Die Wahl des Ladens und des Schadens

Auf dem Rückweg vom Büro kann ich zwischen mehreren Läden wählen, in denen ich einkaufen kann. Je nachdem, in welchen ich gehe, mache ich Erfahrungen mit armen oder mit reichen Menschen, mit diesen oder jenen Klischees. Ich kann auch Läden wählen, in die gehen fast nur Menschen, die noch nicht allzu lange im Land sind, es gibt einen, in dem sind ungewöhnlich viele Menschen mit heftigen Alkoholproblemen und es gibt einen, in dem sind fast nur Menschen, die es wahnsinnig eilig haben. Ich kann mir aussuchen, welche Geschichten ich erleben möchte. Was ich eher nicht bieten kann, ist ein durchschnittlicher Laden mit durchschnittlichen Kunden. Im kleinen Bahnhofsviertel ist alles etwas speziell, unser Mainstream hier ist kein langer, ruhiger Fluß.

In einem großen Laden, in dem viele Menschen einkaufen, die nicht ganz so viel Geld haben, steht ein schwankender Trinker vor mir an der Kasse, der stützt sich schnaufend auf seinen Rollator, der seltsam fragil wirkt, weil der Mann über ihm ein erhebliches Format hat. So einer war einmal Seemann oder Türsteher, Preisboxer oder sonstwas, so einer hat immer noch die Reste der Muskeln, die er sicher einmal gut genutzt hat, aber das ist schon eine Weile her. Jetzt kämpfen die Muskeln gegen das Schaukeln und gegen die verdammte Schwerkraft, und einfach ist das nicht. Er will nur schnell einen Flachmann kaufen, ungeduldig schiebt er ihn über das elend langsam ruckelnde Kassenband. Er kickt ihn mit dem Finger immer weiter vorwärts bis er endlich dran ist, er murmelt dabei Flüche und stöhnt. Die Kassiererin ist von stoischer Verkaufsfreundlichkeit, sie grüßt korrekt und spult alles ab, was die Lehrgänge nur hergegeben haben, da gibt es nichts. Sie fragt nach der Kundenkarte und nach den gesammelten Punkten und ob der Herr denn auch den Bon … und bei der dritten Frage reicht es dem Kerl, dessen Not jetzt endgültig nicht mehr im aushaltbaren Bereich ist, er grapscht nach dem rettenden Fläschchen: “Mensch, halt endlich die Fresse und gib her das Ding!” Was sie ohne sichtbare Regung mit “Schönen Tag noch” beantwortet, denn in diesem Laden lernt man auch das. Der Mann geht zwei, drei Meter weiter, dann schüttet er sich den Schnaps schon in den Hals. Das ist so ein Typ, vor dem haben Kinder Angst.

Im anderen Markt, in dem die Menschen mit mehr Geld und auch die mit sehr viel mehr Geld verkehren, gibt es an der hochgelobten Fleischtheke mehrere Sorten exquisiten Rindfleischs. Das Kilo kostet manchmal so viel, wie die Leute im anderen Laden in einer Woche für alle Lebensmittel ausgeben, vielleicht kostet es auch mehr. Diese Ware läuft hier wirklich gut, wenn man öfter in diesem Laden einkauft, gewinnt man den Eindruck, dass sich ab einem gewissen Einkommen alle von Steak ernähren, und zwar von feinsten und allerfeinsten Steaks. Wenn man da etwas so Banales wie Mett kauft, das wirkt schon arm, so eine Fleischtheke ist das. Dort arbeiten natürlich auch nicht irgendwelche Leute, da arbeiten Experten, die sich bestens auskennen. Die können zu jedem Stück Fleisch eine Geschichte erzählen, die wissen auch alles zu den sinnvollen Zubereitungsarten, zur Lagerung und überhaupt, die wissen, welches Rind wo und was gegrast hat, die wissen womöglich alles, was man überhaupt über Fleisch wissen kann.

Vor mir steht ein Paar, ungefähr Renteneintrittsalter. Beide sind für die Kundigen nach einem Dresscode gekleidet, der nach Herrenausstatter und Boutique aussieht, nach Jaguar, Landhaus, Golf und dergleichen, unbedingt aber auch nach wir haben nicht erst seit ein paar Jahren Geld. Und die beiden haben Fragen. Sie fragen nach dem Fleisch, nach dem teuren Fleisch und auch nach dem allerteuersten. Sie lassen sich die Geschichten ausführlich erzählen, einen Tick zu ausführlich vielleicht, wenn man bedenkt, dass hinter ihnen noch zehn Leute stehen, aber gut, sie sind ja dran. Und das will eben sorgfältig gewählt sein, dieses Fleisch, das ist ja nicht wie beim Discounter mit den abgepackten Billigfleischbrocken, die man so im Vorbeigehen wahllos mitnimmt. Es ergibt sich ein freundlicher Austausch mit der Fleischereifachverkäuferin, man unterhält sich in verbindlichstem Tonfall. Auf der Waage liegen schließlich zwei gar nicht so dicke Scheiben Fleisch, beim Preis werden 58 Euro und ein paar Cents angezeigt. Gerade will die Frau, es wird wohl die Ehefrau sein, doch noch einmal etwas fragen, gerade will die Fleischereifachverkäuferin noch ein letztes Mal etwas erklären, da hat er auf einmal genug davon, das Thema ist jetzt durch, man kann ja auch nicht den ganzen Tag einkaufen. Und er redet mit einer fürchterlichen Routine nur einen knappen Satz lang auf einmal etwas lauter als die beiden Damen, gerade nur so laut, dass die sofort merken, was Sache ist: “Wir haben das dann jetzt entschieden”, sagt er. Und sie verstummen beide sofort, nicken und sagen “Gut”, weil es auch gar keinen Zweifel daran geben kann, dass das jetzt tatsächlich entschieden ist.

Das ist so ein Typ. vor dem haben Kinder noch keine Angst. Das kommt erst viel später.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Fast

Auf Twitter oder wo ging ein Scherz um, danach ergibt die Kombination “Johann Ludwig” + “dein liebstes Gartenwerkzeug” schöne Namen für Barockkomponisten, weswegen die Herzdame und ich jetzt für Johann Ludwig Vertikutierer und auch für Johann Ludwig Spaten schwärmen, es sind in der Tat großartige Namen, man möchte direkt ihre Orgelkonzerte hören.

Ansonsten habe ich diverse Blumen und Klettererdbeeren gepflanzt, den Rhabarber mit Kompost beschenkt und Dill und Radieschen gesät. Ich habe gestern ein paar Minuten sinnend vor dem Pfirsichbaum gestanden und bewundert, wie er die Spannung hält, seit Tagen öffnen sich seine Blüten nicht, es sieht aber die ganze Zeit überzeugend so aus, als sei es nur noch eine Frage von Stunden, wenn nicht sogar nur von Minuten, man könnte es auch kurz abwarten – aber es passiert einfach nichts. Wochenlang kann der wohl so stehen und alles ist ein drängendes, knappes, packendes Fast. Ein großartiger Baum, Krimis nichts dagegen.

Die Purpurmagnolie auf der anderen Laubenseite hat endlich eine einzige ihrer vielen Knospe einen winzigen Spalt geöffnet, man sieht, was da kommt, eine Farbe wie ausgedacht, wie der Trend der Saison im Stoffgeschäft.

Alle drei Stachelbeeren sind schon voll ergrünt und stehen da, als sei das ganz normal, während der Rest der Sträucher und Bäume ringsum noch mühsam und eher zögerlich am grünen Schimmer herumlaboriert. Stachelbeeren werden auch unterschätzt, es sind ungeheuer charakterstarke Pflanzen.

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Wir waren bei den Floating Bricks, der großen Lego-Ausstellung mit den manchmal etwas wahnwitzigen Modellen. Die Ausstellung findet in diesem Jahr im St.-Pauli-Stadion statt und ist auch morgen noch geöffnet, ich empfehle besonders die Muppets und den Buckingham Palace.

(Foto: Sohn I)

 

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(Foto: Herzdame)

 

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Ich gehe heute Abend mit Sohn I ins Theater und merke gerade, dass die Zeit für nichts reicht, wenn man am Abend nicht da ist. Wie machen das denn andere bloß dauernd? Unbegreiflich.

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Der Musiktipp heute wieder von Sohn I, er hat ein paar Stücke auf Vorrat geliefert. Fischgang:

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Haltlos königsblau eingesaut

Die Kaltmamsell zitiert eine schöne Blogdefinition von Goncourt, die muss ich auch wiedergeben: “Das Bloggen gleicht inzwischen dem Schreiben auf einer alten Triumph Adler. Hemmungslose Lektorats- und Redaktionsfreiheit. Deadlinefreiheit. Leserfreiheit. Kein anderes Medium derart in der Lage, das Durcheinander, die Skizze, die Beobachtung und den Gedanken, die haltlose Assoziation und den hinfälligen Zusammenhang in ähnlicher Diskretion, ähnlicher Verantwortungslosigkeit, ähnlicher Willkür aneinanderzureihen. Das Fotografieren, genauso Augenblicksprotokoll wie Projektionsfläche für alles mögliche, das Notat, je kürzer desto interpretierbarer, der Name Goncourt, irgendwann im Fluge aufgeschnappt, dann mit Wörtern, Gesten, Blicken gefüllt, dann wieder entleert.

Passend zur Triumph-Adler-Assoziation habe ich hier gestern beim Aufräumen einen alten, sehr feinen Kolbenfüller und ein Tintenfass gefunden und mir damit ganz herrlich die Finger königsblau eingesaut. Auch mal wieder schön.

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Ich bin nach der Arbeit kurz im Garten gewesen und habe Zuckererbsen, dicke Bohnen, rote Melde und Mangold gesät und Zwiebeln gesteckt. Gleich fühlt sich der Tag konstruktiv genutzt an.

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Die plötzlich kurzhaarigen Söhne haben ein ebenso plötzliches Interesse an Haarstylingprodukten. Beim morgendlichen Zähneputzen sehe ich im Badezimmer ein neues und selbstverständlich extrastarkes Gel vor mir stehen, “Radikaler Halt” steht da drauf. Radikaler Halt! Ich gucke entgeistert. In wie vielen dunklen Stunden des Lebens hat man den gesucht, in wie vielen schlaflosen Nächten hätte man Gott weiß was dafür gegeben, den einmal, wenigstens einmal zu fühlen, bevor man sich dann mühsam doch wieder selbst den üblichen und leider nur minimalen Halt gebastelt hat, fintenreich wie ein MacGyver für Arme und Psychos, mit einem Bindfaden und alter Hoffnung und etwas Alkohol oder Liebe oder was immer da gerade in Reichweite herumlag. Radikaler Halt, ja verdammt, das wäre es doch gewesen, das hat immer gefehlt. Und dabei kann man einfach in den nächsten Drogeriemarkt gehen, da gibt den in Tuben und er kostet nicht einmal viel. Herrje.

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Musik! Natürlich was mit Halt.

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Golipdi!

Auf der bereits gestern erwähnten internationalen Einkaufsmeile im kleinen Bahnhofsviertel stehen auch internationale Seelenfänger. Anhänger einer christlichen Sekte stehen da in Dreiergrüppchen, alle hundert Meter noch eines und noch eines. Die Grüppchen sind multikulturell besetzt und die Damen und Herren versuchen, die Herkunft der Passanten zu erraten, rufen ihnen ihre Botschaft dann in den womöglich passenden Sprachen zu und halten ihnen auch dazu passende Heftchen hin, die sie in etliche Versionen dabei haben. Natürlich interessiert sich niemand für diese Grüppchen mit Missionsauftrag, da kann man noch so lange zusehen, es bleibt niemand stehen, es nimmt keiner ein Heft. Es zieht ein unendlicher Menschenstrom achtlos an den Leuten mit den Heftchen in den Händen vorbei. Aber immer lächeln diese Typen weiter, verbindlich, stetig und vielleicht auch märtyrerhaft, zumindest in der eigenen Wahrnehmung, aber wer würde ihnen das schon bestätigen wollen.

Ich sehe ziemlich deutsch aus, nehme ich an, jedenfalls hält man mir das passende Heftchen hin und ruft mir in gebrochenem Deutsch zu, was sie wohl in allen Sprachen rufen: “Golipdi!” Mehrfach und dreistimmig ruft man das. Erst zehn Schritte weiter enträtsele ich mir das als “Gott liebt dich”, ich bin leider auch nicht immer der Schnellste.

“Gott liebt dich!” Natürlich. Ich habe ja meistens eher Göttinnen geliebt und das auf eine denkbar weltliche Art. Aber vielleicht macht das nichts, wer weiß.

Kurz darauf stehe ich auf dem Schulhof des Gymnasiums und höre einen Dialog im Vorübergehen:

“Weißt du, ich liebe dich.”

“Das ist auf Freundschaftslevel auch voll okay.”

Zweimal Liebe an einem Tag, wie einseitig auch immer, Sie merken es schon, wir sind wieder bei den Frühlingszeichen und ich liebe übrigens gerade den Wetterbericht.

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Der Musiktipp kommt heute von Sohn I und ist eher ein Tanztipp, eine Choreo, wie er sagt. Bitte sehr, Sie können die paar Schritte ja auch mal eben einüben. Hält geschmeidig!

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Kasse, Kiosk, Kalt

Wuthering Heights ist zu verkaufen.

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Hatte ich das hier eventuell noch gar nicht verlinkt? Nein? Das muss aber verlinkt werden.

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Im Supermarkt kommt ein älterer Herr schnellen Schrittes an die Kasse, umgeht die Schlange und beugt sich übers Laufband zur Kassiererin: “Haben Sie denn wirklich keine Rosinenbrötchen?” Das ist eigentlich keine besonders schlimme Frage, aber er fragt es in einem unangemessen tragischen Tonfall, es muss doch irgendwie schlimm sein. Seine Frage klingt nach einem anderen Sinn des Satzes, etwa nach: “Gibt es denn wirklich keine Hoffnung mehr in der Welt?” So in der Art. Die Frage klingt nach Trostlosigkeit, dabei geht es nur um süßes Gebäck. Fortgeschritten traurig wirkt der Mann, zumal er feuchte Augen hat, was natürlich nicht zwingend mit seiner Frage zusammenhängen muss. Es weht immerhin ein ziemlich scharfer Wind von Nord da draußen, da können Augen schon einmal tränen, gerade bei älteren Herrschaften, das kennt man. Außer Atem ist er allerdings auch ein wenig. Vielleicht ist er mittlerweile bereits im dritten oder vierten Laden ohne Rosinenbrötchen, das kann doch sein, da steigt die Dringlichkeit, da versteht man ihn gleich etwas besser. Vielleicht brechen dem gerade wichtige Selbstverständlichkeiten weg, wer kennt es nicht.

Die Kassiererin sagt: “Nein, die haben wir hier nicht, das tut mir leid”, und sie guckt ziemlich nett und mitfühlend und lächelt. “Gar nicht?”, fragt der Mann, und “Gar nicht” antwortet die Kassiererin. Der Mann guckt, als könne das einfach nicht wahr sein, was er da hören muss, dann geht er grußlos und schnell weiter, vermutlich zum nächsten Laden. Er hat Kleingeld in der Hand und trägt es vor sich her. Die anderen Leute in der Kassenschlange sehen ihm nach. Was war denn das jetzt wieder für einer? Und jeder denkt sich so seinen Teil und zwei, drei Leute haben sicher plötzlich Hunger auf Rosinenbrötchen. Aber nach denen müssen sie in diesem Markt ja nicht fragen, das wissen sie jetzt. Denn die Nachfrage steigt zwar gerade, aber der Markt regelt hier so gar nichts.

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Ansonsten ein Tag mit grob unfreundlichem Wetter, es drischt auf die Menschen ein als wolle es uns alle zwangsweise und schnell an kalte Duschen gewöhnen, die sollen ja gesund sein und hier, noch ein Guss? Kommt sofort.

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Ich kaufe in einem Kiosk etwas für 1,30 Euro und zahle mit einem Fünf-Euro-Schein. Der junge Mann, der da gerade aushilfsweise verkauft, guckt den Schein an und überlegt etwas, dann fragt er mich freundlich, ob ich ihm vielleicht helfen könne, das jetzt mal auszurechnen? Das mit dem Rückgeld?

Und das ist auch wieder irgendwie tröstlich, dass es noch Menschen gibt, die in ihrem Aufgabenbereich eindeutig weniger kompetent sind, als man sich selbst in seinem manchmal empfindet.

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Musik! Josienne Clark und Ben Walker.

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Was schön war

Irgendwann in der letzten Woche: Ich gehe auf dem Steindamm einkaufen, also auf der internationalen, aber ganz und gar nicht reiseführertauglichen Einkaufsstraße des Stadtteils. Vor einem der arabisch-afghanisch-syrisch-libanesisch-türkischen Geschäfte fegt einer den Fußweg und grinst. Ich bleibe neben ihm stehen, weil ich da auf ein Ampelgrün warte, er sieht mich strahlend an: “Hi!”, sagt er mit starkem Akzent, “ich fege hier.”

Und er sagt es so, als sei das mit großem Abstand das Beste, was man so machen kann. Es ist ein stolzer Tonfall wie bei “Mein, Haus, mein Auto, mein Boot”, es klingt nur viel vergnügter. Er steht und lächelt, er ist sehr zufrieden mit sich und seinem Besen, mit dem Job und dem Tag, der so grau und nasskalt und grob unfreundlich ist, wie es ein Märztag nur sein kann. Er guckt, was er schon gefegt hat, er guckt, was er gleich noch fegen wird, dann nickt er mir zu und sagt noch einmal: “Ich fege hier.” Auf der Straße weht ein Stück Papier herum, das weht zwar nicht durch seinen Aufgabenbereich, das fängt er aber in einer Lücke zwischen den Autos nebenbei schnell auf, wenn er schon dabei ist. Und er guckt die Straße entlang, als würde er hier am liebsten alles fegen: “Muss weg”, sagt er mit Blick auf das Stück Papier in seiner Hand, “muss alles weg.”

Als Jugendlicher hätte ich darüber vermutlich gelacht. Fegt der da und ist froh dabei! Als Jugendlicher macht man eben manchmal noch schlimme Denkfehler. Heute weiß ich längst: Mit sich und allem zufrieden zu sein, und sei es nur für eine halbe Stunde, das ist schon verdammt viel.

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Denn der König winkt nicht jedem

Ich habe drüben bei der GLS Bank etwas über das Anthropozän zusammengestellt. Wenn Sie danach immer noch zu viel gute Laune an Bord haben, lesen Sie einfach diese Buchrezension, das regelt sich dann runter. Bitte, gerne.

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Ich lese weiterhin Bücher von Frauen, gerade habe ich Mariana Lekys “Die Herrenausstatterin” beeendet. Während das Buch den gleichen Charme hat wie ihre anderen Bücher, bin ich aufgrund meiner Geschmacksvorlieben diesmal etwas raus, Geister in Büchern sind nicht so meins, auch wenn sie noch so sympathisch wirken. Ich habe den Roman dennoch durchgelesen, das ist jetzt ein erhebliches Kompliment.

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Ich habe letztens im Vorbeigehen in der Hamburger Innenstadt gesehen, wie der stadtbekannte Jesusbrüller gerade in die Fußgängerzone einbog, fraglos um dort stundenlang in erheblicher Lautstärke geifernd zu predigen, also wie immer. Er kam mir ganz am Anfang der Fußgängerzone entgegen und sah sich gerade um, er sah ins Gewimmel der einkaufenden Menschenmassen vor ihm und murmelte mit leuchtenden Augen und voller Tatendrang: “Ah, Satan ist busy.”

Und vermutlich glaubt er tatsächlich, dass er dem mit seinen Predigten eifrig und stetig entgegenwirkt. Auch so ein Schicksal.

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Einer der letzten Tage begann so, dass ich mit dem obligatorischen Kaffeebecher in der Hand aus dem Dachfenster runter auf die verregnete Straße sah. Von da winkte mir jemand zu, das war ungewöhnlich, da sah ich genauer hin. “Hey! Ho!”, rief der mir nicht bekannt vorkommende Mensch da unten, “Guten Morgen!” Und er winkte ausladend ganzarmig und strahlte so begeistert, dass ich trotz aller norddeutscher Zurückhaltung kurz mal zurück winkte. Das ist ja auch mal ganz schön, wenn man morgens vom Volk auf der Straße so euphorisch begrüßt wird wie ein geliebter König im Märchen, der an einem besonderen Tag im vollen Ornat auf den Balkon tritt, das geht mir auch nicht gerade jeden Tag so. Ich winkte also  zurück und hob grüßend den Becher, der Mensch da unten geriet daraufhin völlig aus dem Häuschen vor Freude. Denn der König winkt nicht jedem, das weiß man.

Aber egal, der Rest des Tages war dann weniger märchenhaft. Deutlich weniger. Ich hatte bei der Begegnung am Morgen allerdings auch keine Brille auf und habe noch eine Weile überlegt, ob nicht doch irgendwelche Bekannte aus dem Stadtteil am frühen Morgen in so ekstatischer Stimmung da um die Ecke kommen könnten. Aber ich glaube, das kann ich ausschließen. Ich kenne nur normale Menschen.

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Ansonsten haben wir kinderfrei, bitte entschuldigen Sie daher die Kürze, ich muss mit enormer Dringlichkeit nichts tun.

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Aber doch noch schnell Musik! Zu Frühlingstagen dieser Woche, die sich so seltsam überzeugend herbstlich anfühlen, gibt es natürlich auch ein textlich passendes Lied. Die Wasser des Märzens. Hier in einem wunderbaren und sehr vergnügten Duett.

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12 von 12 im März

Ein Tag in 12 Bildern, die anderen Ausgaben wie immer hier. Meine Version heite im Stakkato, der Tag war sehr schnell, pardon.

Der fotografierbare Tag beginnt wie fast immer erst nach dem Büro und also nach der Zeit in Hammerbrook, quasi mit dem Standardbild:

 

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Ich jage kurz nach Hause, schnappe mir den plötzlich erstaunlich großen Jüngling auf dem folgenden Bild, es handelt sich um Sohn I, und fahre mit ihm nach Altona, wo wir in den Zug nach Husum steigen.

 

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Als Kind aus einem bildungsbürgerlichen Haushalt liest er natürlich während der Fahrt anspruchsvolle Bücher.

 

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In Husum gebe ich ihn bei seinem Kumpel, bzw. bei dessen gastfreundlicher Großmutter ab und eile zurück zum Bahnhof, nicht ohne einen Augenblick sinnend vor diesem Spruch zu stehen, denn dafür ist er ja da:

 

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Ich rechne ein wenig und stelle fest, dass ich es vor der Rückfahrt nach Hamburg ganz knapp in den Schlosspark schaffen kann, Krokusse gucken! Das soll ja toll sein, da im Frühling Krokusse zu gucken, das machen alle, ganze Busladungen von Menschen machen das.  Ich renne vorbei an der Kirche:

 

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Zu den Blümchen, die es allerdings seit Stunden in Grund und Boden geregnet hat. Egal, ich habe ein wenig Vorstellungskraft, ich habe, was ich brauche.

 

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Noch ein paar Blicke in die Runde, dann fix zurück zum Bahnhof.

 

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Ach, die hinreißende Melancholie von Provinzbahnsteigen im Regen!

 

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Ich liebe das ja. Also im Ernst, ich wäre wirklich gerne geblieben. Ich fand das alles so bilderbuchgrau, verregnet und verschlafen dort, es wirkte sehr beruhigend. Noch ein, zwei, drei Stündchen – und ich wäre vielleicht wirklich ruhiger geworden.

Ich bitte außerdem um Beachtung der Dekorationseffizienz in dem Kabufff der Deutschen Bahn an Gleis 5 in Husum. Ganz groß.

 

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Im Zug an einer Kolumne gearbeitet, wofür kein Bildbeweis vorliegt. Zurück in Hamburg ein Spaßbier. Warum auch immer das so heißt. Vollkommen unerfindlich.

 

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Den Rest des Abends verbringe ich mit diesem Buch, da geht es um eine verlorene Liebe.

 

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Was mich zum 12. Bild bringt, das wie immer bei mir keines ist, das ist wie immer ein Video. Denn wenn man durchs dämmerdunkle, regennasse Schleswig-Holstein fährt, das seltsam unpassend herbstlich anmutet und triefend nass und dem Himmel ergeben so vor den Zugfenstern herumliegt und vom Frühling oder wovon auch immer träumt, dann kann man dabei sehr, sehr gut traurige Musik hören und z.B. an vergangene Lieben denken. Davon hat man in meinem Alter in der Regel zwei, drei oder mehr, und die wollen vollkommen zu Recht ab und zu bedacht sein. Wozu ich leider kein Video mit Bewegtbild anbieten kann, aber hey, ich habe Regen und vergangene Liebe. Mickey Newbury – I don’t think much about her no more. Noch nie hat jemand diesen Satz gesagt und er war wahr.

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Gänse, Krähen, Möwen

Ich war im Garten und habe Kompost an die Bedürftigen verteilt. Und zwar war ich mit so intelligentem Timing im Garten, es waren die beiden letzten Stunden vor dem Regen, die letzten angenehmen Stunden, bevor es doch noch einmal deutlich kälter wurde. Laut Wetterbericht kann man die nächsten 14 Tage praktisch vergessen. Immerhin erste Forsythienblüten und ein gelbes Leuchten auch an der Kornelkirsche, immerhin kommt der Rhabarber doch wieder hoch. Kein Mensch war in den Gärten, nur ich schob da mit der Schubkarre herum. Ich hatte die ganze Stimmung nur für mich und ganz kurz war es auch noch einmal zu warm für die Jacke. Tieffliegende Gänse über der Bille, mit schrägem Blick zu mir, was steht der da und guckt?

Auf der Braunen Brücke, die nicht braun ist, sondern nur so heißt, saß eine prächtige Krähe auf dem Geländer über dem Fluss. Ein paar Meter weiter stand eine kleine, gebeugte und sehr alte Frau, eine Hand am Geländer. Die Frau sah die Krähe an, die Krähe sah die Frau an, beide mit so schief gelegtem Kopf. “Nun guck dir das an”, sagte die Frau leise lachend zu sich selbst, als ich gerade an den beiden vorbeiging, “nun guck dir das doch mal an.” Und was die Krähe dann zu sich selbst sagte, das habe ich leider nicht verstanden.

Auf dem Geländer der anderen Brückenseite saßen wie fast immer zwanzig, dreißig Möwen, wie sorgfältig aufgereiht saßen die da, als hätte man sie da zu Dekorationszwecken ordentlich hinmontiert. Warum die wohl stets nur auf der Seite sitzen? Was ist falsch an der anderen? Drüben nur schwarze Vögel, hier nur weiße? Das sind so Fragen, die weiß kein Mensch zu beantworten, aber die Vögel, die wissen das. Die Möwen sitzen da jedenfalls immer in Reihe auf dem Geländer und gucken auf die Bille, und wenn man auf ihrer Straßenseite über den Fluss geht, dann fliegen sie eine nach der anderen direkt vor einem hoch. Mit jedem Schritt hebt eine weitere ab, auch die letzte wartet noch ab, ob man etwa wirklich auch an ihr vorbei will. Am Ende der Brücke ist dann der Himmel voller kreisender Möwen. Die Söhne lieben das, die Söhne laufen die Möwenreihe lachend ab, dass die Vögel so schnell aufsteigen wie in einer einzigen schwungvollen Bewegung. Aber die Söhne waren heute nicht dabei und ich laufe schon lange nicht mehr lachend über Brücken. Aus dem Alter ist man auch irgendwann raus.

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Währenddessen hat die Herzdame Sohn II in die Ferien gefahren, der macht eine Woche lang Sachen ohne uns und findet es großartig. Das Reiseziel lag in Richtung Eiderstedt und unser Auto hat wieder auf der Autobahn “Fehler Motorsteuerung” angezeigt, wie fast immer in der Gegend. Das ist einigermaßen rätselhaft, wie so etwas sein kann, es lässt Fachleute staunen und uns nur noch lächeln, wir werden es wohl nicht mehr herausfinden, was das ist. Aber wenn wir in Richtung Nord-Ostsee-Kanal fahren, dann will das gute Stück nach einer Weile verlässlich lieber nicht mehr. Vielleicht hat es eine Aversion gegen Meerluft.

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Ich würde wirklich gerne mal wieder einen längeren Moment für mich haben, etwa auf dem Sofa. Also so einen Moment, in dem ich einfach nur in die Gegend gucke oder höre oder so und völlig ziellos vor mich hindenke. Immer noch ist es aber so, dass ich in solchen Momenten, wenn sie denn wirklich frei sind von jedem Handlungsdruck, noch in der Minute dieser Erkenntnis einschlafe. Schlimm.

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Musik! Dusty Springfield.


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Dezenz und Erhabenheit

An der Zierkirsche auf dem Spielplatz vor unserem Haus hängt ein flüchtiger Hauch von Rosa, den es im Sturm fast gleich wieder zu verwehen droht. Der Rohling aus Nordwest greift danach und zieht und zerrt wüst daran herum, die Ringeltauben gucken indigniert vom Holunder aus zu. Die Mirabelle, die nie jemand als solche erkennt, weil auf Spielplätzen doch normalerweise keine Obstbäume stehen, sie ergrünt so dezent, das fällt einem erst nach Tagen auf und man fragt sich auf einmal im Vorbeigehen: “Wie hat sie das denn jetzt wieder gemacht?” Denn sie macht das jedes Jahr so. Immer ganz vorne dabei, immer ohne jedes Aufsehen.

Im Garten bildet der im letzten Jahr gepflanzte Pfirsich Blüten, sie sind noch geschlossen. Eine nur hat eine ganz kleine Öffnung, daraus leuchtet es knallpink. Von Dezenz  ist da überhaupt keine Rede, das ist eher: “Guck mal! Guck doch mal! Bald!”

Die große Purpurmagnolie steht in aller Erhabenheit ein paar Meter weiter und weiß etwas, davon hat der junge Pfirsich noch überhaupt keine Ahnung. Der wird sich noch wundern, von wegen guck mal. Das wird der dann schon merken, wo alle hingucken, in einer Woche oder so.

Für den kommenden Montag zeigt der Wetterbericht eine Schneeflocke, aber das wird nichts mehr machen. Die Herzdame studiert Gartenkataloge, liest Beschreibungen vor und träumt voraus.  Mit etwas Fantasie haben wir Mitte März. Geht doch.

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Damen mit R: Ich lese “Leinsee” von Anne Reinecke, hier eine Rezension. Die Geschichte hat Zug und liest sich wie von selbst, das ist auch mal schön.

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Der Musiktipp kommt heute nach langer Pause mal wieder von Sohn I: “Happier”. Ob die Auswahl nun etwas mit meiner Stimmung oder mit gewissen Haustierwünschen (siehe Video) zu tun hat – man weiß es nicht.


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