An den Freitag der letzten Woche kann ich mich nicht erinnern, vielleicht gab es in der Woche gar keinen Freitag. Man kann auch nicht immer auf alles aufpassen, denke ich mir. Und was ist schon ein Freitag von den Tausenden, die man so zugeteilt bekommt. Auch einmal gelassen etwas entbehren können! Die Tage ungezählt und unbenannt an sich vorbeiziehen lassen. So wie der Buddha unter dem Feigenbaum die Gedanken, und das ist dann auch Urlaub.
Am Sonnabend das Konzert von Fortuna Ehrenfeld im Mojo. Zum ersten Mal seit Jahren wieder an einem Samstagabend auf der Reeperbahn, da weiß man auch gleich wieder, warum man das sonst eher meidet.

Unerwartet stand ich da dann als Einzelbesucher vor der Bühne, das war anders geplant und gewünscht, ließ sich aber nicht mehr anders einrichten. Die Umstände, die Sonderplanungen, die Ereigniskarten des Lebens. Das macht mir normalerweise auch nichts aus, ich bin oft und auch gerne solo irgendwo. Allerdings war ich, wo ich mich auch hinstellte, dort hartnäckig von frühlingstollen, musikbeseelten, knutschenden Paaren umgeben. In einer Häufigkeit, die ich nach einer Weile doch etwas anstrengend fand, und obwohl die stark dargebotene Konzertleistung eher die schnelleren, lauteren Stücke betonte und gehörig rockte, gar nicht hauptsächlich kuschelig war.

„Und alles fliegt dir zu …“, singt Martin Bechler. Das Gefühl hatte ich an diesem Abend dann eher nicht. Andererseits bin ich mir auch nicht sicher, ob ich etwa mit mir zufliegenden Herzen etwas anzufangen gewusst hätte. Immerhin aber ging ich nach sehr gutem Konzert durch eine Nacht nach Hause, jackenlos und clubgewärmt, die fast schon als laue Sommernacht durchging, mitten im März.
Lächelte dann in der U-Bahn beim Rekapitulieren von Textzeilen eher versehentlich eine fremde Frau an, und die lächelte prompt zurück, bevor sie ausstieg. Immerhin.
Dann gab es etliches Organisatorisches zu besprechen und zu klären. Man entkommt dem immer nur bedauerlich kurz, also ich jedenfalls. Dann gab es so einen Behördenbrief im Briefkasten, bei dem man nach der Lektüre neue Blutdruckmedikamente braucht und außerdem jemanden hauen möchte, auch als eher friedfertiger Mensch. Man würde eben etwas weniger weit ausholen als die normalen Hooligans.
Schließlich umfassendes Umplanen und gründliches Abwägen und Diskutieren mit der Herzdame und längeres Klären der Möglichkeiten. Gedankliches Hin und Her und dann das Heraussuchen eines Zuges.
Eine Zugfahrt am Sonntag in Richtung Nordwest zum Abgewöhnen. Wobei ich gefühlt nur alle zehn Fahrten einmal Pech habe. Unterm Strich empfinde ich das noch als zumutbar und bleibe dem Verkehrsmittel treu. Diesmal aber – meine Güte. Volltrunkene Fußballfans, angeheiterte Damenrunden aus der Piccolo-Fraktion und Senioren mit E-Bike und zehntausend Zubehör- und Gepäckteilen, die sie alle aggressiv bewachten und verteidigten: „Sie sind eben dagegen gekommen! Gehen Sie weg!“

Aber auch eine Zugbegleiterin, die einem ahnungslosen Fahrgast den Umgang mit einer Ticket-App in einer solchen Engelsgeduld erklärte, dass daraus fast ein kompletter Volkshochschulkurs über das Smartphone für Senioren wurde. Wobei sie unentwegt beruhigend auf den tendenziell hektischen, etwas panischen, fahrigen Menschen vor sich einredete, bis es alles tatsächlich funktionierte und auch schön bestätigende Geräusche machte. Obwohl zwischendurch kein Mensch mehr unter den unfreiwillig Zuhörenden ringsum im Waggon war, der ernsthaft glaubte, dass die beiden da jemals zu einem Ergebnis kommen konnten. So lang war der geistige Anfahrtsweg, dermaßen weit wurde immer wieder ausgeholt.
Sie kamen aber ins Ziel. Nach über 15 Minuten erst, aber so ist das manchmal. Ankommen ist alles. Diese Frau jedenfalls besser mal abwerben für ein Lehramt anderswo, eine Pädagogin erster Klasse.
In Husum stieg ich erleichtert aus dem Zug und staunte kurz über den immer noch heruntergekommenen Bahnhof, an dessen maroden Bahnsteigen man auch Filme über die Ostblockvergangenheit anderer Staaten drehen könnte. Die Kulisse passt dort schon.
Und nun bin ich unerwartet und auch nur für kurze Zeit wieder inmitten von ungeheuer viel Gegend auf Eiderstedt. Wo ich die bei meiner Ankunft umgehend losfahrende Herzdame in der Betreuung von Sohn II ablöste, der hier weiter und mit ungeahnter Begeisterung als Geburtshelfer bei den Schafen arbeitet. Etwa 120 Geburten stehen noch aus, 120 Lämmer sind noch auf die Welt zu holen. Es gibt reichlich Arbeit für ihn und ich denke, er lernt auch viel dabei. Und zwar bei Themen, die zum analogen Großtrend recht gut passen.

Die Herzdame aber musste dringend auf Dienstreise. Weswegen ich zum ersten Mal hier bin, ohne Urlaub zu haben. Home-Office auf dem Hof, nicht Agrotourismus, sondern Agro-Office. Es ist meine Premiere.
Die Schafe blöken mir am Vormittag energisch motzend in die Calls, ein Hahn kräht aufgeregt alarmiert in höherer Tonlage drüber hinweg. Ich muss mich dermaßen zusammenreißen, daraus nicht pausenlos entsprechende Scherze über die Welt der Konzern-Jobs und der zu langen, zu häufigen, zu sinnlosen Meetings zu machen.
Sie können mir schon glauben, ich habe es auch nicht immer leicht.

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