Linkwerk zum Wochenende

Erhellendes las ich über Mimosen und über die mir unbekannte Vokabel „Forcerie“, und zwar bei der geschätzten Korrespondentin in Südfrankreich.

Ich muss mich nach der Lektüre leider für voraussichtlich lange Zeit sehr zusammenreißen, bei der Kenntnisnahme von Problemen in Kindergärten, Schulen, Konzernzentralen und Großraumbüros aller Art nicht dauernd „Mimosen in der Forcerie“ zu denken. Schlimm.

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Weiter ging es für mich ansonsten mit den Kunst-Dokus auf arte. Etwa mit Max Beckmann: „Ein Reisender“ (ein YouTube-Link, da die Sendung auf arte nur noch kurz verfügbar ist) und mit Camille Claudel: „Eine Jahrhundertkünstlerin“. Von ihrem tragischen Ende wusste ich bisher nichts. Sowie mit Paula Modersohn-Becker: „Keine Kompromisse“.

Im Gegensatz zu den anderen Folgen der Reihe gibt es bei Modersohn-Becker viele Spielszenen, und sie sind, es ist fast ein Wunder bei Dokus, gut gemacht und stören nicht, heben die Sendung im Gegenteil eher deutlich an. Die Künstlerin wird gespielt von Katharina Stark, die gerade auch in der aktuellen Meyerhoff-Verfilmung im Kino zu sehen ist.

Gefiel mir, wie sie hier auftrat.

Weiter ging es mit Toyen: „Die Malerin des Surrealismus“. Diese Sendung fand ich nützlich, weil sie wieder zur Bescheidenheit aufforderte. Denn auch wenn man denkt, sich mit einem Thema halbwegs auszukennen, hat man doch vielleicht noch Bildungslücken groß wie Scheunentore. Man muss das immer für möglich und wahrscheinlich halten. Ich hatte  von dieser Künstlerin noch nie etwas gehört.

Zur Abwechslung sah ich danach noch 45 Minuten beim ZDF über Frida Kahlo. Und bemerkte dann später an diesem Tag in der Filiale einer Buchhandelskette in der Innenstadt, dass es da gerade Kahlo-Kitsch-Tische gibt. Leuchtend bunt designtes und selbstverständlich blumiges Zeug liegt darauf. Kissenbezüge, Schreibblöcke und Ordner, Becher, Socken, Geschenkpapier und Einkaufsbeutel in Kahlo-Colours.

Quasi Kahlo-Lifestyle-Accessoires. Eine kultivierte und südlich-sommerliche, mexikanisch anmutende Munterkeit sollen sie wohl verbreiten, mitten im Hamburger Februar.

Na, wer’s braucht.

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Gehört: Ein WDR-Zeitzeichen (14 Minuten) zu Lou Andreas-Salomé und ein Kalenderblatt zu Umberto Eco (5 Minuten nur), der vor zehn Jahren gestorben ist.

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Einen Artikel bei der Deutschen Welle las ich, der ein Gefühl trifft, welches bemerkenswert viele gerade haben. Nämlich dass wir in diesem Land etwas verlernt, eine Fähigkeit verloren haben, die lange als sicher und auch als fest eingebaut betrachtet wurde, als stets zuverlässig mitgeliefertes Modul der Menschen hier: „Was wurde nur aus der deutschen Projektplanung?

„Große Projekte werden nicht mehr schnell, effizient und bedarfsgerecht realisiert. Das alte, positive Image Deutschlands trifft nicht mehr zu.“

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Dann hörte ich  eine halbe Stunde aus der oft interessanten Reihe „Essay und Diskurs“: „Für immer jugendlich“.

Der Teaser dort lautet: „Die Babyboomer bleiben ewig jung: Sie übernehmen Trends ihrer Kinder, konsumieren Jugendlichkeit und verwischen die Grenzen der Generationen. Was bedeutet dieser Wandel für Gesellschaft, Konsum und unser Bild vom Alter?“

Ich stimme nicht allen Schlussfolgerungen und polemischen Anwürfen zu, einiges kam mir unnötig überspitzt vor (muss ich gerade sagen, ja, ja). Ich fand aber besonders die Passagen interessant, in denen es um soziologische Forschungsergebnisse ging.

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Gesehen habe ich einen Film zum zweiten oder dritten Mal, weil ich gerade gemerkt habe, dass hier jemand im Haushalt für Netflix bezahlt hat und der Film dort verfügbar ist: „Lost in Translation“. Den kennen selbstverständlich alle längst, ich weiß, dazu muss man kaum etwas sagen. Aber ich habe beim Sehen jedenfalls wieder gedacht, dass dies eines der Patadebeispiele dafür ist, welche Filme ich gerne sehe: Kaum Handlung, dafür hervorragende Besetzung, interessante Bilder und Dialoge.

Reicht mir so.

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Eines der Bücher, das ich auch zum vierten Mal genießen kann, ist „Bartleby, der Schreiber“ von Melville (Wikipedia-Link). Wenn ich irgendwo für Pflichtlektüre zuständig wäre, dieser schmale Band wäre mit großer Sicherheit dabei. Der Wikipedia-Artikel dazu ist ungewöhnlich lang, aber er lohnt sich auch.

Am Rande wird dort die Geschichte „Wakefield“ von Nathaniel Hawthorne erwähnt, und falls Sie diese nicht kennen sollten, die kann ich gar nicht genug empfehlen. Es ist ein sensationeller Text, der damals komplett aus der Zeit fiel, eine ungeheuer moderne Idee, ein Vorgriff auf Kafka und andere.

In der ARD-Audiothek wird der Bartleby gerade von Benno Schulz vorgelesen, rund zweieinhalb Stunden sind das. Es wird allerdings nicht genannt, wer es übersetzt hat. Schlimm.

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Im Podcast „Talk mit Thees“ war Martin Bechler zu Gast (123 Minuten), der Frontmann von Fortuna Ehrenfeld (Wikipedia-Link), die übrigens bald auch in Hamburg spielen.

Dieser Podcast ist mir vom Format her im Prinzip etwas zu redselig, aber Martin Bechler sagt zwischendurch sympathische Sachen („In mir tobt etwas, das will sich nicht damit abfinden, wie unkomfortabel wir Menschen miteinander umgehen“) und es geht über längere Passagen um Song-Lyrics und Song-Writing, um Ideenfindung etc. Ich nehme fast an, das wird hier auch einige interessieren.

Ferner kommt ein Effekt vor, den ich hier schon einmal am Beispiel von Hildegard Knef hatte. Wenn man ein LLM nach Titeln der Gruppe fragt, werden fast nur solche genannt, die es gar nicht gibt – aber sie klingen beeindruckend plausibel und so, wie es Martin Bechler auch sagt: „Könnte man sofort schreiben.“

Der tiefere Sinn des schlicht wirkenden „I want to misbehave“ wird ebenfalls verhandelt, dito die Geschichte der Markenzeichen-Schlafanzüge.

Falls Sie Fortuna Ehrenfeld allerdings gar nicht kennen, es geht bei denen auch oft um Ruhigeres, etwa so:

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Ansonsten weiter im Ausverkauf der Winterbilder (was wiederum wie ein Songtitel von Element of Crime klingt):

Elbe mit Treibeis

Elbe an der Hafencity mit Treibeis

Elbe mit Treibeis von der Station Elbbrücken aus

Elbe und MS Stubnitz mit Treibeis

Station Elbbrücken (U-Bahn) mit Schnee

Binnenalster mit weißer Flotte und Eisdecke

Kleine Alster mit Eis und Schnee

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Der Trost, von Topcheckern umgeben zu sein

Der Turm einer der Hamburger Hauptkirchen muss weichen. Sankt Jacobi wird enthauptet, der NDR berichtete. Die Nachkriegsdachkonstruktion im heute sonst so angesagten „Mid-Century-Modern-Look“ ist zu schwer für die alten Mauern darunter, so heißt es da. Dieser Umbau wird sich markant auch auf die Silhouette der Stadt auswirken. Eine Unzahl an Souvenir-Artikeln wird daher auf einmal fehlerhaft bedruckt sein, man wird alles umarbeiten oder überkleben, ausradieren müssen.

Ich freute mich kurz nach dem Erscheinen dieser Meldung erheblich über Kommentare von Männern (es waren ausschließlich Männer) unter diversen Posts von kirchlichen Einrichtungen und lokalen Medien auf Instagram, über diese speziellen Kommentare von denen, die es besser wussten.

Es gibt nämlich verblüffend viele topausgebildete Experten in dieser Stadt, vermutlich gar von Weltrang, die sich mit den Spezialgebieten Kirchenbau, Denkmalschutz, Turmstatik und Bedachungen aller Art derart oberligamäßig auskennen, dass sie lapidar und ohne mit der Wimper zu zucken unter so einem Post notieren können: „Das hätte man auch anders lösen können!“

Es ist für mich als General-Dilettant immer wieder beeindruckend und auch gut zu wissen, wie viel Fachkunde auf Spitzenniveau in so einer Großstadt zusammenkommt. Wir sind hier nämlich im Grunde, das kann man sicher daraus schließen, vermutlich doch für alle Krisen gerüstet. Trotz aller gesellschaftlicher Skepsis, trotz der allgemeinen Neigung zum Fatalismus und zur kollektiven Wehleidigkeit.

Wir müssen nur die jeweils richtigen User fragen, was auch immer uns passieren mag. Und schwer zu finden sind die nun nicht, sie melden sich verlässlich und auch umgehend freiwillig, wenn man die Probleme nur irgendwo öffentlich schildert. Und dann: Yes, we can. And even better than you!

Schön, schön. Ich fühle mich nun solcherart doch wieder etwas getröstet.

Denkt man aber mehr in Richtung Plot-Entwicklung, fällt mir gerade noch ein, will man eine Story daraus machen, dann dreht man in Gedanken bald von Scherz zu Spannung ab, nehme ich an. Denn dann wäre, man sieht die notwendigen Szenen fast sofort vor sich, unter all diesen kommentierenden Freaks, die ihr halbseidenes Topcheckerwissen unter irgendeiner Katastrophenmeldung kommentieren, selbstverständlich der eine dabei, in einem Film unbedingt gespielt von einem der ganz großen Schauspieler, gleich Oscar-Verdacht und alles, der tatsächlich allen anderen weit überlegen ist in Kenntnis und Fähigkeit.

Der aber, das kann man dann fast schon mitsingen, auf dem Höhepunkt seiner Karriere damals vor zwanzig, dreißig Jahren wegen Liebeskummer, Alkohol etc. aus allen Bezügen fiel, ja, wir kennen das, man muss es gar nicht weiter ausführen. Und nun, Zeitsprung zurück in die Gegenwart, ist er längst ein seltsamer Schrat geworden. Ein Unsympath erster Klasse ist er, seltsam angezogen, komisch eingerichtet, Kamerafahrt über Merkwürdiges im Innenraum.

Die Nachbarinnen ringsum wissen auch nicht recht, man hört da manchmal, sagen sie hinter vorgehaltener Hand, so seltsame Geräusche aus dem Haus.

Er ist eine merkwürdige Hauptfigur, so viel steht fest. Ein Schrat, dessen Name aber einem der heute für das Desaster Zuständigen doch etwas sagt, da klingelt etwas, weswegen man dann darauf kommt, wer er einmal war. Und der schließlich im Laufe des Films usw. … Dieses Drehbuch könnten wir vermutlich alle spontan schreiben, bis hin zur allfälligen Weltrettung, bis hin zum Happy-End. Doch, doch, so kann man es sicherlich auch ausführen, gar keine Frage.

Immer positiv denken, ne? Und sei es nur zum Zwecke des Entertainments.

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Ansonsten Winterbilder. Ich werde gar nicht mehr alle los, bevor die Temperaturen steigen. Schlimm.

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Die Bar und der Biorhythmus

Außerdem hatte ich vor einigen Wochen, ich komme virusbedingt nicht hinterher und etwas durcheinander, ein Date zum Zwecke erbaulicher Dialoge mit einer guten und mir nach diesem Abend noch viel wichtigeren Freundin. Und zwar in der schon einmal erwähnten Roofdrop-Bar.

Die mir nun empfehlenswert genug vorkommt, also die Bar, nicht die Freundin, um sie hier auch mehrfach erwähnen zu können. Es war zudem bei beiden Besuchen erstaunlich leer dort oben. So leer, dass sogar ich gedacht habe, dass zwei, drei Personen mehr schon noch hineinpassen würden. Das ist ein vollkommen abseitiger Gedanke für mich als Stadtmittebewohner, das will etwas heißen.

Bei meinen Besuchen auf dem Hoteldach war es jeweils schon januarnachtdunkel und auch auf eine hundsgemeine Art beißend kalt und winterwindig. Die gefühlte Temperatur kam mir dermaßen polar vor, dass ich mich nicht auf der großen Terrasse vor der Bar aufgehalten habe. Nicht einmal eine Minute lang. Aber dass es sich da oben um einen einladenden Fotospot zu sommerlichen blauen Stunden handelt, das war auch durch die Fenster zu erkennen. Es wird nach Möglichkeit noch erläuternde Bilder dazu geben, wenn das Jahr erst ein wenig fortgeschritten ist.

Wenn man auch bei der zweiten Runde noch Espresso-Martini bestellt, schläft man allerdings später nicht ganz so gut, habe ich gemerkt. Oder man schläft einfach nicht.

Eine gute Gelegenheit war es jedenfalls, im weiteren Verlauf der späteren Stunden einmal wieder Willie Nelson zu hören. Und das ist dann auch kein schlechtes Ergebnis eines Abends.

Wobei Nightlife ansonsten kaum noch meinem Erleben entspricht. Die Freundin begann den Abend passend mit dem mir äußerst willkommenen Hinweis, dass sie nicht sicher sei, wie lange sie müdigkeitsbedingt durchhalten könne. Kein Hinweis hätte mir lieber sein können, denn das ist sonst standardmäßig mein Text.

Das denkt man in seinen jüngeren Jahren auch nicht, dass der Biorhythmus bei Dates aller Art irgendwann einmal eine dermaßen gnadenlose Rolle spielen wird. Die man kaum noch wegignorieren kann, weil man sonst Angst haben muss, zu fortgeschrittener Stunde langsam von Stuhl, Sessel oder Barhocker zu rutschen.

Aber nun, es ist, wie es ist. Ich sah zu diesem Thema in den Medien, dass meine Altersgruppe qua Mehrheit bereits hier und da dafür gesorgt hat, dass manche Veranstaltungen auf einmal deutlich früher beginnen. Auch solche, die man gemeinhin mit „nachts“ assoziiert, denn „spätnachmittags“ ist das neue „abends“.

Alles gerät in Bewegung. Wir haben nun fluide Tageszeiten, aber die passen doch gut in unsere so anpassungsfähige, umbrechende Gegenwart, denke ich.

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„An schlechten Tagen bin ich Charles Darwin.“

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Herr Rau hat einen neuen Mantel und auch den geschichtlichen Hintergrund dazu.

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Die letzten Winterbilder müssen ansonsten heute und morgen raus, sagt der Wetterbericht.

Eine Promenade in der Hafencity unter Schnee und Eis

Die Elbe mit Treibeis

Hafencity, Geländer am Elbufer mit Schnee

Hafencity, Straße unter Schnee

Hafencity, Straße unter Schnee

Hansaplatz mit Hansastatue unter Schnee

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Carnival is over

Mit Beginn dieser Woche gelte ich nach offizieller Lesart als genesen und arbeitsfähig im strammen Kanzlersinne. Wenn ich auch weiterhin von einem Energie-Tief aus agiere, das seinesgleichen sucht. „Zum Morgen hin nachlassend“, damit beschreibt der Wetterbericht den nächtlichen Schneefall, aber das gilt auch für mich, denke ich schon beim Aufstehen stöhnend auf der Bettkante.

Nicht mehr kurzatmig, überhaupt ohne körperliche Symptome. Nur so, als sei der Akku durch ein Versehen nicht geladen worden. Oder wenn man an altes Blechspielzeug denkt, das man aufziehen konnte und welches dann ratternd und ruckelnd über Tischplatten kreiste – wissen Sie noch, diese letzten paar lahmen Bewegungen, kurz bevor es dann wieder stillstand? Ich fühle mich in etwa so, wie diese letzten Bewegungen damals immer aussahen.

Oder auch: Porträt des Autors als Trommelhase ohne Duracell. Und da steht man dann, in seinem rosafarbenen Plüsch, und fühlt sich seltsam sinnlos.

Etwas mehr Frühlingsbetonung würde dem Jahr jetzt guttun, nehme ich an, und mir sicher auch. Stattdessen schneit es über Norddeutschland erneut, unerbittlich und in Tolstoi-Dimensionen. Stattdessen regnet es, friert es über, matscht und schlammt es über die Wege und kühlt nachts dermaßen ab, Tiefkühlfach nichts dagegen.

Ein Bootssteg mit zugeklappten Sonnenschirmen an der zugefrorenen Außenalster

Ein Bootssteg an der zugefrorenen Außenalster

Verschneite Bootsstege an der Außenalster

Ein Ruderclub an der zugefrorenen Außenalster

„Wir möchten das nun nicht mehr“, aber als Mantra einer Millionenstadt gemurmelt.

Das Gute ist natürlich, dass es sich demnächst von selbst erledigen wird. Frühling wird es schon werden, so viel steht fest. Et hätt noch immer jot jejange, man kann in diesen Tagen auch mal in Richtung Rheinland denken. Da soll es auch etwas wärmer sein, höre ich.

Es ist jedenfalls eine vergleichsweise okaye Problemkategorie, sich über die Jahreszeiten, das Wetter und die Auswirkungen auf den Energiehaushalt zu beklagen.

Davon abgesehen: Carnival is over. Auch wenn wir hier wie immer sowieso nichts davon gemerkt haben. Dennoch habe ich passende Musik zum Anlass, The Seekers mit der letzten Aufführung des Klassikers auf ihrer Abschiedstournee.

Und zum Vergleich auch noch eine Aufnahme aus der frühen Erfolgszeit des Songs und der Gruppe, aus dem Jahr 1967, also 46 Jahre vor dem ersten Video. Falls man gerade über stattgehabtes Leben, die Zeit, Vergänglichkeit etc. nachdenken möchte, das könnte ja sein.


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Diese Viertelstunde noch schaffen

Eine kleine Notiz nur von einem meiner im Moment dummerweise häufigeren Arztbesuche. Ein Mann steht da hinter mir an, während ich am Empfangstresen gerade weitere Termine regele. Ich sortiere mir noch eben die für mich ausgedruckten Zettelchen zurecht, stecke meine Krankenkassenkarte weg und speichere die Termin-App-Einträge auf dem Smartphone, das wieder nicht genug Empfang hat, da beginnt schon das Gespräch der Frau am Empfang mit diesem Mann hinter mir. Es geht um irgendwelche Zusatzleistungen, ich höre es unfreiwillig. Er wird gefragt, wie er diese bezahlen möchte. Eine Routinefrage in einem Standard-Dialog, es hört sich zunächst an wie Phrasen aus einem Deutschkurs für Ausländer. Bis dahin.

Zehn, fünfzehn Jahre älter als ich wird dieser Mann sein. Im Vergleich zu mir schon deutlich gebeugter, schon vom Leben schon sichtlich demolierter. Eine längere Krankengeschichte als ich wird er vielleicht auch haben, fit sieht er nicht einmal ansatzweise aus. Nicht einmal neben mir, und ich war schon einmal in besserer Form.

Etwas fahrig wirken seine Hände, in unruhiger Bewegung sind sie unaufhörlich. Und er guckt wie erschreckt, als er diese für mich harmlos klingende Frage hört. Wie er zahlen möchte, es wird für ihn auch wiederholt, weil er so seltsam guckt, vielleicht hat er es nicht verstanden. Nicht unfreundlich, nur zur Sicherheit und etwas lauter wird die Frage wiederholt. Entgeistert guckt der Mann, das ist das passende Wort. Unglücklich auch. Seine Hände flattern ratlos auf und nieder. „Gleich hier mit Karte oder erst per Rechnung?“, so wird er weiter und mit Erläuterung gefragt, und ich höre auch, dass es dabei um eher geringen Betrag geht.

Der Mann legt die Hände auf den Tresen, wie um sich kurz festzuhalten, er überlegt. Aber er überlegt nicht wie jemand, der ruhig, sachlich und kurz eine Marginalie abwägt, eine Alltagsentscheidung. Eher überlegt er wie jemand, der gerade dabei ist, in einer mündlichen Prüfung desaströs zu versagen.

Schließlich fragt er: „Wie machen es denn die anderen so?“


Eine Unsicherheit, die ich so eher nicht hätte. Fast ein Pluspunkt also, da habe ich einmal ein Problem ausgelassen. Zwar bin ich in Bezug auf Ängste auch nicht unerfahren, wer wäre das schon noch in diesen Zeiten, aber ich bin bisher nicht einmal darauf gekommen, dass man diese Frage nach dem Bezahlmodus schwierig oder bedrohlich finden könnte.

Es klingt beim Zuhören allerdings etwas in mir an, das merke ich auch. Etwas Mitgefühl, das doch auf Verständnis beruht. Denn ich kann es mir immerhin vorstellen, was da womöglich in ihm vorgeht. Ich habe, so kommt es mir zumindest vor, Kenntnis dieses Gefühls, dass einen jede beliebige weitere Komplikation im Alltag, welche auch immer es sei, und sei sie noch so trivial und geringfügig in den Augen anderer, an das Ende aller Zusammenrissmöglichkeiten bringen könnte und sogar darüber hinaus. Bis hin zum hoffnungsvollen Gedanken: Wenn ich es einfach so wie alle anderen mache, ist es vielleicht kein weiteres Problem. Jetzt bloß noch hier durchkommen, diesen Meter noch schaffen oder diese Viertelstunde. Und dann geht es vielleicht wieder.

Das liegt in der Nähe der „Fawn“-Variante unter den Stress-Reaktionen, wir hatten das schon einmal. Nur zur Erinnerung die gesamte Liste nach aktuellem Stand: Flight, Fight, Freeze and Fawn, Faint, Flirt and Fiddle. Die Aufzählung ist auch von lyrischer Qualität, wie vielleicht auffällt. Und dummerweise sind es sieben Varianten, sonst hätte man sich einen Würfel basteln können, falls man bei Stress-Reaktionen einmal eine Entscheidungshilfe brauchen sollte.

Ich merke jedenfalls, was ich gerade neben mir erlebe, das ist für mich auch nur ein weiterer Fall von „been there, done that, got the t-shirt“. Auch wenn es bei mir schon erfreulich lange her ist, dass es einmal derart eskalierte.  Das denke ich mir so, während wir da immer noch durch Zufall verbunden nebeneinanderstehen, der sich mühsam wieder fassende ältere Mann und ich. So wie ich dann auch die fast logische Fortsetzung dieser Erkenntnis denke: Mir geht’s ja noch gold.

Und verkehrt wird es nicht sein, das hin und wieder zu bemerken. Auch dann nicht, wenn man gerade noch Rekonvaleszent ist.

Ein Rettungsring auf dem Eis der Binnenalster

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Unwiederbringlich, sowohl das Wochenende als auch das Buch

Am Wochenende war ich dann doch nicht in der Kunsthalle, obwohl der Plan mir gut und sinnig vorkam. Ich kam aber am vorgesehenen Tag in für meine Verhältnisse ungewöhnlich zufriedener und sogar entspannter Spießigkeit durch banale Tätigkeiten wie etwa Wohnungspflege und Einkäufe, auch durch Bügeln, Aufräumen, Kochen und schließlich sogar durch das Putzen von Schuhen, was dem Sauwetter entsprechend etwas eskalierte, stundenlang und gerne von dem Gedanken ab.

Was mir recht war, denn ich habe dabei ein längeres Hörbuch komplett gehört. „Unwiederbringlich“ von Theodor Fontane. Das habe ich schon länger nicht mehr gemacht, mich und einen Tag einem Hörbuch gewissermaßen ganz hinzugeben. Ich fand es aber, wie soll ich sagen, am Ende gerade tagesausflugsschön. Auch wenn das Buch nicht eben der erheiternden Sorte zuzurechnen ist, von einigen Absätzen abgesehen.

Ein Roman über eine scheiternde Ehe ist es, und ein Happy End gibt es nicht. Einer seiner eher vergessenen Romane. Das ist schade, denn es ist ein gutes Buch, klug erzählt und konstruiert.

Und nicht nur bei Song-Lyrics gilt, wie neulich schon beschrieben (hier war das), dass man bei wechselnder Lebenssituation manches auf einmal mit anderen Augen, anderen Sinnen wahrnimmt, plötzlich neu und anders versteht und auf eine bisher ungewohnte Art auf sich beziehen kann. Bei anderen Kunstformen kommt das selbstverständlich auch hin.

Graffiti: Love is love

Nur passagenweise kommt es allerdings hin, versteht sich, nicht in Gänze. Es fand bei mir schließlich kein Ehebruch in einem brennenden Schloss statt, so platt passend fallen Bezüge wohl selten aus. Obwohl es auch das durchaus geben wird, dass es nahezu perfekte Spiegelungen sind, die man in den Plots und Beziehungsmustern der Bücher findet. Die meisten Varianten von Paarproblemen werden immerhin mittlerweile längst und auch mehrfach, wenn nicht tausendfach, erzählt worden sein.

In Zeiten von KI könnte man nun, wenn man neugierig genug wäre, sein eigenes und zunächst wahnsinnig individuell wirkendes Modell des Kriselns oder des Scheiterns in einer Beziehung leicht abstrahiert einem LLM schildern und dieses dann nach gleichgestalteten Romanvarianten dazu suchen lassen. Denn bekanntlich kann man alle Fragen (ja, alle), die mit „Bin ich der oder die Einzige …“ beginnen, kategorisch verneinen. Aber inwieweit das dann weiterhelfen würde? Ist es ein verlockender Gedanke, sich in der Literatur derart wiederfinden zu können?

Ich weiß es noch nicht recht. Eine Weile denke ich noch darüber nach, aber ich könnte bei einer Zustimmung enden.

Schrift auf einem Stromkasten an den Landungsbrücken: Love you

Bei Fontane habe ich jedenfalls noch einmal bewundert, wie modern anmutend er in einigen Absätzen eheliche Entfremdung dargestellt hat, immerhin im Jahr 1887. Der Ehemann schreibt der Frau etwa einen Brief, diese antwortet in einem leicht abweichenden Tonfall, mit dezent geringerer Herzlichkeit, also zumindest könnte man das als Empfänger so lesen … Mehr braucht es gar nicht, man versteht dann schon. Es wird heute in einem beliebigen Dialog in einer Serie auf Netflix etc. auch nicht anders dargestellt. Damals die Briefe, noch mit der Feder geschrieben, aber man könnte es sogar mit Emojis durchspielen. Ultimativ verkürzt, immer noch verständlich. Er schickt drei rote Herzen, sie nur ein rosafarbenes zurück, et voilà: Drama, Baby.

Alles habe ich jedenfalls an diesem Wochenendtag gemocht, den Fontane, die Stunden mit dem Hörbuch, mein friedliches Herumkramen dabei. Und zwischendurch gab es sogar ein, zwei Stunden Sonne über der Stadt und auf den Dachfenstern. Ein ungewohntes und willkommenes Bild, also abgesehen von dem dabei zwingend aufkommenden Gedanken an die notwendige Reinigung der Fenster.

Aber die werden, sagt der Wetterbericht, gleich eh wieder zugeschneit. Das mal gelassen abwarten.

Und dennoch demnächst mal wieder in die Kunsthalle gehen, versteht sich. Ich bleibe dran und habe daher auch schon einmal eine Jahreskarte erworben. Man muss sich selbst nur geschickt und subtil genug unter Druck setzen, nicht wahr.

Und dann wird es schon werden.

Ein Baumstumpf an der Außenalster

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h/t to Julian Barnes

Eine kurze, mal eben eingeschobene Lektüre zwischendurch war das nach seinen Worten letzte Buch von Julian Barnes: „Abschied(e)“ (Verlagslink, hier auch die Perlentaucherseite dazu), übersetzt von Gertraude Krueger.

Julian Barnes findet sich alt, ist auch tatsächlich alt, ist außerdem krank und dabei aber noch in einer Weise innerlich sortiert, die ihn sein Werk selbstbestimmt abschließen lässt. Wozu man vermutlich gratulieren sollte, denn auf diese Art werden wenigstens keine halbfertig hinterlassenen Romane später von anderen fortgesetzt. Wogegen man aus dem Jenseits nichts mehr unternehmen kann, das stelle ich mir äußerst unangenehm vor.

Weitwinkelblick über die gefrorene Außenalster von der Kennedy-Brücke aus

Wenn der Autor es nicht wie einige aus der Musikbranche macht und mehrmals auf die große Abschiedstournee geht, was mich stets an gewisse, farblich eher grell gehaltene Räumungsverkaufsschilder an Teppich- oder Matratzenläden erinnert, die quartalsweise immer wieder erneuert werden, kann man dieses Buch also, wenn man seine Bücher oft und auch gerne gelesen hat, mit etwas Pathos in der Erwartungshaltung in die Hand nehmen. Und einigermaßen feierlich abschließende Seiten lesen – hier endet etwas. Und es endet so höchst offiziell, wie man es sonst nicht geboten bekommt.

Ein letztes und überaus freundliches Gespräch führt er in diesem Buch mit uns Leserinnen. Plaudernd, mäandernd und Umwege ruhig abschreitend, um große und ganz große Themen herum. Um bleibende sowie um letzte Herausforderungen kreisend. Erinnerungen und Wahrheit etwa, da haben wir das Thema schon wieder, es nimmt viel Raum ein. Bewusstsein, Tod und Bleibendes. Wer wir waren, wer wir sind. Bei letzten Worten und Büchern geht es eben um etwas, und es passt dann schon.

Blick über Stege an der gefrorenen Außenalster

Es kommt aber alles in einem legeren Tonfall und einer zugewandten Unkompliziertheit daher, die mich ein wenig an die Möglichkeiten von Blogs erinnert hat. Lose aneinandergereihte, thematisch mehr oder weniger verbundene Textpassagen. Die durch jemanden zusammengehalten werden, der dahinter für etwas steht und den man im besten Fall schon etwas länger mag. Wegen seines oder wegen ihres Stils, wegen der Meinungen und Haltungen, wegen der als gemeinsam empfundenen Geschichte und wegen all der Texte über die Jahre.

Sie merken, ich sympathisierte beim Lesen heftig, es war eine angenehme Lektüre.

Das Leben“, so schreibt er da etwa, „ist ein Boulevardstück mit tragischem Ausgang.“ Was eine Empfindung ist, die mir bekannt vorkommt, aber wem ginge es nicht so. Das Buch, so hieß es im ORF, sei dabei „ein geradezu rabiat unsentimentales Alterswerk“. Das sehe ich zwar etwas anders, denn Sentimentalität nahm ich schon wahr, aber das macht nichts. Es wird nichts allzu dick aufgetragen, darauf wird man sich einigen können.

Julian Barnes endet schließlich so überaus gekonnt, dass man sich spontan ein wenig verbeugen möchte. Was für ein charmanter, gelungener und auch kunstvoller Abgang. Es reicht allemal für einen Hat-Tip im Geiste.

Schon wegen dieser letzten paar Seiten lohnt sich also das Buch. Aber sie würden sicher nicht wirken, wenn man nur im Buchhandel kurz in den Band hineinsieht und mal eben bis nach hinten durchblättert. Davon möchte ich abraten, es wäre ein spaßverderbender Spoiler.

Hier fand ich noch ein Interview zum Buch:

PS: Zum in der Überschrift dieses Textes abgekürzt erwähnten Hat-Tip gibt es selbstverständlich auch einen Wikipedia-Artikel, und fast hätte ich es übersehen, aber gucken Sie doch bitte mal ganz unten auf der Seite, auf diesen Info-Kasten zu „Gestures“.

Sie können da doch auch noch zwei, drei Vokabeln lernen, nicht wahr?

Blick über die gefrorene Außenalster vom Ostufer aus

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Linkwerk zum Wochenende

Ich arbeite weiter arte-Dokus ab. Nach wie vor kommt es mir wie eine einigermaßen sinnvolle Freizeitbeschäftigung für mich vor.

Zum einen sah ich die Folge über Jim Carrey mit dem unschönen Titel „Der Grimassen-King“. In der auch dieser eine Moment aus der Frühzeit seiner Karriere gezeigt wird, den ich immer beeindruckend fand, als er sich nämlich lediglich durch Verzerrungen seiner Gesichtsmuskulatur in Clint Eastwood verwandelt hat. Kann ich mir immer wieder ansehen, diese Szene.

Aber auch die kulturgeschichtliche Einordnung seiner Komik fand ich informativ.

Dann die Folge über einen Obersympathen: „Peter Falk versus Columbo“. Bei der man allerdings wieder schlimm Lust bekommt, sich die alten Sachen noch einmal anzusehen, inklusive der ganzen Columbo-Reihe. Und wer hätte Zeit dafür.

Mit Kunst und Kunstgeschichte habe ich mich länger nicht intensiv beschäftigt, aber über die Doku-Reihe zu Malerinnen bei arte komme ich doch wieder dazu. Zumal die Kunsthalle hier nur einen Steinwurf entfernt ist, in der ich dieses oder jenes abgleichen könnte. Also ich könnte, wenn ich wollte. Und ich fange, nehme ich jetzt noch an, sogar heute damit an.

Auf Kreuzworträtselniveau hätte ich jedenfalls „Abstrakter Maler, bekannt für große, zwei- oder dreifarbige Bilder“ sicher als Mark Rothko benennen können. Sogar in meinem Bücheregal kann ich erkennen, wie allgegenwärtig seine Werke sind.

Eine Kurzgeschichten-Anthologie mit einem Rothko-Bild auf dem Cover

Allerdings wusste ich sonst nicht viel über ihn, um nicht zu sagen: gar nichts. Auch dabei hat mir arte nun geholfen. Hier findet man die entsprechende Sendung auf YouTube, denn auf dem Sender selbst ist sie nur noch einige Tage online.

Ich lasse mir diese Form der Kunst gerne kundig erklären, finde das auch angenehm beruhigend, halte in diesem Fall aber auch fest, dass ich es streckenweise nicht verstanden habe. Zwar habe ich mitbekommen, dass da Durchdachtes auf der Leinwand passiert und zweifellos etwas mit einer gewissen geistigen Flughöhe intendiert wurde – aber ich konnte einige Gedanken nicht recht nachvollziehen. Bei den Sendungen zu Kandinsky und zu Matisse (YouTube-Link) gelang mir das dann deutlich besser.

Falls Sie selbst irgendwas mit Kunst machen, es geht gar nicht mal so kurz auch darum, wie Mark Rothko Farben hergestellt hat. Das könnten Sie interessant finden.

Schließlich noch: M. C. Escher. Auch so einer, zu dem ich kein Gesicht parat gehabt hätte. Jetzt aber. Sehr schön dargestellt ist seine so reserviert-konservative Irritation über die Vereinnahmung seiner Drucke durch die übergriffige Jugend der wilden 60er, also etwa durch die seltsamen Vögel aus Kalifornien mit dem „wilden Geschrei aus den Plattenspielern“. Was erlauben Jugend!

Wie er etwa dem jungen, ihn bestürmenden Mick Jagger etwas beleidigt mitteilt, dass er bitte gesiezt werden möchte – wunderbar.

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Blick über die Binnenalster von der Lombardsbrücke aus

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Ich sah außerdem einen weiteren Walther-Ziegler-Vortrag zu einer etwas peinlicheren Bildungslücke, nämlich zu Foucault. Von dem ich bis dahin gerade mal wusste, dass es ihn gab, und zwar hauptsächlich in handlicher Form im Suhrkamp-Biotop. Nun weiß ich etwas mehr, vielen Dank.

Und vielleicht sollte ich das Zeug tatsächlich auch einmal lesen, das kann gut sein.

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Gehört habe ich ein Radio-Essay von Steffen Greiner: „I want to believe – Agent Scully, Erich von Däniken und die Paranoia der Neunziger“ (57 Minuten). Im Text dazu heißt es: „Eine Spurensuche in die Zeit, als das paranoide Denken Mainstream wurde und wie sie uns noch heute prägt.“ Ich nehme an, dass etliche aus ihrer eigenen Lebensgeschichte hier und da bei den frühen Lese-Erfahrungen des Autors mit den so aufregenden Mystery-Büchern aus der Bücherei etc. anlegen können.

Die Sendung enthält aber auch die mich schockierende Information, dass Peter Moosleitner, also der von P. M., dem „interessanten Magazin“, in Wahrheit gar nicht Peter hieß, sondern Gerhard Dietrich Marie. Wir hätten also damals GDMM lesen müssen, wäre denn alles mit rechten Dingen zugegangen.

Aber man wurde belogen und betrogen. Es ist doch wahrlich kein Wunder, dass wir überall Abgründe vermuten. Schlimm, schlimm.

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Blick über die Binnenalster von der Lombardsbrücke aus

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Eher schwerere Kost im nächsten Link. Aber ich fand die Sendung doch erhellend, interessant und auch empfehlenswert: Eine Folge vom SWR-Kultur-Forum zur Ungleichheit in Deutschland: „Gleiche Chancen für alle? Sozialer Aufstieg für alle wird immer schwerer.“ 44 Minuten sachlich gedrängter Expertinnendiskussion zu diesem Thema, das oft nur auf Stammtischniveau diskutiert wird. U. a. mit Martyna Linartas, die vielleicht hier und da bekannt sein könnte.

Es geht in diesem Gespräch auch viel um Statistiken und Studien, und an der einen oder anderen davon ist die Firma, für die ich im Brotberuf arbeite, beteiligt oder auch Hauptlieferant der Daten. Ich habe mit diesen Studien allerdings inhaltlich nichts zu tun.

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Dann zur Musik. Vor längerer Zeit habe ich mich einmal beschwert, dass es von Vince Guaraldi so seltsam wenig Live-Aufnahmen auf YouTube gibt. Eine immerhin wurde jetzt nachgelegt, und zwar eine Version von „Linus and Lucy“ aus dem Jahr 1964.

Etwas zu kurz, aber immerhin.

Gefunden via Open Culture.

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Ebenfalls bei Open Culture sah ich, dass es den vollständigen Moby Dick als englisches Hörbuch gibt. Alle Kapitel werden von Prominenten gelesen, angefangen bei Tilda Swinton, aber auch mit Namen wie Benedict Cumberbatch, Stephen Fry und, nanu, David Cameron. Ein schönes, angenehm irres Projekt.

Vor der Seite Open Culture muss man sonst aber dringend abraten. Da kann man nämlich Jahre verlieren, wenn man erst einmal anfängt, sich umzusehen.

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Wir wissen Bescheid

Obwohl sich in dieser momentan dunkelgrauen, regendurchweichten und streusandverunreinigten, stak versalzenen Stadt mit schmuddeligen, braunschwarzweißen Schneerändern und herumliegenden Eisscherben niemand zuverlässig erinnern kann, ob es in diesem Jahr überhaupt schon einmal eine Aufführung von so etwas wie schönem Wetter gab, also abseits von immerhin halbwegs attraktivem Schnee, von Schneeregen, Nebel, Dunst etc., wurde doch in dieser Woche der entscheidende Schalter umgelegt. Am Mittwoch war es. Und wäre es mir nicht in drei, vier Gesprächen bestätigt worden, ich hätte es diesmal vielleicht auf meine überbordende Fantasie oder Sehnsucht geschoben. So wenig passten das Wetter und die Kulisse des Stadtteils zu meinem Eindruck.

Aber okay, andere sahen es auch. Ich weiß es jetzt. Daher nehme ich es als Fakt, dass es also diese gewisse Änderung im Licht gab, die nicht nur mich in jedem Jahr wieder enorm fasziniert.

Ich weiß, ich schreibe es immer wieder. Aber ich finde es zu und zu schön, dass es bei uns irgendwann im Februar diesen besonderen Lichteffekt gibt, bei dem so viele Menschen auf einmal ein urzeitlich anmutendes Reaktionsmuster in sich spüren. Bei dem sie wie witternd kurz stehenbleiben, sinnend verharren und in den Himmel, in das Licht sehen und instinktiv wissen – etwas ändert sich nun. Und zwar gründlich und bald.

Man weiß ab diesem Moment sicher um den Frühling. Auch wenn von dem sonst rein gar nichts zu sehen oder zu fühlen ist. Man hat ihn dennoch erkannt, und es hat etwas ungemein Erfreuliches und seltsam Tröstliches, wenn man damit nicht allein ist. Ein sehr altes Programm ist es, das bei vielen von uns noch läuft und läuft, eine Rückkoppelung an jagende und sammelnde Vorfahren wird es sein.

Ganz präzise war die Änderung im Licht diesmal. Keine betont lyrische, nur vage zu ahnende Angelegenheit war das, kein leiser Harfenton von weit. Eher war es das plötzliche Zuschalten eines Filters. Fast so deutlich und auch so schnell, als hätte es dabei ein gut hörbares Klicken über der Stadt geben müssen, eine Art Einrasten. Es war auch nur wenig Zeit dafür. Gerade eine Viertelstunde gab es, in der die Winterwolken zwar nicht aufrissen, aber doch etwas fadenscheiniger wurden, etwas durchlässiger, und in diesen wenigen Minuten konnte man es sehen.

Dann regnete es schon wieder auf gewöhnliche Art weiter. Dann wurde es auch gleich wieder dunkler und man musste den Blick erneut senken. Schon wegen der lästigen Tropfen auf der Brille, aber auch wegen der mühsam gehaltenen Konzentration auf die kippelige Stimmung. Weil Februar, weil Norddeutschland, weil Durchhalten.

Aber Bescheid wissen wir jetzt dennoch, und das ist sehr gut so. Und die Wetter-App vermeldet kurz darauf den Beginn des Vorfrühlings, als würden wir der Bestätigung bedürfen. Lässig „Weiß ich doch“ beim Lesen sagen, diese Meldung dabei wegwischend wie einen weiteren Regentropfen des Februars.

Hafencity. Blick auf die Elbphilharmonie von den Marco-Polo-Terrassen aus

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Buddenbohmcore

Es ist wieder einer dieser sogenannten Zufälle, die mich in den Weiten des Internets zu einem Begriff führen, der mir noch neu ist. Ein Trend wird damit bezeichnet, und zwar einer, der gerade erst hochkommt, der sich auf Seiten wie Pinterest etwa gerade neu manifestiert. Ich lese in einem Artikel davon, auf Pinterest selbst bin ich schon lange nicht mehr. Von dort würde ich nichts mitbekommen.

Poetcore, darum geht es. Das klingt doch interessant, denke ich im Überflug, und ich kreise also über ein, zwei Absätzen noch etwas länger herum, denn ich will wissen, was es damit auf sich hat. Und ich gucke danach auch noch auf Instagram nach und sehe mir dort an, was bereits alles mit diesem Trendnamen als Hashtag verschlagwortet worden ist. Das sind nur so um die 1000 Beiträge. Da weiß man dann, okay, das ist zwar schon etwas, da findet tatsächlich etwas statt, aber es wird entweder noch allzu frisch sein oder aber gar nicht erst gezündet haben. Es ist wirklich frisch, stelle ich fest, als ich mir die Daten der Artikel dazu noch einmal prüfend ansehe.

Was meint das nun also, wie geht Poetcore? „Dressing like a poet is very hot right now.” Steht da. Und selbstverständlich wird auf den Mode- und Lifestyle-Accounts dann auch in Stichworten erklärt, was alles dazugehört und wie man nun herumlaufen sollte, wenn man diesem wohlklingenden Trend folgen möchte. Dicke Rollkragenpullover soll man da etwa anziehen. Second-Hand-Blazer auch, es werden die Stoffe Cord und Leinen ausdrücklich erwähnt, und überhaupt betont man natürliche Materialien. Vielleicht, haha, weil Poetry nichts Künstliches ist? Aber ich will nicht spitzfindig werden, nein.

Alles jedenfalls wird strikt in erdigen, unaufgeregten Tönen gehalten. Sand- und Naturbodenfarben, Rehbraun, Tintendunkelblau, Umbra, Sepia, Creme bis Moosgrün und sämtliche Schattierungen der Dämmerung in schöner Landschaft. Dazu trägt man betont abgetragene Schultertaschen aus Leder, in die mehrere Bücher und am besten auch noch das Notebook passen. Welches man ja braucht, falls man zwischendurch ein Kapitelchen im Manuskript bearbeiten möchte oder eine Novelle auf die Schnelle skizzieren will.

Dabei macht man, lese ich staunend, eine insgesamt zerzauste Erscheinung, so steht es da wirklich. In etwa so, als habe man die Nacht durchgemacht. Also durchgedichtet vielleicht.

Außerdem trägt man, aber das versteht sich fast schon von selbst, eine Brille. Und man hat auch jederzeit ein Notizbuch und ein ansprechendes Schreibgerät in der Hand. Oder, warum auch nicht, ein halbfertiges Gedicht sowie „andere Erinnerungsstücke“.  Was immer damit gemeint sein kann? Attraktiv vergilbte Fotografien aus der Jugendzeit vielleicht. Das getrocknete Vergissmeinnicht aus dem letzten Jahr oder, wer erinnert sich noch, Streichholzschachteln mit Telefonnummern darauf.

Aber wie auch immer. Dieser Rollkragenpullover im erdigen Ton jedenfalls. Der dunkle Blazer aus natürlichem Material, die Hose im heimeligen Tannenzapfenbraunton, das ledergebundene, alt wirkende Notizbuch, der birnbaumholzummantelte Kugelschreiber – Moment, ich sehe einmal kurz in den Spiegel: Oh! It’s me!

Ich lese aber noch weiter, jetzt will ich das alles wissen. Zu diesem Begriff, zu diesem Look gehört ein nicht aggressiv daherkommendes, charmant wirkendes Selbstbewusstsein“ (der Autor sieht an dieser Stelle kurz vom Tippen hoch und zwinkert sich selbst schalkhaft im Spiegel zu). Es geht auch um … einen Augenblick, ich muss mir das eben aus dem Japanischen oder was das nun wieder ist übersetzen lassen: „Unregelmäßige und lässige Strukturen im Haar.“

Und das beschreibt doch schön, was meine Mutter neulich so unangenehm direkt mit „Jetzt wird es bei dir aber auch allmählich dünner, ne?“ beschrieben hat.

Was noch, es wird ja immer besser. „Selbstreflexion und emotionale Tiefe“, meine Güte, was bei Modemeldungen so alles stehen kann, man macht sich ja keinen Begriff. „Sanftheit, Zurückhaltung und menschliche Präsenz.“ Na, wer kann dazu schon nein sagen.

Außerdem noch „lockere und fließende Silhouetten, die einen nicht einengen“ – das wäre ja auch noch schöner, denke ich mir beim Lesen, wenn mich auch noch meine Silhouette einengen würde. Irgendwo muss mal Schluss sein mit den Belastungen im Alltag.

Der Trend sei insgesamt das modische Äquivalent zur Melancholie, so steht es da ebenfalls. Allerdings auch das zu ungebügelter Wäsche (WTF?). Es gehe insgesamt um „schöne Unvollkommenheiten“. Wissen Sie was, ich sollte vielleicht noch etwas länger und vor allem viel interessierter in den Spiegel sehen. Und apropos Interesse, das soll man bitte für die Dichtung „zwischen Byron und Patti Smith“ haben.

Auch da gehe ich freudig mit. Überhaupt klingt das alles ganz nach „meins, meins, meins“, wie die Möwen bei „Findet Nemo“ gesagt hätten.

Eine Puttenfigur an einer Laterne auf der Lombardsbrücke

Man soll aber, das ist auch wichtig, bei diesem Trend nichts tragen, was irgendeinem Trend folgt. Da bekommt man dann doch wieder Kopfschmerzen, wenn man darüber zu lange nachdenkt. Oder aber man ist wie ich und läuft also schon etwas länger in genau dieser Art herum, Trend hin oder her. Mit dickem Rollkragen, Charme, Notizbuch und allem.

Zwei Aspekte fallen mir noch ein, nachdem ich mit der Lektüre der Mode-Accounts durch bin, und ich checke wissbegierig die ebenfalls wichtigen Bereiche Musik und Inneneinrichtung. Playlists mit dem Begriff Poetcore im Titel scheint es bisher allerdings kaum zu geben. Das Wenige, was ich dann doch finde, versammelt Songs von Menschen wie Nick Drake, Nick Cave, Lana Del Rey, Cigarettes after Sex und Jeff Buckley – da gehe ich immer noch mit, und sogar gerne.


Bei den Interieurs wiederum lässt sich die angestrebte Optik ganz einfach beschreiben. Das ist nämlich nichts anderes als das altbekannte Dark Academia, nur ist alles jetzt etwas besser und viel freundlicher ausgeleuchtet. Es liegen auch keine Totenköpfe mehr auf den Schreibtischen herum, stattdessen gibt es auf einmal auf jedem Bild lebensbejahende Zimmerpflanzen.

Auch damit und darin könnte ich gut leben.

Es soll DER Trend des Jahres werden, so heißt es. Es wird also mein Jahr, lese ich da heraus. Eine fast zwingende Ableitung ist das, nicht wahr? Ich wäre auch gegenüber einer mich betreffenden, irgendwie positiv zu deutenden Nachricht, und sei es nur eine lächerliche Trendmeldung in der Vogue, auf Pinterest, auf Instagram oder wo auch immer, durchaus aufgeschlossen, so ist es nicht.

Man muss die Zeichen doch stets nach Möglichkeit beachten. Und zwar auch die am Wegesrand.

Eine alte Laterne am Ufer auf der Lombardsbrücke an der Binnenalster

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