Ohne Erklärung ins Bett

In der Fußgängerzone steht wieder einer und weiß, wie Gott alles gemeint hat, als er damals die Bibel per Diktat schreiben ließ. Und weil er das so genau weiß, verkündet er es natürlich auch prompt. Er tut dies laut, mittels Mikro und Verstärker sogar, nicht so altmodisch wie der andere Typ, der da sonst steht und von Jesus erzählt, den er dabei immer betont norddeutsch mit Dsch vorne ausspricht: Dschesus aber sagt euch! Man hört den neuen Laienprediger, der auch viel jünger ist und ein T-Shirt mit Jesus-Merch trägt, die ganze Straße entlang und die Passanten gucken daher ziemlich genervt, die meisten jedenfalls. Einige hören kurz zu, sehr kurz in der Regel, dann gehen sie weiter, ach, das ist nur wieder so einer, ja, ja. Die Bibel, die Bibel, immer wieder erwähnt er die Bibel, die er immerhin komplett richtig ausdeuten kann. Endlich kann das mal jemand, darauf ist ja in den letzten zweitausend Jahren niemand sonst gekommen. Er aber weiß genau, was richtig ist, er weiß auch, was mit allem gemeint ist. Richtig ist es etwa, vehement auf den Zorn Gottes hinzuweisen. Auf den Zorn! Er erwähnt das Wort mit einem Ausrufezeichen dahinter, besonders laut und mit bebender Stimme, vermutlich mag er den Zorn, pardon, den Zorn! Gott liebt zwar auch, das räumt er schnell zwischendurch und etwas pflichtgemäß ein, aber nur in einem Nebensatz hat er kurz Zeit dafür, viel entscheidender und auch besser findet er ganz klar den Zorn. Den Zorn! Er runzelt die Stirn bei dem Wort und guckt böse, seine Miene ist ein Abglanz des zürnenden Gottes. Und er erklärt allen Vorbeigehenden, was nach diesem Leben sein wird, denn er weiß es. Ganz genau weiß er das.

Etwas weiter steht ein kleiner Wagen auf dem Bahnhofsvorplatz, eine Art Zirkuswagen. Der kommt ohne aufwändige Dekoration aus, man sieht nur einige goldene Ornamente an den Fensterläden, dunkelrote Vorhänge im Innenraum, mehr nicht. Ein eher kleines und zurückhaltendes Schild weist darauf hin, dass hier eine Wahrsagerin ihre Dienste anbietet. Man könnte mal eben an die Tür des Wagens klopfen, dann würde sie einem die Karten lesen. Zumindest nehme ich das an, denn an einer Wand des Wagens sind Spielkarten abgebildet. Man könnte sich also vermutlich etwas über gezogene Karten erzählen lassen, über Herzdamen, Herzbuben oder über die Pik Sieben, die vermutlich eher schlecht wäre, aber was weiß ich schon. Oder es sind Tarotkarten, das kann natürlich auch sein, das wirkt dann vermutlich auch gleich romantischer. Der Wagen der Wahrsagerin steht schon seit Wochen da. Noch nie habe ich jemanden an die Tür klopfen sehen, noch nie habe ich gesehen, dass die Dame vor der Tür auf Kunden wartet. Und doch muss sie Kundinnen oder Kunden haben, der Betrieb läuft ja fort und wer früher auf dem Hamburger Dom war, der erinnert sich gewiss, diese Bude gab es da immer schon, es ist ein Traditionsbetrieb. Es muss sie also geben, die Interessierten. Und denen erklärt sie, was in diesem Leben sein wird, denn sie weiß es. Ganz genau weiß sie das.

Ich aber gehe an beiden schnell vorbei, am Prediger und an der Wahrsagerin. Ich höre nicht zu, ich gehe vorbei und nicht rein, ich gehe – wie jeden Tag! – einfach so und ohne jede Erklärung nach Hause und ins Bett. Ich rätsele an diesem und am nächsten Leben ganz alleine herum, das ist auch so eine Gewohnheit.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ein herzlicher Dank in die Nachbarschaft für die Zusendung von Fahrradschläuchen und auch einer Spezialtasche für Wassersport. Für so ein wasserdichtes Ding also, das uns den ganzen Sommer über gefehlt hat, denn man muss ja mit dem Handy irgendwohin, wenn man da so auf dem SUP oder im Kajak herumpaddelt. Und Fahrradschläuche werden hier übrigens in einem Ausmaß verbraucht, das mir vollkommen unbegreiflich ist, in meiner Kindheit brauchte ich nicht dauernd Fahrradschläuche. Aber wir hatten früher ja nichts, nicht einmal Mountainbikes, was weiß ich schon.

Vorderseite

Ich füge hier ein Bild ein, das thematisch passt, denn es geht um einen Nachmittag auf dem Wasser. Dafür muss man sich bitte kurz erinnern, dass neulich noch Sommer war. Draußen war es heiß und die Stadt glühte flimmernd, die Bille war verlockend warm und wenn man auf ihr ruderte, bekam man fast Lust hineinzuspringen. Also ich bekam fast Lust, die Söhne beließen es natürlich nicht nur bei dem Impuls, die gaben dem auch nach, tauchten bei unseren Fahrten unter dem Kajak durch wie Wassertiere und robbten dann geschmeidig wieder an Bord, wo sie in der Sonne schnell wieder trockneten. Drei Buddenbohms in einem Kajak gehören zum heutigen Bild, einer fehlte an diesem Tag. Ich ruderte vorne, dann die Herzdame, auch rudernd, dann ein Sohn, lang ausgestreckt über der Bordwand und mit einem Arm tief im Wasser, der Kühlung wegen.

Wenn ich vorne rudere, habe ich immer eine etwas irritierende Erinnerung an ein Jugendbuchcover, auf welchem Indianer in einem Kanu rudern und der ganz vorne gerade den Arm mit dem Paddel erhebt. Vermutlich war es ein Band von Karl May oder etwas in der Art. Es ist jedenfalls so, und das fühlt sich einigermaßen seltsam an, dass ich beim Rudern auf einem Fluss immer eine innere Jugendbuchfigur erahne, die sich da schwach regt, aber viel deutlicher wird das dann nicht, es ist nur eine Ahnung von Abenteuer. Ich sehe auf die Uferseite der Bille, die wild und in dichtem Grün bewachsen ist, da lauern die Feinde mit Pfeil und Bogen, so viel steht natürlich fest, wenn man auch nur ein paar Bücher als Kind gelesen hat. Da kann ich später in der Dämmerung aber auch unter den herabhängenden Ästen einer alten Weide leise anlegen, angeln, ein Feuer machen und mit den Gefährten flüsternd besprechen, wie die nächsten Gefahren zu überstehen sind. War das Karl May? Ich grübele beim Rudern etwas darauf herum, während die Ufer des Orinokkos langsam vorbeiziehen, die Ufer des Mississippis, ich weiß es nicht, es fällt mir nicht mehr ein, aber das Land um uns herum ist groß und weit, so viel steht fest und die Schrebergärtner am anderen Ufer sind die ersten Siedler in dieser Gegend.

Da zieht in Höhe meines gerade mit dem Paddel erhobenen Arms ein Geschoss in schillerndem Blaumetallic und flirrendem Orange an uns vorbei und ich rufe „Da! Da!“ und die Herzdame ruft „Wo! Wo!“ und der Sohn erkennt richtig: „Ein Eisvogel!“

Lange Jahre habe ich keinen mehr gesehen. Wunderschön sind sie im Flug und wie anders dieser Flug aussieht als bei unseren anderen Vögeln. Sie fliegen so schnurgerade und besonders kraftvoll und schnell, als hätte man sie sportlich geschleudert, ein fedriges Wurfgeschoss, ein Vogel mit Raketenabtrieb. Dieser Flug ist ganz anders als das spiralige Fliegen einiger Singvögel, als die Wellenlinien der Tauben, als das gemächliche Segeln der Möwen und das hektische Flugbahngekritzel der Spatzen. Der Eisvogel zog eine Linie sauber und gerade durch, parallel zur Oberfläche des Flusses, es war ein fantastisches Bild, sekundenkurz nur und es war vorbei, ehe wir es auch nur genauer wahrnehmen konnten, leider auch ehe die Herzdame wusste, wo denn nun überhaupt.

Am Ende der Linie hörte der Eisvogel auf zu sein und wir sahen ihn nicht wieder, wie lange wir auch in die Büsche und Bäume am Ufer starrten. Aber ein Sohn und ich, wir haben ihn doch gesehen, den Eisvogel, und das war, wenn ich an die letzten Monate zurückdenke, vielleicht der Höhepunkt des Sommers für mich.

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Abendspaziergang

Der nun für immer geschlossene Kaufhof hat ringsum verhangene und verklebte Fenster, aber vorne ist doch eines frei, da kann man hineinsehen in den ausgeweideten Kaufhauskadaver. Man sieht die paar gründlich gefledderten Regale, die überhaupt noch verbliebenen sind, die ausgenommenen Verkaufsstände und die schwarze Bodenfläche, dreckig, weitläufig und sehr leer. „Wir werden unsere Kunden vermissen“ steht auf etlichen Zetteln, die an den Fenstern kleben. Daneben, auch auf Zetteln, ein paar Kreuze wie auf Beileidskarten und einige Botschaften der Trauer und des Mitgefühls von den Kolleginnen und Kollegen aus anderen Kaufhäusern.

Die vorbeikommenden Menschen bleiben kurz stehen, lesen sich die Zettel durch und treten dann ein, zwei Schritte zurück. Sie sehen prüfend an der Fassade hoch und die Front entlang, aber da ist nichts mehr, keine dekorierten Fenster, keine Angebote, keine Werbung, da ist wirklich alles weg. Kopfschütteln. Man sagt sich kurze Sätze, die kann ich nur raten, aber alle machen das, dieses Gucken, Kopfschütteln und dann ein Satz. Vermutlich ist es nur etwas wie „Das gibt es doch nicht“ oder „Also sowas“ oder „Mensch, Mensch, Mensch.“ Was man eben so sagt, wenn etwas schlimm ist. Die Menschen, die hier auf den Bus warten, die Station ist gleich vor ihnen, die stehen da am Straßenrand und einige drehen sich, bevor sie in den Bus steigen, noch einmal kurz nach dem großen und seltsam stillen Haus hinter ihnen um, als könnte da doch noch etwas passieren. Da passiert aber nichts mehr.

Am toten Kaufhof sind draußen immerhin noch Lichter an. Schräg gegenüber, beim gleichfalls verstorbenen Karstadt Sport, ist nicht einmal mehr die Außenbeleuchtung an. Da scheint nichts mehr und da sieht man auf einmal, wie dunkel so ein Stück Stadt wird, wenn diese Häuser nicht mehr betrieben werden. Wie dort rund ums Gebäude sofort eine Problemzone entsteht, ein Bild der Düsternis und des drohenden Verfalls, den man noch gar nicht sieht, aber doch ahnt. Da geht man als Tourist vermutlich besser nicht entlang, da kommt ja nichts mehr, da in der Dunkelheit. Touristen zieht es zum Licht und zum Leben.

Vor dem Haupteingang des ehemaligen Sporthauses steht ein vom Hamburger Dom wegen Corona ausgewilderter Churro-Stand. Der leuchtet hier gegen die große Dunkelheit an, die sich plötzlich neben ihm aufgetan hat. Es sieht etwas traurig und tapfer aus.

Ein paar Meter weiter die Straße runter der C&A, der macht weiter, als sei nichts geschehen. Ich gucke in die Schaufenster, man trägt jetzt also Braun. Die Herbstmode 2020, so originell.

Ich gehe durch die abendlichen Einkaufsstraßen. Es gibt noch mehr Jahrmarktstände mit Jahrmarktsüßigkeiten in der Stadt. Es ist kein Weihnachtsmarkt, vielleicht wird es in diesem Jahr auch gar keinen geben, aber den Geruch von Schmalzgebäck gibt es dennoch in den Fußgängerzonen. Bald wird wohl noch der von Glühwein dazu kommen – oder auch nicht, ich komme bei der Nachrichtenlage schon nicht mehr hinterher. Wenn man mit Maske an den Ständen vorbeigeht, hat man länger etwas von diesem Schmalzgebäckduft, er verfängt sich darin und wird ein paar Meter mitgetragen. Man kann darauf mehrere Schritte lang herumschmecken und überlegen, ob man nicht doch Hunger hat.

Eine Verkäuferin an einem der Jahrmarktstände liest den breit auseinandergefalteten Beipackzettel eines bekannten Mittels gegen Halsschmerzen. Ein Obdachloser in einem Hauseingang hinter ihr vergräbt sich hustend und fluchend in seinen Schlafsack.

Die Stadt kränkelt, die Menschen auch.

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Links am Morgen

Auf Sand laufen lernen

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Mehr über Eichhörnchen

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Die große Gereiztheit unserer digitalen Gegenwart (Audio). Fand ich gut. “Das Zögern neu lernen.” Jo.

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Lesen und lesen lassen

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Jochen isst Buttermakrele

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für die freundliche Zusendung der Erinnerungen und Gedanken von Golo Mann, die ich mit Begeisterung vom Briefkasten zum Nachttisch getragen habe. Ich hänge bei der Literaturwahl gerade wieder ein wenig durch, ich finde nicht recht heraus, welches Thema oder welcher Roman mir gerade passt oder hilft oder mich wenigstens halbwegs erfolgreich unterhält, da sind autobiografische Bücher oft die Rettung. Das passt also im Moment sensationell, das war ein Lichtblick.

Vorderseite

Wir haben vor ein paar Wochen einen dringenden Kinderwunsch erfüllt und waren dort, wo man auch in Hamburg mit dem Mountainbike downhill fahren kann. Dafür muss man natürlich in entlegene, unwirtliche Gegenden, also südlich der Elbe. Da gibt es ausgedehnte Wälder mit richtigen Pisten darin, die findet man sogar in entsprechenden Apps für Mountainbiker und wir haben uns auch nur ein ganz wenig verfahren, nur etwa eine Stunde lang, bis wir den richtigen Trail endlich gefunden haben, den Trail mit der genau passenden Schwierigkeitsstufe für die Söhne. Nicht gerade lebensgefährlich, aber doch schon ziemlich abwärts.

Und die Söhne fuhren da mit großer Begeisterung runter, dann fuhren sie mit nicht ganz so großer Begeisterung wieder hoch, das war nämlich furchtbar anstrengend. Aber dann! Noch einmal ging es rasend und johlend bergab, diesmal schon etwas schneller. Danach ging es stöhnend und keuchend wieder bergauf, also wirklich, dieser Teil des Sports ist im Grunde eine einzige Zumutung. Und gleich wieder runter, jetzt schon wie die alten Hasen, im Hui und einigermaßen waghalsig, danach, man ahnt es, schoben sie wieder …. und so weiter. Und immer so weiter.

Die Herzdame und ich saßen derweil auf einem umgestürzten Baum und sahen Käferchen und Schnecken zu, wie sie da langsam über den Waldboden zogen. Das taten wir gefühlt sehr lange, bis es der Herzdame schließlich langweilig wurde und sie sich kurzentschlossen das Rad des größeren Sohnes griff, der gerade schwitzend zum xten Mal vorbeischob, und verkündete, nun aber auch einmal zu wollen. Die Söhne sahen sie entgeistert an und fragten mehrfach nach, ob das denn jetzt ernstgemeint sei und ob sie also wirklich, wirklich, und ob sie sich das denn auch zutraue und sie müsse ihnen da jetzt nichts beweisen und es sei ja auch ganz schön, eine Mutter zu haben – aber wenn die Herzdame etwas will, dann lohnen solche Diskussionen meist nicht. Sie schob entschlossen den Berg hoch.

Ich wartete unten. Das dauerte etwas, denn bis man da ganz oben war, verging immer ziemlich viel Zeit, aber schließlich schrie ein Sohn gellend: „Sie kommt!“ und wirklich brach sie kurz darauf durchs Gehölz, kam knapp vor uns zu stehen und sagte nichts, sah aber mit weit aufgerissenen Augen zurück auf die Strecke und krallte ihre Finger dabei immer weiter um den Lenker wie eine routinierte Eisenbiegerin. So verging ein langer, langer Moment, in dem die Strecke sichtlich in ihr nachbebte. Schließlich sagte sie nur: „Das mache ich nicht noch einmal.“

Und für das Bild auf dieser Postkarte stellen Sie sich also bitte drei Buddenbohms vor, die in einem frühherbstlichen Wald staunend um die Herzdame herumstehen. Sie hält ein Fahrrad sehr fest und es ist eine schöne, friedliche Szenerie, es liegt alles in einem milden, ausgesprochen freundlichen Licht, es ist alles gestochen scharf, nur die Herzdame, die ist seltsam verwackelt.

Auf dem Rückweg hörte sie dann aber wieder auf zu zittern.

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Rund ums Zentralgestirn

Montagmorgen in der Stadt. Ich hätte gerne wesentlich mehr Natur um mich herum, es gibt auf meinem Arbeitsweg aber keine Natur. Es gibt nur einen ausgesprochen schmutzig grauen Himmel, und das ist nur die Grundausstattung, mehr kann das nicht sein. Diesem Himmel sieht man nicht einmal an, ob da Wolken irgendwo hinziehen, dieser Himmel ist einfach nur, und zwar nicht schön. Ein paar Tropfen kommen von da oben, das ist kein anständiger Regen, auch das nicht. Ich gehe zu Fuß zur Arbeit. Es gibt da eine Stelle, unter einer Bahnbrücke, da toben über mir Fernbahn und S-Bahn hinweg, da beschleunigen neben mir Autos auf Kopfstein, da reißen Arbeiter mit dem Presslufthammer ein paar Meter weiter irgendwas auf, da ist ringsum alles unglaublich hässlich wie in einer Großstadtkarikatur, da weiß man gar nicht, wo man hinsehen soll, so übel sieht da alles aus und da verstehe ich auch mein Hörbuch nicht mehr, weil alles lärmt und braust und brüllt und zum Bilighotel rollkoffert oder vor der Schule ein paar Meter weiter sinnlos herumschreit.

Ich höre die etwas psychedelisch anmutende Offenbarung aus der Bibel, auch weiterhin aus sprachlichem Interesse, nicht weil es mich doch noch erweckt hätte, also was auch immer. Dem Text kann ich heute nicht gut folgen, ich finde aber gut, dass der Sprecher an manchen Stellen einfach lauter wird, ohne dass ich dafür einen plausiblen Grund erkennen könnte, das wirkt etwas irre und das passt, so reden fanatisierte Menschen auch, plötzlich diese Intensität und man weiß dann manchmal gar nicht, was hat er denn jetzt wieder. Mit dieser bebenden Intensität höre ich mehrfach das Wort Drangsal. Das ist gut, das merke ich mir, das habe ich lange nicht gehört.

Drangsal. Das ist besser deutlich als Problemlage oder To-Do-Liste oder Alltag, Drangsal ist schöner und auf eine angemessene Art dramatischer. Ich stelle mir vor: Ich drucke alle Vorhaben, Pläne, Verpflichtungen und bürokratischen Komplikationen aus und lege diese Zettel sämtlich auf den Wohnzimmertisch, bis der Tisch gar nicht mehr zu erkennen ist. Ich stelle mir vor: Ich fege all das in herrlich theatralischer und weit ausholender Geste weg, Schauspielhaus nichts dagegen, und ich brülle mit tiefergelegter Stimme dazu etwas wie: “Oh, verdammungswürdige Drangsal!” Und so energisch mache ich das, dass all die Papiere noch eine Weile in der Luft bleiben wie aufgescheuchte Vögel und es es dauert etwas, bis auch das letzte Blatt endlich zu Boden gesunken ist, zur gesamten anderen Wirrnis.

Ich meine, das wäre vielleicht befreiend, nicht wahr. Und gut, ich müsste natürlich hinterher alles wieder aufsammeln und noch einmal durchsortieren und so, schon klar, es wäre hinterher also geradezu etwas demütigend. Aber doch … verlockend bleibt es.

Der Tag besteht ansonsten aus einer Aneinanderreihung mäßiger, wenn nicht sogar ausgesprochen unschöner Momente, ich arbeite und wirke mir also selbst etwas Gutes in den Tag hinein und das Gute heißt Gulaschsuppe. Diese Suppe ist mein Zentralgestirn der Momente am Montag, sie ist rot und heiß und alles dreht sich um sie, die Momente umkreisen sie und je weiter sie weg sind, desto kälter, grauer und lebloser sind sie. Mein Zentralgestirn macht Leben möglich und brennt scharf, und siehe, es ist sehr gut. Die Söhne sagen: “Na ja.”

Egal. In dem Alter hatte ich auch noch keinen Geschmack, glaube ich.

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Und auch ein Feuer im Kamin

Wir sind auf dem Land. Am Sonntagmorgen gehen da die Hunde mit ihren Menschen um die Felder herum. Winterjacken, Schals, Mützen und Handschuhe, soweit sind wir schon. Eine arg verspätete Mohnblüte hält sich mühsam aufrecht am Ackerrand, leuchtendes Rot im eiskalten Morgendunst. Wir scheuchen im Vorbeigehen Fasanen auf, die ziehen im niedrigen Flug ab und landen kurz vorm Wald im fahlen Gelb des Ackersenfs. Über uns jagen sich drei Krähen im Spiel, weiter hinten kreist ein Eichelhäher am Eichenhain, wie passend ist das denn. Der Eichenhain, ein großes Landgasthaus, es steht schon seit mehreren Jahren leer und jetzt erst recht. Wer jetzt keinen Gasthof hat, pachtet sich keinen mehr. Elstern und Meisen, Rotkehlchen auch und Vögel, für die mein Wissen nicht reicht, über den abgeernteten Feldern überall das Geflatter.

Die Söhne ernten illegal eine Zuckerrübe und bestaunen das große Ding, was auf dem Land alles wächst! Das haben wir im Garten so nicht. Auf den abgeernteten Maisfeldern liegen noch Kolben in den Furchen, die nehmen sie auch mit. Eine Kinderregel durch alle Zeiten, mitnehmen, was man tragen kann.

Vor dem Haus der Großeltern die Essigbäume, kanadarot, und im Haus ein Feuer im Kamin, das ist gut zu wissen. Woran erinnert mich das gerade? „Er hat ein Bett und hat auch Feuer im Kamin. Es reitet hin und her auf seinen Knien die reizende Marie. Von wegen jener Glut sind beide unbedeckt, warum auch nicht? Der süße Wein, der Hetzhund jagt ihr Blut, zum letzten Schwung. Sie tun‘s bei Licht, denn in der Finsternis ist manches unbequem. Nur der, der lebt, lebt angenehm.“ Der Herr Villon ist das, in der Nachdichtung von Paul Zech. Ich zitiere aus dem Gedächtnis, es stimmt vielleicht nicht ganz. Aber es klingt alles richtig, deswegen sehe ich nicht nach, Korrekturen würden mir da gerade nicht reinpassen.

Ich gehe über die Feldwege und höre Beethovens Klaviersonaten. So etwas höre ich sonst nicht, aber mir ist gerade so und warum auch nicht. Aufnahmen von Igor Levit, der ist mir von Twitter her sympathisch. Künstlerisch versteht sich, kann ich das nicht ansatzweise beurteilen.

Wir graben einen jungen Holunder im Garten aus, der zieht von hier in die Stadt, wie die Herzdame damals.

Wir müssen gleich schon wieder zurück nach Hamburg, das war nur ein Kurzbesuch aus dringendem Anlass. Wir graben den Holunder im Schrebergarten ein und packen dann zuhause die Ranzen, morgen ist wieder Schule.

In Hamburg gibt es jetzt eine Sperrstunde, lese ich, über die kann ich aber nichts schreiben. So lange bin ich nie wach, dass ich die mitbekommen würde. Schlimm.

Wenn es nach mir ginge – ich könnte hier auch einfach vor dem Kamin sitzen bleiben. Lange.

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Diese Tage

Diese Tage sind nicht schön. Ich will aber, dass die Tage schön sind, denke ich in angelesener Eigenwilligkeit, man kann doch immer etwas Schönes entdecken, sieht man nur richtig hin. Sagt man. Liest man.

Ich fahre in den Garten, das ist oft die Lösung. Das Wetter aber, das ist schon einmal nicht schön. Schauer jagen über die Stadt, schwarze Wolken werfen mir grieskleinen Hagel hinterher und der Wind will mich vom Rad wehen. Ich schiebe mein Rad über einen Zebrastreifen. Das Auto von links hält nicht, es zerdengelt mir mein Vorderrad und braust weiter. Fahrerflucht ist ein Kavaliersdelikt, denke ich, während ich meinen Lenker notdürftig zurechtbiege und eiernd weiterfahre. Es war ein Porsche Cayenne, natürlich war es einer, und das mit den Klischees in der Wirklichkeit, weitab von der Dichtung, es ist ernsthaft langweilig. Auf schöne Flüche komme ich, aber eine andere Schönheit hatte ich im Sinn.

Da ist die Insel, da ist das Gartengelände. Ich biege ein in kleine Wege ohne wilden Verkehr. Vorne die Parzelle der alten Dame, die mir vor zwei Jahren sagte, sie könne jetzt mit 93 Jahren allmählich doch mal Hilfe gebrauchen. Ob ich nicht jemanden kennen würde? Ihre Laube wurde in diesem Sommer abgerissen, das Grundstück planiert.

Vielleicht blüht in unserem Garten doch noch eine allerletzte Rose. Vielleicht remontierte der Sommerflieder, der kann das. Vielleicht werde ich noch mit zwei, drei Herbsthimbeeren beschenkt, eine besondere Süße in diesen späten Wochen des Jahres. Vielleicht stelle ich mich nur vor die Blumen, die noch immer den August nachspielen, vor die Cosmea und den Storchenschnabel, und sehe denen beim Blühen zu, lila und blau.

Vielleicht fallen Blätter von der schon ergoldeten Birke und ich kann mich darunter stellen, nach oben sehen und „Autumn leaves“ in 37 Versionen hören, ich habe für solche Momente eine Playlist. Vielleicht schlägt aber auch der nächste Schauer zu und ich kann mich in die Laube flüchten, mir einen Kaffee machen und dabei Bach hören, während die Lampions draußen vor dem Fenster an ihren strammen Leinen einen strengen Formationstanz in den herumstrolchenden Böen aufführen.

Vielleicht ist ein gelber Hokkaido doch noch orange geworden und leuchtet neben dem Kompost. Vielleicht ernte ich den Topinambur und wühle dabei in der Erde, das fühlt sich immer gut an und beruhigt.

Vielleicht sehe ich mir an, wie die längst verlassene Schaukel auf der Parzelle der Nachbarn in den Windstößen schwingt und komme dabei auf traurige Geschichten, auch das kann schön sein.

Es gibt viele Möglichkeiten, im Garten etwas schön zu finden, dazu hat man ihn ja. Erst aber noch schnell nachsehen, was da hinten auf dem Rasen liegt, das gehört da nicht hin. Das ist das Eichhörnchen, sehe ich dann, es liegt da tot.

Es gibt Tage, die sind einfach nicht schön, da kann man nichts machen. Und dieser Oktober, er hat einen ganz seltsamen Beigeschmack von November.

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Links am Morgen

Wie Laub sich abwärts wiegt – es klingt wie eine schöne Songzeile, EoC vermutlich, aber es ist doch beinharte Physik. Fast schade.

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Ich hatte doch tatsächlich keinen Begriff davon, wie Erich Maria Remarque ausgesehen hat, fiel mir bei diesem Film aus den Sechzigern auf. Nie gesehen, den Mann, kein Bild, keinen Film. Das Schönste, was er aus Deutschland mitnehmen konnte, das waren Gedichtbände, sagt er. Sehenswert, wie er lächelt bei dem Satz.


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Wenn man den Lebenslauf von Townes van Zandt liest, geht es einem gleich wieder gold, so im Vergleich, und so etwas ist ab und zu auch nützlich. Aus dem Wikipedia-Eintrag könnte man größere Mengen schöner Literatur machen, man kann aber auch einfach mal nachsehen, wie der Herr sang und spielte:

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Es ist kalt geworden

Die erste Mandarine, die vielleicht auch eine Clementine ist. Wie alle weiß ich den Unterschied nicht, ich könnte ihn mir auch gar nicht merken und wenn Sie mich jetzt in dieser Hinsicht per freundlich gemeintem Kommentar aufklären wollen, ich vergesse das doch vorsätzlich bis morgen wieder und schreibe im nächsten Jahr zur gleichen Zeit nämliche Zeilen erneut, denn das muss so.

Lebkuchen danach. Die schmecken nach einer Zeit, die mir vertraut ist. Die schmecken danach, dass es drinnen besser als draußen ist und wo es so ist, da bin ich zuhause und beheimatet. Tee dazu, und Tee schmeckt auch nur in dieser Hälfte des Jahres. Tee ist sonst ganz undenkbar, da bin ich eigen. Aber wo bin ich das nicht. “Wenn ich mal richtig ich sage, wie viele da wohl noch mitreden können”, so steht das bei Rühmkorf. Lest mehr Lyrik und esst mehr Obst, das auch.

Auf dem Spielplatz unten die ersten Kinder in Schneeanzügen, die tappen taumelnd durch die Sandkiste wie Minimichelinmännchen, ungelenk aber gut abgefedert. Die Eltern stehen am Rand, verschränken die Arme vorm Bauch und halten so die Wärme in den Jacken. Sie sehen heimlich hoch zur Kirchturmuhr und rechnen nach, wie lange Kinder gelüftet werden müssen.

Ein Sohn liegt neben mir auf dem Wohnzimmerteppich und sortiert Kleingeldschätze. Er trennt schon seit einer ganzen Weile Ein- und Zweicentmünzen und legt sie Summen murmelnd ins Zählbrett. Das ist eine Beschäftigung ohne Bildschirm und also sehr gut und pädagogisch wertvoll. 

Die Herzdame sitzt am Notebook und hat eine Mütze auf, die hat sie nach dem letzten Spaziergang vergessen oder es ist modisch, aber wer das fragt, der verliert.

Der andere Sohn liegt auf dem Sofa, liest einen Manga und hat dabei eine Haltung, die könnte ich gar nicht mehr. Ich überlege, wann ich die noch konnte, da tut mir der Rücken nur davon weh, das ist dann auch ein Sportersatz.

Die Spatzen auf dem Balkongeländer sind kugelrund geplustert und gucken etwas unfroh.

Wir fahren zwischen zwei eisigen Schauern in den Garten, wir pflanzen einen Birnbaum um. Der fühlte sich nicht wohl, wo er war. Ich fühle mich auch oft nicht wohl, wo ich bin, aber wenn sie bei mir mit Schaufeln kommen, dann ist alles zu spät, das ist auch wieder nicht gut.

Die Söhne wollen im Kartoffelbeet ein tiefes Loch graben und nehmen sich zwei Spaten aus dem Schuppen. Ich frage nach dem Sinn des Lochs. Die Söhne sagen, ein Loch müsse gar keinen Sinn haben, ein Loch könne auch einfach nur ein Loch sein. Ich denke nach und glaube, das ist die vernünftigste Antwort, die ich seit langer Zeit bekommen habe, sicher aber seit etwa vier Wochen.

Es fängt an zu regnen, wir fahren nach Hause. Ich bereite mich auf die nächste Woche vor und setze mich dazu erst einmal bequem hin.

***

Are you sitting comfortably?

Are your things set for the morning

Are the kids asleep and snoring

Is the mess that you’re ignoring shoved away in some old hole

And have you sorted out the heating

Typed your notes out for your meeting

Can you see your loved ones eating

While they’re scrolling through their phones

And the days and the weeks may pass us by

As we fill up every moment till we die

But even when we know we’ve finished all the jobs we’ve got

There will always be something we’ve forgot

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