Fresh passion

Gesichter des Exils – ein Instagram-Account.

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In der Jugendsprache, also in dem Teil davon, den ich so mitbekomme, ist fresh gerade das neue nice. Alles ist fresh, was gut ist und nice war. Der letzte Satz liest sich vielleicht etwas seltsam, zugegeben. Aber so ist es eben.

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Pizza bei der Pizza-Bande gegessen, den Laden kannte ich noch nicht. Das war sehr gut, wollte sagen fresh.

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In Hamburg hängen Plakate für eine Messe, sie ist wohl schon vorbei, glaube ich, man sieht so etwas ja immer nur aus dem Augenwinkel irgendwo am Bahnsteig. Eine Messe für Vorsorge, Pflege und Bestattungen war das jedenfalls, sie trug den bemerkenswerten Titel “Happy End” und nein, ich denke mir das nicht aus. Den Titel kennt man auch von gewissen Toilettenpapierpackungen oder von den Titelseiten einiger Groschenromanreihen und vermutlich gibt es bei Thalia auch Regale, die so betextet sind, die lassen in der Hinsicht ja nichts aus, was flach und massenkompatibel ist. Das ist jedenfalls ein etwas heikler Titel für eine Veranstaltung diese Berufe, ist es nicht? Wenn man beispielsweise in der Pflege arbeitet, strebt man dann wirklich ein Happy End an? Ich verstehe, was gemeint ist, und doch … Wenn ich mich um die Vorsorge kümmere, male ich da in rosa Glitzerschrift “Happy End” auf eine Mappe und füge auch meine letzte Spaßverfügung bei? Wenn jemand aus meinem Freundeskreis mein Ableben tatsächlich als Happy End betrachtet, ist das nicht geradezu beleidigend und was hat er davon? Wird bei Beerdigungen ein Toast auf das Happy End ausgebracht? Und wenn sie nicht gestorben sind, dann war noch kein Happy End. Ich weiß ja nicht. Happy End, das könnte doch besser ein Kongress für DrehbuchautorInnen sein.

Es gibt im Moment auch Plakate für eine BDSM-Messe, die heißt aber nicht Happy Submission oder so, die heißt einfach nur Passion. Das klingt doch im Vergleich geradezu leidenschaftslos. Wobei interessanterweise dem Wort Passion ja auch Krankheit, Leid und Tod zu entnehmen sind, besonders wenn man das mal nicht albern englisch, sondern kultiviert lateinisch ausspricht, dann springt einen das mehr an. Weswegen man die andere Messe doch auch mit einigem Recht genauso hätte nennen können, wenn man es recht bedenkt. Das hätte dann zu allerschönsten Verwechslungen bei den Besucherströmen der Passionsmessen geführt (Kirchen hätten auch noch mitspielen dürfen!), Situationskomik galore, geradezu kinotauglich wäre das gewesen, hatten wir nicht eben schon die DrehbuchautorInnen? Hier wären sie dann mal richtig sinnvoll gewesen, hier hätten sie zielstrebig auf ein Happy End nach etlichen haarsträubenden Komplikationen hinarbeiten können, wenn dann der attraktive Fetischist endlich mit der prominent besetzten Bestatterin … wäre das nicht wahnsinnig fresh gewesen? Na, was man eben so denkt, wenn man vor Plakaten steht, Sie kennen das. Und dann kommt die S-Bahn.

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Am Morgen war ein Kind krank, Schulbesuch nicht möglich. Und wissen Sie was? Die anderen drei Familienmitglieder sind wie immer aus dem Haus gegangen, während der Sohn einfach wieder ins Bett schlich. Dann folgten ein paar Whatsapp-Nachrichten und Telefonate im Laufe des Tages und mehr Aufregung ist das bei größeren Kindern dann gar nicht mehr. Also jedenfalls nicht bei den normalen Wehwehchen. Falls Sie an den organisatorischen Folgen der Krankheiten bei kleineren Kindern gerade verzweifeln – es wird besser. Ab etwa zehn Jahren.

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Musik! Ganz ohne Bezug zu Bestattern, es kann nicht immer alles aufgehen.

 

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Abraham und alles

Ich habe gestern zum ersten Mal ein Lieferfahrzeug von Amazon vor dem Haus gesehen, das kannte ich noch nicht, dass die jetzt mit eigenen Wagen illegal im Halteverbot stehen und damit nicht mehr andere beauftragen.

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Ich bin wieder Juror in einem Geschichtenwettbewerb hier im kleinen Bahnhofsviertel und lese am Vormittag stundenlang die Texte, die da eingeschickt wurden. Es gibt eben immer etwas, womit man den Sonntag voll bekommt.

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Mit Sohn II bin ich dann zu Fuß nach Eppendorf gegangen, da kamen wir nach dem Dammtorbahnhof am Platz der jüdischen Deportierten vorbei, wo noch Kränze und Lichter am Gedenkstein zu sehen waren, das musste ausführlich erklärt werden, denn Sohn II geht an nichts einfach so vorbei. Danach haben wir Stolpersteine gezählt, es waren ganze 110 nur bis zur Station Hoheluft und nur auf der einen Straßenseite, eine Zahl, die den Sohn nachhaltig beeindruckt hat. Er hat das für sich in Schulklassen umgerechnet, um es sich besser vorstellen zu können, irgendeinen Maßstab braucht der Mensch eben manchmal: “Bis hierhin wäre es eine Klasse gewesen.” Dann haben wir uns über die Nazis damals und heute unterhalten, über Verfolgte und Verfolger und Flüchtlinge und Moral und die Weiße Rose und Arschlöcher und Unschuldige und umgebrachte Kinder, und der Sohn ist sehr wütend geworden, weil das alles passieren konnte und weil der Mensch an sich einfach nicht gut genug ist.

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Dieses Gespräch fand zufällig statt an einem Tag, an dem er später zum ersten Mal ganz alleine gleich dreimal auf dem Hamburger Dom mit der Wilden Maus gefahren ist, wodurch man in Hamburg nach alter Regel zu einem recht großen Kind avanciert. Was in den Tag eines Neunjährigen eben so hineinpasst, sie wachsen an vielen Themen. 

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Mit Sohn I dagegen habe ich morgens für seine in der nächsten Woche anstehende Religionsarbeit gelernt, wobei mir auffiel, dass ich bei einigen Themen bedenklich schwächelte, wer da wann und warum genau und mit wem nach Ägypten und Kanaan und zurück, das ist ja alles gar nicht so unkompliziert. Das Ganze in der Bibel nachzulesen hätte mich aber zeitlich massiv überfordert, die Wikipedia führte leider auch viel zu weit, aber ich habe mir zu helfen gewusst und schnell die erste Hälfte der Kinderbibel inhaliert, die Sohn I damals zur Taufe von Lyssa bekommen hat, die Älteren erinnern sich vielleicht noch an den Namen und die Dame, es war ja nicht irgendeine, to say the least. Jetzt bin ich wieder halbwegs an Deck, was Abraham und Mose betrifft. Immerhin. Das Buch sortiere ich dann auch mal fix zu den Büchern, die ich auf jeden Fall behalte.

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Während ich dies schreibe, beschleicht mich übrigens der unangenehme Gedanke, dass Sohn I noch irgendwo ist, wo ich ihn vielleicht längst hätte abholen sollen – pardon, ich muss los. Jetzt.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Kurz und klein

 

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Beschlusstherapie

Weintrauben. Gesundes Obst, sogar kinderkompatibel, zumindest wenn kernlos. Man wäscht sie, man legt sie auf einen Teller, prächtig sieht das aus, die Früchte mit den glänzenden Wassertropfen daran, immer sieht das etwas nach Luxus aus, ganz egal, wie billig man das Pfund im Discounter nebenbei mitgenommen hat, jeder Raum gewinnt durch ein Tellerchen mit Weintrauben ungemein. Sehr gut erzogene Menschen pflücken sich mit spitzen Fingern Teile der Zweige ab und essen manierlich die Trauben, die daran hängen, die Mehrheit rupft aber zumindest in den eigenen vier Wänden in spontaner Gier und im Vorbeigehen irgendwelche Trauben aus dem nett angerichteten Gesamtkunstwerk, das dadurch allmählich verstruppelt und unansehnlich wird. Die größten und prächtigsten Trauben gehen natürlich zuerst weg, so ist der Mensch, das Beste für mich. Schwächere und kleinere Früchte, solche mit dubiosen Stellen und nicht ganz idealer Form bleiben aber zurück, ebenso die, die dummerweise ganz unten liegen und dadurch langsam eindellen. Nach einer Weile sind nur sie noch übrig, Blicke und Finger tasten suchend über die Mängelexemplare hinweg, ach nee, nicht mehr so gut, lass mal. Weil man sie aber prinzipiell noch essen könnte, bleibt der Teller da stehen, das ist vernünftig und richtig, wenn auch sinnlos. Bis endlich doch beschlossen wird, die unansehnlichen Reste zu entsorgen, dieses dürre und trostlose Zweiggewirr mit den paar murkeligen Trauertrauben, die einfach keiner will. Die Trauertraube ist eine Frucht des Novembers.

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Für meinen kaputten Arm wurde eine Operation beschlossen, mit Termin und anschaulicher Schilderung der Schnitte und allem. Sofort nach diesem Beschluss wurde der Arm besser, schnell und deutlich. Ha, dachte ich, das ist ja einfach, so ein Gelenk braucht einfach nur eine Deadline, guck an, so ein Gelenk ist am Ende auch nur ein Mensch. Und ich fühlte da so hin und bewegte bedacht und beschloss also, was jeder beschlossen hätte, nämlich die Operation lieber wieder abzusagen. Sofort nach diesem Beschluss wurde der Arm schlechter, schnell und deutlich. Und wenn das so billig ist, überlege ich jetzt, kann man aus solchen Szenarien nicht eine Therapie entwickeln, die ganz ohne jede medizinische Behandlung auskommt, die nur mit Beschlüssen und Bedrohungen arbeitet und solcherart Symptome austariert, bis alles schön zur Bestform passt?

Maximilian Buddenbohm, der bekannte Begründer der behandlungsfreien Beschlusstherapie. Klingt schon mal gut.

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Den schmalen Rühmkorf beendet, jetzt wird es also stürmisch:

1801. – Bin gerade von einem Besuch bei meinem Pachtherrn zurück, dem einsiedlerischen Nachbarn – der mir noch zu schaffen machen wird. – Prächtiger Landstrich, weiß Gott! Schätze, ich hätte in ganz England keine Gegend finden können, die dermaßen fern liegt vom Getriebe der Gesellschaft: perfekte Zuflucht für Misanthropen! – und Mr. Heathcliff und ich sind gerade die rechten zwei, um diese spröde Einöde zu teilen.”

Ein wenig mehr Sturm über Hamburg wäre bei der Lektüre zwar nett, aber es geht zur Not auch so. Schon die Beschreibung der Räumlichkeiten auf Wuthering Heights, was ein Genuss, kein Mensch braucht eine Verfilmung des Buchs, so wie das beschrieben ist. Groß.

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Apropos Verfilmung. Mit Sohn I aka Jojo im Kino gewesen, denn wer so viel lernt wie er, der braucht auch mal Ausgleich. “Johnny English – Man lebt nur dreimal” wollte er sehen, er hatte natürlich freie Auswahl, also im Rahmen des Jugendschutzes, versteht sich. Die Kritik überlasse ich lieber ihm: “Der Film war sehr, sehr lustig, der Spannungsaufbau war gut und er hatte viele neue Gags, auch wenn man die Vorgänger schon alle kennt. Der Film ist sicher geeignet für Kinder ab sechs Jahren, brutal oder unheimlich war da gar nichts. Es war nicht einmal sehr laut. Und die Witze würden Sechsjährige auch schon verstehen. Mein Vater hat aber auch mal gelacht, ganz so schlecht kann der Film also gar nicht sein. Ich finde, das hat sich gelohnt.”

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Was noch? Musik! Und ein Glas auf abwesende Sängerinnen.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Ganz nett

Im Laden steht eine Spendendose für ich weiß gar nicht was an der Kasse, da wirft Sohn II einen Cent ein. Und erklärt mir dann: “Das war jetzt nur ein Cent, weil ich mehr gerade nicht hatte, aber darauf kommt es auch nicht an, wie viel das ist, es kommt eigentlich darauf an, dass man nett ist, denn wenn man nett ist, werden andere, die das sehen, auch nett, also wenn man Glück hat jedenfalls, und wenn die dann nett sind, dann machen sie auch was Nettes und andere sehen das dann und immer so weiter, es kommt einfach mehr Gesamtnett in die Welt und wenn die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt nett sind, zack, hat man einen Weltkrieg verhindert. Für einen Cent. Ist doch so. “

Das lassen wir heute mal so stehen.

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Kurzentschlossen vor der Sturmhöhe noch schnell einen Band Rühmkorf gelesen, von dem ich nicht einmal wusste, dass ich ihn besitze, nie gesehen, diesen schmalen Insel-Band: “Aufwachen und Wiederfinden – Gedichte”. Den behalte ich natürlich, denn ein vollständiger Rühmkorf ist in einer gepflegten Bibliothek anzustreben. Aber bitte, nur meine Meinung.

Der Mond ist aufgegangen,

Ich, zwischen Hoff- und Hangen,

rühr an den Himmel nicht.

Was Jagen oder Yoga?

Ich zieh die Tintentoga

des Abends vor mein Angesicht.

 

Die Sterne rücken dichter,

nachtschaffenes Gelichter,

wie’s in die Wette äfft –

So will ich sing- und gleißen

und Narr vor allen heißen,

eh mir der Herr die Zunge refft.

[…)

(Variation auf “Abendlied von Matthias Claudius, natürlich vom ollen Rühmkorf selbst)

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Musik! Eine Perle. Man beachte die sehr angebrachte Träne auf 3:12.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfenheute natürlich für Sohn II. Vielen Dank!

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Büroballast

Heute nur die Kurzversion, der Alltag ist zu turbulent, keine Zeit, keine Zeit, geschwind zu Pferde! Ich möchte aber doch eine berufliche Sache erwähnen, was auffällig ist, da ich ja nie berufliche Sachen erwähne, das ist eben etwas schwierig, wenn man in einer Finanzabteilung arbeitet. Aber eines dann doch, wie gesagt nur auf die Schnelle, ein Bekenntnis am Rande sozusagen, es hat auch fast gar nichts mit Zahlen zu tun.

Ich arbeite selbstverständlich viel mit Excel, und in dieser schönen Software gibt es eine Funktion, die ich oft verwende, sie heißt “Blatt schützen”. Damit sperrt man Excel-Arbeitsblätter, so dass andere sie zwar noch sehen, aber nicht mehr an den Zahlen herumspielen können, das ist eine feine Einrichtung, wenn ich das mal kurz loben darf, keine bezahlte Werbung, versteht sich. Ich mache also irgendwas, ich gehe anschließend auf “Blatt schützen” und, Achtung, jetzt wird es seltsam, dann meldet sich mein innerer Husar – man hat aber auch Typen in sich! – und brüllt im kernigen Paradenton: “Gott schütze das Blatt!” Jedes verdammte Mal spult mein Hirn diesen Satz ab, je-des Mal es ist tatsächlich auf Dauer ein wenig belastend und trägt nicht gerade dazu bei, dass ich mich für geistig gesund halte. Gott schütze das Blatt! Und dann Marschmusik. Schlimm.

Falls Sie auch mit Excel arbeiten und dabei gelegentlich ein Blatt schützen müssen – vergessen Sie diesen Text. Schnell.

Es ist aber überhaupt so eine Sache mit den Automatismen im Hirn, ich klicke auch jeden Tag in einem anderen Programm auf einen Link mit der Bezeichnung “Yesterday”, wonach unweigerlich Paul McCartney singt, wenn ich Pech habe sogar den gesamten Song. Nichts gegen den Song, aber irgendwann reicht es eben. Was aber auch wiederum noch harmlos ist gegen die wirklich üble Phase, Gott sei Dank ist sie vorbei, in der mir jeden Tag unweigerlich das Wort Mexico auf dem Bildschirm begegnete, und dann Les Humphries volle Pulle und in aller Fröhlichkeit lostobten, die Älteren erinnern sich, ich zitiere hier zur Orientierung nur mal eben den Refrain:

Mexico, Mexico, Mexico, Mexico, Mexico

Yeah, yeah

Mexico yea yeah

Yeah, yeah

Mexico yea yeah

Yeah, yeah

Mexico yea yeah

Oh oh

Mexico yea yeah

Oh oh oh

Mexico

Oh oh oh

M-E-X-I-C-O

Mexico, Mexico, Mexico, Mexico, Mexico

Ich nehme an, Sie verstehen das Problem.

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Zwischendurch ein besonderer und herzlicher Dank an die Leserin I.R. für besondere Treue in Sachen Trinkgeld, das muss auch mal gesagt werden. 

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Ich habe Väter und Söhne von Turgenew beendet und zwar, grandioser Zufall, am Geburtstag des Autors, Timing kann ich. Ich könnte jetzt anpeilen, die als nächstes zu lesende Sturmhöhe am Todestag der Autorin zu beenden, das ist nämlich der 15. Dezember, doch, das wäre absolut machbar. Aber man will ja nicht zu exzentrisch werden.

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Musik! Gucken Sie mal, ein unfertiger Song. Faszinierend.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Mit Hut und Hendrix

Max Scharnigg über seinen Schrebergarten, der Text enthält das wunderbare Wort “Brauchtumsbeklemmung” und auch sonst viel Schönes.

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Am Morgen hat der Nebel die Kirche vor dem Wohnzimmerfenster entturmt, das Gemäuer verliert sich nach oben hin vage im Dunst. Auch der Hauptbahnhof wirkt unvollständig und die Hochhäuser in Richtung Hammerbrook haben seltsam viel Weichzeichner abbekommen, der ihnen in romantischer Hinsicht keineswegs zusteht. Aber das immerhin kann als Herbst durchgehen, das ist soweit in Ordnung und ein akzeptables Bild der Jahreszeit, die gefühlte Morgenkühle geht meinetwegen auch noch klar und okay, das güldene Laub im ersten Licht des Morgens, schon ganz schön, aber der Rest des Tages! Ich muss doch sehr bitten! Es ist zu entschieden zu warm und immer noch zu trocken, ich kann so nicht in Frieden einherbsten.

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Als ich im Sommer – Achtung, Rückblende! – in Sankt Peter-Ording war, wollte die Familie wieder an den Strand. Ich gehe nicht gerne dort an den Strand, da gibt es keinen Schatten, das macht mich regelmäßig fertig, denn ich kann pralle Sonne nicht mehr so gut ab, jedenfalls nicht stundenlang. Wir gaben dort also das bei uns schon traditionelle Bild ab, drei Menschen mit entspanntem Strandspaß und einer schmollend daneben stehend, selbstverständlich vollständig bekleidet, will ich einen Sonnenbrand haben oder sandig werden oder was. Und ich war nicht nur vollständig bekleidet, ich habe mir außerdem ein Badehandtuch übergehängt und mir noch den Sonnenhut den Herzdame ausgeliehen, so einen großen Strohhut mit einem niedlichen Blumenkränzchen oben herum, da war mir aber völlig egal, wie der aussah, dieser Hut war immerhin mein einziger Schatten. Die Herzdame weigerte sich, mich auch nur kurz anzusehen, aber mit so etwas kann ich umgehen, wir sind ja schon ein paar Jahre verheiratet, das läuft bei uns alles ganz routiniert. Und nachdem ich diesen Strandaufenthalt schon jahrelang mitspiele, frage ich auch immerhin nicht mehr alle fünf Minuten, ob wir jetzt endlich gehen können, nein, ich stehe da einfach nur herum, halte knurrend aus und produziere schwarze Gedanken. Kann man sich das etwa vorstellen, wie ich da stehe? Dann kommt jemand auf mich zu und fragt freundlich: “Sind Sie nicht der Buddenbohm?”

Und da fragte ich mich ja schon, woran ich genau erkannt wurde, an der schlechten Laune? Am grotesk albernen Hut? An unpassender Kleidung? An den heiteren Söhnen und der vergnügten Frau neben mir? Wie auch immer, durch diesen dann sehr netten Kontakt kam es zu einer Kolumne von mir in einer österreichischen Frauenzeitschrift, da haben wir wieder das Schicksal und die seltsamen Wege. Vielleicht sollte ich für weitere Aufträge einfach öfter in seltsamer Aufmachung irgendwo nicht hinpassen. Ist es am Ende das, was ich wirklich gut kann und daher tun sollte? Man hat ja manchmal Spezialbegabungen und merkt es gar nicht, doch, das soll vorkommen.

Wenn Sie jedenfalls aus Österreich zugeschaltet sind, das wollte ich eigentlich nur sagen, in der November-Print-Ausgabe der “Welt der Frauen” finden Sie etwas Buddenbohm.

 

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Auf den Schulhöfen geht es bei Kindern und Jugendlichen um die Artikel-13-Panik (hier der Inhalt dazu), ich kriege das natürlich nur am Rande mit. Darüber kann und muss man mit Kindern lange reden und viel erklären, das ist immerhin ein wunderbarer Aufhänger für die endlos schwierige Frage, wie man sich halbwegs vernünftig informieren kann. Dann wissen sie mit etwas Glück immerhin mehr als andere Kinder und stehen danach umso ratloser vor der Welle an aufgeregten Meldungen und Statements zum Thema, denen übrigens kein konstruktives Element anzumerken ist. Also keine Spur von “Dann machen wir eben was anderes”, oder “Dann machen wir eben etwas dagegen” – hätten wir das nach etlichen Jahren Internet nicht vielleicht von der Jugend erwartet? Hat nicht geklappt, try again.

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Musik! Jimi Hendrix an einer stromlosen Gitarre, was man so auf Youtube findet. Solange es Youtube noch gibt, wie die Kinder auf den Schulhöfen jetzt sagen würden. Es gibt ein Foto von Jimi Hendrix, wie er vor dem Hamburger Hauptbahnhof auf einen Bus wartet, und das tut er auf diesem Foto genau da, wo ich heute am frühen Morgen stand und auf den Bahnhof im Nebel sah. Hier, wenn man da etwas runterscrollt, dann sieht man das Bild. Das kann ich immer denken, wenn ich da herumlungere, genau hier hat der Hendrix auch gelungert, so wie ich hat er da gestanden. Aber was soll’s, der Gedanke hilft einem auf Dauer auch nicht wirklich weiter.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Lernen und lesen

Pflanzen können auch Networking, geben darüber aber keine Workshops. Seid wie Pflanzen!

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Eine interessante Häufung der Vorfälle, gleich dreimal habe ich in der letzten Woche gehört, dass jemand mit der Technik des Fernsehens nicht mehr klar kam, also zwar ein Gerät hat, aber keine rechte Ahnung, wie man damit denn jetzt zu Programmen kommt. Drei völlig verschiedene Menschen, weit auseinanderliegende Altersgruppen. Ich hätte davon auch keine Ahnung, aber ich habe auch keinen Bedarf. Immerhin ist es ein bemerkenswertes Zeichen des Untergangs, diese Ratlosigkeit, da geht gerade etwas über den Jordan. Und machen wir uns nichts vor, wir, die wir noch den Spaß mit der herumgewedelten Zimmerantenne kennen, wir werden für unsere Kinder und Enkel damit zweifellos absurd altertümliche Technik aus dem Museum bedient haben. In einem Land vor ihrer Zeit.

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Ich habe mit Sohn I wieder Mathe gelernt, dann haben wir viel Deutsch und auch noch etwas Englisch gemacht, das dann auch mit Sohn II. Nächste Woche stehen Religion und Bio an, wenn das so weitergeht, mache ich all meine Faulheit und mein enormes Desinteresse zu Schulzeiten auf diese Art wieder wett. Ein perfider Schachzug vom Schicksal, aber es funktioniert. Hätte mir das jemand damals gesagt, dass mich alle Schulthemen in dreißig Jahren in gleich doppelter Intensität wieder einholen werden, ich hätte es sicher für die Horrornachricht schlechthin gehalten. Aber jetzt gerade – ich habe Spaß.

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Das Wiederleseprojekt stockt etwas zur Zeit, was aber kein Problem, sondern ganz im Sinne des Erfinders ist. Denn die wiedergelesenen Bücher sollten ja, wenn es richtig läuft, die besten Bücher aus meiner Sicht sein, wozu ich denn auch Turgenews Väter und Söhne sofort zählen möchte. Und von Büchern dieser Art reichen mir abends ein paar Seiten, dann habe ich schon genug gelesen, um den Rest des Abends darauf herumzudenken (und dabei schnell einzuschlafen, man darf sich das lieber nicht zu geistreich vorstellen). Vollkornlektüre eben.

Nachdem es mir lang Zeit eher egal war, stelle ich jetzt fest, dass mir gut gemachte Bücher, also Buchkunstwerke, doch wieder ziemlich viel Spaß machen. Ein dickes, schön illustriertes Buch in stabilem Einband – dagegen kommt ein E-Book einfach nicht an. Jedenfalls nicht im Herbst, wenn alles irgendwie Gemütlichkeit und Trost und Wärme ausstrahlen soll, was die Schrift auf dem Bildschirm nun einmal nicht kann, die ist immer gleich kalt. Vielleicht sehe ich das im nächsten Frühling schon wieder anders, das mag sein. Auch Kulturgüter wollen eben saisonal passend genossen werden.

Unter dem Turgenew liegt die “Sturmhöhe” von Emily Brontë, das Buch muss dann unbedingt auch noch im Herbst geschafft werden. Herbst mit H wie Heathcliff.

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Übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte. Und zwar pronto.

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Die zweihändige 60

Beim Nachlesen der babylonischen Vorliebe für die 60 stieß ich auch auf das Abzählen an den Fingern bis 60, und ist es denn zu glauben, das kannte ich auch nicht. Nicht alle Völker zählen nämlich stumpf ganze Finger, einige zählen etwas feinsinniger Fingerglieder. Wenn das etwa der Daumen der rechten Hand macht – der auf der linken Seite würde allerdings auch gehen -, dann könnte der auf diese Art bis 12 zählen, denn vier Finger sind neben ihm, jeder mit drei Gliedern, alle einmal antippen, zack, zwölf. Wenn jetzt an der anderen Hand ein Finger gestreckt wird, um sich zu merken, dass bis 12 gezählt wurde, und bei der nächsten 12 ebenso, bis alle fünf Finger gestreckt sind, dann hat man 5 x 12 = 60. Das hat mir in Mathe auch wieder keiner erzählt.

Und jetzt nehmen wir das Handy, werfen die Stoppuhr an und zählen auf die eben beschriebene Weise eine Minute lang gelassen die Sekunden mit, schon haben wir den Lerninhalt verfestigt und körperlich erfahren, das vergisst jetzt keiner mehr.

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Ich habe Sohn I zu einem Kindergeburtstag gebracht, auch diesen Weg macht er dann beim nächsten Mal alleine. Im Grunde ist das ein Loslassen und Flüggewerden in ÖPNV-Stationen, alle paar Wochen wird ein neuer Punkt auf dem Stadtplan erobert und ist damit ein für allemal abgehakt. “Eines Tages”, sage ich zu ihm vor dem U-Bahnplan und zeige vage auf den Gesamtbereich, “eines Tages wird das alles Dir gehören.” Das stimmt zwar nicht exakt, aber ab und zu drängt es mich doch, diesen Satz zu sagen.

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Für den Wirtschaftsteil bei der GLS Bank führe ich eine lange Liste von möglichen Artikeln, viel mehr, als da jemals erscheinen können, denn ich gehe jeden Morgen für dieses Format auf längeren Beutezug, da kommt mit der Zeit etwas zusammen. Nicht alle Texte lese ich sofort, das wäre auch gar nicht zu schaffen, manche lese ich nur kurz an oder quer. Dann wird es irgendwann Zeit, sie ganz zu lesen, zu beurteilen und korrekt zu verschlagworten, denn ohne Schlagworte würde ich nie zu thematischen Päckchen kommen, irgendein System braucht man dabei. Ich verwende gerade Pocket und Tags, nachdem ich irgendwann Evernote wegen technischer Fehler wieder verworfen habe. Das ist eine sehr besinnliche Arbeit für lange Winterabende und graue Herbstsonntage. Musik hören und dabei lesen, sortieren, taggen, verwerfen, bewahren. Was bei anderen das Stricken, das ist bei mir das Verschlagworten. Ab und zu sehe ich die Schlagwortliste durch, alles was vier und mehr Treffer aufweist, könnte theoretisch noch genauer gesichtet und verarbeitet werden. Zum Schlagwort Faulheit etwa habe ich zwei Artikel, wenn das jemals vier werden sollten, es wird der entspannteste Wirtschaftsteil ever,

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Musik!

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Bedarf überall

Die nachgereichte Auflösung zur vorgestrigen Überschrift, das war, Sie haben es natürlich sofort gemerkt, im Zusammenhang mit den weiter unten im Text erwähnten albernen Reimen natürlich eine Anspielung auf die goldenen Zeilen von Robert Gernhardt:

Die Basis sprach zum Überbau:

“Du bist ja heut schon wieder blau!”

Da sprach der Überbau zur Basis:

“Was is?”

Haben wir das auch geklärt. Diese Zeilen übrigens hat mir damals im Gymnasium ein Mitschüler während einer sterbenslangweiligen Stunde ohne Erwähnungs des Autors ins Matheheft geschrieben. Das ist mir noch gut erinnerlich, weil ich diese Zeilen spontan sehr mochte und mir also gleich lebenslang gemerkt habe. Den Namen des Mitschülers weiß ich auch noch, das liegt aber daran, dass er heute ein Kollege von mir ist. Ob er das Gedicht wohl ebenfalls noch kennt und parat hat? Im nächsten Meeting mal wieder anbringen, den Kracher!

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Drüben bei der GLS Bank habe ich etwas zum Thema “Wege, Städte, Dörfer” zusammengetragen, das klingt fast wie ein Thema für einen Besinnungsaufsatz.

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Das Folgende verstehen vermutlich nur die, die seit damals dabei sind – Abschied von Robert Basic.

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Am Donnerstag habe ich das Büro mittags verlassen, um außerplanmäßig an einer Schule mit Lehrerinnen zu diskutieren, so etwas kann vorkommen und es war sogar ungemein sinnvoll. Als ich zurück ins Büro wollte, ging am Hauptbahnhof gerade nichts mehr. Unfassbar viele komplett ratlos guckende Menschen, sich überlagernde Lautsprecherdurchsagen, keine Züge. Doch, immerhin ein Zug. In den quetschte ich mich noch rein, es passierte dann allerdings ziemlich lange nichts weiter. Der S-Bahn-Fahrer sagte nach einiger Zeit über Lautsprecher: “Wir fahren weiter, sobald wir ein Signal kriegen. Also ich. Aber ich bin ja die unwichtigste Figur im Zug hier.” Wir hätten ihn daraufhin alle gerne kurz mal tröstend gedrückt, aber die Tür zu ihm war zu.

Neben mir stand ein Pärchen, beide etwa sechzig Jahre alt, die hielten Händchen und drückten sich und sie hatte Tränen in den Augen und beide guckten sich immer wieder so an, so mitfühlend und unendlich traurig, das sah schwer nach schlechter Nachricht oder etwas in der Art aus, auch da hätte man gerne getröstet, Bedarf überall. Aber man umarmt ja nicht einfach fremde Leute, zumindest nicht in einer Hamburger S-Bahn, schon gar nicht in einer Hamburger S-Bahn. “Crying in my whisky” von Turner Cody shuffelte mir Spotify da gerade in meine Kopfhörer, manchmal passt es ja. Die S-Bahn fuhr los, an ebenfalls vollkommen trostlosen Hochhäusern vorbei und da weiß man manchmal auch nicht, warum man überhaupt noch halbwegs gut gelaunt ist. Aber es gibt schlimmere Fragen, schon klar.

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Apropos Musik aus Kopfhörern, ich stelle wieder fest, dass ich über Spotify nicht genug Musik finde, die ich nicht eh schon kenne, das kriegen die Algorithmen da irgendwie nicht vernünftig hin. Deswegen höre ich jetzt erst einmal eine Weile byte.fm über die App, vielleicht komme ich da auf mehr, wenn Menschen mir etwas vorsortieren. Wie früher!

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Im Matheunterricht auf dem Gymnasium werden heutzutage Apps eingesetzt, damit kann man vom Lehrpersonal eingestellte Matheaufgaben in excelartiger Umgebung lösen und sich geradezu wunderbar auf Mathearbeiten vorbereiten. Also zumindest sehen das Kinder so, die erst einmal alles gut finden, was als App daherkommt. That was easy! Der Lernerfolg in dem Fach nimmt damit eine außerordentlich verblüffende Wendung und ich lerne dabei natürlich mit, weswegen ich jetzt auch wieder weiß, was ein überstumpfer Winkel ist. Toll! Das Wort überstumpf kam in meinem Leben jahrzehntelang nicht vor, obwohl es doch auch auf einige Menschen zutrifft. Dabei kam außerdem die Frage auf, warum wir bei Kreisen ausgerechnet (!) von 360 Grad sprechen, das wusste ich nicht mehr, aber das kann man ja fix nachlesen. Und zwar liegt das an den Babyloniern, die ihr obskures Rechenwesen damals in verschrobener Extravaganz auf die 60 abgestellt haben, weswegen wir uns bis heute bei der Zeit und den Kreisen immer noch mit den Folgen herumschlagen müssen und ein Kreis nicht elegante hundert Grad hat. Dafür konnten die Babylonier keine Null, dafür hat es dann doch nicht gereicht, sie konnten sozusagen nur Probleme, keine Lösungen, da haben wir es wieder. Wenn die Babylonier jemanden so richtig erbärmlich fanden, mussten sie daher mangels anderer kleiner Zahl “Du bist doch eine völlige Eins” zu ihm sagen, was dann oft mit einem ratlosen “Na und?” beantwortet wurde. Erst ein paar hundert Jahre später konnte man sich mathematisch nachvollziehbar und sicher beleidigen. Die Babylonier aber verstanden sich nicht einmal beim Schmähen, siehe auch babylonische Sprachverwirrung. Es hängt ja alles mit allem zusammen!

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Dieses Video hatte ich schon einmal, ich weiß. Aber es passt einfach so gut zu meiner S-Bahnfahrt und das Lied ist schön.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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