Ich schleiche durch die unerträglich heiße Wohnung und probiere kühlende Maßnahmen aus, teils gegen besseres Wissen. Das ist dennoch okay, finde ich, denn der Mensch möchte nun einmal etwas tun. Selbstwirksamkeit und so, da landet man schnell bei dem nicht eben tiefsinnigen Gedanken: Hauptsache, du machst irgendetwas. Wer aufgibt, der ist schon tot – man hört sich selbst beim Denken zu, schüttelt vielleicht kurz den Kopf und macht dann, wie immer, alles dennoch.

Ich trage also beispielsweise den großen und lange nicht gebrauchten Standventilator, er ist etwa so hoch wie ein Grundschulkind, aus der Abstellkammer in das Wohnzimmer. Ich stelle ihn in die Mitte des Raumes, schalte ihn ein und warte auf den ersten, äußerst angenehmen Luftzug. Dann wandere ich weiter ruhelos durch die Wohnung, in der ich an diesem Wochenende allein bin. Das ist auch gut so, denn andere Menschen strahlen bekanntlich Wärme und weitere Belästigungen ab.
Ich probiere in verschiedenen Räumen dies und das. Vereiste Wasserflaschen, nasse Laken, Durchzug oder auch nicht, was einem alles so einfallen kann. Ich gehe irgendwann auch wieder ins Wohnzimmer und schramme knapp am Herzinfarkt vorbei: Mitten im Wohnzimmer steht ein fremdes Kind.
Dass dann selbstverständlich nur der Ventilator ist. Aber so kann es kommen, denke ich mir, genau so kann es kommen. So stirbt man an Schreck, so also fühlt sich das an. Während das außerordentlich heftige Herzrasen langsam wieder nachlässt, denke ich das. Während der Körper allmählich wieder aufhört, seltsam zu beben, und während ich noch das ebenso merkwürdige wie unangenehme Gefühl verarbeite, tatsächlich einmal weiche Knie gehabt zu haben, von so etwas liest man doch sonst nur. Ich wüsste jedenfalls nicht, wann ich zuletzt weiche Knie gehabt habe. So also kann es kommen!
Dann liegt man da, hingestreckt und mit nicht mehr schlagendem Herzen, vor dem verdammten Ventilator. Der ungerührt und im Gegensatz zum liegenden Menschen davor immer weiter in Betrieb bleibt. Gründlich außer Betrieb ist nur der Mensch davor, dessen eine Hand vielleicht noch nach vorne gestreckt ist. Die immer weiter auf das Gerät weist, weil in der letzten Schrecksekunde reflexhaft noch das Grauen abgewehrt werden sollte.

Irgendwann findet die Familie mich schließlich in dieser Pose dort auf dem Parkett. Für die anderen wird es dann vielleicht so aussehen, als sei man beim Versuch gestorben, den Ventilator noch einmal, noch ein allerletztes Mal, etwas höher zu drehen. Und das werden dann alle gut verstehen, denke ich mir. Es wird vermutlich sogar als ein besonders zeitgemäßer Tod verstanden werden. Der Buddenbohm, so wird man im Smalltalk an den nächsten besonders heißen Tagen sagen, und ich kann es fast schon hören, wie man es sagen wird, der ist ja auch in seiner glühenden Dachgeschosswohnung verendet. Direkt vor dem Ventilator!
Und man wird einen Moment lang gemeinsam die Köpfe schütteln und sehr ernst gucken. Was dann auch vollkommen angemessen sein wird. Denke ich mir so. Viel mehr denke ich allerdings nicht an diesem Tag.
Aber andererseits: Immerhin habe ich überhaupt noch etwas gedacht. Es war nachweislich kurz Licht an im Hirn. Und es sind die kleinen Dinge, nicht wahr.

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