Des Blogartikels zweiter Teil

Die leeren Bilderrahmen, die auf einer der Abbildungen im ersten Teil dieses Textes zu sehen waren, sie repräsentieren all die nach wie vor verschollenen Werke aus den Sammlungen der jüdischen Kunstmäzene. Es geht in der Ausstellung um den Zeitraum vor 1945, in dem diese Sammlerinnen und Sammler durch ihr Interesse und ihre Käufe einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der modernen Kunst geleistet haben. Und es geht in Texten, Dokumenten und Fotos auch um das Schicksal dieser Menschen, welche sich dieser nach Nazibegriffen „entarteten“ Kunst gewidmet haben. Es geht auch um ihre Familien, ihre Nachfahren und Erben.

Die Sammlungen wurden geraubt, zwangsversteigert, zerstreut, zerstört. Teils wurden sie auf abenteuerliche Weise in Teilen gerettet, teils sind die Werke bis heute unauffindbar. Oder in fremdem Besitz oder auch nach Jahrzehnten immer noch Gegenstand von Rechtsstreitigkeiten um das Eigentum an ihnen. Die Verbrechen der Nazis wirken sich weiter auf die Erbengenerationen aus.

Ich war spontan in der Ausstellung, da ich gerade dort vorbeikam und Zeit hatte. Es war allerdings eine strategisch einigermaßen dämliche Uhrzeit, denn es war wochenendvoll.  Es standen also überall Menschen vor Buchstaben und Bildern. Weswegen ich auch den Textmengen, die dort in reichlichem Ausmaß Lebensläufe, Untaten und Schicksale erläutern, nicht einmal annähernd gerecht werden konnte.

Einen zweiten Besuch wird es daher wohl geben müssen, aber es gibt sicher schlimmere Verpflichtungen als diese selbstgewählte Übung.

Und apropos Menschen vor Buchstaben. Dabei ist dann doch einmal Kritik angebracht. Denn wenn man so eine Ausstellung plant, bei der man schon wegen einiger besonders klangvoller Namen aus der Kunstszene vor 1945 davon ausgehen kann, dass sie überaus gut besucht werden wird, dann ist es eine ausgesprochen schlechte Idee, die Texte neben den Kunstwerken eher klein zu halten. Und außerdem in weißer Schrift auf hellgrünem Grund anzubringen.

„Usability!“, möchte man dem Menschen, der sich das ausgedacht hat, gerne unwillig zurufen, „Usability gibt es nicht nur beim Webdesign!“ Und man möchte ihn sehr ernst ansehen dabei. Analog zum Roman von Franz Werfel „Eine blassblaue Frauenschrift“ hatte ich dauernd „Eine blassgrüne Kunstbetextung“ im Sinn.

Die Kunstwerke wiederum sind eine fantastische Auswahl. In der Kunsthalle gibt es auch gerade eine Ausstellung zur Moderne, ich berichtete hier, und vermutlich werden die Auffassungen da variieren, aber ich fand die Ausstellung im Bucerius-Kunst-Forum noch beeindruckender. Aber, versteht sich, es geht dabei gar nicht um Konkurrenz, es geht vielmehr um Ergänzung und Bereicherung. Es hängt ohnehin stark vom persönlichen Geschmack ab oder von dem, was man vielleicht schon in früheren Jahren verehrt hat.

Es bietet sich jedenfalls an, und zwar in aller Deutlichkeit, beide Ausstellungen zu besuchen. Und wenn Sie nicht aus Hamburg kommen und womöglich noch einen letzten, einen allerletzten Grund für eine sinnvolle Tagesreise gebraucht haben – et voilà. Besonders dicke Empfehlung.

Schrift auf dem Pflaster: Influenzer? Du Narr!

Es hängen dort, und ich fand es äußerst erfreulich, nicht nur Gemälde, es hängen auch Zeichnungen. Etwa von Schmitt-Rottluff, Barlach, Liebermann usw., und es war mir eine besondere Freude, sie zu sehen. Wenn Sie sich ebenfalls für Zeichnungen interessieren oder sogar selbst ambitioniert welche verfertigen – ich weise besonders auf die „Hängende Wäsche“ von Liebermann hin.

Man kann eine Weile davor stehenbleiben, fand ich.

Die Gemälde aber sind ebenfalls grandios, etwa der Utrillo. Wie hieß es denn noch, irgendwas mit Mühle. Einen van Gogh sah ich außerdem, den ich entweder noch nie gesehen oder aber vergessen hatte: das „Mädchen mit zerzausten Haaren“ (eine Abbildung hier). Das Bild ist nicht so küchenpostertauglich wie die ollen Sonnenblumen oder wie die psychedelische Sternennacht, aber wenn man sich für seine Arbeitsweise interessiert, ist es doch vielsagend. Entstanden ist es spontan, noch auf der ersten Skizze.

Hier noch einmal der Link zur Ausstellung, dort auch Öffnungszeiten, Anfahrt etc.

Morgen früh, um das auch schon anzukündigen, wird es hier keinen neuen Text geben. Morgen früh gehe ich stattdessen noch vor der Arbeit um die Alster, denn ich lebe bekanntlich spontan, wild und gefährlich.

Weswegen ich mir so etwas auch sorgsam vornehme und es einplane, nicht wahr.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Des Blogartikels erster Teil

Da man in Hamburg im gesamten Stadtgebiet pünktlich wie selten mit den vielfältigen Dekorationsarbeiten zum Goldenen Oktober begonnen hat und da auch das entsprechende Wetter und besonders die passende Beleuchtung am Wochenende schon einmal erfolgreich durchgespielt und generalgeprobt wurden, habe ich am Sonnabend und gestern noch längere Spaziergänge als sonst gemacht. Man könnte auch mit einigem Recht sagen: Sogar für meine Verhältnisse habe ich ein paar Kilometer zu viel absolviert. Also mit Vergnügen, das schon, aber auch mit Folgen. In den Beinen und in … (der Autor macht mit beiden Händen vage kreisende Bewegungen um sich selbst).

Den Rest kann man sich denken. Ich muss sicher nicht den berühmten Horst-Schlemmer-Monolog rezitieren, der mit „Ich habe Rücken“ beginnt. Aber passen würde er schon.

Weswegen ich also zusammenfassend etwas allzu müde in die Woche starte. Etwa so, als hätte ich es mit dem Sport in der Freizeit etwas übertrieben, und weswegen ich mir berechtigt denken kann: Immerhin hat es diesmal einen guten, einen sogar sehr guten Grund, dass die Schwerkraft am Montagmorgen etwas ungewöhnlich intensiviert ausfällt.

Und weswegen ich auch den Text noch gar nicht fertig habe, den es hier gerade geben sollte.

Da aber einige Menschen am Morgen vor dieser Seite stehen, auf ihre Gewohnheitsrecht pochen und auf etwas warten, und da es nach wie vor ein serviceorientiertes Blog ist, mache ich es jetzt so, dass ich Ihnen schon einmal die Bilder aus dem Kulturprogramm des Sonntags hinlege. Den Bericht dazu liefere ich dann am Nachmittag oder Abend nach.

Ich war also im Bucerius-Kunstforum, in der Ausstellung „Von Monet bis Picasso – Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland“. Und die, ich zitiere:

„Rekonstruiert 15 bedeutende Kunstsammlungen deutscher Jüdinnen und Juden vor 1945 und führt viele ihrer heute weltweit verstreuten Meisterwerke der Moderne wieder an einem Ort zusammen. Präsentiert werden rund 100 Werke vom Realismus und Impressionismus bis zum Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit von Künstler:innen wie Paul Cézanne, Lovis Corinth, Ferdinand Hodler, Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc, Paula Modersohn-Becker, Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff, Milly Steeger und vielen anderen.“

Mehr dazu später. Falls Sie sich aber noch vor dem Erscheinen des nächsten Textes fragen, ob Sie dort womöglich heute noch hingehen sollten, und falls Sie meinem Urteil vertrauen: Ja. Empfehlung.

Bilder aus der Ausstellung zu jüdischen Kunstsammler:innen in Deutschland

Bilder aus der Ausstellung zu jüdischen Kunstsammler:innen in Deutschland

Bilder aus der Ausstellung zu jüdischen Kunstsammler:innen in Deutschland

Bilder aus der Ausstellung zu jüdischen Kunstsammler:innen in Deutschland

Bilder aus der Ausstellung zu jüdischen Kunstsammler:innen in Deutschland

Bilder aus der Ausstellung zu jüdischen Kunstsammler:innen in Deutschland

Bilder aus der Ausstellung zu jüdischen Kunstsammler:innen in Deutschland

Bilder aus der Ausstellung zu jüdischen Kunstsammler:innen in Deutschland

Bilder aus der Ausstellung zu jüdischen Kunstsammler:innen in Deutschland

 

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Ein Ergänzungsblatt und Playlist-Lyrics

Vorweg ein Ergänzungsblatt zum gestern geposteten Linkwerk. Ich kam erst heute dazu, diese Rubrik durch Nachlesen ausführlicher bedienen zu können:

Das Leben und alles in den Blogs:

Im Fachblog für Bewölkung geht es um ungewöhnliche Erinnerungen an den 3. Oktober 1990, inklusive der Beteiligung von Wolfgang Thierse und Chris de Burgh. Und die muss man auch erst einmal zusammendenken können.

Apropos Geschichte und Rückblick:

„wenn ich so zu­rück­den­ke an die zeit ohne mo­bil­te­le­fo­ne und in­ter­net, kom­men mir die din­ge die wir da­mals ge­tan ha­ben sehr ei­gen­tüm­lich vor. wir ha­ben ein­an­der ein­fach be­sucht. also im sinn von, ich ver­las­se mein haus, gehe zum haus ei­ner freun­din und kling­le an der tür. wenn sie nicht da war, ging ich wo­an­ders hin oder zu­rück nach hau­se.“

Weitere Hinweise zur demnächst anstehenden Bloglesung in München mit prominenter Besetzung.

Vanessa hat ihre Gedanken sortiert und kann daher über alles schreiben. Also über die ganze Lage, und sie tut es, was einigermaßen originell ist, mit Blick nach vorne.

Und wenn Vanessa das macht, ist es selbstverständlich interessant. Quasi meine Kanzlerin des Herzens.

Die abends beleuchteten Masten der Rickmer Rickmers

***

Was noch. Wie berichtet, verbringe ich gerade viel Zeit mit Musik, mit dem Sortieren, Erstellen und mit dem fortwährenden Verbessern von Playlists. Man kann es sich exzessiv vorstellen, und es ist dabei erstens unschädlich für mich und andere und zweitens auch noch seelisch ausgesprochen rettend. So muss es anderen gehen, die „ein Hobby haben“, denke ich mir dabei. Also warum nicht, denke ich weiter, und verbringe dann noch einmal drei, vier Stunden damit. Und dann erneut, bis auch diese Phase vorbei sein wird. Es ist ein wenig wie das Abreiten von Wellen.

Gerade erst kam ich jedenfalls darauf, dass ich den großen Bildschirm auf dem Schreibtisch auch so drehen kann, dass ich vom Bett aus äußerst bequem die gerade laufenden Lyrics zu den Songs mitlesen kann – ich muss dabei nicht einmal ein Smartphone in den Händen halten.

Die Elbphilharmonie im Abendlicht

Und das Mitlesen von Lyrics ist selbst bei der Musik interessant, die man schon seit Ewigkeiten zu kennen meint. Je nachdem, wohin ich mich gerade verlaufe, decke ich etwa immer noch (!) Ungenauigkeiten oder Hörfehler aus der Jugend, wenn nicht sogar aus der Kindheit, auf. Sie wissen, als man damals noch mit höchst mangelhaften Englischkenntnissen etwas zusammengeraten hat. Ich hatte hier einmal das Beispiel des Sipptibbles genannt, glaube ich.

Dieser Sipptibble kommt in „By the rivers of Babylon” vor:

“Let the words of our mouth and the meditations of our heart
Be a sipptibble in thy sight here tonight.”

Ein seltsames Rätsel meiner Kindheit. Es begegnete mir, als ich zwölf Jahre alt war, in der Version von Boney M. Viel später erst habe ich irgendwann gemerkt, dass es „acceptable“ heißt. Und in noch späteren Jahren lernte ich erst, dass es zu diesem Lied andere, viel ältere und interessantere Versionen gibt.

Hier etwa das Original:

Falls Sie sich auch für Songversionen, Varianten, Cover, Tributes etc. interessieren sollten, gucken Sie bei diesem Song auch nach – und es ist hoffentlich überraschend – Linda Ronstadt (hier findet man ihre Aufnahme auf YouTube).

***

Aber da wollte ich gar nicht hin, wo war ich. Es ist wirklich so eine Sache mit der Konzentration. Was wiederum im letzten Text erst vorkam, nicht wahr.

Die Texte, die Texte. Beim Mitlesen von Lyrics fliegen bei mir auch ein paar Songs wieder raus, weil mir die Inhalte dann doch nach neuerer Erkenntnis zu dämlich sind oder auf irgendeine Art verwerflich vorkommen. Zu kitschig, das kommt auch vor, obwohl ich da erstaunlich viel vertrage. Viel mehr als etwa bei Filmen oder Romanen.

Hochhäuser in der Hafencity im Abendlicht

Manchmal kann es unangenehm überraschend sein, einen Song, bei dem man im Prinzip nur den Refrain gut kennt und immer schon und zumindest im Geiste mitgesungen hat, auch einmal in seiner gesamten Textlänge aufmerksam zur Kenntnis zu nehmen. Unterhaltsam ist es aber in jedem Fall, finde ich.

Und ich sitze oder liege also in der momentan verfügbaren Höchststufe meiner Solo-Gemütlichkeit auf dem Bett, höre Musik und lese mit. Etwa hier, das ist der Anfang von „I found a reason“ von Velvet Underground:

Songlyrics, die nur aus "Papapa" bestehen

Es wird dann etwas später doch noch etwas inhaltsreicher, so geht es weiter:

Okay, es gibt wahrhaftig geistreichere Texte, aber was soll’s. Dafür ist es eben Velvet Underground, und das ist auch ein Argument.

Architektur am Westfield-Center im Abendlicht

Playlist-Lyrics

Worauf ich aber eigentlich hinauswollte, was sind das eigentlich wieder für Umwege hier:

Natürlich sind die Titel von Songs oft besonders starke Textstücke. Inhaltsreich sind sie in vielen Fällen, andeutungsschwer, vielversprechend, lockend, oft auch etwas rätselhaft. Und wenn man nun am Computer oder am Smartphone Playlists bearbeitet oder fremde Playlists nachliest und dabei konzentriert durch Bands, Sängerinnen, Sänger, MusikerInnen aller Art und auch durch Titel, Genres und Jahrzehnte rauf- und runterscrollt, nach Titeln, Alben, Interpreten oder wonach auch immer sortiert, dann fällt sicher nicht nur mir auf, dass die Abfolge der Titel, die da entweder sortiert oder geshuffelt in schneller Folge an einem vorbeizieht, gar nicht selten vollkommen plausibel aussehende Lyrics ergibt.

Manchmal geht das über drei Zeilen so, manchmal auch über vier oder fünf. Weiter aber kaum je. Nur eine valide wirkende Strophe etwa erhält man also auf diese Art. Aber oft eine gehaltvolle.

Ich finde die nun oft so schön, amüsant oder interessant, dass es etwas schade ist, sie nur einfach vorbeiziehen zu lassen. Daher werde ich diese Strophen hier einbauen. In welcher Frequenz auch immer, je nachdem, was ich finde.

Erst zitiere ich dabei die Zeilen der fiktiven Strophe, die also jeweils aus den Songtiteln bestehen. Untendrunter folgen dann die Interpreten der Stücke in der Reihenfolge dieser Zeilen. Falls jemand tatsächlich etwas nachhören möchte, es könnte ja immerhin sein.

Ich fange tragisch an, polyglott und nicht ohne persönlichen Bezug:

„I know it’s over

I know it’s over

I know what I know

Il es trop tard”

(Jeff Buckley, The Smiths, Jeffrey Martin, Georges Moustaki)

Manchmal sind bei diesem Nebenbei-Spiel Ergebnisse dabei – man möchte fast den Song dazu spontan weiterentwickeln. Weil man schon sicher zu ahnen meint, dass er gut klingen könnte, wenn nicht sogar ein Erfolg werden müsste.

Aber Melodien zu erfinden … da bin ich dann raus.

Die Oberhafenbrücke mit den großen Schriftzügen "Himmel" und "Eisenbahnbrücke"

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Linkwerk zum Wochenende

Aus den Blogs:

Eine saisonale Meldung, definitiv kommt sie noch rechtzeitig.

Weitere, teils die Laune hebende Links dazu bei Christian Fischer. Kurz nachgesehen, ob in der ebenfalls dort verlinkten Filmdatenbank, die man nach Karte und Orten durchsuchen kann, meine direkte Nachbarschaft vorkommt. Es wird korrekterweise der James-Bond-Film aufgeführt, bei dem Szenen im Hotel Atlantic spielen: „Der Morgen stirbt nie“.

Eine schäbig aussehende Wand des Hotels Atlantlics, die nach dem Abriss der Nachbarhäuser gerade freiliegt

Von dem Film, in dem die Kunsthalle vorkommt, wusste ich dagegen noch nichts.

Die Kunst der Lebensführung

Mira denkt. Ich sympathisiere ausdrücklich mit dieser Beschäftigung.

Erinnerungen an Arkadien, hier „Peak Selbstbestimmung“ genannt.

Beim WDR hörte ich in der Reihe „Das Wissen“ eine ausführliche Sendung über Pausen und deren Notwendigkeit für das Gehirn. Es war dann in Teilen auch eine Sendung über das Default Mode Network, das Ruhezustandnetzwerk (Wikipedia). Also über den Teil des Gehirns, der aktiv ist, wenn wir nicht aktiv sind. Denn das Gehirn ist nie nicht aktiv, abgesehen von finalen Zuständen.

Ich fand es hörenswert, weil es zum einen, auch wenn man es nicht gerne hören möchte, um die aktuellen Vermutungen zu den Schäden geht, die unsere Smartphonezeit an uns anrichtet – man kann vielleicht in jedem Fall einmal darüber nachdenken, denn das wird nicht schaden – und weil es zum anderen auch um die Theorie geht, dass eben dieses Ruhezustandsnetzwerk der Kern dessen ist, was uns diesen aberwitzigen evolutionären Vorteil beschert hat. Durch den wir nun da sind, wo wir sind, und okay, man könnte oder müsste „Vorteil“ vielleicht noch einmal diskutieren.

Diese Theorie jedenfalls, die kannte ich noch nicht. Aber plausibel klingt sie durchaus.

Literatur:

Mia Raben las mir und anderen aus ihrem Roman „Unter Dojczen“ vor (hier die Verlagsseite, hier ein Artikel beim Goethe-Institut darüber). Das Buch ist schon wegen des Themas empfehlenswert und hat auch einen Bezug zu den Inhalten hier im Blog.

Denn es geht zum einen um die Situation von polnischen Pflegekräften in Deutschland, es geht aber auch um das Schicksal der vielen Männer aus Osteuropa, die hier (und dieses Hier ist vor meiner Tür) auf der Arbeitssuche stranden, trinken, untergehen – oder doch noch einen Ausweg finden. Wenn ich die Obdachlosen in meinen Texten erwähne, was so selten nicht ist, muss man diese Gruppe immer mitdenken.

Besonders sympathisch war mir auch die Erklärung von Mia Raben während der Lesung, ihre Muttersprache sei „Deutsch mit polnischem Akzent“. Ich finde das sehr vorstellbar, ich habe auch zu allen Zeiten meines Lebens Menschen gekannt, die sich in dieser Sprachversion ausgedrückt haben. Für mich klingt sie ausdrücklich angenehm.

Musik

Erinnerungen an ein Townes-van-Zandt-Konzert.

Gegessen, getrunken, besucht:

Ich bereitete Flammkuchen mit Ziegenkäse und Champignons auf diese Art zu. Die interessierte Kundschaft hier im Haushalt war zufrieden, auch dieses Gericht kommt auf Wiedervorlage.

Flammkuchen

Und ich war mit Isa, die leider schon wieder als Exbloggerin zu bezeichnen ist, in der Roofdrop-Bar auf der Villa Viva im Münzviertel hinterm Hauptbahnhof, was übrigens nebenbei ein Hotel-Tipp für Hamburg-Mitte ist.

Ich hatte im Februar angekündigt (hier), dort noch einmal für Fotos vom Ausblick hinzugehen, was ich jetzt also tatsächliuch noch vor dem nächsten Februar geschafft habe. Nicht schlecht, Herr Buddenbohm, nicht schlecht.

Die Bar ist innen und außen nett, der Barkeeper aber ist noch viel netter und vielleicht die freundlichste Service-Kraft Hamburgs. Außerdem kundig, versteht sich, was die Cocktails und die Beratung dazu angeht.

Wenn ich diese Bar in Gesprächen erwähne, scheint sie kein Mensch zu kennen. Da sie aber dennoch gut besucht ist, wird es wohl an meinen Kreisen liegen, dass es da Wissenslücken gibt. Ich ändere das jetzt, in dem ich dort nach und nach die Menschen hinschleppe, die mir für einen gemeinsamen Drink geeignet erscheinen.

Der Mensch braucht Ziele, ich sage es ja. Und Ausblick! Ab und zu braucht der Mensch auch Ausblick. Etwa so, von der Terrasse der Bar im 12. Stock:

Ausblick Roofdrop Bar

Ausblick Roofdrop Bar

Ausblick Roofdrop Bar

Ausblick Roofdrop Bar

Ausblick Roofdrop Bar

Die Bar ist auf der Villa Viva, einfach durch den Hotel-Eingang zu erreichen, Schultzweg 4. Vom Hauptbahnhof kommend hinter der Zentralbibliothek etwas weiter runtergehen Richtung Elbe.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Weitere unerwartete Gefahrenbelehrungen

Vor einer Weile habe ich eine komplett neue Angst entwickelt. Eine, auf die ich vorher gar nicht gekommen war, und sie ist nicht einmal alters- oder lebensphasenbedingt.

Es ist keine Angst von der Art, die einen nachts umtreibt und zähneklappernd wachhält. Aber es ist selbst in der mildesten Form eine weitere gut vorstellbare und äußerst ungünstige Möglichkeit. Eine dieser nur negativ zu denkenden Möglichkeiten, von denen man als durchschnittlicher Erwachsener ohnehin jederzeit eine beträchtliche und dabei auch noch variable Menge vor sich hat.

Baum mit Herbstlaub am Alten Wall

Der Fall ging vermutlich auch bundesweit durch die Presse, ich meine den Hals-über-Kopf-Abriss der einsturzgefährdeten Häuser in der Holstenstraße. Es gab da ein baufälliges Haus, das auch andere Gebäude in Mitleidenschaft zog. Mieterinnen und Mieter mussten in kürzester Zeit nach drastischem Behördenbeschluss, Gefahr im Verzug, aus dem Haus raus, binnen zehn Minuten.

Sie konnten dann auch nicht mehr zurück, kein einziges Mal. Auch nicht für zehn Minuten. Auch nicht, um nur ein Ding, Medikament, Papier, was auch immer zu greifen. Ihre Wohnungen wurden vielmehr sehr spontan weggebaggert – mit allem darin. Auf eine gewisse Art eine gründliche Enteignung.

Und den Leuten blieb also lediglich, was sie im ersten Moment rausgetragen hatten. Viel wird es nicht gewesen sein. Im Ergebnis war es daher eine Situation wie nach einem verheerenden Großbrand oder nach einem Bombenangriff, wie bei Flucht und Vertreibung. Alles weg.

Die menschenleere Spitalerstraße im Regen

Das Schockierende war, wie rechtlos die rausgeworfenen Parteien dabei wirkten und auch, dass es überhaupt keine Möglichkeit für sie gab, irgendetwas zu retten. Man hatte da doch Zweifel, so wurde es in tausenden von Gesprächen in der Stadt diskutiert, ob man nicht doch irgendetwas hätte machen können, retten können, ob man nicht irgendwie hätte helfen können. Es konnte doch nicht sein, dass gar nichts ging? Mit Drohnen, mit Robotern, mit Industriebergsteigern oder weiß der Teufel womit? Nein?

Wenigstens für das Allerwichtigste … Aber ich kann es technisch selbstverständlich nicht beurteilen.

Später sah man, wie die Betroffenen den Schutt ihres Privatlebens durchwühlten, nach privaten Kleinigkeiten und Resten. Eine Tragödie, zweifellos.

Wahrscheinlich dachten viele, die davon gelesen hatten oder die sogar hingefahren waren, um sich das Drama anzusehen, mit Schaudern darüber nach, was dies für ihr Leben bedeuten würde. Was beispielsweise in unserem Haushalt aufgrund etlicher und fortgeschritten absurder Komplikationen und Rechtskonstruktionen gar nicht leicht vorstellbar ist, so katastrophal wäre das, wenn alles weg wäre. Alle Papiere, alle Belege, alle Scheine, Bestätigungen, Gutachten, Diagnosen, Zusagen, Urteile, Gott weiß was.

Man müsste, um dem vorzubeugen, ein Backup von nahezu allem Papierkram haben. Einige besonders patente Menschen werden das auch parat haben, schon klar. Wir nicht. In unserem Fall wäre es auch ein mir geradezu wahnwitzig vorkommendes Unternehmen, das nun zu erstellen.

So etwas gelingt nur, wenn man es immer schon mitgedacht hat. Haben wir aber nicht, wir mussten an zu viel anderes denken.

Bis vor einigen Monaten hätte ich, von den administrativ so ungeheuer wichtigen, geradezu lebensbestimmenden Papieren einmal abgesehen, den Verlust von Zeug aller Art vermutlich noch besser verkraftet als viele andere. Glaube ich.

Seit ich aber mein eigenes Zimmer habe, hat sich dies bei mir auch deutlich verändert. Denn ich merke, ich hänge an dem, was ich aus diesem Raum mittlerweile gemacht habe. Ich liebe es geradezu. Und kein Besitzen, keine Liebe ohne Ängste, man kennt das.

Moment, naheliegende Musik, eine fast verpflichtende Assoziation.

Nun kann man es natürlich abwegig finden, sich in solche Gedanken vorzuwagen und sich als Betroffenen zu fantasieren. Aber es gibt mehr baufällige Häuser in dieser Stadt, deutlich mehr, als man vielleicht vermutet. Gestern wurde tatsächlich um die Ecke eines geräumt, daher dieser Text. Die Mietparteien sind nun in der gleichen Situation wie im ersten Fall, man liest es mit Grauen. Und unser Haus ist gerade zum zweiten Mal direkter Nachbar einer Großbaustelle, wodurch es hier und da zu Schäden kommt …

Man kann sich hineinsteigern oder auch nicht, es ist wie bei vielen angstbesetzten Themen. Und man kann sich auch um den Umkehrschluss kümmern, was bekanntlich manchmal helfen oder lindern kann. Man kann sich also, wenn ich es auf diesen Fall anwende, noch etwas mehr über das freuen, was man hat, und auch solange man es hat. It all depends.

Ich würde übrigens, abgesehen von Familienangehörigen, zuerst nach meinem Notebook greifen, wenn so eine Situation, so eine Überstürzung eintreten sollte, habe ich überlegt. Es ist sicher irrational, denn es wäre austauschbar. Es wird ja auch ab und zu ausgetauscht, und die aktuellen Inhalte werden sogar weitgehend regelmäßig gesichert.

Aber ich glaube, es wäre seelisch enorm absichernd für mich, es noch zu haben. Ich könnte dann gewissermaßen am nächsten Morgen auf dem Trümmerberg noch bloggen.

Und das wäre dann schon etwas, da bin ich einigermaßen sicher.

Blick über den Nikolaifleet

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Es finden Belehrungen durch den Alltag statt

Blick über den Baakenhafen Richtung Elbphilharmonie

Am Mittag sah ich bei der Pausenrunde um den Block in der Hafencity beim Edeka die neulich beworbenen Notfallrucksäcke. Mit Kurbelradio, Solar-Powerbank, Esbit-Kocher und Gott weiß was. Zwei Exemplare davon standen da noch im Regal herum. Der mich begleitende Kollege konnte für sich jeden Bedarf verneinen. Er habe das alles eh schon zu Hause, hörte ich dann etwas staunend. Vielleicht hat er auch das Wort „längst“ verwendet.

Ich dagegen habe nur ein Erste-Hilfe-Set. Irgendwo haben wir es jedenfalls. Über dessen Verräumungsort müsste ich allerdings definitiv auch länger nachdenken, als es beim Verwendungszweck passend erscheinen kann. Aber das ist ein weiterer dieser Gedanken und eher vagen To-Dos, die ich unter S wie „Später, vielleicht, irgendwann“ abgelegt habe. Mich in dieser Hinsicht um irgendeine Prophylaxe zu kümmern, sehe ich prinzipiell ein. Aber was sieht man nicht alles prinzipiell ein, ohne daraus spontane Aktionen abzuleiten.

Man könnte ja zumindest Kerzen und Streichhölzer einmal auf Vorrätigkeit überprüfen, ohne es ansonsten bei dem unerfreulichen Thema gleich zu übertreiben. Dachte ich mir noch so.

Brückendetail im Baakenhafen

Das war, wie gesagt, etwa mittags. Zwei Stunden später ging ich nach Hause, immer noch von nicht unerheblichen Rückenschmerzen belästigt. Gegen die aber anzugehen war, denn Gehen war bei mir bisher zumindest als Therapie vergleichsweise häufig erfolgreich. Es ist aber in jedem Fall anstrengend, mit lädiertem Rücken zu gehen, und da auch die Temperatur am frühen Nachmittag noch einmal stieg und der rettend kühlende Wind plötzlich nachließ, fiel der Weg nach Hause, den ich sonst schon wegen der zahlreichen Postkartenmotive auf der Strecke eher genieße, diesmal sportlich herausfordernd aus.

Ich war schon nach kurzer Zeit unangenehm durchweicht, wie es all die Menschen kennen, die am Abend um die Alster traben.

Ich ging dann aber, wiederum getrieben von einem energischen „Dennoch!“, sogar noch weiter als sonst, denn ich wollte auch gleich die Einkäufe erledigen, um danach an diesem Tag nichts mehr tun zu müssen. Den Supermarkt bei uns im kleinen Bahnhofsviertel erreichte ich mit Müh und Not, doch im Geschäft die Technik war tot.

Es war keine Kartenzahlung möglich, und zwar, wie ich dem aufgeregten Gerede von Kundschaft und Personal entnahm, nicht nur in diesem Laden, sondern wohl überall. Wobei ich dann bemerkte, dass erstaunlich viele Menschen gar kein Bargeld mehr dabei haben. Auch nicht die zehn, zwanzig Euro, die ich immer bei mir trage, für alle Fälle. Dies war aber ein anderer Fall, denn ich brauchte deutlich mehr, als ich für einen kleinen Schein bekommen hätte. Ich ging also unverrichteter Dinge nach Hause, wo es nun nichts Essbares geben würde, also zumindest nicht das, was ich im Sinn hatte.

Aber eine Dusche, die immerhin würde es geben, dachte ich noch, während schon die Meldungen von Katwarn und Nina kamen: Störungen in der Wasserversorgung. Rohrbrüche an Hauptleitungen, und zwar, es war etwas irritierend, gleich mehrere, verteilt im Stadtgebiet.

Es kam dann auch tatsächlich kein Wasser aus den Hähnen. Es war auch tatsächlich vergleichsweise wenig Ess- und Trinkbares im Haus. Und ich saß da also verblüfft in meiner Küche, unangemessen verschwitzt, überhitzt, erschöpft, derangiert und hungrig. Mit einer plötzlich wilden Lust auf kaltes, klares Wasser aus dem Hahn.

Wer auch immer das inszeniert hat: Respekt, das war deutlich.

Ich werde mich also wohl tatsächlich etwas mehr um Prophylaxe für Versorgungsengpässe kümmern, echtjetztmal. Zumindest, aber eben wirklich, später, vielleicht und irgendwann.

Unter S kann man immerhin auch „Spontan“ ablegen.

Blick über den Baakenhafen

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Verschiebungen

Das jährlich stattfindende Nachspiel des Sommers fand nun auch statt. Inklusive dieses einen Abends, der wie eine allerletzte Zugabe wirkte. Noch einmal dieses Augustfeeling einer fast tropischen, jedenfalls aber eindeutig südlich wirkenden Nacht, oder, um es wieder mit Benn zu sagen, noch einmal das Verlangen, der Rausch, der Rosen Du.

Man saß folgerichtig in voller Besetzung in der Außengastro und genoss intensiv, leicht wehmütige Abgesänge mit Aperol. So sah es zumindest im Vorbeigehen aus.

Dazu in den Vollmondnächten ein kaum je gesehenes Licht über dieser Stadt, welches Merkwürdigkeiten erwarten ließ. Wunder vielleicht auch, Fantastisches unter Umständen. Wozu es dann zwar meines Wissens nicht kam, aber vielleicht war auch schon die Erwartung schön. Auf jeden Fall aber der staunende Blick in den Himmel.

Vollmond hinter Wolken über Sankt Georg

Am Abend an der Außenalster all die Menschen am Ufer. Ausnahmsweise mehrheitlich eher leise. Oft auch einzeln. Wie sie da saßen und auf den Mond sahen, welcher in Bestform aufging und dann eine derartige Performance hinlegte – also ein wenig ausgedacht, überzogen und verkitscht wirkte es schon.

Aber es war, wie es war, man sah es ja. Man rief sogar, ich hörte es mehrfach, andere Menschen an, um die einigermaßen dringende Empfehlung „Guck mal raus und nach oben! Jetzt!“ durchzugeben.

Ich ging da auch entlang. Ich hörte mich dabei durch das ungeheuer beeindruckende und auch sympathische Gesamtwerk von Guy Davis und empfand dies in Verbindung mit der Beleuchtung als einigermaßen beglückend. In einer Ausprägung, die mir nicht jeden Tag zur Verfügung steht.

Zwischendurch stand ich lange am Ufer, wie die anderen auch. Ich sah auf die andere Seite und auf den ungeheuren Mond darüber. Ein Mann neben mir, etwa in meinem Alter, sah mich an und sagte: „Das ist aber auch … was? Das ist doch …“

„Ja“, sagte ich, „das ist wirklich …“

Eine Boje in der Alster

Denn Eloquenz muss auch nicht immer. Und einem Vollmond in der spektakulärsten Ausprägung wird man aller Wahrscheinlichkeit nach eh nicht gerecht, da muss man sich sprachlich gar nicht erst viel Mühe geben. Man ist immerhin nicht Eichendorff oder dergleichen. Man ist nur Buddenbohm oder was auch immer. Und man kann auch nicht einmal ansatzweise den Blues, so wie Guy Davis es kann.

Man hat diesen Blues nur ab und zu, und das ist etwas ganz anderes.

Abendhimmel über der Lombardsbrücke

Blicm über die abendliche Außenalster

Der Steg an der Rabenstraße

Blick über die abendliche Außenalster

Blick über die abendliche Außenalster

Der andere Mann sah weiter nach oben und sagte nichts mehr. Ich ging weiter, und ein anderer Mann, wiederum in meinem Alter, denn wir sind immerhin verdammt viele in dieser Gesellschaft, grüßte mich beiläufig. Ich kannte den Mann mit einiger Sicherheit nicht, grüßte aber selbstverständlich zurück. Als würde man das hier so machen.

Was mich daran erinnert, ein Update unterzubringen, das ich schon längere Zeit im Sinn hatte. Nachdem ich es nun einen ganzen Sommer lang beobachtet habe, nachdem ich es in verschiedenen Stadtteilen und auch zu unterschiedlichen Uhrzeiten habe auf mich wirken lassen, möchte ich nämlich die Behauptung wagen, dass der Vibe dieser Stadt sich etwas verschoben hat.

Warum auch immer. Vielleicht liegt es am Klimawandel, wir nähern uns Projektionen zufolge immerhin allmählich dem Klima von Köln an. Später auch Mailand, noch später Toulouse, da werde ich dann allerdings nicht mehr dabei sein.

Vielleicht liegt es auch an der sich ständig wandelnden Zusammensetzung der hier wohnenden Menschen. Vielleicht liegt es an anderen Faktoren, aber es ist hier jedenfalls etwas südlicher in der Anmutung geworden. So insgesamt.

Ein wenig nur, wir wollen nicht übertreiben, aber doch. Ein klein wenig offener ist es. Eine Winzigkeit smalltalkaffiner auch, wie man an Ampeln etc. mittlerweile leicht feststellen kann. Und überhaupt kommt es mir hier und da etwas lässiger und legerer vor.

Ich werde das weiter beobachten, versteht sich. Aber als Bilanz des Sommers 26 scheint es mir doch eine einigermaßen abgesicherte Feststellung zu sein.

Zwar sehe ich auf Seiten wie etwa Reddit nach wie vor die manchmal verzweifelt klingenden Posts von Zugezogenen, die sich und andere fragen, wie zum Teufel man in dieser Stadt denn bloß Menschen kennenlernen könne. Weil die Mechanismen, die sie aus anderen Städten kennen, hier einfach nicht zu greifen scheinen. Das ist also schon noch wie früher und wie gefühlt immer.

Aber wer weiß – hätte ich auch diese Meldungen seit einer Weile schon gezählt, ich könnte vielleicht jetzt belegen, dass es deutlich weniger geworden sind.

Ich würde das nun nicht mehr ausschließen.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Ein immerhin geschmackvolles Ende

Der neulich hier erwähnte Epochenbruch, das verbreitete Gefühl, diverse Limits in der Politik, in der Geschichte und auch in der Soziologie des Menschen seien mittlerweile erreicht, eine gewisse Neigung zum Ausrufen der Apokalypse, die von manchen als lustvoll kritisiert wird – wir haben es vielfach mit Themen zu tun, die von manchen, von gar nicht so wenigen, mit einem oder mehreren letzten Vorhängen in Verbindung gebracht werden.

Was nicht beweist, dass die Lage so ist. Es beweist zunächst einmal nur, dass die Stimmung so ist.

Ein Sticker auf grauem Beton, es steht "Gefahr!" darauf

In einem Supermarkt, in dem die Schlange an der Kasse so lang ist, dass etliche Personen vor mir sichtlich mit den Nerven am Ende sind, was körpersprachlich so vielfältig und affektgesteuert zum Ausdruck gebracht wird, wie man es auch in einem Kindergarten nicht anders erwarten würde, steht ein junger Mann direkt vor mir.

Den treiben Ungeduld und Unwillen schließlich dazu, sich genauer anzusehen, was in den Regalen neben der Schlange alles angeboten wird. Es erinnert ein wenig an das verzweifelte Lesen von Shampooflaschenrückseitenaufklebern im Badezimmer, von dem Menschen aus meiner Generation manchmal mit einer etwas befremdlichen Nostalgie berichten, als sei das damals schön gewesen. Ich zumindest meine, mich da etwas genauer zu erinnern, denn schön war es nicht, nein. Keinesfalls.

Der junge Mann nimmt etwas aus einem Regal und dreht sich zu mir um, weil er jetzt etwas Austausch braucht. Und sei er noch so minimal, wie es ein Kassenwarteschlangengespräch nun einmal meist ist. „Es gibt Zahnstocher mit Geschmack!“, ruft er, sichtlich empört und auch einigermaßen nachvollziehbar. Und er ergänzt dann, was die Verbindung zum ersten Absatz darstellt: „Das ist doch echt das Ende dieser Gesellschaft!“

Auch das, versteht sich, bleibt allerdings zunächst unbewiesen.

Wir nehmen es einfach zur Kenntnis, wir legen es einfach in jenem anschwellenden Ordner ab, auf dessen Rücken groß das Wort „Verdachtsmomente“ steht.

Und, ich werde da vermutlich für viele von uns sprechen: Wir bleiben dran.

***

Ein an einer Wand hängender Teller, auf dem "Mut!" steht

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Vom Betreten des Rasens und vom Einrollen der Fahne

Es gibt diesen alten Scherz, dass es in Deutschland keine Revolution geben könne, weil man dazu den Rasen betreten müsste. Der ist von, Moment, ich sehe eben nach – okay, er ist von Stalin. Nicht der sympathischste Urheber, versteht sich, dennoch geht es heute um diese Aussage bzw. um Variationen dazu.

Ich hatte Gelegenheit, demonstrierende Menschen an vielen Stellen in der Stadt und in großer Zahl zumindest am Rande mitzubekommen, auch wenn ich diesmal nicht als Beteiligter mitgespielt habe. Es gab einerseits Protest gegen die merkwürdig filmtitelmäßig benannte NATO-Übung „Red Storm Charlie“.

Ein leuchtendes Peace-Zeichen in einem Schaufenster

Es gab andererseits Demos gegen Kürzungen in sozialen Bereichen, gegen Sozialabbau, was wiederum ein eher merkwürdiges Wort ist, wenn man darüber nachdenkt.

Schrift an einer Wand. "Löhne rauf, Preise runter"

Dazu zwei Bemerknisse. Ich ging beim ersten wie fast immer am Nachmittag auf meiner Revierrunde durch den Innenhof des Rathauses. Wo mir am Rande ein Mann auffiel, der eine Fahne an einer Stange in stattlicher Länge über der Schulter trug, auf der das Peace-Zeichen abgebildet war. Der ging an mir vorbei, vergleichsweise strammen Schrittes. „Geht zu einer der vielen Demos“, dachte ich mir, denn es gab Proteste an mehreren Orten in der Stadt, und es gab sie auch immer wieder. Damit hakte ich den Anblick auch schon ab, zumindest bis ich ihn erneut sah. „Sucht vielleicht jemanden …“, dachte ich mir dann, „… geht daher hier etwas herum.“

Dann sah ich ihn auch schon zum dritten Mal. Dann zum vierten Mal, und dann, ich brauche manchmal etwas länger, verstand ich es erst. Der Mann ging mit seiner Fahnenstange auf der Schulter, an deren Ende das bekannte Symbol allerdings eher hing als wehte, um das Rathaus herum. Immer wieder. An der Front vorbei über den Rathausplatz, in den Alten Wall und dann durch den Innenhof zurück, repeat.

Ernst guckte er dabei. In etwa so, und ich meine es ohne jeden Spott, als würde er da etwas bewirken durch sein Herumgehen, und mit jeder Runde sogar etwas mehr.

Kreide auf Pflaster: "Rette die Mensschheit"

Aber es gibt ein anderes Wort, das mir dann noch besser zu passen schien, und ich beziehe mich nur auf den Anschein, nicht auf die Tatsache des Herumgehens an sich: Pflichtgemäß sahen seine Runden aus. Als würde jemand Demonstrationdienst ableisten. Nicht im Sinne des etwa aus Frankreich so gut bekannten wilden Protestes, inklusive brennender Barrikaden etc. Sondern eher im Sinne einer ordnungsgemäßen Abwicklung des Dagegenseins.

Und da könnte man sich schon fragen, ob es ein Zufall war, dass ich nun genau den gesehen habe, oder ob Protest hier tendenziell nun einmal so aussieht.

Während ich darüber noch nachdachte, sah ich schon das nächste Bild in diesem Kontext, und es fiel wieder unfassbar passend aus. Ein weiterer Mann, der an seiner mitgeführten Fahne (rot) sofort als Demonstrant zu erkennen war. Allerdings ging der noch nirgendwo protestierend herum, sondern trat gerade erst aus einem Haus. Aus dem Haus, in dem er wohnt, kann man annehmen.

Und er trug die Fahne auch nicht wehend über der Schulter, nein, er trug sie noch ordentlich zusammengerollt. In dem Moment, in dem ich an ihm vorbeiging, rollte er sie gerade noch etwas fester. Nicht anders, als man es mit einem Regenschirm macht, ein identischer Bewegungsablauf. Dafür blieb er kurz stehen, dann überprüfte er noch eben seine weitere Ausrüstung.

Kreide auf Pflaster: "Schreib die Demokratie nicht ab! Schreib sie um!"

Bei der wieder meine Playmobil-Assoziation greift: Was gehört zu einem Demonstranten? Fahne, Banner, Weste mit Aufdruck, Trillerpfeife, Megafon – man kann das Set sicher noch ergänzen. Eventuell, und ich meine es wieder ohne Bosheit, obwohl es so klingen wird, denkt man sich eine Thermosflasche dazu, einen Becher und eine Tupperdose. Denn so eine Demonstration kann lange dauern, da kann man auch vorsorgen.

Wie auch immer. Ich habe keinen Zweifel, dass ich auch andere Szenen hätte sehen können. Bewegtere, wildere womöglich, voller Enthusiasmus, Esprit und Enwergie.

Aber diese beiden Bilder, die waren es gestern, die mir auffielen. Man muss als Beobachter nehmen, was man kriegen kann.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Linkwerk zum Wochenende

Es wird diesmal etwa anders. Aber das macht nichts, das passt nämlich, muss doch ohnehin einiges anders werden. Schon weil für manche Aspekte meiner Lebensführung, um es so allgemein wie möglich auszudrücken, diese freundliche Botschaft der Straße gilt:

Ein Sticker auf einem Mülleimerrand mit der Aufschrift "Das muss ein Ende haben"

Zum einen also habe ich nicht viele Links parat, wegen allzu intensiver Bemühungen um das Sortieren von Playlists. Ich neigte zur Monothematik, was in Bezug auf Musik auch ein klein wenig wortwitzig ist, wie mir gerade auffällt.

Die Musik musste mir in dieser Woche, die insgesamt mit der Abkürzung FUBAR treffend umschrieben werden konnte, allerdings auch als Drogenersatz dienen.

Zum anderen muss ich gleich noch etwas vorwegerzählen.

Und schließlich benenne ich die Rubriken um, weil ich darauf kam, dass es für Interessierte vermutlich nennenswert sinnvoller ist, wenn ich nach Themen, nicht nach Medienarten gruppiere.

Die Hafencity bei anbrechender Dunkelheit, Vollmond über den Neubauten

Zu erzählen ist kurz, dass ich die gestern verhandelte Angelegenheit mit dem performativen Lesen schon gestern fortsetzen wollte. Und zwar mit diesem Buch dabei, in welches ich zwar öfter hineinsehe, das ich aber nach einem eher nicht literarischen Gesichtspunkt für diesen Zweck ausgewählt hatte, nämlich: Das Buch muss in die Brusttasche des Sakkos passen. Wobei da gar nicht so viele Werke aus meinem Bestand in Betracht kommen.

(Gernhardt & Rühmkorf: „In gemeinsamer Sache. Gedichte über Liebe und Tod, Natur und Kunst“)

Übrigens ein empfehlenswertes Buch für Interessierte an Reim, Dichtung und höherer Albernheit, beginnend mit den goldenen Zeilen:

„Der Künstler geht auf dünnem Eis.

Erschafft er Kunst? Baut er nur Scheiß?“

Ich setzte mich diesmal auf eine Bank in der Nähe des Rathauses. Wo mir, als ich mich zwischendurch umsah, um für Sie auch ja umfassend berichten zu können, eine Frau auffiel, die mir im Nachhinein als Täterin in Betracht zu kommen scheint. Eine ältere Dame, die einen sicherlich teuer designten, ausgesprochen kunstvoll wallenden Überwurf in einer Farbe trug, die es so eigentlich gar nicht geben kann, aber dennoch möchte ich sie als Signallila bezeichnen. Schwarz gefärbte, längere Haare, katzenhafter Blick mit seltsamer Intensität und insgesamt zweifellos eine Femme, die um eine möglichst fatale Ausstrahlung redlich bemüht war.

Eine Variante von Cruella de Vil. Und sie war es, sie wird geschossen haben.

Denn als ich wieder aufstand, tat ich es nicht mehr als Mensch mit aufrechter Haltung, sondern obenherum etwa in einem halben rechten Winkel nach vorne weggeklappt. Und dies schien sich auch spontan nicht mehr ändern zu lassen.

Wodurch ich auch feststellen konnte, dass man beim Lesen in der Öffentlichkeit meiner bisherigen Erfahrung eher nach nicht als performativ wahrgenommen wird, beim Gehen in seltsamer Haltung aber schon. Ich fühlte mich wahrgenommen, und als zwei Pfadfinderinnen interessiert guckten, wendete ich mich doch lieber ab. So alt bin ich nun auch wieder nicht, dass die mir noch am Straßenrand Hilfe anbieten oder so. Restwürde verteidigen, wo man nur kann!

Aber das alles nur am Rande, ich wollte nur eben illustrieren, dass der Satz, den ich gerade gestern einer Kollegin im Bürokontext schrieb: „Gefahren lauern überall“ auch auf Experimente im Blogkontext zutrifft. Schlimm.

Die Elbphilharmonie bei Sonnenuntergang

Blogs:

Gratulation und félicitations zum tausendsten Artikel!

Und Gratulation auch zu 26 Jahren.

Ich las etliche anschlussfähige Kommentare zur deutschen Politik in den letzten Tagen, etwa diesen hier bei Thomas Gigold.

Die Elbphilharmonie bei Sonnenuntergang

Musik:

Im Podcast „Interpretationssache“ hörte ich die Folge über „Creep“ von Radiohead. Mit der Auswahl der Cover war ich diesmal nicht ganz einverstanden, aber die Geschichte des Songs, die immer mit erzählt wird, war auch interessant. Bei den Covern aber fehlte Arlo Parks, und das geht nun gar nicht. Nun, schon klar, man kann es anders sehen, ich gebe es zu.

In der gleichen Podcastreihe auch die Folge zu „I will survive“ von Gloria Gaynor, natürlich mit der Version von Cake dabei.

Und apropos Cover-Versionen, neu herausgekommen ist eine Version des Klassikers von Hank Williams „Alone and forsaken“ von Andi Almqvist.

Die Interessierten am Internet-Running-Gag „Irgendwo bellte ein Hund“ beachten bitte besonders diese Verse:

„The darkness is falling
The sky has turned gray
A hound in the distance
Is starting to bay.”

Im Kontext von „Alone and forsaken“ habe ich außerdem einen Sinatra-Song wiedergefunden, den ich jahrelang nicht gehört hatte. Es ist aber ein schöner Song, kann man ruhig mal laufen lassen.


Literatur:

Ein kurzer Nachruf auf die Verlegerin Antje Kunstmann beim Deutschlandfunk Kultur.

Ein Zeitzeichen zu H. G. Wells und eines zu Dante Alighieri.

Blick von den Landungsbrücken über die Elbe bei Sonnenuntergang

Film:

Eine Würdigung zum 135. Geburtstag von Hans Albers beim Deutschlandfunk Kultur.

Geschichte:

Ein Zeitzeichen: „Die Akte Ötzi – Wie starb der Steinzeit-Mann?“

In der Reihe „Radiowissen“ eine Folge zu Stonehenge.

Auf wunderlichen Umwegen kam ich außerdem dazu, den Lebenslauf von Jacques de Vaucanson nachzulesen, einem Genie der Mechanik aus dem 18. Jahrhundert, der unter anderem für eine mechanische Ente berühmt war, die essen und kacken konnte.

Würde ich historische Romane schreiben, ich würde bei diesem Lebenslauf interessiert gucken und mir Notizen machen.

Welt und Umwelt:

Es gibt eine neue Katze. Also es gab sie schon etwas länger, muss man annehmen, aber uns ist sie neu.

Die Kunst der Lebensführung:

Ich hatte zwischendurch Bedarf an Unterhaltung ohne Denkanforderungen, weswegen ich etliche Beiträge auf diesem Instagramkanal sah, in dem lediglich Animationen davon zu sehen sind, wie Räume eingerichtet oder umgebaut werden. Mit einem allerdings stets beige-lastigen Ergebnis, es wird dann irgendwann langweilig. Ohnehin ein vielleicht etwas seltsames Vergnügen, aber man ist weg von der Straße, ne.

Beim SWR eine Sendung zum Spezial-Event im Süden: „Faszination Oktoberfest – Mehr als Massenrausch und Tracht“.

Ich wollte schon letzte und vorletzte Woche darauf hingewiesen haben: Bei meinem Lieblingspodcast „Ill advised“ von Bill Nigh, „A podcast for people who don’t get out much and can’t handle it when they do“ gibt es eine weitere Staffel.

Gegessen:

Diese Chinakohl-Lachs-Nudeln aus dem Blog der Kaltmamsell. Für gut befunden. Auf Wiedervorlage.

Chinakohl-Lachs-Nudeln

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.