Links am Morgen

Das mit den Zedern ist toll, aber auch, was hier im Absatz Kontrast steht, trifft es.

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Schreiben und Corona: “I can’t connect with my imagination. I can’t connect with any creativity. My whole brain is tied up with processing, processing, processing what’s going on in the world.

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Johnson und seine Briefe (Audio)

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Wolfgang Müller hat ein neues Lied:

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Das hier fand ich auch gut. Arlo Parks.

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Und auch das hier. Bei einem Konzert dieser Art in der ersten Reihe stehen, das wäre gerade verlockend. Ein etwas seltsamer Gedanke für mich.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci! 

Aber in Berlin ist das anders

Ich suche Menschen, ich suche Gesellschaft. Ich will über Menschen schreiben, da muss ich auch Menschen sehen, und zwar mehr, als mir im Home-Office und in der Home-School über den Weg laufen. Viel mehr. Ich gehe in einen großen Park. Es ist ein Frühlingstag mitten im Winter. Sonnenschein, Pulloverwetter, für manche ist das auch schon T-Shirtwetter. Einige Büsche haben sich in aller Eile einen hauchdünnen Schleier aus lichtem Grün übergeworfen, noch leicht zu übersehen. Die Krokusse dagegen blühen schon in aller Deutlichkeit, der Rasen ist überall mit lilafarbenem Leuchten durchsetzt. Sogar zwischen den Pflastersteinen und Treppenstufen kommen hier die Frühblüher durch, überall strahlt es bunt und die Menschen im Park bleiben ab und zu stehen und lächeln und seufzen und zeigen sich die schönsten Stellen und machen dann Fotos von sich und den Blüten. Der Krokus beweist den Frühling, das ist sein Job. Und wer den ersten Krokus im Jahr sieht, der macht ein Foto davon für die sozialen Medien, das ist unser Job. Im Nebenerwerb dann noch die uralten Scherze über den Plural der Pflanze.

Eine junge Frau macht Fotos von einer anderen jungen Frau, die sich zu diesem Zweck in die Krokusse legt und dort dekorativ räkelt. Eine Schulter wird frei, ein Lächeln strahlt, eine Hand versucht verschiedene Haltungen, so oder so? Was ist besser? Finger in den Haaren, Hände an den Wangen. Augenaufschlag. Krokusse knicken unter dem Motiv weg, aus denen wird sicher nichts mehr. Man wird, wenn die Frau sich wieder erhoben hat, ihren Umriss in den Blumen noch ahnen können.

Zwei Schülerinnen gehen vorbei, bleiben stehen, pflücken Blumen, stecken sich Krokusblüten in die Haare und machen dann Selfies. Sie gucken auf ihre Handys und kichern und kichern. Auf den Fotos ist der Frühling 21, und es wird alles ganz normal aussehen. So normal albern, wie es in dem Alter eben ist.

Ich setze mich auf ein Mäuerchen und mache mir Notizen. Mir gegenüber sitzt ein Mann auf einer Bank und schreibt auch etwas. Ganz ernst sieht er dabei aus. Ab und zu guckt er sinnend in den Himmel, dann auf die Blüten, dann wieder auf seinen Block. Er schreibt immer nur einen Satz oder ein paar Stichwörter, dann macht er eine lange Pause. Bestimmt macht er viel geistreichere Notizen als ich. Das denke ich immer, wenn andere Menschen schreiben. Ich möchte nicht wissen, wie oft es stimmt.

Es ist unfassbar warm in der Nachmittagssonne. Die Menschen auf den Bänken recken die Gesichter in die Sonne, ziehen ihre Jacken aus, legen Mützen ab und setzen Sonnenbrillen auf.

Ich sehe überall nur einzelne Menschen oder Paare. Gruppen sind nicht erlaubt, die Kontaktbeschränkungen. Man hält sich daran. Die Paare reden miteinander und viele der einzelnen Personen reden in ihr Handy. Überall höre ich Gemurmel, leises Reden, Diskussionen in etlichen Sprachen, viel Englisch dabei. Hörte man früher auch so viel Englisch im Park? Ich kann mich nicht erinnern, früher ist lange her. Am Teich schnattern die Enten, das passt erstaunlich gut in das allgemeine Reden.  Was ich nicht höre, das sind Schreie oder lautes Rufen. Ich höre auch kein Lachen, all die Laute höre ich nicht, die in Gruppen entstehen. Es toben auch keine Kinder herum, es ist alles dezent und eher verhalten. Da hinten ist eine Kita, der Spielplatz im Garten ist kinderleer. Wie voll und trubelig wäre es hier früher gewesen, bei diesem Wetter, zu dieser Uhrzeit. Aber jetzt – es ist ein Pandemiepark.

Zwei Männer joggen am Teich entlang, der eine sagt gerade: „In Berlin ist das aber anders.“ Der andere lacht und sagt: „Ja, in Berlin!“ Mehr höre ich nicht.

Das kann man, wenn man nicht gerade in Berlin ist, bei jedem Thema sagen: „In Berlin ist das aber anders.“ Das ist in jedem Smalltalk eine sichere Sache, damit wird man nie etwas falsch machen können, denn in Berlin ist es wirklich anders. Was auch immer.

Ein Mann sagt im Vorbeigehen zu einem anderen: „Die Kinder von Fridays for Future haben doch Recht.“ Der neben ihm sagt: „Ja, aber!“ Und dann folgt eine längere Erklärung, die verstehe ich schon nicht mehr, das macht nichts.

Ein Punk führt seinen Hund aus und sammelt dessen Kacke mit einem Beutel auf. Punk kannste schon sein, aber Kacke liegenlassen, also nein. Alles hat Grenzen.

Hier und da sitzen Menschen auf Bänken oder Klappstühlen und tippen in Notebooks und sehen konzentriert nach Arbeit aus, das wird wohl Park-Office sein. Neben einer Frau stehen mehrere Ordner im Rasen. Sie hat den Computer und ein Heft und mehrere Blätter auf dem Schoß, Wind darf nicht aufkommen.

Eine Mutter kommt mir entgegen, sie hält ihre Tochter an der Hand, die ist noch im Grundschulalter. „Mama“, sagt das Mädchen, „kaufst du mir eine E-Gitarre?“

Ich gehe herum und höre hier und da Sätze. Ein Mann sagt zu einer Frau: „Mein Problem ist ja, dass ich nie etwas versuche.“ Die Frau bleibt stehen und sieht den Mann an, ausgesprochen freundlich sieht sie ihn an. Der Mann guckt zurück und nach einer Weile ist klar, er versucht wirklich nichts. Schließlich lacht die Frau, wuschelt ihm durch die Haare, hakt sich bei ihm unter und zieht ihn weiter. Vielleicht fand da gerade eine Geschichte nicht statt, denke ich, vielleicht war aber auch genau das die Geschichte. Es ist manchmal schwer zu unterscheiden. Ich sehe den beiden nach, die Frau lacht immer noch. Der Mann nicht.

Ein Paar hat eine Box dabei und übt zu lauter Musik Salsa auf dem Weg. Tanzende Menschen, wie lange habe ich das nicht mehr gesehen! Ich bleibe einen Moment stehen und sehe zu. Nicht weit davon machen zwei auf ausgerollten Matten so etwas wie Yoga. Langsame, fließende Bewegungen, und Anfänger sind sie gewiss nicht. Allerdings stört sie jetzt die Salsa-Musik, sie kommen mehrmals aus ihrem ruhigen Rhythmus, versuchen es noch einmal. Dann geben sie es auf und wippen kurz mit den nach oben gestreckten Beinen im Takt der Salsa, das geht auch. Schließlich hören sie auch damit auf und sehen wie ich den Tanzenden zu.

Nicht weit von dieser Stelle gab es früher manchmal Swingtanz an Sommerabenden, ich habe dabei manchmal mitgemacht. Da habe ich draußen getanzt, mit etlichen Menschen! Ganz dicht kam man sich dabei, und ich kannte die anderen manchmal gar nicht, fremde Menschen hat man angefasst. Gesicht an Gesicht, Körper an Körper. Wie lange das her ist, es wirkt schon unvorstellbar und irgendwie pornös. Das war eine andere Zeit.

Ich komme noch einmal an der Bank vorbei, auf der der alte Mann gesessen hat, der sich wie ich Notizen gemacht hat. Auf der Rückenlehne steht etwas, mit schwarzem Filzstift hat da jemand hingeschrieben: „I saw myself sitting on a bench.“ Das soll man dann tiefsinnig finden, nehme ich an.

Ich gehe an einem geschlossenen Eiscafé vorbei aus dem Park. Vielleicht ist es zu, weil eigentlich noch Winter ist, vielleicht ist es zu, weil es Corona gibt. Man sieht schon gar nicht mehr hin, wenn etwas geschlossen ist. Es ist sowieso alles geschlossen.

Nur der Park nicht.

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Verschwende deine Stunde

Ich habe lange darauf gewartet, jetzt ist es endlich, endlich einmal passiert, nach all den Wochen, wenn nicht sogar Monaten. Drei Familienmitglieder hatten tatsächlich gleichzeitig Termine außer Haus, oder nein, sagen wir lieber, sie hatten irgendwelche Vorhaben. Termine, das ist so ein Wort aus der Vergangenheit. Man sagt das zwar noch so, aber es ist eigentlich Unsinn. Es gibt keine Termine mehr da draußen. Jedenfalls aber waren sie alle nicht da, die Herzdame nicht und die Söhne nicht, und ich war alleine, ganz alleine. Es war wunderschön. „Jetzt sind sie weg“, so sang ich lauthals und tanzte etwas im Wohnzimmer, „und ich bin wieder allein, allein.“ Es hörte und sah ja keiner.

Und wissen Sie, was ich dann mit dieser ungeheuer kostbaren Stunde, was ich mit diesem exotischen Stundenjuwel gemacht habe? Mit dieser einzigen Fürmichstunde weit und breit, mit dieser finest quality time? Gar nichts! Ha! Ich habe sie hemmungslos und in voller Absicht verschwendet, vertändelt und vertan. Fast achtlos habe ich sie gänzlich ungenutzt vorbei und zum Fenster hinaus ziehen lassen, ganz so, als kämen da noch mehr, noch viel mehr Stunden. Ganz so, als hätte ich einen ungeheuerlichen Reichtum an solchen Stunden, die nur mir exklusiv zur Verfügung stehen, zur gänzlich freien Verfügung, versteht sich, ohne alle Zuständigkeiten für irgendwas  mit Home- davor. Als sei ich Stundenmillionär, genau so habe ich mich benommen. Denn ich dachte mir, nur so wird es sich halbwegs fürstlich anfühlen. Hau raus die Zeit, verprass sie. Verschwende deine Stunde. Ich habe, und wer hat, lebt angenehm.

Das war schön.

Okay, und kurz war es auch.  Aber schön.

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Regen, Wind, Sturm und Schnee

Ich habe einen Wolfgang-Borchert-Gedicht-Ohrwurm, es geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Und ich habe gesehen, man kann sich bei der Hamburger Staatsbibliothek die Handschrift dazu ansehen, wie toll ist das denn. Das ist ganz und gar nicht die Schrift, die ich vermutet hätte, vermutlich ist meine Schrifterwartung durch seine etwas härteren Texte geprägt, Draußen vor der Tür und das alles. Gucken Sie mal hier, da ist das. Stell dich mitten in den Regen, glaub an seinen Tropfensegen.

Ich kann das jetzt auswendig. Ich sage es laut auf dem Fahrrad auf, ich fahre an der Alster entlang. Wäre ich auf der anderen Alsterseite, denke ich beim Fahren, ich könnte es auch aufsagen, während ich am Wolfgang-Borchert-Denkmal vorbeifahre. Aber ich fahre gerade woanders hin, ich sage es also woanders in den Fahrtwind, denn echten Wind, den gibt es heute eher nicht. Es gibt auch keinen Regen, es gibt schon gar keinen Sturm, alle drei Strophen sind heute eher nicht direkt anwendbar. Ich fahre nur Rad durch einen fortgeschritten freundlichen Tag, ich fahre mangels Best- und Frühlingsform allen anderen Radfahrern hinterdrein- und versuche, gut zu sein.

Ein schönes Gedicht, das unbedingt mal merken und beim nächsten Regen, Wind oder Sturm murmeln. Leichter Kitschverdacht, aber anderseits – Borchert. Kann man machen, glaube ich.

(Und ja, es gibt auch die Songversion von Bayon, ich weiß. Kannte ich nicht. Jetzt aber.)

Und sonst: Furchtbare Tage. Aber ein gutes Gedicht. Das ist nicht nichts. Ab der nächsten Woche dann die bescheuerten Hamburger Märzferien. Es gibt Übersichtsseiten, was man da alles machen kann, in diesen Ferien. Man kann es schnell zusammenfassen: Nichts. Natürlich nichts, es hat auch niemand etwas anderes erwartet, denke ich. Die Lage ist so, schon klar. Auf einer Hamburger Seite stehen tolle Tipps, was man dennoch machen kann, wenn man nichts machen kann. Tipp 1: Eine Schneekugel basteln. Das steht da wirklich. Mit den Kindern eine Schneekugel basteln und sie sich, so ergänze ich natürlich nur in Gedanken, solange gegen den Kopf hauen, bis endlich nichts mehr schmerzt, bis alles ganz leicht ist, so leicht, wie es vielleicht nie war.

Nein, ich scherze nur. Es wird schon. Vierzehn Tage keine Homeschool, darauf kommt es an, das wird sicher gut. In der ersten Woche haben die Herzdame und ich noch keinen Urlaub, da machen wir also Home-Office und die Söhne machen nichts oder Schneekugeln, was weiß ich.

Schneekugeln! Allein der Gedanke. Stell dich mitten in die Kugel, sieh wie schön die Flocken wehen – und versuch, nicht durchzudrehen.

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Links am Morgen

Kid37 spielt mit einem Tier. Es wirkt. 

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Ich wusste nicht, dass es einen Sperlingskauz gibt.

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Apropos Sperling. Hier noch ein Lied mit richtig Drama.


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Das ungefähre Vorhaben

Im Garten blühen die Schneeglöckchen, und zwar tun sie das im toten Winkel des Gartens. Also in einer Ecke, die im Sommer schattig liegt. Die Erde ist da nicht so gut, da ist dröger und verhärteter Boden, keinen Spatenstich schafft man da. Es ist zudem ein Grenzstück zu den Nachbarn, weder wir noch die machen da etwas, das ist, soweit es das im Schrebergarten überhaupt geben kann, ein Quadratmeter eher unkultivierte Brache, die aber nicht zu einer üppigen Wildnis wurde, eher zu einer Art müdgrüner Karstlandschaft. Der am wenigsten angesehene und betretene, der kaum jemals gewürdigte Bereich ist das, der Fleck, an dem man vorbeigeht, ohne hinzusehen. Und da blühen die also. Eine kleine Kolonie weißer Lämpchen nur, man kann sie schnell übersehen. Aber wenn man erst weiß, dass sie da sind, dann wartet man auch auf sie und sieht immer mal wieder nach. Und deswegen gucken wir also wenigstens einmal im Jahr, sehr früh im Frühjahr, da hin und lächeln und bücken uns und freuen uns. Ist das nicht geradezu kalenderspruchmäßig deep und besinnlich? So ist das mit Gärten, so ist das immer.

Wir ernten Pastinaken, die sind nach dem Winter in der Erde so aromatisch und duften dermaßen angenehm, man könnte sich reinlegen. Wieder nehme ich mir vor, noch viel mehr Pastinaken zu säen, denn das ist es wert, dass man diese kleine Freude noch vor dem eigentlichen Beginn des Gartenjahres hat, diese erste Ernte als Nachhall des letzten Sommers und auch als allerletztes Winteressen. Die Pastinaken scheiden die Jahre, nach den Pastinaken das Neue.

Mehr Pastinaken also. Das reicht eigentlich schon als Plan, beschließen wir spontan. Der Rest ergibt sich. Der Winter war so unfassbar anstrengend, zehrend und fordernd, der Garten wird uns in diesem Jahr nur zur Erholung dienen müssen. Es wird keinen Anbauplan geben, keine Projekte, keine Vorhaben. Hinfahren und Kaffee trinken. Hängematte und Kuchen. Lesen und Schreiben und Schlafen. So etwas. Wir machen nur, was leicht ist, wir machen nur, was uns einfällt. Radieschen, Mangold, Zuckererbsen. Kartoffeln, Kürbis, die sind alle leicht und gut. Wir spielen „Das Beste aus 2020, 2019 und 2018“, wir legen das Gemüse von damals auf.

Das Obst macht sich eh selbst. Unterm Baum stehen und auf Kirschen warten.

Ein Sohn liegt auf dem Rasen und guckt in den Himmel. Das ist das Vorhaben, genau das.

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Für fünf Minuten

Am Morgen hole ich Brötchen und gehe an einer riesigen Rabenkrähe vorbei, die auf einem schmalen Vordach über einem Hauseingang sitzt und mich mit schrägem Kopf genau beobachtet und dann leise lacht. Zumindest klingt es so. Ich sehe sie fragend an, da dreht sie den Kopf weg und besieht sich lieber den vielversprechenden Morgenhimmel, recht demonstrativ tut sie das. Ich bleibe etwas stehen und sie sieht mich nach einem Augenblick wieder an und schüttelt den Kopf. Dann ruft sie einer Taube, die unter einem ausgesprochen armseligen Gebüsch am Straßenrand im Dreck pickt, etwas zu, und die Taube dreht sich doch tatsächlich um und blickt ebenfalls zu mir. Tiere sehen dich an, ich sage „Ja, was jetzt.“ Aber da kommt natürlich nichts und ich gehe entschlossen weiter. Mühsam drehe ich mich nicht mehr um, man hat ja soweit seinen Stolz. Im nächsten Schaufenster, eine Ecke weiter, betrachte ich prüfend die Spiegelung, ich sehe aus wie immer. Und genau das ist es wohl.

Es folgt der erste Tag im Garten und es ist wie im letzten Jahr und wie immer, ich habe die Hände bereits in der Erde, bevor ich auch nur an Gartenhandschuhe denken kann. Ich mag es einfach, Erde anzufassen, das ist nicht mehr heilbar. Ich wühle hingebungsvoll im erstbesten Beet und ziehe die Mangoldstrünke des letzten Sommers heraus, armdicke und blutrote Aderstränge sind das, sie sehen aus wie die Requisiten eines Horrorfilms. Der gute Gartentipp: Mangold einfach mal stehen lassen, er macht dann sehr tolle Sachen, wird riesig und sieht dabei unfassbar toll aus. Fast den ganzen Winter durch.

Ich wühle in der Erde, ich schiebe Laub beiseite und ziehe Rillen mit dem Zeigefinger, ich säe Radieschen. Säen, das ist eine Tätigkeit, die weiter nach vorne weist, das ist auch mal schön. Und ja, es ist vielleicht zu früh. Vielleicht auch nicht.

Die Herzdame hat den Saisoneröffnungskuchen gebacken, American Cheesecake, der ist sensationell gut. Nachbarn kommen vorbei, wir winken sie heran und sitzen draußen und reden, es fühlt sich fast normal an. So einen Abstand hatte man doch früher auch und meine Güte, ist der Kuchen gut.

Gänse ziehen etwas später über uns hinweg. Formationsflug, wie es sich gehört. Dann eine Wende, das große V löst sich auf, was machen sie jetzt? Sie kreisen über unserem Garten und rufen uns etwas zu. Dann noch ein Kreis und noch einer. Ich habe leider nichts verstanden. Wie auch, die haben ja alle dauernd durcheinandergerufen. Nach dem dritten Kreis fliegen sie weiter, was war das wohl? Eine Botschaft, eine Verheißung, eine Warnung, ein Gruß, ein Wildganswort, im Flug gerufen. Ob es wichtig war?

Ich spiele mit einem Sohn Ball, das tut gleichmäßig weh. Also im Rücken, in den Knien, in den Armen, womöglich fehlte mir in den letzten Winterwochen doch etwas Bewegung. Der Sohn rennt und fängt und tritt und wirft sich ins Gras und rollt und springt, ich bücke mich ab und zu stöhnend nach dem Ball. Das wird demnächst wieder besser.

Die Familie fährt am frühen Abend mit dem Auto nach Hause, nur ich fahre Rad, siehe Bewegung. Missstände immer sofort beheben! Ich biege aus dem Garten auf den Weg und fahre durch die Kolonie. Andere Nachbarn sitzen zu zweit im Garten und halten Händchen, ein altes Pärchen. Ein junger Mann kommt mir entgegen, der könnte fast noch ein Junge sein. Ein Vexierbildgesicht, Junge, Mann, es kommt auf den Winkel und die Beleuchtung an. Neben ihm ein Mädchen im gleichen Alter, eine junge Frau also vielleicht. Sie sehen sich an und halten ebenfalls Händchen und lachen. Er sieht auf ihren Mund, sie sieht in seine Augen, vielleicht war es auch umgekehrt. Ich fahre vorbei und hätte ich einen Rückspiegel am Fahrrad, ich hätte den Kuss sicher noch gesehen. Auf einer Bank zwei Mädchen, etwa sechste Klasse, die werfen die Köpfe zurück und lachen gleichzeitig über etwas, nach hinten fliegende Haare. Eine Bank weiter zwei Frauen, die sehen gemeinsam auf ein Handy und kichern über etwas, das sie dort sehen. Die Bille hinter ihnen ist noch eisbedeckt, aber es taut und man riecht das Wasser, zum ersten Mal seit Wochen riecht man es.

Die Gärten riechen von der anderen Seite des Weges nach Erde und auch nach einem fernen Feuer, die Gerüche mischen sich und das rührt in dieser Mischung etwas an, etwas ganz Altes und Unbewusstes. Ich fahre eine sachte Kurve, und die ist genau richtig, es ist eine überaus angenehme Kurve. Die Kurve und die Gerüche und die lachenden Menschen, die gehaltenen Hände und dass ich das erste Mal wieder ohne Jacke fahre, nur so im Pullover, und dass die Temperatur dennoch genau richtig ist, dieses alles zusammen, das ist, was ich lange nicht mehr hatte, das ist ein schöner Moment. Das gibt es ja heute kaum noch und ich fahre einigermaßen beseligt durch die Kurve und über eine Brücke und dann über noch eine und vergesse doch glatt und immerhin kurz den Lockdown und Corona und alles und für fünf Minuten, meine Damen und Herren, hier muss ich eben eine Künstlerin zitieren, die hier vor langer Zeit schon einmal vorkam, für fünf Minuten nämlich – hatte ich keine Angst vor gar nichts. Wer kann das schon von sich behaupten.

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Links am Morgen

Wissenswertes über Stockton-on-Tees. Doch, wirklich.

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Ich bin ja nicht die Lehrerin oder die Schulbegleiterin, sondern ich bin die Mama.

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Du gehörst nicht dazu! Noch einmal zum Thema Klasse.

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Ist es gesünder, wenn ein Kind alle 42 Bücher der »Warrior Cats«-Reihe liest, als wenn es mit seinen Freundinnen chattet? Wo so viel von Smartphonesucht und explodierenden Bildschirmzeiten die Rede ist, kann es sinnvoll sein, mal auf die feinen Unterschiede zwischen Handy und Heroin hinzuweisen.

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Inventur

Dies sind meine Hausschuhe,

dies ist mein Hoodie,

hier mein Sofa

gleich vorne im Flur.

 

Smartphone,

mein Twitter, mein Facebook,

ich hab‘ die Accounts

stets offen.

 

Mein Notebook teile ich

mit einem Sohn,

immer schließen wir

alle Dateien.

 

Im Unterverzeichnis

ein paar angefangene Texte

und einiges, was ich

auch ihm nicht verrate.

 

Das Notebook dient uns

als Schreibmaschine und Tafel,

die Arbeitsblätter hier

sind für die Schule.

 

Das alte Blog aber

lieb ich am meisten

morgens schreib ich die Texte,

die nachts ich erdacht.

 

Dies ist mein Streamingdienst,

dies ist mein Ladekabel,

dies sind meine Kopfhörer,

dies ist die Maus.

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In freundlichem Gedenken an Günter Eich.

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Wilde Milderung

Draußen findet eine wilde Milderung statt, es geht zügig auf zehn Grad und mehr zu. Beim Discounter gibt es schon irgendwas mit Bärlauch und natürlich auch Ostersüßwaren in pastellig bunter Frühlingsfarbgebung, es geht voran. Und es knirscht beim Gehen. Der Streusand liegt noch überall, jeder Schritt ein Geräusch, jeder Schritt eine Mahnung, gestern noch das Eis. Die ganze Stadt hat jetzt Sand im Getriebe, und wie viel davon. Man müsste hier mal weiträumig durchfegen, man müsste hier mal alles neu machen. Den Winter oder überhaupt alles rausfegen, klar Schiff machen. Das gilt auch für die Wohnung, wie sieht es hier aus, wer hat hier gehaust. Nächste Woche kommen die Handwerker und tauschen mehrere Fenster aus, vor dieser Aktion lohnt es nicht, einen Frühjahrsputz auch nur anzufangen. Ich habe vergessen, nach dem Spaziergang die Schuhe auszuziehen, jetzt knirscht es auch in der Wohnung. Überall Reibung.

Im Hafen tuten tief die Schiffe. Der Wind steht gerade wieder so, dass wir es deutlich hören. Nie war mir das ein Fernwehgeräusch, jetzt schon. Die Leinen losmachen, das klingt in der aktuellen Situation schön und vielversprechend. Und dann wenigstens, na, sagen wir nach Helgoland. Übers Meer, übers Meer, heute fahren wir übers Meer. Einmal dort um die Düne gehen, das wäre ja schon viel. Im Dünenrestaurant draußen sitzen und Pommes in der Sonne essen. Dann wieder rüber zur Hauptinsel, was schon viel zu groß klingt für Helgoland, in ein Hotelzimmer gehen und nichts machen müssen. Das dann aber mit Begeisterung.

Ich höre stattdessen eine Radiosendung über den Raummythos Transsilvanien (54 Minuten). Ich googele das seltsame Hotel am Borgo-Pass, um welches es da geht, es sieht nicht gerade einladend aus. Aber drüber bloggen könnte man schon, denke ich, und früher hätte ich so etwas nicht gedacht. Transsilvanien. Warum nicht. Literarische Bezüge, schöne Landschaft, reiche Geschichte. Und Untote, okay, aber irgendwas ist ja immer. Geister, die ihren Opfern zwar nicht das Blut, aber doch alle Energie rauben, wie die Rumänen in der Sendung erklären. Das kennt man auch von gewissen Pandemien, diesen Raub. Untote Viren, dennoch leben sie nicht und haben es auch nie.

Ich reise nicht, natürlich nicht. Ich gehe wieder nur knirschend einkaufen, irgendwas noch ohne Bärlauch, und pfeife dabei La Paloma, das kommt davon, wenn man große Schiffe hört. Das Geburtshaus von Hans Albers wird gerade saniert, sehe ich im Vorbeigehen.

Immer alles in Form halten, ganz wichtig.

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