Carnival is over

Mit Beginn dieser Woche gelte ich nach offizieller Lesart als genesen und arbeitsfähig im strammen Kanzlersinne. Wenn ich auch weiterhin von einem Energie-Tief aus agiere, das seinesgleichen sucht. „Zum Morgen hin nachlassend“, damit beschreibt der Wetterbericht den nächtlichen Schneefall, aber das gilt auch für mich, denke ich schon beim Aufstehen stöhnend auf der Bettkante.

Nicht mehr kurzatmig, überhaupt ohne körperliche Symptome. Nur so, als sei der Akku durch ein Versehen nicht geladen worden. Oder wenn man an altes Blechspielzeug denkt, das man aufziehen konnte und welches dann ratternd und ruckelnd über Tischplatten kreiste – wissen Sie noch, diese letzten paar lahmen Bewegungen, kurz bevor es dann wieder stillstand? Ich fühle mich in etwa so, wie diese letzten Bewegungen damals immer aussahen.

Oder auch: Porträt des Autors als Trommelhase ohne Duracell. Und da steht man dann, in seinem rosafarbenen Plüsch, und fühlt sich seltsam sinnlos.

Etwas mehr Frühlingsbetonung würde dem Jahr jetzt guttun, nehme ich an, und mir sicher auch. Stattdessen schneit es über Norddeutschland erneut, unerbittlich und in Tolstoi-Dimensionen. Stattdessen regnet es, friert es über, matscht und schlammt es über die Wege und kühlt nachts dermaßen ab, Tiefkühlfach nichts dagegen.

Ein Bootssteg mit zugeklappten Sonnenschirmen an der zugefrorenen Außenalster

Ein Bootssteg an der zugefrorenen Außenalster

Verschneite Bootsstege an der Außenalster

Ein Ruderclub an der zugefrorenen Außenalster

„Wir möchten das nun nicht mehr“, aber als Mantra einer Millionenstadt gemurmelt.

Das Gute ist natürlich, dass es sich demnächst von selbst erledigen wird. Frühling wird es schon werden, so viel steht fest. Et hätt noch immer jot jejange, man kann in diesen Tagen auch mal in Richtung Rheinland denken. Da soll es auch etwas wärmer sein, höre ich.

Es ist jedenfalls eine vergleichsweise okaye Problemkategorie, sich über die Jahreszeiten, das Wetter und die Auswirkungen auf den Energiehaushalt zu beklagen.

Davon abgesehen: Carnival is over. Auch wenn wir hier wie immer sowieso nichts davon gemerkt haben. Dennoch habe ich passende Musik zum Anlass, The Seekers mit der letzten Aufführung des Klassikers auf ihrer Abschiedstournee.

Und zum Vergleich auch noch eine Aufnahme aus der frühen Erfolgszeit des Songs und der Gruppe, aus dem Jahr 1967, also 46 Jahre vor dem ersten Video. Falls man gerade über stattgehabtes Leben, die Zeit, Vergänglichkeit etc. nachdenken möchte, das könnte ja sein.


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Diese Viertelstunde noch schaffen

Eine kleine Notiz nur von einem meiner im Moment dummerweise häufigeren Arztbesuche. Ein Mann steht da hinter mir an, während ich am Empfangstresen gerade weitere Termine regele. Ich sortiere mir noch eben die für mich ausgedruckten Zettelchen zurecht, stecke meine Krankenkassenkarte weg und speichere die Termin-App-Einträge auf dem Smartphone, das wieder nicht genug Empfang hat, da beginnt schon das Gespräch der Frau am Empfang mit diesem Mann hinter mir. Es geht um irgendwelche Zusatzleistungen, ich höre es unfreiwillig. Er wird gefragt, wie er diese bezahlen möchte. Eine Routinefrage in einem Standard-Dialog, es hört sich zunächst an wie Phrasen aus einem Deutschkurs für Ausländer. Bis dahin.

Zehn, fünfzehn Jahre älter als ich wird dieser Mann sein. Im Vergleich zu mir schon deutlich gebeugter, schon vom Leben schon sichtlich demolierter. Eine längere Krankengeschichte als ich wird er vielleicht auch haben, fit sieht er nicht einmal ansatzweise aus. Nicht einmal neben mir, und ich war schon einmal in besserer Form.

Etwas fahrig wirken seine Hände, in unruhiger Bewegung sind sie unaufhörlich. Und er guckt wie erschreckt, als er diese für mich harmlos klingende Frage hört. Wie er zahlen möchte, es wird für ihn auch wiederholt, weil er so seltsam guckt, vielleicht hat er es nicht verstanden. Nicht unfreundlich, nur zur Sicherheit und etwas lauter wird die Frage wiederholt. Entgeistert guckt der Mann, das ist das passende Wort. Unglücklich auch. Seine Hände flattern ratlos auf und nieder. „Gleich hier mit Karte oder erst per Rechnung?“, so wird er weiter und mit Erläuterung gefragt, und ich höre auch, dass es dabei um eher geringen Betrag geht.

Der Mann legt die Hände auf den Tresen, wie um sich kurz festzuhalten, er überlegt. Aber er überlegt nicht wie jemand, der ruhig, sachlich und kurz eine Marginalie abwägt, eine Alltagsentscheidung. Eher überlegt er wie jemand, der gerade dabei ist, in einer mündlichen Prüfung desaströs zu versagen.

Schließlich fragt er: „Wie machen es denn die anderen so?“


Eine Unsicherheit, die ich so eher nicht hätte. Fast ein Pluspunkt also, da habe ich einmal ein Problem ausgelassen. Zwar bin ich in Bezug auf Ängste auch nicht unerfahren, wer wäre das schon noch in diesen Zeiten, aber ich bin bisher nicht einmal darauf gekommen, dass man diese Frage nach dem Bezahlmodus schwierig oder bedrohlich finden könnte.

Es klingt beim Zuhören allerdings etwas in mir an, das merke ich auch. Etwas Mitgefühl, das doch auf Verständnis beruht. Denn ich kann es mir immerhin vorstellen, was da womöglich in ihm vorgeht. Ich habe, so kommt es mir zumindest vor, Kenntnis dieses Gefühls, dass einen jede beliebige weitere Komplikation im Alltag, welche auch immer es sei, und sei sie noch so trivial und geringfügig in den Augen anderer, an das Ende aller Zusammenrissmöglichkeiten bringen könnte und sogar darüber hinaus. Bis hin zum hoffnungsvollen Gedanken: Wenn ich es einfach so wie alle anderen mache, ist es vielleicht kein weiteres Problem. Jetzt bloß noch hier durchkommen, diesen Meter noch schaffen oder diese Viertelstunde. Und dann geht es vielleicht wieder.

Das liegt in der Nähe der „Fawn“-Variante unter den Stress-Reaktionen, wir hatten das schon einmal. Nur zur Erinnerung die gesamte Liste nach aktuellem Stand: Flight, Fight, Freeze and Fawn, Faint, Flirt and Fiddle. Die Aufzählung ist auch von lyrischer Qualität, wie vielleicht auffällt. Und dummerweise sind es sieben Varianten, sonst hätte man sich einen Würfel basteln können, falls man bei Stress-Reaktionen einmal eine Entscheidungshilfe brauchen sollte.

Ich merke jedenfalls, was ich gerade neben mir erlebe, das ist für mich auch nur ein weiterer Fall von „been there, done that, got the t-shirt“. Auch wenn es bei mir schon erfreulich lange her ist, dass es einmal derart eskalierte.  Das denke ich mir so, während wir da immer noch durch Zufall verbunden nebeneinanderstehen, der sich mühsam wieder fassende ältere Mann und ich. So wie ich dann auch die fast logische Fortsetzung dieser Erkenntnis denke: Mir geht’s ja noch gold.

Und verkehrt wird es nicht sein, das hin und wieder zu bemerken. Auch dann nicht, wenn man gerade noch Rekonvaleszent ist.

Ein Rettungsring auf dem Eis der Binnenalster

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Unwiederbringlich, sowohl das Wochenende als auch das Buch

Am Wochenende war ich dann doch nicht in der Kunsthalle, obwohl der Plan mir gut und sinnig vorkam. Ich kam aber am vorgesehenen Tag in für meine Verhältnisse ungewöhnlich zufriedener und sogar entspannter Spießigkeit durch banale Tätigkeiten wie etwa Wohnungspflege und Einkäufe, auch durch Bügeln, Aufräumen, Kochen und schließlich sogar durch das Putzen von Schuhen, was dem Sauwetter entsprechend etwas eskalierte, stundenlang und gerne von dem Gedanken ab.

Was mir recht war, denn ich habe dabei ein längeres Hörbuch komplett gehört. „Unwiederbringlich“ von Theodor Fontane. Das habe ich schon länger nicht mehr gemacht, mich und einen Tag einem Hörbuch gewissermaßen ganz hinzugeben. Ich fand es aber, wie soll ich sagen, am Ende gerade tagesausflugsschön. Auch wenn das Buch nicht eben der erheiternden Sorte zuzurechnen ist, von einigen Absätzen abgesehen.

Ein Roman über eine scheiternde Ehe ist es, und ein Happy End gibt es nicht. Einer seiner eher vergessenen Romane. Das ist schade, denn es ist ein gutes Buch, klug erzählt und konstruiert.

Und nicht nur bei Song-Lyrics gilt, wie neulich schon beschrieben (hier war das), dass man bei wechselnder Lebenssituation manches auf einmal mit anderen Augen, anderen Sinnen wahrnimmt, plötzlich neu und anders versteht und auf eine bisher ungewohnte Art auf sich beziehen kann. Bei anderen Kunstformen kommt das selbstverständlich auch hin.

Graffiti: Love is love

Nur passagenweise kommt es allerdings hin, versteht sich, nicht in Gänze. Es fand bei mir schließlich kein Ehebruch in einem brennenden Schloss statt, so platt passend fallen Bezüge wohl selten aus. Obwohl es auch das durchaus geben wird, dass es nahezu perfekte Spiegelungen sind, die man in den Plots und Beziehungsmustern der Bücher findet. Die meisten Varianten von Paarproblemen werden immerhin mittlerweile längst und auch mehrfach, wenn nicht tausendfach, erzählt worden sein.

In Zeiten von KI könnte man nun, wenn man neugierig genug wäre, sein eigenes und zunächst wahnsinnig individuell wirkendes Modell des Kriselns oder des Scheiterns in einer Beziehung leicht abstrahiert einem LLM schildern und dieses dann nach gleichgestalteten Romanvarianten dazu suchen lassen. Denn bekanntlich kann man alle Fragen (ja, alle), die mit „Bin ich der oder die Einzige …“ beginnen, kategorisch verneinen. Aber inwieweit das dann weiterhelfen würde? Ist es ein verlockender Gedanke, sich in der Literatur derart wiederfinden zu können?

Ich weiß es noch nicht recht. Eine Weile denke ich noch darüber nach, aber ich könnte bei einer Zustimmung enden.

Schrift auf einem Stromkasten an den Landungsbrücken: Love you

Bei Fontane habe ich jedenfalls noch einmal bewundert, wie modern anmutend er in einigen Absätzen eheliche Entfremdung dargestellt hat, immerhin im Jahr 1887. Der Ehemann schreibt der Frau etwa einen Brief, diese antwortet in einem leicht abweichenden Tonfall, mit dezent geringerer Herzlichkeit, also zumindest könnte man das als Empfänger so lesen … Mehr braucht es gar nicht, man versteht dann schon. Es wird heute in einem beliebigen Dialog in einer Serie auf Netflix etc. auch nicht anders dargestellt. Damals die Briefe, noch mit der Feder geschrieben, aber man könnte es sogar mit Emojis durchspielen. Ultimativ verkürzt, immer noch verständlich. Er schickt drei rote Herzen, sie nur ein rosafarbenes zurück, et voilà: Drama, Baby.

Alles habe ich jedenfalls an diesem Wochenendtag gemocht, den Fontane, die Stunden mit dem Hörbuch, mein friedliches Herumkramen dabei. Und zwischendurch gab es sogar ein, zwei Stunden Sonne über der Stadt und auf den Dachfenstern. Ein ungewohntes und willkommenes Bild, also abgesehen von dem dabei zwingend aufkommenden Gedanken an die notwendige Reinigung der Fenster.

Aber die werden, sagt der Wetterbericht, gleich eh wieder zugeschneit. Das mal gelassen abwarten.

Und dennoch demnächst mal wieder in die Kunsthalle gehen, versteht sich. Ich bleibe dran und habe daher auch schon einmal eine Jahreskarte erworben. Man muss sich selbst nur geschickt und subtil genug unter Druck setzen, nicht wahr.

Und dann wird es schon werden.

Ein Baumstumpf an der Außenalster

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h/t to Julian Barnes

Eine kurze, mal eben eingeschobene Lektüre zwischendurch war das nach seinen Worten letzte Buch von Julian Barnes: „Abschied(e)“ (Verlagslink, hier auch die Perlentaucherseite dazu), übersetzt von Gertraude Krueger.

Julian Barnes findet sich alt, ist auch tatsächlich alt, ist außerdem krank und dabei aber noch in einer Weise innerlich sortiert, die ihn sein Werk selbstbestimmt abschließen lässt. Wozu man vermutlich gratulieren sollte, denn auf diese Art werden wenigstens keine halbfertig hinterlassenen Romane später von anderen fortgesetzt. Wogegen man aus dem Jenseits nichts mehr unternehmen kann, das stelle ich mir äußerst unangenehm vor.

Weitwinkelblick über die gefrorene Außenalster von der Kennedy-Brücke aus

Wenn der Autor es nicht wie einige aus der Musikbranche macht und mehrmals auf die große Abschiedstournee geht, was mich stets an gewisse, farblich eher grell gehaltene Räumungsverkaufsschilder an Teppich- oder Matratzenläden erinnert, die quartalsweise immer wieder erneuert werden, kann man dieses Buch also, wenn man seine Bücher oft und auch gerne gelesen hat, mit etwas Pathos in der Erwartungshaltung in die Hand nehmen. Und einigermaßen feierlich abschließende Seiten lesen – hier endet etwas. Und es endet so höchst offiziell, wie man es sonst nicht geboten bekommt.

Ein letztes und überaus freundliches Gespräch führt er in diesem Buch mit uns Leserinnen. Plaudernd, mäandernd und Umwege ruhig abschreitend, um große und ganz große Themen herum. Um bleibende sowie um letzte Herausforderungen kreisend. Erinnerungen und Wahrheit etwa, da haben wir das Thema schon wieder, es nimmt viel Raum ein. Bewusstsein, Tod und Bleibendes. Wer wir waren, wer wir sind. Bei letzten Worten und Büchern geht es eben um etwas, und es passt dann schon.

Blick über Stege an der gefrorenen Außenalster

Es kommt aber alles in einem legeren Tonfall und einer zugewandten Unkompliziertheit daher, die mich ein wenig an die Möglichkeiten von Blogs erinnert hat. Lose aneinandergereihte, thematisch mehr oder weniger verbundene Textpassagen. Die durch jemanden zusammengehalten werden, der dahinter für etwas steht und den man im besten Fall schon etwas länger mag. Wegen seines oder wegen ihres Stils, wegen der Meinungen und Haltungen, wegen der als gemeinsam empfundenen Geschichte und wegen all der Texte über die Jahre.

Sie merken, ich sympathisierte beim Lesen heftig, es war eine angenehme Lektüre.

Das Leben“, so schreibt er da etwa, „ist ein Boulevardstück mit tragischem Ausgang.“ Was eine Empfindung ist, die mir bekannt vorkommt, aber wem ginge es nicht so. Das Buch, so hieß es im ORF, sei dabei „ein geradezu rabiat unsentimentales Alterswerk“. Das sehe ich zwar etwas anders, denn Sentimentalität nahm ich schon wahr, aber das macht nichts. Es wird nichts allzu dick aufgetragen, darauf wird man sich einigen können.

Julian Barnes endet schließlich so überaus gekonnt, dass man sich spontan ein wenig verbeugen möchte. Was für ein charmanter, gelungener und auch kunstvoller Abgang. Es reicht allemal für einen Hat-Tip im Geiste.

Schon wegen dieser letzten paar Seiten lohnt sich also das Buch. Aber sie würden sicher nicht wirken, wenn man nur im Buchhandel kurz in den Band hineinsieht und mal eben bis nach hinten durchblättert. Davon möchte ich abraten, es wäre ein spaßverderbender Spoiler.

Hier fand ich noch ein Interview zum Buch:

PS: Zum in der Überschrift dieses Textes abgekürzt erwähnten Hat-Tip gibt es selbstverständlich auch einen Wikipedia-Artikel, und fast hätte ich es übersehen, aber gucken Sie doch bitte mal ganz unten auf der Seite, auf diesen Info-Kasten zu „Gestures“.

Sie können da doch auch noch zwei, drei Vokabeln lernen, nicht wahr?

Blick über die gefrorene Außenalster vom Ostufer aus

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Linkwerk zum Wochenende

Ich arbeite weiter arte-Dokus ab. Nach wie vor kommt es mir wie eine einigermaßen sinnvolle Freizeitbeschäftigung für mich vor.

Zum einen sah ich die Folge über Jim Carrey mit dem unschönen Titel „Der Grimassen-King“. In der auch dieser eine Moment aus der Frühzeit seiner Karriere gezeigt wird, den ich immer beeindruckend fand, als er sich nämlich lediglich durch Verzerrungen seiner Gesichtsmuskulatur in Clint Eastwood verwandelt hat. Kann ich mir immer wieder ansehen, diese Szene.

Aber auch die kulturgeschichtliche Einordnung seiner Komik fand ich informativ.

Dann die Folge über einen Obersympathen: „Peter Falk versus Columbo“. Bei der man allerdings wieder schlimm Lust bekommt, sich die alten Sachen noch einmal anzusehen, inklusive der ganzen Columbo-Reihe. Und wer hätte Zeit dafür.

Mit Kunst und Kunstgeschichte habe ich mich länger nicht intensiv beschäftigt, aber über die Doku-Reihe zu Malerinnen bei arte komme ich doch wieder dazu. Zumal die Kunsthalle hier nur einen Steinwurf entfernt ist, in der ich dieses oder jenes abgleichen könnte. Also ich könnte, wenn ich wollte. Und ich fange, nehme ich jetzt noch an, sogar heute damit an.

Auf Kreuzworträtselniveau hätte ich jedenfalls „Abstrakter Maler, bekannt für große, zwei- oder dreifarbige Bilder“ sicher als Mark Rothko benennen können. Sogar in meinem Bücheregal kann ich erkennen, wie allgegenwärtig seine Werke sind.

Eine Kurzgeschichten-Anthologie mit einem Rothko-Bild auf dem Cover

Allerdings wusste ich sonst nicht viel über ihn, um nicht zu sagen: gar nichts. Auch dabei hat mir arte nun geholfen. Hier findet man die entsprechende Sendung auf YouTube, denn auf dem Sender selbst ist sie nur noch einige Tage online.

Ich lasse mir diese Form der Kunst gerne kundig erklären, finde das auch angenehm beruhigend, halte in diesem Fall aber auch fest, dass ich es streckenweise nicht verstanden habe. Zwar habe ich mitbekommen, dass da Durchdachtes auf der Leinwand passiert und zweifellos etwas mit einer gewissen geistigen Flughöhe intendiert wurde – aber ich konnte einige Gedanken nicht recht nachvollziehen. Bei den Sendungen zu Kandinsky und zu Matisse (YouTube-Link) gelang mir das dann deutlich besser.

Falls Sie selbst irgendwas mit Kunst machen, es geht gar nicht mal so kurz auch darum, wie Mark Rothko Farben hergestellt hat. Das könnten Sie interessant finden.

Schließlich noch: M. C. Escher. Auch so einer, zu dem ich kein Gesicht parat gehabt hätte. Jetzt aber. Sehr schön dargestellt ist seine so reserviert-konservative Irritation über die Vereinnahmung seiner Drucke durch die übergriffige Jugend der wilden 60er, also etwa durch die seltsamen Vögel aus Kalifornien mit dem „wilden Geschrei aus den Plattenspielern“. Was erlauben Jugend!

Wie er etwa dem jungen, ihn bestürmenden Mick Jagger etwas beleidigt mitteilt, dass er bitte gesiezt werden möchte – wunderbar.

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Blick über die Binnenalster von der Lombardsbrücke aus

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Ich sah außerdem einen weiteren Walther-Ziegler-Vortrag zu einer etwas peinlicheren Bildungslücke, nämlich zu Foucault. Von dem ich bis dahin gerade mal wusste, dass es ihn gab, und zwar hauptsächlich in handlicher Form im Suhrkamp-Biotop. Nun weiß ich etwas mehr, vielen Dank.

Und vielleicht sollte ich das Zeug tatsächlich auch einmal lesen, das kann gut sein.

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Gehört habe ich ein Radio-Essay von Steffen Greiner: „I want to believe – Agent Scully, Erich von Däniken und die Paranoia der Neunziger“ (57 Minuten). Im Text dazu heißt es: „Eine Spurensuche in die Zeit, als das paranoide Denken Mainstream wurde und wie sie uns noch heute prägt.“ Ich nehme an, dass etliche aus ihrer eigenen Lebensgeschichte hier und da bei den frühen Lese-Erfahrungen des Autors mit den so aufregenden Mystery-Büchern aus der Bücherei etc. anlegen können.

Die Sendung enthält aber auch die mich schockierende Information, dass Peter Moosleitner, also der von P. M., dem „interessanten Magazin“, in Wahrheit gar nicht Peter hieß, sondern Gerhard Dietrich Marie. Wir hätten also damals GDMM lesen müssen, wäre denn alles mit rechten Dingen zugegangen.

Aber man wurde belogen und betrogen. Es ist doch wahrlich kein Wunder, dass wir überall Abgründe vermuten. Schlimm, schlimm.

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Blick über die Binnenalster von der Lombardsbrücke aus

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Eher schwerere Kost im nächsten Link. Aber ich fand die Sendung doch erhellend, interessant und auch empfehlenswert: Eine Folge vom SWR-Kultur-Forum zur Ungleichheit in Deutschland: „Gleiche Chancen für alle? Sozialer Aufstieg für alle wird immer schwerer.“ 44 Minuten sachlich gedrängter Expertinnendiskussion zu diesem Thema, das oft nur auf Stammtischniveau diskutiert wird. U. a. mit Martyna Linartas, die vielleicht hier und da bekannt sein könnte.

Es geht in diesem Gespräch auch viel um Statistiken und Studien, und an der einen oder anderen davon ist die Firma, für die ich im Brotberuf arbeite, beteiligt oder auch Hauptlieferant der Daten. Ich habe mit diesen Studien allerdings inhaltlich nichts zu tun.

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Dann zur Musik. Vor längerer Zeit habe ich mich einmal beschwert, dass es von Vince Guaraldi so seltsam wenig Live-Aufnahmen auf YouTube gibt. Eine immerhin wurde jetzt nachgelegt, und zwar eine Version von „Linus and Lucy“ aus dem Jahr 1964.

Etwas zu kurz, aber immerhin.

Gefunden via Open Culture.

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Ebenfalls bei Open Culture sah ich, dass es den vollständigen Moby Dick als englisches Hörbuch gibt. Alle Kapitel werden von Prominenten gelesen, angefangen bei Tilda Swinton, aber auch mit Namen wie Benedict Cumberbatch, Stephen Fry und, nanu, David Cameron. Ein schönes, angenehm irres Projekt.

Vor der Seite Open Culture muss man sonst aber dringend abraten. Da kann man nämlich Jahre verlieren, wenn man erst einmal anfängt, sich umzusehen.

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Wir wissen Bescheid

Obwohl sich in dieser momentan dunkelgrauen, regendurchweichten und streusandverunreinigten, stak versalzenen Stadt mit schmuddeligen, braunschwarzweißen Schneerändern und herumliegenden Eisscherben niemand zuverlässig erinnern kann, ob es in diesem Jahr überhaupt schon einmal eine Aufführung von so etwas wie schönem Wetter gab, also abseits von immerhin halbwegs attraktivem Schnee, von Schneeregen, Nebel, Dunst etc., wurde doch in dieser Woche der entscheidende Schalter umgelegt. Am Mittwoch war es. Und wäre es mir nicht in drei, vier Gesprächen bestätigt worden, ich hätte es diesmal vielleicht auf meine überbordende Fantasie oder Sehnsucht geschoben. So wenig passten das Wetter und die Kulisse des Stadtteils zu meinem Eindruck.

Aber okay, andere sahen es auch. Ich weiß es jetzt. Daher nehme ich es als Fakt, dass es also diese gewisse Änderung im Licht gab, die nicht nur mich in jedem Jahr wieder enorm fasziniert.

Ich weiß, ich schreibe es immer wieder. Aber ich finde es zu und zu schön, dass es bei uns irgendwann im Februar diesen besonderen Lichteffekt gibt, bei dem so viele Menschen auf einmal ein urzeitlich anmutendes Reaktionsmuster in sich spüren. Bei dem sie wie witternd kurz stehenbleiben, sinnend verharren und in den Himmel, in das Licht sehen und instinktiv wissen – etwas ändert sich nun. Und zwar gründlich und bald.

Man weiß ab diesem Moment sicher um den Frühling. Auch wenn von dem sonst rein gar nichts zu sehen oder zu fühlen ist. Man hat ihn dennoch erkannt, und es hat etwas ungemein Erfreuliches und seltsam Tröstliches, wenn man damit nicht allein ist. Ein sehr altes Programm ist es, das bei vielen von uns noch läuft und läuft, eine Rückkoppelung an jagende und sammelnde Vorfahren wird es sein.

Ganz präzise war die Änderung im Licht diesmal. Keine betont lyrische, nur vage zu ahnende Angelegenheit war das, kein leiser Harfenton von weit. Eher war es das plötzliche Zuschalten eines Filters. Fast so deutlich und auch so schnell, als hätte es dabei ein gut hörbares Klicken über der Stadt geben müssen, eine Art Einrasten. Es war auch nur wenig Zeit dafür. Gerade eine Viertelstunde gab es, in der die Winterwolken zwar nicht aufrissen, aber doch etwas fadenscheiniger wurden, etwas durchlässiger, und in diesen wenigen Minuten konnte man es sehen.

Dann regnete es schon wieder auf gewöhnliche Art weiter. Dann wurde es auch gleich wieder dunkler und man musste den Blick erneut senken. Schon wegen der lästigen Tropfen auf der Brille, aber auch wegen der mühsam gehaltenen Konzentration auf die kippelige Stimmung. Weil Februar, weil Norddeutschland, weil Durchhalten.

Aber Bescheid wissen wir jetzt dennoch, und das ist sehr gut so. Und die Wetter-App vermeldet kurz darauf den Beginn des Vorfrühlings, als würden wir der Bestätigung bedürfen. Lässig „Weiß ich doch“ beim Lesen sagen, diese Meldung dabei wegwischend wie einen weiteren Regentropfen des Februars.

Hafencity. Blick auf die Elbphilharmonie von den Marco-Polo-Terrassen aus

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Buddenbohmcore

Es ist wieder einer dieser sogenannten Zufälle, die mich in den Weiten des Internets zu einem Begriff führen, der mir noch neu ist. Ein Trend wird damit bezeichnet, und zwar einer, der gerade erst hochkommt, der sich auf Seiten wie Pinterest etwa gerade neu manifestiert. Ich lese in einem Artikel davon, auf Pinterest selbst bin ich schon lange nicht mehr. Von dort würde ich nichts mitbekommen.

Poetcore, darum geht es. Das klingt doch interessant, denke ich im Überflug, und ich kreise also über ein, zwei Absätzen noch etwas länger herum, denn ich will wissen, was es damit auf sich hat. Und ich gucke danach auch noch auf Instagram nach und sehe mir dort an, was bereits alles mit diesem Trendnamen als Hashtag verschlagwortet worden ist. Das sind nur so um die 1000 Beiträge. Da weiß man dann, okay, das ist zwar schon etwas, da findet tatsächlich etwas statt, aber es wird entweder noch allzu frisch sein oder aber gar nicht erst gezündet haben. Es ist wirklich frisch, stelle ich fest, als ich mir die Daten der Artikel dazu noch einmal prüfend ansehe.

Was meint das nun also, wie geht Poetcore? „Dressing like a poet is very hot right now.” Steht da. Und selbstverständlich wird auf den Mode- und Lifestyle-Accounts dann auch in Stichworten erklärt, was alles dazugehört und wie man nun herumlaufen sollte, wenn man diesem wohlklingenden Trend folgen möchte. Dicke Rollkragenpullover soll man da etwa anziehen. Second-Hand-Blazer auch, es werden die Stoffe Cord und Leinen ausdrücklich erwähnt, und überhaupt betont man natürliche Materialien. Vielleicht, haha, weil Poetry nichts Künstliches ist? Aber ich will nicht spitzfindig werden, nein.

Alles jedenfalls wird strikt in erdigen, unaufgeregten Tönen gehalten. Sand- und Naturbodenfarben, Rehbraun, Tintendunkelblau, Umbra, Sepia, Creme bis Moosgrün und sämtliche Schattierungen der Dämmerung in schöner Landschaft. Dazu trägt man betont abgetragene Schultertaschen aus Leder, in die mehrere Bücher und am besten auch noch das Notebook passen. Welches man ja braucht, falls man zwischendurch ein Kapitelchen im Manuskript bearbeiten möchte oder eine Novelle auf die Schnelle skizzieren will.

Dabei macht man, lese ich staunend, eine insgesamt zerzauste Erscheinung, so steht es da wirklich. In etwa so, als habe man die Nacht durchgemacht. Also durchgedichtet vielleicht.

Außerdem trägt man, aber das versteht sich fast schon von selbst, eine Brille. Und man hat auch jederzeit ein Notizbuch und ein ansprechendes Schreibgerät in der Hand. Oder, warum auch nicht, ein halbfertiges Gedicht sowie „andere Erinnerungsstücke“.  Was immer damit gemeint sein kann? Attraktiv vergilbte Fotografien aus der Jugendzeit vielleicht. Das getrocknete Vergissmeinnicht aus dem letzten Jahr oder, wer erinnert sich noch, Streichholzschachteln mit Telefonnummern darauf.

Aber wie auch immer. Dieser Rollkragenpullover im erdigen Ton jedenfalls. Der dunkle Blazer aus natürlichem Material, die Hose im heimeligen Tannenzapfenbraunton, das ledergebundene, alt wirkende Notizbuch, der birnbaumholzummantelte Kugelschreiber – Moment, ich sehe einmal kurz in den Spiegel: Oh! It’s me!

Ich lese aber noch weiter, jetzt will ich das alles wissen. Zu diesem Begriff, zu diesem Look gehört ein nicht aggressiv daherkommendes, charmant wirkendes Selbstbewusstsein“ (der Autor sieht an dieser Stelle kurz vom Tippen hoch und zwinkert sich selbst schalkhaft im Spiegel zu). Es geht auch um … einen Augenblick, ich muss mir das eben aus dem Japanischen oder was das nun wieder ist übersetzen lassen: „Unregelmäßige und lässige Strukturen im Haar.“

Und das beschreibt doch schön, was meine Mutter neulich so unangenehm direkt mit „Jetzt wird es bei dir aber auch allmählich dünner, ne?“ beschrieben hat.

Was noch, es wird ja immer besser. „Selbstreflexion und emotionale Tiefe“, meine Güte, was bei Modemeldungen so alles stehen kann, man macht sich ja keinen Begriff. „Sanftheit, Zurückhaltung und menschliche Präsenz.“ Na, wer kann dazu schon nein sagen.

Außerdem noch „lockere und fließende Silhouetten, die einen nicht einengen“ – das wäre ja auch noch schöner, denke ich mir beim Lesen, wenn mich auch noch meine Silhouette einengen würde. Irgendwo muss mal Schluss sein mit den Belastungen im Alltag.

Der Trend sei insgesamt das modische Äquivalent zur Melancholie, so steht es da ebenfalls. Allerdings auch das zu ungebügelter Wäsche (WTF?). Es gehe insgesamt um „schöne Unvollkommenheiten“. Wissen Sie was, ich sollte vielleicht noch etwas länger und vor allem viel interessierter in den Spiegel sehen. Und apropos Interesse, das soll man bitte für die Dichtung „zwischen Byron und Patti Smith“ haben.

Auch da gehe ich freudig mit. Überhaupt klingt das alles ganz nach „meins, meins, meins“, wie die Möwen bei „Findet Nemo“ gesagt hätten.

Eine Puttenfigur an einer Laterne auf der Lombardsbrücke

Man soll aber, das ist auch wichtig, bei diesem Trend nichts tragen, was irgendeinem Trend folgt. Da bekommt man dann doch wieder Kopfschmerzen, wenn man darüber zu lange nachdenkt. Oder aber man ist wie ich und läuft also schon etwas länger in genau dieser Art herum, Trend hin oder her. Mit dickem Rollkragen, Charme, Notizbuch und allem.

Zwei Aspekte fallen mir noch ein, nachdem ich mit der Lektüre der Mode-Accounts durch bin, und ich checke wissbegierig die ebenfalls wichtigen Bereiche Musik und Inneneinrichtung. Playlists mit dem Begriff Poetcore im Titel scheint es bisher allerdings kaum zu geben. Das Wenige, was ich dann doch finde, versammelt Songs von Menschen wie Nick Drake, Nick Cave, Lana Del Rey, Cigarettes after Sex und Jeff Buckley – da gehe ich immer noch mit, und sogar gerne.


Bei den Interieurs wiederum lässt sich die angestrebte Optik ganz einfach beschreiben. Das ist nämlich nichts anderes als das altbekannte Dark Academia, nur ist alles jetzt etwas besser und viel freundlicher ausgeleuchtet. Es liegen auch keine Totenköpfe mehr auf den Schreibtischen herum, stattdessen gibt es auf einmal auf jedem Bild lebensbejahende Zimmerpflanzen.

Auch damit und darin könnte ich gut leben.

Es soll DER Trend des Jahres werden, so heißt es. Es wird also mein Jahr, lese ich da heraus. Eine fast zwingende Ableitung ist das, nicht wahr? Ich wäre auch gegenüber einer mich betreffenden, irgendwie positiv zu deutenden Nachricht, und sei es nur eine lächerliche Trendmeldung in der Vogue, auf Pinterest, auf Instagram oder wo auch immer, durchaus aufgeschlossen, so ist es nicht.

Man muss die Zeichen doch stets nach Möglichkeit beachten. Und zwar auch die am Wegesrand.

Eine alte Laterne am Ufer auf der Lombardsbrücke an der Binnenalster

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Was man sieht, hört und hinterfragt

Ein bemerkenswertes Timing. Während Felix und die Kaltmamsell über KI-generierte Inhalte stolpern und sich berechtigt darüber ärgern, erlebe ich einen ähnlichen Effekt. Mit einem anderen Video und im beruflichen Kontext, ein wenig anders gelagert. Denn ich sehe da einen Film, an dem zwar klein, aber immerhin noch halbwegs gut lesbar dransteht, dass dabei etwas made with AI sei. Aber ich weiß dadurch noch nicht, was genau die Software erzeugt, verändert oder verbessert hat.

Da hält jemand einen kurzen Vortrag in diesem Film, mehr passiert gar nicht. Aber wurde nun vielleicht nur sein aufgesagter Text durch eine KI generiert? Oder sind es seine Mundbewegungen und die ganze Mimik, sogar die Gestik? Hatte er diesen Anzug bei der Aufnahme gar nicht an? Wurde, das sieht man jetzt ja öfter, z. B. auch bei Instagram, lediglich sein Englisch künstlich erzeugt, war es also nur das elegante Tricksen für jemanden, dessen Muttersprache nicht das Englische ist?

Man kann immer weiter fragen. Ist der Mensch denn überhaupt tatsächlich bei diesem Vortrag gefilmt worden oder wurde er nur vorher einmal fotografiert und der komplette Rest wurde dann animiert? Oder ist er am Ende nicht einmal fotografiert worden, ist also alles von vorne bis hinten nur ein technisch gelungenes Recycling? Nein, eher ein Upcycling irgendwelcher alter Vorlagen aus den Archiven, was auch immer?

Was sehe und was höre ich da.

Das kann ich nicht wissen. Antworten dazu werde ich auch nicht finden können, und wir sind vielleicht längst so weit, dass man hartnäckige Fragen in diese Richtung etwas anstrengend finden könnte.

Dieser Vortrag im Film muss mich dennoch interessieren. Weder Sie noch ich werden auf Dauer alles wegignorieren können, was uns da in dieser Form begegnen wird. Aber ich sehe und höre diesen Film mit einer neuen, mit einer klar 2026er Version der Irritation und der nachhaltigen Unzufriedenheit. Denn die Fragen gehen mir nicht aus dem Kopf.

Ich kann mir daher gut vorstellen, um erneut auf den weiter grassierenden, globalen Trend der Analognostalgie zurückzukommen, dass im Umkehrschluss Live-Veranstaltungen aller Art, bei denen einigermaßen zweifelsfrei alles echt und überprüfbar, anfassbar und gegenwärtig ist, wieder angesagter und entsprechend besser besucht sein werden. Und zwar viel angesagter.

Der Herr Knüwer hat da gerade eine interessante und passende Vorhersage, die ich nicht abwegig finde: „Die Nutzung Generativer KI wird in der Öffentlichkeit zu dem, was mal Fake-Hugo-Boss-Sweathirts oder Fuchsschwänze waren: ein Ausweis sozial niedriger Schichten.

Und zu dem eben erwähnten Globaltrend übrigens hat Herr Montag noch etwas Unterfütterung zu bieten, sehe ich. Inklusive der Verstärkung durch Byung-Chul Han und Hartmut Rosa. Falls Sie sich also beim kurzen Weglegen des Smartphones gerade auf große Namen berufen wollten – bitte sehr. Denn wir legen das Smartphone selbstverständlich nicht einfach nur irgendwie weg. Wir legen es durchdacht weg, in unseren stets bemühten Kreisen.

Und das ist auch gut so.

Ein Aufkleber an einem Stromkasten: Der Struggle so real

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Was ich diesen Monat bereits erreicht habe

Es stellte sich also heraus, man ist mit diesem pandemiebekannten Virus gar nicht garantiert nach einer Woche fertig – oder es nicht mit einem, wie man es nimmt. Beim Sonntagstestspaziergang kam mir die Luft um die Alster herum schon verdächtig sauerstoffarm vor, und am Montagmorgen wog ich dann merkwürdig müde und seltsam schwunglos vor dem Arbeitsnotebook sitzend kurz ab, kannste heute, kannste eher nicht … und fand dann nach ausreichend Bedenkzeit, während der ich allerdings mehrfach fast wieder einschlief, dass ich nicht konnte.

Durch erneut einsetzenden Schnee ging ich zur Ärztin und sah: Die anderen konnten auch alle nicht. Denn die standen da alle vor mir und warteten auch. Na, vielleicht nicht alle, aber jedenfalls enorm viele von ihnen. Damit war ich also wieder beim mehr oder weniger tröstlichen, stets trendbegleitenden Ringelnatz-Zitat: „Nie bist du ohne Nebendir.“

Ich legte mich nach erfolgter Krankschreibung wieder hin und staunte im weiteren Laufe des Tages darüber, welche Uhrzeiten ich alle verschlafen konnte. Hauptsache, man kann sich ab und zu noch beeindrucken, nicht wahr. Es ist doch gelegentlich wichtig für die positive Beziehung zum Selbst.

„Was haben Sie in diesem Monat erreicht?“

„Ich habe ganz neue Uhrzeiten verschlafen.“

„Stark, Herr Buddenbohm, wirklich stark!“

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Ein Herz und das Wort Liebe, mit Kreide an eine Mauer gemalt

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Nebenbei hörte ich Musik aus der Richtung, die ich gestern am Ende des Textes erwähnt habe. Lieder von der alten Liebe und von alternden Liebenden im weitesten Sinne. Ich finde Musik nahezu immer und bei allem hilfreich. Und zwar in diesem Fall zur Abwechslung mit ausschließlich deutschsprachigen Texten, mir war gerade so.

Das ergab dann zwanglos eine Playlist von vorläufig 44 Titeln, die ich auch auf YouTube versammelt habe.

Diese Playlist hier auch als Link.

Es sind alles Lieder, bei denen jeweils mindestens zwei, drei Zeilen einen Aspekt beschreiben, der auch für mich im Moment hinzukommen scheint. Zumindest nach Tages- oder sogar nur Stundenform, denn die Kurse fallen und steigen in diesen Fragen wie an der Börse. Ich gebe mich emotionsfluid, auch wenn Google das Wort nicht kennt.

Sogar mein berühmter Nachbar kommt in dieser Playlist vor. Der bald achtzig Jahre alt wird und dessen Musik, pardon, ich sonst eher gar nicht höre, das ist leider fast alles nicht mein Fall. Aber seine Version der „Sachlichen Romanze“ von Kästner, die ist doch in Ordnung: Udo Lindenberg.

Und sonst gibt es da mehr von Malediva (Wikipedia-Link), als ich angenommen hätte, aber die kann man ohnehin mal wieder hören. Diese Gruppe tritt leider nicht mehr auf und produziert auch keine neuen Stücke mehr. Wenn Sie sie nicht kennen sollten, fast möchte man es in diesem Fall hoffen, haben Sie einige schöne Entdeckungen vor sich, äußerst ansprechende Texte hatten die nämlich.

Und manche Zitate aus den Songs auf dieser Liste kann man ohnehin öfter verwenden, wie etwa die folgende Weisheit von Hildegard Knef, die hier auch schon einmal vorkam, aus dem Lied „17 Millimeter“:

„Dass es gut war, wie es war, das weiß man hinterher

Dass es schlecht ist, wie es ist, das weiß man gleich.“

Man kann es sich auch auf Kissen gestickt vorstellen. Aber gut, das müsste ein ziemlich großes Kissen sein.

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Herzchen, Blümchen, Zitate, Refrains

Ich wurde durch die Eröffnung der olympischen Winterwettkämpfe überrascht. Ich hatte nicht einmal ansatzweise mitbekommen, dass die dran sind, ich hätte auch nicht gewusst, wo sie stattfinden. Das ist eine Premiere, nehme ich an, und zeigt sicher meinen insgesamt reduzierten Nachrichtenkonsum an. Es kommt mir aber auch so vor, stelle ich fest, während ich mir ein paar Titelseiten von Medien im Internet ansehe, dass Olympia schon einmal nennenswert prominenter vorkam.

Der dafür gerade reservierte Bildschirmausschnitt auf CNN etwa, er wirkt doch äußerst bescheiden, und es wiederholt sich in etwa so bei SPON. Nanu? Vielleicht ist es ein nachlassender Hype, warum auch immer. Bei Sportthemen bin ich ahnungslos.

Einen anschwellenden Hype gibt es aber auch, wie überall zu sehen ist, und das ist der um den Valentinstag. Es ist nicht allzu lange her, dass sich der in meinem Umfeld hauptsächlich durch Billigpralinensondereditionen in rosafarbenen Herzchenkartons beim Discounter sowie durch die großen Außenwerbungsplakate des Floristenverbandes ausgezeichnet hat. Und außerdem noch durch enorm lange Schlangen von fortgeschritten genervt aussehenden Männern vor den Blumenläden im Hauptbahnhof.  Männer, die nach Feierabend am 14.2. noch mal eben das obligatorische und am besten rotrosige Blühzeug zum spontan erhöhten Preis mitnehmen wollten, und die da dann unerwartet lange dort anstanden. Die dabei leise knurrend all die anderen ihrer Art verfluchten und dabei unruhig zappelnd und mit den Oxford-Schuhen oder Sneakers scharrend auf die Uhren sahen, mit dem Smartphone nebenbei noch schnell anderes delegierend.

Jahrelang machte genau dies den Valentinstag aus, es war klar erwartbar.

Jetzt aber wird es auf einmal deutlich aufwändiger. Jetzt geht der Trend zur intensiven Eventisierung des Tages, und neuerdings spielt dabei ein gewisses Segment der Gastronomie begeistert mit. Nämlich das Segment, in dem man sich für exklusiv, schick, originell oder auf irgendeine Art wenigstens romantisch genug hält, um den geeigneten Rahmen für ein Date an diesem Tag zu geben.

Da wird nun auf einmal mit Nachdruck geworben und Valentinsmenüs werden angepriesen wie sonst nur die Speisefolgen zu Silvester etc. Aber selbst bei imbissähnlichen Etablissements kleben Sonderkarten in den Fenstern, versehen mit dem schnörkeligen Hinweis: „Cheers to love.“

Die süßliche Abenddekoration in diesen Lokalen kann man sich vorstellen. Womöglich sitzt irgendwo hinten auch jemand am E-Piano, spielt etwas mit „Amore“ im Titel und singt in schlimmen Fällen sogar.

Besonders Instagram ist voll von Werbung, die sich auf diesen Tag bezieht. Männern wie mir wird dort mit Nachdruck und etlichen Wiederholungen gezeigt, was ich der oder wenigstens einer Frau noch alles schenken könnte. Gerne auch etwas aus dem Juwelensortiment für das mittelgroße Vermögen! Oder zwei, drei Tage ach so spontaner Urlaubsflucht, siehe auch die Sonderbeilagen „romantische Ziele“ in den entsprechenden Katalogen.

Im großen Legoladen in der Fußgängerzone prunken bunte Blumensträuße aus den Plastikbausteinen im Fenster. Groß und teuer sind sie, eine Geschenkidee, eine Geschenkidee.

Ein Bioladen in der Nähe dekoriert geeignete Kräutermixe im Fenster. Da liegt die mit Herzchen bedruckte Weihrauchmischung „Liebe“ für kleines Geld aus, vorbeigehende Katholiken sehen es vielleicht mit Staunen.

Das Wort Love, mit Edding auf eine Packstation gerschrieben

Die Herzdame und ich ändern währenddessen, denn irgendwer verhält sich immer antizyklisch, unseren Beziehungsstatus nach 21 Jahren ohne Update zu „Es ist kompliziert.“ Daraus folgen allerdings erst einmal keine zwingenden Drehbuchanweisungen für uns. Die aktuellen Folgen unserer Soap haben eher etwas von Impro-Theater, und vielleicht endet damit nicht einmal eine Staffel. Vielleicht wird auch das am Ende nur eine weitere Phase gewesen sein. Aber Phasen passend zu benennen, das war und ist mindestens ein Nebenzweck dieses Blogs. Und so eine Statusänderung festzustellen, anzuerkennen und draußen dranzuschreiben, das ist auch nicht nichts. Sie kennen das vielleicht.

Aber wie auch immer – nach Drama ist mir gar nicht, und eine gute Gelegenheit ist es jedenfalls, meine lange Playlist mit deutschsprachigen Songs neu durchzugehen. In der mir jetzt auf einmal andere Zeilen und Zitate als früher auffallen. Aus der heraus sich nun manchmal andere Stimmungen auf mich übertragen wollen.

Ich höre einige der Stücke dort mit erfreulich neuem Enthusiasmus, lerne weitere Textstellen und merke mir für die morgendlichen Minuten unter der Dusche auch andere Refrains als sonst zum Mitsingen vor. Läuft.

Es ist nach wie vor bei allem sehr wichtig, sich auch die Vorteile zu notieren.

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