ich gerade lese. Ein Jahr vor ihrem Tod entstand diese Aufnahme, 78 Jahre war sie da alt und klingt erheblich jünger sowie außerordentlich geistreich und auch damenhaft, im besten Sinne des Wortes.

In der Reihe Radiowissen hörte ich die Folge über Utopien, „Visionen einer besseren Welt“, 23 Min. Über Utopien schrieb ich damals auf dem Gymnasium das erste Referat, bei dem ich selbst recherchieren musste. Bei diesem Thema erfolgte also der Umstieg auf studienähnliche, „erwachsenere“ Lernformen, und es war ein geradezu feierlicher Akt. Ich hatte daher einen kurzen Moment erheblicher Strebsamkeit. Mit dem Ergebnis, dass ich vieles bis heute noch weiß, was sonst bei keinem der Themen aus jener Zeit der Fall ist.

Aber die Geschichte der Utopien – läuft bei mir, kann ich noch aufsagen.

Beim Musikpodcast „Interpretationssache“ hörte ich die Folge über „A whiter shade of pale“, 33 Min, und beim „Soundtrack meines Lebens“ die Folgen mit Ulrich Tukur (1:02).

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Happy to make your acquaintance

Eines der gängigen Hamburg-Klischees beschreibt die soziale Reserviertheit dieser Stadt. Etwas unfreundlicher ausgedrückt die Kälte der Einheimischen. Man lernt hier nicht so leicht Menschen kennen wie anderswo, heißt es. Wenn man nicht gewisse Tricks anwendet, sich also z. B. ein Kind oder einen Hund als Kontaktmagneten zulegt. Beides ist allerdings mit bedeutenden Kosten und auch mit viel Aufwand verbunden. Beides ist daher nicht für jede oder jeden und schon gar nicht für jede Lebenslage etwas.

Will man also, warum auch immer, es mag ja Gründe geben, Menschen neu kennenlernen, weil man, was weiß ich, vielleicht gerade erst in diese Stadt gezogen ist und noch an das Konzept Freundeskreis glaubt, dann ergibt sich oft ein größeres Problem. Sagt man.

Aber stimmt das überhaupt?

Ein Sticker an einem Laternenmast: With love you'll never walk alone

Mich nach meinen eigenen Erfahrungen zu fragen, das führt in diesem Fall nicht weiter. Ich hatte in den letzten Jahrzehnten in dieser Stadt nämlich zu den richtigen Zeitpunkten das richtige Ausmaß an Glück. Einfach durch die eher zufällige Wahl der richtigen Firma, der richtigen Freizeitbeschäftigungen und der richtigen „Szenen“ (Lindy-Hop etwa als unschätzbarer Geheimtipp dabei). Später auch durch den Nachwuchs und die sich dadurch fast gesetzmäßig ergebenden Spielplatzbekanntschaften.

Und natürlich durch das Internet, nicht zu vergessen, durch mein Blog. Damals auch noch durch Twitter etc. Das darf alles nicht vergessen werden, denn es war und ist bedeutend in meinem Leben. Ich würde ohne die Online-Erfahrungen viel weniger Menschen kennen. Oder auch gar keine mehr. Ich bin aber eher eine Ausnahme, denke ich, und zwar durch Umstände, die sich eher wie Lottogewinne unverdient ergeben haben. Das kann man so nicht allgemein erwarten.

Abseits dieser besonders gesegneten Umstände lerne auch ich kein Schwein kennen. Zuverlässig nicht. Nie und nirgends. Ganz egal, wie oft ich durch diese Stadt stromere, wie oft ich irgendwo allein in einem Coffeeshop sitze oder in einem Kino, Theater etc., wie oft ich durch ein Museum gehe oder in Parks herumlungere – als kontaktstark, offen und den Fremden zugewandt erlebe ich dabei weder mich noch all die anderen.

Im Moment passt mir das gut so, was ich gewiss auch überdeutlich ausstrahle, kein Zweifel. Aber es ist alles nur eine Phase, wie wir wissen, es wird mir irgendwann vermutlich nicht mehr recht sein.

Wie auch immer, weg von mir. Man muss auch an andere Menschen denken, um Sachverhalte objektiver betrachten zu können. In der Firma, für die ich brotberuflich arbeite, habe ich in den letzten Jahren z. B. viele, sogar sehr viele Menschen erlebt, die neu in diese Stadt zogen und die das Problem tatsächlich auch klischeekonform benannt haben: Es geht hier wirklich nicht so schnell mit dem neuen Freundeskreis. Es hakt seltsam bei dem Thema, es läuft einfach nicht rund und nicht glatt, es ergibt sich nichts. Es ist mehr als anderswo mit Leistung, Nachdenken, Strategie und Einsatz verbunden.

Expats waren unter diesen Kolleginnen, etwa aus Südamerika, die staunten viel und lange. Und fragten dann irgendwann, ob wir hier eigentlich nur in Familienrudeln miteinander reden. Und auch das eher selten, kann das sein? Ich sagte dann wahrheitsgemäß, dass ich meine Schwester immerhin jedes Jahr an ihrem Geburtstag anrufe.

Man möchte diese Menschen manchmal kurz nach Köln schicken, um ihnen zu demonstrieren, dass es in diesem Land auch anders zugehen kann. Viel lockerer und offener, viel kontaktbereiter. Wenn auch verbunden mit seltsamen Getränken. Aber irgendwas ist immer.

Ich komme übrigens nur auf das Thema, weil ich meine persönliche Reihe der in Norddeutschland erfolgreich angewendeten Sozialtricks (in chronologischer Abfolge bei mir: Studium, Job im Einzelhandel, Büro, Hund, Partei, Internet, Party- und Nachtleben, Kinder, Lindy-Hop, Kleingarten) gerade hätte erweitern können, wenn ich dem Thema nur mit etwas mehr Einsatz und Wohlwollen begegnet wäre. Mit einem Mittel, auf das ich noch gar nicht gekommen war. Aber im Grunde hätte man darauf kommen können.

Denn Menschen, die an Krücken gehen und einen Fuß oder ein Bein in Gips oder in einer dieser neuen Plastikverschanzungen haben, die tauschen gerne verschwörerische Blicke mit anderen Menschen in der Menge da draußen aus, denen es auch so geht. Sie lächeln sich sogar an! Besonders dann, wenn es sich um den gleichen Fuß handelt. Es wirkt ungemein verbindend, den gleichen Schaden zu haben. Man kennt es vielleicht auch von psychischen Defiziten und neurodiversen Abweichungen aller Art.

Sitzt da so ein fremder Mensch mit dem verbindenden Schadensmerkmal etwa auf einer Bank vor einem Geschäft und ruht sich ein wenig aus, weil das Laufen an Krücken doch überraschend anstrengend ist, wie ich jetzt auch endlich weiß, könnte man sich einfach kurz dazusetzen. Es gäbe dann so etwas wie eine heitere Smalltalk-Garantie, da bin ich sicher.

Es eröffnen sich hier ungeahnte Möglichkeiten! Und wenn man erst einmal darauf achtet: So wenig Menschen laufen gar nicht mit Krücken herum. Wir sind im Gegenteil verblüffend viele. Ich habe seit langer Zeit nicht mehr mit so vielen völlig fremden Menschen Lächeln getauscht. Eine bemerkenswerte und auch vollkommen unerwartete Erfahrung.

Das wollte ich doch einmal als sinnigen Tipp notiert haben, in diesem betont serviceorientierten Blog. Wenn Sie in Hamburg neu sind und vereinsamen – beschädigen Sie doch einfach eines ihrer Beine oder einen Fuß – und willkommen im Club.

Vom Vortäuschen der Verletzungen und Verbände aber würde ich abraten. Denn sollte man einem neuen Menschen tatsächlich näherkommen, wirkt es sicher eher unangenehm, wenn herauskommt, dass man sich nur so aus Spaß als lädierter Mensch ausgegeben hat.

Aber beim Spazierengehen ein wenig umknicken und sich dabei etwas brechen, zerren, quetschen … Ich meine, das können doch wohl wirklich alle hinbekommen.

Sogar ich konnte das.

„Happy to make your acquaintance …Oh, that’s the squarest thing I’ve heard in six months!“

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Reinlesen, Behalten und Weggeben (5)

Ich fing einen Roman an, bei dem ich wieder erst einmal etwas zum Autor nachlesen musste, weil die Allgemeinbildung nur gerade einmal hergab, dass es diesen Herrn gegeben hatte. Na gut, vielleicht gab sie das immerhin her, nicht nur gerade, es ist alles eine Frage der Betrachtung. Und zwar gab es ihn mit Nobelpreis, das nämlich hatte ich noch parat bei dem Herrn José Saramago.

Aus dem öffentlichen Bücherschrank hatte ich vor einer Weile mitgenommen: „Das Zentrum“, in der Übersetzung von Marianne Gareis. Die dabei schwere Arbeit geleistet haben muss, denn sprachlich einfach ist das Buch nicht, eher ungewöhnlich erzählt, bis hin zu etlichen Besonderheiten in Satzbau und Grammatik. Auch für Leserinnen eher herausfordernd auf der Langstrecke.

Und es verstand sich dann schon fast von selbst, dass es wieder ein Buch fast ohne Absätze war. Wenn man einen Lauf hat … Wobei es diesmal aber kein schmales Werk war wie bei Thomas Bernhard oder Günter de Bruyn, sondern satte 400 Seiten umfasste. Es war also eher die Oberliga des Konzentrationskampfes. Aber ich kam ans Ziel. Souverän wie ein Mensch im Training, und es war mir auch ein Bedürfnis, ans Ziel zu kommen. Dem drohenden Brainrot zum Trotze.

Das Buch "Das Zentrum" von Saramago

Hier jedenfalls die Wikipedia zum Roman, hier die Perlentaucherseite dazu mit enthusiastischen Rezensionen. Einer anderen Online-Besprechung entnehme ich dieses Zitat, das dann doch etwas zu weit gehen mag: „Seid mutig, lest dieses Buch und tretet ins Sonnenlicht.“ Na ja.

Bei den Besprechungen kann ich einen Punkt ergänzen, den ich vielleicht sowieso häufiger erwähnen sollte, weil er mir oft zu kurz kommt: Nämlich für den dieses Buch passt. Wenn Sie etwa die gute und angenehm kulturfördernde Idee haben, ein Buch zu verschenken, dann brauchen Sie da vielleicht einen sinnigen Hinweis zur Zielgruppe? Da kann ich helfen.

Und zwar geht es im Roman intensiv um ein Handwerk, genauer um das Töpfern von Geschirr und Figuren. Seitenlang und erstaunlich intensiv wird das behandelt, und außerordentlich kenntnisreich wirkt das. So oft findet Handwerk in Romanen aus naheliegenden Gründen allerdings gar nicht statt, denn der dichtende Mensch macht in aller Regel eher Erfahrungen am Schreibtisch als an einer Werkbank. Er kennt sich oft einfach nicht aus, und zwar schon gar nicht mit vernünftigen Berufen.

Diese Geschichte hier wirkt aber besonders kundig. In der Tiefe und auch im Detail wird diese besondere Arbeit verhandelt und abgebildet. Es ist außerdem handwerkliche Arbeit, die in einem kleinen Familienbetrieb stattfindet, vor einem dörflichen, provinziellen Hintergrund.

Und diese Familie wird, auch das ist selten geworden, als funktional dargestellt. Fast liest es sich seltsam, nicht wahr, aber diese Familie ist tatsächlich intakt und okay. Die Mitglieder kommunizieren vernünftig miteinander, sie können außerdem gut mit Krisen umgehen. Sie klären Konflikte, und zwar sogar, Achtung, ohne dass die Darstellung der Auflösungen kitschig oder unglaubwürdig wirkt. Nicht einmal ansatzweise wirkt es so, als sei hier etwas versüßt worden.

Und jetzt alle: „Das gibt es ja heute kaum noch.“

Schließlich werden in einem kafkaesken Sinne die Macht, Ausstrahlung und Kälte eines gigantischen Einkaufszentrums in der Provinz ausführlich geschildert. Wobei uns bekannte Einkaufszentren nur ein wenig hochgerechnet werden müssen, um diese Wirkung auf Menschen und Stadtplanung zu erzielen.

Zum Vormerken für Geschenkaktionen also folgende Schlagwörter: Handwerk, Töpferei, Familienbetrieb, Einkaufszentrum.

Trotz einiger Anstrengung – man kann es nicht mal eben nebenbei konsumieren – habe ich es gerne gelesen, dieses Buch. Aber es geht jetzt zurück in den öffentlichen Bücherschrank.

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