Die erste halbe Stunde dieses Tages habe ich mit Suchen verbracht. Was immerhin dadurch erfreulich wurde, dass ich fündig wurde und nun einen Gedanken sinnvoll abrunden kann. Und zwar wie folgt.
Am 24. August habe ich meine Sommerpause in diesem Basar beendet und im dazugehörigen Text (hier) noch erwähnt, dass ich in den Wochen ohne Blog kaum Notizen gesammelt hatte. Was mir, aber das stand da nicht, tatsächlich ein wenig unheimlich war, denn ich bin es gewohnt, viel auf Vorrat zu haben. Oder auch sehr viel.
Das ist nun drei Wochen her. Seit diesem Zeitpunkt denke ich wieder mehr schreibend und für das Schreiben. Ich schreibe also auch wieder mit, was mir ein- oder auffällt. Der Notizenvorrat dürfte nun, ich prüfe das eben nach, so wie andere das gerade bei den so intensiv beobachteten Gasspeichern machen, für etwa dreißig Blogeinträge reichen. Noch nicht ganz für den Winter, aber auch hier: immerhin.

Das wiederum ist ein angenehm befriedigendes, geradezu sättigendes Gefühl. Als hätte ich genug gespart. Als hätte ich so akribisch vorgesorgt, wie es heute eben von vernünftigen Menschen erwartet wird – man muss sich kümmern um seine Zukunft und sein Zeug.

Ich schreibe einen Text pro Tag, also in normalen Zeiten jedenfalls. Es wäre aber auch Stoff genug für mehr vorhanden, für deutlich mehr sogar. In den letzten Jahren habe ich mich zwischendurch immer wieder etwas erstaunt gefragt, wie das eigentlich zugehen kann. Denn in Bezug auf Erleben, Events und Ereignisse bin ich nun ganz gewiss eher unter dem Durchschnitt, was die Frequenz betrifft. Ich mache definitiv eher wenig, ich treffe wenig Menschen, ich reise auch kaum, ich mache meist nirgendwo mit. Ich sitze lediglich am Schreibtisch, ich gehe zum immer gleichen Einkaufsritual, koche etwas, was nicht einmal foodblogtauglich ist, und dann gehe ich stundenlang um den Block oder durch die Stadt. Das ist alles.
Jetzt habe ich eine brauchbare und auch noch geistreiche Erklärung dafür gefunden. Sie ist einfach, wie nicht anders zu erwarten war, und es gehören zwei Aspekte dazu.
Zum einen stand ich in der Urlaubswoche, die ich nun vergleichsweise sinnig absolviert habe, ich sage morgen noch etwas dazu, eines Morgens auf dem Balkon. Ich besah mir die Wolken und das sich färbende Laub der Bäume auf dem Spielplatz. Das sammelnde Eichhörnchen an den Gebüschen, die Kräähen auf der Rutsche und auch die ersten Menschen auf den Wegen. Ich sah dabei auch routiniert kurz die gegenüberliegenden Häuser an. Patrouille mit den Augen, Sie kennen das, einmal kurz checken, ob die Wirklichkeit noch passt und weiterhin den Erwartungen entspricht, wie auch immer die gelagert sind.
In eine Wohnung fiel das Licht an diesem Morgen so, dass ich eine Wand sah, von der ich zu meiner Überraschung meinte, dass ich sie sonst nicht sehe. Und an dieser Wand hing ein Bild. Ein vermutlich eher kitschiges Katzenbild, so wie man es als Poster bei Karstadt etc. kaufen kann, zu süß, um gut zu sein. Das Bild war recht weit weg, aber es war durch die Morgensonne derart bestens ausgeleuchtet, ich konnte es dennoch gut erkennen. Ich sah das Bild, ich sah überhaupt diese Wand aber zum ersten Mal. Nach einem Moment des Nachdenkens war ich sicher.

Seit 19 Jahren wohnen wir hier. Seit 19 Jahren gehe ich morgens auf den Balkon und gucke durch die Gegend. Aber noch nie haben Uhrzeit, Bewölkung, Sonne, Licht und vielleicht auch die Position eines Vorhangs und mein exakter Standpunkt so zusammengepasst, dass ich diese Wand, dieses Bild gesehen habe.
Das wiederum erinnerte mich an einen Begriff, den ich eben etwas mühsam gesucht habe. Ich wusste, er kam im Blog vor etwa drei Jahren vor. Aber da kam, wie ich dann feststellte, eine ganze Menge vor. Über das Wort „Faltung“ kam ich dann zum Ziel, denn darum ging es. Es war ein Vortrag von Anders Levermann, Physiker, den er damals auf einer re:publica gehalten hat. Ich hatte das Video hier verlinkt und es gibt auch ein Buch von ihm dazu: „Die Faltung der Welt“ bei Ullstein.
Sympathisch fand ich ihn bei dem Vortrag, diesen Herrn Levermann. Und das Konzept, fast unendliche Möglichkeiten in einer begrenzten Welt zu finden, welches er da wissenschaftlich betrachtet – es kommt für Kreative aller Art selbstverständlich auch hin. Man sieht auf etwas, man bemerkt dabei etwas, man macht vielleicht etwas darauf. Und dann sieht man so lange weiter darauf, bis man noch etwas bemerkt, aus dem man etwas machen kann. Und sei es nur eine kitschige Katze. Für meinen nächsten Trick als Schreibender brauche ich eine Madeleine …
In diesem Sinne gibt es selbstverständlich auch keinen Grund, wegen fehlender Notizen beunruhigt zu sein. Wie es in einem bekannten Sketch von Johann König heißt: „Man muss es sich nur immer wieder klarmachen.“
(Auf den Bildern heute der Herbst am Nikolai-Fleet)
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