The siptibble

Wenn ich in den Garten fahre, komme ich an einem Bordell vorbei. Endlich mal wieder ein interessanter Einstieg in den Text, nicht wahr, das wurde auch Zeit. Es ist wohl sogar Hamburgs größtes Bordell, wenn ich die Pressemeldungen zur Eröffnung recht erinnere. Aber keine Sorge, das wird hier keine private Beichtstory, ich assoziiere hier gleich nur ein wenig herum, weil das Bordell nämlich einen Namen hat, der Name lautet Babylon. Babylon wie Sündenbabel, haha, geiler Name, voll deep. Aber immer noch besser als das andere Bordell, an dem ich auf dem Weg zur Arbeit vorbeikomme, das heißt nämlich, kein Scherz, Geiz-Oase, und wenn das mal nicht der ultimativ schlimmste Name für so eine Einrichtung ist.

Babylon jedenfalls soll also nach Sünde klingen, das klappt bei mir aber nicht, denn immer, wenn ich da vorbeiradle, denke ich an zwei ganz andere Verbindungen, keineswegs an die Sünden des Fleisches, wenn ich das mal so katholisch ausdrücken darf. Wobei ich da ganz kenntnislos bin, also beim Katholischen, nicht beim Fleisch.

Ich denke nämlich erstens, Bildungshuber der ich bin: “Die Mitternacht zog näher schon, in stummer Ruh lag Babylon.” Das ist der Anfang von Heinrich Heines Belsazar, den ich ich irgendwann einmal komplett aufsagen konnte, es ist allerdings schon eine ganze Weile her. Ist Ihnen einmal aufgefallen, dass es in der ersten Zeile in rheinischer Betonung ”schonn” heißen müsste, damit es sich ganz korrekt reimt? Oder in der zweiten Zeile norddeutsch gedehnt Babyloon? Ja, der Heine. Auch so ein Filou. An dieser Stelle muss für die neuzugestiegenen Leserinnen noch einmal an den vielleicht besten Zweizeiler von Erich Mühsam erinnert werden: “Der ist ein großer Schweinehund, dem je der Sinn für Heine schwund.” Aber ich schweife ab.

Assoziativ jedenfalls ist der Belsazar natürlich völlig falsch, wenn man es einmal unter dem Bordellmarketinggesichtspunkt betrachtet, denn das Ende des Gedichts ist ja eher unerfreulich in Sachen Lohn der Sünde, Lust bekommt man da nicht. Mene mene tekel uparsin! Das möchte man ja nicht.

Belsazar ward aber in selbiger Nacht

Von seinen Knechten umgebracht.

Die andere Assoziation bezieht sich auf Boneys M., die Älteren erinnern sich. Bei dem Song “Rivers of Babylon” war ich zwölf Jahre alt und es war einer der ersten Songs, die ich mitsingen konnte, ohne ihn recht zu verstehen, denn die Top-Schlagertexthefte hatte ich da noch nicht für mich entdeckt, das dauerte noch etwa zwei Jahre. Also ein paar Zeilen verstand ich bei dem Lied schon, es lief auch sehr oft im Radio und in Musicboxen, da hatte man viel Gelegenheit, sich dem Text wieder und wieder anzunähern. By the rivers of Babylon, there we sat down, das ging doch ganz einfach los. Dann wurde es leider etwas unklar, und dann wurde es völlig unverständlich. Schließlich die Männerstimme, da verstand ich plötzlich wieder etwas – let the words of our mouth and the meditations of our heart … und dann kam “be a siptibble in … ja in was? Und was zum Teufel war denn eigentlich ein siptibble?

Das Wort “acceptable” kam in meinem Vokabular damals noch nicht vor, also sang ich eben stur vom siptibble, man konnte nämlich auch ohne brauchbares Bild von etwas singen. Und tanzbar war das auch, aber hallo.

Let the words of our mouth and the meditations of our heart

Be acceptable in thy sight here tonight.

Ich erlebe das jetzt wieder bei den Söhnen, dass sie ganze Songs mitsingen können, die sie gar nicht verstehen, manchmal sogar nicht einmal den Refrain. Und weil die Welt sich seit meiner Kindheit weitergedreht hat, ist es bei ihnen etwas anders als bei mir, sie singen nämlich auch spanischsprachige Songs mit. 1978 aber war der Latinpop noch nicht einmal erfunden – oder er hatte es zumindest noch nicht bis Lübeck geschafft, das kann natürlich auch sein.

So radele ich also auf dem Weg zum Garten an dem großen Bordell vorbei und denke an Heinrich Heine und an meine Kinder, das ist so sicher nicht beabsichtigt. Es ist vermutlich wirklich schwierig, so einen Laden anziehend zu benennen, wenn man mal drüber nachdenkt. Auf dem Weg ins Heimatdorf der Herzdame fahren wir an einem Bordell in irgendeinem Dorf in Niedersachsen vorbei, das heißt “Romantik-Treff”. Ist das nicht wahnsinnig traurig? Einen Ort ausgerechnet nach dem zu benennen, was da sicher nicht ist? Der Name könnte glatt in einem Element-of-Crime-Song vorkommen, so traurig ist der. Vielleicht gibt es auch einen Romantik-Treff in Delmenhorst, doch, das würde ganz gut passen.

Wenn ich in den Garten fahre, komme ich an einem Bordell vorbei. So könnte auch eine Kurzgeschichte beginnen. Aber heute nicht.

Frühling, Rausch

Markus über einen Tweet über Stress. Der Mensch an sich kommt also schon länger zu nichts.

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Wir haben zwei Tage komplett im Garten verbracht, weswegen ich jetzt meine Arme kaum noch bewegen kann. Erdarbeiten und Gehwegplatten von links nach rechts räumen, das war gar nicht so einfach. Genau genommen habe ich die Platten erst von links nach rechts und dann noch nach weiter hinten geräumt, weil sie mir rechts nach einiger Bedenkzeit auch nicht gefielen. Habe mir vorgenommen, bei Gehwegplatten künftig etwas länger über die Stapelstandortwahl nachzudenken.

Ich habe außerdem die Beete für Kürbis und Zucchini vorbereitet, wir nähern uns immerhin Mitte Mai, dann geht es los. Eventuell liegen die Flächen allerdings einen Tick zu schattig, wir werden sehen. Also Sie sehen das dann, wenn Sie hier keine Erntebilder sehen, ganz einfach. Aber egal, ich bin Anfänger, ich darf alles falsch machen. Ich weiß ohnehin noch nicht, was in diesem Garten wo funktioniert, wir kennen bisher nicht einmal zu jeder Jahreszeit den Lichteinfall. “Do you see the light?” Die Blues Brothers, man hat so Assoziationen.

Sohn II hatte Besuch im Garten, einer aus seiner Klasse war am Sonntag da. Die beiden haben sich dann auch ein Beet angelegt, zwei sehr engagierte Nachwuchsgärtner. Sie haben sich ein passendes Plätzchen gesucht, das ich ihnen leider verwehren musste, weil sie dort für ihr Gemüsebeet erst einmal die gerade blühende und betörend duftende Magnolie umhauen wollten, die stand ihrem Vorhaben etwas im Weg. Wir haben dann gemeinsam ein besseres Fleckchen gefunden, das allen geeignet schien. Und sie saßen auf dem Rasen und wühlten sich mit Feuereifer durch meine Saatgutkiste, auf der heiklen Suche nach für beide irgendwie essbar klingendem Gemüse. Als ich an ihnen vorbeiging, sagte der Kumpel des Sohnes gerade: “Dein Vater weiß aber schon, dass man bei Saatgut keine F1-Hybriden kaufen sollte?”

Das Kind ist acht Jahre alt, sein Vater hat natürlich auch einen Garten, da wachsen Experten heran. Sie haben sich übrigens nach endloser Suche auf Schnittknoblauch geeinigt, weil geht auf Brot. Und auf Sonnenblumen, weil groß. Fallen Sonnenblumen unter Gemüse? Da standen sie dann irgendwann drüber, über dieser Frage, und da standen sie gut.

Die Herzdame arbeitete währenddessen im freundlichen Aprilsonnenlicht, sie trug ein neues Oberteil mit Blümchendruck und sah hinreißend aus, wie sie da vor dem neu angelegten Blühstreifen Steine aus dem Grund harkte, man lernt sich mit einem Garten auch in ganz neuen Posen kennen. Neben ihr die erblühenden Tulpen und die leuchtende Forsythie, ein Bild zum Verlieben. Und wenn man das schon denkt, dann kann man es ja auch machen.

Ich: “Würdest du mich eigentlich noch einmal heiraten?”

Die Herzdame ”Ach, na ja. Unterm Strich hat es sich doch halbwegs bewährt.“

Denn die Leidenschaft der Nordostwestfälinnen im Frühling, das darf man nicht vergessen, sie ist eine wahre Naturgewalt.

Freie Tage

Ich habe vor einiger Zeit eine neue Kalender-App auf meinem Handy installiert. Das habe ich ab und zu anfallsartig, dass ich denke, mit einer neuen Kalender-App klappt künftig alles besser, ganz ähnlich verhält es sich übrigens mit To-Do-Listen-Apps, ich bin da anfällig. Ach komm, machste mal, und ab morgen haste dann alles besser im Griff, den Alltag, das Leben, die Jobs. Ich mag neu installierte Apps dieser Art sehr, solche Apps, in die man dann feierlich einen ersten Termin und ein erstes To-Do einträgt, Montag zum Kinderarzt und Milch kaufen, dann lehnt man sich zurück und denkt: Geht doch. Wirklich sehr übersichtlich, so etwas.

Das Gefühl kenne ich übrigens noch aus meiner Kindheit, das hatte ich bei jedem neuen Schulheft, in dem ich dann die erste Seite in angestrengtester Schönschrift gefüllt habe, immer mit dem Gedanken im Kopf: Ab jetzt bist du gut. Gut und strebsam. Und ordentlich. Und überhaupt viel brauchbarer als bisher. Aber so kam es dann natürlich nicht, zwei Seiten weiter entglitt mir die Schönschrift schon wieder zur gewohnten Sauklaue, waren die Häuser vom Nikolaus wieder am Rand und auch “Franka ist doof” sowie die wenig schmeichelhaften Lehrerporträts, Kulikritzeleien. Es war hoffnungslos.

Apps dagegen werden nicht unordentlich, Apps werden nur uninteressant, das ist eigentlich netter und nicht ganz so demütigend. Man trägt einfach nichts mehr in den Kalender ein, man erfasst einfach keine To-Dos mehr – und das war es dann. Irgendwann löscht man die App, wenn man denn mal dazu kommt. Die aktuelle Kalender-App jedenfalls schickt mir Tagesbriefings, das ist eine ganz feine Sache. Denn da ich in den Kalender natürlich wieder nichts eintrage, bekomme ich jetzt jeden Morgen pünktlich um sieben Uhr eine Nachricht aufs Handy, sie hat den wunderbaren und jeden Tag zu feiernden Wortlaut: “Sie haben heute einen freien Tag.”

Jeden Morgen eine fette Lüge also. Aber eine schöne. Ich lösche diese App noch lange nicht.

Söhne, Handwerker, Angeber

Julia Karnick über Söhne und Computerspiele: “Wenn Mütter von Vorschlaghämmern träumen.

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Wir haben in Erwägung gezogen, wegen eines technischen Problems im Garten einen Profi, also einen Handwerker anzurufen. Darüber lachen die Parzellennachbarn vermutlich in zehn Jahren noch. Manchmal kommt man sich ja als Büromensch schon etwas minderbemittelt vor. Und, wo wir doch in diversen Blogs gerade über die Fähigkeiten sprachen, die man in der postapokalyptischen Welt braucht, hier ein ganz heißer Tipp: Haltet Euch nach der Apokalypse einfach an Schrebergärtner. MacGyver ist gar nichts dagegen.

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Ich denke ansonsten immer noch über meine Zugfahrten nach Berlin und zurück nach, die Sache mit den Handys lässt mir keine Ruhe. Im wahrsten Sinne des Wortes nicht, denn im Ruhebereich haben da alle lauthals telefoniert, Telefonate scheinen also gar nicht unter Unruhe zu fallen. Und wenn man sich fragt, was denn dann überhaupt noch unter Unruhe fällt, dann weiß man als Elternteil natürlich sofort die Antwort: Kinder vermutlich. Kinder stören, das weiß man, das hat man schon erlebt, Telefonate stören eher nicht so, das ist wohl das allgemeine Empfinden. Und das ist ein wenig seltsam, denn mich z.B. stören Telefonate erheblich. Kinder können ebenfalls stören, mich auch, versteht sich, aber Telefonate stören mich viel mehr. Gebellte Business-Erfolge stören mich sogar massiv, insbesondere bei den Leuten, die extra laut reden, und wenig sind das ja nicht, die da ihre prächtigen Verkäufe preisen, ihre Deals, ihre Projekte, Abschlüsse und so weiter. Sie telefonieren mit Genuss, der Eindruck drängt sich auf, und zum Genuss gehört es wohl, dass andere ihnen unbedingt dabei zuhören müssen.

Seltsam daran ist ja, dass so etwas dann ein ziemlich klarer Fall von Angeberei ist. Um einen herum sitzen im Zug lauter Angeber, warum eigentlich? Wenn man Kinder hat, dann hört man oft mit erheblicher Missbilligung vorgebrachte Kritik an Angebern in der Klasse oder in der Kitagruppe. Niemand mag Angeber, und zwar von Anfang an nicht. Kindergruppen sind sich ganz schnell einig, wer ein Angeber ist und wer nicht, das Urteil fällt schnell und vermutlich auch oft richtig, denn die Betroffenen geben sich ja bekanntlich alle Mühe, gut erkennbar zu sein. Für die klassifizierten Angeber und Angeberinnen ist es dann recht schwer, überhaupt noch Sympathiepunkte zu erreichen, die Angeberei ist einfach zu störend. Die Lage an der Basis der Gesellschaft ist also ganz einfach: Angeber sind doof und auch noch leicht zu identifizieren.

Warum ist dann aber der ganze ICE voll von Angebern, die beruflich erfolgreich sind? Denn das sind sie wohl, selbst dann, wenn man von ihren so überaus selbstgefälligen Schilderungen 50% abzieht, da bleiben immer noch genug Leistungen übrig und sie haben ja auch keine schlechten Jobs bei schlechten Firmen, das weiß man, denn sie erwähnen diese Firmennamen oft und deutlich genug, möglichst minütlich. Sie haben also etwas erreicht, alle scheinen sie dauernd etwas zu erreichen. Ist es am Ende so, dass wirklich niemand Angeber mag – außer Personalentscheidern?

Der andere Umstand, der mich immer noch irritiert, ist die in nahezu allen Gesprächen recht deutlich zum Ausdruck gebrachte Verachtung der jeweils anderen. Die anderen, also die Konkurrenten, die Kolleginnen, die Vorgesetzten, die Untergeben, die Kunden, wie auch immer – das sind immer die Dummen. Die trickst man aus, die hintergeht man, die legt man irgendwie rein: “Das merken die eh nicht.”

Und wenn man so in einem ICE sitzt, zwischen sechs, acht Handygesprächen, in denen jeweils die anderen die Doofen sind, dann kann man gar nicht mehr daran vorbeidenken, dass doch alle diese Telefonierenden auch selbst jeweils die anderen sind – und damit also die ganze Geschäftswelt auf der angenommenen Blödheit der anderen beruht und auf der kaum versteckten und eigentlich eingepreisten allgemeinen Absicht, alle zu betrügen und zu belügen.

Das ist jetzt natürlich keine umwerfende Erkenntnis, schon klar, darauf sind schon zwei, drei Leute vor mir gekommen. Aber man kann doch zwischendurch noch einmal kurz feststellen: Ein sinnstiftendes System ist das doch eher nicht, was wir da haben.

Kamma so machen, wa

Sven greift die Apokalypse-Frage auf und kann viel mehr als Patricia und ich. Aber er kennt keine essbaren Kräuter und wird also bald ein Skorbut-Problem haben, so ganz ohne Giersch. Irgendwas ist immer!

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Immerhin kenne ich jetzt seinen Vornamen.

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Ein langer Bericht über einen sehr großen Garten.

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Ich war einen Tag beruflich in Berlin. Berlin war wie immer, sehr warm und sehr freundlich, quasi Urlaubsparadies.

Am Hauptbahnhof habe ich eine längere Zeit skeptisch auf den S-Bahn-Plan gestarrt, ich neige nämlich dazu, mich in Berlin zu verfahren. Währenddessen stand ein telefonierender Handwerker neben mir, der immer nur “Kamma so machen, wa” sagte – und wenn jemand so einen Satz fünf-, sechsmal wiederholt, dann zähle ich unwillkürlich immer irgendwann mit und frage mich, ob er auch noch eine zweistellige Zahl erreicht, wie weit er wohl mit diesem einen Satz kommt. Aber bei der Wiederholung Nr. 12 bin ich dann in meine Bahn gestiegen – und es war auch die richtige Bahn. Kamma so machen, wa.

Ein paar Stationen weiter schließen sich die S-Bahntüren gerade, als eine junge Frau noch reinspringt, in allerletzter Sekunde, wirklich verdammt knapp. Und sie springt nicht irgendwie, nein, sie landet in einer Ballettfigur, wobei ich da vollkommen kenntnisfrei bin, sagen wir also lieber in einer Tanzfigur, filigran und formvollendet jedenfalls, so eine Figur, die Sie und ich nicht könnten, nie im Leben könnten wir die, alle Zehen würden wir uns brechen und dann die Schmerzen im Rücken und in den Knien, schon die Vorstellung! So eine Figur also, bei der man gleich sieht, die macht das wohl beruflich. Musical, Ballet, Showtanztruppe, irgendwas, in Berlin wird es ja einen Arbeitsmarkt in der Richtung geben.

Und die junge Frau richtet sich jedenfalls wieder auf aus ihrem balletthaften tiefen Knicks, lächelnd richtet sie sich auf und das Lächeln ist so ein ganz eigenes, ein ganz privates Lächeln ist das, weil sie vermutlich einfach mag, was sie kann und weil sie gerade mit sich zufrieden ist und weil sie das keineswegs für das Publikum getan hat, sondern weil es eben geht und ihr gerade einfach so in den Sinn kam. Ringsum gibt es auch kaum Reaktionen, hier und da ein anerkennendes Nicken, eher nur angedeutet. Und ich weiß nicht recht, ich kann mich täuschen, aber in Hamburg hätte es vermutlich Applaus gegeben. In Berlin kannste aber mit ner doppelten Drehung in die Bahn springen, auf den Zehenspitzen landen und drei Schritte Spitzentanz anschließen, doch, das ist ja nicht verboten – das ist dann aber erstmal deine Sache. Das kamma so machen, wa. Das muss aber noch lange nicht alle interessieren.

Und ich mag auch das an Berlin.

Ziegengehölze und Nachtfrösche

In Hamburg gastiert die Ausstellung “Zwei Millionen Jahre Migration”, bei der man schon den Titel großartig finden muss.

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Im Garten orientiert man sich am phänologischen Kalender, der hängt hier auch ausgedruckt über meinem Schreibtisch, also eine Version davon, es gibt viele. Der ist allerdings so winzig gedruckt, dass ich mir das von Sohn I vorlesen lasse, wenn ich etwas wissen will, die Augen, das Alter, Sie kennen das. Jedenfalls hat sich der Sohn da mehrfach so gut verlesen, dass wir die neuen Ausdrücke einfach in unseren Sprachgebrauch übernehmen, wieder so ein Fall, bei dem sich Nachbarn irgendwann wundern, ob wir eigentlich alle irre sind, wir reden so seltsam. Aus Ziergehölzen wurden so Ziegengehölze, sehr schön und einprägsam, was kommt da vorne in die Lücke? Ach egal, da pflanzen wir irgendein Ziegengehölz. Und aus den Nachtfrösten wurden die Nachtfrösche, das sind recht gefährliche Tierchen, die ein Risiko für die jungen Pflanzen und auch für blühende Obstbäume darstellen. Wenn Du nicht artig bist, dann holen dich die Nachtfrösche! Immerhin gibt es aber Nachtfrösche nur bis Mai, man muss da nicht ganzjährig Angst haben.

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Am Sonntag trotz Regen in großer Schlammschlacht Zitronenverbene, Blutampfer, Estragon, Thymian, Salbei, Blutjohannisbeeren, noch mehr Himbeeren, Gräser, noch einen Apfelbaum, viele Kartoffeln, dicke Bohnen, Möhren, Pastinaken, Erdbeeren, Gänsekresse, Vergissmeinnicht sowie diverse andere Stauden und Blumen gepflanzt oder gesät. Läuft.

Unter den seit Saisonbeginn bereits in der Erde befindlichen Sorten führen die Radieschen, dicht gefolgt von der Rauke. Mairübchen aufholend, Zwiebeln schwer vergleichbar. Der Knoblauch ist aus dem letzten Jahr, der wächst außerhalb der Wertung. Und weil ich im Arbeitswahn irgendwann eine Schippe Erde vom falschen Haufen genommen habe, wurde ein Hochbeet von mir eigenhändig mit Giersch bepflanzt. Muss man auch erstmal hinbekommen.

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Mein Bruder hat währenddessen bei seiner Ahnenforschung herausgefunden, dass wir auch Vorfahren aus Schilda haben. Daher!

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Patricia Cammarata über ihre Unbrauchbarkeit nach der Apokalypse. Bis vor kurzer Zeit ging es mir auch so, jetzt kann ich immerhin nach der Apokalypse durch die Gegend ziehen und als Kräuterheinzel vom Dienst darauf hinweisen, dass Giersch essbar ist. Und alle so: “Wow, danke, du weiser Mann!”

Hisst die Ranzen!

In meiner Kindheit haben wir ja noch begeistert alte Abenteuerfilme gesehen, Hollywood ganz damals, Errol Flynn in schwarzweiß und dergleichen. Und gerade bei den See-Abenteuern gab es da eine stets wiederkehrende Szene. Wenn Sie ein gewisses Alter haben, dann werden Sie sich gewiss auch daran erinnern, weil sie immer gleich ablief, die Sache mit dem aufkommenden Sturm. Zuerst wurde da in aller Gründlichkeit Ruhe bildlich dargestellt, ein an Deck schlafender Matrose, eine sacht schaukelnde Hängematte, ein dösender Kapitän, Langeweile im Ausguck, lustlos herabhängende Fahnen, so in der Art, das war stets so lang, das würde heute kein Mensch mehr so machen. Dann eine Art scharfer Weck-Moment, heftig auffrischender Wind, eine einzelne Schaumkrone, klappende Schotten, fallende Gläser, sich unvermittelt gewaltig bauschende Segel, so in der Art.

Danach dann ohne langen Übergang plötzlich hereinbrechender Sturm. Daran ganz wichtig herumlaufende Mannschaften, immer liefen da Menschen von links nach rechts und dann von rechts nach links und auch von hinten nach vorne und umgekehrt durchs Bild, Panik im Blick, auf irgendein dem Zuschauer unklar bleibendes Ziel los. Die mussten dann natürlich irgendwas tun, irgendwo hinaufklettern, hinunter, an etwas drehen, ziehen, drücken, riesige Räder bewegen, Winden, Segelstoffmassen, Tampen, Zeug eben, schwere Arbeit, entsetzliche Anstrengungen unter absurden Bedingungen. Verlässlich gab es dabei einige Verluste, irgendwer ging mit den wilden Wogen über Bord, je nach Film war das den anderen egal oder löste immer schlimmere Panik unter den Verbliebenen aus. Brecher stürzen dann mit immer größerer Gewalt durchs Bild, Segel reißen mittendurch, Taue sowieso, die Hand des Steuermanns klammert sich ans Holz, hervortretende Adern in Großaufnahme, dazu immer wieder gebrüllte Befehle, die im Orkan aber niemand verstehen kann, dennoch rennen alle immer weiter in allen Richtungen durchs Bild. Und wenn sie nicht gerade rennen, dann halten sie sich an etwas fest oder rufen etwas, so seemmännische Sachen und furchtbare Flüche eben, die muss man auch gar nicht alle verstehen.

Wolken jagen über den Himmel, Mondgeblinke, Windgeheule, ein wild kreiselnder Kompass, dann passiert irgendwas, das man als richtig schlimm einzustufen hat, der Hauptmast bricht oder so etwas, der Steuermann weht weg, ein schroffes Riff taucht auf, es sieht insgesamt überhaupt nicht gut aus, in der nächsten Szene dann aber – abrupter Schnitt! – liegt das Schiff irgendwo im Hafen, beschädigt aber erhalten, die Hauptfiguren besprechen auf Holz klopfend die Schäden an Deck und in der Takelage und wie es jetzt weitergeht, dazu blauer Himmel, Südseerequisiten, ein Papagei fliegt durchs Bild. Der Film ist noch lange nicht zu Ende.

Na, so in der Art. Genau so fühlt es sich hier jedenfalls jeden Morgen an, eine Mannschaft aus vier Personen durch die Wirren der ersten Tagesstunde zu bringen, vom ersten Weckerton durch das allgemeine Herumgerenne an Deck bis zu dem erlösenden Moment, in dem ich im Büro ankomme, mich da völlig fertig auf den Stuhl sinken lasse und noch einmal kurz überlege, ob wirklich alle Personen auf die richtigen Arbeits- und Schulplätze verteilt worden sind. Genauso ist das.

Nur ohne Papagei.

Kurz und klein

Billig!

Noch einmal ein Dank an U.M. aus Schwerte, der mir wieder Ausschnitte aus Zeitschriften geschickt hat, durch die Bank wirklich interessant. Das waren diesmal drei Interviews zu Büchern mit Gartenbezug, die alle sofort auf meinem Wunschzettel gelandet sind, es ging da um:

Wurzeln schlagen

Die Intelligenz der Pflanzen

Der englische Gärtner

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Und wo wir schon bei Buchempfehlungen sind, ich habe gerade in meiner neuen Kolumnenreihe bei den Lübecker Nachrichten auf Ilse Helbich hingewiesen. Die Dame kam hier vor Jahren auch schon vor, da ich aber gerade wieder ein Buch von ihr gerne gelesen habe, möchte ich sie noch einmal erwähnen. Sie schreibt Bücher für alle, die bereits hochbetagt sind, auch für die, die es gerade werden und ferner für jene, die nicht ganz ausschließen wollen, es irgendwann zu werden. Bücher über das Alter, aber nicht irgendwelche Bücher über das Alter.

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Zum phänologischen Kalender: Es ist ein verlässliches Zeichen des urbanen Erstfrühlings aufgetreten, beim Supermarkt gibt es jetzt stark reduzierte Schneeschieber, vier Euro das Stück, ein wahres Schnäppchen für antizyklisch denkende Menschen.

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Die kleine DSGVO möchte bitte mehr beachtet werden, Johnny Häusler vom Spreeblick sammelt drüben Artikel und Hinweise. Wenn Sie jetzt gar nicht wissen, was die DSGVO ist, haben Sie eventuell gar nichts mit ihr zu tun, darauf können Sie, wenn Sie das ausreichend verifiziert haben, sofort einen trinken, Tageszeit egal, das ist vollkommen legitim. Der Rest liest bitte stoisch und trocken bei Spreeblick mit.

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Apropos unappetitliche Themen, am Wochenende habe ich in den Tiefen des Komposts im Schrebergarten einen alten Hosenträger gefunden, die Herzdame aber unter der Grasschicht vor der alten Laube angemoderte Slipeinlagen. Haben die Vorpächter da etwa jahrelang herumgefloddert? Wir haben so einen Verdacht. Und graben weiter. Schrebergartenarchäologie, das unterschätzte Hobby,

Heute fresh

Es war interessant zu beobachten, dass die Herzdame die Kommentare unter der letzten Giersch-Erwähnung im Blog genau zur Kenntnis genommen und danach auch folgerichtig nichts mehr gegen die Wurzeln unternommen hat. Es ist nicht so, dass ich ihr dass nicht auch schon erzählt gehabt hätte, mehrfach sogar, aber was zählt hier schon meine Meinung, ich bin ja nur der Gatte, der redet eben so vor sich hin. Wenn das aber jemand aus diesem Internet kommentiert, dann wird es schon stimmen. Guck an!

Ich muss also bei etwaigen ehelichen Problemen nur so zielgenau bloggen, dass Kommentare in der richtigen Richtung sehr nahe liegen und auch zahlreich geschrieben werden, zack, ist hier alles wieder auf Linie. An dem Konzept muss ich bei Gelegenheit doch mal etwas ernsthafter arbeiten.

Und weil bei Erwähnung des Wortes “Giersch” immer gleich mehrere Menschen reflexmäßig und enthusiastisch “Kann man aber essen!” rufen, habe ich jetzt auch einmal darauf herumgekaut. In einem Buch wird der Giersch als unkompliziertes Wildgemüse bezeichnet, das jederzeit fröhlich nachwächst, in einem anderen Buch stand, der Giersch habe zu Weltkriegszeiten zur Vitaminversorgung der darbenden Bevölkerung beigetragen. Dann kann man ihn also auch als historisch interessierter Mensch probieren, ein Grund mehr! Aber als neuer Gartenbesitzer muss ich eh alles auf der Parzelle einmal angebissen haben, finde ich, also außer Eisenhut, Fliegenpilz und Laube jedenfalls, keine Sorge.

Nun ist der Giersch im Moment noch sehr klein und die Miniblättchen, die man jetzt so findet, schmecken einfach diffus krautig, leicht wild, mit Heuaromen im Abgang und vielleicht einem ganz zarten Anklang von Rauke. Das kann man also machen, wenn dieses Büschelchen denn repräsentativ war und sich in dieser Richtung weiterentwickelt. Die beiden Achtjährigen, die mich begleitet haben, fanden das Kraut geschmacklich “voll okay”, da staunt man doch. Eventuell lade ich mir einfach einmal eine hungrige Grundschulklasse in den Garten ein und habe dann eine Weile freie Beete. Ich werde den Giersch jedenfalls demnächst einmal salatifizieren und dann auch noch als Wildspinat zubereiten, wie es immer empfohlen wird, und die Ergebnisse gibt es dann natürlich hier, eh klar.

Laut Wikipedia sagt man in Lübeck und Mecklenburg übrigens Gesch zu Giersch, dieses Wort habe ich allerdings noch nie gehört, zumindest habe ich nicht die leiseste Erinnerung daran. Wenn man in der Kindheit nicht dauernd aufpasst!

Heute fresh: Gesch.” Hätte ich einen Smoothieladen in Lübeck, ich würde das Zeug genau so bewerben, aber ich sitze ja nun einmal in einem Hamburger Büro. Schlimm.