Neulich erwähnte ich hier die Verschiebungen im Vibe der Stadt und hob dabei auf eine Entwicklung ab, welche die meisten eher positiv deuten würden. Es wird hier etwas netter, etwas südlicher, etwas entspannter – ja, warum nicht, das klingt doch gut und anziehend.
Es gibt allerdings parallel dazu weitere Verschiebungen, und zwar Verschiebungen jener Art, die man kaum jemals in flagranti erwischt. Änderungen, die einem erst spät und plötzlich bewusstwerden und die sich dann meist mit einem Rückblick verbinden, wozu dann die irritierte Feststellung kommt: „Das war doch früher nicht so.“
Wenn man um den obligatorischen Stichprobenfehler in unserem Denken weiß und damit halbwegs bewusst umgeht, prüft man anschließend durch Gespräche mit anderen, Recherche etc., ob das, was man gerade zu beobachten meint, ein allgemein anerkanntes Element der Wirklichkeit ist. Ob es womöglich sogar objektiv messbar und darstellbar ist. Oder ob man aufgrund höchst individueller Umstände, hyperlokaler Effekte, spezieller Stimmungsfilter etc. eher auf geistigen Sonderwegen unterwegs ist, um nicht zu sagen paranoid herumspinnt.
Es ist immerhin alles möglich.
In diesem Zusammenhang zwei, drei Anmerkungen zu den Themen Geschwindigkeit, Verkehr und soziales Miteinander. Es werden wohl zwei, drei Texte.

Beginnend mit einer Miniaturszene, die an der Alster spielt, an der Alster am Morgen. Vielleicht ist es der frühe Morgen, das hängt allerdings davon ab, was der Biorhythmus einem vorgibt. Es ist viertel nach acht – das ist für mich schon nicht mehr besonders früh. Für andere schon. Es fällt aber sicher nicht mehr unter das, was in meiner Kindheit immer als „unchristliche Uhrzeit“ bezeichnet wurde. Es ist ein schöner Tag, noch einer aus der gerade finalisierten Spätsommerabschlussreihe, die hier auch neulich verhandelt wurde.
Die Alster liegt also in der üblichen Postkartenpracht. Sie haben hier vermutlich schon viele Bilder im Blog gesehen, welche diesen Anblick darstellen. Ab und zu weise ich auf etwas hin, das Menschen nicht wissen können, die hier noch nie waren: In einem gewissen Sinne lügen diese Bilder alle. Denn sie suggerieren meist so etwas wie Ruhe und Frieden. Das ist allerdings nicht einmal mehr ansatzweise zutreffend, wenn man die Tonspur dazu nimmt. Denn in meinem Rücken läuft der Verkehr mehrspurig, drängelnd und auch seit einigen Jahren immer rabiater, wie gerade wieder durch Studien belegt wurde.

Falls Sie sich fragen, ob der Verkehr immer schlimmer wird oder ob es nur an Ihrer Wahrnehmung oder an ihrem Älterwerden liegt: Das ist so ein Fall, den man objektivieren kann. Der Verkehr wird de facto schlimmer. Die Menschen in oder auf Verkehrsmitteln aller Art werden nachweisbar gnadenloser. Ich komme noch darauf zurück.
Die Alster also. Vorne Frieden. Mit dem Blick zum Gewässer besinnt sich der Mensch, hinter ihm brummt und hupt es dabei und drückt ihm den urbanen Alltag auf die Ohren. So die Szenerie.

Ich ging dort an diesem Tag etwa eine Viertelalsterrunde. Wenn Sie nicht aus Hamburg sind, überrascht es Sie vielleicht, dass gar nicht wenige Menschen in dieser Stadt nach dieser Aussage parat haben, dass es dann wohl etwa 1,75 Kilometer gewesen sein müssen. Die Länge der Alsterrunde ist hier Allgemeinwissen.
Worauf ich aber hinauswill: Es war in einem gewissen Sinne eine Premiere für mich. Es mag zwar sein, dass es eine ähnliche Erfahrung schon einmal gab und sie mir nur nicht aufgefallen ist, aber für diesen Morgen jedenfalls gilt mit Gewissheit: Ich war der einzige Mensch an der Alster, der dort entlangging. Alle anderen – ausnahmslos – rannten.

Sie joggten, trabten, sprinteten oder schleppten sich keuchend und schweißspritzend über ihre letzten Meter. Als es mir auffiel, blieb ich noch eine Weile stehen. Ich setzte mich auch kurz auf eine Bank und sah der Sache dann etwas länger zu. Aber es trat keine Änderung ein. Da liegt also dieses fantastisch schöne Gewässer mitten in der Stadt, und niemand der Menschen ringsum sieht es sich in Ruhe an.
Mir scheint für das Gesamtbild noch wichtig, dass in aller Regel von all den laufenden Menschen so gut wie niemand so aussieht, als würde ihm das Spaß machen, was sie oder er da treibt. Oder als würde es irgendwie guttun. Der vorherrschende Eindruck ist eher der von Verbissenheit und selbstgewählter Qual.
Man sieht dort etwas, so kann man es sicher sagen, das wie das Gegenteil von Entspannung aussieht.

Diese Szene war außerdem eine Bestätigung meiner Beobachtungen zu anderen Uhrzeiten: dass nämlich der Anteil der Laufenden auf dem Rundweg immer noch größer wird. Wodurch, wie neulich in den Medien hier zu lesen war, auch die Konflikte mit den Gehenden stetig größer werden. Zumal immer mehr Menschen in teils auch großen Gruppen laufen. In Sportgruppen, die den Teilnehmenden eine Art kollektives Panzergefühl vermitteln müssen. Denn diese Gruppen weichen anderen oft nicht mehr aus, sondern walzen eher durch.
Tatsächlich kann man diese Konflikte, von denen in den Medien die Rede war, leicht selbst beobachten. Man muss nicht allzu lange auf Vorkommnisse warten, denn man kommt sich dort dauernd ins Gehege.
Man muss dafür nur, wie ich jetzt weiß, auf irgendeine Uhrzeit warten, die später als viertel nach acht ist, wie sich gezeigt hat. Bis sich die ersten Gehenden und Flanierenden aus der Deckung trauen und den Rundweg betreten.
Fortsetzung folgt.

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