Gelegenheiten für Gelage

Ein kleiner Nachtrag zum gestrigen Text, in dem die nassen Schlafsäcke der Obdachlosen erwähnt wurden. Das passende Bild dazu begegnete mir erst nach der Veröffentlichung – ein Postkartenmotiv mit starkem Realitätsbezug.

Blick über die Außenalster, im Vordergrund nasse Schlafsäcke und Decken, zum Trocknen über Bänke gelegt.

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Am Sonntag wurde vor der Haustür Marathon gelaufen, an der Alster entlang und wer weiß, wo sonst noch hin. Ich habe es nicht nachgelesen. Eigentlich ist es ein typisches Sommersportereignis, das aber in diesem Jahr wegen der Temperaturen verschoben wurde. Nämlich von einem Unwetter zum anderen, von der Sommerhitze direkt in den ersten großen Herbststurm. Gegen den ich auch nicht hätte anlaufen wollen. Aber andere, versteht sich, sind da deutlich motivierter.

Zwei Anmerkungen dazu trotz meines ausgeprägten Desinteresses an Sportveranstaltungen aller Art. Zum einen ergänzte eine kleine Szene etwas aus meinen letzten Texten hier. [Korrektur: Die folgende Szene fand beim Frankfurter Marathon statt, ich habe das falsch gelesen. Ändert aber nichts an der Schlussfolgerung] Denn ich entnahm den lokalen Medien, dass da jemand diesen Marathon nur deswegen nicht gewonnen hat, weil er kurz vor dem Ziel mit einem fahrradfahrenden Essenslieferanten in Konflikt geriet, der auf der Ideallinie herumstand.

Woraufhin ein anderer Läufer vorbeizog und eiskalt abräumte.

Wie ich schrieb also: Es wird hier tatsächlich auf allen Wegen schwieriger. Die Konflikte zwischen den Verkehrsparteien nehmen stetig zu und sämtliche Regeln gelten für alle mittlerweile nur noch nach Belieben. Und wem beliebt es schon, Rücksicht zu nehmen.

Blick über die Außenalster mit Segelbooten

Zum anderen war ich zufällig zu dem Zeitpunkt unten an der Alster, als dort viele Fans, Zuschauerinnen, anfeuernde Freundeskreise etc. gerade Stellung bezogen. Mehrfach sah ich, dass dabei Live-Musik gemacht wurde. Mit der Hand, bzw. mit dem Mund, jedenfalls aber nicht digital, sondern dem Offline-Trend folgend. Das erschien mir sympathisch. Fast noch interessanter fand ich aber eine Nebenbeobachtung.

Denn die Fans und Freunde, die da an der ganzen Strecke in Schwärmen anrückten, um jemandem im kurzen Moment des Vorbeigaloppierens etwas Aufmunterndes zuzurufen, die hatten sich in etlichen Fällen auf eine betont fröhliche Art verproviantiert. Etwa mit einem Kasten Bier, aber auch mit anderen Getränken nach Party-Art.

Und nicht nur einmal sah ich, dass man sofort, also direkt nach der Ankunft an der Laufstrecke, damit begann, diese Vorräte zielstrebig zu vernichten. In bester Laune, das in jedem Fall, tatsächlich jeweils mit dem Ausdruck größtmöglicher Munterkeit bei allen Beteiligten. Trotz Regen und Sturm immerhin, was sicher auch eine Leistung ist.

Aber dass man zu einem enorm herausfordernden Sport-Event geht, um sich dort umgehend zuzulöten, das ist, finde ich, auch nicht ganz frei von Komik. Da übt sich ein Mensch in Askese und in spartanischer Trainingsmanier, um dort mit heroischen Absichten und sich selbst überwindend mitlaufen zu können – während seine Lieben das mit Wohlwollen zur Kenntnis nehmen und sich dabei denken: „Wie schön, da kommt eine Gelegenheit für ein Gelage!“

Aber wie auch immer. So geht es nun einmal zu, in einer Gesellschaft der Vielfalt, in der man Vorkommnisse aller Art auf verschiedene Weisen nutzen und interpretieren kann.

Ich will mich da nicht beklagen, ich schreibe nur mit. Was auch nur eine weitere Art ist, damit umzugehen.

Blick über die Binnenalster mit Fontäne

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Raunende Gespensterstimmen

Vor dem neulich besuchten Museum für Kunst und Gewerbe sah ich oft schon den Duschbus der ehrenwerten und verdienstvollen Initiative „Go Banyo“.

Sie betreiben dort mit dieser Initiative etwas, wie sie selbst sagen, für das es gar keinen Bedarf geben sollte. Aber so, wie die Wirklichkeit gerade beschaffen ist, ist die Nachfrage nun einmal da. Und es stehen dort also obdachlose Menschen an, um eine Dusche benutzen zu können – niedrigschwellig wohlgemerkt, also einfach so.

Präzise ausgerichtete und praktische Hilfe ist das, ein sympathisches Konzept.

In einem der Instagramposts dieser Gruppe las ich, was die Hamburger Sozialbehörde gerade zum so dringend benötigten Winterprogramm für obdachlose Menschen in dieser Stadt beschlossen hat (hier Link zu Instagram): Es wird keine anonymen Übernachtungen mehr geben, es werden Pflichtberatungen eingeführt und Menschen aus anderen Ländern sollen bei der Rückkehr „unterstützt“ werden – die Anführungszeichen habe ich aus dem Posting von Go Banyo übernommen.

Diese Beschlüsse eines immerhin rotgrünen Senats scheinen gut in den allgemeinen Trend zu passen. Kontrolle und Druck sind die Mittel der Wahl für den Umgang mit allem, was aus welcher Perspektive auch immer irgendwie „unten“ zu verorten ist. Es zieht sich durch viele Themenfelder der Politik so durch. Ganz egal, wie die Forschungslage bei bestimmten Fragen und Problemen ist, was Erfahrungsberichte aussagen, was Best Practice ist etc.

Im Grunde ist es eine Art eskalierendes Eltern-Ich, welches wir da gesellschaftlich zelebrieren, und keineswegs nur in diesem Land. Ein Eltern-Ich, dem die anderen seltsam ungezogen und auch unwillig vorkommen und außerdem so, als müsse man dringend die regelnden Erziehungsmaßnahmen intensivieren. Als müssen man permanent korrigieren, strafen, drohen und richten. Wie Kempowski gesagt hätte: „Wind von vorn“, aber als Lösung für alles.

Oder vielleicht sind nicht gerade wir es, die bei diesem Trend mitmachen – aber es ist doch ein entscheidender Teil der Gesellschaft. Nicht eben wenige stimmen dem zu, auch per Wahlzettel.

Schwarzweißbild des Hauptbahnhofs am Abend

Die Lage ist währenddessen so, dass es draußen kalt geworden ist. Nass auch, windig und alles, fortgeschritten ungemütlich. Oktober eben. Es wird also wieder erheblich schwerer, auf den Straßen zu schlafen oder sich dort überhaupt lange aufzuhalten.

Das damit verbundene und immer weiter anwachsende Elend ist hier nicht zu übersehen. Man muss nur kurz vor die Tür gehen und sich umsehen. Wobei ich dieses „kurz“ wörtlich meine, denn den ersten Menschen im mehr oder weniger nassen Schlafsack sehe ich verlässlich im Umkreis von nur hundert Metern.

Neu ist in diesem Jahr, dass die Zahl der bettelnden Menschen in der Stadt, zumindest in der Mitte der Stadt, noch einmal deutlich gestiegen ist. Auch die der bettelnden Menschen in deutlich großer Not. Weil sie Hunger haben, weil sie frieren, Drogen brauchen oder auf welche Art auch immer komplett am Ende sind. Der Möglichkeiten sind viele.

Schwarzweißbild einer Neubautreppe in der Hafencity

So dass es jetzt gerade normal wird – und deswegen berichte ich es –, dass man bei einem Gang durch die Innenstadt oder durch unser Viertel, und zwar auch bei einem Gang mit überschaubarer Länge, einer zweistelligen Zahl von bettelnden Menschen begegnet. Die ich deswegen einmal beispielhaft schildern möchte, weil nicht alle so etwas mitbekommen können. Je nach Wohnort etc. leben wir eben in verschiedenen Welten.

Stellen Sie sich also bitte vor, Sie gehen hier irgendwo längs, sagen wir durch eine Fußgängerzone und auch eben durch den Hauptbahnhof, und es steht Ihnen nach ein paar Metern schon ein Mensch dezent im Weg. Das klingt erst einmal wie ein Widerspruch in sich, aber das geht. Man kann auf eine zurückhaltende Art im Weg stehen. Nur so halb im Weg, nur angedeutet im Weg, wie versuchsweise. Zögerliche und zurückhaltende Zudringlichkeiten, so kann man es wahrnehmen.

Der Mensch da vor Ihnen ist vermutlich als obdachlos zu erkennen. Zumindest meinen Sie das. Vielleicht auch als Junkie, wofür es gewisse körperliche Anzeichen gibt, bestimmte typische Bewegungsmuster auch.

In der Mitte des Körpers ist er leicht eingekrümmt: Er macht sich klein. Er sieht vielleicht auf den ersten Blick schon verzweifelt aus, er weint vielleicht und das nicht eben selten. Er ist vielleicht auf eine Art in einer Notlage, dass sein Gesichtsausdruck die Verzweiflung so deutlich spiegelt, als würde er das Elend in einem Stummfilm darstellen.

Und er oder sie spricht sie an.

Betont freundlich werden Sie da angesprochen, überaus freundlich, teils mit seltsam altmodisch wirkenden Höflichkeitsformen. Männer, die sich vor einem verbeugen oder die ihre Hand ans Herz legen. Frauen, die in marienhafter Geste bittend die zusammengelegten Hände heben. So etwas.

Schwarzweißbild von Neubauten in St. Georg

Fast immer sprechen sie leise, diese Menschen am Wegesrand. Denn sie wollen eigentlich gar nicht stören und auch nicht auffallen. Oder doch nur gerade so viel, dass sie von einigen wenigstens wahrgenommen werden, von einigen aus dem endlosen Strom der Passanten. Vielleicht von jeder fünfzigsten oder hundertsten Person oder dergleichen, ich weiß es nicht.

So leise sprechen sie jedenfalls oft, dass man, wenn man selbst vielleicht gerade in einem Gespräch mit der Begleitung ist oder auch über Kopfhörer und Smartphone telefoniert, wenn man vielleicht auch nicht einmal genau hinsieht, weil man sich auf anderes konzentriert, nur so etwas wie eine raunende Gespensterstimme mitbekommt. Ein schnell verwehendes Flehen im Vorbeigehen.

Und es ist durchaus möglich, dass Sie erst fünf Meter später realisieren, was das gerade war. Diese merkwürdig undeutlich wirkende Erscheinung, die Sie da von der Seite her angesprochen hat.

Ich notiere dies, weil es in dieser Ausprägung neu ist und weil es weiter eskaliert. Bettelnde Menschen, das waren lange Zeit in meinem Erleben fast ausschließlich die, welche am Rand des Weges saßen oder knieten, Becherchen und Pappschild daneben. Das war so ein Standardbild.

Außerdem jene, welche in der S- oder U-Bahn mehr oder weniger gelungene Musik machten.

Aber es ändert sich gerade gründlich. Und ich nehme an, es gehört zu diesen Veränderungen, die einem oft erst im Rückblick bewusst werden. Bei denen man eher irgendwann plötzlich die Erkenntnis hat, dass es doch früher nicht so war. Und dann erst überlegt man, wann dieses Früher eigentlich war und wie lange und auch wo genau es gegolten hat.

In diesem speziellen Fall kann ich das Früher sogar benennen. Und ich nehme stark an, wir alle im Stadtteil können es. Denn eindeutigerweise gab es zu dem sprunghaften Anstieg der Verelendung mit Beginn der Pandemie niemals einen Gegentrend. Es wird seitdem zuverlässig schlechter, es geht seit etwa sechs Jahren eher steil bergab.

Und Entwicklungen wie die oben geschilderten Beschlüsse der Sozialbehörde scheinen mir nicht in eine Richtung zu weisen, in der es für die Betroffenen bald wieder aufwärtsgeht.

Mein Pessimismus oder Fatalismus ist aber nicht umfassend, denn ich denke weiterhin: Es könnte die Richtung aufwärts geben. Es gibt Möglichkeiten.

Schwarzweißbild von Neubauten in St. Georg

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The last leaf on the tree

An einem Tag in dieser Woche, an dem ich nicht in Sachen Kultur draußen unterwegs war, weil mir sämtliche Termine nicht zusagten (es gibt ja auch nur rund 250 Angebote pro Tag in dieser Stadt da wird es schnell eng), habe ich mich lange mit Cover-Versionen von Tom-Waits-Songs beschäftigt. Von denen es eine wahre Unzahl gibt, man kann also eine Weile beschäftigt sein. Wenn man das möchte.

(Zugdurchsage: Reisende, die Tom Waits entweder nicht mögen oder überhaupt nicht kennen, können hier aussteigen, wir fahren weiter in dieser Richtung.)

Stunden, wenn nicht Tage, kann man also mit dem Hören zubringen. Und eine wahrlich gute Wahl ist das für einen verregneten, erzgrauen Oktobertag mit auffrischendem Südwest. Es waren Stunden, in denen ich nebenbei wieder staunte, wie unfassbar viele Songs der Herr geschrieben hat. Wie ungeheuer einfallsreich sein Gesamtwerk ist. Und, was vielleicht auch für ihn spricht, wie wenig Cover-Versionen ich ausgesprochen scheußlich fand.

Ich fand Versionen, bei denen ich gerne auch live dabei gewesen wäre. Etwa hier, wenn Camille O’Sullivan „All the world is green” interpretiert. Aber die Dame wird ja noch einige Male touren, nehme ich an, da geht vielleicht noch was.

Es gibt eine große Auswahl an Versionen in Soft-Jazz-Manier, die bei etlichen Songs sogar erstaunlich gut funktioniert. Das sind dann Stücke, die manchmal sogar klingen, womit ich Tom Waits aber nicht zu nahetreten möchte, als seien die Songs so gemeint gewesen, als hätte also vielmehr Tom Waits eigenwillige, betont schräge Cover eingespielt.

Nein, die Lieder waren sie nicht so gemeint, ich weiß. Und das ist auch gut so.

Als einsames Beispiel für das ganze Genre Lisa Bassenge mit „Blue Skies“:

Etwas flotter und poppiger, aber ebenfalls sehr gefällig singt Norah Jones vom „Long Way Home“:

Aber auch Songs, die sich für Varianten von „soft“ beim besten Willen nicht anbieten, finden ihren Weg hinüber ins Jazz-Lager. Wo sie von Diana Krall aufgegriffen werden, um nur ein Beispiel zu nennen:

Etwa an dieser Stelle der Suche begegnete mir auch eine angenehm entspannt wirkende Joan Baez. Deren alternde Stimme ich nun auch hören kann, im Gegensatz zu ihrer früheren, die mir immer zu durchdringend war.

Aber nichts gegen die verdiente Sängerin, versteht sich, es liegt nur an meinem Geschmack.

Oft sind auch die Performances interessant, nicht nur die musikalische Umsetzung, siehe etwa oben die O’Sullivan. Was aber auch gut mit Bette Midler zu illustrieren ist:

Dann die Versionen von Interpreten, die man ganz anderen Kontexten zuordnet. Mehrfach hatte ich beim Suchen und Hören diese „Ach guck, der oder die auch!“-Effekte.

So singt z. B. Tim Fischer hier von den kaputten Fahrrädern im Regen:

Ein kaputtes Fahrrad in einem Gebüsch

Das ist übrigens ein Lied, bei dem man zwanglos einmal eine Opernsängerin mit Elvis Costello verbinden kann. Warum auch nicht.

Oder hier, Ute Lemper nimmt sich des Grapefruit Moons an:

Dann gibt es die Aufnahmen, bei denen es mir gar nicht begreiflich ist, wieso ich sie nicht kenne. Wie das bloß zugehen kann? Es gibt z. B. ein ganzes Album „Ambros singt Waits“, und es ist mir noch nie vorher begegnet.

Hier seine Aufnahme von „Ruby’s Arms“ in deutscher Sprache:

Entgangen ist mir auch, dass Nancy Griffith gleich mehrere seiner Songs eingespielt hat, diese Verbindung hätte ich auch eher nicht vermutet. Womit ich ihr vermutlich Unrecht antue.

„San Diego Serenade“:

Und apropos Serenade, die gibt es auch von Curtis Stigers:

Aus dem Country-Lager fand ich Willie Nelson weniger überraschend als die Griffith, er schien mir vielmehr gleich zu passen:

Wenn ein Tom-Waits-Song noch geistreicher wirken soll, als er es ohnehin oft schon in der Originalversion ist, wenn er irgendwie kultivierter rüberkommen soll, feiner und gehobener, zumindest für die Ohren eines deutschsprachigen Publikums, dann hört man sich einfach einmal eine französische Version an.

Und schon klingt es, als müsse man einen guten Rotwein dazu trinken.

Aus „I hope that I don’t fall in love with you“ wird dann “J’espère de pas tomber en amour avec toi”. Fred Pellerin:

Zum Schluss dieser kleinen Sammlung wird der französische Titel noch ein Land weiter gereicht und in die nächste Fremdsprache übertragen, jedenfalls aus norddeutscher Sicht: „Verlieb‘ die ned“.

Noch einmal Wolfgang Ambros, denn ich finde, er hat seine Übersetzungen, Übertragungen und Versionen hervorragend und verdienstvoll hinbekommen:

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Linkwerk zum Wochenende

Die Kunst der Lebensführung:

Eine Ergänzung zu meiner kleinen Reihe über Beschleunigungen hörte ich beim SWR: „Drängeln, drücken, hupen – warum wird der Verkehr immer aggressiver?“ Unterm Strich werden meine Beobachtungen darin bestätigt, was wenig überraschend ist. Bei den Maßnahmen zur Problemlösung gibt es allerdings weder Einigkeit noch ein Konzept, das mich sofort überzeugt hätte. Ich sehe erst einmal nicht, dass sich hierbei wieder etwas ändern wird.

Was nicht heißt, dass sich nichts ändern kann.

Eine weitere Ergänzung zu einem Aspekt, der hier manchmal anklingt. In der Spektrum-Sendung „Macht uns die Gegenwart krank, Thomas Fuchs?“ geht es um psychische Gesundheit, und es geht auch wieder um die Folgen von Social Media, Smartphone etc. Angenehm ruhig, unaufgeregt und ausführlich wird der Forschungsstand erläutert, außerdem unter Vermeidung der stets verlockenden polemischen Zuspitzungen. Gerne gehört.

Im erweiterten Kontext eine Folge von „Das Wissen“ beim SWR: „Aufmerksamkeit lernen – wie wir uns besser konzentrieren können“.

Enthaltend etwa die gruselige Information, dass deutsche Angestellte im Schnitt vierzig Sekunden nach dem Eintreffen einer Mail darauf klicken. Und wie man dieser arte-Sendung: „Digital Detox: Macht offline glücklich?“ entnehmen kann, werden deutsche Angestellte im Schnitt alle vier Minuten bei der Arbeit unterbrochen.

Was also heißt, dass Konzentration für die meisten schlichtweg unmöglich ist. Sie wird vielmehr beruflich geradezu ausgeschlossen.

Herbstliche Impression in Planten un Blomen

Und apropos Drängeln und Drücken: Mek schreibt über Overtourism in Südtirol. Also in der Gegend, in der ich erstens an dem Phänomen über mehrere Jahre schuldig beteiligt war und zweitens dann auch darauf kam, was es für das Land bedeutete.

Denn vermutlich haben wir Südtirol genau in den Jahren besucht, in denen dort diverse Kipppunkte erreicht wurden. Was dann beim letzten Besuch auch nicht mehr zu übersehen war – es war eine andere Phase erreicht worden. Man besuchte damit auf einmal ein anderes, deutlich verändertes Südtirol.

Und seine Schlussfolgerung:

„Sicherlich trifft das auf die meisten touristischen Orte zu. Deswegen besuche ich auch kaum noch europäische Städte. Sie sind alle zu Kulissen verkommen.“

… halte ich für zutreffend. Und kann dabei in Hamburg z. B. auf die geradezu übertrieben kulissenhaft gewordene Gegend um die Landungsbrücken verweisen. Auf unsere ganzjährige Hafeninszenierung als bemüht norddeutsch wirkendes Freilufttheater dort, mit vielen, vielen Komparsen, bis hin zum Akkordeon-Spieler im Hans-Albers-Outfit.

Disneyfizierung also, wie man es dann in diesem Kontext nennen muss.

Die Alsterrunde mitten in der Stadt kann man in diesem Zusammenhang als kleines Wunder verstehen. Denn weder ist das Ufer komplett mit Hotels zugebaut worden, noch findet man alle zehn Meter am umlaufenden Weg Außengastro, Souvenirstände oder irgendwelche Fun-Locations.

Man kann es eigentlich kaum fassen, wenn man das in diesem Zusammenhang durchdenkt.

Herbstliche Impression in Planten un Blomen, leere Holzsessel

Hamburg:

Im Wieselblog gab es eine Ergänzung zu meinen Schilderungen des Hauptbahnhofs: „Der Hauptbahnhof ist so mit Leben vollgestopft, dass einem geradezu Hören und Sehen vergeht. Hier kann man keinem mehr helfen, hier muss man zusehen, dass man selbst heil wieder raus kommt.“

Wer mir auf Instagram folgt, kennt dort im Stream als Standardmotiv das seltsam aussehende, etwas pilzartige Turmhaus in der Hafencity, welches ich jeden Mittwochmorgen auf dem Weg ins Büro fotografiere. Nun wird es abgerissen. Was schön passt, hatte ich doch neulich erst den alten Scherz von der „Freien und Abrissstadt Hamburg“ erwähnt. Man wundert sich nicht sehr über solche Meldungen.

Eine kurze NDR-Doku sah ich auf YouTube, weil mich das Thema auch fürs Blog interessiert: „Hamburger Lieferdienste im Stress“. Über den teils unfassbaren Arbeitsalltag der Frauen und Männer, die uns die Pakete, die Lebensmittel, die Möbel und Gott weiß was bringen.

Herabgefallene Äpfel auf einem Fußweg

Zwar nicht Hamburg, aber vom Kontext her passend, außerdem eine weitere Kurzdoku: „Sylt: Nichts läuft ohne Pendler vom Festland.“

Mit Erwähnung der Menschen, die wegen der Preise nicht mehr auf der Insel wohnen, obwohl sie von dort stammen. Die also per Preissteigerung in Verbannung sind, was uns hier im Kern von Hamburg auch noch bevorstehen kann.

In der Sendung wird auch ein Umstand dargestellt, über den wir uns schon alle nicht mehr wundern, der aber weiterhin unfassbar bleibt, recht bedacht: Dass es nämlich vollkommen normal und erwartbar ist, dass die Züge nicht fahren. Und dann auf Sylt etwa etliche Menschen nicht zur Arbeit erscheinen können.

Herbstliche Impression in Planten un Blomen

 Literatur und Lesen:

Ein Kalenderblatt hörte ich zu John le Carré.

Ich las offline in den bei Manesse versammelten Erzählungen von John Galsworthy. Ich schätze Galsworthy sehr, seine „Forsyte Saga“ kann ich immer wieder empfehlen.

Der Manesse-Band mit den Galsworthy-Erzählungen

Der Band "Forsyte-Saga" von Galsworthy

Wobei die Kenntnis von ihm wohl auch bedauerlicherweise stark abnehmend ist. Ins Deutsche wurden die Erzählungen übersetzt von Irma Wehrli. Ein Nachwort gibt es auch noch, es ist von Andreas Fischer.

Beim Lesen dieses Buches hatte ich wieder eine Begegnung mit meinem alten Freund, dem absurden Zufall: Die erste Geschichte im Band heißt „Pfaffenhütchen“. Ich las sie, ich ging danach kurz an den Computer, um etwas nachzusehen. Mir erschien als erste Meldung im Feedreader ein Blogeintrag bei Iberty: „Das Rauschen der Stare im Pfaffenhütchen“.

Und weil es das Gesetz der magischen Drei gibt, folgte später am Tag noch ein Öko-Influencer auf Instagram, der über die Vorzüge des Pfaffenhütchens dozierte (Link unauffindbar, pardon).

Was aber sagt mir jetzt das Pfaffenhütchen? Ceterum censeo: Wenn sich hier Mühe gegeben wird, mir mystische Botschaften zukommen zu lassen, was wohl erst einmal begrüßenswert ist – kann man sich dann bitte etwas deutlicher ausdrücken? Ich war immerhin einmal sehr blond, es wirkt doch noch nach.

Früchte des Pfaffenhütchens

Film:

Ein Zeitzeichen zu Klaus Kinski

Gerne gesehen habe ich die französische Mini-Serie in drei Folgen auf arte: „Eines Tages werden wir uns lieben“.

Philosophie:

Von Walter Ziegler ließ ich mir auf YouTube etwas zu Kant erklären.

Politklimbim:

Eine Folge des Zeit-Podcasts „Nur eine Frage“ von der Zeit, zu Gast war der Soziologe Steffen Mau, die Frage war: „Wird die Welt immer konservativer?“

Wiederum festgestellt: Es lohnt sich immer, Steffen Mau zuzuhören.

Bei „Freiheit de Luxe“ von Jagoda Marinic hörte ich die Folge mit Robert Stadlober. Es geht viel um Literatur und um die Bedrohung von rechtsaußen. Wie auch in anderen Sendungen müssen sich die beiden Mühe geben, einigermaßen positiv zu enden – was dann knapp gelingt. Immerhin.

Herbstliche Impression in Planten un Blomen, der Fernsehturm im Hintergrund

Musik:

Ein neues Albun gibt es von Bruce Cockburn: „The Blood of Others“. Auch Coverv-Versionen sind darauf, hier etwa der Klassiker „One for my baby“:

Und ein Oktoberlied habe ich zum Schluss auch noch. In einem fast schon novembrigen Ton vorgetragen von Jeffrey Martin (Wikipedia). Der Song hat einen erzählenden Anfang, was ich besonders mag:

“Caroline buys a ticket for the last train
Out of Baltimore in the October dark
Smokes a cigarette and throws the pack away
So her daughter would never know
That she smokes.”

An dieser Stelle ist es fast schon eine fertige Short Story, und so etwas finde ich erstrebenswert, wenn es um Songwriting geht.

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Bach could really make those bells ring

Außerdem ging es hier weiter im Kulturprogramm, also in schon bemerkenswerter Konsequenz. Dergestalt zog ich dieses Urlaubsvorhaben bisher durch, dass ich fast schon zufrieden mit mir bin.

Und das gibt es ja heute kaum noch.

Die wöchentlich-regelmäßigen und außerdem kostenlosen Orgelkonzerte in den Hauptkirchen der Innenstadt habe ich schon mehrfach erwähnt, es hat bisher aber immer eine Veranstaltungsreihe in meinen Berichten gefehlt. Das liegt daran, dass die Konzerte in Sankt Katharinen an jedem Mittwoch um 12:30 stattfinden, und da kann ich praktisch nie. Jetzt konnte ich doch einmal, jetzt ging ich auch prompt hin.

Das Hinweisschild für die Orgelmusik zur Mittagszeit

Falls es jemanden interessiert, hier noch die Übersicht der drei Terminreihen. Ich möchte sie noch einmal sehr für alle empfehlen, die auch nur ansatzweise Sinn für Orgelmusik oder allgemeiner für Kirchenmusik haben. Man muss dafür, wie an mir zu beweisen ist, durchaus nicht religiös sein, um es genießen zu können. Und die Geschichte des Christentums ist zwar bekanntlich eine erstaunlich verbrecherische, aber gute Musik fiel immerhin auch dabei ab.

Mittwochs, 12:30, Sankt Katharinen: Orgelmusik zur Mittagszeit an der großen Barockorgel

Mittwoch, 17:15, Sankt Petri: Stunde der Kirchenmusik

Donnerstags, 16:30, Sankt Jacobi: 30 Minuten Orgelmusik an der Arp-Schnittger-Orgel

Die Konzertreihen nahmen ihren Anfang vor 75 Jahren, als in der Nachkriegszeit in vielen Kirchen nichts mehr stattfinden konnte, da die Kirchen und Orgeln der Stadt zerstört, zerbombt waren. Die Orgel in Sankt Petri war aber noch bespielbar, deswegen lud man dorthin ein – und blieb dann dabei. Eine wunderbare Tradition.

In Sankt Katharinen und Sankt Jacobi wird jeweils während der halben Stunde verlässlich durchgeorgelt, in Sankt Petri treten manchmal auch Chöre und Menschen mit weiteren Instrumenten oder Sangeskünsten auf.

Ich hatte Glück in Sankt Katharinen, denn mir war nach Bach und es gab auch ausschließlich Bach. Der in dieser Kirche übrigens selbst einmal gespielt hat, und so etwas freut einen dann auch.

Der Turm von Sankt Katharinen

Skulptur an der Fassade von Sankt Katharinen (Katharina darstellend)

Eine halbe Stunde Bach von großer Orgel mitten in der Woche ist mit großer Eindeutigkeit für mich besser als gar keine Meditation. Denke ich mir, während ich auf den Kirchbänken sitze, und ich höre dann nach Möglichkeit intensiv zu. Es ist eine gut geeignete Musik, um ablenkungsfrei zuzuhören, das geht mir bei anderen Spielarten der klassischen Musik nicht so.

Die Kirche ist an diesem Mittwoch nur mäßig besucht, aber wenn man es positiv ausdrücken möchte: Sie ist auch nicht leer. Ich sitze da nicht vereinsamt, es findet um mich herum schon ein Ausschnitt der Gesellschaft statt, wenn auch ein überschaubarer.

Kirchenschiff Sankt Katharinen

Aber es regnet an diesem Tag dauerhaft, ich berichtete gestern. Es ist zweifellos ein Wetter, bei dem nicht alle gerne vor die Tür gehen wollen, nicht einmal für Bach. Da kann man kein volles Haus erwarten.

Ich sitze im hinteren Teil des Kirchenschiffs und sehe sie vor mir, diese tapfere Schar der Zuhörer, die den Weg durch die unfreundliche Nässe auf sich genommen haben. Sie tragen durchweg Winter- oder Regenjacken in Dunkelbraunschlammgraumoostönen. Man trägt gedeckte Farben und man guckt ernst. Vielleicht nicht nur wegen der Musik und wegen des Ortes, vielleicht auch nur, weil man unangenehm nass ist.

Man hört Bach und versinkt dabei reihenweise in dem, was man jeweils für die empfängliche Seite des Selbst halten möchte.

Barockorgel Sankt Katharinen

Neue Orgel Sankt Katharinen

Es gibt bei diesen Konzerten immer welche im Publikum, die versinken dabei auch körperlich in sich selbst. Sie sacken in sich zusammen, sie scheinen in ihren Jacken zu verschwinden. Sie schlafen vielleicht auch ein dabei, dösen kurz weg. Und warum auch nicht.

Es gibt aber immer auch welche, darauf ist Verlass, die sitzen im Gegenteil kerzengerade. Die wirken hochkonzentriert und haben oft schon auf den ersten Blick eine derart kompetente Ausstrahlung, dass man vermuten könnte, sie wären ohne weiteres in der Lage, nach dem Konzert die Partitur aufzuschreiben. Mal eben so.

Manche haben dabei, und es wird kein Zufall sein, eine mönchisch anmutende Strenge im Gesicht. Die aber nicht unangenehm in der Wirkung ist – sie fühlen sich einfach nur durch und durch etwas verpflichtet, und man sieht es.

Alter Altarschmuck Sankt Katharinen

Vor mir also die erstaunlich uniformen Jackenrücken in matten Novemberfarben, einige davon nassglänzend. In der Mitte des Ganges aber liegt ein blut- bis knallroter Regenschirm auf den Steinen. Wäre dies ein Kinofilm, diese Requisite hätte zweifellos etwas zu bedeuten und wäre symbolisch aufgeladen, man kennt das. Hier aber ist sie nur ein Schirm, den jemand zum Trocknen in den Gang gelegt hat. Es wird auch besser so sein.

Nicht weit von mir sitzt ein Pärchen, von hinten wirken sie jung. Sie stecken die Köpfe immer wieder zusammen und kichern dabei. Entweder sie haben die Komik in Bachs Musik entdeckt, was allerdings eine besondere und unbedingt zu würdigende Leistung wäre, oder sie finden das Vergnügen schlicht in ihrem Beisammensein.

Man kennt auch das, es ist nur in dieser heiter perlenden Form bei manchen von uns schon etwas länger her.

Kirchenschiff Sankt Katharinen

Die Musik steigt zur Kirchendecke und zieht an den bunten Fenstern vorbei. Ich denke wieder, dass da manchmal Töne dabei sind, bei Bach und bei der Orgel, an denen man fast etwas Halt finden könnte. So stark wirken sie, so dauerhaft, stabil und tragend. Es sind Töne, die für mich etwas auszudrücken scheinen, das man leider nicht immer verfügbar hat. Auch deswegen lohnen sich diese Besuche.

Nach dem Konzert gibt es Applaus. Der Organist verneigt sich und zeigt – die Geste fand ich ebenfalls ansprechend – mit einer Hand nach oben auf das riesige Orgelwerk über sich. Ganz so, wie ein Dirigent auf großer Bühne nach der Darbietung vielleicht dankend auf eine Solistin mit Bestleistung zeigt.

Mit Sankt Katharinen war ich also auch zufrieden und habe diese Lücke damit erfolgreich geschlossen. Das mit dem Mittwochmittagstermin, das wird aber ein kaum lösbares Problem für mich bleiben. Ich könnte künftige Besuche höchstens, es fällt mir gerade noch ein, auf meiner bisher gar nicht existenten Bucketlist vermerken, abzuarbeiten nach Renteneintritt.

And so it begins.

Außerdem gibt es im Zweifelsfalle zu allen Lebenslagen einen Song vom geschätzten Dan Reeder, so auch hier:

“Bach could really make those bells ring
Out of some damn love thing
Back in seventeen something

Good God, you know
We
don’t even know if he could sing
Because back in those days
We had no way
To make recordings”

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O Herz

Der Mittwoch war ein Tag mit ausgeprägt heimatlichem Wetter. Mit einem Wetter also, wie es sich hier etwa von Oktober bis März gut, richtig und gewohnt anfühlt. Obligatorische 12 Grad, es war weder heiß noch kalt. Es war aber eindeutig nass, diesig und auch grau, vor allem grau.

Blendend grau, dachte ich am Morgen beim ersten Blick zum Fenster bei Tageslicht. Wo vom Draußen nicht viel zu erkennen war, abgesehen von dem Farbton des rettungslos verhangenen Himmels. Die zahllosen Tropfen des Dauerregens verschwammen auf den Dachfenstern, es gab trübe, ineinandergreifende Weichzeichnereffekte. Schwarze Kleckse darin, in schneller Bahn quer über die Scheibe ziehend: Die Rabenkrähen auf Morgenpatrouille. Schwirren Flugs zum Hauptbahnhof, um dort Reste an den Mülleimern abzuchecken.

Der Rathausmarkt, größtenteils menschenleer, bei Wind und Regen, im Vordergrund Menschen mit Regenschirm

Ein Wetter jedenfalls, bei dem die ersten schon seelisch nachgeben, wie ich mitbekomme. Das sind dann die, welche einen langen, langen Winter vor sich haben. Ich dagegen bin noch im Stadium der Freude, dass die Zeit der verdammten Hitze vorbei ist. Dass man wieder Rollkragen tragen kann, Anzüge, Tweed und überhaupt – dass man sich wieder anständig anziehen kann.

Eine U-Bahn bei Nacht und Regen an einer Station

Ich mag das sehr, und die Freude darüber wird auch noch etwas anhalten, vermutlich bis weit in den November hinein. Ich kenne das.

Aber die depressive Neigung passt natürlich gut in die zweite Hälfte dieses Monats, versteht sich. Man kann den Betroffenen nichts vorwerfen, sie verhalten sich saisonal durchaus korrekt.

Verregnete, nasse Außengastro

Ich lese es in den Oktobergedichten nach, wobei ich aber etwas nach Stellen suchen muss, die mich direkt ansprechen, denn es geht meist ausschließlich um intensive Naturbeobachtungen. Der Herbst wird an Pflanzen, Landschaften und (toten) Tieren beobachtet. Es sind Beobachtungen auf freiem Feld, deren intensives Erleben ich aus der steinernen Stadtmitte heraus nicht mehr recht nachfühlen kann – ich habe hier leider keinen Waldsee im Nebel und dergleichen zur Verfügung.

Der Band mit den Oktobergedichten vón Reclam

Aber egal, ich finde mich dennoch zurecht und kann hier und da gedanklich folgen. Etwa bei Martin Greif:

„Wie still ist Herbsteszeit,

Ja, wie voll Einsamkeit!

Man kann es nicht erfassen,

Was uns noch will verlassen.“

(Aus dem Gedicht „Spätherbst“)

Wobei hier im kleinen Bahnhofsviertel von still wiederum keine Rede sein kann, Herbst hin oder her. Auf der Baustelle drüben wird nach Kräften gelärmt, teils 12 Stunden am Tag. Und die Stadtmitte um mich herum, sie ist überhaupt keineswegs ruhig. Fast nie ist sie das. Noch am ehesten zwischen 2 und 4 Uhr nachts, aber auch das ist seit einigen Jahren nicht mehr sicher. Es sind immer mehr Menschen nachtaktiv, aus welchen Gründen auch immer.

Oder hier, das ist auch schön, diese Strophe bei Friedrich Rückert:

„Lässt doch der spielende Wind nicht vom Strauch

Bis er ihn völlig gelichtet.

Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch

Was wir geliebt und gedichtet.“

Aus „Gang im Spätherbst“.

Wobei – das Wort „völlig“ will mir nicht ganz passend erscheinen. Wenn man es länger ansieht, wirkt es immer weniger lyrisch, es scheint aus heutiger Sicht in einen anderen Kontext zu gehören.

Aber die letzten beiden Zeilen! Die könnte man auch wieder auf Kissen sticken, ob ihrer allgemeinen Gültigkeit und Schönheit. Wenn man denn so lange Kissen hätte. Vielleicht diese Dinger, die man unter Türen legt, wenn es in der Wohnung zieht.

Mit dem „o Herz“ scheint der Dichter übrigens, den anderen Strophen nach zu urteilen, sein eigenes Herz zu meinen. Er spricht im Gedicht keine andere Person an, sondern richtet hier vielmehr einen Appell an sich selbst, an die emotionalere Komponente seiner Persönlichkeit.

Und da ich eben so lernwillig wie neugierig bin, da ich außerdem auch aus Lyrikbänden etwas mitnehmen möchte, wie man heute sagt, werde ich es demnächst auch einmal ausprobieren, meine gefühligen Anteile mit „O Herz!“ anzureden. Wer weiß, wozu es gut ist.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr gefällt mir der Gedanke. Gleich am kommenden Montag könnte ich passend damit anfangen. Wenn der harte erste Werktag nach der vergleichsweise seligen Urlaubswoche anbrechen wird:

„O Herz, sag, was wehrest du dich

Gegen des Heimbüros Pflichten?

So schlimm sind sie auch wieder nicht,

Willst du zugrunde mich richten?“

Doch, ich denke, da geht noch was.

Der Fernsehturm spiegelt sich auf einer Wasserfläche voller Laub in Planten un Blomen

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Zweierlei

Dann wartete ich wieder auf etwas, aber diesmal deutlich freudiger als beim Ausharren wegen des Paketdienstes. Denn es gab noch einmal eine gelungene Aktion aus der Blog-Camarilla: Der Herr Fischer von Hmbl, um seinen vollen Adelstitel zu nennen, brachte aus dem fernen Südelbien einen Plattenspieler mit Zubehör für den sehr begeisterten Sohn I zu uns. Für den erwartungsfreudigen Sohn, der bisher nur Platten, aber noch kein Abspielgerät besaß. Und das ist ja auf Dauer kein Zustand.

Hier wird es auch drüben im Blog erwähnt, mit Kulturtippbestätigung.

Eine gute Gelegenheit war das auch, kurz gedanklich etwas zu prüfen. Die Jahre und Jahrzehnte der Bloggerei durchzugehen und zum Gegencheck auch den Rest des Lebens davor und daneben abzugleichen. Was dann das vollkommen eindeutige Ergebnis brachte: Es gab in meinem Leben kein anderes Netzwerk, welches mir auf etlichen Ebenen auch nur annähernd so viele Gelegenheiten zur Freude gebracht hat, so viele Freunde und gute Kontakte auch.

Keine andere Szene, kein anderer Kontext – und man ist doch in einigen, während man so vor sich hin altert – kommt da noch mit.

***

In überhaupt keiner Verbindung zum ersten Teil dieses Eintrags möchte ich kurz noch eine gewisse Trendahnung benennen, die mich gerade beunruhigt. Denn ich habe etwas gesehen, von dem ich zwar noch hoffe, dass es nur ein Einzelfall war, bei dem ich aber schlimme Befürchtungen habe.

Wieder war es ein Anblick im Hauptbahnhof, wie so oft. Da laufen eben jeden Tag eine halbe Million Menschen durch, und dann immer noch einer, nämlich ich. Man kann die Fülle und das Treiben dort belastend, gefährlich oder einfach furchtbar finden (aktueller NDR-Bericht mit schrecklich unangenehmen Bildern von überfüllten Gleisen hier). Ich zumindest kann es dort aber auch unterhaltend und lehrreich finden.

Denn die Gesellschaft, die ich oft bloggend beobachte, sie läuft da in kompakter Form und auch noch jederzeit verfügbar in nächster Nachbarschaft für mich zur Ansicht herum. Wie praktisch ist das denn.

Was aber sah ich diesmal dort: ein kleines Rudel Menschen, vergnügt beieinanderstehend. Auf diese Art herumstehend, bei der man schon aus einiger Entfernung erkennt, dass Alkohol im Spiel ist. Vielleicht auch viel davon. Die Stimmen alle etwas zu laut, das Lachen etwas zu kreischend. Das Im-Weg-Stehen und das körperbetonte, ausgelassene Herumalbern etwas zu offensichtlich. Dazu ein Bollerwagen mit blinkender Leuchtdeko. Außerdem hatten die Menschen dieses Rudels ähnliche Sachen an, sie waren also irgendwie mottoverbunden. Da meint man, gleich zuverlässig Bescheid zu wissen, es muss ein Junggesellenabschied sein. Oder das Pendant für die Braut.

Neonleuchtherzen als Deko in einem Baum am Hamburger Berg

Neonherzen an der Reeperbahn

Also eine Ausdrucksform von „sturztrunken randalieren und fremde Menschen belästigen, aber für Erwachsene und ohne Fußballverbindung“. Man erkennt an der Art, wie routiniert viele Menschen diese Spaßtruppen in den Fußgängerzonen etc. weiträumig umkurven, wie beliebt sie allgemein sind.

Es war dann aber gar kein Junggesellenabschied. Wie einem mitgeführten Schild zu entnehmen war, das ich im Vorbeigehen las, es war es vielmehr ein Fall von, ich ändere eben den Namen, bleibe aber nahe dran: „Klausi hört auf“.  Und die Teilnehmenden waren größtenteils auch eher im passenden Alter für Silberhochzeiten, nicht in dem für das erstmalige Heiraten.

Eine lustig eskalierende Verrentungsprozession war es. Denn Klausi hört nicht sang- und klanglos auf, oh nein.

Ein Neonschriftzug: Bar

Ein Neonschriftzug: Smoking

Das aber hat gerade noch gefehlt, dass daraus nun ein Trend wird. Bei fast zwanzig Millionen Boomern, die bis 2036 noch in Rente gehen werden. Wenn die sich alle noch einmal mit dem ganzen Kolleginnenkreis öffentlich die Kante geben und dabei johlend durch die Innenstädte ziehen …

Nun, sehen wir es wieder bemüht positiv: Dann fallen die Junggesellenabschiede gar nicht mehr so unangenehm auf. Immerhin. Wie neulich bereits festgestellt, nicht jedes Immerhin lässt einen jubeln.

Am Ende ist es aber erneut ein Fall für ein Bibelzitat. Am Ende habe ich es womöglich zu spät bemerkt, und es ist gar nicht neu, sondern in Wahrheit längst ein Trend. Es findet schon überall so statt. Und es gilt dann also jetzt schon und erneut Hiob 3, Vers 25. Auch für unchristliche Menschen wie mich ist es eine enorm anschlussfähige Stelle:

„Denn was ich gefürchtet habe, ist über mich gekommen, und wovor mir graute, hat mich getroffen.“

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Achtsames Warten

Das Kulturprogramm am Montag fand ohne einen Termin statt, weil mir ein Termin dazwischenkam. Oder eher ein ausgedehntes Warten auf etwas, nämlich auf einen Paketlieferdienst. Der mir während der Anfahrt zahlreiche Updates schickte, denen zu Folge allerdings entweder mit dem Stadtplan oder mit dem allgemeinen Raum-Zeit-Gefüge etwas nicht stimmen konnte.

Denn der Fahrer war mal ganz in der Nähe meiner Wohnung, quasi vor der Tür, dann aber wieder nicht, und die Position wechselte unerklärlich schnell zum anderen Ende des Viertels. Er wollte mich in zehn Minuten erreichen, dann wieder in zwei Stunden, dann bis 14 Uhr, dann gleich, sozusagen sofort, dann doch bis 16 Uhr.

Je öfter ich auf die Benachrichtigungen sah, desto verwirrender wurde es. Ich vermute daher nun, es gibt analog zum Heisenbergschen Welle-Teilchen-Problem auch ein Kommen-Nichtkommen-Phänomen bei der Paketzustellung: Wenn man hinsieht, verändert sich das Ergebnis der Versuchsanordnung. Es ist die besondere Unschärferelation der Lieferdienste.

Fleetblick in der Speicherstadt bei Niedrigwasser

Aber es machte nichts! Und es kam auch gar nichts Wichtiges. Ich hätte auch einfach nicht hier sein können, es wäre fast egal gewesen. Ich habe nur eine irrational intensive Abneigung dagegen, Sendungen irgendwo abholen zu müssen. Obwohl der Ablageort meist im Kiosk um die Ecke ist, obwohl man dort nett ist und auch besonders großzügige Öffnungszeiten hat. Man kann es mir in dieser Hinsicht nicht recht machen, denn ich möchte Post unbedingt in meiner Wohnung bekommen und nicht irgendwohinmüssen. Ich bin postkonservativ.

Die Wohnung war währenddessen weiterhin leer, Buddenbohm allein zu Haus. Eine ungewöhnliche Situation. Ich verband das Warten daher mit einem intensiven Herumwohnerlebnis, und das war auch einmal schön. Setzte mich mal hierhin und mal dorthin, legte mich auf Sofas und Betten. Ich machte gar nichts, ich mietete gewissermaßen nur etwas bewusster als sonst.

Dann sah ich noch länger als sonst aus dem Fenster und dem Treiben auf der Baustelle zu. Ich hörte auch auf die schwachen Geräusche der Nachbarn, auf die Kirchenglocken und auf die Schreie der Möwen über mir.

Herbstlich wirkende Pflanzen an einem Fleetufer

Achtsames Warten also. Bestimmt gibt es schon Seminare und Bücher dazu, bestimmt verdient jemand Geld damit. Aber ich kann das auch ohne jede Hilfe, wie frisch bewiesen.

Ein urlaubsgemäßes Hörbuch fing ich dann noch beim Herumwandern zwischen den Räumen an. Kurz und betont entspannt war es. Vielleicht etwas zu entspannt, wie man gleich sehen wird.

Alex Capus: „Das kleine Haus am Sonnenhang“, hier die Perlentaucherseite dazu. Der Autor, dessen Romane ich gerne gelesen habe, liest es selbst vor, und es wird das erste Hörbuch sein, das ich im Tonfall der Schweiz gehört habe. Und was dieser Tonfall mit dem Text macht – das ist auch wieder so ein Denkabgrund, in dem man längere Zeit verbringen könnte, weil man die Frage doch auf alle Menschen anwenden kann, die Bücher geschrieben haben. Was macht es aus, wenn man Goethe hessisch denkt, Thomas Mann norddeutsch oder Tucholsky mit Berliner Einschlag? Es macht nicht nichts aus, um vorne anzufangen.

Ein Hochhaus am Nikolaifleet

Das Buch enthält Erinnerungen, zu nicht geringen Teilen in deutlicher Nostalgie fast arkadisch verklärt. An die Neunziger Jahre, an ein kleines Haus in den italienischen Bergen und an dort verbrachte Urlaube und Rückzugswochen.

Da ich in den Neunzigern generell dabei war, wenn auch nicht in Italien, fand ich es trotz etwas betulicher, teils auch allzu schlichter, wenn nicht schon fast phrasenhafter Abschnitte interessant. Auch weil es für mich immer wieder faszinierend ist, wie lange die Neunziger her sind und welche Umwälzungen, gerade unseren Alltag betreffend, wir seitdem alle mitgemacht haben. Wie viel länger wir etwa damals für so vieles gebraucht haben. Teils unfassbar viel länger, siehe Kommunikation etc.

Ich habe dieses Phänomen etwa meinen Söhnen kaum erklären können, habe ich in den letzten Jahren bemerkt. Schon all die Stunden, in denen damals einfach nichts war – sie sind kaum darzustellen, wenn man dergleichen nicht auch selbst in ausreichendem Maße erlebt hat. Und das haben die Söhne nicht.

Wobei mir bei diesem Teil des Themas jede Nostalgie abgeht. Ich fand das nicht schön. Wenn man fragen würde, für wen man das Internet und die Beschleunigung der Nachrichten, die sozialen Medien etc. erfunden hat, ich würde mich melden, so viel Ehrlichkeit muss sein.

Ob das aber gut war, was da zunächst meiner Wunscherfüllung so offensichtlich diente, als alles Fahrt aufnahm und wir immer schneller mit immer mehr Menschen kommunizierten, daran sind mittlerweile bekanntlich Zweifel angebracht. Aber auch das ist mir gerade ein zu weites Feld.

Blick über das Nikolaifleet Richtung Theaterschiff

Ich hätte das Buch zwischendurch fast abgebrochen, weil mir doch zu vieles darin redundant vorkam. Weil es zu oft Mitteilungen auf dem Niveau von „Jeden Morgen geht die Sonne auf“ gab. Entschieden zu oft. Ich war manchmal nahe am Drosten-Zitat: „Ja, ist gut jetzt.“

Er schreibt da aber auch über seinen Beruf, über das Schreiben und das Lesen. Wobei er zwar teils Meinungen vertritt, denen ich kaum folgen kann, aber bitte, man kann auf enorm viele Arten schreiben. Man kann also, um nur ein Beispiel zu nennen, auch ausdrücklich etwas gegen Notizen haben (John Irving sieht es ebenfalls so, habe ich in einer Doku gelernt), das ist in Ordnung. Ich lese oder höre jedenfalls meist mit Interesse, was andere über das Schreiben und Lesen zu sagen haben.

Und wenn er etwa notiert, dass man in Erzählungen und Romanen glaubwürdiger sein muss, als es die Wirklichkeit ist, dann finde ich das zumindest für mich anschlussfähig. Merke ich doch sogar beim Bloggen, wie surreal und unglaubwürdig die Wirklichkeit sich oft gibt, während man ihr schreibend zu folgen versucht und dabei dauernd denkt: „Das glaubt mir doch wieder kein Schwein.“

Blick über den Nikolaifleet Richtung St. Katharinen

In den Neunzigern schrieb Capus selbstverständlich noch mit der Schreibmaschine. In seinem kleinen Haus in den Bergen heftete er die fertigen Seiten seines ersten Romans nach dem Tippen jeweils an einen Eichenbalken unter der Decke, um die Übersicht über den gesamten Text zu behalten. Schreiben war ein viel reellerer und greifbarerer Vorgang, als es heute der Fall ist.

Und, wie er auch notiert, das Tippen an der Maschine setzte damals ein ganz anderes Textdenken voraus, da man nicht so schnell wie heute alles wieder umbauen und permanent in zig Versionen neu und dabei variabel bleibend erzeugen konnte. Das Handwerk hat sich seitdem enorm verändert, das Schreiben ist fluider geworden.

Ob das aber etwas mit Qualität zu tun hat – das ist noch so ein weites Feld.

Ich hörte also dieses Buch, ich ging dabei ziellos entspannt in der Wohnung herum dabei. Und als der letzte Satz gesprochen war, klingelte es. Also sprach ich kurz zu mir selbst, während ich dem Boten die Tür öffnete:

„Siehste, und das eben ist genau das, was wir mit der Unglaubwürdigkeit der Welt meinen. Das geht doch so nicht.“

Blick über ein Fleet in der Speicherstadt

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Alte Freunde besuchen

Am Sonntag ging es gleich weiter im Kulturprogramm. Immer im Vibe bleiben, immer die Wellen abreiten, „as my whimsy takes me“. Es hat sich in der Rückschau, auch über die Jahrzehnte, doch meistens bewährt.

Im Museum für Kunst und Gewerbe war ich schon lange nicht mehr, also mehrere Jahre nicht. Das lag daran, dass mich die Sonderausstellungen dort in seltsamer Reihung nie recht interessiert haben. Und auch die aktuellen eher nicht. Stets gingen sie knapp an meinen Interessen vorbei, in wenigen Fällen auch an meiner Zeitplanung. Dabei hatte ich das Museum in guter Erinnerung, war früher auch viel öfter dort. Ein Nachbar ist es auch, wenn ich es auf den Stadtteil beziehe, und es beinhaltet sogar eine Buchhandlung, die am Sonntag geöffnet ist. Es gibt also Argumente, die dafür sprechen, dort wieder hinzugehen. Man muss es nur durchziehen, nicht nur dauernd im Vorbeigehen denken.

Es ist immerhin keine Pflicht, auf eine passende Sonderausstellung zu warten.

Die Fassade des Museuns für Kunst und Gewerbe

Reklametafel der Destille im Museum für Kunst und GewerbeDas Treppenhaus im Museum für Kunst und Gewerbe

Das Museum liegt in einigermaßen prekärer Lage gegenüber der Methadon-Ausgabestelle, weswegen ich vor der Tür wieder etwas sah, das hier im Blog öfter vorkommt: das namenlose Entsetzen der Touristen aus vermutlich beschaulicheren Gegenden, denen reihenweise die, man kann es kaum anders nennen, zombiehaften, verwahrlosten und verlumpten Junkies entgegenkamen. Mit allen Formen von Hautschäden, so dass man bei ihrem Anblick auch an Aussätzige denken könnte, an Lepröse und sonstige Opfer grauenvollster Krankheiten.

Die auch in vielen Fällen seltsam verrenkt gehen oder stehen, manchmal an die grausigen Darstellungen von Irren aus dem Mittelalter erinnernd. Aber auch Expressionismus unter den Opfern. Barlach-Zeichnungen kommen einem da entgegen, Kollwitz-Blätter, Kubin auch.

Dass man bei Crack etc. eine weitgehende Hoffnungslosigkeit mitdenken muss, macht den Anblick noch schlimmer, für mich jedenfalls. Man sieht auf Verdammte, in einem tief historischen Sinn.

Die Ironie der Geschichte, in diesem Fall eine nicht eben feine Ironie, liegt darin, dass unser kleines Bahnhofsviertel immer schon jene Gegend der Stadt war, die für solche Fälle vorgesehen war. Auch in jener Zeit, als es tatsächlich noch um Lepra ging. Die Kranken, die Irren, die Galgenvögel, die Gebresthaften, die Gebrochenen, die Außenseiter – das war hier ihre Heimat. Und ist es teils immer noch, denn die Stadtgeschichte ist eine starke Macht, die lange wirkt.

Wieder ging ich im Museum nach der so sehr bewährten Kindermethode vor. Ich ging also planlos, stromernd und ungezielt herum. Auf alles zusteuernd, was meine Aufmerksamkeit kurz oder länger haben wollte.

Nebenbei erwähnt gibt es wohl so leicht kein zweites Museum weit und breit, in dem man sich derart leicht und verwirrend verlaufen kann. In jedem Treppenhaus, von denen es gefühlt etwa zwanzig gibt, diskutieren ratlose Menschen. Also vor allem deswegen ratlos, weil die meisten eben doch planvoll vorgehen möchten, nicht so wie ich.

Kaum las ich irgendwelche Erklärbärschilder, mir war an diesem Tag nicht danach. Ich ging einfach so herum und genoss das, was mir auffiel.

Eine moderne Skulptur (?) im Museum

Ein Sessel (Kunst) im Museum

Eine riesige moderne Lampe im Foyer des Museums

Vieles erkannte ich wieder. Weil ich es seit vielen Jahren schon kenne, auch seit vielen Jahren schon mag. Etwa die Jugendstilinneneinrichtungen und auch andere Möbel. Einige davon habe ich schon als Jugendlicher angestaunt.

Jugendstilraum im Museum für Kunst und Gewerbe

Möbeldetail

Stühle im Museum für Kunst und Gewerbe

Selbstporträt in einem Spiegel im Museum

Was mir aber zum ersten Mal auffiel – es ist auch ein Teil des Heimatgefühls, solche Stücke in Museen zu kennen, die man geradezu freundschaftlich betrachtet. Bei denen man sich also gelegentlich über ein Wiedersehen freut. Ausgesprochen angenehm war mir das Wiedererkennen in einigen Fällen, und ich hätte manche Sachen auf kumpelige Art anstupsen mögen: „Na, auch hier?“

Aber Contenance, man kennt das. Und so ein Alarm löst ja Stress für alle aus, das möchte man nicht.

Noch ein Nebengedanke: Dass die ehemalige Spiegel-Kantine im Museum gelandet ist, kann man aufgrund des spektakulären Designs leicht nachvollziehen. Für die zahlreichen Menschen aber, welche diese Kantine noch im Alltag benutzt haben, stelle ich es mir als besonders markanten Alterschritt vor, die ehemals gewohnte und oft benutzte Stätte nun im Museum wiederzufinden.

Detail der ehemaligen Spiegelkantine

Detail der ehemaligen Spiegelkantine

In meiner Firma wurde das Thema Essen, Pausenräume etc. stets ausgesprochen stiefmütterlich behandelt. Die Kulisse aus dem trostlosen Kellerraum, in dem wir in den Neunzigern geschmacklose Pampe aus aufgewärmten Aluschalen unter Neonröhren aßen, sie wäre wohl eher ein Fall für das Museum der Arbeit. Wo dann die Gäste kurz davor stehenbleiben, den Kopf schütteln und leise mit leichtem Grusel sagen: „Also schön war das ja nicht.“

Aber apropos Essen und Trinken! Es gab in der „Destille“ im Museum sowohl guten Kaffee als auch guten Kuchen. Was ganz und gar keine Selbstverständlichkeit in Kultureinrichtungen aller Art ist. Aber die Frischkäse-Karamell-Torte, der Espresso Macchiato: sehr in Ordnung.

Kaffee und Kuchen in der Destille

Auch mit dem Sonntag also war ich im Sinne meines vagen Urlaubsplans voll zufrieden.

Was mache ich heute? Ich habe noch keine Ahnung, denn ich betrete nun Dimensionen der Spontaneität, die keine Version von mir jemals … Sie wissen schon.

Aber ich werde vermutlich berichten.

Eine Bronzeskulptur im Museum

Goldene Skulpturen vor grüner Wand im Museum

Spruch an einer Wand "Das ist mal ein Museum!"

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Kulturprogramm am Wochenende

Ich habe eine weitere Woche Urlaub. Mit der besonderen Vergünstigung, allein in der Wohnung zu sein, also niemanden bekochen zu müssen, für niemanden einkaufen zu müssen etc.

Ein ungeahnter Freiraum tut sich auf.

Am Samstag beschloss ich daher, als ich über die diversen Möglichkeiten nachdachte, diese Woche so gut es gehen wird für einige Unternehmungen zu nutzen. Und nicht etwa, wie es für Nichtreisende sonst vollkommen üblich ist, für liegengebliebene, vor sich hin verwesende To-Dos aus dem dunkelgrauen Admin-Bereich des Lebens. Obwohl auch diese Wahl sinnvoll gewesen wäre und auch beträchtlicher Bedarf besteht, so ist es nicht.

Ich wurde durch einen wiederum äußerst sinnigen Zufall, genauer durch einen Effekt in der Shuffle-Funktion bei den Playlists, rechtzeitig durch den argentinischen Sänger Kevin Johansen erinnert:

„The more that we control

The less we rock and roll.”

Denn ich höre ja auf die Lyrics in meinen Playlists. Sie sind manchmal besser und hilfreicher als viele andere Orakel oder Coaches.

Also sah ich in für meine Verhältnisse nahezu wilder Spontaneität am späten Nachmittag die abendlichen Termine in Hamburg durch. Kaufte dann, nachdem ich kurz den Ticketpreis veratmet hatte (ich will nicht sagen, dass es teuer ist, ich merke nur immer stärker, dass ich in Bezug auf Preise stark nachgehe – mein inneres Preisgefüge ist vor etwa sechs Jahren stehengeblieben und passt seitdem nicht mehr recht in diese Welt), den vorletzten Platz für den Abend im Thalia-Theater. Denn ich war nicht nur spontan, ich war auch seltsam versöhnungsbereit und freundlich gestimmt.

Weswegen ich diesem Theater, mit dem ich, siehe auch Deutsches Schauspielhaus, eher nicht gut klarkomme, weil ich zu konservativ, zu brav und sicher auch zu langweilig für die Inszenierungen dort bin, eine neue Chance einräumen wollte.

Vielleicht aber wollte ich diese Chance auch eher mir einräumen. Denn das Theater oder ich, wir könnten uns ja beide irgendwie geändert haben, dachte ich. Aufeinander zubewegt vielleicht.

Molières „Menschenfeind“ wurde dort gespielt und, um es vorwegzunehmen, aus meiner Sicht vollkommen zu Recht mit Standing Ovations gefeiert. Und, um auch das gleich vorwegzunehmen, es gibt noch weitere Termine, sie reichen bis weit ins nächste Jahr. Ich empfehle diesen Besuch.

Reklameschild für "Der Menschenfeind" am Thalia-Theater

Allerdings bin ich kein Theaterkritiker und habe in dieser Hinsicht rein gar keine Kompetenz, zumal ich für Rezensionen mit Sachkenntnis auch insgesamt im Leben viel zu selten im Theater war. Die sicher kundigen Spezialexperten etwa bei NDR und Morgenpost waren aber ebenfalls angetan. Ich zitiere zwei Stellen, denen ich mich anschließe:

„Bockstarkes Ensemble“

„Die Inszenierung ist zudem auch urkomisch, flapsig, herrlich exaltiert.“

Bevor ich zum Stück komme, sind noch eben zwei andere, eher marginale Aspekte des Abends unbedingt zu loben. Die fallen auch viel eher in meinen Kompetenzbereich:

Als ich neulich hier über Kontaktanbahnung in Hamburg schrieb, gab es ganz ungewöhnlich viele Kommentare dazu. Was mich vermuten lässt, dass dieses Thema doch viele Menschen umtreibt.

Da habe ich nun eine vermutlich originelle Empfehlung für kontaktsuchende Menschen in dieser Stadt, nämlich den Platz 28 in Reihe 7 im Parkett. Kommen Sie früh, setzen Sie sich hin und warten Sie ab, während der Saal sich füllt. Dieser Platz ist am Rand, sogar noch weiter außen am Rand als in den anderen Reihen. Er ist auch direkt neben einer Tür, also wie geschaffen für stets misstrauische, fluchtbereite Menschen wie mich.

Wenn Sie dort sitzen, ist direkt vor Ihrem rechten Fuß, also in etwa jedenfalls, etwas im Boden des Ganges, das ich mit einem Wort bezeichnen möchte, bei dem ich allerdings vermute, dass es nicht allzu viele verstehen: eine Lunke.

Das ist im Plattdeutschen eine Absenkung. Eine Mulde, eine Vertiefung im Boden.

Es ist keine Stufe, es ist eher, wenn man es als Gehender beschreibt, ein unmittelbares Nachgeben des Bodens – man macht einen Schritt und plötzlich ist da nichts unter einem. Was bedeutet, direkt neben Ihnen stolpert mindestens die Hälfte der hereinströmenden Gäste. Stürzen auch einige oder erschrecken sich zumindest, geraten kurz aus dem Gleichgewicht, kommen ins Taumeln. Und Sie sitzen da entspannt und überlegen sich, wem Sie eventuell eine helfende Hand reichen möchten.

Das ist doch einmal ein sinnvoller und auch anwendbarer Hinweis, nicht wahr? Wenn ich so drüber nachdenke – ganze Reiseführer mit solchen Tipps sollte es geben. Ich erahne einen Markt.

Die Fassades des Thalia-Theaters

Diesen Platz also wollte ich einerseits loben. Außerdem jemanden, der in Theaterkritiken oder -berichten sicher meist nicht gewürdigt wird, nämlich den Platzanweiser. Wenn der heute noch so heißt und nicht, wie etwa Briefträgerinnen, Arzthelferinnen oder Schaffner, längst eine andere, viel modernere Bezeichnung hat. Da bin ich vielleicht nicht orientiert. „Parkettpfleger“ wäre auch nicht falsch.

Dieser Mensch jedenfalls kümmerte sich dermaßen rührend bemüht um seine Gäste, war so sichtlich bestrebt, allen hilfreich zu sein und wirkte insgesamt überzeugend so, als seien das alles seine Gäste, nicht etwa nur die des Hauses. Es war tatsächlich eine Freude, dem zuzusehen. Wie da den Alten und Gebrechlichen geholfen wurde, wie immer wieder einiges erklärt wurde, wie fürsorglich auch Gehörschutz wegen der lauten Musik an Empfindliche und Geschädigte ausgeteilt wurde. Wie sinnig er auch die Gäste darauf hinwies, wer vielleicht doch lieber noch einmal auf Toilette gehen sollte, weil es schwierig werden würde, genau diesen Platz während des Stücks zu verlassen, immerhin über zwei Stunden ohne Pause …

Ich mag das sehr, wenn Menschen ihre Aufgaben derart ernst nehmen. Auch und gerade solche Aufgaben. Eine längst altmodische Freude über eine ebenfalls altmodische Berufsauffassung wird es sein.

Die Beschreibung der Inszenierung überlasse ich aus den genannten Gründen lieber den oben verlinkten Medien, ich kann nur ergänzen, dass ich es unmittelbar wirksam empfand, dass Molière auf diese Art auch in meine Weltwahrnehmung hervorragend passte.

Zwei Aspekte haben mich geistig etwas aufgehalten, auf die allerdings beste Art. Sie führen nun dazu, dass ich den Originaltext noch nachlesen werde.

Beim Grundkonflikt im Stück geht es um einen Menschen, der „authentisch“ und ehrlich sein und wirken möchte und sich daher den höflichen-höfischen, aus einer Sicht verlogenen Umgangsformen der anderen verweigert. „Geschmeidige Anpassungsfähigkeit“ wird in der Wikipedia diese Form der ihn umgebenden Höflichkeit genannt, gegen die er da anrennt.

Und ich war zwischendurch immer wieder abgelenkt, weil man das Stück so mühelos auf die moderne Konzernwelt übertragen könnte. Auf aktuelle Kommunikationsprobleme in der Corporate-World. In der sich die Umgangsformen der gerade weltbestimmenden Business-Variante des Neofeudalismus mit immer mehr barock anmutender LinkedIn-Verbrämung sehr leicht mit historischen und höfischen Umgangsformen in Verbindung bringen lassen. Und in der es ebenso schwer ist, mit nichts als der Wahrheit durchkommen zu wollen.

Außerdem aber ist der Text in gewisser Weise geistige Vollkornnahrung, wie man es auch von Shakespeare und etlichen anderen Klassikern kennt. Was dazu führte, dass ich über viele Sätze gerne zumindest kurz nachgedacht hätte, dann aber deswegen schon die nächsten nicht hörte. Eine Art Konzentrationsstörung durch Konzentration, das war auch einmal originell.

Das Reclam-Heft mit dem Menschenfeind müsste hier aber irgendwo sein, in welcher Übersetzung auch immer. Ich werde das in Kürze ins Leseprogramm einschieben und die Sache vertiefen.

Ein hervorragender Urlaubseinstiegsabend also!

Keine Klagen, gerne wieder.

Blick vom Thalia-Theater runter zur Alster

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