Beeindruckend jedenfalls, und immer wieder ist es eine etwas wehe Erfahrung, wie gut die Luft hier auf Eiderstedt ist. Besonders natürlich, wenn man gerade aus der Mitte der Millionenstadt anreist und zum ersten Mal zwischen den Weiden steht und in die weitgehend leere Gegend guckt und durchatmet. Kaum zu beschreiben, wie anders es sich hier atmet. Wie man unwillkürlich ab und zu tiefer und dann sogar noch tiefer einatmet, als sei man, was weiß ich, in einem Yoga-Seminar oder bei irgendeinem Kurs mit Achtsamkeit. Nicht dass ich da nähere Kenntnis hätte, ich stelle mir nur etwas vor.
Seltsam konzentriert jedenfalls atmet man dann vielleicht. Weil dieses Zeug, das sie hier auch einfach nur Luft nennen, so verlockend ist. Und weil man mehr von dem richtig guten Stoff haben möchte. Weil man ihn in sich haben möchte, etwa so, als könnte man etwas davon auf Vorrat konsumieren. So dermaßen gut ist diese Nordsee- und Weiden-Luft hier, dass wohl ein seltsames Bild passt: Man möchte sie nicht nur atmen, man möchte sie auch essen.

In alle Himmelsrichtungen also nichts als Gegend. Flach bis zum Horizont liegen die noch etwas wintermatt wirkenden Fennen, wie die meist noch leeren, nur vereinzelt mit Schafen besetzten Weiden hier heißen. Dazwischen die langen, gerade gezogenen Gräben, in denen sich der Himmel am Abend metallen spiegelt, blank, dunkel und bläulich kalt. Etliche Frösche in diesen Gräben, die sich am Nachmittag warnend etwas zurufen, wenn jemand wie ich vorbeikommt. So ein verdächtiger Zweibeiner, so ein flügelloser Storch.
Dann das glucksende Platschen, wenn sie sicherheitshalber abtauchen. Immer wieder plätschert es kurz, es begleitet einen, wenn man dort entlanggeht. Ein freundliches Geräusch ist das, seltsam an alte Zeiten erinnernd, an Landeinsamkeiten, die ich so gar nicht erlebt haben kann. Viele Jahrzehnte zurückreichend in die Geschichte und auch in die Geschichten.

Der Sohn hatte hier einen Moment, da kam er gerade aus dem Stall, nachdem er dort große Mengen Heu verteilt hatte. Er ging über den Hof und auf seine Mutter zu, die gerade auf dem Rasen vor dem Haus weiße Laken auf eine Wäscheleine hängte. Weiße Laken, in die gleich der Wind von der See her hineinfuhr, sie versuchsweise wie Segel zu blähen. Und dieser Moment, diese kurze Szene, das merkte dann der Sohn und erzählte davon, das war ebenfalls so etwas, das hätte auch aus einem anderen Jahrhundert sein können.
Da war auch ihm vielleicht, als würde er sich erinnern, wo er sich gar nicht erinnern kann.

Über einem, wenn man hier im März übers Land geht, kreuzt der große, der ganz große Vogelzug in riesigen Schwärmen oder in zahllosen kleineren Trupps durch den Himmel. In Großfamilien und Verbünden aller Art fliegen sie, auch einige Alleinreisende sind darunter. Laut schnatternd und schreiend dabei, manchmal auch geräuschlos und ernsthaft vorwärtsstrebend. Einige hoch piepsend, manche schrill lärmend und einige mit Geräuschen, die man gar nicht recht einsortieren kann. Vielleicht hat man sie auch tatsächlich noch nie gehört, diese Vogellaute, denn was mögen das alles für Arten sein. Vögel sind darunter, und wenig sind es nicht, die hier gar nicht bleiben, nicht einmal in der Nähe. Die von weit herkommen und noch viel weiter wegwollen. Für die das hier nur irgendeine Etappe ist, ein kurzer Halt im Wattenmeer.

Manchmal kurz im Gras landende, manchmal alarmiert und überstürzt aufsteigende Geschwader. Dann wieder wie neugierig kreisend in zwei, drei Runden über den einsamen Höfen zwischen den Fennen oder auch in weit ausholenden, langgezogenen Kurven über die große Halbinsel und das Wattenmeer hinweg, an der Küste entlang oder ins Landesinnere abschwenkend.
In Kurven fliegen sie da, die einer Logik folgen, die weit über uns ist.
Millionen dieser Zugvögel sind es, die hier durchkommen. Einen Bruchteil davon sieht man nur. Wenn man sich nur genug auskennen würde, man könnte hier von März bis Mai oder auch später im Herbst, im September oder Oktober, die immer viel zu kurze Liste der bisher im Leben erkannten Arten erheblich vervollständigen. Namen um Namen könnte man dazuschreiben, fantastisch klingende Vogelnamen, von denen man noch nie vorher etwas gehört hat. Stolz wie Bolle wäre man vielleicht dabei, im Grunde aber ahnungslos verbleibend wie immer.
Was können wir davon schon verstehen, was da oben los ist.

Jacques Brel sang zwar damals von einer anderen Gegend an der Nordsee, vom Flanderland etwas weiter im Süden. Aber es gibt doch Ähnlichkeiten in der Landschaft, es gibt auch das gleiche Meer da vorne. Es gibt eine ähnliche Stimmung auf der Halbinsel Eiderstedt, in Nordfriesland, und es gibt Zeilen im Lied, die kann man auch von hier aus gut mitsingen, wenn gerade niemand zuhört.
„Le plat pays“ (Wikipedia-Link) hieß das Lied auf Französisch, aber er hat es auch in einer flämischen Version aufgenommen, „Mijn vlakke Land“.
Noch zwei Versionen in deutscher Sprache. Zum einen die von Klaus Hoffmann, von dem Album, das ich als Jugendlicher besaß, sehr mochte und so irrsinnig oft gehört habe, wie es damals eben üblich war. In jenen analogen Zeiten mit dem begrenzten Vorrat im Plattenregal.
Zum anderen die Version von Hildegard Knef. Beide drücken eine jeweils eigene, sich deutlich unterscheidende Stimmung aus, auch im Text weichen sie voneinander ab.
Wenn ich mich richtig erinnere, war es Ella Fitzgerald, die Hildegard Knef in der Zeit, in der sie am Broadway auftrat, als „die beste Sängerin ohne Stimme“ bezeichnet hat. Daran musste ich bei diesem Lied wieder denken, besonders bei der letzten Strophe.
Und bei Klaus Hoffmann die jugendlich kraftvolle Stimme bei diesem legendären Konzertabend, mit der das Anschwellen der letzten Strophe besonders gelungen und überzeugend klingt, wenn es endlich um den erlösenden Südwind geht.
„Wenn ein Hauch aus dem Süden mit dem Meer herbeiwandelt
Und wenn Greta, die Blonde, sich in Carmen verwandelt
Wenn die Söhne des Windes erwachen im Mai
Wenn die Ebene strahlt und vibriert für Julei …“
Ich mag es immer noch, dieses alte Album.
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