Gesehen:
Von Walthert Ziegler sah ich wieder einen Vortrag, wie es seit längerer Zeit etwa einmal die Woche meine Gewohnheit ist. Diesmal über Descartes, den Selberdenker (auf YouTube). In diesem Zusammenhang habe ich dann noch einmal die Sache mit dem archimedischen Punkt nachgelesen, weil meine Allgemeinbildung bei der Erwähnung des Stichwortes bedenklich wackelte.
Und wo ich schon dabei war und wo man diese Videos doch so hervorragend beim Kochen und Putzen konsumieren kann, weil man nicht hinsehen muss, nur hinsehen kann, ließ ich mich direkt folgend auch noch über Karl Popper belehren.
Gleich in den ersten Minuten geht es da um die Verbindung von Einstein zu Popper. Es geht dabei auch um eine Sonnenfinsternis, und ich sah es am passenden Tag, was für ein Glücksgriff war das denn? Erzählt wird von den durch damalige Beobachtungen notwendig gewordenen Korrekturen der Lehren von Newton. Das stellte den Sturz eines Weltbildes durch wissenschaftliche Erkenntnis dar. Es wird dann ein Kernsatz von Popper zitiert, in dem er die Folgen dieser Korrektur zusammenfasst:
„Das wissenschaftliche Wissen ist kein Wissen. Es ist nur Vermutungswissen.“
Weil wir eben morgen schon mehr wissen können: „Noch so viele weiße Schwäne berechtigen uns nicht zur Annahme, dass alle Schwäne weiß sind.“ Wir wissen, dass wir vermutlich eher wenig wissen, auf keinen Fall aber alles. Logisch. Ich nehme jedenfalls stark an, dass sie das ebenso logisch wie ich finden. Man muss es heute aber kontrastieren mit der bräsig-dümmlichen, breitbrüstigen Selbstgefälligkeit der Populisten, man denke etwa nur an den sogenannten Präsidenten der USA, der als stabiles Genie stets alles weiß – und zwar deutlich besser als die zuständige Wissenschaft.
Man muss es so gegenüberstellen, um sich den unfassbaren Abstieg des allgemeinen Diskurses noch einmal zu vergegenwärtigen. Um zu verstehen, in welchem geistigen Elend wir längst gelandet sind. Wenn man es denn noch ertragen kann, sich das zu vergegenwärtigen. Denn ich merke es auch selbst: Es schmerzt erheblich.
Ich habe nun schon eine ganze Reihe der Ziegler-Videos gesehen, und wenn ich auf die Folgen zurücksehe, fand ich den Vortrag über John Rawls vielleicht am interessantesten. Auch weil ich da kein Vorwissen hatte, nicht einmal eine vage Ahnung – hier war das.
Auf arte sah ich eine Doku über die Schriftstellerin Nino Haratischwili: „Georgien hat mich nie verlassen“.
„I am love“ (hier die Streamingoptionen) ist ein Film von Luca Guadagnino aus dem Jahr 2009. Entstanden in Zusammenarbeit mit Tilda Swinton, die auch die weibliche Hauptrolle spielt. Eine edle Angelegenheit ist das, Ausstattung und Soundtrack in feinster Auswahl, schöne Menschen, gute Küche, kultivierteste Mode, stilvolle Interieurs, Kunst und Geschmack en gros. In der Zeit sah ich eine Rezension, in welcher der Film als „makellos“ bezeichnet wird.
Eine Liebesgeschichte ist es, wie sich bei dem Titel sofort versteht. Und zwar eine, bei der ein abdankender Patriarch eine prominente Rolle spielt, wie etwa auch beim Roman vom Leoparden von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der Vergleich drängt sich sofort auf.
Das verband sich wiederum in schöner Synchronizität mit dem gerade genossenen Hörbuch „Mann vom Meer“ von Volker Weidermann, in dem es um die Familiengeschichte der Manns geht, fraglos ebenfalls ein Thema mit patriarchaler Betonung. In einer Form wird in diesem Sachbuch erzählt, und ich fand es ein wenig überraschend, in der man dieses Thema selbst dann wieder spannend und unterhaltsam finden kann, wenn man davon in Buch- und Filmform vermeintlich schon mehr als genug zur Kenntnis genommen hat. Oder wenn man sogar Mengen bis zum Erbrechen kennt, wie in meinem Fall.
Dabei habe ich z. B. gelernt: Das Vorbild des Senators Thomas Buddenbrook, also der Lübecker Vater von Thomas Mann, hat den Verleger Samuel Fischer damals einmal in Berlin besucht, als der irrlichternde Sohn Heinrich Mann dort eine Lehre machen wollte. Mit anderen Worten, eine der Hauptfiguren des Buches, das dann später weltberühmt wurde und auch enorm viel Geld einbrachte, saß einmal im Büro des Verlages, in dem es erschien. Natürlich ohne die geringste Ahnung von dieser Aussicht auf ein literarisches Weiterleben zu haben. So etwas nehme ich dann doch noch gerne zur Kenntnis.

Mindestens nett, vielleicht auch fast schon seltsam nett lässt sich die kanadisch-amerikanische Serie „Murder in a small town“ an. Im Moment ist sie bei Netflix zu sehen. Ich sah eine Folge und merkte, wie es schnell immer noch netter wurde. Sogar der Mörder war sympathisch, das Verbrechen war so seltsam nachvollziehbar …
Auf Instagram benannte dann jemand das Genre dieser Serie als „cosy crime“. Aha, dachte ich, da fühlt man sich doch gleich wieder etwas niveauloser, wenn man so etwas sieht. Ist man nun also auch so weit heruntergekommen, sich an so etwas zu laben? Nächster Halt Dark Romance? Und gleich hatte ich wieder Extrabreit im Ohr: „Sie rauchen Milde Sorte, weil das Leben ist doch hart genug.“ Wenn ich die Serie jetzt abbreche, weil sie mir zu nett ist oder aus anderen Gründen nicht gefällt, liege ich auch damit wieder voll im Trend. Das lernte ich beim Deutschlandfunk: „Haben wir ausgebingt?“
Der Gattungsbegriff cosy crime passt aber selbstverständlich hervorragend in unsere Zeit, keine Frage. In diese seltsame Zeit passt er, in der wir uns auch mit cosy corruption, cosy climate crisis und anderen cosy calamities beschäftigen. Bis hin zur cosy corporate culture, in der wir es uns mittlerweile mehrheitlich behaglich eingerichtet haben.
Aus einem möglichst gemütlich gestalteten Alltag mit Zimt- und Blütenduft heraus reagieren wir zögerlich und zurückhaltend auf eine uns zu schnell eskalierende Welt. Vor den Fenstern die Feuer und die Einschläge aller Art, die Vorhänge halb geschlossen, dass es uns nicht so blendet.
Man muss es aber ganz ohne Vorwurf feststellen, denn wir stecken da alle mit drin.

Noch nicht gesehen, aber vorgemerkt: Es gibt einen neuen Film mit Bill Nighy und Imelda Staunton. Die Romanverfilmung eines Buchs von David Gilbert ist es, „& Sons“ der Titel (woran erinnert mich das), der mir nichts sagte. Die Rezensionen zum Buch waren mal so und mal so, betont freundlich ausgedrückt. Aber was beweist das schon für den Film, nicht wahr.
Ich warte lebhaft interessiert auf das Erscheinen des Films.
Gelesen:
Von Meike gibt es bald ein neues Buch: „Human Nature“.
Frau Klugscheißer war im Kino, ganze drei Stunden lang, und da weiß man dann auch schon, in welchem Film sie war. Es gibt bei ihr Argumente für und auch gegen den Film, es gibt außerdem Hilfsmittel wie Sonnenbrille, Kopfhörer und noch mehr, wovon man auch nicht gerade in jeder Filmbesprechung liest. Ich nehme es mit Interesse zur Kenntnis, wie weit man da also für den Kunstgenuss geht, aber unterm Strich würde ich mir diesen Film sowieso nicht ansehen. Ich kann mir gerade keinen Film vorstellen, für den ich mich drei Stunden lang irgendwo still hinsetzen würde. Und schon gar keinen Film, bei dem ich die Handlung bis in die Details längst kenne.
Nein, ich bekomme schon beim Gedanken daran lebhafte Fluchtreflexe, ein wahres Festival der Reaktanz wird da intern aufgeführt. Lieber gegen erhebliche Widerstände und vor allem gegen alle Vernunft selbst auf eine Odyssee gehen, lieber bewusst eine Irrfahrt antreten, Ausgang ausdrücklich ungewiss, Begegnungen mit Sirenen etc. nicht ausgeschlossen, statt sich die Odysseen fremder Leute in epischer Länge (da passt es endlich einmal!) sesselverhaftet anzusehen.
Also nur zur Not würde ich zu einer Odyssee aufbrechen, versteht sich. Es muss nicht unbedingt sein, denn meine Lust auf eine eigene Odyssee hält sich in Wahrheit in besonders engen Grenzen. Und meine Penelope wartet eh nicht mehr auf mich.

Im gleichen Blog dann auch die Ankündigung einer evtl. nostalgisch stimmenden Blog-Lesung in München mit attraktiver Besetzung. Und mit eingebautem Rocky-Bezug. Nanu! Ich habe zwar keinen Rocky-Film jemals gesehen, aber das ist auch wieder so ein Topos, bei dem man dennoch versteht, worum es bei den Anspielungen und Bezügen geht. Siehe Star Wars, Harry Potter, die Bibel etc.
Offline habe ich „Kind aller Länder“ von Irmgard Keun durchgelesen, jetzt folgt der letzte Novellenband von Guy de Maupassant: „Die vertane Schönheit“. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Hermann Lindner.

Gehört:
Die folgende Empfehlung wird es schwer haben, ich weiß. Zu ernst ist das Thema, zu woke wirkt es auch, zu anstrengend und belästigend. Aber interessant, das möchte ich versprechen, ist es doch, wenn man sich einmal darauf einlässt. Eine Sendung bei Deutschlandfunk Kultur nämlich: „Tourismus – die koloniale Kehrseite des Reisens“. Ein Thema, in dem sicherlich mehr steckt, als man zunächst vielleicht annehmen möchte. Und als Mensch mit eher stark unterdurchschnittlich ausgeprägtem Fernweh freute ich mich außerdem , dass es auch ein wenig um das „Bleiberecht“ im Gegensatz zum „Reiserecht“ ging.
Einen weiteren Podcast hörte ich bei „Spektrum der Wissenschaft“, über Ada Lovelace, Charles Babbage und die Anfänge der Programme. Mit Interesse nahm ich zur Kenntnis, dass im ersten überlieferten Code, den man aus heutiger Sicht als Computercode verstehen kann, schon in Zeile vier von Ada ein Flüchtigkeitsfehler notiert wurde. Was also heißt, es brauchte nur wenige Minuten von der Idee zum Code bis zum ersten Bug darin. So tief nämlich ist das verwurzelt, dass wir irren, während wir streben.
Dann noch ein kurzes Kalenderblatt zur Erinnerung an ein spezielles deutsches Feuilleton-Thema von vor zwanzig Jahren: „Waffen-SS – Das lange Schweigen des Günter Grass“. Ich kann mich an die Diskussion dazu noch gut erinnern.

Live gesehen und gehört habe ich die Gruppe Danube’s Banks, und zwar bei der Veranstaltungsreihe „Draußen im Grünen“, Popkultur in Planten & Blomen. Wo am 27.8. übrigens auch die „Höchste Eisenbahn“ auftritt, das könnte die eine oder den anderen interessieren.
Danube’s Banks liegt in der Richtung von Gypsy Swing, Klezmer und Balkan Beats. Die Musik ist tanzbar und der Gruppe mag man gerne zusehen, denen macht sichtlich Spaß, was sie da treiben.
Es war sehr heiß an diesem Tag, 32 Grad, die Zuschauer saßen oder standen in der prallen Sonne, Schatten gab es kaum. Dennoch tanzten die ersten Paare schon bei den Klängen des Auftaktliedes. So eine Musik ist das.
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