Mittwoch

Bemerkenswerte erste Male, ich habe einen veritablen Ansteckungsalbtraum. Was allerdings auch kein Wunder ist, wenn ich mir mein Umfeld so ansehe, die Einschläge kommen näher.

Weitere Folgen Mythic Quest gesehen, mehrfach gelacht. Das ist allerdings auch bemerkenswert.

Da das Wetter sich nicht ändert und sich auch sonst nichts mehr ändert, sitze ich hier gefühlt in immer gleicher Haltung am immer gleichen Schreibtisch, zu einer Uhrzeit, die vollkommen egal ist, an einem Tag, der auch nichts ausmacht, in irgendeinem Monat, who cares. Links das Firmennotebook, rechts das private Notebook, ich lese irgendwas, ich schreibe irgendwas. Es wird immer so bleiben und sich vermutlich nie mehr ändern, man muss sich Sisyphos als neustartenden Menschen im Home-Office vorstellen.

Ein Sohn kommt rein und fragt, was es mit Lübeck damals auf sich hatte. Ich sage, dass das ein weites Feld sei und überlege kurz, ob ich darüber nicht sogar Bücher geschrieben habe. Dann erklärt er allerdings, dass er die Sache mit der Hanse meine, nicht meine Herkunft. Okay. Königin der Hanse und so, rauf bis Edinburgh und rüber nach Nowgorod, da konnte man noch reisen! Und raus! Das waren noch Zeiten, sage ich, das waren noch Zeiten.

Ich führe etliche Telefonate wegen der einigermaßen unklaren Versorgungslage meiner Mutter nach ihrem Krankenhausaufenthalt. Ich gehe zwischendurch zum Bücherregal, nehme den Kafka raus und lese etwas nach, dann führe ich noch ein Telefonat. Und lese noch einmal nach. Falls Sie im Kontext dieser Pandemie auch mit öffentlichen Stellen reden müssen, machen Sie das besser nicht nach, es ist unheimlich.

Und falls Sie übrigens mit dieser Information etwas anfangen können, heute ist Mittwoch, ich habe gerade nachgesehen. Mittwoch, Mittwoch, Mittwoch. Es sagt nicht mehr, wenn man es öfter schreibt, es rührt sich nichts, der Mittwoch ist tot, Jim.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

 

Take what you need

Sonntagabend. Um 21 Uhr, exakt zu Beginn der Hamburger Ausgangssperre also, fährt ein Auto an unserem Haus vorbei. Aus dem Auto kommt laute Musik, es sind Liedzeilen, die man kennt: „You must leave now, take what you need …“ Das scheint mir nicht passend zu sein. Ich überlege, eine Ausgangssperrenplaylist anzulegen, verwerfe den Gedanken aber aus Zeitgründen wieder, ich kann mich auch nicht um alles kümmern. Wobei sich das „I’m going home“ aus der Rocky Horror Picture Show um viertel vor neun schon anbieten würde, nicht wahr. Ich sehe aus dem Fenster, es ist kein Mensch mehr auf der Straße zu sehen.

Am frühen Montagmorgen sitze ich am Schreibtisch und frage mich, warum heute alles noch trüber als sonst wirkt, noch bedrückender und düsterer. Dann fällt es mir auf, ich habe die Jalousien nicht hoch- und das Licht nicht angemacht. Manchmal ist es ja einfach.

Ich mache die Jalousien hoch, der Himmel ist blau. Also schwach blau. So ein grau eingefasstes Immerhinblau ist das, ich will hier nichts beschönigen. Der Himmel ist geradeebenblau und es ist nach wie vor zu kalt da draußen, ich merke es, als ich mich kurz aus dem Fenster lehne. Nein, so geht Frühling nicht. „In Norddeutschland setzt sich Meeresluft polaren Ursprungs durch und gestaltet das Wetter unbeständig.“ Ich dagegen, ich sitze am Schreibtisch bei gleichbleibender Raumtemperatur und gestalte alles beständig.

Muss ja.

Zwischendurch telefoniere ich wegen der einigermaßen unklaren Lage meiner Mutter mit Behörden, lande schließlich beim Infektionsschutz und höre dort lange – sehr lange – die Warteschleifenmusik. Dort läuft, es ist kein Scherz: „You left me just when I needed you most.”

Ansonsten: Es ist alles ein riesiger Fuck-up. Bis zur Pandemie schleichend und jetzt steht alles kurz vor dem tatsächlichen Kollaps.

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Die Brücke der Beschränkungen

In den Nachrichten geht es um die Bundesnotbremse. Da mal dran ziehen! Und außerdem wird die Brücke der Beschränkungen erwähnt, die erinnert seltsam an Begriffe aus der chinesischen Politik von damals, der große Sprung musste über die Brücke der Beschränkungen, so etwas in der Art.

Und gewisse Herren möchten also demnächst Kanzler werden. Aha. Ich nicht, denke ich beim Lesen, ich nicht, und das macht es ja schon einmal einfacher, da kommen wir uns wenigstens nicht in die Quere, diese Herren und ich. Ich überlege aber, wo ich schon einmal beim Thema Werden bin, was ich eigentlich werden möchte. Dazu ist man nach gewissen Sachbüchern immerhin nie zu alt und man soll ja dauernd das mit der Bucket List machen, aber ich finde die Frage leider nach wie vor irre schwierig. Ich habe kein Karriereziel, schon lange nicht mehr. Ich möchte im Grunde nicht einmal einen Beruf haben, bitte, ich möchte einfach nur sein, wie die Blümelein auf dem Felde, da war doch was, nein, die Vögelein unter dem Himmel waren es. Oder so. Das ist ein umwerfend schlichter Gedanke, werden Sie vielleicht urteilen, aber es ist die Wahrheit, ich bin weitgehend ehrgeizlos. Vielleicht ist es ein Defekt, vielleicht ist es ein Segen, ich bin mir gar nicht sicher, was es ist. Es ist auf jeden Fall der Grund, warum mich von allen Einkommensarten das von den LeserInnen hier eingeworfene Geld immer am meisten freut, weil ich das vermeintlich dafür beziehe, wie ich bin. Denn das Schreiben fällt bei mir nicht mehr unter Tätigkeit und Pflicht, das fällt unter Sein. In Meike Winnemuths Gartenbuch, gerade sehe ich die Zeilen, steht ein Absatz über selbstbelohnendes Verhalten: „Die entscheidende Frage ist immer: Würde ich es tun, wenn es kein Geld dafür gäbe? Wer das mit „ja“ beantwortet, hat alles richtig gemacht.“ Ich würde immer schreiben, nehme ich an. Das Schreiben gehört zum Leben dazu, das ist in meinem Fall also fremdbelohnt und auch selbstbelohnend und daher wohl so etwas von richtig.

Was soll ich ansonsten werden, was soll ich sein? Und versuche gut zu sein, wie die Anweisung bei Wolfgang Borchert hieß, das hatte ich neulich gerade schon, das ist ja wohl schwer und unlösbar genug, was denn noch alles?

Im Grunde finde ich alles so dermaßen kompliziert, ich könnte problemlos den Rest meines Lebens mit dem stets bemühten Nachdenken darüber verbringen und würde mich sicher nicht langweilen dabei. Ich habe, wie schon oft festgestellt, eigentlich gar keine Zeit für einen Beruf. Ich finde das Leben an sich schon herausfordernd genug.

Ansonsten ist Home-School, versteht sich, immer ist Home-School, ich kann ja schon deswegen nichts werden. If-Sätze im Englischen. Versuchsprotokolle zu Schallexperimenten, bis hier keiner mehr das Wort Dosentelefon ertragen kann. Der Aufbau der Stadt im Mittelalter, die Rolle der Zünfte und die der Hanse. Dezimalbrüche. Und immer so weiter und weiter und weiter, das Leben ist eine lange, ruhige Home-School-Stunde. Oder es ist Home-Office, die Unterschiede verschwimmen hier ab und zu. Man hat viele und lange Online-Meetings, man macht Aufgaben, man gibt etwas ab. Egal.

Würde ich Home-School machen, wenn ich kein Geld dafür bekäme? Ach nein. Falsche Frage, Thema verfehlt.

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Ja, okay

Ich höre weiter Joey Goebels „Irgendwann wird es gut“, es ist nach wie vor gemein und teils schwer auszuhalten, aber gut ist es eben auch. Er beschreibt gründlich scheiternde Personen so detailliert und nachvollziehbar, man scheitert unfreiwillig mit denen mit und es fühlt sich erschreckend realistisch an. Man legt das Buch weg – oder das Handy mit dem Hörbuch, egal – und überlegt kurz, wenn man jetzt eine Figur in einer dieser Geschichten wäre, wie würde das eigene Scheitern dann wohl weitergehen? Und die Antwort, also wenn man sich denn überhaupt eine gibt, die ist nicht angenehm. So ein Buch ist das.

Kurz nach dem letzten Kapitel eskaliert hier eine Familiensituation dann so, wie es auch schön ins Buch gepasst hätte. Also unschön. Vorsicht bei der Lektürewahl! Jetzt wieder Gartenbücher lesen, „Was blüht denn da“ und irgendwas mit Vogelbestimmung. Keine Risiken eingehen.

Wir sehen mit dem Teenagersohn einige Folgen der Serie Mythic Quest. Hier eine Rezension dazu, die Folgen laufen bei Apple TV. Eine Sitcom, die in den Büros einer Firma spielt, die ein ungeheuer erfolgreiches Game entwickelt. Der Sohn ist begeistert und entwickelt präzise Berufswünsche, die Herzdame und ich amüsieren uns immerhin und verkneifen uns Hinweise auf unseren nicht ganz so lustigen Büroalltag. Aber gut, unsere Firmen entwickeln auch keine Games. Kann man jedenfalls gucken, diese Serie.

In den Nachrichten finde ich das neue Wort Öffnungsblindflug. Das versteht man vermutlich nur wenige Wochen lang. Wenn überhaupt. Außerdem neu: Die Testangebotspflicht, die klingt nach Politik und Durchmogeln und behördlicher Verordnung, die niemand versteht. Der Öffnungsblindflug wirkt dagegen doch viel spannender. Apropos Öffnungen, hier ruhig einmal das Update vom 09.04. lesen.

Meine Mutter wird überraschend schnell aus dem Krankenhaus entlassen, hat also Corona wohl überstanden. Allerdings soll sie noch mehrere Tage in häusliche Quarantäne, also vielleicht doch noch nicht ganz? Das weiß kein Mensch, das sagt einem auch keiner genau und was Information und Organisation rund um diese Erkrankung betrifft, ist überhaupt alles ziemlich unterirdisch. Keine Stelle redet mit der anderen, niemand informiert freiwillig irgendwen oder Angehörige. Nanu. Das Gesundheitsamt ruft mich sieben Tage nach der Infektion an und möchte Informationen von mir, die nur das Krankenhaus haben kann. Nach Kontakten fragen sie mich allerdings nicht. Ich schlage das dann vor, auch danach zu fragen: „Ja, okay.“ So viel zum Thema Nachverfolgung.

Ich fahre Einkäufe für uns und für meine Mutter durch die Gegend und gehe dabei nacheinander in vier Läden in zwei Stadtteilen. Ich sehe dabei so dermaßen viele Menschen … ich bin das gar nicht mehr gewohnt, das fühlt sich unangenehm belastend an. Überhaupt kommt es mir in letzter Zeit vor, als würden die Läden immer voller werden. Wie kann das sein, was geht hier eigentlich vor? Kaufen immer mehr Menschen immer öfter ein, weil es nun einmal für viele die einzige Methode ist, überhaupt noch andere zu sehen, treibt es daher alle rudelweise in die Supermärkte, Einkauf als Event? Oder gibt es diese Veränderung gar nicht und ich werde in Wahrheit nur immer empfindlicher, dünnhäutiger und distanzierter und bin im Grunde längst überreif für den Job als Leuchtturmwärter? Ich weiß es nicht.

Egal. Jetzt freie Leuchttürme googeln.

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Unfassbar lecker

Ich finde es bereits jetzt unerträglich, dass alle Nachrichten vor dem Hintergrund des Wahlkampfes gedeutet werden, auch dann, wenn sie gar nicht so gedeutet werden müssen, aber es könnte ja sein. Es ist alles nicht echt, es ist Wahlkampf, er oder sie meinen es nicht so, sie sagen das wegen der Wahl, ach so. Und sonst eben nicht, und danach schon gar nicht. Sie hängen auch schon wieder Plakate auf, die sie sonst nicht aufhängen würden, da sind Köpfe drauf und ein Spruch, das ist Werbung. Ich habe da einmal sogar mitgemacht, weil ich kurz in einer Partei war, alles auch einmal von innen ansehen! Ich fand es aber auch nach langem Nachdenken und zugewandtem Gutfindenwollen immer noch abgrundtief dämlich, ich möchte das nicht, aber ich bin auch in keiner Partei mehr. Wenn ich König von Deutschland wär, was ich mir übrigens zu anstrengend vorstelle, um es wirklich erstrebenswert zu finden, ich würde Demokratie unter mir gut finden, aber ich würde die Verbindung von Parteipolitik und Werbung einfach verbieten. Sollen sie alle irgendwo ihre Programme auslegen, soll es so etwas wie Wahlomaten geben, das muss reichen, alles andere nervt und das Herunterbrechen von politischen Inhalten auf Marketingfloskeln ist einfach eine intellektuelle Zumutung und geht vermutlich schon seit der attischen Polis nicht mit rechten Dingen zu. Das mal abschaffen.

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Ich hatte gestern so einen seltsamen Moment, da wusste ich nichts mit mir anzufangen. Ich habe mir Tiktok installiert und die Vorschläge dort durchgesehen, aber es ging da so oft um patente Haushaltstipps und super Methoden, wie man irgendwas reinigen kann, auch Sachen, die ich noch nie im Leben gereinigt habe, also wirklich, was ist denn das für eine belastende App? Man sieht hoch und alles ist staubig und dreckig, das ist doch furchtbar. Und wenn das meine Söhne auch sehen, wieso putzen sie dann nicht dauernd irgendwas, wirkt das Influencen am Ende gar nicht oder was. Ich habe dann so lange Koch-Videos geliked, bis mir nur noch Filmchen gezeigt wurden, in denen jemand in wenigen Minuten „unfassbar leckere“ Gerichte gekocht hat, alle haben das immer so bewertet, Löffel in den Mund, Blick nach oben: „Unfassbar lecker!“ Ich koche heute einfach auch so rasend schnell und werfe alles mit viel Schwung zusammen und es wird „unfassbar lecker“, liebe Leute, das sagen die da nämlich auch immer: „Liebe Leute!“ Ich dachte, diese Anrede sei längst ausgestorben, aber nein, die lebt und wirkt wie damals, jovial, flippig und einladend, haha.

Egal. Jetzt putzen.

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Eine ganze Stunde

Im Krankenhaus kann man in der aktuellen Situation niemanden besuchen, auf keiner Station. Man gibt Sachen, die man mitgebracht hat, am Empfang ab und die landen dann auf einem großen Rollwagen, der unter all den Koffern und Taschen seltsam nach Urlaub und Hotel aussieht, von dem aus werden sie dann irgendwann verteilt. Wir fahren durch Regen, durch Hagel und Schnee wieder nach Hause, sogar über eine frischweiße und also tatsächlich glatte Straße, das habe ich mangels Winter in Hamburg lange nicht mehr erlebt. Wir sind so etwas nicht mehr gewohnt, ein Wetter, das einen irgendwie einschränken möchte. Es geht nur langsam voran, die halbe Stadt spielt Stop and Go und da stellen wir nebenbei auch fest, dass es auf allen großen Straßen normal voll ist, also richtig voll. Von wegen Lockdown, von wegen Einschränkung der Mobilität und der Kontakte. Aber bestimmt fahren die alle nur im Kreis und treffen gar keine anderen Menschen, das wird es sein. Oder sie bringen alle nur Zeug in die Krankenhäuser, so wie wir.

In der Home-School geht es um Schall, um Fastentücher von Misereor (die kannte ich nicht, ich lerne auch etwas dabei), um eine Personenbeschreibung und in Mathe um etwas, das enorm kompliziert aussieht, aber gottseidank von mir nicht verstanden werden muss, weil das, so sagt der zuständige Sohn, doch easy sei. Gut dem Dinge! Dann noch die Zahlen von 1 bis 100 auf Französisch. Die spinnen, die Franzosen. Aber wir natürlich auch, mit unserer selten dämlichen Nennung der Einerstelle zuerst, das ist schon auch sensationell blöd.

Am Vormittag habe ich unverhofft eine ganze Stunde ohne Störung und Ablenkung. Ich arbeite konzentriert, zügig und mit vorzeigbarem Ergebnis und erinnere mich dunkel, dass es das früher öfter gab und dass es manchmal ganz schön war, einfach arbeiten können, sogar bei Routinearbeit. Mein pflichtgemäßes Ding machen und durcharbeiten können, solange ich eben brauche! Auch das gab es einmal, und ich habe tatsächlich etwas Sehnsucht danach. So läuft es also mit der Verklärung. Im nächsten Schritt spreche ich dann mit bebender Stimme vom Großraumbüro, ist klar. Na, wir wollen nicht übertreiben.

Hier noch ein paar Links, warum auch nicht.

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Über den Wert geistiger Arbeit

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Ach, es fühlt sich überhaupt nichts richtig an.

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Eltern sind der letzte Rest

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Zwei Sorten Schnee

Am Montag schneit es von oben und unten zwei Sorten Schnee, das habe ich so auch noch nicht gesehen und brauche eine Weile, bis ich das verstehe, was da vor dem Fenster passiert: Von unten treibt es die weiße Obstbaumblüte in den Böen üppig und konfettihaft zerfetzt nach oben, von oben fällt der reguläre und reichliche Aprilschnee, in der Mitte eine unordentliche Zone der Vermischung und des quertreibenden Übergangs – erinnert Sie das auch an etwas? Damals, mit der Zimmerantenne? Einer steht auf dem Tisch und die anderen rufen: „Bleib so! Nein, mehr rechts! Bleib so!“ Und dann doch wieder nur der Schnee auf dem Schwarzweißbildschirm? Na, was einem so wieder einfällt an Bildern aus der Steinzeit, im Assoziationsgalopp. Zimmerantenne! Schwarzweiß! Das klingt doch alles schon vollkommen unglaubwürdig, wie alt können wir eigentlich sein.

In dieser Woche haben wir hier also Home-Office und Home-School mit den bereits gestern erwähnten Klassenarbeitsersatzleistungen und Vokabeltests und was weiß ich noch womit, Hauptsache ordentlich Druck. Wind von vorn! Wir haben ferner die Mutter im Krankenhaus, für die jetzt dies und jenes organisiert werden muss, wofür wir zwischen zwei eher abgelegenen Stadtteilen hin- und herfahren müssen, wobei aus unserer Stadtmittesicht allerdings so ziemlich alle anderen Stadtteile arg abgelegen sind. Es wird also zeitlich etwas eng, to say the least. Sie werden das den Artikeln hier in den nächsten Tagen womöglich anmerken. Ich versuche stoisch, dennoch zu berichten, denn ohne Berichte macht es alles noch weniger Spaß, so muss und will ich das sehen. Vielleicht gibt es öfter kürzere Beiträge, das kann sein. Vielleicht scheitere ich auch, und das macht dann nichts.

Ich hörte auf Spotify die erste Kurzgeschichte aus dem Band „Irgendwann wird es gut“ von Joey Goebel, Deutsch von Hans M. Herzog, gelesen von Claudius Körber. Die Geschichte war mir unsympathisch, weil ich das Thema nicht mochte, es ging um Stalker, aber sie ist sehr gut erzählt, das habe ich bei einer Kurzgeschichte schon ziemlich lange nicht mehr gedacht. Aber diese –wirklich gut. Das hat etwas. Da mal weiterhören!

Sohn I übrigens, ich sah es eben mit Staunen, als ich an seinem Zimmer vorbeiging, entspannt sich am Abend nach der Home-School, indem er auf einem riesigen Bildschirm durch fremde Städte fährt, bzw. sich fahren lässt und dabei die örtlichen Radiostationen hört. Das kannte ich nicht, hier findet man das. Viele Städte sind da im Angebot, vermutlich sind sie alle coronafrei. Auf den ersten Blick gefiel mir Buenos Aires z.B. sehr. Amsterdam ist aber auch nett.

Ich sehe noch eben die Nachrichten durch, gibt es neue Begriffe? Natürlich gibt es die. Den Brücken-Lockdown etwa, den haben Sie gestern gewiss auch mitbekommen. Sicher erfindet auch bald jemand den Schaltlockdown, um irgendwelche zeitliche Anomalien auszugleichen, ich freue mich schon darauf.

In den Timelines tauchte ferner der Bundeslockdown auf, der ist auch schön. Neu ist außerdem die Osterverzerrung, die versteht dann in zwei, drei Jahren hoffentlich kein Mensch mehr.

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Wir passen uns an

Wir gehen zum Corona-Test. Wir gehen durch Straßen, da muss man auf der linken Seite eine Maske tragen, auf der rechten aber nicht. Auf anderen Straßen muss man die Maske an Werktagen tragen, auf wieder anderen aber an Sonn- und Feiertagen. Man muss schon ein wenig aufpassen, wenn man alles richtig machen möchte.

Die Tests finden in einem umgebauten Laden statt. Läden braucht gerade keiner, Tests aber schon. Es ist alles sehr gepflegt und stylish, die Frau am Empfang hat weißgefärbte Haare, die passen zu ihrem weißen Schutzanzug und ich bin in einem Film. Es ist alles überzeugend, ein Dystopie-Setting. Ich bin in einer anderen Welt. Alles ist surreal, Tests in Umkleidekabinen, Gegenstände in Körperöffnungen, sekundenschnell vorbei, superfreundliche Menschen im blauen Plastikdress, überfreundlich jedenfalls für Hamburger Verhältnisse, hier, das können Sie dann scannen, wir wünschen ihnen schöne Ostern, dort geht es raus, und man nimmt das alles so hin, die ganze absurde Szene. Man nimmt erstaunlich vieles einfach so hin. Das ist unsere Hauptbegabung, weit vor der ach so tollen und immer gehypten Intelligenz, die zurzeit ohnehin nicht überzeugt, wenn man uns in der Gesamtheit ansieht, schlau geht doch anders. Nein, wir nehmen hin und passen uns an, das ist wichtiger. Wir wachen auf und die Welt ist eine andere, egal, wir justieren die Einstellungen und machen weiter. Wie die Ratten und die Kakerlaken, unsere Brüder und Schwestern im Geiste. Wir kommen durch.

Die Tests waren dann negativ, was ja positiv ist, in diesen seltsamen Zeiten.

Ich sehe am Abend mit der Familie die Serie Magnus Trolljäger bis zum Finale (ARD Mediathek). Die erste Folge davon hatte mir nicht gefallen, ich hätte da abgebrochen, immer bin ich zu ungeduldig für alles. Die anderen wollten aber weitermachen und sie lagen auch richtig. Die Story entwickelt noch einen komplett irrwitzigen Humor, das war gut und ablenkend. Jugendfrei ist das allerdings nicht, es gibt in einer Folge triebgesteuerte Fabelwesen, die sich entsprechend verhalten, das muss zum Aufklärungshorizont des Nachwuchses passen. Und es war wieder Norwegen, wie bei den Beforeigners. Seltsam. Jetzt gezielt nach norwegischen Produktionen sehen? Oder auf Skandinavien verallgemeinern?

Ich mache mit Sohn I Französisch. In Hamburg gibt es keine Ferien, in Hamburg gibt es weiterhin Klassenarbeitsersatzleistungen, ein Wort mit so zackigem Klang, man möchte beim Schreiben eine Uniform anziehen und danach Vollzug melden. Es geht um Objektpronomen. Wir gucken ein Video dazu, ich weiß auch nicht alles. In dem Video heißt es, der wichtigste Satz zu diesem Thema sei „Je t’aime.“ Ich finde das sofort einleuchtend. Ich liebe dich und du bist mein Beispiel für ein Objektpronomen, also wenn das nicht überzeugt? Gib mir Grammatiknamen, ja, dekliniere mich … pardon, es geht gleich wieder. Bitte, beuge mich, so hieß es damals bei Morgenstern.

Ich träume nachts von Heinz Eckner, was auch immer mein Unterbewusstsein mir damit sagen will. Heinz Eckner, wissen Sie noch, der war immer bei Rudi Carrell dabei. Der war nett, ich glaube, das war seine Hauptfunktion. Er führte Kandidatinnen von links nach rechts und zurück und machte bei Sketchen mit. Ich stelle mir vor, dass Heinz Eckner bei uns im Flur steht und mich von Zimmer zu Zimmer führt, wenn ich etwas machen möchte oder muss, so freundlich untergehakt und heiter plaudernd. Kommen Sie, Herr Buddenbohm, wir gehen da eben rüber zur Home-School. Der Gedanke gefällt mir. Sehr.

Am Ostermontag greift der Wind unter die Dachfenster, und Regen klatscht er so laut dagegen, dass ich noch im Bett den ausgesprochen gemütlichen Gedanken habe, dass heute wirklich kein Wetter für Menschenansammlungen ist. Das ist kein Tag für Masseninfektionen, gesundes Wetter ist es also. Und der Regen trommelt und trommelt immer wilder, als Cool Jazz geht das längst nicht mehr durch, wahre Sturzbäche sehe ich auf der Scheibe, das ist alles gut so. Ich könnte gleich in den Garten fahren und zum Pfirsich „Siehste!“ sagen, aber so rechthaberisch bin ich auch wieder nicht.

Ich gehe Brötchen holen. In der Bäckerei stehen fünf Menschen in der Schlange, alle sind sorgsam auf Abstand bedacht. Sie bewegen sich betont vorsichtig umeinander herum, da passen überall 1,50 Meter dazwischen, locker passen die. Neulich die Szene im Discounter, das war doch noch das Gegenteil. Da war wüstes Gedränge. Es ist aber dieselbe Stadt, es liegen nur zwei Tage und ein paar Meter und keine neuen Nachrichten dazwischen. Man sieht nicht, wie es ist, es sind alles nur Ausschnitte, Geflacker. Eine Ecke weiter ist es anders.

Was steht in den Nachrichten, da noch schnell nachsehen und neue Wörter einsammeln: Die Impf-Rakete und die Impf-Offensive stehen da. Man bekommt fast Angst vor herumfliegenden Spritzen, nicht wahr.

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Links am Morgen

I’m speaking

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Petra ist gestorben, in meiner Timeline fehlt jemand. Wenn ich mir eine jenseitige Timeline vorstelle – sie füllt sich allmählich.

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Eine Impfung

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100 Dinge, die bei der CO2-Wende schieflaufen

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Aber der Rückstau

Am Karsonnabend, wenn der überhaupt so heißt, gehe ich noch einmal einkaufen. Der Laden ist brechend voll, niemand hält irgendwo Abstand, es ist alles egal, egal. Man muss doch für zwei Tage einkaufen, die Lage ist also furchtbar ernst, das geht vor. In den Regalen sieht man hier und da klaffende Leerstellen. Davor werden Mutmaßungen angestellt, ich höre etwa, dass das alles an dem Schiff da liege. Aber das sei doch wieder flott, sagt eine, aber der Rückstau!, sagt die andere und einer nickt zustimmend und einer schüttelt sichtlich amüsiert den Kopf, aber jedenfalls gibt es keine Sahne und kein Vollwaschmittel und keinen Dosenmais. Diese Lücken, diese entsetzlichen Lücken, die Leute murren und knurren. Wann kommt das denn wieder rein? Das wissen wir doch nicht! Und Schnelltests? Also hier nicht.

Im Garten aber blüht der Pfirsich. Ich diskutiere das mit ihm und weise ihn nachdrücklich darauf hin, dass das zu früh sei. Ich zeige ihm auch gleich den Wetterbericht auf dem Handy, die Schneesymbole, die Minusgrade, alles ab morgen schon, sage ich nachdrücklich, Graupel auch und eiskalter Regen. In den Boulevardmedien ist sicher schon die Rede von einer Polarpeitsche oder wie das da heißt, ich sehe lieber gar nicht erst nach. Der Pfirsich hebt unbeeindruckt pinkfarbene Schönheiten zum Himmel und entfaltet sie langsam vor dem allzu überzeugenden Blau. Man kann nun einmal nicht allen helfen.

Meine Mutter ruft an, es geht ihr nicht gut. Es geht ihr so dermaßen überhaupt nicht gut, dass ich ihr lieber einen Krankenwagen rufe. 112, das letzte Mal habe ich das gewählt, als die Wohnung unter uns brannte, das ist ein paar Jahre her. Ich sage, worum es geht, der Mensch in der Notrufzentrale sagt: Gut, schicken wir da mal einen Wagen hin, und dann will er auch schon auflegen. Ich sage, dass es vielleicht zweckmäßig wäre, den Namen der betroffenen Person zu erfragen, nein? Weil man ja irgendwo klingeln muss? Jo, sagt der Mensch, gute Idee eigentlich. Ich gebe den Namen meiner Mutter durch.

Zwei Stunden später ist klar: Lungenentzündung, Covid-19. Und daran ist übrigens etwas beunruhigend, was Sie vielleicht auch beunruhigen könnte oder sogar sollte, meine Mutter ist nämlich so ziemlich der kontaktloseste Mensch, den man sich nur vorstellen kann. Jedes Klosterleben ist übertrieben gesellig gegen ihren Alltag. Und dennoch. Da mal drüber nachdenken!

Wir checken den Kalender, wer hat wen wann gesehen. Wir können an der Infektion eigentlich weder beteiligt gewesen sein noch sie abbekommen haben. Eigentlich. Wir vereinbaren Testtermine für den Ostersonntag, so füllt sich das Festtagsprogramm.

In Hamburg gilt ansonsten seit Freitag Ausgangssperre. Habe ich das also auch einmal erlebt, das kannte ich bisher nur aus Filmen und Romanen. Die Sperre folgt exakt meinem Biorhythmus und gilt von neun Uhr abends bis fünf Uhr morgens. In dieser Zeit würde mich eine Ausgangspflicht wesentlich mehr stören, in dieser Zeit bin ich normalerweise nicht in diesem Draußen und will da auch nicht hin. Das Für und Wider der Ausgangssperren ist mir daher vollkommen egal, ich kann mich auch nicht um alles kümmern und das ganze Herummeinen kostet am Ende auch Kraft. Mein Herummeinen richtet sich daher heute nur gegen gewisse Vorgänge in Stuttgart, das allerdings gründlich. Was erlauben Staat? Wie können solche Demos möglich sein?

Ich liege um zehn Uhr immerhin noch wach im Bett und lausche interessiert in die Dunkelheit. Es ist tatsächlich so wenig zu hören wie sonst nur auf dem Land. Keinerlei Renitenzgeräusche von irgendwem. Osterruhe, kein Verkehr, keine Spaziergänger, keine Gespräche von der Straße, kein Hundebellen aus der Ferne, keine Schiffssirenen aus dem Hafen, keine Züge vom Hauptbahnhof, keine Musik aus irgendeiner Wohnung, gar nichts. Nur meine Atemzüge, fast schon unheimlich. Dunkeltuten, wie wir hier sagen.

Irgendwo denkt jemand nach, stelle ich mir vor. Aber ich nicht, ich schlafe früh.

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