Es gab am Freitag eine Abi-Abschlussfeier in der Aula des Gymnasiums. Das war dann mit 39 Jahren Abstand das zweite Mal, dass ich so etwas erlebt habe. Und mir vielleicht einbilden durfte, die Gefühlslage des Abschlussjahrgangs zumindest in Ansätzen verstehen zu können.
Sie hatten jedenfalls, das wird wohl zweifelsfrei sein, die heißeste Abi-Abschlussfeier, die es je bei einem Jahrgang in dieser Stadt gab. Eine weitere lapidare Meldung aus dem Tagebuch der Klimakrise. Wohin auch die Anmerkung gehört, die man in anderen Ländern sicher mit einigem Staunen lesen würde, dass die Aula selbstverständlich nicht klimatisiert war. Und auch nicht durch Lage oder Bau so eingerichtet, dass sie kühl geblieben wäre. Eher im Gegenteil, man saß dort in molliger Brutkastenatmosphäre.
Weswegen auch Sanitäterinnen bereitstanden. Es wurde zum Beginn der Veranstaltung darauf hingewiesen: Wenn man Hilfe brauche, dann könne man … und tatsächlich war es dermaßen warm da drin, sahen auch etliche Gäste an diesem späten Nachmittag eines weiteren Rekordhitzetages bereits dermaßen angeschlagen aus, es war doch eindeutig mehr als nur ein obligatorischer, heruntergeleierter Hinweis, diese erläuternde Erwähnung der Hilfstruppen. Es wirkte vielmehr plausibel, dass man die tatsächlich brauchen könnte.
Erstaunlich viele Gäste hatte Fächer dabei und benutzte diese auch fortwährend. Wir saßen ganz hinten und etwas erhöht, wir sahen daher auf und über ein merkwürdig flirrendes Publikum. Auf den ersten Blick etwa so, als habe man da eine leichte Bildstörung vor sich, eine etwas verzitterte Wahrnehmung vielleicht. Vermutlich habe ich nie vorher ein derart gründlich befächertes Publikum gesehen. Oder wenn, dann doch nur in Filmen aus Spanien oder anderen heißen Ländern. Oder auch in Natur-Dokus. Diese mit tausend Flügeln fächernden Bienen an heißen Tagen, erinnern Sie sich? Die auf diese Art den Stock etwas herunterkühlen? Ein gar nicht so unpassendes Bild.
Redner gab es dann, die entschuldigten sich erst einmal dafür, keinen Anzug zu tragen, wie sonst an solchen Tagen üblich. Die da stattdessen in kurzer Hose vor uns auf der Bühne standen und die auf Notwehr plädierten. Man erteilte fächernd Absolution.
Es sind alles nur Kleinigkeiten, aber vielleicht sollte man sie akribisch notieren. Vielleicht sollte man eine Chronologie des Wandels, der Krisen und der steigenden Temperaturen anlegen.
Äußerst wohlmeinende Reden wurden jedenfalls im weiteren Verlauf gehalten. Musik wurde in erstaunlicher Qualität aufgeführt. Zeugnisse wurden schließlich feierlich überreicht. Und dann standen sie fertig und in einem althergebrachten Sinne reif vor uns, all die nunmehr Freigelassenen.
Eltern verglichen im Geiste den Anblick der noch sehr frischen Erwachsenen mit den Bildern, die man von ihnen damals bei der Einschulung am Gymnasium gemacht hat. Die Jugend aber drängte es, noch während die Eltern gerührt neue Fotos für spätere Erinnerungen machten – oder vielleicht auch gerade deswegen –, sichtlich und mit Dringlichkeit nach draußen, auf den Hof.
Aber im Grunde, wir wissen es vielleicht kurz einmal besser als sie, denn wir erinnern uns immerhin aus eigener Erfahrung an dies und das, war dieses Drängen nach draußen ein viel fundamentaleres Gefühl, hatte es vielmehr etwas Grundsätzliches.
Eine ganze Weile wird dieses Drängen noch anhalten, einige Jahre vielleicht, und das ist auch gut so.

Na dann! Ich darf es sicher ein wenig verallgemeinern, nehme ich an – wir wünschen von Herzen das Beste für den Weg.
“But you’ve gotta
Make your own kind of music
Sing your own special song
Make your own kind of music
Even if nobody else sings along”
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