Abmeldung mit Hegel und Erläuterungen

Eine unvorhergesehene Blogpause, pardon. Sie wird Ihnen präsentiert von einem Phänomen, das viele, auch ich, als Tagesthema längst nicht mehr parat haben, das nach Vergangenheit und verblassenden Erinnerungen klingt, aber dennoch ein klarer Fall von „Manchmal kommen sie wieder“ ist und außerdem irgendwo da draußen: Dieses Virus nämlich, mit dem wir, wann war es denn gleich noch, alle gemeinsam so intensiv Pandemie gespielt haben.

Ich mache Tests und gucke auf Striche. Ich lese die aktuellen Symptome nach und nicke matt, denn die Müdigkeit steht da auch in den Beschreibungen, und ich lese es nach einem nahezu komplett verschlafenen Tag. Wann ist mir so etwas zuletzt passiert, ich kann mich nicht einmal mehr genau erinnern, aber vermutlich war es bei der letzten Runde mit diesem Virus. Ein fast komplett verschlafener Tag, an dem ich mich ansonsten mit dem amüsiert habe, was da noch alles an Betriebsstörungen aufgelistet wird. Ganz toll.

Cicada heißt die aktuelle Variante wohl. Als ob Insekten dieses Virus übertragen würden, so hört sich das an. Aber es ist in dieser Gegend zu kalt für sich tummelnde Insekten, die einen hinterrücks anfallen könnten, so viel steht fest.

Wissen Sie noch, wie wir alle die aktuellen Namen der Virusvarianten im Smalltalk parat hatten? Wie wir diskutiert haben, was sich gerade wie und wo ausbreitet und welche Folgen das haben könnte? Von Cicada hatte ich bis eben gerade noch nie etwas gehört. Und auch nicht davon, dass es weitere noch umlaufende Varianten wie „Nimbus“ oder „Frankenstein“ gibt.

Der Name Frankenstein passt gar nicht so schlecht zu meinem Erleben. Denn man fühlt sich in der Tat so, es kommt wirklich sehr gut hin, wie aus unbelebten Teilen schlecht zusammengesetzt.

Aber wie auch immer, ich lege mich wieder hin. Und kümmere mich später dann, dem Kanzler zur Freude, um die Krankschreibung. Ich arbeite in Teilzeit, ich bin krank, das Private ist politisch, ne? Wenn man das in der Wikipedia nachliest, hier, und wenn man dann in dem Artikel dort auch dem Link zur „Standpunkt-Theorie“ folgt, ist man schon bei Hegel („Nach Hegel hat der Knecht einen erkenntnistheoretischen Vorteil gegenüber dem Herrn“), Marx und Bourdieu.

That escalated quickly.

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Kultur im Konjunktiv

Das Wochenende brachte zwar immerhin den Monatswechsel, und das ist nicht nichts, sondern im Falle des ersten Quartals eher ein Kennzeichen der Hoffnung, aber es lieferte mir auch eine weitere Variante des saisontypischen Gefühls, gleich krank zu werden. In einer Stunde vielleicht, in zwei, drei … es zog schon im Hals, in den Gliedern, es gab schon diese allgemeine Verelendung und ein Gefühl von: „You may now serve the usual drugs.“ Es zog sich dann aber immer weiter so hin.

Weswegen mir die Kälte da draußen mit diesen absurden, stark zur Übertreibung neigenden Real-Feel-Graden weit im zweistelligen Minusbereich gleich noch viel kälter vorkam. So kalt sogar, dass mir alle Lust verging, mich ihr auch nur kurz auszusetzen. Spaziergänge hin oder her, man kann auch nicht jeden Tag gewinnen. Nicht einmal als Mensch mit Prinzipien.

Den eigentlich vorgesehenen Kulturtipp kann ich daher nur im Konjunktiv notieren. Unter anderen Umständen hätte ich am Sonnabend ins Theater gehen können, und Mama Odessa in den Kammerspielen wäre das Stück der Wahl gewesen. Ich glaube, es ist gut, und sehen Sie mal, es gibt sogar Stadtteilrundgänge passend zum Stück. Da ich dort um die Ecke einmal gewohnt habe und sie dabei also durch meine alte Heimat laufen, wobei sie über die alte Heimat anderer reden, ist das für mich eine ziemlich gute Idee.

Na, das Stück läuft noch bis Ende Februar. Vielleicht gibt es noch Hoffnung im zweiten oder dritten Anlauf oder wenn ich mich wieder an den alten Titel von Bernd Begemann halte: „Gib mir eine zwölfte Chance.“

Am Sonntag habe ich mich doch kurz aufgerafft, denn der Mensch, auch der sich wehleidig gebende, muss zwischendurch gelüftet werden. Mit anderen Freizeitakiven im Pinguingang watschelte ich lustlos über die vereisten Wege in Planten & Blomen. Der Park sah mir noch entschieden zu winterlich aus, der Fernsehturm ragte als Gewächs der Taiga in die Höhe.

Planten un Blomen, verschneit und vereist

An sämtlichen Gewässern dort hat man viele warnende Schilder aufgehängt, dass das Betreten wegen Lebensgefahr verboten sei, rote Schrift und Ausrufezeichen. Dahinter dann jeweils die Fußspuren auf der Eisdecke.

Planten un Blomen, verschneit und vereist

Aus Bonn wurden mir währenddessen vorgezogene Frühlingseinzugsbilder aufs Smartphone geschickt, blühende Krokusse auf grünen Wiesen, herumtollende Lämmer. Die sind da doch weiter im Süden, als es mir im letzten Jahr auf meiner Reise dorthin aufgefallen ist. Die lange, lange Fahrzeit von über sieben Stunden lag am Ende gar nicht nur an den Fehlleistungen der Deutschen Bahn.

Man sollte immer mehrere Optionen für möglich halten.

Planten un Blomen, verschneit und vereist

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Sonntagslinks

Noch einmal kurz zum neulich bereits erwähnten Viktor Frankl. Es bleibt für mich doch interessant, diesen intensiv denkenden Menschen wie Fromm oder Frankl auf YouTube etwas hinterherzugehen.

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Und wo ich schon bei „YouTube als moralische Anstalt betrachtet“ bin: Walther Ziegler hat mich dort erneut und hoffentlich erfolgreich belehrt. Diesmal mit einer unterhaltsamen Stunde über Jean-Paul Sartre.

Auch von Walther Ziegler habe ich noch einige Vorträge übrig, was mir sehr angenehm ist.

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In Hamburg findet dieser Tage der venezianische Karneval statt. Eine kleine, sehr feine und, man hört es staunend, nicht kommzerzielle Veranstaltung. Von Liebhaberinnen und Liebhabern der Sache getragen. Einfach so.

Eine Darstellerin im venezianischen Karneval

Eine Darstellerin im venezianischen Karneval

Darsteller im venezianischen Karneval

Darsteller im venezianischen Karneval

Ein Pierrot im venezianischen Karneval, turnend an einem Laternenmast

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Passend für den Freundeskreis Philosophie und Overthinking, auch noch passend für die Anhängerschaft Frankls und der Logotherapie, hörte ich einen Podcast über den Sinn des Lebens. Man will sich auch nicht immer nur mit den kleinen Themen des Alltags beschäftigen, nicht wahr. Ab und zu auch mal im größeren Bogen denken: „Anderen wichtig sein“, bei Detektor.fm. 22 Minuten, mit Denkbeispielen und allem.

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Vanessa schreibt über die Jugend von heute, die Kaltmamsell ergänzt.

Wozu ich nur kurz etwas ergänzen möchte. Ein Aspekt, der hier vor Jahren schon einmal vorkam und der eher unterschätzt wird, so weit ich es mitbekomme. Ich kann nur für die paar jungen Menschen Aussagen treffen, die ich kenne, etwa weil ich sie selbst gezeugt und großgezogen habe, es mag also nicht für alle Gültigkeit haben. Aber da diese jungen Menschen schon im Kindergarten und in der Grundschule usw. Methoden der Konfliktklärung und der Mediation wie nebenbei erlernt haben, weil es für sie in all diesen Einrichtungen immer normal war, über Konflikte zu reden und Interessen und Gefühlslagen abzuwägen, haben sie eine vollkommen andere Art (oder zumindest das Potential dazu), mit Problemen umzugehen.

Und zwar ist diese Fähigkeit bei ihnen teils dermaßen ausgeprägt und wird mit einer Selbstverständlichkeit angewandt, dass gewisse Vorgängergenerationen, etwa meine, dagegen etwas steinzeitlich anmuten. Wir haben auf dem Schulhof noch Keulen geschwungen.

Mit anderen Worten: Über Stuhl- und Morgenkreise etc. kann man gut spotten, aber völlig sinnlos kommen sie mir nach ein paar Jahren der Beobachtung nicht vor.

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Kid37 hat eine neue Waschmaschine und eine langjährige Beziehung beendet.

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Bei arte sah ich die zweiteilige Doku über Walt Disney und schloss auch dabei einige Bildungslücken: „Der Zauberer“. Sympathischer wird der Meister einem nicht zwingend, wenn man etwa an seinen Umgang mit den Gewerkschaften, an seinen Despotismus etc. denkt. Aber ich habe auch nicht genau gewusst, wie groß sein persönlicher Anteil an vielen Erfolgen der Disney-Firma war. Es ist dann doch beeindruckend.

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Diese Serien-Rezension zu „The Danish Woman“ klingt so, als würde ich das sehen wollen.

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Apropos Film und Serie: Markus wies auf Bluesky auf die Seite „Wikiflix“ hin, welche hier erläutert wird und hier zu finden ist und einen schon auf den ersten Blick lange, lange mit Filmmaterial versorgen kann, noch über die Saison der diesjährigen Winterabende hinaus.

Auch z. B. mit frühen Disney-Klassikern wie Steamboat-Willie, wo ich doch gerade dabei war.

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Ebenfalls auf arte sah ich die Sendung über Hannah Arendt: Eine Jüdin im Pariser Exil. Einige der alten Interview-Aufnahmen mit ihr sind darin und ich habe wieder bemerkt: Ich höre sie sehr gerne reden, ich finde sie äußerst gewinnend.

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Auf Bücher von Menschen, die ich kenne, weise ich besonders gerne hin. In dieser Rubrik wird es bald ein neues Werk von Meike Winnemuth geben. Genauer im März, also gleich schon, mit etwas Optimismus betrachtet. Ich kenne es noch nicht, aber thematisch wird es ganz zweifellos zu mir passen: „Eine Seite noch – Warum Lesen uns so glücklich macht“ (Verlagslink).

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Ba- übermäßig ennuyiert

Eine Nachbemerkung zu einer Veranstaltung, auf der ich gerade war. Nämlich zu dem Abend in der Freien Akademie der Künste, bei dem es um die Tagebücher 1957 – 1962 von Arno Schmidt ging. „Ich liebe den Alltag sehr“ (hier eine schöne Blog-Rezension zum besonders liebevoll editierten Buch, das seinen Preis hat: schlanke 68 Euro kostet es, hier noch der Verlagslink. Aber es ist auch ein enorm ansprechend gemachtes Buch, echtjetztmal, ich hatte es dort vor Ort in der Hand).

Ein Abend mit der Herausgeberin dieser Tagebücher Susanne Fischer war es, und mit dem sicher bekanntesten Schmidt-Fan in diesem Land, Jan Philip Reemtsma, der mit dem Dichter noch zu seinen Lebzeiten dies und das zu tun hatte, auch hier in der Wikipedia nachzulesen. Wobei der Herr Reemtsma auch ein Vorleser von Format ist und sich vermutlich in den Schmidtkauz einfühlen kann wie kaum ein anderer.

Ein vereister Bootssteg an der Außenalster

Ich habe am Vortag und auch am Morgen des Veranstaltungstages jedenfalls noch einmal nachgesehen: Es gab kaum Hinweise auf diese Veranstaltung, wo auch immer ich geprüft habe. Nicht bei den lokalen Medien, nicht bei den einschlägigen Hamburger Insta-Accounts mit den obligatorischen Agenda-Meldungen. Obwohl die Einzelkomponenten der Veranstaltung, Fischer, Reemtsma, Schmidt, Freie Akademie der Künste als einigermaßen hochkarätig zu bezeichnen sind.

Es bestätigt wieder, was ich gebetsmühlenartig von mir gebe: Es ist so gut wie unmöglich, auch nur halbwegs alle Termine mitzubekommen, die einen interessieren. Zu schweigen von denen, die einen nur vielleicht interessieren könnten. Die Informationslage rund um Termine ist einfach furchtbar schlecht, ist peinlich schlecht. Wir konnten das schon einmal besser – aber okay, Opa erzählt vom Print-Zeitalter. Lassen wir das. Beim SWR gibt es übrigens eine interessante Sendung von Christoph Drösser zum Nostalgie-Thema: Was junge Menschen an früheren Jahrzehnten fasziniert. 29 Minuten, sehr gerne gehört.

Blick über die vereiste Außenalster

Schmidt selbst wird einem, wenn man sich wieder einmal intensiver mit ihm beschäftigt, als Mensch vermutlich nicht zwingend sympathischer. Milde ausgedrückt. Als Autor aber doch. Frau Fischer las zu Beginn aus einem Essay von ihm vor, es ging da ums Tagebuchschreiben. Arno Schmidt erläuterte in diesem Text die von ihm seinen Tagebüchern verwendete Abkürzung „Ba“. Was für „Brille abgenommen“ steht. Schmidt sah sehr schlecht, er konnte sich daher, wenn er die Brille abnahm, aus der Wirklichkeit ihm unangenehmer Gesprächssituationen geistig komplett verabschieden. Etwa wenn ihn, so hieß es da, die anderen Menschen wieder „über alle Maßen ennuyiert hatten.“ Was bei ihm schnell und oft der Fall war, aber wer kennt es nicht.

Zu diesem Essay gab es noch eine Pointe, denn die von ihm so hervorgehobene Abkürzung „Ba“, sie kommt in Wahrheit in seinen Tagebüchern nicht vor. Nicht ein einzige Mal. Ich habe es mit viel Sympathie gehört, es war eine Drehung, die mir gefiel.

Was aber tatsächlich in seinen Tagebüchern vorkommt – und wie häufig! – das ist das mittlerweile unmodern gewordene Wort „Gewäsch“. Immer nach dem Muster: „X zu Besuch. Gewäsch.“ Am Ende, denkt man sich vielleicht, war es für Arno Schmidt kein abwertendes Wort, zumindest nicht immer, sondern nur eine Floskel, um längere Gespräche zu vermerken? Die Deutung fremder Tagebücher ist bekanntlich auch nicht immer einfach.

Es war außerdem, und ich vermerke es mit Freude, eine dieser Abende, an denen ich entschieden zur Verjüngung des Publikums beigetragen habe. Es gelingt mir nicht mehr allzu oft, ich muss mich dafür kulturell immer eindeutiger nach rückwärts orientieren. Aber gut, das mache ich gerne.

Dann doch einmal ein abschließendes und hoffentlich angemessenes TL;DR zu diesem Eintrag: „Auf einer Arno-Schmidt-Lesung gewesen. Gewäsch.“

Eine hellrot leuchtende Boje im Alstereis

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Wer anderen keine Grube gräbt

Vorweg vielen Dank für die freundliche Zusendung von „Das Schweigen des Meeres“ von Vercors, ein Buch, das auf dem Wunschzettel stand. Deutsch von Karin Krieger, mit einem Essay von Ludwig Harig. Es ist mir unlängst online über den Weg gelaufen, evtl. war es bei Nils Minkmar. Es fällt mir gerade nicht mehr ein, aber es ist auch egal – jedenfalls freue ich mich auf die Lektüre, ein Werk mit zweifellos interessanter Geschichte.

Herzlichen Dank!

Das Buch "Das Schweigen des Meeres"

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Im Hamburger Hafen stecken währenddessen zum ersten Mal seit etlichen Jahren Barkassen im Eis auf den Fleeten in der Speicherstadt fest, lese ich beim NDR, und in den Home-Offices dümpeln die Menschen träge im winterlichen Strom der Gedanken. Stillstand und Januar-Zeitlupe überall. Die Müdigkeit und das Formtief haben gerade einen Drall ins Kollektive, zumindest nach meinen Kontakten zu urteilen.

Entweder habe ich ein besonders durchhängendes Netzwerk oder es ist einfach, wie es ist, womöglich auch bei Ihnen da draußen an den Empfangsgeräten. Und es macht ja auch nichts. Es ist nur etwas Saisonales, es ist wie immer alles nur eine Phase. Und überhaupt, ich schreibe hier nur neutral mit, ohne Kritik oder Forderungen. Was man als Chronist so macht.

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Was noch? Zum bei mir so überaus beliebten Thema Zeugen und Wirklichkeit habe ich eine weitere und aktuelle Anmerkung. Nämlich wie folgt:

Wenn ich vom Schreibtisch aufstehe, kurze zwei Schritte zum Dachfenster gehe und mich etwas hinausbeuge, sehe ich die Großbaustelle für das neue, mittelgroße Hotel im mittelpreisigen Bereich, das direkt neben dem sehr großen, sehr teuren Hotel gebaut wird, in unserer Straße. Die alten Häuser aus der Nachkriegszeit haben sie dort restlos abgerissen, dann haben sie die Trümmer abgeräumt und die Fläche planiert. Neulich erst haben sie den riesigen Kran aufgestellt, ich berichtete.

Ich wunderte mich aber die ganze Zeit schon, weil die da keine Grube ausgehoben haben. Weil sie nicht in die Tiefe gingen, wie war das denn bloß möglich. Muss man denn für ein Hotel dieser Größe keine Garage mehr bauen, keinen Keller, keine Untergeschosse irgendwelcher Art und Nutzung? Was konnte das bloß veranlasst haben, es leuchtete mir nicht ein. Hatte ich doch schon damit gerechnet, dass der Kampfmittelräumdienst dort beim Ausheben der großen Grube wieder etwas zu tun bekommt, dass also auch wir unsere Wohnung sicherheitshalber einen Tag lang oder so verlassen müssen. Abenteuer!

Denn man kennt das hier so. Stadtmitte, drei, vier Meter tief – da liegen sie noch reihenweise herum, die Geschosse von 1943, die Reste der Operation Gomorrha und der nachfolgenden Angriffe. Bei Baustellen im benachbarten Hammerbrook etwa ist der obligatorische Bombenfund reine Routine, beim Aufbau der Hafencity war es sicherlich auch so.

Aber wie gesagt, keine Grube dort drüben. Ich habe meine Verwunderung darüber, es wird gleich peinlich für mich, auch anderen Menschen mitgeteilt. Etwa diversen Familienangehörigen, die mir nicht rechtzeitig ausweichen konnten. Die das aber jeweils seltsam uninteressant fanden, sogar noch beim dritten oder vierten Versuch, sie für diese Sache zu begeistern. Die meinten wohl, andere und vor allem spannendere Sorgen zu haben.

Als sei es nicht äußerst bemerkenswert, dass die Bauarbeiter da nicht in die Tiefe gehen, dass sie also, haha, anderen keine Grube graben … „Ja“, sagten die diversen Familienangehörigen, „wir haben es ja verstanden. Ist gut jetzt.“

Und dann immer dieses banausenhafte Augenrollen dabei, dieses schnelle Abwenden. Ich habe es auch nicht immer leicht hier, weiß Gott nicht.

Ich dagegen, ich interessiere mich immerhin für das, was um mich herum vorgeht. Was nun einmal mit dem beginnt, was man von hier aus sehen kann. Der Content in Sichtweite, er wird so oft unterschätzt, dabei ergibt er sich regelmäßig in reichem Ausmaß. Sie merken, ich stehe konsequent zu meinen Eigenarten. Das steht mir jahrgangsmäßig mittlerweile auch zu, denke ich, in Vorbereitung auf die fortschreitende Schrulligkeit und Schrathaftigkeit (diese beiden schönen Begriffe bitte auch einmal in die Kurse „Deutsch für Ausländer“ hineinschmuggeln) des höheren Alters.

Aber es ist alles ganz anders. Wie ich nun, wo der Text voranschreitet, wohl zugeben muss, mindestens milde erschüttert.

Meine Spaziergänge führen normalerweise nicht an dieser Baustelle vorbei, ich gehe stets in anderer Richtung aus dem Haus. Nun bin ich aber doch einmal da vorbeigegangen. Und stand dann vermutlich unangemessen lange mit leicht deppertem Gesichtsausdruck am Bauzaun und sah – in die Grube.

In die Grube, die etwa ein, zwei Stockwerke umfassen dürfte, wenn das Hotel einmal fertig erstellt sein wird. Eine normale Baugrube eben. Dann ging ich wieder nach oben und sah noch einmal aus dem Fenster.

Es ist tatsächlich so ein Perspektiv-Ding. Ich sehe von oben auf diese Fläche, auf der die alten Häuser standen, auf diese Fläche, die sie jetzt planiert haben. Aber ich kann von hier oben nicht erkennen, wie tief diese Fläche liegt. Der Bildausschnitt gibt das nicht her, was ich aber nicht wusste. Und ich bin mir in diesem Fall nicht sicher, ob ich nicht bereitwillig jeden Eid darauf geleistet hätte, dass man es bei dieser Baustelle unterlassen hat, eine Grube auszuheben.

„Aber haben Sie das denn auch genau gesehen?“ „Ganz genau, Frau Richterin. Und jeden Tag!“

Es bleibt doch ein komplizierter Sachverhalt, das mit der Wirklichkeit und der Wahrnehmung. Ich wollte es nur noch einmal kurz angemerkt haben.

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Mit Träumen rauf, mit Büchern runter

Meine Mutter erzählt mir von seltsamen Träumen, die sie in diesen Nächten hat, ganz als seien jetzt erst die bekanntlich besonders durchlässigen Raunächte dran. Von Dämonen der Vergangenheit und auch anderen erzäht sie, die ihr da nächtlich begegnen, in ganz ungewöhnlich plastischer Deutlichkeit, geradezu fantasyfilmtauglich. Ich höre es mit großem Interesse, denn es geht mir auch gerade so, und zwar im stark auffälligen Bereich. Familienähnlichkeiten ergeben manchmal seltsam verschlungene Linien.

Träume habe ich mitten im Januartief jedenfalls gerade, und zwar gleich reihenweise und bestens erinnerbar, die ich eigentlich einer Therapeutin erzählen müsste, um mich wenigstens ein wenig von ihnen zu entlasten. Und ich habe auch solche, die ich nicht einmal einer Therapeutin erzählen würde. Außerdem noch solche, die könnte ich, wäre ich Autor in diesem speziellen Genre, also in dem mit diversen Wesen der Finsternis auf dem Einband, einfach abschreiben. Für den Entwurf zum nächsten 400-Seiten-Wälzer über andere und eher nächtliche Welten.

Speicherstadtfleet mit Eisresten

Maxi hat zu viel Fantasie“, wie es schon im Grundschulzeugnis damals hieß. Nein, Phantasie wird dort sicherlich noch gestanden haben. Ab und zu fällt mir auch dieser Satz wieder ein und ich murmle dann im tiefstmöglichen Tonfall, irgendwo da unten im Register für Figuren von Bram Stoker: „Sie haben alle nie verstanden, was ich wirklich sehe.

Dann gehe ich runter in den Keller, um dort ein wenig zu lachen.

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Ein neues Hörbuch habe ich passend dazu begonnen, und zwar die „Elixiere des Teufels“ von E. T. A. Hoffmann, in denen es kaum gelingt, zwischen den Welten der Wirklichkeit und denen des Wahns zu unterscheiden. Verfügbar ist das Buch in der ARD-Audiothek, gelesen von Peter Lieck. Es ist eines der lange aufgesparten Bücher, ich kenne es erfreulicherweise noch nicht. Und das ist gut so, denn man möchte doch jederzeit Schätze auf Vorrat haben, und  keineswegs nur in Bezug auf schnödes Geld.

Speicherstadtfleet mit Eisresten

Wie bei fast allen Büchern aus dem 19. Jhdt. kann heute schon der Tonfall, ganz unabhängig von den Verwicklungen der Handlung, von der Moral, der Intention etc., als mindestens milde sedierend durchgehen. Einfach durch das andere Tempo und Konzentrationsvermögen jener Zeit, welches sich in jedem Satz ausdrückt. Im ruhigeren Aufbau der Gedanken, im gefälligeren, bedachteren Sprachrhythmus und in der geduldiger inszenierten Abfolge der Ereignisse. Das gilt sogar für einen Roman wie diesen, den Hoffmann laut Wikipediain wenigen Wochen herunterschrieb.

Mittlerweile lese ich solche Klassiker vermutlich längst aus therapeutischen Gründen, was eine unbewusste, aber immerhin zielführende Wahl war. Denn sie wirken sogar, wie schön ist das denn.

Zollhafen mit Resten von Eis auf dem Wasser

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Es wird viel passieren

Christian macht Musik (mit lesenswerten Linernotes hier – ich  muss noch darüber nachdenken, warum Kattegat der Song meiner Wahl ist) und Kiki schreibt sowohl darüber als auch über die notwendige Bandenbildung. Christian macht Musik, Kiki macht Kunst, ich mache nur so Texte.  Die Herausforderungen ähneln sich in der heraufziehenden KI-Welt.

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Phasenweise neblig-trüb, so beschreibt es ansonsten die Wetter-App und benennt dabei äußere wie auch innere Umstände. Die Wege bleiben uns verschneit und vereist. Je nach Nässe und Gefrierstatus tappen Menschen im Pinguingang über die Straße vor der Haustür, und nicht weit von hier liegen auch schon zwei auf dem Rücken. An der Kombination aus vereistem Kopfsteinpflaster und Büroschuhen sind sie gescheitert, und zappelnd liegen sie nun da, wie Gregor Samsa am frühen Morgen nach besonders unruhigen Träumen.

Der Brunnen auf dem Hansaplatz, leicht verschneit

Wesentlicher Smalltalk-Inhalt in dieser Stadt ist jetzt, dass man dazu nun aber keine Lust mehr habe. Überall hört man das, sowie auch die stets mitgelieferte Zusatzinformation, dass es einfach eklig sei. Dass das alles da eklig sei, wobei man dann vage in Richtung Fenster oder Tür zeigt, manchmal auch zum lichtgrauen Himmel, aus dem alles Mögliche heute noch kommen kann und auch wird. Man sagt auch, da wird es dann tiefsinnig und fast schon gelassen, seelenruhig alles akzeptierend: Januar eben erst, ne. Wozu noch der sich im nächsten Satz anschließende Glaubenssatz gehört: Da kommt aber noch was.

Ein Steg an der Außenalster, mit leerer Außengastro-Bestuhlung vor vereister Kulisse

Ja, da kommt wohl noch was, und nicht nur beim Wetter. Marienhofmusik im Hintergrund, es wird viel passieren. Wir kennen das.

Ein Steg an der Außenalster, ins Eis ragend

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In diesem Sinne sah ich am Wochenende auf meine Liste von zu besuchenden Lokalen (was bitte haben Sie denn gedacht, selbstverständlich habe ich eine Liste, ein System und alles, soweit sollten Sie mich doch mittlerweile kennen), wählte aus der ansprechend gut gefüllten Rubrik „Café“ etwas aus und lenkte meine Spazierschritte dann so, dass ich schließlich dort vor der Tür landete. Es handelte sich um ein Café in Elbnähe, auf Instagram gekonnt mit Bildern beworben, in denen man gerne wohnen möchte.

Allerdings landete ich trotz einwandfreier Zielgenauigkeit keineswegs plangemäß direkt vor der Tür des Cafés, das wäre ohne Rüpelei auch gar nicht möglich gewesen. Denn dort standen schon etwa zwanzig Menschen vor mir. In der Kälte. In einer ordentlichen, geradezu britisch anmutenden Schlange aufgereiht. Vor einem Café, wie ich mir dann etwas entgeistert wiederholte, mit angemessenem Erstaunen in der Stimme.

Was ich mir eine Weile kopfschüttelnd besah, um dann frierend, fluchend und unverrichteter Dinge weiterzuziehen. In irgendeinen gewöhnlichen Coffeeshop einer beliebigen Kette in der Nähe. Gar nichts Besonderes war dieser Notfall-Coffeeshop, keine interessante Location von der Liste. Aber ich kam dort anstandslos rein, ich fand sofort einen freien Platz und auch einen heißen Latte Macchiato. Und dachte dann beim Trinken erneut: „Schlangestehen vor Cafés? Echt jetzt?“

Was ich mir aber lediglich mit weiterem Kopfschütteln beantworten konnte. Man findet nicht immer gleich die richtigen Worte, um seiner Verwunderung Ausdruck zu verleihen.

Und manchmal findet man sie auch gar nicht.

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Kennzeichen der Gegenwart

Noch ein Arztbesuch. Im Wartezimmer sitzend höre ich aus dem Behandlungsraum das Lachen mehrerer Personen. So ein Lachen, das schnell zum Gelächter wird, aufbrandende Heiterkeit der ausgelassensten Sorte. Man kriegt sich da gar nicht mehr ein. Man kriegt auch kaum noch Luft, so klingt es jedenfalls. Unwillkürlich stellt man sich da als Zuhörer vor, wie man sich hinter der Tür die Bäuche hält, auf die Schenkel schlägt, die Lachtränen trocknet etc.

Als Zuhörer vor der Tür verbleibt man ebenso pointen- wie ratlos, aber so ist es ja oft im Leben.

Welche Diagnose mag wohl die lustigste sein, die man bekommen kann? Mir fällt in diesem Wartezimmer keine ein, die ich auch nur milde erheiternd finden würde. Aber das liegt vielleicht nur wieder an meiner regulären Januarverstimmung.

Beim Zahnarzt wiederum, ich komme gerade etwas herum, arbeitet man jetzt gekonnt mit Cliffhangern, das war mir auch neu. Nach der Behandlung und während noch der Stuhl hochgefahren wird, teilt man mir wie nebenbei noch eben die Notwendigkeit eines weiteren Termins mit, denn, so heißt es ohne weitere Aufklärung, man habe da an zwei Stellen etwas gesehen … und dann schweigt man beredt erst einmal einen Moment und guckt bedeutungsschwer … na, das werde man dann schon noch genauer besprechen.

Beim nächsten Mal.

Ich stelle mir daraufhin vor, dass es sicher längst Menschen gibt, die in dieser Hinsicht Seminare für Zahn- und andere Ärztinnen anbieten. Attraktive Weiterbildungsmöglichkeiten zu den interessanten und besonders zeitgemäßen Themen Spannungsaufbau, Storytelling und Kundenbindung. Am Ende ist auch das ein weiterer Markt.

Das Problem ist nur, merke ich nach einer Weile, während ich auf dem Heimweg weiter darüber nachdenke, dass ich es mir etwas zu gut vorstellen kann. So dermaßen gut, realistisch und detailreich kann ich es mir vorstellen, dass sich der intendierte satirische Aspekt zügig verliert, schließlich ganz auflöst und bald einem fatalistischen Abnicken der vermutlich längst eingetretenen Sachlage weicht. Es ist ein wenig schade.

Aber so geht es vielen von uns immer öfter, glaube ich, es ist ein Kennzeichen der Gegenwart: Man findet kaum noch etwas, das man vernünftig parodieren kann. Es ist alles längst allzu wahr und vor allem auch allzu ernst gemeint.

Kreideschrift auf dem Pflaster: zuletzt lachen

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Apropos Vorstellungskraft. Im Hamburger Hafen legt ein besonders großes Schiff an. Es kann, so lese ich beim NDR, mehr als 24.000 Standard-Container transportieren. Und hier gilt auf einmal das Umgekehrte: Ich kann es mir nicht vorstellen. Ernsthaft nicht.

Nein, es kann doch – also bitte, echtjetztmal! – kein Schiff geben, auf das mehr als 24.000 Container passen. Wer soll das denn glauben, wie groß soll das sein? Kampfstern-Galactica-Format müsste das doch sein, und als ob so etwas dann in die Elbe passen würde.

Es kann sich bei diesen Mengenangaben nicht mehr einfach nur um ein weiteres Schiff handeln. Selbst nachzählen müsste ich diese Container, um diese absurd anmutende Mengenangabe wirklich zu glauben. Um sie mit einem sicheren Gefühl glauben zu können, mit Wirklichkeitsbezug und vernünftiger Absicherung.

Kräne im Hamburger Hafen

Man würde allerdings eine Weile brauchen, denke ich, um 24.000 Container mit einer Strichliste vor Ort und also an Bord nachzuzählen. Sicher aber würde man wesentlich länger brauchen, als ich zwischen meinen To-Dos und Terminen in absehbarer Zeit Gelegenheiten für dergleichen finden könnte. Es ist wohl wie mit dem unendlichen Universum: Man muss die Größe einfach so hinnehmen.

Aber leicht fällt es mir nicht.

„Und die Container, die fallen
Unter grandiosem Gepolter
In den hungrigen Bauch
Eines uralten Frachters
Und mein Herz, es poltert auch.

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Mit Links in die Woche

Sie werden es mitbekommen haben, dass in Deutschland gerade konservative Politik gegen das Recht auf Teilzeit gemacht wird. Auf wiederum beklagenswert dürftigem Niveau, was die Argumentation und die Ableitung betrifft, und vermutlich auch von falschen Zahlen ausgehend. Aber gut, wer wird da überhaupt noch Erwartungen haben.

Sprachlich interessant fand ich die Verwendung des Begriffs „Lifestyle“ im Sinne einer Abwertung. Denn es geht da um Menschen, die aus vermeintlich nicht zwingenden Gründen, sondern „nur“ wegen ihres Lifestyles in Teilzeit arbeiten möchten.

Der Lifestyle scheint also eben nicht zwingend zu sein, sondern ist eher eine freiwillige Ausrichtung des Wollens und Wirkens. So wie man etwa auch Lifestyle-Konservativer werden kann. Man muss gar nicht so sein, man kann es aber, obwohl es doch vielleicht der Gesellschaft schadet.

Wie auch immer, ich wollte nur eben erwähnen, dass die Begriffsgeschichte von „Lifestyle“ vielleicht Überraschungen enthält. Denn man landet, wer hätte es gewusst, bei Alfred Adler und Max Weber, wenn man einmal nachlesen möchte.

Der Anleger Rabenstraße, dahinter die teils gefrorene Alster

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Wir haben währenddessen einen Staatsbürger in Vollzeit mehr und nahezu alle Scherze und Pointen, die mir dazu einfallen, klingen seltsam verbraucht und übermäßig durchgenudelt. Vielleicht reicht ein schlichtes „Herzlich willkommen!“ auch vollkommen aus.

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Gesehen habe ich auf arte diese Doku über „Bettie Page – Godmother of Striptease“ (von ihren Schwierigkeiten mit psychischen Krankheiten und religiösen Exzessen wusste ich bisher nichts) und diese über „David Bowie – der letzte Akt“. Die ich dann an einigen Stellen unerwartet rührend fand, etwa bei der Geschichte seines Glastonbury-Auftritts im Jahr 2000. Schlimm.

Außerdem sah ich noch diese Sendung über das Werk der Coen-Brüder: „Eine amerikanische Geschichte“ (ich könnte auch zwei, drei Filme von ihnen nachholen, die mir bisher entgangen sind, merkte ich dabei) und dann noch diese über James Dean. In der mir erstaunlich viel neu war, das war überraschend. Schließlich, und Sie merken, ich arbeitete da entschlossen etwas ab, aber es war immerhin eine Arbeit, die mich entspannt hat, noch diese Doku über Chuck Berry und diese über Hildegard Knef.

Es sind aber immer noch weitere arte-Links bei mir übrig, ich fühle mich dort also nach wie vor bestens bedient. Guter Sender, gerne wieder. Bitte diese Einrichtung nicht wegsparen, ich werde sonst ernsthaft ungehalten und muss wieder demonstrieren gehen, Petitionen unterschreiben und all das. Sehr lästig!

Eine einsame Bank am Alsterufer, Aussicht auf die Eisfläche

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Beim SWR-Kultur hörte ich die Folge über den Song „Fade to Grey“ von Visage, aus der Reihe „Erklär mir Pop“. Schließlich habe ich damals das Album besessen und also auch etwa tausendmal gehört. In jenen mausgrauen Zeiten vor dem Streaming, wir hatten ja nichts. Dass mir der Song aber heute professoral in der Feuilletonsparte im Radio feierlich erläutert wird – man hat es sich als junger Mensch auch eher nicht so vorgestellt.

Ein Kalenderblatt für den Freundeskreis Buch habe ich noch nebenbei gehört: „Wolf Jobst Siedler – ein großer Verleger mit Makeln“. Nur 5 Minuten, so etwas passt locker zwischen zwei To-Dos.

Überhaupt nicht irgendwo dazwischen passt dagegen eine ausgesprochen anspruchsvolle Sendung aus dem „Philosophischen Radio“ beim WDR mit dem Theologen Gregor Taxacher: Ist der Tod das Ende? 56 Minuten. Der Titel klingt vermutlich wenig einladend, es ist aber keine reine Religionssendung, sondern eine philosophische, anspruchsvolle und auch anregende Auseinandersetzung mit dem Thema. Ich habe da ausgesprochen gerne zugehört, man muss sich aber wahrhaftig konzentrieren dabei. Wenn es etwa um Formen der „asketischen Eschatologie“ geht, dies war z. B. eine besonders faszinierende Stelle für mich.

Aber warum sollte man sich nicht einmal konzentrieren müssen. Wir können es doch noch, können wir nicht? (Der Autor bemüht sich an dieser Stelle um einen nicht zu deutenden Gesichtsausdruck.)

Ein Bootssteg im Eis, ein Segelboot unter eine Plane

Ich hatte neulich hier ein Video mit Erich Fromm. Beim Betrachten auf YouTube sah ich dann auch eines mit Viktor Frankl. Von dem ich Bücher kenne, zu dem ich bisher aber ebenfalls kein Gesicht und keine Stimme im Kopf hatte – jetzt aber. Vielleicht ist es auch für andere eine Entdeckung, die ihn einmal gelesen haben. Der oben erwähnte Alfred Adler taucht im Clip als Erwähnung auch wieder auf.

Ich finde, Frankl bleibt doch interessant mit seinen Statements zum Sinn und zu anderem: „Erst dort ist der Mensch ganz Mensch, wo er sich selbst übersieht …“

Eine ungeheuer unzeitgemäße Ansicht ist es wohl.

Man beachte bitte am Rande den heute absurd wirken Aspekt, dass beim Vorlesen der Zuschriften aus dem Publikum manchmal der volle Name und die Wohnanschrift (!) der Absender genannt werden. Auch das wirkt mittlerweile so, als müsse es hundert Jahre oder mehr her sein. Es war eine andere Welt.

Hier noch einmal Viktor Frankl, in etwas aufgewühlterer Stimmung. Mein oben gewähltes Zitat von ihm wird hier noch einmal verdeutlicht.

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Goa, Gaia, Godot

Die Wetter-App sagte ansonsten am Sonnabendmorgen: „Gefühlt minus zehn.“ Das hieß in der Langform: „Gefühlt gehst du da lieber nicht raus“.  Außerdem hieß es auch „Gefühlt bleiben die Fenster geschlossen“, sowie „Gefühlt sind wir hier in Alaska oder was.“

Dennoch bin ich selbstverständlich pflichtgemäß und den Schrittzählerdurchschnittswert weiter fleißig optimierend mehrfach spazieren gegangen. Überhaupt habe ich alles, auch den Haushalt, die Einkäufe usw., mit einem gedachten, großgeschriebenen Dennoch davor gemacht, wie es im Alltag öfter vorkommt. Wie ich zu sagen pflege: Die protestantische Arbeitsethik erreicht Stellen im Hirn, da kommt bloße Motivation gar nicht hin.

In der Hafencity wollte ich mir am Nachmittag das Edelkaufhaus neben dem neuen Rieseneinkaufszentrum ansehen. Wo aber eine Luxusversion von Kaffeeausschank im Erdgeschoss von Menschen belagert wurde, die dermaßen albern nach einerseits niveaulos zur Schau gestelltem Neureichtum, andererseits aber nach äußerst durchdachten Old-Money-Inszenierungen aussahen, dass ich mir von der Wirklichkeit wieder einigermaßen veralbert vorkam. Und doch lieber abbog und erneut Häuser und Eis fotografieren ging.

Fassaden in der Hafencity, wintergrau

Eine Häuserreihe in der Hafencity, dahinter die Elbphilharmonie

Während die gefühlte Temperatur in der Stadt und besonders in der zugigen Hafencity noch weiter sank. Die mir entgegenkommenden Passanten wirkten immer öfter seltsam kompakt, hals- und händelos. Weil man alles, was nur möglich war, in die rettenden Tiefen der Winterjacken zog und dabei auch die Schultern den Ohren immer weiter annäherte.

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Es gibt auch Weiteres vom Ausgeh-Revival und von den damit verbundenen Bemerknissen in der Gastronomie zu berichten. So habe ich etwa beim abendlichen Spaziergang mit neu gewecktem Interesse gesehen, dass es nach einer weiteren Neueröffnung auf der stadtbekannten Ausgehmeile hier um die Ecke nun in jeweils fast unmittelbarer Nachbarschaft die Restaurants Gao, Goa und Gaia gibt. Ich scherze nicht.

Neonschrift an einer Restaurantwand: Don't worry eat curry

Man denkt im Vorbeigehen unwillkürlich über die möglichen Namen der nächsten Neueröffnungen nach, nicht wahr. Was geht da noch, wie setzt man diese Reihe sinnig fort. Und man stellt sich vielleicht auch am Rande vor, wie viele Treffen in dieser Straße nun gar nicht mehr oder nur noch deutlich erschwert zustande kommen. Weil die verabredeten Parteien in jeweils unterschiedlichen Etablissements sitzen. Wo sie ungeduldig werdend ab und zu auf die Uhren oder Smartphones sehen und dabei allerdings nur meinen, sich den Namen des Lokals bei der Planung der Verabredung genau genug gemerkt zu haben.

Im Goa auf Godot warten, der aber im Gao sitzt. Mit Blick auf das Gaia, in dem noch weitere Personen warten: Das ist dann unser Beckett 2026. Eine betont offene Inszenierung, an der zweifellos zahlreiche Laien spielfreudig teilnehmen werden.

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