Die eigene Geschichte

Mittwoch. Ein Office-Office-Tag. Der innere Bartleby ist stark in mir, ich möchte lieber nicht, aber die protestantische Arbeitsethik ist es auch, versteht sich, die mir übrigens ohne jeden religiösen Aspekt von der Familie erfolgreich mitgegeben wurde. Tatsächlich kann ich mich an niemanden mit kirchlicher Bindung erinnern, nicht einmal in der Großelterngeneration, aber vielleicht habe ich es auch nur nicht mitbekommen oder gewürdigt.

Was übrigens eines dieser Themen ist, bei denen man mit zunehmendem Alter immer noch mehr Erkenntnis gewinnt – wie wenig man doch mitbekommen hat als Kind, was man alles nicht verstanden und korrekt eingeordnet hat. Weil wichtige Informationen fehlten oder historische Zusammenhänge, weil man zu Relativierungen aller Art als Kind nicht in der Lage war, weil man zu mitmenschlichem Verständnis damals noch nicht geneigt war. In jedem weiteren Lebensjahr fällt einem noch etwas und dann noch etwas auf, das die eigene Geschichte anders wirken lässt, oder es geht zumindest mir so. Wie sich die Bilder der Eltern und der anderen Verwandten über die Jahrzehnte immer noch weiter verfeinern, wie man hier noch ein Detail und da noch eines ergänzt und alles auch endlich geschichtlich einordnet – es ist doch ein weiter Weg von den Affekten, Ängsten und Träumen der Kindheit zu einem eher sortierten, familienromanähnlichen Konstellationsbild, das man einigermaßen reflektiert betrachten und neu lesen kann, mit Ruhe, Gelassenheit und klareren Gedanken. Womöglich auch mit den eigenen Kindern im Hintergrund, bei denen sich gewiss manches wiederholen wird, wie man dann mit einem schon altväterlich wirkenden Nicken bei den ersten Anzeichen registriert.

Familienromanidee: Erst einmal Obiges abbilden, wie da jemand also sein Familienbild allmählich revidiert, vielleicht anlassbedingt, etwa nach einer Beerdigung, so etwas wird doch gerne als Aufhänger genommen. Ein paar Gespräche, ein paar gefundene, nachgelassene Briefe oder Tagebücher, die man auch immer nett zitieren kann, so etwas. Einige Konstellationen, welche die Hauptfigur ihr ganzes Leben lang für entscheidend gehalten hat, die er oder sie stets als Grundvoraussetzungen der seelischen Verfasstheit verstanden hat, sie verschieben sich dabei, erst nur in Andeutungen, dann mit zunehmender Deutlichkeit und Geschwindigkeit.

Auf einer anderen Erzählebene, die man trickreich und literaturpreisverdächtig in die Handlung ziehen müsste, wird den Leserinnen allerdings im letzten Viertel des Buches ein Verdacht Seite um Seite immer plausibler: Dieses neue Bild der Familie, welches die Hauptfigur im Rückblick erkennt, farbig ausmalt und neu betrachtet, dieses neue Bild, das sie so angenehm versöhnlich stimmt und ihr über viele Kapitel zu deutlich mehr Gelassenheit verhilft, zu einem friedlicheren Selbstverständnis auch – es ist ebenso falsch wie das alte Bild. Es sind nur variierte Fehlinterpretationen, diesmal der gutmütigen Art.

Und der Roman endet dann damit, dass die Leserinnen, die nun schlauer sind als die erzählende Instanz, ohne dass sie recht wissen, wie das eigentlich zuging, zumindest kurz über die schicksalhaften Verflechtungen in ihrer eigenen Familie, über ihre eigene Geschichte nachdenken und dann zusammenfassend denken: Ach, weiß der Geier.

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Im Tagesbild Hammerbrook, das hatten wir schon lange nicht mehr.

Blick über ein Fleet in Hammerbrook in morgendlichem Licht

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Was schön wird

Am Montagmorgen habe ich einen frühen Termin in einem anderen Stadtteil, ich fahre mit der U-Bahn dorthin. Ich sehe auf den Streckenteilen über der Erde eine besonders schön von der Sonne ausgeleuchtete Stadt in ansprechender Herbst-Deko, attraktive Büsche und Bäume sogar an den hässlichsten Ecken. Ich gehe ein paar Minuten durch eine Gegend mit wenig Verkehr, die Luft ist klar, fast winterlich scharf und ich werde im Laufe des Tages von mehreren Leuten hören, was ich auch witternd wahrnehme: Es riecht nach Schnee, obwohl doch Schnee in keiner meiner Wetter-Apps vorkommt. Und doch, und doch, es liegt so etwas in der Luft, man riecht das doch, man kennt das doch. Alle Welt beschließt, insgeheim richtig zu liegen, denn es ist ein sehr schönes Gefühl, auch einmal richtig zu liegen, und irgendwann wird es schon schneien, ein paar Flöckchen wenigstens, dann werden wir alle weise nickend sagen: Siehste!

Das wird schön, und wir brauchen auch die positiven Aussichten.

Auf den Wegen dann leider prompt die ersten Menschen mit lustig sein sollenden Rentiermützen und Plüschgeweihen. In den Schaufenstern jetzt überall die anschwellende Weihnachtsdeko, und am Straßenrand die Arbeiter der Stadt, ich sehe tatsächlich nur männliche Exemplare, welche die saisonale Beleuchtung für den allfälligen Einkaufsrausch im Dezember anbringen, der laut aktuellen Presseberichten aber eher bescheiden ausfallen wird.

Meine Mutter, die ich später am Tag sehe, weil ihr Telefon nicht mehr geht, sagt, ihr sei so, als wenn ein Unwetter käme, irgendetwas Besonderes, sie habe so ein Gefühl ums Herz. Noch während sie spricht, kommt Wind auf, Regen schlägt an die Fenster ihrer Wohnung. Sie sieht raus und sagt: „Es schneit!“, aber es sind nur kleine Birkenblättchen, die der Wind quertreibend in den Tropfen des Geniesels verwirbelt, leise rieselt das Laub.

Die Sonne verschwindet jedenfalls für ein paar Tage, und sehr gut inszeniert ist das alles wieder.

Der Dienstagmorgen ist dann geprägt von großer Unlust bei allen, die Familie ächzt und knirscht und setzt sich nennenswert zu langsam und nur unter großen Mühen in Bewegung. Im Grunde ein Tag zum Liegenbleiben, für „Ich will in meine Mupfel“, das fühlen wir alle überdeutlich, aber was nützt es.

Der Wind heult währenddessen ums Haus. Weil wir weiter oben wohnen, hört sich das bei uns schön dramatisch an, schon ab Windstärke sechs, auch wenn es im Erdgeschoss vielleicht noch nicht auffällt, und der Regen auf den Dachfenstern klingt bei uns heute nach Sintflut. Zeit für eine solche wäre es auch, wie man spätestens nach Kenntnisnahme der Nachrichtenlage unweigerlich denkt.

An einer Straßenecke steht „Free Palestine“ an der Wand, direkt daneben steht „Palestine fuck off“. Das sind hier so die Zeitzeichen.

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Gelesen und gemocht: Alice Munro, Die Jupitermonde, Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. Das Buch passt nicht in meine Reihe deutscher Autorinnen, die ich sonst gerade konsumiere, aber es lag da eben neben mir und ich war gerade zu erledigt, mir ein anderes Buch aus dem Regal zu holen, ich hätte dafür aufstehen müssen.

Solche Zeiten sind das nämlich.

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Im Tagesbild noch eben das Rathaus bei Nacht. Es ist doch überraschend, was man mit dem Smartphone auch bei Dunkelheit noch aufnehmen kann, fällt mir in diesem Herbst auf, und nicht nur mir. Ich lese den gleichen Gedanken mehrfach in den Timelines und Blogs. Da gab es wohl einen technischen Entwicklungssprung.

Das angestrahlte Hamburger Rathaus bei Nacht

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Die kleine Rettung zwischendurch

Montag, der 13. November. Noch eine nachgereichte Szene aus den letzten Tagen. Vor dem Hauptbahnhof geht einer hektisch im Kreis und schreit immer wieder: „Wir brauchen die Sarah-Wagenknecht-Partei!“ Kopfschütteln um ihn herum, man weiß auch nicht gleich, ist er irre, ist er überzeugt oder ist er einfach nur im Sold unterwegs, und kann man das heute überhaupt noch zuverlässig unterscheiden. An dem Schreienden vorbei gehen vier Teenagerinnen vermutlich arabischer Herkunft, die das kunstvoll ins Haar gewoben tragen, was wir in meiner Jugend ohne jedes Hintergrundwissen Palästinenserfeudel genannt und lose um die Hälse getragen haben. Es war damals eine vage rebellisch assoziierte Mode, der Nahost-Konflikt war gewiss nicht unser Thema, unsere Kenntnisse werden arg spärlich gewesen sein und es ist bereits etwa hundert Jahre her. Die Welt war eine andere.

Auf die Plakate der Grünen bei uns im Stadtteil hat man Zettel über die abgebildeten Köpfe geklebt, „Bald knallt es“ steht darauf und wir sind längst so weit gekommen, dass es kaum noch auffällt, man geht so daran vorbei.

In meiner Gegend – aber das mag bei Ihnen anders sein – fallen jetzt auch die letzten Verkehrsregeln, und zwar in fast lachhafter Geschwindigkeit. Die letzte Eskalationsstufe waren hier die Einbahnstraßen, die gibt es jetzt de facto nicht mehr. Jede und jeder fährt durch, wo es ihm oder ihr eben passt, Moment, ich lege wieder „Freiheit, Freiheit“ auf. Das ergab sich im letzten halben Jahr so, ich kann das zeitlich gut eingrenzen, und man muss sich diesen Effekt in etwa so vorstellen, als sei das ansteckend, was es in sozialer Hinsicht sicher auch sein wird. Erst wagt sich nur ein Autofahrer verkehrt in die Straße, dann zwei an einem Tag, dann plötzlich viele, und nun ist es im Grunde so, dass wir hier eine Autoscootersituation haben: Alle versuchen, irgendwie vorteilhaft und also möglichst schnell durch den Verkehr zukommen, wie auch immer. Aktuelle Meldungen bestätigen das, es gibt mehr Unfälle, deutlich mehr Fahrerflucht, mehr Aggression, wir drehen komplett durch.

Ein Sohn sprach neulich von Führerscheinplänen, er wird da dann ein antiquiertes Regelwerk erlernen müssen, es wird ihm vermutlich seltsam vorkommen. Aber noch einmal, es mag sein, dass ich hier als Bewohner der Großstadtmitte eine eher ungewöhnliche Ausprägung sehe. Wohnte ich etwa im Heimatdorf der Herzdame, mir fiele vielleicht gar nichts auf und ich weiß nicht, wie es in kleineren Städten zugeht, in Lübeck etwa oder in Minden.

Na, die Soziologie muss später fachkundig beantworten, was dieser schnelle Verfall einer Ordnung zu bedeuten hat. Ich verbleibe vorerst bei „Alle irre“, und weiß, wie flach durchdacht das ist. Aber meine Theorie, nicht wahr, meine Theorie kommt mir nach wie vor durch und durch stimmig vor, und vielleicht muss man weiter auch gar nicht denken. Leider.

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„Karsch und andere Prosastücke“ von Uwe Johnson durchgelesen und gemocht, besonders den ersten Text, „Osterwasser“, ein ganz hervorragendes Stück.

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Im Tagesbild ein Rettungsringlein, von unbekannter Hand an ein Brückengeländer im Hafen geklemmt. Die kleine Rettung zwischendurch vielleicht, oder aber ein Rettungsillusiönchen, suchen Sie es sich aus.

Ein Spielzeugrettungsring an einem Brückengeländer

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Währenddessen in den Blogs

Das Ende von Social Media der ersten Stunde. In Bezug dazu: Frau Kaltmamsell über ein Jahr Mastodon

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Über Minderheiten in Israel

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Nils Minkmar über linke Politik.

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Nicola mit einer Kritik an der SZ

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Frau Novemberregen über das Weinen

Ein Graffiti an der Oberhafenbrücke: More Love

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Das schwache Licht der Nordhalbkugel

Sonntag, der 12. November. Vorweg ein Dank für die überaus freundliche Zusendung von „all’orto“ von Claudio Del Principe, das ist ein Gemüsekochbuch, ein besonders schönes.

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Früher Wochenendmorgen am offenen Küchenfenster, es ist noch dunkel draußen, mein erster Kaffee. Kühl ist es geworden, sechs Grad, und es wird sicher bald kälter werden. Die Luft riecht spätherbstlich modrig und erdig vom Spielplatz her, wie Waldessenz mitten in der Stadt riecht es. Aus den noch halb belaubten Bäumen tropft und trieft es vom nächtlichen Regen. Es ist ausgesprochen ungemütlich, Rotkehlchen, Kohlmeisen und Spatzen sind heute zurückhaltend, leise Meldungen nur höre ich hin und wieder aus den Büschen. Die Fenster ringsum liegen zu dieser Stunde noch sämtlich im Dunkel, nur auf einem Schreibtisch in einem Arbeitszimmer ein Haus weiter steht ein stets beleuchteter Globus, ich sehe dort das schwache Licht der Nordhalbkugel.

Zwei Menschen gehen unten vorbei und reden leise, vermutlich höre ich gerade Russisch, aber sicher kann ich mir da nicht sein. Sie sehen in die Mülleimer vor den Häusern und an der Straßenecke, sie suchen Pfandflaschen. Jemand kommt kurz darauf schwarzgekleidet aus einer unbeleuchteten Souterrainwohnung und sieht sich mehrmals um, es sieht nach einem Moment aus einem Krimi aus, und vielleicht waren es auch nicht nur Pfandflaschen, nach denen da gesehen wurde.

Oben am Kirchturm die kreisenden Krähen, die haben alles gesehen. Die haben auch ein Auge auf mich.

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„Arnes Nachlass“ von Lenz durchgelesen und nicht gut gefunden. Man bemerkt die Schwächen seiner Figuren immer dann, wenn sie reden, denn das können sie nicht, sie sagen nur Texte auf. Aber die Hafenkulisse, die war gut, es war auch keine schlimm verschwendete Zeit. Dann „Wo warst du, Adam“, von Heinrich Böll, noch eine Bildungslücke geschlossen. Ein bitteres Buch vom Krieg.

Danach Erzählungen von Heimito von Doderer, den ich noch komplett vor mir habe. Es ist manchmal auch schön und beruhigend festzustellen, was man alles noch nicht gelesen hat, vielleicht kennen Sie das?

Über jeden fällt her, was ihm auf seiner Ebene zusteht, auf welcher er sich jeweils befindet und der Rang unserer Schwierigkeiten ist unserem Zustandswerte stets genau angemessen.

Schreibt der Herr von Doderer, und man möchte „Auch das noch!“ an den Rand schreiben.

Und wenn der Monat auch sonst bisher nicht viel taugt, als Leser bin ich doch hochzufrieden mit ihm, und das ist nicht wenig. Die Langstrecke ist mir mittlerweile bei Romanen wieder möglich, auch zwischendurch greife ich nun wieder öfter zum Buch, nicht zum Handy. Und ohne es unnötig verallgemeinern zu wollen, fühlt es sich für mich gerade gut und fast befreiend an, weniger online zu sein, auf eine Art auch selbstbestimmter.

Ein Graffiti an einem grauen Gestänge im Hafen: Read Books

Ich entnehme diversen Meldungen und Artikeln, dass ich auch mit dieser Entwicklung wieder nicht allein bin. Nie bist du ohne Nebendir, hieß es bei Ringelnatz, wenn auch in einem anderen Zusammenhang.

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Von Szene zu Szene

Sonnabend, der 11. November. Gesehen und sehr gemocht: Jane B … wie Birkin. Ein Film von Agnès Varda auf arte.

Gelesen: Australien und die Klimaflüchtlinge der Inselnation Tuvalu. Tuvalu ist wohl das erste Land, das wir verlieren werden.

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Ich gehe eine Straße entlang, es ist nur der übliche Weg um den Block. Mir kommt ein bekannter Theaterschauspieler entgegen, der sein Notizbuch in der Hand hält und Texte murmelt. Oft sehe ich ihn so, lernend, arbeitend, er ist ein Nachbar. Die Szene gewinnt einige Besonderheit durch einen bekannten Filmschauspieler, der auf gleicher Höhe gerade im Kofferraum eines Autos am Straßenrand wühlt, er scheint etwas zu suchen und nicht zu finden. Links Theater, rechts Film, ich gehe durch ihre Mitte und frage mich, was ich in dieser Szene mache, welche Rolle und Wirkung ich habe, wer hier was inszeniert und ich bin dann etwas beruhigt, als der nächste Passant einfach nur irgendwer ist, wie ich, kein Schauspieler, kein Promi. Irgendein Gesicht, vorbei, vergessen.

Später erst bin ich darauf gekommen, dass abseits des Improtheaters erst das Aufschreiben eine Szene zur Szene macht, dass der Zauber in diesem Fall also ganz bei mir lag, ich hätte etwas selbstbewusster durch die beiden spazieren können.

„So, na dann“, sagt der Filmschauspieler, schiebt sich etwas in die Jacke, macht den Kofferraum energisch zu und geht weiter, denn mehr Text hat er heute nicht. Mehr dichte ich ihm auch nicht an, als bloßer Chronist des Alltags. Aber ich könnte doch, denke ich, und ich finde den Gedanken kurz erfreulich, vielleicht sogar verlockend.

Ich setze mir meine Kopfhörer auf, ich lasse eine Playlist zufällig beginnen und warte, was der Soundtrack zu dieser Szene ist, denn die Begleitmusik ist bekanntlich immer wichtig und rundet alles erst ab. Es ist Vince Guaraldi, der verlässlich eine gute Wahl ist, mit dem Great Pumpkin. Jahreszeitlich ist das noch knapp passend, das kann man durchgehen lassen, es liegen auch hier und da noch Dekokürbisse in den Schaufenstern und legitimieren den Song.

Und dann einmal um die Ecke, gegenüber von den Holzbuden, die bald den Weihnachtsmarkt darstellen werden, da stehen die Busse und Wagen einer Filmproduktion auf dem Platz. Jemand trägt gerade große Lampen über die Straße, einer schleppt Kabelbündel und schwere Geräte, einer kocht Kaffee im Catering-Bus. Passanten bleiben stehen und gucken, ob es da gleich etwas zu gucken geben wird, einer zeigt mit dem Finger und wird mir dadurch für eine Sekunde zur Figur, die auf Figuren zeigt.

Aber das ist dann wieder für eine andere Szene. Ich teile die Neugier dieser Passanten ansonsten nicht und schlage mich also seitwärts zwischen die parkenden Autos, in die Kulissen und ins Dunkel, wo vermutlich kein Beleuchter hinkommen wird.

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Im Bild heute zwei Möwendarsteller vor der Binnenalster.

Zwei Möwen am Ufer der Binnenalster, Jungfernstiegseite. Im Hintergrund die Fontäne.

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Hafenzeug und Nacht an der Elbe

Freitag, der 10. November, das Finale einer zähen, eher unerfreulichen, übertakteten Woche.

Ein wenig lästig finde ich ja, dass es mir gar nichts nützt, kein Novembertief zu haben und bei diesem Wetter eher angeregt zu sein, wenn der Rest der Welt in diesen Wochen so zuverlässig deprimiert ist, dem trostlosesten Blues verfällt und offenkundig das Wetter nicht recht verträgt. „Lest doch was“, möchte ich dauernd sagen, „dafür ist diese Zeit doch da“, aber wer wäre ich, traurigen Menschen blöde Ratschläge zu geben. Ich reiße mich also zusammen.

Weiter und gerne die Deutschstunde gehört, Lenz. Hervorragende Beschreibungen, ich sagte es bereits, ich weiß. Das Buch wird noch eine ganze Weile halten, es ist dick genug, um als Hörbuch tagelang zu reichen.

Auch etwas in „Arnes Nachlass“ gelesen, ebenfalls vom Lenz, das fällt gegen sein früheres Werk aber deutlich ab. Es ist damals mit dem Fedder verfilmt worden, die Rezensionen lesen sich leider einigermaßen gruselig und eher nicht so, dass man den Film dringend sehen möchte.

Nach dem Fedder ist in Hamburg schon eine Straße benannt worden, nach dem Lenz noch nicht, soweit mir bekannt. Egal.

Es ist jedenfalls genug nostalgisches Hafenzeug und Nacht an der Elbe im Buch, es wird auch auf betont norddeutsche Art im Kattegat und im Fluss gestorben, ich lese es schon deswegen durch, denn auch das ist novemberkompatibel und es ist ja so, ich brauche eigentlich Sonderurlaub für diese Interessen. Wirklich schlimm, wenn literarisch etwas gerade gut passt und man hat dann nicht genug Zeit, sich darum zu kümmern.

Im Bild, halbwegs passend, die Station Elbbrücken, wo die U-Bahn-Gleise knapp vorm Wasser enden.

Blick auf die U-Bahngleise an den Elbbrücken, man sieht, wie die Gleise kurz vorm Wasser enden

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Ich habe wieder überlegt, meinen Facebook-Account zu löschen, da ich dort nicht mehr aktiv bin und auch niemanden mehr lese, keinem mehr folge – außer der Stadtteilgruppe. Mit anderen Worten, ich nutze Facebook nur noch als (allerdings grottenschlechtes) lokales Medium, als kostenloses Wochenblatt etwa, und das ist auch eine Entwicklung, die man vor ein paar Jahren nicht unbedingt vorhergesagt hätte.

Die gelöschten Accounts bei Extwitter und Tiktok fehlen mir nicht, und zwar gar nicht.

Im übertragenen Sinne nämlich ist auch das Löschen und Archivieren, das Abschließen von Kapiteln im Internet ein schönes Thema im November, der digitale Tod von Phasen, die vorbei sind. Ich bin auch bei anderen Accounts in Versuchung, es fühlt sich gerade gut und gesund an und die Lust am Analogen holt weiter auf.

Nächster Kandidat ist Linkedin, das mir ebenso sinnlos wie gruselig vorkommt.

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Gelesen: Ein Interview mit A.L. Kennedy im Standard: „Deshalb bin ich auch gern für Lesungen und Vorträge im Ausland. Es ist nett, Dinge sagen zu können ohne die Angst, dass Menschen zu dir nach Hause kommen und dich bedrohen.

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Gehört: Den Podcast Lage der Nation, und da sagt Herbert Reul, Minister in NRW, über Migranten: „Es geht ja um Menschen, nicht um irgendwelche Leute.“

Soll man länger darüber nachdenken oder lieber nicht, was ist das für ein Satz.

Vielleicht lieber weiter Bücher lesen.

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Brot, Butter, Bienenstich

Donnerstag, 9. November. Gestern am Abend gelesen und gemocht: Das Brot der frühen Jahre, Heinrich Böll. Eine kurze Nachkriegsgeschichte. Dabei wieder gemerkt, dass mir die Zwanziger, Dreißiger und auch Vierziger des letzten Jahrhunderts vorstellbarer und im Geiste besser zu bebildern sind als die Fünfziger, das ist ein deutliches Ergebnis des schulischen und auch selbstgewählten Bildungsschwerpunktes, all der gelesenen Bücher und der gesehenen Filme. Es ging oft eher darum, wie es alles kam und wie es dann war, nicht so sehr darum, wie es direkt danach weiterging. In dem Bereich blieben Lücken.

In meiner Familie wurde auch aus dieser Zeit nichts oder kaum etwas erzählt, so wenig wie aus dem Dritten Reich, es wurde nur immer die Arbeit betont, der Fleiß, die Leistung. Der Satz meiner Großmutter: „Butter ist mein Lebenselixier“, er wird aber auch keine zufällige Äußerung gewesen sein. Es war kein leichter, fröhlicher Satz, und die seltsame Dringlichkeit, mit der sie uns Enkel stets zum Essen aufforderte, wir haben sie als Kinder nicht recht verstanden.

Plötzlich Lust auf Frankfurter Kranz und Bienenstich. Schlimm.

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Ein grauer Home-Office-Tag ansonsten, an dem sich die Hoffnung hauptsächlich darauf richtet, dass bitte keine neuen historischen Ereignisse in den nebenbei laufenden Newsstreams auftreten mögen. Das muss man an diesem Datum stets bis Mitternacht durchgehend denken, denn man weiß nie. Diesem Land ist entschieden zu viel zuzutrauen, der Weltgeschichte sowieso.

Gegenüber der Kirche wird nun der Weihnachtsmarkt aufgebaut, es entstehen die üblichen Holzbuden, Glühwein, gebrannte Mandeln, Wurstverkaufsstände. Es ist ein schwullesbischer Weihnachtsmarkt, „Winterpride“ heißt er und hat eine schon lange Tradition, die Erlöse gehen teils an diverse Hilfsorganisationen, die dort abwechselnd das Personal stellen und ausschenken. Die Musik bleibt, so viel steht fest, frei von Last Christmas etc. und es ist ein zuverlässiger Stadtteiltreff.

Man stellt sich da abends hin und trifft die und den, der Markt ist so gelegen, dass irgendwann alle vorbeikommen, und das immerhin kann nett sein, auch abseits der weihnachtlichen Anmutung.

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Ansonsten in der Bücherei gewesen und weitere Nachkriegslektüre besorgt, Böll, Lenz, Eich, Richter. Mir ist gerade so, der Ernst der Werke spricht mich an, er passt auch in den Monat und zur Lage. Und irgendwo, fällt mir ein, muss hier auch noch ein ungelesener Roman von der Haushofer herumstehen. Den auch mal hervorsuchen, der passt mir jetzt gut ins Konzept.

Ich mochte schon bei der damaligen Schullektüre das Gedicht „Inventur“ vom Eich. Heute gibt es etwa 10.000 Gegenstände in einem Durchschnittshaushalt, lese ich, die Inventur von 2023 wäre unweigerlich ein Vers-Epos und irgendwo darin könnte ich unterbringen: Dies ist mein Günter-Eich-Lesebuch.

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Im Bild heute kein Rettungsring, aber doch etwas Rettendes, nämlich Regenschirme. Man braucht sie hier ab und zu, deswegen hängt die Stadt größere Mengen davon über den Straßen auf.

Bunte Regenschirme als Deko über einer Straße in der Hamburger Innenstadt

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Der Blick durch die Krone einer Jurte am Morgen

Gelesen weiter in den Briefen der Kaléko und auch noch etwas in den Erinnerungen von Gabriele Tergit. Letzteres ist ein beunruhigendes Buch, wenn man an die aktuellen Ergebnisse der Nazis in den Umfragen und an die wieder so modern gewordenen Schuldzuschreibungen an Gruppen denkt. So beunruhigend war die Lektüre, danach hatte ich einigermaßen finstere Albträume von noch finstereren Zeiten, und das kam jetzt schon zum wiederholten Male vor.

Ich wäre mittlerweile so etwas von bereit für irgendein Zeichen der politischen Hoffnung, aber das geht Ihnen vermutlich ebenso.

***s

Der Dienstag dann überfüllt, erst lange im Home-Office gearbeitet, dann komplizierte Diskussionen um Schulfragen, danach gab es noch einen belastenden Termin in einem anderen Stadtteil. Grässlich.

Abends Bach gehört, das immerhin. Bach, November und frühe Dunkelheit passen sehr gut zusammen.

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Mittwoch. Während die Krähe mich jetzt bis auf Armeslänge herangezähmt hat, wird, und das überrascht mich, auch der Eichelhäher allmählich deutlich zutraulicher und fliegt nicht mehr weg, wenn ich hinter der Balkontür stehe, nicht einmal mehr, wenn ich mich bewege. Nur die Elstern bleiben hartnäckig bei maximaler Distanz und Skepsis, die vertrauen niemandem und lassen sich kategorisch auf nichts ein. Ich denke, sie hängen an dem Gefühl, dass sie die ausgelegten Nüsse auf eine betont ruppige Art rauben und erbeuten, dass sie nicht etwa einfach nur wie Nutzvieh wegfuttern, was ihnen jemand in einen Trog gelegt hat. Eine Frage des Stolzes wird es sein, Elstern leben wild und gefährlich.

Das Tageshighlight war dann aber ein Buntspecht an den Meisenbällen, der die Kugeln wie in einem Cartoon mit Tom & Jerry zügig weghämmerte, dass die Krümel nur so flogen.

Meisenbälle nachbestellt. Viele.

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Beim abendlichen Spaziergang sehe ich auf dem Hotel gegenüber und auch am Rathaus eine merkwürdige Flagge, da wird also wieder ein Staatsgast in der Stadt sein, der bei mir in der Nachbarschaft übernachtet, aber diese Flagge habe ich noch nie gesehen. In der Mitte sehe ich etwas, das mir zunächst wie ein Tennisball vorkommt, es ist wirklich seltsam. Die Flagge von Kirgisistan, wie ich dann später herausfinde und selbstverständlich nachlese, hier die Wikipediaseite dazu.

Der Ball in der Mitte wird dort als Tündük erläutert, als die Krone einer Jurte, durch die man beim Aufwachen am Morgen die Sonne sieht. Auf der eben verlinkten Seite ist eine Abbildung, durch die wird das Bild vorstellbar, und ich finde, es ist eine sehr hübsche Erklärung für eine Flagge.

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Im Tagesbild reiche ich Ihnen noch einmal einen Rettungsring. Warum auch nicht.

Blick über das Fleet bei der Rathausschleuse vor den Arkaden, im Vordergrund ein Rettungsring an einem Fahnenmast, blaues Abendlicht

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Für eine Handvoll Laub

Vorweg ein herzlicher Dank für die freundliche Zusendung von Eichhörnchenfutter und frischen Notizbüchern, sehr schön!

Uns erreichen die durchritualisierten Lernentwicklungsgesprächsterminmails aus der Schule, womit sich das Schulhalbjahr schon dem Ende entgegen neigt. Ich schicke am Montagmorgen den letzten längeren Text des Jahres ab, womit sich mein freiberufliches Jahr dem Ende entgegen neigt, nur noch drei kürzere Arbeiten sind zu liefern, wobei es mit dem „nur noch“ natürlich immer so eine Sache ist. Ich werde auch im Brotberuf in dieser Woche einen Hebel umlegen, mit dem der allgemeine Jahresschluss beginnt, und so richtet sich langsam alles auf das Finale aus. In jedem Bereich beginnen nun die Vorbereitungen, überall einmal herumgehen und in aller Dezenz „Wir schließen gleich“ murmeln.

Diese Woche dürfte anstrengend werden, wenn es hier Unterbrechungen im Blog geben sollte, dann liegt es daran, nicht etwa an einem Novembertief, zu dem ich eher nicht neige, im Gegenteil. Es wird dann aber auch, so steht zu hoffen, gegen Ende der Woche die größte Hürde genommen sein. Dann langsam abflauen und die Restwerktage zählen. Na, was man sich so denkt und erhofft.

Im Bild passend dazu ein Rettungsring. Man hat es in Hamburg-Mitte nie weit bis zu so einer Ansicht.

Blick auf die Neubebauung am Baakenhafen, im Vordergrund ein Rettungsring am Geländer des Weges neben dem Elbeseitenarm

Bei der Einkaufsrunde sehe ich in einem Schaufenster heute den ersten Deko-Tannenbaum, pinkfarbenes Plastik, ich fühle nichts. Also nichts Weihnachtliches. Auch nicht ein Fenster weiter, vor den bunten Schokoweihnachtsmännern in Übergröße.

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Unten auf dem Spielplatz steht eine Mutter mit einem kleinen Kind, drei, vier Jahre wird es sein, sonst ist niemand da. Die Mutter sammelt gelbes Laub und wirft die Blätter jauchzend über das Kind, das mit hängendem Kopf neben ihr steht, hoch in die Luft wirft sie die Blätter, sieh doch, wie lustig. Und das Kind steht mit ernstem Blick und sieht sie an. Ob sie jetzt wohl vollkommen verrückt geworden sei, fragt es vielleicht wortlos, steht die da, schmeißt Blätter und macht komische Geräusche, geht man dafür raus oder was, also wirklich. Das Kind dreht sich um und stapft entschlossen mit ernsten Gummistiefelschritten zum Spielplatztor, es hat vermutlich für heute genug von dem Novemberunsinn auf dem leeren Spielplatz.

Die Mutter sieht in den Himmel und atmet.

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Ich lese Novembergedichte, aber die meisten passen nicht recht zu meinem Erleben. Ich müsste deutlich mehr Natur vor der Haustür haben, einen Wald und eine freie, unverbaute Flusslandschaft am besten, um den Versen näher zu sein. Einen Wald und eine Flusslandschaft und auch Hügel, zwischen denen der Nebel am Morgen schön liegen und wabern und verwehen kann. Im November, fällt mir dann ein, kam damals der Heine:

„Im traurigen Monat November war’s

Die Tagen wurden trüber

Der Wind riss von den Bäumen das Laub

Da fuhr ich nach Deutschland hinüber.“

Die heutige Nachrichtenlage würde ihn sicher nicht beglücken, käme er jetzt wieder herüber, darf man wohl annehmen. Als ob sie es jemals getan hätte.

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