Eines der gängigen Hamburg-Klischees beschreibt die soziale Reserviertheit dieser Stadt. Etwas unfreundlicher ausgedrückt die Kälte der Einheimischen. Man lernt hier nicht so leicht Menschen kennen wie anderswo, heißt es. Wenn man nicht gewisse Tricks anwendet, sich also z. B. ein Kind oder einen Hund als Kontaktmagneten zulegt. Beides ist allerdings mit bedeutenden Kosten und auch mit viel Aufwand verbunden. Beides ist daher nicht für jede oder jeden und schon gar nicht für jede Lebenslage etwas.
Will man also, warum auch immer, es mag ja Gründe geben, Menschen neu kennenlernen, weil man, was weiß ich, vielleicht gerade erst in diese Stadt gezogen ist und noch an das Konzept Freundeskreis glaubt, dann ergibt sich oft ein größeres Problem. Sagt man.
Aber stimmt das überhaupt?

Mich nach meinen eigenen Erfahrungen zu fragen, das führt in diesem Fall nicht weiter. Ich hatte in den letzten Jahrzehnten in dieser Stadt nämlich zu den richtigen Zeitpunkten das richtige Ausmaß an Glück. Einfach durch die eher zufällige Wahl der richtigen Firma, der richtigen Freizeitbeschäftigungen und der richtigen „Szenen“ (Lindy-Hop etwa als unschätzbarer Geheimtipp dabei). Später auch durch den Nachwuchs und die sich dadurch fast gesetzmäßig ergebenden Spielplatzbekanntschaften.
Und natürlich durch das Internet, nicht zu vergessen, durch mein Blog. Damals auch noch durch Twitter etc. Das darf alles nicht vergessen werden, denn es war und ist bedeutend in meinem Leben. Ich würde ohne die Online-Erfahrungen viel weniger Menschen kennen. Oder auch gar keine mehr. Ich bin aber eher eine Ausnahme, denke ich, und zwar durch Umstände, die sich eher wie Lottogewinne unverdient ergeben haben. Das kann man so nicht allgemein erwarten.
Abseits dieser besonders gesegneten Umstände lerne auch ich kein Schwein kennen. Zuverlässig nicht. Nie und nirgends. Ganz egal, wie oft ich durch diese Stadt stromere, wie oft ich irgendwo allein in einem Coffeeshop sitze oder in einem Kino, Theater etc., wie oft ich durch ein Museum gehe oder in Parks herumlungere – als kontaktstark, offen und den Fremden zugewandt erlebe ich dabei weder mich noch all die anderen.
Im Moment passt mir das gut so, was ich gewiss auch überdeutlich ausstrahle, kein Zweifel. Aber es ist alles nur eine Phase, wie wir wissen, es wird mir irgendwann vermutlich nicht mehr recht sein.
Wie auch immer, weg von mir. Man muss auch an andere Menschen denken, um Sachverhalte objektiver betrachten zu können. In der Firma, für die ich brotberuflich arbeite, habe ich in den letzten Jahren z. B. viele, sogar sehr viele Menschen erlebt, die neu in diese Stadt zogen und die das Problem tatsächlich auch klischeekonform benannt haben: Es geht hier wirklich nicht so schnell mit dem neuen Freundeskreis. Es hakt seltsam bei dem Thema, es läuft einfach nicht rund und nicht glatt, es ergibt sich nichts. Es ist mehr als anderswo mit Leistung, Nachdenken, Strategie und Einsatz verbunden.
Expats waren unter diesen Kolleginnen, etwa aus Südamerika, die staunten viel und lange. Und fragten dann irgendwann, ob wir hier eigentlich nur in Familienrudeln miteinander reden. Und auch das eher selten, kann das sein? Ich sagte dann wahrheitsgemäß, dass ich meine Schwester immerhin jedes Jahr an ihrem Geburtstag anrufe.
Man möchte diese Menschen manchmal kurz nach Köln schicken, um ihnen zu demonstrieren, dass es in diesem Land auch anders zugehen kann. Viel lockerer und offener, viel kontaktbereiter. Wenn auch verbunden mit seltsamen Getränken. Aber irgendwas ist immer.
Ich komme übrigens nur auf das Thema, weil ich meine persönliche Reihe der in Norddeutschland erfolgreich angewendeten Sozialtricks (in chronologischer Abfolge bei mir: Studium, Job im Einzelhandel, Büro, Hund, Partei, Internet, Party- und Nachtleben, Kinder, Lindy-Hop, Kleingarten) gerade hätte erweitern können, wenn ich dem Thema nur mit etwas mehr Einsatz und Wohlwollen begegnet wäre. Mit einem Mittel, auf das ich noch gar nicht gekommen war. Aber im Grunde hätte man darauf kommen können.
Denn Menschen, die an Krücken gehen und einen Fuß oder ein Bein in Gips oder in einer dieser neuen Plastikverschanzungen haben, die tauschen gerne verschwörerische Blicke mit anderen Menschen in der Menge da draußen aus, denen es auch so geht. Sie lächeln sich sogar an! Besonders dann, wenn es sich um den gleichen Fuß handelt. Es wirkt ungemein verbindend, den gleichen Schaden zu haben. Man kennt es vielleicht auch von psychischen Defiziten und neurodiversen Abweichungen aller Art.
Sitzt da so ein fremder Mensch mit dem verbindenden Schadensmerkmal etwa auf einer Bank vor einem Geschäft und ruht sich ein wenig aus, weil das Laufen an Krücken doch überraschend anstrengend ist, wie ich jetzt auch endlich weiß, könnte man sich einfach kurz dazusetzen. Es gäbe dann so etwas wie eine heitere Smalltalk-Garantie, da bin ich sicher.
Es eröffnen sich hier ungeahnte Möglichkeiten! Und wenn man erst einmal darauf achtet: So wenig Menschen laufen gar nicht mit Krücken herum. Wir sind im Gegenteil verblüffend viele. Ich habe seit langer Zeit nicht mehr mit so vielen völlig fremden Menschen Lächeln getauscht. Eine bemerkenswerte und auch vollkommen unerwartete Erfahrung.
Das wollte ich doch einmal als sinnigen Tipp notiert haben, in diesem betont serviceorientierten Blog. Wenn Sie in Hamburg neu sind und vereinsamen – beschädigen Sie doch einfach eines ihrer Beine oder einen Fuß – und willkommen im Club.
Vom Vortäuschen der Verletzungen und Verbände aber würde ich abraten. Denn sollte man einem neuen Menschen tatsächlich näherkommen, wirkt es sicher eher unangenehm, wenn herauskommt, dass man sich nur so aus Spaß als lädierter Mensch ausgegeben hat.
Aber beim Spazierengehen ein wenig umknicken und sich dabei etwas brechen, zerren, quetschen … Ich meine, das können doch wohl wirklich alle hinbekommen.
Sogar ich konnte das.
„Happy to make your acquaintance …Oh, that’s the squarest thing I’ve heard in six months!“
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