Nebentätigkeiten

Vorweg einen herzlichen Dank an Unbekannt, es lag kein Zettel bei, für die freundliche Zusendung des abgebildeten Romans „Der Nachtstimmer“ von Maarten ‚t Hart, Deutsch von Gregor Seferens. Hier die Verlagsseite, hier die Perlentaucherkommentare.

Das Buch "Der Nachtstimmer"

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Zum gestern hier verhandelten Thema Wohnen gehören etliche Nebentätigkeiten. Denn meist sitze oder liege ich nicht nur wohnend herum, meist mache ich dabei etwas. Ich lese vielleicht etwas, schreibe auch. Dann krame ich herum, sichte Zeugs, verräume dies und das. Ich trete ans Fenster und sehe hinaus. Auf Baustelle, Straße, Passanten und Tauben. Darüber der Himmel, attraktiv bewölkt, und ich deklariere diese Minute dann oft als entspannten Moment.

Und höre auch Musik dabei. Ich arbeite fortwährend am Soundtrack, erinnere mich an Melodien und Texte, summe etwas mit und wippe, wenn es emotional hoch hergeht, auch einmal etwas auf den Zehen.

Ich finde nämlich, es fühlt sich ungeheuer wohnend an, Musik zu hören. Daher mache ich das gerade auch exzessiv. Erstens mache ich etwas, das ich mag, gerne exzessiv, denn das ist nun einmal meine Version der deutschen Gründlichkeit. Zweitens entspannt es mich oft etwas, führt mich also zu einem Zustand, welchen ich sonst eher nicht leicht erreiche. Mehr so schweres Gelände.

Ich kann mich seelisch in einer Handvoll Playlists verorten. Sie bilden sämtliche Zustände ab, die bei mir vorkommen, und soweit ich bisher weiß, habe ich mehr Zustände einfach nicht zu bieten.

Ein angebissen rottender Apdel auf einem Stromkasten

Eine Playlist gibt es da, die von der Richtung her grob für den Abend geeignet ist. Da ist die Musik dann “gemütlich” im weitesten und vor allem nicht im ironischen Sinne. Sie ist vielleicht sogar besinnlich und sie reicht vom Wohligen bis zum Melancholischen. Mit Abstechern ins Depressive, denn auch das kann, wie alle Kennerinnen wissen, ein durchaus gemütliches Element haben. Was dann allerdings kein Vorteil ist. In dieser Playlist wohne ich am häufigsten.

Eine weitere Playlist habe ich, die ist eher für den Tag angelegt. Und zwar ursprünglich exakt für den Moment, in dem man seine Arbeit, die man sich hierbei unbedingt als gelungen und befriedigend vorstellen muss, auch wenn es schwerfällt, beendet hat. Dieser Moment also, in dem man das Notebook zuklappt, den Stuhl zurückschiebt und zumindest für eine kleine Weile den Großraum Pflicht hinter sich lässt. Da ist die Musik dann auf eine eher muntere Art relaxed oder gechillt, in den Spitzen auch locker oder sogar tanzbar.

Weiter eine Playlist für die Autobahn. Welche hierbei aber nur einen Gefühlswert darstellt, nicht präzise etwa die A 23 bei Elmshorn meint. Eine Reiseplaylist für Nichtreisende, für Sesselreisende wie mich. Für Reisen allerdings, die man unbedingt allein unternimmt, mit viel Zeit für die Gedanken, und zwar auch für schwergängigere Gedanken, die man bis zu einem Beschluss führen möchte. Da ist die Musik treibend, oft dunkel und recht eindeutig vorwärtsbewegt. Mit Anklängen von Alleinsein und Solo-Eskapaden. Einige eher geistig wegdriftende Ausnahmen für die notwendigen Pausen auf den Reisen sind allerdings auch darin.

Ich reise zwar eher nicht oder nur sehr wenig, aber sollte ich doch einmal reisen, und vielleicht sogar mit längeren Strecken, ich weiß absolut zuverlässig, dass diese Playlist als Hintergrundmusik aber so etwas von geeignet wäre.

Herbstlaub vor Altbau am Alten Wall

Eine Playlist mit ausschließlich deutschen Texten. Das gesungene Lyrikbändchen für den Freundeskreis „Deutscher Reim und gepflegte Sprache“. Mitsingkompatibel, wenn ich die Songs schon lange genug kenne. Und oft auch zu eigenen Texten oder zumindest Ideen führend. Sehr oft sogar.

Vorhin übrigens habe ich gerade ein Lied von Peter Licht gehört, das ich noch nicht kannte. Und ich habe mich dabei über eine Stelle im Text gefreut, die anschlussfähig ist für alle mit tendenziell friedlich verlaufenden Trennungen:

„Aber mögen tun sie sich weiter

Vielleicht etwas weniger heiter.“

Selbstlob kommt hier selten vor, aber ich rechne es mir doch als Vorteil an, dass ich mich lange und intensiv über solche mir gelungen vorkommenden Textstellen freuen kann. Ein so billiges, jederzeit verfügbares und auch noch beliebig oft wiederholbares Vergnügen – wie praktisch ist das denn.

Dann die Spaziertracks. Die Hintergrundmusik für den Gang durch die Stadt, Flanierfunk. Eher unaufdringlich und ohne jeden ablenkenden Text. Nur aus Soundtracks bestehend, ausschließlich Filmmusiken, zu einem erheblichen Teil aus skurrilen 70er-Jahre-Filmen stammend und gewiss nicht massenkompatibel. Eindeutig Raum lassend für den Main Character jedenfalls, vor allem aber auch für die Szenerie, für das Wetter, die Requisiten und die Komparsen.

Herbstlaub auf dem Boden, darin ein gelbes Kabel

Die nächste Liste mit der Lounge-Musik ist wiederum relaxed, aber auf diese Art, mit der eine Einstiegsszene beginnt. Also Begleitmusik für die erste Totale, durch die ein Hauptdarsteller geht. Welcher auf eine ruhige Art gut gelaunt ist und heute etwas vorhat, wobei er sich seelisch in einer Haltung befindet, die mit Geländer und anderen Sicherheitsvorkehrungen versehen ist. In dem entsprechenden Filmmoment würde man etwa sehen, wie die Figur gerade das Haus verlässt und die Straße entlanggeht. Der Abend ist jung und beinhaltet womöglich Chancen der einen oder anderen Art.

Die Figur ist außerdem im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut angezogen und geht in einer Weise durchs Bild, dass man ahnen kann – da geschieht noch etwas, in dieser Geschichte.

Oder es kann zumindest etwas geschehen.

Schließlich eine schier endlos weite Welt von Instrumental Jazz. Ruhig, saxophon- und klavierlastig. Entweder als aus dem Nichts herbeigezauberte Bar-Atmosphäre oder aber als Background für das Wegdämmern in den Mittagsschlaf zu hören. Es passt beides, je nach Betrachtung und Situation, und die Träume dabei sind auch manchmal dieselben. Ebenfalls geeignet aber auch als ungeheuer intellektuell wirkende Nachdenkmusik für geistreich sein sollende Bemühungen aller Art.

Ah, doch noch etwas, fast hätte ich es vergessen. Eine Extraschublade für die Klassik gibt es noch. Nur in der dunklen Jahreszeit ist sie zu öffnen. Für jene besondere Stimmung geeignet, die vielleicht am treffendsten mit dem schlichten Wort „Bach“ beschrieben werden kann. Oder Händel. Oder Barock, Orgel und dergleichen. Es ist jedenfalls eine schwer zu beschreibende Stimmung, die bei mir in den helleren Monaten praktisch nicht vorkommt, eine saisonale Sache.

Das war es dann. In diesen Listen kann ich mich komplett unterbringen, da passt sozusagen der ganze Buddenbohm hinein. Oder andersherum: Würden Menschen lange nach mir diese Listen komplett durchhören, was allerdings Tage, wenn nicht Wochen dauern würde, sie könnten hinterher mit einigem Recht sagen:

„Ach, so einer war das also.“

Und sie würden dann vermutlich gar nicht so falsch liegen.

Herbstlaub vor Innenstadtgebäude

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Er wohnt schon

Währenddessen verbringe ich viel Zeit mit Wohnen und Einrichten. Da ich nach dem Auszug von Sohn I umgehend sein Zimmer requiriert hatte, steht mir nach einer Ewigkeit an Jahren, nein, nach mehreren Jahrzehnten, wieder ein eigenes Zimmer zur Verfügung, a room of one’s own, wie es in der Weltliteratur heißt.

Das führt zum einen zu der etwas überraschenden und sich erstaunlich schnell einstellenden Frage, wie ich es denn bloß so lange habe aushalten können? Ohne einen eigenen, also wirklich ganz und gar eigenen Rückzugsraum zu haben. Denn, wie ich jetzt kraft spontaner Erleuchtung hinter verschlossener Tür weiß: Das geht doch gar nicht. Das kann man doch gar nicht aushalten, so etwas nicht zu haben. Also doch, man kann natürlich schon, man kann immerhin sehr vieles, aber zu welchem Preis bitte.

Ein eigener Raum also. Mein eigenes Bett, mein eigener Schreibtisch, meine Bücher, meine Deko, meine Lampen. Dies ist meine Mütze, dies ist mein Mantel, es wird sicher einige an den Deutschunterricht erinnern.

Meine vier Wände, wie sie auch Rio Reiser einmal besang, auch wenn der Text teils nicht zu meiner Situation passt. Dennoch ein schönes Lied.

Ich baue mit dem verbleibenden Sohn Möbel auf, und weil es mir, man kommt ja aus seiner pädagogisch wertvollen Rolle nicht mehr heraus, so vorkommt, als würde diesem jungen Menschen eine sinnvolle Beschäftigung gerade ungemein guttun, lasse ich ihn nach einer Weile das meiste allein machen. Wobei er irgendwann knurrend anmerkt, er fühle sich angesichts der Arbeitsbedingungen und meiner hilfreichen Einlassungen zu seinen handwerklichen Bemühungen wie auch darüber hinaus zu seiner Lebensgestaltung wie frisch in die Klapse eingeliefert: „Und dann mit Arbeitsdienstpflicht zur Beschäftigung, weißte, wo man dann endlos Kugelschreiber oder so etwas zusammenschrauben muss oder so, für einen Euro die Stunde.“

Ich bin aber als Arbeitgeber kein Unmensch, versteht sich, ich erhöhe daher zur Förderung der Motivation seinen Lohn bedeutend. Und zwar in einer Prozentdimension, von der andere Angestellte, also ich etwa, nur sehnend träumen können.

Eines der neuen Möbelstücke ist ein Schrank, nein, ein Schränkchen eher, wenn nicht sogar nur ein Kommodchen. Schuhschrankschmal und klein ist es. Ich habe es online bestellt und sehe zwischendurch noch einmal auf der Seite des Herstellers nach, wie es aussehen soll, wenn es fertig ist. Der beschreibende Text neben den Abbildungen ist merkwürdig lang, sehe ich dabei. Außerdem ist er auf eine Art verschwurbelt, dass mir ein Verdacht kommt. Von dem ich dann auch bald meine, dass er vollkommen angebracht ist, denn ich lese da mit einiger Sicherheit KI-Text. Da hat sich eine Software verausgabt, kein Mensch. Da wird es einen Prompt gegeben haben, wie etwa: „Beschreibe, wie großartig und vielseitig verwendbar dieses Möbelstück ist.“

Was dann dazu führt, dass auch Türen, die man öffnen kann, als starkes Feature dargestellt werden. Die schönste Stelle im Text aber, befinden der Sohn und ich, kommt erst gegen Ende der ausufernden Darstellung. Wo der Software in ihrer gnadenlosen Systematik vermutlich auffiel, dass über die Oberseite des Schränkchens bisher nicht gesagt worden war. Weswegen noch eben unterstrichen wird:

„Auf der Oberseite dieses Möbelstücks können Sie verschiedene Bücher ablegen.“

Ich bin mir gar nicht sicher, ob man es nachvollziehen kann, aber wir lachen seit Tagen immer wieder über diesen Satz. Und haben es selbstverständlich auch sofort probiert, das mit den verschiedenen Büchern. Ob es auch wirklich klappt. Ferner fragen wir uns jetzt bei jedem neuen Karton, in dem etwas Weiteres für diesen Raum angeliefert wird, voller Spannung und auch hoffend, ob man auf der Oberseite auch wieder verschiedene Bücher wird ablegen können. Wir nehmen dann welche in die Hand, also verschiedene Bücher, und wir stellen uns, fachlich kompetent guckend wie Männer in Funktionswesten, bereit zum Test vor das neue Stück. Denn wir wollen genau wissen, ob es wirklich gehen wird. Wird man die Bücher darauf ablegen können?

So führt mich – ich merke gerade, ich kann diesen Text exakt an dieser Stelle wohltuend positiv enden lassen – die KI immerhin zu ganz neuen Fragestellungen im Leben. Auch schön.

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Unzusammenhängendes

Zunächst zwei Bemerknisse vom Wochenende, die nichts miteinander zu tun haben. Erstens sah ich beim Flanieren an der Binnenalster, genauer am Jungfernstieg, zwei jener Menschen, nach denen man die Straße einst benannt hat. Als dort noch unverheiratete Töchter ausgeführt bzw. eher zur Schau gestellt wurden. Zwei in diesem Alter, in denen man es sich auch als Vexierbild denken kann, ob man sie auf den ersten Blick erzählerisch eher als Mädchen oder als Frauen vorstellen sollte.

Es ist beides möglich, es liegt auch an Gesichtsausdruck und Haltung, was da gerade überwiegt. Aber wie auch immer sie sich halten, wie auch immer sie gerade gucken, verlässlich bleibt, dass die sie begleitenden Jungs definitiv eben das sind: Jungs. Die, es ist leider oft unvermeidlich in dem Alter, auch kleine Brüder sein könnten. So deutlich sieht man den Unterschied im Reifegrad.

Die Binnenalster mit Fontäne vom Jungfernstieg aus

Die beiden Mädchen, Frauen, was auch immer, sind einer Stadtmode gemäß mit hellen Trenchcoats und schwarzen Stiefeln ausgestattet. Was man hier gerade bei dieser Altersgruppe so häufig sieht, dass es auch eine Schuluniform der oberen Jahrgänge sein könnte. Die Gesichter aus der Sicht meiner Generation seltsam makellos und so wirkend, als seien sie in diesem jugendlichen Alter schon unter Permanent-Make-Up für die Ewigkeit gestaltet. Und zwar, keine Frage, professionell gestaltet.

Die beiden haben sich, was viele dort machen, Imbiss-Essen geholt. Sie setzen gerade an, die Styroporschalen zurechtzulegen, zu öffnen und zu sortieren. Da machen sie noch eben etwas, was ich hier notiere, weil ich sicher bin, es noch nie gesehen zu haben: Sie streifen sich routiniert wirkend Latexhandschuhe über, bevor sie die Pommes und etwas, das dönerartig aussieht, anfassen.

Das Dampfboot Sank Georg am Anlager Junfernstieg

Warum Pommesgabeln keine Option mehr sind, das weiß ich nicht, aber ich sehe jedenfalls staunend diese neuen Essmanieren. Und denke nebenbei noch, dass die begleitenden Jungs, welche nach alter und also roher Art enthemmt mit bloßen Händen Pommes in sich hineinschaufeln, vielleicht auch deswegen so bedröppelt gucken, weil die althergebrachte Annäherungsform der fortgeschritten flirtenden Art, der Angebeteten hilfreich nach dem Mahl die fettigen Finger abzulecken, nun auch nicht mehr zur Wahl steht.

Oder doch, sie steht natürlich noch zur Wahl, sie fällt unter diesen Bedingungen aber etwas seltsamer als früher aus. Zeiten, Sitten, dies und das.

Jungfernstiegufer an der Binnenalster

Jungfernstieg an der Binnenalster im Abendlicht

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Aus einem anderen Kontext, der leider ohne jede Komik daherkommt und mit der ersten Szene nur in Verbindung steht, weil man eine zeitliche und örtliche Nähe feststellen kann. Ich sehe auf dem Weg zum Bäcker wie immer diese eine Stelle an einer Straßenecke, an der ziemlich verlässlich ein, zwei Obdachlose lagern. Unter einem schmalen Vordach, eher unzureichend regengeschützt, aber besser als unter freiem Himmel.

Ich sehe dort aber nicht ein, zwei Obdachlose, ich sehe vierzehn Menschen, die dort sitzen, liegen, kauern, hocken oder stehen. Und vierzehn Menschen wirken doch deutlich anders als ein, zwei Personen, sie sind auf eine vollkommen andere Art auffällig.

Was ich nur notiere, um die langsame, aber unerbittlich stetige Dimensionsverschiebung des sozialen Elends hier zumindest nebenbei mitzuführen. Denn es gehört zum Leben im Stadtteil dazu. Und ist, das merke ich immer wieder, für Menschen, die das hier nicht kennen, manchmal nicht recht glaubhaft.

Gelegentlich sehe ich das Staunen der Touristen, je nachdem, wo ich sie antreffe und wohin sie gerade sehen. Gelegentlich merke ich über diese Spiegelung wieder, wie es hier manchmal aussieht und wirkt: schockierend.

Man muss nur weit genug weg wohnen, um es wieder so wahrzunehmen.

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Außerdem, es sind die kleinen Freuden, finde ich es ungemein erheiternd, dass die übersetzende KI aus dem Bundeskanzler nach wie vor merkelbedingt mit größter Selbstverständlichkeit eine Bundeskanzlerin macht. Weil der Job nun so heißt, ne.

Hier ein aktuelles Beispiel aus dem englischen Guardian.

Bundeskanzlerin Merz

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Eleni Mandell hatte vor Jahren bereits einen Song, der etwas verfrüht war, denn der globale Offline-Trend ist doch in diesem Jahr erst richtig großgeworden und ein allgemeines, sogar weltweites Thema. Aber wie auch immer, sie singt hier von alten Dingen, Handlungen und Szenen, sie ist eben oldfashioned.

Und wenn Sie Kontakt zu jungen Menschen haben, manche haben ja welche im Haushalt, dann können Sie beim Zuhören eben mitüberlegen, was davon eigentlich noch bekannt ist, noch nachvollziehbar, was noch gefühlt werden kann. Und dann ist man, finde ich, im Handumdrehen wieder beim Thema Epochenbruch.


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Kleinteiliges

Wo es hier gerade um das ritualisierte Großbesäufnis in München geht (mitleidige Grüße an alle betroffenen Einheimischen dort, thoughts and prayers und alles), fiel mir wieder eine seltsame Vorstellung auf, die ich einfach nicht loswerde. Am Ende muss ich damit noch etwas machen. Und habe ich vielleicht Zeit dafür?

Treibende Blätter auf der Alster

Aber es geht ohnehin um Visuelles, und da kann ich nur Fotos, also wenn man da von Können sprechen möchte, nicht aber etwas in der Richtung von Infografiken. Um die es wohl gehen müsste.

Jedenfalls werden in dem Text drüben auch wieder Zubehörteile aufgezählt, die jenes Fest und vor allem die Begleiterscheinungen ausmachen. Also etwa die weißblauen Rauten, die Brezeln, die Weißwürste, das Bier etc. Ich habe es schon mehrfach geschrieben, ich weiß, aber immer wieder denke ich bei so etwas diese Playmobilassoziation mit. Bei der man sich eine Figur „Wiesenbesucher“ vorstellen kann, und da wären dann selbstverständlich Kleinteile dabei. Typische Kleinteile. Also derartig typisch, dass sie alles im Kern erfassen, die Essenz der Requisiten, was man wirklich braucht.

Kurz dachte ich gerade an die Darstellung von Erbrochenem als Playmobilkleinteil. In meinem Kopf möchte man auch nicht immer sein.

Treibende Blätter auf der Alster

Man muss es sich etwa als Poster vorstellen, all diese Kleinteile. Diesen ganzen Ausrüstungskatalog, der vermutlich für dieses und auch für andere Feste gar nicht so viele Teile umfassen würde, irgendeine Anzahl unter 20. Vielleicht fotografiert, etwas in der Art haben schon etliche Fotografinnen gemacht, oder auch als Grafik.

Eine Schautafel, wie man sie auch aus der Schule noch kennt: Das also ist dieses Fest, das braucht man da, das gehört alles dazu. Und im Umkehrschluss: Wenn man das hat, dann ist dieses Fest.

Treibende Blätter auf der Alster

Und jetzt, da wird es eigentlich erst spannend, stellen Sie sich vor, es gäbe eine Zeitreihe. Ein solches Poster pro Fest aus jedem Jahr, hundert Jahre zurück meinetwegen – wäre das nicht eine überaus einladende Form der Präsentation von Kulturgeschichte? Und wäre es nicht spannend, wie und ob überhaupt sich z. B. das diesjährige Weihnachtsposter von der Version des Vorjahres unterscheidet? Oder die Schlagermove-Grafik, die Halloween-Schautafel? Mit der man hier allerdings keine hundert Jahre zurückkäme, ich weiß.

Treibende Blätter auf der Alster

Es gibt doch diese alte und nach wie vor fundamental richtige alte Grundregel:

Alle Fragen, die mit „Bin ich eigentlich die oder der Einzige …“ beginnen, können verlässlich mit Nein beantwortet werden.

Daher kann ich mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass so ein Projekt nicht nur mich interessieren würde. Möchte nicht vielleicht jemand, eine Künstlerin, ein Fotograf, ein Museumsmensch … Nein?

Na, ich denke ja nur so herum. Aber großartig fände ich es doch.

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Noch etwas September-Musik, von der es außerordentlich viel gibt. Man kann es schwer zählen, aber der Monat ist vielleicht sogar führend, wenn es um die Erwähnungen in Songs geht.

Vaughan und Marsalis:


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Linkwerk zum Wochenende

Gesehen:

Eine arte-Doku über Charlotte Link, zu großen Teilen auch über ihre Ambitionen und Bemühungen im Tierschutz. Ich kenne ihre Bücher und auch die Verfilmungen nicht. Ich blieb an der Sendung eher zufällig hängen und staunte vor allem kurz, wie außerordentlich creepy die Fragen von Journalisten waren, die man ihr stellte, als sie sehr jung die ersten Bücher veröffentlicht hat. Link zur Sendung auf YouTube: „Wie sie das Böse zum Bestseller macht“.

Leere Stühle vor der Konzertbühne in Planten & Blomen

Eine weitere arte-Sendung zu, und es wird im Titel schon interessant, weil ich den Namen der Stadt nicht einmal kannte: „Chongqing: Chinas gigantische Megastadt“. Einigermaßen gruselig ist es in den Dimensionen, von denen da berichtet wird.

Elle Cordova hat wieder etwas zur Typographie gemacht:


Gelesen:

Offline las ich weiter im Leoparden. Es war ärgerlicherweise zu wenig Zeit für die Lektüre verfügbar. Fehler in der Lebensführung, ich muss das noch abschließend mit mir besprechen.

Beim Kaffeehaussitzer sah ich eine freundliche Rezension zum neuen Roman von Sven Regener.

Und hier gab es ein Jobangebot. Immer schön, so etwas Positives.

Mek schrieb hier, und ich notiere es mit größtem Bedauern, Zutreffendes über die Not von Menschen, deren Herz noch links schlägt, bei der Wahl der Parteien. Man möchte die Hände ringen wie im Theater.

Aufgestapelte Stühle aus der Außengastro

Im Hamburger Abendblatt, welches ich vermutlich bisher noch nie zitiert habe, wird ein Architekt zitiert, der für historisierendes Bauen ist. Seine Branche wird ihn zwar dafür steinigen, bzw. eher einbetonieren, aber es ist doch etwas daran.

Ich erinnere mich noch daran, wie vor etlichen Jahren in Eppendorf einmal Gründerzeit nachgebaut wurde und die fachliche Kritik erheblich und scharf war, die Nachbarn aber vor dem Neubau standen und dachten: „Ach, das ist doch mal nett.“

Auf das Gebäude des ehemaligen Kaufhofs in der Innenstadt hat man gerade ein historisierendes Dachgeschoss gesetzt, ich finde das sehr in Ordnung. Bildbeweis anbei.

Das neue Dach asuf dem Kaufhofgebäude

Gehört:

Eine Folge Radiowissen über „Lindy Hop – der gleichberechtigte Swingtanz“. Enthaltend auch wichtige und oft eher nicht mitgeteilte Informationen zu den rassistischen Aspekten in der Geschichte dieses Tanzes.

Dann hörte ich ein Zeitzeichen zur ersten Ehe von Albert Einstein: „Eine Lovestory ohne Happy End“. Es werden höchst befremdliche Zitate aus seinen Briefen vorgelesen. Man staunt.

Nächtlich leeres Gestühl in der Außengastro

Eine Folge von „Eine Stunde History“ über den „Zerfall Westroms und das Ende der Antike“. Da geht es naheliegenderweise um den Begriff Epochenbruch, und es fällt einigermaßen schwer, ihn nicht für die Gegenwart mitzudenken. Nach dieser Definition aus der Sendung:

„Wenn man mit der Vergangenheit überhaupt nicht mehr zurechtkommt und die Kontinuität nicht mehr spürt und sie nicht mehr weiß, dann kann man sagen: Es ist ein Epochenbruch geschehen.“

… muss man zumindest bezogen auf die Buch- und Lesekultur, an der doch enorm viel Epochebestimmendes für uns hing, also noch für Menschen meiner Generation, im Moment davon ausgehen, dass eine Mehrheit der Bevölkerung damit tatsächlich bald nichts mehr anfangen kann. Ja, ich denke doch, es ist ein solcher Bruch, zumindest in kultureller Hinsicht.

Regennasses Gestühl in der Außengastro

Weiter mit der Historie: Bei „Alles Geschichte“ gab es für mich drei Folgen zum Thema „Babylon Deutschland“, nämlich: „Die Swingjugend und der NS“, „Die Intellektuellen und Hitlers Machtübernahme“ und „Von Weimar zur NS-Diktatur“.

Und beim Deutschlandfunk Kultur gab es eine kurze Sendung über den Gebrauch der Handschrift im weltweiten Vergleich.

Neue Musik sah und hörte ich von Bedouine:

Und von dem mittlerweile eindeutig altersmild werdenden Seasick Steve, ein gewesener harter Hund.

Dann noch ein frischer Upload aus der Ed-Sullivan-Show, ein Blick in die Sechziger: Nancy Ames. Das Kleid! Die Frisur! Die Stimme natürlich auch, schon klar.

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Porträt des Autors als Umarell

Vor einiger Zeit, ich kann schlecht schätzen, wann es gewesen sein mag, gab es die Freude über den Begriff „Umarell“ als kleines Meme im Internet. Man war einigermaßen begeistert, dass sie in Italien ein Wort, ein richtiges Wort haben für eine bestimmte Sorte Männer. Welche in fortgeschrittenem Alter sind, mit den Armen auf dem Rücken an Baustellen stehen und lange zusehen, kritisch abwägen, kommentieren. Sich auch zu dem austauschen, was sie da sehen. Denn ein solcher Mann ist ein Umarell.

Es gibt dazu einen Wikipedia-Artikel und ich glaube fast, ich kann Ihnen versprechen: Er ist deutlich interessanter, als man vielleicht zunächst denkt.

„Der Begriff leitet sich aus der absichtlichen Umformung des aus dem Bologneser Dialekt stammenden und ursprünglich abwertenden Wortes umarel ab. Es bezeichnet eigentlich einen kleinen, vernachlässigt aussehenden Mann, der in der Stadt umherstreift.“

Schon bei diesem Absatz wird er mir sympathisch, der Begriff, und ich werde ihn nun sicher öfter mitdenken, wenn ich an einem bad hair day und arg zerwühlt von der Arbeit im Brotberuf am späten Nachmittag auf Reservewürde durch die Stadt strolche.

Das Wort Umarell fiel mir allerdings in nicht exakt zutreffendem Kontext ein, denn ich stehe nicht selbst an Baustellen herum. Aber ich sehe doch, und das ganze Jahr schon, auf eine, wenn ich aus dem Fenster sehe. Und das mache ich oft. Denn das Hotel, welches sie uns vor die Fenster bauen, es wächst langsam heran. So langsam wächst es, dass ich die Fortschritte gut mitbekomme. In Wahrheit ist das aber gar nicht langsam, wenn man es mit früheren Jahrzehnten vergleicht. In Wahrheit muss man den Baufortschritt so gesehen wohl als flott bezeichnen. Flott und ruhig, denn es gibt weniger Lärm, viel weniger sogar, als ich dachte. Ein so riesiges Haus wird heute erstaunlich leise zusammengefügt.

Und apropos erstaunlich, es wird auch von erstaunlich wenigen Menschen gebaut. Von wenigen Männern in diesem Fall. Es gibt generell Frauen auf dem Bau, ich weiß, aber nicht auf diesem. Es ist meist eine nur knapp zweistellige Zahl von Bauarbeitern, sagen wir ein Dutzend, die da arbeiten und das Ganze vorantreiben. Und ich merke, ich habe da ein falsches, ein veraltetes Bild im Kopf, ein mittlerweile historisch gewordenes. Denn ich denke „Bau“ immer noch eher wimmelbuchmäßig, mit Arbeitern aus verschiedenen Handwerksberufen und einer beeindruckenden Personalstärke – überall im Bild macht gerade jemand etwas. Vielleicht denken Sie es auch noch so? Es geht aber anders zu.

Eine Handvoll Männer nur bereitet akribisch etwas vor, kaum kann man erkennen, was sie tun, kleinteilig ist es. Dann kommt per Kran eine Wand herangeschwebt und wird sorgsam eingefügt wie im Modellbau. Zwei Ingenieure sehen zu, und der Bau schreitet immer weiter stetig voran.

Gestaunt habe ich auch, dass die Bebauung so eng zugelassen wird, aber das wiederholt sich seit einiger Zeit im Stadtbild an etlichen Stellen. Keine Spur von Großzügigkeit und Freiraum bei Neubauten, sondern eine Enge, die mich immer spontan an spanische Hotelsiedlungen in Strandnähe denken lässt. Man kann es auch in der Hafencity so erkennen, die Vorgaben werden sich da vermutlich geändert haben.

Wobei ich an den letzten großen Neubauten im Stadtteil gemerkt habe, dass ich mich einfach nicht daran gewöhne, wie dicht die Gebäude des Komplexes zusammenstehen. Noch nach Jahren möchte ich da am liebsten wie ein Mensch, der eine Modellbauanlage zusammenstellt, die Häuser etwas auseinanderschieben – weil sie doch eindeutig falsch stehen, wie man leicht sieht. Die hat doch jemand nur aus Versehen zu nah zusammengeschoben.

Hochhäuser neben der HAW

Neubauten am AdolphsplatzNeubaufassade in der Hafencity

Aber gut, auch bei diesem Thema gehe ich also mittlerweile nach. Ich füge es dem Katalog hinzu, und der wird allmählich umfangreicher (aufmerksame Menschen haben sicher gerade bemerkt, dass auch dieses „umfangreicher“ schon ein Nachgehen impliziert, weil es sich in seiner Herkunft und Ableitung auf Druckware bezieht).

Ich habe zunächst auch mit einem völlig veralteten mindset auf diesen Neubau reagiert, den man mir da ins Bild stellt. Der nimmt mir Licht, dachte ich zuerst, Licht und Luft. Der steht auch viel zu nah an mir dran. Da wird einem doch nach Protest zumute, nach Widerstand! Einige aus der Nachbarschaft versuchten es dann auch, aber vergeblich. Im Sinne von: Selbstverständlich vergeblich, denn so geht es zu in dieser Stadt und in dieser Zeit.

Mittlerweile sehe ich es aber ohnehin etwas anders. Denn der Sommer war wiederum sehr heiß, und die kommenden Sommer werden noch heißer, wie wir fast alle wissen. Mit diesem neuen Hotel da wird aber unser Dach am Nachmittag vielleicht eine Stunde weniger gegrillt, und schon aus gesundheitlichen Gründen denke ich mittlerweile: Es soll mir recht sein.

Außerdem sehe ich seit einer Woche, dass es da Fenster geben wird, Zimmerfenster, wie ich annehme, die erfreulich direkt in meine Richtung zeigen werden. Wenn es so kommt, wie ich jetzt denke, werde ich da hineinsehen können, wenn die Vorhänge offen sind. Ich werde also etliche Menschen kommen und gehen und Gott weiß was machen sehen.

Daher habe ich das innerlich alles neu justiert, was wohl auch ein gutes Zeichen dafür ist, dass ich noch nicht endgültig bei der Vergreisung angekommen bin. Und ich denke jetzt nicht mehr, dass sie mir da ein neues und viel zu riesiges Haus mit betonlastiger Brutalität rücksichtslos in die Blickachse rammen. Das war zu negativ gedacht, das war zu optimieren.

Ich denke jetzt, dass sie mir da einen Hitzeschutz mit integriertem Contentmenü vor das Fenster stellen. Was doch recht nett ist.

Sie wissen ja, man muss es sich alles zurechtbiegen. Und manchmal gelingt es sogar.

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Alles Nachfolgende verschiebt sich

Der Mittwoch wurde hier als Tag neben der Spur aufgeführt. Quasi von der ersten Stunde an organisatorisch, terminlich und auch seelisch im Abseits und deutlich verspätet, alles Nachfolgende verschiebt sich, Grund dafür sind Schwierigkeiten aller Art oder, um wieder bei Thomas Mann zu landen: „Unordnung und frühes Leid“. Verbunden mit einem schnell einsetzenden Gefühl, welches von einer Erkenntnis kaum zu unterscheiden war: Das wird heute nix.

Graffiti an einem Brückenpfeiler, ein Kopf in vielen versetzten Teilen abgebildet

Und wurde es dann prompt auch nicht. Stabil blieb ich hinter der Zeit, verhaspelt in Zudringlichkeiten von zu vielen Seiten. Ein Zustand der Art, bei der man irgendwann ahnt, dass man es an diesem Tag auch außerordentlich wirkmächtig anzieht. Eine S-Bahn, in die ich nicht mehr hineinpasste, auf dem Bahnsteig zurückbleibend wie in einer Doku über den überlasteten ÖPNV. Eine U-Bahn, mit der ich in die falsche Richtung fuhr, nachhaltig verwirrt auf Stationsnamen starrend.

Im Büro unauflösbare Komplikationen mit neuesten Software-Errungenschaften. Und zwar derartige Komplikationen, dass ich mich schon wieder intensiv mit boomerhaften Gedanken beschäftigt fand, etwa in dieser Art: „Das hätten wir ja 1990 noch schneller hinbekommen! Mit der Kugelkopfschreibmaschine, per Hand, zu Fuß und gefaxt.“

Und ich kann mir nicht helfen, so falsch war der Gedanke gar nicht.

Es schauerte außerdem vor den Bürofenstern in der Hafencity, es nieselte und es regnete auch. Zwischendurch schüttete es einmal. Letzteres selbstverständlich auf dem einzigen Weg an diesem Tag, den ich ohne Schirm zurückgelegt habe.

Außengastro im Regen

Meine Mutter benötigte diverse Dinge, die ich ihr dann wieder rotkäppchenmäßig ins Krankenhaus brachte. Ohne Wölfe am Wegesrand, das war einer der wenigen Pluspunkte des Nachmittags. Für die Besorgungen und Erledigungen musste ich aber erst in drei Läden, die alle rappelvoll waren. Einer mit ausgefallenem Kassensystem, das Personal in Aufruhr: „Jetzt geht es gerade wieder, versuchen Sie es ruhig mit ihrer Karte!“

Und dann brauchte das verdammte Ding zehn Minuten, um über meine Karte ausreichend nachzudenken, bis es befand, dass ich okay war. Es waren die längsten zehn Minuten des Tages.

Eine einigermaßen erlösende, ausgleichende Szene dann erst kurz vorm Ende des Tages. Als ich mit meiner emotional ebenfalls desolaten Mutter auf dem tristen Flur des Krankenhauses saß. Neben uns ein Bücherwagen: „Für Patienten“.

Diesen Wagen sah meine Mutter missbilligend an, schon deswegen, weil sie an diesem Tag alles missbilligend angesehen hätte. Was ich ausnahmsweise einmal recht anschlussfähig fand. Nach dem kurzen Blick äußerte sie die Vermutung, dass da doch vermutlich eh nur Schrott draufstehen würde. Nicht wahr, was kann man da schon erwarten, in einem Krankenhaus, und dann noch in einem mit so vielen alten Menschen darin. Wie viele alte Menschen mag sie keine alten Menschen, und bevor man darüber lacht: Warten wir es lieber ab.

Ich sah die Buchrücken ebenfalls kurz an und freute mich dann, die Gelegenheit zu haben, ihr eine sie überraschende Antwort geben zu können: „Nicht nur Schrott!“

Um dann mit der letzten Lässigkeit, zu der ich in dieser Stunde überhaupt noch fähig war, einen bestimmten Band herauszugreifen, ihn aufzuschlagen und wortlos kurz auf das Inhaltsverzeichnis zu zeigen. In dem nämlich auch eine Kurzgeschichte von mir ausgewiesen war, was sie dann doch einigermaßen beeindruckend fand.

Immerhin.

Symbolbild: Mein Hirn am Ende dieses Tages.

Ein übervoller Mülleimer am Abend auf nassem Pflaster

Und der Abgesang:


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Im Sinne des Hip-Hops

In einem Park gehe ich an einer Gruppe von Menschen vorbei, die mir etwa zehn Jahre voraus sind, frühes Rentenalter. Man geht gerade auseinander, man umarmt sich, man winkt noch einmal. Das war, ich höre es mehrfach, ein schönes Treffen. Das machen sie auch wieder, und zwar bald. Eine der Frauen, etwas an den Heidi-Kabel-Look erinnernd, falls das überhaupt noch jemandem etwas sagt, ruft abschließend: „Ich möchte mich im Sinne des Hip-Hops verabschieden: Tschüss, Digga!“

Tretboote an einem Steg an der Außenalster

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An einem der vielen Eingänge zum Hauptbahnhof gerät ein junges Paar in einen lebhaften und lauten Streit, bei dem man nicht genau erkennen kann, wie ernst sie es meinen. Sie stehen vor einem Fahrkartenautomaten und verstehen wohl nicht, was man da kaufen muss, was richtig sein könnte. Oder sie versteht es nicht, es geht wohl nur um sie, um ihre Fahrkarte. Er sagt, und er wiederholt es immer lauter: „Dann frag eben jemanden!“ Zeigt dabei mit ausholender Geste auf das Menschengewimmel um sie herum.

Warum er selbst keinen fragt, das erschließt sich nicht. Vielleicht braucht er keine Fahrkarte, vielleicht hat er, wie in dem alten Django-Witz, eine Monatskarte. Sie studiert kopfschüttelnd erneut die Angaben an und neben dem Automaten. Schulterzucken, Hände zum Himmel, im Drehbuch steht so etwas wie „Wut und Verzweiflung“. Er redet immer weiter von hinten auf sie ein, frag doch jemanden, frag doch jemanden, du musst einfach jemanden fragen.

Schließlich dreht sie sich um und sagt sichtlich entnervt: „Ich rede doch nicht mit Leuten!“ Er lacht.

Was beide nicht wissen können, was nur ich sehen kann, ist ein so absurder Zufall, dass man ihn sich eher nicht ausdenken würde. Es ist einfach zu wenig wahrscheinlich. Aber tatsächlich ist es so, dass der Mann, der an dem Fahrkartenautomaten neben dem, welcher der jungen Frau solche Rätsel aufgibt, gerade ein Ticket kauft, einen Pullover trägt, auf dem hinten ein Aufdruck ist: „Do not disturb“.

An manchen Tagen inszeniert diese Stadt respektable Szenen, da gibt es nichts.

Segelboote an einem Steg an der Außenalster

Tretboote an einem Steg an der Außenalster

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Vor ein paar Tagen schon hat der erste Deko-Laden entschlossen auf Weihnachten umgerüstet, und zwar gleich das volle Programm. Außerdem entnehme ich der lokalen Presse, dass in dieser Woche bereits der erste Weihnachtsmarkt in Hamburg öffnet, irgendwas mit „Winterzauber“ oder dergleichen im Titel. Es ist keiner von den gewöhnlichen Weihnachtsmärkten, es ist irgendein Spezial-Event, aber dennoch.

Kritik ist auf jeden Fall angebracht, denn zum einen kommt mir die Entwicklung der Weihnachtsdeko doch etwas seltsam vor, siehe unten, zum anderen tritt die Weihnachtsdeko- und Eventswelle damit noch vor der in Kürze erwartbaren Halloween-Eskalation in Erscheinung.

Kalendarische Unordnung ist das. Man möchte boomermäßig etwas von früher erzählen, auch von „wir hatten ja nichts“ und „alle bekloppt“, sowie auch von „wo soll denn das alles noch hinführen!“.

Aber wie immer gilt: Man reißt sich selbstverständlich zusammen und notiert das alles einfach nur. Besser ist das.

Tannenbaumdeko in Magggiflaschenform

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Safety Joe

Der Übergang von der Urlaubswoche zum nächsten Brotjobzyklus fiel mir schwer, noch deutlich schwerer als sonst. Ich ging daher morgens zu ungewohnter Uhrzeit spontan noch einmal runter zur Alster und eine Stunde durch die Gegend. Quasi auf der Flucht, aber natürlich chancenlos. Es geht bei mir auch gar nicht darum, dass der Job so furchtbar wäre, andere Menschen machen fraglos Schlimmeres durch. Es ging eher darum, dass ich mit mir und meiner Freizeit so hervorragend klarkomme.

Spiegelung von Lichtern im Wasser der Alster

Ich habe keine Variante von FOMO, die mich seelisch benagen würde. Ich habe etliche Interessen, ich kann mich sehr gut selbst beschäftigen, und meist will ich das auch. Wenn ich das aber einmal nicht will, kann ich auch problemlos die vielsagenden Raufaserbetrachtungen dort fortsetzen, wo ich beim letzten Mal aufgehört habe. Und auch das ist gut so.

Nein, nicht der Horror des Büros ist das Problem. Es geht eher darum, dass mich diese Berufstätigkeit viel zu viel Zeit kostet. Nämlich entschieden mehr, als ich ihr an Bedeutung zumessen kann. Das mag bei manchen Traumberufen anders sein, wie ich neidlos zugestehen möchte, ich aber habe einfach nur einen Job und kann ihn kaum als Herzenswunscherfüllung betrachten. Oder nur zu eher geringen Anteilen.

Spiegelung von Lichtern im Wasser der Alster

Spiegelung von Lichtern im Wasser der Alster

Spiegelung von Lichtern im Wasser der Alster

Nach diesem Job sind jedenfalls erschreckend wenig Stunden des Tages übrig für so essentiell wichtige Dinge wie etwa Spaziergänge, Mittagsschlaf, Schreiben, Lesen und Denken. Es kommt mir seit Jahren schon unpassend vor, wie diese Sache mit der Berufstätigkeit den Alltag rücksichtslos dominiert – und dabei ist es in meinem Fall schon Teilzeit, seit vielen Jahren sogar. Problem.

Im Urlaub aber habe ich mich ganz wie geplant etwas bewegt, und zwar zunächst innerlich. Das Problem an Binsenweisheiten, das wirklich Unangenehme und tendenziell wieder Demütigende an ihnen ist bekanntlich, dass sie eine hohe Trefferquote bezüglich ihres Wahrheitsgehaltes haben. Das gilt selbstverständlich auch für Fragen der Lebensführung. Wenn man etwa zur großen Überraschung des Freundeskreises Overthinking auch nach Monaten nicht einmal Ansätze von Lösungen für den Clusterfuck seines problembeladenen Alltags findet, dann kann man das mit dem Herumdenken auch einmal etwas gründlicher herunterfahren und vielleicht lieber mehr im Draußen machen.

Dort Anteil nehmen und teilnehmen. Szenen, Dinge und Umstände außerhalb von einem wieder mehr beachten, Neues bemerken, andere Menschen auch, so etwas.

Man will schließlich nicht enden wie Safety Joe, von dem John Prine hier so sympathisch lachend singt.

In diesem Sinne bin ich jedenfalls vergleichsweise zufrieden mit mir und der letzten Woche, und ich habe gerade in einem Personalgespräch mit mir selbst meine Bemühungen immerhin freundlich gewürdigt.

Und dieses Immerhin ist gar nicht so klein, denn so oft würdige ich meine Bemühungen nicht. Mehr so harter Hund, was das angeht, wenn schon sonst nicht.

Okay. Im Oktober die nächste Urlaubswoche. Weiter üben, der Mensch braucht Ziele.

Spiegelung von Lichtern im Wasser der Alster

Spiegelung von Lichtern im Wasser der Alster

Spiegelung von Lichtern im Wasser der Alster

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Falten, Notizen, kitschige Katzen

Die erste halbe Stunde dieses Tages habe ich mit Suchen verbracht. Was immerhin dadurch erfreulich wurde, dass ich fündig wurde und nun einen Gedanken sinnvoll abrunden kann. Und zwar wie folgt.

Am 24. August habe ich meine Sommerpause in diesem Basar beendet und im dazugehörigen Text (hier) noch erwähnt, dass ich in den Wochen ohne Blog kaum Notizen gesammelt hatte. Was mir, aber das stand da nicht, tatsächlich ein wenig unheimlich war, denn ich bin es gewohnt, viel auf Vorrat zu haben. Oder auch sehr viel.

Das ist nun drei Wochen her. Seit diesem Zeitpunkt denke ich wieder mehr schreibend und für das Schreiben. Ich schreibe also auch wieder mit, was mir ein- oder auffällt. Der Notizenvorrat dürfte nun, ich prüfe das eben nach, so wie andere das gerade bei den so intensiv beobachteten Gasspeichern machen, für etwa dreißig Blogeinträge reichen. Noch nicht ganz für den Winter, aber auch hier: immerhin.

Herbstlaub am Nikolaifleet bei Ebbe

Das wiederum ist ein angenehm befriedigendes, geradezu sättigendes Gefühl. Als hätte ich genug gespart. Als hätte ich so akribisch vorgesorgt, wie es heute eben von vernünftigen Menschen erwartet wird – man muss sich kümmern um seine Zukunft und sein Zeug.

Ein herbstliches Bäumchen an einer Kaimauer am Nikolaifleet

Ich schreibe einen Text pro Tag, also in normalen Zeiten jedenfalls. Es wäre aber auch Stoff genug für mehr vorhanden, für deutlich mehr sogar. In den letzten Jahren habe ich mich zwischendurch immer wieder etwas erstaunt gefragt, wie das eigentlich zugehen kann. Denn in Bezug auf Erleben, Events und Ereignisse bin ich nun ganz gewiss eher unter dem Durchschnitt, was die Frequenz betrifft. Ich mache definitiv eher wenig, ich treffe wenig Menschen, ich reise auch kaum, ich mache meist nirgendwo mit. Ich sitze lediglich am Schreibtisch, ich gehe zum immer gleichen Einkaufsritual, koche etwas, was nicht einmal foodblogtauglich ist, und dann gehe ich stundenlang um den Block oder durch die Stadt. Das ist alles.

Jetzt habe ich eine brauchbare und auch noch geistreiche Erklärung dafür gefunden. Sie ist einfach, wie nicht anders zu erwarten war, und es gehören zwei Aspekte dazu.

Zum einen stand ich in der Urlaubswoche, die ich nun vergleichsweise sinnig absolviert habe, ich sage morgen noch etwas dazu, eines Morgens auf dem Balkon. Ich besah mir die Wolken und das sich färbende Laub der Bäume auf dem Spielplatz. Das sammelnde Eichhörnchen an den Gebüschen, die Kräähen auf der Rutsche und auch die ersten Menschen auf den Wegen. Ich sah dabei auch routiniert kurz die gegenüberliegenden Häuser an. Patrouille mit den Augen, Sie kennen das, einmal kurz checken, ob die Wirklichkeit noch passt und weiterhin den Erwartungen entspricht, wie auch immer die gelagert sind.

In eine Wohnung fiel das Licht an diesem Morgen so, dass ich eine Wand sah, von der ich zu meiner Überraschung meinte, dass ich sie sonst nicht sehe. Und an dieser Wand hing ein Bild. Ein vermutlich eher kitschiges Katzenbild, so wie man es als Poster bei Karstadt etc. kaufen kann, zu süß, um gut zu sein. Das Bild war recht weit weg, aber es war durch die Morgensonne derart bestens ausgeleuchtet, ich konnte es dennoch gut erkennen. Ich sah das Bild, ich sah überhaupt diese Wand aber zum ersten Mal. Nach einem Moment des Nachdenkens war ich sicher.

Herbstliches Kraut am Nikolaifleet bei Ebbe

Seit 19 Jahren wohnen wir hier. Seit 19 Jahren gehe ich morgens auf den Balkon und gucke durch die Gegend. Aber noch nie haben Uhrzeit, Bewölkung, Sonne, Licht und vielleicht auch die Position eines Vorhangs und mein exakter Standpunkt so zusammengepasst, dass ich diese Wand, dieses Bild gesehen habe.

Das wiederum erinnerte mich an einen Begriff, den ich eben etwas mühsam gesucht habe. Ich wusste, er kam im Blog vor etwa drei Jahren vor. Aber da kam, wie ich dann feststellte, eine ganze Menge vor. Über das Wort „Faltung“ kam ich dann zum Ziel, denn darum ging es. Es war ein Vortrag von Anders Levermann, Physiker, den er damals auf einer re:publica gehalten hat. Ich hatte das Video hier verlinkt und es gibt auch ein Buch von ihm dazu: „Die Faltung der Welt“ bei Ullstein.

Sympathisch fand ich ihn bei dem Vortrag, diesen Herrn Levermann. Und das Konzept, fast unendliche Möglichkeiten in einer begrenzten Welt zu finden, welches er da wissenschaftlich betrachtet – es kommt für Kreative aller Art selbstverständlich auch hin. Man sieht auf etwas, man bemerkt dabei etwas, man macht vielleicht etwas darauf. Und dann sieht man so lange weiter darauf, bis man noch etwas bemerkt, aus dem man etwas machen kann. Und sei es nur eine kitschige Katze. Für meinen nächsten Trick als Schreibender brauche ich eine Madeleine …

In diesem Sinne gibt es selbstverständlich auch keinen Grund, wegen fehlender Notizen beunruhigt zu sein. Wie es in einem bekannten Sketch von Johann König heißt: „Man muss es sich nur immer wieder klarmachen.“

(Auf den Bildern heute der Herbst am Nikolai-Fleet)

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