Fit

Ich habe versucht mir ein Oberhemd zu kaufen, bin dabei aber wohl im falschen Laden gelandet, da hingen nämlich nur Exemplare in “slim-fit” und “muscle-fit”, wobei ich die zweite Variante bisher noch gar nicht kannte, aber ohnehin keinesfalls als passend betrachten kann, so viel Ehrlichkeit muss sein. Ich habe mich im Laden etwas umgesehen, niemand in meiner Nähe wirkte auch nur annähernd so, als müsse er dringend ein Hemd in “muscle-fit” tragen, auch slim traf auf die meisten Kunden nur mit sehr viel gutem Willen zu. Andererseits war das aber ein recht großer Laden, der muss das Zeug also auch verkaufen können. Die hängen so etwas ja nicht als Scherz dahin, oder, falls es doch ein Scherz ist, dann ist es einer, der wirtschaftlich sehr gut funktioniert.

Ich brauche so ein Hemd eigentlich nur, um damit tagelang ziemlich reglos im Büro herumzusitzen, ich brauche sozusagen desk-fit oder chair-fit, das gibt es aber nicht. Früher, so denke ich, früher haben wir einfach nur Hemden gekauft, und die hießen auch genauso, einfach Hemden, meinetwegen auch Oberhemden, und da stand von fit gar nichts dabei! Da gab es  nur Größen und Farben und das ging auch. Fit kam überhaupt nur im nächstbesten Naherholungswald vor, da gab es so seltsame Pfade mit Erklärtafeln und lustigen Turngeräten aus Holz, die machten fit und slim und muscles und alles, aber die Herrenausstattung betraf das nicht einmal am Rande.

Gott, was freue ich mich auf meine Jahre als Nörgelrentner.

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Im Vorübergehen gehört, und das klingt jetzt etwas ausgedacht, aber so ist es eben, es passt manchmal:

“Früher konnten wir auch nicht alles an jeder Ecke kaufen.”

“Das war eine andere Welt.”

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Und hier noch sechs Hobbymusiker im fröhlichen Singkreis.

Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Carry on

Über das Lesen und die Atrophie des Denkens.

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Ich lese gerade Erzählungen aus Neuseeland, dabei fiel mir Eleanor Catton auf, weil die Dame verdammt gut beschreiben kann, wirklich bemerkenswert, auch wenn die Geschichte dann wieder so eine war, nach deren Ende man die Autorin schütteln und “JA, WAS JETZT” fragen möchte, also ich jedenfalls. Egal, Eleanor Catton habe ich dann natürlich gegoogelt, weil ich sie noch nicht kannte, und guck an, die hat vor ein paar Jahren mit einem wohl ziemlich irrwitzigen Werk den Booker-Preis gewonnen, die hat da quasi einen viktorianischen Roman nachgebaut, nachempfunden, nachgeschrieben, wie auch immer man es nennen möchte. Ich finde so etwas interessant, schon deswegen, weil ich es mir ums Verrecken nicht vorstellen kann, auf einen Plot zu kommen, der achthundert oder tausend Seiten füllt, ich aber andererseits das Verlangen, auf ausdrücklich altmodische Art zu erzählen, absolut nachempfinden kann, schon aus therapeutischen Gründen.

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Die Woche ist so randvoll mit Ärger, mit banalem, schwarzem Ärger, in einem Comic wären dauernd kleine Rauchwölkchen über meinem Kopf, in einem amerikanischen Kinofilm würde ich in Kürze eine handliche Kettensäge kaufen und in einem finnischen Roman würde ich schier irrwitzige Mengen trinken und zwei Kapitel weiter in äußerst seltsamen Gegenden mit irritierenden Nebenfiguren im Bett landen, aber wie es aussieht, ist das hier lediglich die Hamburger Wirklichkeit- carry on, Buddi.

In Werktagsrechnung endet die Woche heute, immerhin das. Das nützt mir zwar bei der Ärgerfrage nichts, die ist gar nicht beruflich, aber vielleicht ist es der Stimmung ansonsten irgendwie zuträglich.

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Musik! Dem Herrn hier sieht man ja auch gerne mal bei der Arbeit zu. Consolations, braucht man eh ab und zu.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Beschwerden

Es gab hier bittere Beschwerden aus dem Kinderzimmer, weil wir nicht rechtzeitig in Paris waren. Die Söhne hätten Notre-Dame nämlich noch in Gänze sehen können, sagen sie, mit Dach und kleinem Turm und allem, hätten wir die Stadt denn in den letzten Jahren wenigstens einmal besucht. Überhaupt wollten die Söhne seit quasi immer schon nach Paris, hätten wir bloß mal auf sie gehört! Nun ist mir einerseits ihr reges Interesse an der gotischen Architektur bisher gar nicht aufgefallen und meine enthusiasmierten Erklärmonologe zur Backsteingotik in der Lübecker Marienkirche etwa verhallten nach meiner Erinnerung dort eher ungehört, andererseits – Recht haben sie.

Ich plane jetzt die nächsten Urlaube einfach nach grob geschätzten Brandrisiken bei den Stätten des Weltkulturerbes, vielleicht kann man das auch irgendwo nachlesen, man kann ja fast immer alles irgendwo nachlesen. Vielleicht ist in einer Kirche oder einem Palast noch offenes Feuer erlaubt, da müssen wir dann zuerst hin, logisch. Oder sollen wir doch lieber erst einmal alles abklappern, was allzu dicht am Meer steht, wegen des Klimawandels und des steigenden Wasserpegels und so? Noch schnell ein Foto vor dem Absaufen? Da liegen wir dann mit dem Bauernhof auf Eiderstedt gar nicht falsch. Oder machen wir einfach Urlaub im Schrebergarten, noch einmal Insekten genauer ansehen, denn wer weiß? Es ist überaus kompliziert.

Aber egal. Zumindest 2019 haben wir eh schon gebucht.

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Musik! Auf Youtube schreibt übrigens jemand, dass die Orgel das Feuer überstanden hat.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Umbau

Wir haben aufgrund einer höchst eigenwilligen und eher schrullig wirkenden Idee von Sohn II das Kinderzimmer umgeräumt, wir haben einfach am Sonntagmorgen mal eben alle Möbel bewegt und selbstverständlich auch gleich spontan durchgeputzt, warum auch nicht, man hat ja sonst nichts vor am einzigen komplett terminfreien Tag im Monat, wenn nicht sogar im Quartal, den kann man sich doch auch einigermaßen originell ruinieren, aber selbstverständlich kann man das. Nachdem das Kind schon seit gefühlten Ewigkeiten immer wieder und wieder mit dieser Idee herumgenervt hat, dachten wir jetzt, okay, dann machen wir das eben endlich einmal, dann sieht auch er ein, dass es so einfach nicht geht, gar nicht gehen kann, wozu ihm leider altersbedingt noch die Einsicht fehlt – und dann schieben wir alles sofort wieder zurück. Theaterbühne nichts dagegen, kurze Umbaupause, dann geht das Stück schon weiter. Und Schluss ist mit den ständigen innenarchitektonischen Quengeleien und Quertreibereien. Ein für alle Mal.

Nun. Der Sohn hat Recht gehabt, die Möbel stehen jetzt eindeutig besser so. Das mit dem räumlichen Denken kann hier offensichtlich nur einer in der Familie, wir hätten es wissen oder wenigstens ahnen müssen. Wir gehen ab und zu ins Kinderzimmer, sehen uns um und staunen.

Ich bringe die ganzen Interieur-Zeitschriften der Herzdame also demnächst einfach zum Altpapier, die sind alle völlig sinnlos. Wenn künftig etwas einzurichten oder umzubauen ist, wir fragen einfach den Sohn.

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Musik! Chuck Berry, You never can tell – in der nettesten aller Versionen.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Alles geben

“Wir lieben Passagiere am meisten, die alles geben, damit die Türen frei bleiben.” So steht es auf Plakaten in den Hamburger Bussen, ich zitiere das nur aus dem Gedächtnis, vielleicht weicht der Satz in Wahrheit minimal ab, das kann sein. Ich stelle mir vor, wie die Damen und Herren der Werbeagentur sich beim Texten scheckig gelacht haben über den Unsinn, den sie da verzapft haben. Ich stelle mir vor, wie die Zeile zuerst hieß: “Wir lieben Passagiere am meisten, die die Extrameile gehen, damit die Türen frei bleiben.” Ich stelle mir vor wie jemand, längst atemlos und knallrot im Gesicht vor Lachen, diesen Entwurf gerade eben noch wieder einkassiert hat, um dann in letzter Minute vor der Deadline noch das “alles geben” durchzusetzen und an den Kunden zu schicken, immer noch hysterisch kichernd.

Ich stelle mir vor, wie am Montagmorgen etliche Hamburger Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus allen Branchen total kaputt im Büro oder in der Werkstatt oder wo auch immer ankommen, erschöpft, verschwitzt und völlig fertig mit der Welt. weil sie im Bus doch schon alles gegeben haben, damit die verdammten Türen … und auch das erklärt vielleicht ein wenig, warum wir alle so sind, wie wir sind. Stets bemüht, aber seltsam erschöpft.

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Im Vorübergehen gehört:

“Damals hat ja Icke Häßler noch für uns gespielt. “

“Ja, damals! ”

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Nach meinem Helgolandbesuch habe ich gelesen, dass ich den neuerdings ab und zu dort vorbeifliegenden Albatros ganz knapp verpasst habe, und das wäre doch schön gewesen, so einen Vogel mal im Vorbeiflug zu erleben. “Der Albatros kam am nächsten Tag”, das ist als Kurzgeschichtentitel aber auch wieder nur so mittel.

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Wenn die kommende Woche so wird wie die letzte, erscheint hier erst Ostern oder so wieder etwas. Wissense Bescheid, wir tragen alle Helm und murmeln immer wieder die unumstößliche Wahrheit: “Es ist alles nur eine Phase.”

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Sohn II wurde verschiedentlich gefragt, wie denn nun die Sache mit dem Fasten gelaufen sei – wenn wir es schaffen, schreibt er noch etwas dazu. Aber siehe letzter Absatz.

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Musik! Erdmöbel.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Update

Ruhig auch mal etwas Positives sehen und beschreiben. Ich muss ja nicht lange suchen, ich habe Söhne, die haben noch eine recht intakte Verbindung zum Guten, zum Schönen und zum Mutigen, da kann man sich ab und zu etwas abgucken, auch als Erwachsener. Etwa bei Sohn II, der, wie Stammleserinnen wissen, recht eindeutig dem Freundeskreis Nachdenken zuneigt und ab und zu gerne mal alles durchgrübelt, das Sosein im Hiersein, das Warum und Wohin und andere Themen, mit denen man sich prima auch lebenslang beschäftigen kann. Der hat gestern wieder einmal über sein Verhalten und sein Verhältnis zur Welt nachgedacht, es ist ganz unerheblich, worum es da genau ging, er hat sich jedenfalls gefragt, was er richtig macht und was falsch. Und er ist nach etwas Grübelei zu Schlüssen gekommen, zu Maßnahmen und zu neuen Zielen. Er hat das alles kurz bilanziert und die Übung dann bei einem Spaziergang mit einem bemerkenswerten Satz beendet, den ich mit freundlicher Genehmigung hier zitieren darf. Darüber nachdenken darf ich vermutlich auch. So also klingt es, wenn man sich entschlossen hinterfragt und dann fix etwas anders als vorher justiert:

“Ich bin jetzt eine neue Variante von mir. Du sprichst bereits mit dem Update.”

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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One of those days

Als die Söhne noch in der Kita waren, gab es da eine Erzieherin, die uns die Kinder nachmittags immer mit diesen Worten überreicht hat: “Gut gegessen, gut geschlafen, gut gespielt.” Jeden Tag. Und wenn man das über hundertmal und jahrelang gehört hat, dann merkt man sich das natürlich und behält es im Familiengedächtnis. Gut gegessen, gut geschlafen, gut gespielt, das beschrieb einen gelungenen, vollkommen sorglosen Tag und ich will mal beiseite lassen, dass sie es auch dann und zu allen Eltern gesagt hat, wenn es nicht ganz zutraf. Immer aber wäre es doch wirklich schön gewesen, wenn es so gewesen wäre, ein seliger Tag, gut gegessen, gut geschlafen, gut gespielt, das haben sich alle Eltern immer für die Kleinen gewünscht. Manchmal sagen die Herzdame und ich das abends heute noch auf, wenn wir hysterisch lachend den Tag resümieren.

Heute z.B. habe ich den Tag so dermaßen an die Wand gefahren, dass ich hier schon seit einer halben Stunde vor dem Bildschirm sitze und mich ab und zu leise frage: “Was bitte war das denn?”

Und nach solchen Tagen gibt es so eine kleine Sehnsucht in mir nach einer simplen und vollkommen befriedigenden Beschreibung der Abläufe, nach einem pappeinfachen Resümee. Gut gegessen, gut geschlafen, gut gespielt. Das wäre ihr Preis gewesen, wie Rudi Carrell gesagt hätte, aber das war auch schon wieder sehr damals, fürchte ich.

Aber nun, es kommen ja neue Tage. Sogar am laufenden Band.

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Musik!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Terminhinweis: Europacamp der Zeitstiftung (Werbung)

Im letzten Jahr hat Jojo (Sohn I) beim Europacamp der Zeitstiftung am Kinderprogramm teilgenommen und ausführlich darüber geschrieben (Artikel hier), das war die Veranstaltung, bei der er der Jüngste von der Presse war, was ihm natürlich enorm gut gefallen hat. Den Veranstaltern wohl auch, denn in diesem Jahr ist er als Teil des Presseteams wieder dabei und macht da diesmal was mit Interviews und Videos. Die jungen Leute! Ich staune. Und gehe da also gewissermaßen nur als sein Anhang mit hin, denn bei Videos bin ich inhaltlich raus. Bewegtbild ist nicht meine Welt, er aber hatte das schon in der Schule, offensichtlich lernen sie da lauter sinnvolle Sachen. Schön!

Aber apropos Schule. Der Sohn ist ein Ganztagsschüler und kann den Teil des Camps, der am Freitag stattfindet, deswegen nicht besuchen – aber ich kann das. Und das mache ich auch, schon um mich auch noch irgendwie sinnvoll zu fühlen. Mal sehen, ob ich da etwas Blogbares finde, im Zweifelsfall sehe ich mir einfach die Leute an, da geht ja immer was. Aber im Programm findet sich auch die eine oder andere interessante Stelle, das kann man hier nachlesen. Yanis Varoufakis und Sophie Passmann etwa, das kann doch etwas werden.

Die Veranstaltung ist kostenlos (bis auf das Abendprogramm) und findet am 26. (Freitag) und 27. (Sonnabend) April auf Kampnagel in Hamburg statt. Wenn Sie da vielleicht auch Interesse entwickeln? Dann sieht man sich.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Vollsortiment mit Weichzeichner

Auf dem Katamaran zurück nach Hamburg. Einen Tisch weiter kniffelt ein Paar und sie schüttelt die Würfel in den Händen viel zu lange, als wäre alles unter einer Minute ungültig oder so. Einen Becher haben sie immerhin nicht, das wäre noch viel lauter. Aber es klackert auch so ohne Ende zwischen ihren Fingern, warum schüttelt man denn Würfel bloß so lange? Dann würfelt sie endlich und freut sich laut jauchzend und klatscht entzückt in die Hände, dass das ganze Oberdeck Bescheid weiß. Warum sind alle Menschen so laut oder warum werde ich immer geräuschempfindlicher? Vermutlich liegt es am Alter, vermutlich geht es allen so. Sagen Sie jetzt nichts.

Noch einen Tisch weiter spielt ein Dreigenerationenverbund Karten, die reden dabei aber kaum ein Wort, das ist auch wieder erstaunlich. Die gucken nur ernst und spielen und spielen, es nimmt überhaupt kein Ende, immer wieder wird wortlos aufgenommen und abgelegt, ich erkenne nicht, was das sein kann, was sie da spielen, und das Spiel scheint sie weder zu freuen noch zu ärgern, sie bleiben alle ganz ausdruckslos. Während der ganzen Überfahrt holt keiner von denen auch nur einmal ein Handy heraus, die sitzen da wie in den Achtzigern, dazu passende Frisuren haben sie auch. Seltsam.

Die Familie neben mir hat drei Kinder und das vergisst man auch erstaunlich schnell, nein, das verdrängt man erstaunlich schnell, wie intensiv man in der Kleinkindphase als Familienrudel durchdringend nach Feuchttuch riecht.

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Ich sitze mit dem Notizbuch im Anschlag auf dem Katamaran. Die Leute hinter mir:

“Guck mal, der malt.”

“Nee, der schreibt.”

“Na, das ist ja auch ganz schön.”

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Auf Helgoland gibt es einen Edeka-Markt, der ist gar nicht mal so groß, jedenfalls nicht, wenn man ihn mit Großstadtmaßstab betrachtet, aber doch immerhin ziemlich groß für Helgoland, wo alles sonst recht klein ist. Der ist so vollgestopft, dass es in ihm vermutlich alles gibt, was es in unserem Riesenedeka im kleinen Bahnhofsviertel auch gibt, nur jeweils viel weniger Exemplare davon. Es gibt sogar eine winzige Käse- und Wursttheke und die Gäste schieben sich beim Einkauf mit kleinen Schritten und erhobenen Armen aneinander vorbei, weil kaum Platz irgendwo ist, es muss ja alles mit Waren vollgestellt werden, jeder Meter und jede Ecke, jeder Winkel, die Menschen können hier nicht mal eben irgendwo anders einkaufen, sie müssten dafür erst Schiff fahren. Und dieser Laden, das wollte ich eigentlich sagen, der riecht wie die kleinen Läden meiner Kindheit. Ein zusammengestopftes Vollsortiment auf gefliestem Fußboden, alle Waren so eng beieinander, dass sich sämtliche Gerüche und Düfte überlagern, die Äpfel und der Käse und das Fleisch und die Kräuter und die Blumen, die Brötchen und die zurückgebrachten Bierflaschen und der Fisch, der Kaffee und das Suppengrün, das ballt sich alles dicht zusammen und riecht im Ergebnis nach „Einkauf, etwa 1972“.  Und so roch auch später noch der kleine Laden in Travemünde, in dem ich meinen allerersten Job hatte und in dem mir beigebracht wurde, wie man beim Bedienen mit dem Daumen auf der Waage – na egal. Opa erzählt vom Krieg. Wenn Sie jedenfalls nach Helgoland kommen, dann achten Sie mal darauf, dann schnuppern Sie mal, ich denke, das geht nicht nur mir so.

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Beim Frühstück im Hotel sehe ich die Senioren des Tages. Vielleicht gehört es zur alternden Gesellschaft, dass mir neuerdings jeden Tag beschreibenswerte Rentner auffallen, es laufen eben sehr viele davon herum. Also nicht nur auf Helgoland, überall im Land. Die Senioren des Tages jedenfalls betreten den Frühstücksraum etwas mühsam, weil sie gebeugt gehen, da stimmt etwas mit den Rücken nicht mehr, sie sind weit vornübergebeugt und das Besondere ist, dass sie parallel gebeugt gehen. Beide in der genau gleichen verschobenen Körperhaltung, als hätten sie das so einstudiert, als sei das hier Kleinkunst, komm, wir spielen mal Senioren, aber natürlich ist das kein Spiel. Die machen einfach auch das noch gemeinsam, das Gebeugte und das Schwere, das andere haben sie ja auch alles gemeinsam gemacht, nehme ich jedenfalls an. Und als sie ihren Tisch erreichen, können sie sich nicht einigen, wer wem beim Hinsetzen helfen soll, er schiebt ihren Stuhl zurecht, sie langt nach seinem. Als sie endlich stöhnend niedergesunken sind, lachen sie beide: Haben sie das auch wieder geschafft.

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Ich habe auf Helgoland wieder mit etwas begonnen, was einem in Zeiten des Internets leicht abhanden kommt, nämlich mit dem völlig inputfreien Herumdenken. Einfach so in die Gegend gucken und abwarten, was vielleicht kommt, das habe ich in letzter Zeit sicher zu wenig gemacht. Aber da ich jetzt den Wirtschaftsteil nicht mehr mache, muss ich auch keinen Links mehr hinterherjagen, ich muss nicht mehr irgendwo dranbleiben, ich kann auch einfach wegbleiben, das ist auch mal schön. Wegbleiben und abwarten, ob dann was übrig bleibt.  Oder so. Ich lese weiterhin Blogs, weil ich Blogs nun einmal mag (zur Melodie von „weil ich „Paris nun mal so mag“, die Älteren erinnern sich), ich sehe morgens auch kurz in die Hauptnachrichten, und alle anderen Artikel sind mir jetzt erst einmal für eine Weile egal. Ich erwarte aber nicht, dass dabei etwas Geistreiches herauskommt, das ist eher Kurbetrieb und dient nur der Normalisierung.

Das mit dem Geistreichen ist ja ohnehin so eine Sache, finde ich. In einer Mail an mich wurde ich gerade (vielen Dank noch einmal!) überaus freundlich als “scharfsinnig” bezeichnet, ich möchte da in aller Deutlichkeit widersprechen. Nicht als fishing for compliments, nein, ich denke tatsächlich, ich bin eher bemerkenswert unscharfsinnig. Ich möchte fast sagen, ich denke meistens mehr so mit Weichzeichner. Also wenn ich mir dafür mal einen freundlichen Ausdruck zubilligen möchte.

Aber nun, Weichzeichner haben auch Vorteile, in gewissen Momenten.

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Noch ein paar Bilder von der Insel? Bitte sehr.

Helgoland, Promenade

Helgoland, ein Poller mit Tauen

Helgoland, ein Poller

Helgoland, Hafenbecken

Helgoland, Nordostland

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Musik! Heute eine Zigarettenlänge Ravel.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Grau, schön, leer

Nach der Ankunft löst sich der Nebel über der See zügig auf, gibt aber nur ein gewöhnliches Grau frei, keine Inselsonne, kein Strahlen. Das macht nichts, denn hier ist jedes Licht recht, das Meer ist bei jedem Wetter großartig und sowieso hält das Grau hier nicht so lange wie im Binnenland, wo es tagelang über der Stadt festhängen kann und sich nur zögerlich Richtung Mecklenburg verabschiedet. Hier aber wird es schnell wieder weggeweht, darauf kann man sich verlassen. Ich stehe am Südstrand und genau das hat mir gefehlt, dieser Blick.

Da nicht alle Leserinnen auf Instagram sind, baue ich unten noch ein paar Bilder ein, dann haben Sie vielleicht eine Vorstellung, warum ich hier öfter bin, das liegt nämlich nicht nur an meinem einwöchigen Wohnrecht pro Jahr, obwohl das natürlich schon schräg, sonderbar und wundervoll genug wäre.

Es gibt keinen Verkehr auf der Insel, abgesehen von ein paar Elektrowägelchen und dem großen Rettungswagen, der gemütlich unentwegt über die Insel gondelt, vielleicht fahren die da aus Langeweile den ganzen Tag mit dem Ding herum, ich weiß es nicht. Notfälle gabeln sie jedenfalls nicht auf, vielleicht üben sie langsames Fahren, das dann aber gründlich. Es gibt keinen Verkehr, keine Verbrenner, keine Raser, keinen Gestank, keinen Lärm und keine Irren, die mit Handy am Ohr über Rot fahren, die nicht blinken und wild hupen. Niemand fährt zu schnell, es gibt nicht einmal Radfahrer auf den Fußwegen. Es ist unfassbar, was es ausmacht, wenn man das nicht mehr um sich herum hat. Was wir uns mit dem Stadtverkehr antun, man merkt es erst auf solchen Inseln.

Vor dem Kochlöffel-Imbiss an der Treppe zum Oberland steht ein Mann mit Rollator, mir begegnen gerade dauernd sehr alte Menschen, ich weiß auch nicht. Der hält mir einen Zehner hin: “Hier, kannste mir mal nen halben Hahn da rausholen, machste das für mich?” Mit seinem Rollator kommt er die zwei Stufen zur Eingangstür nicht hoch. Natürlich mache ich das, und als ich die Tür öffne, rufen zwei Stammgäste schon Richtung Tresen: “Halben Hahn zum Mitnehmen!” Der kommt da also wohl öfter, der alte Mann.

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Am frühen Abend laufen einige Jogger an meinem Fenster vorbei über die Promenade, wenige nur. An der Alster laufen sie in Grüppchen oder Rudeln und reden die ganze Zeit dabei oder telefonieren, sie hören Musik oder machen kurze Pausen, nur um dann sofort wildeste Gymnastik zu treiben, angebrüllt von einem Personal Coach, hier dagegen wird noch simpel gelaufen. Da läuft gerade einer längs, der hat niemanden neben sich, niemanden vor sich oder hinter sich, der läuft einfach für sich, ernsthaft und konzentriert, er hat nicht einmal Kopfhörer auf, der hört nur die Brandung. Er läuft nach links und das Meer strömt nach rechts und weiter hinten geht die Sonne unter, da, eine Möwe, mehr passiert nicht. Fast könnte einem der Sport auf einmal sympathisch werden, so gut sieht das aus.

Man reist überhaupt viel zu wenig in der Nebensaison, es ist so dermaßen schön, dass nichts los ist. Geschäftig und eilig trippeln hier nur die Bachstelzen über die Promenade, die allerdings sind immens beschäftigt mit Picken und Gucken und Hüpfen und kurzen Flügen ein paar Meter weiter, immer sehen sie so aus, als hätten sie nur ganz wenig Zeit für alles, als wäre alles bei ihnen eilig, wahnsinnig eilig. Es ist so ein kleines Wirbeln, das man beim Spaziergang immer im Augenwinkel hat, denn es gibt viele Bachstelzen hier. Wippsteert im Plattdeutschen, ein schönes Wort. Als Kind wurde ich auch oft so genannt, weil ich einfach nicht still sitzen konnte. “Das gibt sich irgendwann”, sagten die Erwachsenen immer hoffnungsvoll, nachdem sie genug mit den Augen gerollt und mich endlos oft angepfiffen hatten, und jetzt bin ich 53 Jahre alt und möchte allmählich halbwegs sicher und nach ausreichender Bedenkzeit antworten: “Ich glaube nicht.”

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Helgoland Südstrand

Helgoland Hafen

Helgoland Hafen

Helgoland Unterland

Helgoland Oberland

Helgoland Oberland

Helgoland, Basstölpel

Helgoland, Lange Anna

Helgoland, Promenade

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen. Herzlichen Dank!

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