Mit Blick aufs Elend

In der letzten Woche stand ich zwischendurch am Bürofenster in der Hafencity und sah hinaus auf das bekannte Hamburger Demotivations-Mahnmal direkt vor mir. Wir konnten diese auch bundesweit bekannte Ruine des Elbtowers aus der lange mäandernden Wirtschafts-Saga der Signa-Pleite, in die man laut Wikipedia schon 400 Millionen Euro Baukosten versenkt hat, ohne allerdings etwas Brauchbares erreicht zu haben, zwar auch schon aus den Konferenzräumen des alten Büros in Hammerbrook sehen, nun aber arbeiten wir direkt vor ihr. Mit freiem Panorama-Blick auf Unfertiges also.

Das Logo der Signa-Gruppe, daneben Graffitis

Mit direkter Aussicht auf ein Monument, dessen eindringliche Hauptaussage für die sinnenden Betrachter wie mich wohl zweifelsfrei ist: „Lass mal, das mit den Plänen, es wird eh alles nichts.

Die Ruine des Elbtowers

Wir fragten uns dann noch kurz im Kollegenkreis, was damit nun eigentlich sei, mit dieser verelendeten Rohbauleiche. Da sollte doch das neue Naturkundemuseum einziehen, war es nicht so? Es gab doch einen Beschluss, einen kühnen? Daran sollte doch weitergebaut werden, an dem tragischen Trumm, nur ein Drittel weniger in die Höhe oder so, eine Variante von „reduce to the max“ sollte es werden? Da gab es doch Zusagen und Pläne, Investitionsvorhaben und neue Geschäftspartner, all das.

Wie bestellt gab es dann am nächsten Tag prompt Updates zum Thema in den Zeitungen und anderen Medien. Dahingehend, dass es leider doch nicht allzu gut aussehe. Dass die Verhandlungen nicht vorankommen würden, dass die Investments verklemmt seien, dass dieses Projekt weiter und vielleicht bis in alle Ewigkeit ruhe.

Ja, so sieht es auch aus. Seit wie langer Zeit schon, seit mehreren Jahren steht der Bau nach allen Seiten offen als Riesen-Beton-Skelett da. Wind und Wetter fahren jederzeit ungehindert hindurch, die Jahreszeiten toben sich an den offenen Flanken aus. Und ohne, dass auf der Baustelle jemals etwas passieren würde, nimmt die nähere Umgebung hier und da Schaden, weil der sinnlose Sockel sich langsam senkt und nach unten in den Grund drückt, wodurch anderes ringsum nach oben bewegt wird. Wodurch sich vielleicht auch die Schienen der vorbeifahrenden Züge verbiegen könnten etc.

Die U- und S-Bahn-Station Elbbrücken, vor der diese besondere Baustelle zu finden ist, erfreut sich auch bei Touristen großer Beliebtheit. Sie ist noch recht neu im Stadtbild, diese Station. Sie ist fotogen und architektonisch besonders schick, sie bietet zudem einen hervorragenden Ausblick über die Elbe. Man sieht dort so schön, wohin die Bahn einmal weiterführen soll, über den Fluss hinweg und in Richtung Grasbrook, zum Moldauhafenquartier. Wo alles erst noch entstehen soll, das wird dann der Hafencity nächstes Kapitel.

Das innere der Station Elbbrücken, Glas und Stahl, schwarze Wände

Die Station Elbbrücken (U-Bahn-Teil) im Panoramablick

Blick von der Station Elbbrücken über die Elbe, künftige Weiterführung der Strecke

Blick von der Station Elbbrücken elbabwärts

Man fährt also als Gast in der Stadt dorthin, zu dieser Station, man geht herum und macht Fotos. Und zeigt zwischendurch vielleicht auf das dunkel ragende Mahnmal: „Guck, das ist das, was auch in den Nachrichten war. So sieht das aus.“

Und dann lästert man einen Moment. Wahlweise über Olaf Scholz, dessen Verbindung zum Turm man vielleicht noch im Gedächtnis hat. „Olaf ist an allem Scholz“, wie es auf etlichen Stickern in der Stadt heißt. Die Medien hier verweisen zudem immer wieder auf die Bezeichnung „Kurzer Olaf“ für den angefangenen Turm, denn „das Volk“ würde das so nennen, wobei dieses Volk in Wahrheit höchstens spöttisch die Medien mit dieser Bezeichnung zitiert. Oder aber man lästert über die Hybris des Menschen an sich. Babel und dergleichen, Turmbauten sind auch historisch belastet.

Über den Kapitalismus spricht man auch, über das System, über die Gegenwart und unsere kaputte Gesellschaft, den Niedergang des Landes usw. Vieles gibt es, was einem zu dem Anblick einfallen kann. Ich höre oft kurz mit, während ich auf die U- oder S-Bahn warte.

Es wird manchmal auch angemerkt, dass man so etwas früher aber hallo und mit großer Selbstverständlichkeit fertiggebaut hätte. Plangerecht und im korrekten Timing, weißte? Denn das gab es ja früher nicht, dass nichts fertig wurde. Früher wurde immer alles fertig! Deswegen stehen auch überall fertige Sachen von früher herum. Logisch.

Heute bauen aber nur noch die Chinesen etwas fertig. Die auch so einen Turm in ein paar Wochen hinbekommen würden, wie jedermann weiß. Denn die können das komischerweise. Da auch mal drüber nachdenken!

Ja, es fällt allen etwas dazu ein. Auch Forderungen, es versteht sich fast von selbst. Etwa die Forderung nach dem zügigen Abriss des Riesenstumpfes. Oder nach dem sofortigen Umbau des Restes in billigen Wohnraum oder aber nach zackiger und planmäßiger Fertigstellung. Und nach dem Abbau all der sicher unsäglichen bürokratischen Hindernisse, nach dem Aufheben sämtlicher Bauvorschriften, die ohnehin nur alles aufhalten und behindern.

Man macht dann auch Fotos vom Elend. Weil man heute eben von allem Fotos macht. Die kann man später zuhause auch denen zeigen, die auf dem Hamburg-Trip nicht dabei waren. Neben all den schöneren Bildern aus Hamburg, neben den Azzurro-Postkartenmotiven von Alster und Elbe zeigt man eben auch das:

Nun guck dir das doch mal an! Das ist dieser Elbtower. Oder was das mal werden sollte. Das wird aber nix mehr, das kannste voll vergessen.

Aber wie auch immer.

So spendet Segen noch immer die Hand

des René Benko am Elbestrand.

Das wollte ich nur eben anmerken, nachdem ich also wieder einmal eine Weile in diese Richtung gesehen hatte.

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Analoge Reliquien

Es ist der 24. August. Damit endet meine Sommerpause, die aber eh schon ausgedünnt wurde, nun auch offiziell. Allerdings habe ich kaum Notizen gesammelt und stehe recht blanko da, also für meine Verhältnisse. Ich habe zwar schon etwas im Sinn, um dem entgegenzuwirken und meine Gier nach frischem Content, Ideen und Gedanken zu befriedigen, etwas Projektähnliches ist es fast. Aber ich will in dieser Woche erst einmal sehen, ob es auch machbar ist, ob es konveniert.

Bllick über die Kleine Alster in Richtung Jungfernstieg

Blick über die Binnenalster in Richtung Rathaus

Blick vom Westfield über die Elbe

Ein Bemerknis vom letzten Wochenende noch. Da habe ich ein Update zum hier oft schon erwähnten globalen Offline- und Analog-Trend, der quasi eines der zeitgeistigen Leitthemen 2026 ist. Denn es begab sich, dass innerhalb von nur zwei Stunden erstens einer der Söhne, für den das Wort „Buch“ bisher eher unter die Abstrakta fiel, mich aus außerschulischen Gründen nach einer GEDRUCKTEN Ausgabe eines Werkes von Kafka fragte. Die ich dann prompt nicht im Regal hatte, getreu der alten Regel: kein Tag ohne Demütigung. Und dass zweitens der andere Sohn den Wunsch aussprach, einen Plattenspieler besitzen zu wollen. Was er beiläufig erwähnte, während er durch gerade ergatterte Alben blätterte.

Darunter „Relics“ von Pink Floyd, das ich auch einmal besessen hatte. Und das ich also, hätte ich nicht wie all die anderen Deppen in meinem Alter die Platten aus meinen Regalen irgendwann sämtlich verkauft, hätte vererben können. Na, man macht Fehler. Auch größere. Um die Platten tut es mir doch mehr und mehr leid, je länger ich darüber nachdenke, je mehr Jahre vergehen.

Auf „Relics“ war jedenfalls das damals gern gehörte „Cirrus Minor“. “The song has a hallucinogenic, pastoral quality, with prominent organ and bird sound effects, like those later that year featured on the Ummagumma track „Grantchester Meadows”.

Ich mache uns das mal eben an. Nicht ohne zuzugeben, dass dieser Song am Montagmorgen womöglich eine nur bedingt motivierende Wirkung hat. Er könnte sogar eskapistische Tendenzen befördern. Es tut mir leid.

Diese Lyrics sind mir immer noch seltsam vertraut. Wir haben das Stück damals gründlich wie ein Shakespeare-Sonett in Musik durchgenommen, in der zehnten Klasse etwa, und zwar taten wir das ausgesprochen gerne. Wir hatten da einen Lehrer, der mit uns die Geschichte der Popmusik durchgenommen hat, der uns ihre groben Richtungen kundig erklärt hat, der die Schubladen und Verzweigungen erläutert hat und uns dabei jeweils die Meilensteine vorgespielt hat. Der mit einem jeweils vollkommen angemessen feierlichen Gesichtsausdruck Heiligtümer der Popkultur vorgeführt hat. Von denen er so restlos begeistert war, dass wir es zu verstehen meinten.

Es kommt mir heute noch so vor, als seien diese Stunden mit die sinnvollsten am Gymnasium für mich gewesen. Neben denen, in denen wir in Deutsch verschiedene Verfilmungen zu Romanen gründlich verglichen haben. Wer da also was, wie und warum aus dem Text in Bilder übertragen hat. Was ich damals ähnlich erhellend fand. Dieser Musiklehrer jedenfalls, er konnte etwas und er liebte sein Fach.

Wie passend aus heutiger Sicht der Titel „Relics“ auf einem Plattencover aus den Sechzigern des letzten Jahrhunderts ist, das fiel mir an diesem Wochenende erst auf.

Falls das mit den eskapistischen Tendenzen bei Ihnen nach dem Genuss von Cirrus Minor versehentlich greifen sollte, schlage ich vor, sich dem einfach hinzugeben. Keine halben Sachen. Wenn schon geistig raus, dann gleich gründlich. Deswegen schiebe ich noch eben Grantchester Meadows hinterher. Mit einem Video, bei man über diese beiden jungen Leute mit Gitarren staunen kann, die so friedlich miteinander zu spielen scheinen.

Auf eine entspannte Woche für Tagträumende und für alle, die wieder eher tausend Nebendinge treiben, als den Frosch zu essen, für die geistig Abwesenden aller Art.

Wir melden uns erst einmal körperlich anwesend, was immerhin nicht gelogen ist. Und machen ansonsten aber erst einmal keine Versprechungen, on our trip to cirrus minor.

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Beschwerden und Beobachtungen

Ganz im Sinne meines letzten Textes zum saisonalen Kippen in der zweiten Augusthälfte gab es, noch bevor die sommerliche Wärme in der kommenden Woche noch einmal voll aufgedreht wird, einen Sonntagmorgen und Vormittag mit der üblichen Heimat-Temperatur, also mit stabilen 12 Grad. Regen gab es noch dazu, ergiebige Schauer nennt man das dann in den Wetterberichten, was da herunterkam. Außerdem Wind, der aufrauschend durch das nasse Laub auf dem Spielplatz fuhr. Keine Kinder oder Eltern waren weit und breit zu sehen, leere Schaukeln nur und Pfützen in der Sandkiste, es war ein Drinnenspielwetter wie im Bilderbuch.

Aus der Kirche hörte ich Orgelmusik. Aber was da durch den Regen herangeweht wurde, das nutzte sich auf der kurzen Strecke zu mir schon so sehr ab, dünnte unterwegs schon so aus, dass es bei mir wie Spott auf Kirchenlieder ankam. So lustlos heruntergeleiert klang das, so schwunglos, langweilig, fad und zerfasert, so vorhersehbar war es auch in der Melodieführung. So würde man dieses Kirchengeorgel nachmachen, wenn man es nicht ausstehen kann. Es liest sich immer so gut, wenn der Wind von irgendwoher, von einem benachbarten Fest oder dergleichen, etwas Musik herüberweht …

„Vom Grand-Hotel weht der Nachtwind hin und wieder

einige Takte Tanzmusik herüber.

Gläser klingen, Lachen, weiße Jacketts und schöne Frauen.

Kennen Sie das noch?

Es ist aber durchaus nicht immer gut, was da herangeweht wird.

Nacheinander landeten dann Eichelhäher, Rabenkrähe und Elster auf dem Balkongeländer, um sich in durchaus begrenzter Höflichkeit, in eher schon fortgeschritten forscher Direktheit dahingehend zu äußern, dass es erbärmlich kühl an diesem Tag sei, dass es außerdem reichlich nass und auch fortgeschritten chillig in dieser ohnehin zugigen Stadt sei. Sie plusterten sich jeweils theatralisch dabei auf, um zu illustrieren, wie nass und kalt sie waren. Und sie warfen dabei mit langem Hals und schräg gelegtem Kopf demonstrative Blicke in den leeren Blumentopf, in dem im Herbst und im Winter die Erdnüsse zuverlässig für sie bereit liegen. Jetzt aber noch nicht! Und es war ein unheilvolles Ausrufezeichen in diesem Satz, welches sie krächzend und keckernd betonten, alle drei.

Ich konnte ihnen aber nicht helfen. Ich habe noch gar keine Erdnüsse im Haus, ich bin noch nicht so weit.

Außerdem sollen es noch einmal fast 30 Grad werden, und zwar in zwei Tagen schon. Womit dann vielleicht das große Sommerfinale aufgeführt werden wird, das jährliche Special zum Staffelende. Aber das wussten diese drei Vögel natürlich nicht, denn die nutzen keine Wetter-Apps. Die leben vielmehr so dermaßen im Hier und Jetzt, davon können sämtliche spirituell interessierten Menschen nur träumen. Vollkommen unerreichbar bleibt uns diese Gegenwärtigkeit.

Aber es hat Vor- und Nachteile, wie alles.

Um zehn Uhr fingen dann die Glocken an zu schlagen, und zeitgleich brachen die ersten Sonnenstrahlen durch, nahezu auf die Sekunde genau. Ich stand am Fenster und freute mich für die religiösen Menschen, deren Existenz in der Nachbarschaft ich dabei voraussetzte, auch wenn ich keinen einzigen Kirchgänger sehen konnte, über den kleinen Kick, den sie diesem Zusammentreffen von Glockenschlag und Sonnenstrahl vielleicht entnehmen konnten.

Denn man muss auch gönnen können. Das ist sehr wichtig und hebt die Stimmung. Auch oder gerade an einem ansonsten verregneten, deutlich eingetrübten Sonntagvormittag.

Blick über die Binnenalster vom Jungfernstieg aus, im Vordergrund Menschen unter Regenschirmen

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Linkwerk zum Wochenende

Gesehen:

Zwei kurze Sendungen auf arte sah ich, je nur um zwanzig Minuten lang. Hier mit YouTube-Links: „Ist Monogamie eine Erfindung?“ und „Wie monogam ist der Mensch?“ Dabei habe ich festgestellt, dass meine Allgemeinbildung bei diesem Thema sogar recht gut abschnitt. Das meiste war mir bekannt, und teils war es sogar gut bekannt. Das kann man auch tröstlich finden – habe ich also doch phasenweise aufgepasst.

Allerdings würde ich diese Sache mit der Monogamie auch für ein Thema halten, bei dem man aus dem Wissen um die Vergangenheit und aus all den Erkenntnissen in der Biologie, in der Ethik, in der Kulturgeschichte und in welchem Fachgebiet auch immer vergleichsweise wenig Schlussfolgerungen für das eigene Leben und die eigenen Maximen ziehen kann. Es ist der Fluch der freien Welt und der mit Wissen so angereicherten Gegenwart, wir können es uns vollkommen beliebig aussuchen (zumindest in diesem Land), was wir bei diesem Thema richtig finden. Und wir können das dann auch mehr oder weniger folgerichtig anstreben.

Aber wir müssen es eben auch selbst aussuchen. Denn auch diejenigen, die glauben, nicht gewählt zu haben, trafen längst Entscheidungen dazu. Es sind allerdings, was es insgesamt für uns alle nicht lustiger macht, zumindest außerhalb von romantischen Komödien im Kino nicht, durchweg reversible Entscheidungen.

Da passen gerade noch einmal Herman Dune und Mayon, fällt mir ein, mit dem ebenso weisen wie schönen Lied: „You’re the buffoon of love.“

„From Senegal to Mexico

People say I told you so

From the Holy Land to California

People say well did’nt I warn you

That love is a ruthless king

For whom you dance and sing – oh

You’re the buffoon of love.”


Was man als Zusammenfassung des Ganzen wohl so stehen lassen kann. Tiefer, so steht zu befürchten, wird unsere Erkenntnis zu dem Thema in diesem Leben nicht mehr werden, liebe Gemeinde.

Blick über die Außenalster mit Segelbooten

Ich sah außerdem, nein, ich sehe immer noch: „Jeanne du Barry – Favoritin des Königs“, hier bei „Wer streamt es“ und hier die Wikipedia-Seite. Ich finde den Film etwas besser, als es dort zum Ausdruck kommt. Vor allem, weil er etliche geradezu gemäldeschöne Bilder und Szenen enthält, bei denen ich kurz auf Stopp drücken und mich hineinträumen möchte. Dafür bin ich anfällig, so etwas mag ich.

Gelesen:

Offline durchgelesen habe ich den Novellenband von Maupassant, „Die vertane Schönheit“. Seine letzte Sammlung von solchen Erzählungen war das. Darin enthalten sind etliche Story-Ideen, die modern anmuten, die auch leicht zu übertragen wären in spätere Jahrzehnte. Die vielleicht sogar etwas später noch besser funktioniert hätten. Er hat, könnte man vermuten, in Bezug auf Pointen, Wendungen und überhaupt Erzählkonstrukte seiner Zeit etwas voraus gedacht.

Das nächste Buch ist von Bruno Schulz: „Das Sanatorium zur Sanduhr“, neu übersetzt von Doreen Daume. Hier die Verlagsseite bei Hanser, hier die Perlentaucherseite dazu.

Der überaus filmkundige Kid37 vom hermetischen Café wies mich darauf hin, dass es zwei Verfilmungen zu diesem Buch gibt, eine von den Brothers Quay und eine von Wojciech Has.

Da hat man also gleich noch mehr vor, wenn man schon dabei ist, und das ist in kultureller Hinsicht meist angenehm und willkommen.

Bei Hanser heißt es:

„Das Sanatorium zur Sanduhr“ ist ein Buch über die verrinnende und die stehenbleibende, über die wuchernde, sich verästelnde und die rückwärts ablaufende Zeit. Es ist ein Buch über die Jahreszeiten mit ihrem Licht und ihren Gerüchen, aber auch ein Buch der kindlich-zarten Erotik, und nicht zuletzt ein Buch der grotesken Gestalten, das ein phantastisches Universum eröffnet.“

Vor allem aber ist es ein Buch, das man in die Hand nimmt, in das man kurz mal hineinliest, bei dem man dann zwei, drei Absätze lang hängenbleibt und bezogen auf die Sprache denkt: „Wow!“ Denn nicht immer fallen erste Eindrücke besonders geistreich aus, manchmal ist man auch einfach nur beeindruckt. Kunstvoll ist diese Sprache, so nennt man es wohl. Poetisch, was allerdings immer wie kurz vor kitschig klingt, aber diesmal nicht so gemeint ist. Verzaubernd vielleicht, aber auch das klingt allzu lieblich. Magisch muss man vielleicht sagen. Ja, magisch könnte es treffen.

Und ein paar Ergänzungsvokabeln für seinen eigenen Wortschatz kann man nebenbei auch noch einsammeln beim Lesen. Bereichernd!

Auf dem "Uniqlo"-Gebäude am Rathausmarkt weht eine Hamburg-Flagge, die sich sehr rot vom regnerischen Himmel abhebt

Apropos „Wow“, ich schlage nur aus Spaß eben ähnliche englische Ausrufe dieser Art nach („20 British slang words für wow“) und merke mir bei dieser Gelegenheit mit großer Begeisterung „Jeeze Louise“ zur baldigen Verwendung vor.

Ich las diese beiden Offline-Bücher allerdings ohne ein, wie man heute sagt, „performatives Lesen“ in Cafés oder so. Ich las sie schlicht zu Hause, im Bett oder im Sessel, und ganz ohne Zuschauerinnen. Vielleicht mache ich das auch falsch! Vielleicht wird man da draußen heutzutage sofort umschwärmt, wenn man sich mit einem Roman auf eine Bank an der Alster setzt – ich denke fast, ich muss es einmal versuchen.

Zwischendurch sah ich dann noch auf Instagram eine Aussage, die mich besonders hoch erfreute, dass nämlich das Lesen in Zeiten von KI eindeutig ein Akt des Widerstandes sei. Was ein Gedanke ist, mit dem ich doch heftig sympathisieren möchte, und Sie vielleicht auch? Wir lesen nicht etwa einfach nur, oh nein. Wir lesen vielmehr widerständig. Und gleich macht es noch mehr Spaß.

Gegen die Zeit und die Moden nämlich! Gleich möchte man grimmig entschlossen noch ein paar Seiten mehr lesen. Fast so wie damals, als man noch mit der Taschenlampe unter der Bettdecke … Aber das werden jüngere Menschen wohl gar nicht mehr kennen.

Blick vom Rathausmarkt in Richtung Alte Post

Was noch. „Let it burn“ – Die großen Feuer dieses Sommers finden auch in Blogs statt. Wie auch andere Naturphänomene, etwa die Sonnenfinsternis neulich. Und im Fachblog für Bewölkung gab es passend zu den Feuern etwas drohenden Regen.

Wenn Blogs einfach weg sind“ Bei mir sind Blogs manchmal auf eine ganz andere Art weg, denn ich habe noch keinen Feedreader gehabt, der nicht zwischendurch eigenmächtig hier und da ein paar Abos gekündigt hätte. Und das dauert dann manchmal, bis man merkt, dass man etwas verloren hat. Gerade in der letzten Woche erst habe ich wieder fünf Blogs „nachabonniert“. Seltsam.

Ein Text für die „Neigungsgruppe Overthinking“.

Felix hat währenddessen seine Blogroll renoviert und frischgemacht, hier für die deutschen, hier für die englischen Blogs. Ich bin etwas neidisch auf die Beschreibung beim Blog Fragmente. Aber es ist ein okayer Neid.

Blick über Außenalster mit Segelboot

Über Körpergeruch bei uns und in japanischen Zügen. Man lernt nicht aus! Vom gleichen Autor, Stefan A. K. Weichelt, gab es noch Anmerkungen zum Rhein-Pegel. Welche die Laune allerdings passend zu den Pegeln nicht heben.

Gehört:

Zwei Vorträge zu psychischen Krankheiten, Abweichungen und Defekten bzw. zu ihrem unbeweisbaren Gegenteil, der sogenannten Normalität. Einen gab es bei Deutschlandfunk Nova: „Mental Health – wie krank sind wir wirklich?“ Über die Verbreitung und die Kosten psychischer Besonderheiten aller Art und auch über die Frage, was da mehr oder weniger wird, was sich vielleicht auch nur gemäß anekdotischer Evidenz, aber ohne statistischen Beweis ändert. Der Freundeskreis Psychotherapie sollte sich diese Sendung auf jeden Fall anhören, denn es werden Beweismittel gegen die aktuellen Kürzungen aufgeführt.

Interessant ist aber auch für alle, deren Herz noch links schlägt, wie sehr betont wird, dass die Verringerung von Ungleichheit eine besonders wirksame Prophylaxe-Maßnahme im Dienst der seelischen Gesundheit ist. Na bitte, murmelt man da nebenbei, na bitte.

Und wunderbar dazu passend gab es noch eine Sendung beim SRF: „Was ist psychisch krank? Über Normalität und Wahnsinn.“ Ein Interview mit Leon Engler, der gerade den Roman „Die Botanik des Wahnsinns“ geschrieben hat. Hier die Perlentaucherseite mit recht positiven Rezensionen dazu, hier die Verlagsseite.

Noch etwas weiter mit der Psychologie: Beim Radiowissen ging es – für alles gibt es einen Fachbegriff, wirklich für alles – um den „Heterofatalismus“, eine Sendung zum Thema „Wenn Frauen männermüde sind“. Mit einiger Wahrscheinlichkeit kennen auch sie eine Frau, vielleicht auch mehrere, denen Sie den Link gerne weiterschicken möchten.

Moment, ich mache uns eben noch einmal Musik an.


Zur Literatur. Zunächst ein Feature beim WDR: „Die phantastischen Konstruktionen des Stanislaw Lem“.

Auch bei Lem stets die lebhafte Erinnerung daran, wie präsent er in meiner Jugend war. In den Buchhandlungen, in den Büchereien, in den Buchregalen der studentischen WGs: allgegenwärtige Suhrkamp-Taschenbuchausgaben. Ähnlich wie manche Schallplattencover waren sie jederzeit und überall anzutreffen, vollkommen verlässlich.

Eine Sendung aus der schönen Reihe „Essay und Diskurs“ noch, die ich mit einiger Dringlichkeit allen empfehlen möchte, die mit dem Thema Lesen und Schreiben etwas zu tun haben, vielleicht auch in irgendeiner Form beruflich, und zwar vom Werbetexter bis hin zur Autorin von Bestsellern: „Erzählen gegen den Untergang – Scheherazades Kunst und die Kraft der Fiktionen in Zeiten der Bedrohung.

Ein Text von Samira El Ouassil. Die Sie vielleicht noch von dem Buch kennen, das sie vor ein paar Jahren mit Friedemann Karig geschrieben hat, „Erzählende Affen – Mythen, Lügen, Utopien – Wie Geschichten unser Leben bestimmen“ (Verlagsseite), und das hier auch noch im Regal steht. Gerne habe ich es gelesen damals (na ja, es war 2022).

Es passiert eher selten, dass ich eine Sendung zweimal höre, hier fand ich es angebracht. Ein feiner Text, ein schwieriges, inhaltsreiches Thema, eine gute Pointe auch. Die Autorin erwähnt „Die Krise der Narration“ von Byung-Chul Han, welches ich neulich erst gelesen habe, es sei hier bei der Gelegenheit noch einmal empfohlen.

Blick über den Zollkanal Richtung Elphi

Ebenfalls sehr interessant war die aktuelle Folge eines Podcasts, den ich gerade neu entdeckt habe und bei dem ich wohl noch einige alte Folgen hören werde: „Erschöpfung statt Gelassenheit – wieso Achtsamkeit die falsche Antwort auf ziemlich jede Frage ist“. Die Autorin und Sprecherin, Kathrin Fischer, hat zum Thema auch gerade ein Buch geschrieben: „Achtsam geht die Welt zugrunde – Wie die Ideologie der Achtsamkeit den gesellschaftlichen Wandel blockiert“ (Verlagsseite).

Es geht in der aktuellen Folge mit dem Wirtschaftsjournalisten Stephan Kaufmann um antifaschistische Wirtschaftspolitik. Die Folge ist lang und gründlich, sie erfordert sicher auch etwas Konzentration. Es lohnt sich aber.

Musik gab es schließlich auch wieder live für mich, denn noch einmal war ich bei „Draußen im Grünen“ in Planten & Blomen. Es spielten Bun Jon & The Big Jive, und es tanzten dazu ungemein viele Gäste. Und zwar tanzten sie dergestalt munter und vergnügt, dass ich etwas herausfordernd fand, nicht doch wieder verschärfte Lust auf Lindy Hop zu bekommen.

Contenance, so wichtig.


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Here we go again

Ein vollkommen erwartbarer Text, das muss ich gleich so benennen. Alles, was folgt, habe ich schon einmal gesagt, etwa im letzten Jahr zu ähnlicher Zeit. Und auch in dem Jahr davor und immer so weiter. In etwa zu dieser Zeit jedenfalls, vielleicht mit einer Zielgenauigkeit von plus/minus 14 Tagen, ich müsste nachsehen. Alles habe ich schon gesagt, nur nicht mit genau diesen Worten. Ein wenig ist es wie im Kirchenjahr, in dem sich manche Botschaften auch verlässlich und erkennbar wiederholen, eine Varianz in der Predigt aber von der Gemeinde durchaus erwartet wird.

Es geht jedenfalls wieder los.

Blick über die Kleine Alster vom Rathausmarkt aus

Diesmal begann es mit den Hamburger Theatern. Die mir sämtlich in nur zwei Tagen ihre Newsletter mit Updates zugeschickt haben, enthaltend Informationen zu den neuen Stücken, die sie jetzt im Programm haben oder in Kürze haben werden. Verbunden schon mit Hinweisen – man guckt beim Lesen noch leicht unwillig und liest kopfschüttelnd darüber hinweg – auf die Termine der Weihnachtsmärchen.

Manche Kulturkonsumenten planen aber auch bei so etwas weit voraus und wissen daher jetzt schon, was sie mit ihren Kindern im Dezember wann machen werden. Komisch, so waren wir nie.

Zum anderen fiel am zweiten dieser Newsletter-Tage bei den Meetings im Brotberuf auf, dass es auf einmal, und man wusste nicht recht, wie es eigentlich geschehen konnte, um Themen ging, die schon auf etwas hinzuweisen schienen. Die so einen gewissen Drall hatten. Auf etwas Großes wiesen sie hin. Auf etwas, das man zunächst noch gar nicht benennen mochte, weil es doch jetzt, mitten im August, mindestens so seltsam klang wie etwa „Weihnachtsmärchen“. Was dann aber doch irgendwann als unheilvolles Schlagwort fiel. Woraufhin alle kurz innehielten und ein wenig betroffen guckten, die Vorstellung des Begriffsinhalts erst einmal auf sich einwirken ließen. Man muss sich den Begriff dabei so ausgesprochen vorstellen wie früher das Wort „Risiko“, welches damals beim Großen Preis als Jingle eingespielt wurde und besonders unheimlich wirken sollte: „Jahresschluss“.

Die Silbenzahl passt sogar.

Blick über die Binnenalster bei Regen, vom Jungfernstieg aus, im Vordergrund ein Paar, unter einem Regenschirm auf einer Bank sitzend

Hier jedenfalls die Weihnachtsmärchen, da der Jahresschluss, da fehlte mir nur noch ein Aspekt zum berechenbaren Dreiklang. Ich sah daraufhin kurz und der Ahnung folgend in den sozialen Medien nach und fand dort sofort, was ich im Sinn hatte. Mit einer Promptheit, die mir schon wieder stark zu denken gab. Von wegen Zufall und so: die ersten Bilder von Stollen und Lebkuchen in Supermarktregalen nämlich.

Da hatte ich dann alles zusammen für den obligatorischen WTF-Moment der zweiten Augusthälfte. Und ich denke mittlerweile, ich werde es in diesem Leben nicht mehr schaffen, davon nicht überrascht zu sein. Es gehört einfach so, das Staunen gehört in diese Zeit. Vielleicht schafft es auch niemand, darüber nicht zumindest kurz verblüfft zu sein. Wir wundern uns alle einen Moment lang, dann nicken wir es aber doch wieder einfach ab, machen weiter und fragen uns nur noch zwischendurch im Laufe der nächsten Wochen ab und zu, wieso sich dieser so überaus seltsam selbstbeschleunigende Kalenderabschnitt Septemberoktobernovemberdezember dermaßen überzeugend anfühlen kann, als sei er in Wahrheit nur gesamt einen Monat lang. Höchstens.

Denn irgendetwas passiert mit der Zeit in dieser Zeit, man weiß es vorher. Und es ist etwas, das Einstein nicht erforscht hat. Vielleicht gab es das damals auch noch gar nicht, als der Herr forschte. Die älteren Romane etwa sind keineswegs voll mit Hinweisen auf das Phänomen, die betonen im Gegenteil eher die Längen der Monate mit -r am Ende.

Aber wie auch immer. Wir gehen da jetzt rein. Überprüfen Sie noch einmal Ihre Ausrüstung und lehnen Sie sich während der Fahrt bitte bloß nicht aus dem Fenster. Denn wie alle Menschen meiner Generation sehr gut wissen, die in der Kindheit noch so wie ich ohne Smartphone stundenlang mit dem Zug gefahren sind und dabei aus lauter Langeweile immer wieder sämtliche Beschilderungen in den Waggons gelesen haben:

È pericoloso sporgersi.“

Fleetblick in der Speicherstadt, im Vordergrund ein Seil, welches um ein Brückengeländer gewunden wurde

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ALC

Ein paar Meter vor meiner Haustür beginnt nun, ich erwähnte es neulich bereits, eine Alkoholverbotszone, wofür es, ich bin schon wieder in Gedanken bei „Deutsch als Fremdsprache, Band I“, selbstverständlich auch Alkoholverbotszonenhinweisschilder gibt. Die Diskussion über Alkoholverkaufsverbotszonen dagegen, sie läuft noch, und die entsprechenden Alkoholverkaufsverbotszonenhinweisschilder, sie müssten sicher auch erst noch vorbereitet werden.

So sehen die neu aufgestellten Schilder um die Ecke aus:

Und sie stehen in einigen Fällen direkt neben Etablissements mit Außengastro. Da würde ich mich als Wirt aber bei der Stadt bedanken. Denn wie wirkt das wohl auf Touristen, wenn so ein Schild zwei Meter neben den Tischen und Stühlen steht, an denen ich durstige Gäste bewirten möchte? Nicht vielleicht so, als dürfe ich bei mir nur Wasser und Limo ausschenken?

Immerhin gibt es auch, ich habe gerade nachgesehen, auch alkoholfreie Aperol-Drinks. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich denke jedenfalls, die logischen Schwächen der Zonen fallen auf, und nicht nur mir. Ich kann mich weiterhin vor einer Kneipe oder vor einem Restaurant haltlos besaufen, solange ich dabei auf deren Bänken sitze. Stehe ich aber auf, gehe ich einen Meter weiter und öffne mir dabei ein letztes Wegbier – zack, Verbot, Gebühr. Na ja.

Wobei es hier zusätzlich auch Kritik an den Hintergründen der Maßnahme gibt. Denn es bleibt vermutlich bei denen, die sich eine Dose öffnen, gar nicht immer bei der noch recht bescheiden wirkenden Gebühr. Nein, es kommt vielleicht auch zu einer Personenkontrolle. Hat man den Ausweis dabei, andere Papiere vielleicht, dürfen wir mal sehen … Und guck an, dieser Mensch ist ja gar nicht legal im Land, einmal mitkommen, bitte.

Ich weiß nicht, ob es wirklich darum geht. Eine Möglichkeit der Auslegung ist es sicher.

Und aus Anwohnersicht bleibe ich dabei, dass die Menschen, die da in geselligen Runden und eskalierender Abendheiterkeit vor den rechtlich weiterhin gültigen Lokalen sitzen, oft lauter sind als die, sagt man das überhaupt noch, oft randständigen Personen, die in der stillen Verzweiflung ihrer ausweglosen Lage vier Meter weiter ihren dringend notwendigen Pegel erhöhen.

Das Wort „randständig“ ist natürlich in diesem Zusammenhang vom Wortbild her ganz außerordentlich passend. Die Betroffenen sind in vielfacher Beziehung am Rand und stehen daher genau da, wo auch die Schilder stehen.

Rechts neben dem oben abgebildeten Schild befindet sich ein kleiner Platz vor einer Kirche. Nur wenig Außengastro ist darauf, eher ungewöhnlich viel Freifläche gibt es da. Dieser kleine Platz liegt ein wenig höher als die vorbeiführende Straße, es gibt drei, vier Stufen zwischen Straße und Freifläche. Stufen, auf denen man prima sitzen kann, also cornern kann (interessant nebenbei: es handelt sich beim Wort „Cornern“ um einen Scheinanglizismus, wie die Wikipedia belehrend ausführt).

Und hier haben wir eine Tradition, die sich nach meiner Erinnerung in der Pandemie ausgebildet hat. Bei gutem Wetter sitzen da auch manche aus der Nachbarschaft auf diesen Stufen, bis heute. Wie damals nämlich, als die Lokale ringsum sämtlich geschlossen waren und man dennoch beisammen sein wollte. Am besten mit etwas als sicher empfundener Frischluft um einen herum. Die Älteren erinnern sich vielleicht noch, zumindest nach kurzer Überwindung der routinierten Verdrängungsleistung.

Ich habe da auch schon in diesem Sinne gesessen. Es ist für diese Zwecke nämlich ein außerordentlich schöner Platz, man hat Blick auf Altbauten und Kirche. Rotgoldene Abendsonne fällt durch die engen Straßen, man sitzt nahe an den belebteren Zonen des Stadtteils voller Touristen und Trubel, man ist dennoch etwas abgesondert und wie unter sich.

Also klar, ich habe da auch gesessen und mit anderen angestoßen. Ich dürfte es nun aber nicht mehr. Oder nur noch mit Apfelschorle.

Nun trinke ich zwar fast nie Alkohol und bin auch nicht eben der geselligste Mensch, aber wie es so funktioniert – wenn ich über dieses Schild und die Lage nachdenke, bekomme ich doch spontan Lust, dort jemanden auf ein Bier zu treffen. Eine fast dringende Lust bekomme ich da. Denn so ist das mit dem Leben im Widerstand, man sucht sich die Reibung gelegentlich auch.

Es ist also zusammenfassend eine mindestens etwas merkwürdige Sache mit diesen Alkoholverbotszonen in Wohnvierteln. Die sich in unserem Fall auch noch – ich müsste aber nachsehen, wo eigentlich genau – mit den Waffenverbotszonen am Hauptbahnhof kreuzen und gewisse Schnittmengen bilden. Erst das Dosenbier, dann das Taschenmesser wegstecken.

Was ich aber eigentlich nur eben sagen bzw. fragen wollte: Bei diesem Schild, bei dieser Grafik wurden nicht vielleicht allererster Entwurf und letzte Fassung verwechselt? Nanu. Aber was ist dann die Erklärung, warum das so aussieht?

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Von deutschen Flüssen und Kaisern

Aus Bonn wurde mir am Wochenende eine Meldung geschickt, wie sie deutscher kaum ausfallen kann. Nachdem eine im Rekordniedrigwasser des Rheins aufgetauchte Panzerfaust aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft worden war, konnte das große Roland-Kaiser-Konzert doch noch wie geplant stattfinden. Etwas belästigt lediglich durch Brandgeruch und Rauchniederschlag, verursacht vom Großfeuer im Kreis Düren.

Die Wirklichkeit scheint unserer Fantasie mittlerweile endgültig voraus zu sein. Und wer weiß schon, ob wir sie überhaupt noch einmal einholen können. Diese schlammverkrustete Waffe, halb aus den letzten Wassern des Rheins ragend. Der heranfahrende Kampfmittelräumdienst am Ufer. Der stressgeplagte Konzert-Manager am Telefon, die wartenden Reporterinnen. Die Konzertgäste, die auf den Smartphones alle paar Minuten nach Updates sehen und sich schon einmal fragen, ob und wann sie ihr Geld zurückbekommen werden.

Dazu der alte Kaiser in seiner Garderobe. Dieser alte Kaiser, für den es keinen Kyffhäuser geben wird, wie für andere ruhmreiche Kaiser vor ihm. Die man sich vielleicht glücklicher vorstellen muss, denn ruhen möchte man doch irgendwann. Der Mann mit den bekannten Liedern ist immerhin, Moment, fast Mitte 70. Aber nur immer wieder neue Auftritte gibt es für den gegenwärtigen Kaiser. Und immer wieder die gleichen Melodien. Er singt „Lieb mich ein letztes Mal“. Er hat es schon zehntausendmal gesungen und er träumt, wer weiß, vielleicht längst davon, dass es wirklich ein letztes Mal für ihn geben kann. Aber nach Bonn wird es keine Rast und keine Ruhe, sondern wird es Osnabrück geben. Berlin dann auch noch, und das gleich zweimal. Ihm ist, als ob es tausend Bühnen gäbe und hinter tausend Bühnen keine Welt.

Die Städte Osnabrück und Berlin liegen an der Hase und an der Havel. Ein Satz wie aus dem Lehrbuch „Deutsch als Fremdsprache, Band I“. Auch an diesen Flüssen sind die Pegel in diesem Sommer gefallen, und wer weiß, was die Ufer und Schlammgründe dort noch für uns freigeben werden. Aus der Geschichte und aus jener Zeit, in der man in aller Eile und in höchster Gefahr noch schnell etliches versenkt hat, wird dies oder das langsam wieder sichtbar. Artefakte des Grauens, Zentimeter für Zentimeter tauchen sie auf. Tote, Waffen und militärische Gerätschaften aller Art kommen dort womöglich an die Luft und ans Licht. Nach 81 Jahren könnte alles wieder einmal unter der Sonne liegen, und ein Sommerwind weht dann beim Auftauchen „Lieb mich ein letztes Mal“ heran. Vielleicht auch „Manchmal möchte ich schon mit dir“.

Was ist das denn bitte für ein Stoff. Macht da jemand ein Theaterstück draus, wird es einen grotesk überdrehten Film geben. Charly Hübner als Kampfmittelräumer im Dauereinsatz flussabwärts, Bjarne Mädel als übernächtigter Manager von Roland Kaiser, nervlich ruiniert, stark verschwitzt und mit einem nervösen Zucken im Gesicht. Herbert Knaup als Roland Kaiser, stets im makellosen Anzug stoisch für Auftritte bereitstehend, die Pflichterfüllung mit verlässlich sonorer Stimme in Person.

Oder lohnt es sich gar nicht, darüber nachzudenken, dem hinterherzuspinnen.

Weil uns schon die nächste Jahreszeit, weil uns der nächste Monat weitere Auswüchse aufzeigen wird, während sich die Polykrise fortwährend fröhlich ausweitet und uns wüste, leere Flächen für neue, ungeahnte Bilder ermöglicht. Für noch wildere Verknüpfungen, für einen wahren Karneval der katastrophalen Assoziationen.

Das muss man nun alles für möglich halten, nicht wahr, was einem nur einfallen kann. Und es wird viel schneller Wirklichkeit, als wir vor einiger Zeit noch gedacht haben. Lauter Nachrichten lesen wir gerade, die wir vor kurzer Zeit noch der Satire zugeordnet hätten, der Persiflage auf eine eskalierende Welt.

Aber wie auch immer. Wir werden es erleben. Und einige, ich werde bemüht sein, zu ihnen zu gehören, werden berichten.

Ein Sticker mit der Aufschrift: Alles ein Wahnsinn.

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Reinlesen, Behalten und Weggeben (9)

Aus dem öffentlichen Bücherschrank nahm ich neulich einen Band von W. Somerset Maugham mit: „Die halbe Wahrheit – Keine Autobiografie“. Deutsch von Matthias Fienbork. Im englischen Original erschien das Buch mit dem deutlich anderen Titel: „The summing up“, der besser passt.

"Die halbe Wahrheit"

Das Buch ist bei Diogenes noch lieferbar. Auf der Verlagsseite wird die NZZ mit einer Rezension zitiert: „Brillant-lakonische Beschreibungen, spitzzüngige (Selbst-)Ironie und trockener Humor machen ›Die halbe Wahrheit‹ zum ganzen Lesevergnügen.“

Dem kann ich mich gerne anschließen. Und die Bescheidenheit in der Selbstdarstellung kann man dem Autor wohl abnehmen, die wird vermutlich keine gekonnte Inszenierung sein. Die gelegentlichen Abweichungen davon nimmt man außerdem amüsiert zur Kenntnis. Wenn er z. B. doch nicht ganz umhinkann, seine besonders auffällige Sprachbegabung zu erwähnen. Und dabei etwa wie nebenbei erzählt, wie er einmal Russisch gelernt habe – aber nicht viel und nicht allzu intensiv: Nur gerade genug, um Tschechow zu lesen. Okay …

Wenn man dann noch weiß, dass er das Buch im Alter von 64 Jahren geschrieben hat, ergibt sich für das Werk auch die passende Geschenkzielgruppe. Nämlich all jene in diesem Land so überaus zahlreichen Menschen kurz vor dem Ruhestand, nach Möglichkeit mit Interesse an Kultur und Literatur. Und vielleicht auch etwas an Philosophie, die besonders gegen Ende des Buches angemessen viel Raum einnimmt.

Aber es bleibt auch bei philosophischen Resümees immer weiter eindeutig Somerset Maugham, der hier schreibt. Da kommen dann selbst die schwersten Themen in gut genießbarer Ausführung daher, denn er kann einfach nicht anders: Er schreibt immer gut lesbar.

An einem der vielen Hitzetage habe ich es mit großem Vergnügen gelesen und dann gleich wieder durch den knappen Schatten des frühen Nachmittags in den Schrank zurückgetragen.

Damit es weitere freundliche Aufnahme bei anderen findet.

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Große Dinge drehen

Es stellt eine eindeutige Überforderung dar, bei diesen Temperaturen in der Wohnung flüssige Texte schreiben zu wollen. Dazu ähnelt mein Hirn gerade zu sehr kochendem Brei. Aber wie immer gilt: Alles dennoch machen. Zumindest versuchsweise.

Ich werde sicher später, wenn die Sonne tiefer steht, also viel tiefer, noch einmal durch die Stadt gehen. Obwohl es mir auch da noch zu heiß sein wird. Aber ich bin bewegungssüchtig, ich brauche Auslauf, viel Auslauf. „Am Abend schnürt der Buddenbohm lange durch sein Revier.“ Und wehe, wenn nicht. Unleidlich Hilfsausdruck.

Blick über die Binnenalster in Richtung Rathaus

Vermutungen über das Aussehen der meisten Menschen, die ich dort sehen werde, kann ich jedenfalls jetzt schon anstellen. Sie werden nämlich so aussehen, wie man eben aussieht, wenn es einem schon wieder alles nennenswert zu anstrengend war. Wenn es also etwa zu heiß war, zu schwül, zu sauerstoffarm, zu fordernd. Die Kleidung zu klebrig am Körper, die Luft zu stickig und staubig. Die S-Bahn zu Sauna, die U-Bahn zu Backofen, die Sonnenseite der Mönckebergstraße viel zu sehr Madrid. Man sieht es den Menschen bereits auf den ersten Blick an, wie sehr die Hitze sie fordert, und man sieht auch, was sie fordert: Lebendigkeit, Munterkeit, Frische, Kraft. Eleganz auch. In durchweichten Klamotten wirkt einfach niemand mehr präsentabel, von Würde ganz zu schweigen. Und es ist fast allen am späten Nachmittag eines 30-Grad-Plus-Tages auch vollkommen egal.

Einige werden wieder leichenblass aussehen, als würde die Hitze sie ihrem Ende nahebringen, einige werden gegenläufig einen knallroten Kopf haben, denn zum Ende gibt es mehrere Wege. Wieder andere werden diese brandroten Stressflecken im ansonsten todesblassen Gesicht haben, Muster wie bei Koi-Karpfen dabei.

Blick über die Außenalster, Segelschiffe am Steg

Vermutlich werde ich auch noch einmal etwas sehen, was mir in diesem Sommer schon öfter aufgefallen ist und was gerade für Hamburg ziemlich speziell ist: Dass sich nämlich wildfremde Menschen, denen ein anstrengender Moment gerade besonders zusetzt, etwa wenn sie eine Treppe von der U-Bahn zur Straße hinaufsteigen, und die dabei vielleicht unwillkürlich kurz aufstöhnen oder auch leise knurren oder fluchen, sich in ihrem Elend erkennend gegenseitig anlächeln, sobald sie merken, dass andere sich ebenso wie sie verhalten. Und die dann, da wird es endgültig absurd, vielleicht sogar einen smalltalkhaften Satz wechseln: „Is‘ schlimm, ne?“

Um kurz gemeinschaftlich etwas zu fühlen.

Wir sind hier sonst nicht so, wir ignorieren uns hier gewöhnlich um jeden Preis. Das Wetter aber, es ist extrem. Und Extreme sorgen für neue Erfahrungen und Erlebnisse.

Eigentlich müssten wir alle gemeinsam etwas verändern, müssten wir etwas drehen. Aber es wäre doch eine größere kulturelle Übung, was da ansteht, und es würde uns wohl aus verschiedenen Gründen ziemlich schwerfallen, so angebracht es auch wäre.

Das mit der Besinnlichkeit nämlich, die wir traditionell fest um Weihnachten herum verorten, das müssten wir wie auf einer riesigen Drehbühne in den Sommer rollieren lassen. Denn jetzt ist doch neuerdings die Zeit dafür. Jetzt muss und darf man nichts machen. Jetzt, wo es klarerweise zu heiß für alles ist. Zurückziehen müsste man sich jetzt irgendwo tief in den Schatten. Jetzt müsste man in Ruhe Bücher lesen, Briefe schreiben oder sich tatsächlich besinnen. In Ruhe sein, im Schatten sein, bei sich sein.

Es müsste uns ein harmonischer Gleichklang für den Hochsommer werden, so wie es in manchen südlicheren Ländern längst üblich ist. Die Hitze steht für die Pause.

„If you want to be alone – just be alone

Timing is the answer to success”

Und um Weihnachten herum dann im Gegensatz dazu all die Aktionslust ausleben. Die ungestüme Reiselust auch, den Sport- und Bewegungsdrang dazu, all die Action und auch die vielen Events, Begegnungen und Feste. In einer Jahreszeit, in der man sich noch frei bewegen kann, und das sogar in vernünftiger Kleidung. Dem Winter von Grund auf ein Bild von Spaß, Freiheit und Lust verpassen. Den Sommer dafür bis zur Unkenntlichkeit herabdimmen und die althergebrachten Urlaubs-, Spaß- und Frohsinnsbilder endlich überwinden.

Von wegen halbnackt am Strand jauchzend Frisbee spielen! Es ist zu warm dafür. Echtjetztmal, es ist nicht mehr gesund. Man bekommt Sonnenbrand und der Sand fühlt sich an den nackten Füßen an, als würde man sich bei jedem Schritt verbrennen.

Die Bilder müssen wir also ändern. Und all die alten Lieder müssen wir dazu umtexten, die Gedichte werden wir neu schreiben müssen und unsere Assoziationen sämtlich durchtauschen.  Es klingt vielleicht noch spaßig, aber ich nehme doch im Ernst an, dass es langfristig ohnehin so kommen wird. Weil wir bald gar nicht mehr anders können, wenn es so weitergeht. Und es wird ja wohl so weitergehen, denn so wird es doch weiterhin noch überall bestellt, nicht nur von der deutschen Gasministerin.

Man könnte nun, wenn es doch eh so kommen wird, auch einfach damit anfangen. Es gibt immerhin genug zu tun bei einer derart großangelegten alltagskulturellen Umräumaktion. Es sind wahrhaftig Aufgaben genug zu vergeben.

Ja, ich denke, man könnte einfach anfangen.

Aber nicht heute. Denn es ist auch dafür entschieden zu warm.

(Der Autor bleibt nach dem Tippen der letzten Absätze noch sehr lange vor dem Bildschirm sitzen. Aber nicht etwa, weil er weiterdenkt. Leider nur, weil er wetterbedingt am Stuhl festklebt.)

Blick über die Binnenalster vom Ballindamm aus

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Linkwerk zum Wochenende

Gesehen:

Von Walthert Ziegler sah ich wieder einen Vortrag, wie es seit längerer Zeit etwa einmal die Woche meine Gewohnheit ist. Diesmal über Descartes, den Selberdenker (auf YouTube). In diesem Zusammenhang habe ich dann noch einmal die Sache mit dem archimedischen Punkt nachgelesen, weil meine Allgemeinbildung bei der Erwähnung des Stichwortes bedenklich wackelte.

Und wo ich schon dabei war und wo man diese Videos doch so hervorragend beim Kochen und Putzen konsumieren kann, weil man nicht hinsehen muss, nur hinsehen kann, ließ ich mich direkt folgend auch noch über Karl Popper belehren.

Gleich in den ersten Minuten geht es da um die Verbindung von Einstein zu Popper. Es geht dabei auch um eine Sonnenfinsternis, und ich sah es am passenden Tag, was für ein Glücksgriff war das denn? Erzählt wird von den durch damalige Beobachtungen notwendig gewordenen Korrekturen der Lehren von Newton. Das stellte den Sturz eines Weltbildes durch wissenschaftliche Erkenntnis dar. Es wird dann ein Kernsatz von Popper zitiert, in dem er die Folgen dieser Korrektur zusammenfasst:

„Das wissenschaftliche Wissen ist kein Wissen. Es ist nur Vermutungswissen.“

Weil wir eben morgen schon mehr wissen können: „Noch so viele weiße Schwäne berechtigen uns nicht zur Annahme, dass alle Schwäne weiß sind.“ Wir wissen, dass wir vermutlich eher wenig wissen, auf keinen Fall aber alles. Logisch. Ich nehme jedenfalls stark an, dass sie das ebenso logisch wie ich finden. Man muss es heute aber kontrastieren mit der bräsig-dümmlichen, breitbrüstigen Selbstgefälligkeit der Populisten, man denke etwa nur an den sogenannten Präsidenten der USA, der als stabiles Genie stets alles weiß – und zwar deutlich besser als die zuständige Wissenschaft.

Man muss es so gegenüberstellen, um sich den unfassbaren Abstieg des allgemeinen Diskurses noch einmal zu vergegenwärtigen. Um zu verstehen, in welchem geistigen Elend wir längst gelandet sind. Wenn man es denn noch ertragen kann, sich das zu vergegenwärtigen. Denn ich merke es auch selbst: Es schmerzt erheblich.

Ich habe nun schon eine ganze Reihe der Ziegler-Videos gesehen, und wenn ich auf die Folgen zurücksehe, fand ich den Vortrag über John Rawls vielleicht am interessantesten. Auch weil ich da kein Vorwissen hatte, nicht einmal eine vage Ahnung – hier war das.

Auf arte sah ich eine Doku über die Schriftstellerin Nino Haratischwili: „Georgien hat mich nie verlassen“.

I am love“ (hier die Streamingoptionen) ist ein Film von Luca Guadagnino aus dem Jahr 2009. Entstanden in Zusammenarbeit mit Tilda Swinton, die auch die weibliche Hauptrolle spielt. Eine edle Angelegenheit ist das, Ausstattung und Soundtrack in feinster Auswahl, schöne Menschen, gute Küche, kultivierteste Mode, stilvolle Interieurs, Kunst und Geschmack en gros. In der Zeit sah ich eine Rezension, in welcher der Film als „makellos“ bezeichnet wird.

Eine Liebesgeschichte ist es, wie sich bei dem Titel sofort versteht. Und zwar eine, bei der ein abdankender Patriarch eine prominente Rolle spielt, wie etwa auch beim Roman vom Leoparden von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der Vergleich drängt sich sofort auf.

Das verband sich wiederum in schöner Synchronizität mit dem gerade genossenen Hörbuch „Mann vom Meer“ von Volker Weidermann, in dem es um die Familiengeschichte der Manns geht, fraglos ebenfalls ein Thema mit patriarchaler Betonung. In einer Form wird in diesem Sachbuch erzählt, und ich fand es ein wenig überraschend, in der man dieses Thema selbst dann wieder spannend und unterhaltsam finden kann, wenn man davon in Buch- und Filmform vermeintlich schon mehr als genug zur Kenntnis genommen hat. Oder wenn man sogar Mengen bis zum Erbrechen kennt, wie in meinem Fall.

Dabei habe ich z. B. gelernt: Das Vorbild des Senators Thomas Buddenbrook, also der Lübecker Vater von Thomas Mann, hat den Verleger Samuel Fischer damals einmal in Berlin besucht, als der irrlichternde Sohn Heinrich Mann dort eine Lehre machen wollte. Mit anderen Worten, eine der Hauptfiguren des Buches, das dann später weltberühmt wurde und auch enorm viel Geld einbrachte, saß einmal im Büro des Verlages, in dem es erschien. Natürlich ohne die geringste Ahnung von dieser Aussicht auf ein literarisches Weiterleben zu haben. So etwas nehme ich dann doch noch gerne zur Kenntnis.

Blick elbabwärts von der U-Bahn Elbbrücken aus

Mindestens nett, vielleicht auch fast schon seltsam nett lässt sich die kanadisch-amerikanische Serie „Murder in a small town“ an. Im Moment ist sie bei Netflix zu sehen. Ich sah eine Folge und merkte, wie es schnell immer noch netter wurde. Sogar der Mörder war sympathisch, das Verbrechen war so seltsam nachvollziehbar …

Auf Instagram benannte dann jemand das Genre dieser Serie als „cosy crime“. Aha, dachte ich, da fühlt man sich doch gleich wieder etwas niveauloser, wenn man so etwas sieht. Ist man nun also auch so weit heruntergekommen, sich an so etwas zu laben? Nächster Halt Dark Romance? Und gleich hatte ich wieder Extrabreit im Ohr: „Sie rauchen Milde Sorte, weil das Leben ist doch hart genug.“ Wenn ich die Serie jetzt abbreche, weil sie mir zu nett ist oder aus anderen Gründen nicht gefällt, liege ich auch damit wieder voll im Trend. Das lernte ich beim Deutschlandfunk: „Haben wir ausgebingt?

Der Gattungsbegriff cosy crime passt aber selbstverständlich hervorragend in unsere Zeit, keine Frage. In diese seltsame Zeit passt er, in der wir uns auch mit cosy corruption, cosy climate crisis und anderen cosy calamities beschäftigen. Bis hin zur cosy corporate culture, in der wir es uns mittlerweile mehrheitlich behaglich eingerichtet haben.

Aus einem möglichst gemütlich gestalteten Alltag mit Zimt- und Blütenduft heraus reagieren wir zögerlich und zurückhaltend auf eine uns zu schnell eskalierende Welt. Vor den Fenstern die Feuer und die Einschläge aller Art, die Vorhänge halb geschlossen, dass es uns nicht so blendet.

Man muss es aber ganz ohne Vorwurf feststellen, denn wir stecken da alle mit drin.

Die Tanzenden Türme auf der Reeperbahn

Noch nicht gesehen, aber vorgemerkt: Es gibt einen neuen Film mit Bill Nighy und Imelda Staunton. Die Romanverfilmung eines Buchs von David Gilbert ist es, „& Sons“ der Titel (woran erinnert mich das), der mir nichts sagte. Die Rezensionen zum Buch waren mal so und mal so, betont freundlich ausgedrückt. Aber was beweist das schon für den Film, nicht wahr.

Ich warte lebhaft interessiert auf das Erscheinen des Films.


Gelesen:

Himmel blau, Gras gelb.“

Von Meike gibt es bald ein neues Buch: „Human Nature“.

Frau Klugscheißer war im Kino, ganze drei Stunden lang, und da weiß man dann auch schon, in welchem Film sie war. Es gibt bei ihr Argumente für und auch gegen den Film, es gibt außerdem Hilfsmittel wie Sonnenbrille, Kopfhörer und noch mehr, wovon man auch nicht gerade in jeder Filmbesprechung liest. Ich nehme es mit Interesse zur Kenntnis, wie weit man da also für den Kunstgenuss geht, aber unterm Strich würde ich mir diesen Film sowieso nicht ansehen. Ich kann mir gerade keinen Film vorstellen, für den ich mich drei Stunden lang irgendwo still hinsetzen würde. Und schon gar keinen Film, bei dem ich die Handlung bis in die Details längst kenne.

Nein, ich bekomme schon beim Gedanken daran lebhafte Fluchtreflexe, ein wahres Festival der Reaktanz wird da intern aufgeführt. Lieber gegen erhebliche Widerstände und vor allem gegen alle Vernunft selbst auf eine Odyssee gehen, lieber bewusst eine Irrfahrt antreten, Ausgang ausdrücklich ungewiss, Begegnungen mit Sirenen etc. nicht ausgeschlossen, statt sich die Odysseen fremder Leute in epischer Länge (da passt es endlich einmal!) sesselverhaftet anzusehen.

Also nur zur Not würde ich zu einer Odyssee aufbrechen, versteht sich. Es muss nicht unbedingt sein, denn meine Lust auf eine eigene Odyssee hält sich in Wahrheit in besonders engen Grenzen. Und meine Penelope wartet eh nicht mehr auf mich.

Der Innenhof des Chile-Hauses

Im gleichen Blog dann auch die Ankündigung einer evtl. nostalgisch stimmenden Blog-Lesung in München mit attraktiver Besetzung. Und mit eingebautem Rocky-Bezug. Nanu! Ich habe zwar keinen Rocky-Film jemals gesehen, aber das ist auch wieder so ein Topos, bei dem man dennoch versteht, worum es bei den Anspielungen und Bezügen geht. Siehe Star Wars, Harry Potter, die Bibel etc.

Offline habe ich „Kind aller Länder“ von Irmgard Keun durchgelesen, jetzt folgt der letzte Novellenband von  Guy de Maupassant: „Die vertane Schönheit“. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hermann Lindner.

Das Buch "Die vertane Schönheit"

Gehört:

Die folgende Empfehlung wird es schwer haben, ich weiß. Zu ernst ist das Thema, zu woke wirkt es auch, zu anstrengend und belästigend. Aber interessant, das möchte ich versprechen, ist es doch, wenn man sich einmal darauf einlässt. Eine Sendung bei Deutschlandfunk Kultur nämlich: „Tourismus – die koloniale Kehrseite des Reisens“. Ein Thema, in dem sicherlich mehr steckt, als man zunächst vielleicht annehmen möchte. Und als Mensch mit eher stark unterdurchschnittlich ausgeprägtem Fernweh freute ich mich außerdem , dass es auch ein wenig um das „Bleiberecht“ im Gegensatz zum „Reiserecht“ ging.

Einen weiteren Podcast hörte ich bei „Spektrum der Wissenschaft“, über Ada Lovelace, Charles Babbage und die Anfänge der Programme. Mit Interesse nahm ich zur Kenntnis, dass im ersten überlieferten Code, den man aus heutiger Sicht als Computercode verstehen kann, schon in Zeile vier von Ada ein Flüchtigkeitsfehler notiert wurde. Was also heißt, es brauchte nur wenige Minuten von der Idee zum Code bis zum ersten Bug darin. So tief nämlich ist das verwurzelt, dass wir irren, während wir streben.

Dann noch ein kurzes Kalenderblatt zur Erinnerung an ein spezielles deutsches Feuilleton-Thema von vor zwanzig Jahren: „Waffen-SS – Das lange Schweigen des Günter Grass“. Ich kann mich an die Diskussion dazu noch gut erinnern.

Fleetblick von der Poggenbrücke in der Speicherstadt

Live gesehen und gehört habe ich die Gruppe Danube’s Banks, und zwar bei der Veranstaltungsreihe „Draußen im Grünen“, Popkultur in Planten & Blomen. Wo am 27.8. übrigens auch die „Höchste Eisenbahn“ auftritt, das könnte die eine oder den anderen interessieren.

Danube’s Banks liegt in der Richtung von Gypsy Swing, Klezmer und Balkan Beats. Die Musik ist tanzbar und der Gruppe mag man gerne zusehen, denen macht sichtlich Spaß, was sie da treiben.

Es war sehr heiß an diesem Tag, 32 Grad, die Zuschauer saßen oder standen in der prallen Sonne, Schatten gab es kaum. Dennoch tanzten die ersten Paare schon bei den Klängen des Auftaktliedes. So eine Musik ist das.

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