Donnerstag, Dezember, Dämmerung

Es dämmert am späteren Morgen. Dann dämmert es immer weiter, dann wird es Abend und es war also ein Tag zwischendurch, es fiel nur nicht weiter auf. So vergehen Wochen. Es ist um 16 Uhr gefühlt 21 Uhr, vielleicht ist es aber auch einfach durchgehend 21 Uhr, von der Müdigkeit her kommt es hin. Der vorherrschende Gedanke zu dieser Zeit des Jahres: Ja, ist gut jetzt.

Die Luft da draußen sieht schon von drinnen aus, als sei sie schlecht. Und wenn man dann rausgeht, weil man irgendwann eben doch raus muss, weil Knäckebrot oder Margarine oder Pfefferminztee zur Neige gehen, dann ist die Luft nur unangenehm nasskalt, nicht frisch. Es ist November, es ist Dezember, es ist irgendein Monat mit -r am Ende, es ist auch egal. Die Grauzone des Kalenders eben. Mit oder ohne Adventskalender. Die Heimatdroge Marzipan gibt es hier jetzt 24 Tage lang schon zum Frühstück, das immerhin.

Die Herzdame ist krank. Die halben Klassen der Söhne sind krank, die Lehrerinnen sind auch krank. Ich erreiche meine Kolleginnen nicht, vermutlich sind sie krank. Auf dem Wochenmarkt fehlen Stände, vermutlich sind die Betreiberinnen krank. Ich schicke einen Text ab, in dem geht es nicht um Krankheit, sondern um Kälte. Die Abwechslung! Ganz wichtig.

Die Hamburger Bücherhallen schreiben im Newsletter, sie würden jetzt auch Energie sparen, aber für die Besucherinnen neuerdings kuschelige Fleece-Decken bereithalten. Das sind so die Zeitzeichen. Menschen mit Flauschüberwurf vor Regalen, eindeutig ein Bild aus 22.

Ich mache irgendeine Nachrichtenseite auf. Da steht „Japan vor der Aufgabe Spanien“, und ich verstehe den Satz nicht. Das ist am Ende überhaupt kein Satz, das sind einfach nur Wörter. Ich lese die Schlagzeile noch einmal, ich verstehe sie wieder nicht. Was? Dann erst komme ich darauf, es geht da um Fußball. Meine Güte. Mir doch egal.

Ich erledige Monatswechselsachen. Erst in dem einen Beruf, dann in dem anderen Beruf, dann auch noch im Privatleben. Was da immer alles zu tun ist, dabei ist nur ein Segment Grau da draußen ausgedachterweise anders benannt als das vorhergehende. Im Grunde ist gar nichts, denke ich, im Grunde ist gar nichts. Und dafür ist es doch viel.

Ich gehe einkaufen. Ich gehe in zwei Läden, es gibt überall keine Mandeln mehr, auch die Kuvertüre wird knapp, sogar in Vollmilch, dito Puderzucker. Das Volk backt geschlossen. Das wärmt die Küchen und definiert nebenbei auch den neuen Monat enger. Danach besuchen sich alle und bringen sich gegenseitig Kekse in eigens dafür lange aufbewahrten Blechdosen mit und sagen: „Oh toll, Kekse!“ Okay.

Ich höre skandinavischen Jazz mit etwas freier Landschaft zwischen den Noten, ich höre, was zum schwindenden Licht passt. Ich mag auch diese Jahreszeit, nur der Soundtrack muss stimmen.

Ich lese weiter Joseph Roth, „Perlefter“ jetzt, da mache ich wenigstens etwas Sinnvolles. Glaube ich. Der Roman ist Fragment geblieben, wie die guten Absichten in diesem Jahr.

Uhrenvergleich: Es ist 05:35 am Freitagmorgen, es ist 21 Uhr. Ja, ist gut jetzt.

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Eines von den sehr großen Herzen

Ich hatte neulich beobachtet, dass die Innenstadt von Hamburg zwar voll war, die Menschen dort aber auffällig wenig Tüten und Taschen mit sich herumtrugen, ich berichtete auch. Der Einzelhandelsverband hat sich jetzt beschwert, las ich in den Nachrichten, das Geschäft laufe in dieser Saison insgesamt viel zu zögerlich an. Sie hoffen noch auf die weitere Adventszeit, das stand da auch, auf den späten Kaufrausch. Ich war am letzten Sonnabend noch einmal in der Stadt, zu Kontrollzwecken sozusagen, und ich würde da nicht zu sehr hoffen. Sage ich als Orakel aus dem kleinen Bahnhofsviertel gleich hinter den großen Fußgängerzonen, in denen die Menschen sich zwar drängen wie vor jedem Weihnachtsfest, aber doch das Geld lieber nicht ausgeben, von dem sie in diesem Jahr so seltsam wenig haben, oder um das sie Angst haben wie lange nicht.

Was gab es in der Innenstadt noch zu sehen? Eine Touristin aus Asien, die ein großes Lebkuchenherz kaufte, Zucker-Aufschrift: „Ich liebe dich“. Eines von den sehr großen Herzen war das, eines von denen, die sicher nicht so oft verkauft werden. Und sie hat sich dann so dermaßen auffällig gefreut, über das eben erstandene Riesenherz, sie hielt es in den Händen wie eine erlesene Kostbarkeit, sie leuchtete geradezu auf, so glücklich sah sie damit aus – vielleicht war es ein langer Traum oder sogar ein Punkt von ihrer Bucket-List, so etwas endlich zu haben, so ein überdimensioniertes Lebkuchenherz von einem deutschen Weihnachtsmarkt. Dermaßen gefreut hat sie sich, wie ein Kind hüpfend und strahlend, dass der ganz außerordentlich schlecht gelaunte Verkäufer, der es sichtlich für eine Zumutung hielt, mit der Kundin englische Brocken tauschen zu müssen, dann am Ende doch noch lächelte, als er sie so vor seinem Stand sah, wie sie das Herz mit beiden Händen hielt und es anstrahlte. So ein Lächeln wie in einem Kinderfilm war da in seinem Gesicht, wenn der allzeit finster blickende Erzbösewicht am Ende doch noch von irgendwas gerührt wird und es in der Schlussszene endlich so sehr menschelt, dass es fast schon engelt. Geigen dazu, einmal alles mit süß.

Drei Männer noch, die in einem Bollerwagen mehrere Kisten Bier durch die Straßen und die Weihnachtsmarktbesuchermengen zogen, wozu auch immer, vermutlich war es einfach nur Nachschub für einen Stand. Aber ringsum gleich etliche andere Männer, die mit dem Finger auf diese Truppe zeigten und dazu Männerwitze machten, höhö, die haben es gut, höhö, die dürfen aber was, höhö, ich geh da mal mit, Schatz, höhö, na dann Prost, höhö, endlich Freibier. Alles so klischeemäßig, so einfallslos, dumpf, platt und schlicht … manchmal möchte man schreiend aus der Stadt flüchten. Bloß keine Menschen mehr sehen, hören oder im Weg stehen haben. Bloß nichts mehr über Menschen schreiben.

Aber man ist ja auch Mensch, am Ende. Und wie peinlich ist das manchmal.

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Am Mittwochmorgen war ich früher als sonst im Büro in Hammerbrook. Es ist die dunkelste Zeit im Jahr und mir fiel auf, wie viel dunkler als in früheren Jahren es dort ist, also dunkler als vor Corona und allem. Weil etliche Büros nicht oder nur teilweise besetzt sind, weil einige Bäcker eine Stunde später öffnen, weil sich Imbisse nun später für das Mittagsgeschäft rüsten usw. Der frühe Wintermorgen im Bürostadtteil ist krimitauglich schlecht ausgeleuchtet in diesem Jahr, es fehlt nur noch ein gelblicher Farbfilter und zack, Tatort.

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Ich lese abends noch einmal „Rechts und links“ von Joseph Roth, das ist eines der Bücher, die mir bei meiner Regalumräumaktion in die Hände fielen, und es ist eines der Werke, die ich sicher nicht weggeben werde. Es ist keiner seiner großen Romane, er ist nicht so bekannt wie manche andere von ihm, aber wenn Sie sich etwas für die moralische Elastizität interessieren, mit der Menschen in radikalen und auch etwas gemäßigteren Bereichen politisch zu changieren belieben, es gibt da auch aktuelle Beispiele der bekannteren Art, etwa in Talkshows, dann ist dieses Buch ganz unbedingt etwas für Sie. Hochinteressant ist das dann.

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Der von mir in diesem Jahr meistgespielte Song auf Spotify kommt mir nicht sehr bekannt vor. Das wäre an sich schon eine nette und treffende ADHS-Anekdote, es könnte hier einfach aufhören, aber es wird noch besser: Der Song heißt tatsächlich „It never entered my mind.“ Wie isses nun bloß möglich!

„Er war oft abgelenkt und nicht bei der Sache“, es stand so schon in meinen Schulzeugnissen.


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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 29.11.2022

Bei Anke ein schöner und ansprechender Auszug aus einem Buch von Sayaka Murata.

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Dieser Sachverhalt hier wird schlimmer, wenn man bloggt, weil man doch nie recht weiß: Hat mein Gegenüber das vielleicht schon gelesen oder nicht? Liest sie/er mich überhaupt? Man muss mich nicht lesen, versteht sich, auch nahestehende Menschen wie etwa die Herzdame lesen mich manchmal monatelang nicht, aber ich kann es mir eben auch schlecht merken, wer mich liest. Außerdem lesen einige nur sporadisch, so ab und zu mal, was ich auch verstehen kann, denn ich schreibe ja dauernd, es ist wirklich schlimm. Aber wer weiß nun was?

Ich erzähle daher am besten einfach gar nichts mehr. Ich blogge nur noch. Besser ist das. Morgens kurz ein Stimmungsbild schreiben, einen Abriss der Lage, danach den ganzen Tag im Bedarfsfall nur noch auf die Seite verweisen und ansonsten abwinken. Ja, vielleicht so.

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Apropos Blogs an sich, die Kaltmamsell schreibt sich mit Spam-Schleudern hin und her, das ist auch interessant. Die dort beschriebenen Anfragen nehmen seit einigen Wochen auch bei mir wieder deutlich zu, nachdem sie monatelang fast weg waren. Wie auch immer sich dieser Mechanismus erklärt, ich habe wirklich keine Ahnung. Und kann das tatsächlich ein lohnendes Geschäftsmodell sein? Man staunt.

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Hier noch dramatische Inflationsmeldungen, saisonal geprägt.

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Ich weiß nicht mehr, ob ich schon den Newsletter der Journalistin Ann-Kathrin Büüsker, ja, mit Doppel-Ü, über Politik und Klimaschutz empfohlen habe. Hier. Gerade die neue Ausgabe kann man wieder mit Gewinn lesen. Aber die davor auch.

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Alles war wunderbar

Neues Buch: „Ich will nicht mehr höflich sein“, das Tagebuch aus der Wendezeit von Sarah Kirsch. Da gleich mal gründlich hineinvertieft. Ich bin ein großer Fan der Kirsch-Tagebücher und ihrer Kunst, sich ausdrücklich über etwas zu freuen, über Dinge, Gegenden, Menschen, Häuser, über das Alleinsein, über ihren Sohn, über die Musik oder die Natur. Das Buch besteht natürlich nicht nur aus Freude, es wird auch vieles nicht gemocht, versteht sich. Ich teile etwa ihre Aversion gegen Veranstaltungen und Betriebsamkeiten aller Art, zu denen sie keine rechte Lust hat, sie mag sich zu solchen Anlässen nicht mehr überwinden, sie möchte lieber nicht, da haben wir es wieder. Ich verstehe ihre Erleichterung, wenn dergleichen vorbei ist, zutiefst verstehe ich das. Oder die Freude darüber, bei etwas gar nicht erst mitgemacht zu haben. Hier eine bezeichnende Stelle, vom 21. Januar 1990:

„Aber ist es nicht wunderbar, daß wir gestern nicht nach Hamburg zu der Fete von Monika Maron fuhren? Daß ich nichts von mir weggab? Daß ich mich so behalten habe? Ganz für mich lieber bin? O ich bin so glücklich, daß ich ganz geblieben bin. Kein Stäubchen von meiner Schmetterlingsflügelhaut wurde abgestreift. Mit niemandem musste ich reden. Und besonders nicht über die SED und das Ländchen. Ich bin komplett, es muß nicht erst wieder was nachwaxen in aller Stille. Diesz begeistert mich sehr.

 17 Uhr hätten wir wegfahren müssen. Da habe ich in meinem Zimmer Radio gehört, bin im Haus herumgegangen. Ich stak nicht im Elbtunnel fest, ich sah eine Schute auf der Eider fahren im schwarzen Wasser die gespiegelte noch. Ich saß in keinem fremden Wohnzimmer mit bekannten und fremden Leuten, ich mußte Uwe Kolbe nicht sehen, nicht mit ihm sprechen, ich mußte überhaupt nix. […] Ich musste keinen Wein der Verzweiflung trinken und auf die Menschheit grob fluchen.

Ich war in diesem Haus, ich sprach mit Hund Katzen Esel und die Nacht brach herein der Mond ging späterhin auf, ein Spänchen vom Mond und noch später ein paar Sterne. Ich ging zu meinem Kind ins spitze Zimmer, wo es mit seinem Kater nun war […] und dann ging ich einfach in mein Bett und dachte wieder, wie gut, daß ich nicht auf der Party bin, selbst bei vernünftigen Leuten macht mir dergleichen gar keinen Spaß. Ich las im Bett, strickte ein bißchen, ich sah auch noch fern, ach, wenn nix los ist, geht es mir gut. Was für ein schöner Abend! Der Wind ging ums Haus. Die Katze sprang aus dem Fenster. Ich telefonierte mit meiner Mutter. Alles war wunderbar. In Hamburg bei der Party hätte ich schon die ersten Leute bechimpft, die aussem Osten, ungewollt freilich, und das macht auch keine Freude. O dieses wunderbare mich umgebende beschützende Flachland mit diesem alten verständlichen Haus, die Rabenflügel darüber am Morgen am Abend, dem ungebrochenen Wind, den stillen Maulwurfshügeln.“

Politisch ist das Buch auch interessant, keine Frage, sicher doch, aber für mich ist das eher Nebensache. Mir geht es um ihr listig vom Leben ergaunertes Wohlbefinden. „Ich bin sehr glücklich, wenn nix Besondres geschieht. Immer.“ Tagebuch, 31.10.1989. Eine Lehrmeisterin.

Schönes Nachwort vom Sohn auch, Moritz Kirsch, den sie in den Kladden meist Moses nannte.

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Und sonst so

Gesehen: Diesen Mitschnitt des Konzerts von The Doors auf der Isle of Wight, 1970, auf arte. Der letzte Konzertmitschnitt der Doors. Hypnotisch. Was für eine unfassbar gute Band das war, eine Stunde, die sich lohnt.

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Ich sortiere Bücher aus. Der Platz ist begrenzt und der öffentliche Bücherschrank hier im kleinen Bahnhofsviertel hat einen schnellen Umschlag, da also auch einmal etwas einstellen. Bücher, die ich teils schon mehrfach gelesen habe, die ich aber sicher nicht noch einmal lesen werde, oder falls doch, dann viel später und in besseren Ausgaben, gebunden bitte, mit Lesebändchen und allem, nobel geht die Welt zugrunde. Alles nach und nach wegtragen, das ergibt auch gute Gründe für abendliche Spaziergänge durchs Revier, man trickst so herum. Ich sehe in die Bücher noch einmal kurz hinein, bevor ich sie wegbringe, ich lese mich einen Moment fest. Kurzgeschichten von Simenon, wie unfassbar viel in seinen Texten gesoffen wurde. Ein Nachmittag im Büro, Maigret lässt sich drei Flaschen Bier bringen, um einen Bericht zu schreiben, danach zu Hause noch der Wein. Es ist doch bemerkenswert, wie die Welt sich verändert hat, auch in diesem Punkt. Ich habe eine andere Alkohol-Normalität im Berufsumfeld noch ein paar Jahre lang erlebt und es ist kulturgeschichtlich interessant, was da passiert ist. Freitagmittag, es fällt mir gerade ein, weil heute auch Freitag ist, ab der Mittagszeit das Knallen der Korken aus den Büros, und dazu die fast allgemeine, tief empfundene Freude, endlich wieder den Pegel deutlich zu erhöhen. Seltsam, seltsam, aus heutiger Sicht. Aber gut, es ist über dreißig Jahre her. Wir haben uns verändert, wir haben alles verändert.

Das nächste Buch, Somerset Maugham, die Geheimdienstgeschichten um den Spion Ashenden. Jedes Gespräch beginnt mit Drinks und einer, der gerade „die Abstinenzlertour fährt“, wird entschieden davon abgebracht, natürlich mit Brandy. Und dann ist er gottseidank wieder normal und die Handlung geht routinemäßig weiter.

Ich lese außerdem abends weiter in Maeve Brennan, Mr. und Mrs. Derdon, ich bin mittlerweile etwa bei der Hälfte und sicher, dass es ein feines Buch ist. Eine fast furchterregend treffende Schilderung von dem, was zwischen zwei Menschen nicht stimmen kann. Grausig gut.

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Ich habe mich auf der neuen und erst noch fertig werdenden Plattform „Post“ registriert und dort aus Neugier einen Account angelegt. Alles mal ansehen. Aber es ist wohl so, Social Media definiert sich im Moment hauptsächlich wie folgt: „Wir diskutieren in welchem technischen Format auch immer über Twitter.“

Es ist auf Dauer etwas langweilig, ist es nicht? Vielleicht für die Chronik noch eben festgehalten – Twitter ist mittlerweile für mich nahezu komplett uninteressant geworden, es gibt dort keine Interaktion mehr oder nur im geringen Bereich, noch deutlich unterhalb von FB. Und ja, es gibt auf Twitter immer noch enorm viele aus der Journalismus-Bubble, aber ich glaube, ich lasse den hyperaktualisierten News-Junkie gerade hinter mir, was als bewusste und rational untermauerte Entscheidung vielleicht ganz toll wäre, in Wahrheit aber ist es nur Lust und Laune. Jahre später werde ich es in Rückblicken dennoch als tiefere Weisheit verkaufen, versteht sich.

Mastodon ist weiterhin im Ton freundlich, einigen sogar zu freundlich, auf diese Liegeradfahrer-nerdige Art manchmal, aber das ist ein Problem, mit dem man umgehen kann, finde ich. Was für mich wichtiger ist, es wird dort reagiert, fast wie in den alten Zeiten sogar, als wir den ganzen Social-Media-Krempel für uns neu entdeckt und uns scherzend warmgespielt haben. Das wird sicher nicht von Dauer sein, ich schrieb es bereits, aber es ist doch nett und nostalgisch und ich bin alt genug, um da milde lächelnd mitzumachen. Ab und zu murmele ich sogar etwas wie „Wenn XY das noch erlebt hätte!“, und dann nenne ich Namen, die keiner mehr kennt.

Die Söhne gehen am Sofa vorbei und nicken dabei beruhigend. Ich rechne kurz nach und merke, ich gehe langsam auf die 60 zu, es ist alles in Ordnung so.

Jemand machte neulich irgendwo den Witz, dass man uns später im Seniorenheim stundenlang mit Fake-Twitter beschäftigen und damit ruhigstellen wird, so wie man heute alte Menschen immer noch vor Röhrenradios einsammeln kann. Ich bin mir nicht sicher, wie viele verstanden haben, dass das ein ziemlich realistischer Witz war.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 23.11.2022

Anke über Twitter (es lässt uns so leicht nicht los): „Noch sage ich nicht Auf Wiedersehen, aber innerlich wimmere ich schon ein bisschen.“

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Ein letztes Telefonzellengespräch.

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Vielleicht kennen Sie das schon, aber im Blog der Kulturbuchhandlung Jastram kann man jeden Morgen nachlesen, welche Autorinnen oder Autoren gerade Geburtstag haben. Das ist nützlich, denn dann kann man immer denken: „Ach guck, von der oder dem habe ich auch noch gar nichts gelesen“, und also in Bildungsfragen immer bescheiden bleiben.

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Kein Blog, aber eine sehr entspannende Sache, jemand (wer war es noch) postete auf Mastodon den Link zu diesem wunderbaren Lifestream aus der Namib auf Youtube, es sind Bilder von einem erfreulich belebten Wasserloch in der Wüste. Die Anbahnung von Oryxsex sah ich dort, das ist doch mal etwas anderes als nur immer die Kohlmeisen vor dem Wohnzimmerfenster. Aus Oryxsicht allerdings muss es mehr als seltsam sein, man denkt, man sei in der Wüste, fern von allem, ringsum kilometerweit nur Leere, dabei ist man auf tausend Bildschirmen – irgendwie auch nicht richtig. Es gab da diesen Moment, in dem eine Oryxantilope direkt, ernst und lange in die Kamera sah … etwas seltsam ist es schon.

Rechts neben dem Stream ein Live-Chat. Wenn etwa ein Zebra ins Bild tritt, dann schreibt jemand zuverlässig: „Zebra“, und jemand anderes ergänzt vielleicht: „Nice“ – da hat man doch einmal eine Ecke ohne Hass im Internet gefunden. Jemand schreibt: „I just enjoy whoever appears“, und das ist eine Haltung, mit der ich eher nicht durch die Stadt gehe. Alles hinterfragen, alles abwägen, Rückbezüge überall finden. Ich stelle mir vor: Es gibt eine Webcam in unserer Küche, von der ich nichts weiß. Ich hole mir ein Glas Wasser, jemand schreibt „Buddenbohm“ in den Livestreamchat, jemand ergänzt: „Nice.“

Wie auch immer. Es ist jedenfalls beruhigend. Wenn man den Tab offenlässt und den Sound weiterhin an, wenn man dann irgendwas anderes macht, hat man eine Art weißes oder braunes Rauschen durch den Wind der afrikanischen Wüste, ab und zu auch fremdes Vogelgezwitscher, ab und zu Schritte von großen Tieren, so etwas mögen ja manche als Hintergrund, auf den Streamingdiensten gibt es ganze Playlists damit. Ein Live-Stream aus der Kalahari ist auf Youtube ebenfalls verfügbar (mit Giraffen!), aber die Kameraperspektive aus der Namib ist beeindruckender, hat dieses Bühnenhafte.

Apropos Entspannung, Charming Liisa postete auf Mastodon den Link zu dieser Literature Clock, die ist auch nice.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für die überaus freundliche Zusendung einer umschnallbaren Wärmflasche in attraktivem Flausch, die hier sehr begehrt ist, sowie für eine endlich dichthaltende Getränkeflasche für unterwegs und auch für ein vielversprechend klingendes Buch von James Suzman: „Sie nannten es Arbeit“, Deutsch von Karl-Heinz Siber. Das Thema interessiert mich sehr: „James Suzman legt eine andere Geschichte der Menschheit vor, die zeigt, wie die Arbeit von uns Besitz ergreifen und unser Leben dominieren konnte.

Ganz herzlichen Dank für alles, wie immer natürlich auch für die Beträge, die uns in den letzten Wochen via Paypal oder Überweisung erreicht haben! Es war z.B. ein Kaffee-Betreff dabei, das Geld werde ich in Kürze in einer Rösterei in Hammerbrook edel umsetzen und mich gepflegter koffeinieren.

Vorderseite

Ich bin wieder einmal viel zu spät mit dieser Karte, weil ich immer auf ein tolles Bild warte, dabei wollte ich damit doch aufhören und viel eher nehmen, was da ist. Deswegen jetzt also kurzentschlossen ein Bild von heute, auch wenn es nicht gerade bezaubernd ist und von jedem Postkartenidyll einigermaßen weit entfernt. Beim Bäcker – ich erlebe ja sonst nichts – liegt seltsames Gebäck in der Auslage, es ist auf den ersten Blick auffällig hässlich. Donuts mit irgendwas sind das, so viel immerhin erkenne ich gleich, aber was mag das denn bloß sein, so etwas gibt es dort doch sonst nicht, ist es vielleicht wieder etwas mit Weihnachten? Aber was? Ich verstehe es tatsächlich erst nach genauem Hinsehen: Es sind Donuts mit schwarzrotgelben Streuseln. Es ist ein WM-Bezug, und es sieht wirklich nicht gelungen aus, schon gar nicht appetitlich, es sieht viel eher aus, als sei mit diesen Donuts beim Backprozess irgendwas passiert, das so nicht vorgesehen und auch nicht gut war. Die Streusel klumpen seltsam hässlich zusammen, unschöner Farbbrei im Kreis, nach den Landesfarben sieht es nur aus, wenn man das auch so wahrnehmen möchte. Ich denke, wir haben hier ein Gebäck, das mit der Veranstaltung in der Tat harmoniert, und das Blech mit diesen merkwürdig unschönen Donuts soll also für heute die Karte sein. Sie passt ins Zeitgeschehen, das immerhin. Das Blech ist noch voll, niemand kauft das Zeug.

Ansonsten ist, wenn ich schon dabei bin, im Stadtbild nicht viel zu sehen von der WM. Nicht in den Schaufenstern oder in den Regalen, nicht in überkandidelten Straßendekorationen und auch nicht an Autos, schon gar nicht an Menschen. Es ist aber auch definitiv zu kalt da draußen für das Vorzeigen von stolz getragenen Trikots, obwohl vielleicht manche heimlich eines drunter tragen, das mag sein, man sieht den Leuten ihre abseitigen Neigungen nicht an. Vor den Kneipen hier hängen jedenfalls keine Spielpläne aus, es ist definitiv etwas gründlich anders als sonst.

Nur die Timelines sind wie immer randvoll mit dem Thema, wieviel Hashtags man auch immer stumm schaltet, es reicht nicht aus. Diesmal erscheinen die Beiträge in ausschließlich negativer Ausprägung und nicht wenige schreiben sehr oft, wie sehr sie das alles ignorieren. Das gelingt so mittel.

Im Radio und im Fernsehen bemerke ich außerdem eine Betonungsverschiebung. Bis vor kurzer Zeit hat noch alle Welt Katar auf der zweiten Silbe betont und diese dabei lang ausgesprochen, so dass das Wort so klang, wie man auch eine Entzündung der Schleimhäute nennt, nun wird es entschlossen vorne betont und sehr kurz ausgesprochen, wie bei der plattdeutschen Katze („Wo is de Katt?“). Ich nehme an, so ist es auch richtiger, und so haben wir also alle, trotz allem, schon wieder etwas gelernt. Na, wenn es das mal wert war.

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Der Wind hat gedreht

Der Wind hat gedreht, eine Fee ist dabei nicht erschienen. Aber ich höre am frühen Montagmorgen immerhin mehrfaches, nach elbnebeligem Wetter klingendes Tuten aus dem Hafen, das ist ein besonders hamburgischer Moment, dabei mag ich die Stadt wieder etwas mehr. Südwest also, es wird in Kürze wieder etwas milder werden. Es sieht draußen allerdings nicht so aus, wie es dumpf wabernd klingt, keine Spur von Nebel ist zu sehen, klar ist die Nacht, der Morgen. Vielleicht hängt er nur unten, am und über dem Wasser, der Dunst. Der Mond ist eine schmale Sichel neben dem Kirchturm, wie präzise ausgeschnitten und in das Schwarz des Himmels geklebt. Daneben ein Funkelstern, der Arktur, so sagt jedenfalls die App, das ist der Hauptstern im Bärenhüter, wie schön klingt das denn. Einige schwächere Sterne ringsum, recht viele sogar für einen Großstadthimmel. Glanzpapierschnipsel auf schwarzem Grund. Saisonale Basteleien, in den Timelines wurden am Wochenende auch schon erste Kekse gebacken, es gab bunte Beweisbilder davon.

Wir haben Weihnachten aus dem Keller geholt, weil wir gerade Zeit dafür hatten und sowieso da unten waren, aber es kam uns noch etwas früh und nicht recht stimmig vor. Wir haben Weihnachten noch nicht ausgepackt. Weihnachten steht jetzt erst einmal in der Abstellkammer.

Der Nachbar übt am Wochenende mit Ausdauer Gesang. Was ich erkennen kann, klingt nach weihnachtlicher Chormusik, aber ganz sicher bin ich mir nicht, mangels entsprechender Kenntnisse. Lange übt er jedenfalls, mehrere Stunden, mit viel Hingabe, stelle ich mir vor. Dann sitzt er wieder am Klavier, auch das lange. Beim Brötchenholen am Sonntagmorgen höre ich im Vorbeigehen, wie sich jemand in der Kirche warmorgelt. Ich gebe jeden Widerstand auf und mache zuhause beim Tippen am Vormittag versuchsweise die Buddenbohm-Weihnachtsplaylist auf Spotify an, auch das zu früh. Der Christmas Waltz von Peggy Lee ist dennoch schön und verhilft mir zu einer spontanen Kolumnenidee, da will ich nicht meckern.

Ich gehe zur Bücherei, die noch neue Sonntagsöffnung muss unbedingt regelmäßig unterstützt werden, denke ich. An der Tür klebt ein Zettel: Am Totensonntag öffnet die Bibliothek nicht. Guck an, denke ich, so fröhlich-vergnügt und ausgelassen kamen mir meine Büchereibesuche am Sonntag nun auch wieder nicht vor, dass man sie am trüben Totensonntag hätte streng untersagen müssen, um dem Ernst der Sache gerecht zu werden. Mehrere Menschen kommen neben mir zu dieser Tür, lesen den Zettel, drehen sich kommentarlos um und gehen wieder. Volle Bücherrucksäcke auf den Rücken, die müssen sie wieder heimtragen. Die meisten wirken erstaunlich gleichmütig dabei. Ich nehme an, dass nahezu alle meinen ersten Gedanken teilen: „Na, egal. War ich wenigstens mal draußen.

Das ist, Sie werden es kennen, an Sonntagen im Winter ein Gedanke von besonderer Wichtigkeit und Vernunft. Und Vernunft, nicht wahr, da stehen wir ja drauf.

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Frost am Morgen

Sonnabend. -6 Grad am Morgen, das ist Winter, wie geht Winter, wie verhält man sich da. Ich mache erst einmal alles wie immer, ich gehe einkaufen. Im Discounter fallen mir mehrere Menschen auf, weil sie größere Mengen Weihnachtsdeko und Weihnachtssüßigkeiten kaufen, das sind vermutlich diejenigen, die bemerkt haben, dass nächsten Sonntag der 1. Advent ist. Es wird vorgesorgt, es wird gerüstet, es wird versorgt, die Backzutaten gehen heute auch gut weg. Kinderglück und Routinegemütlichkeit, jahreszeitlich angepasst, man will es doch schön und passend haben. Wir nehmen noch diese Lichterkette mit und Lebkuchen, wir haben ja gar keine Lebkuchen. Getrocknete Orangenscheiben haben die hier auch, guck mal.

Am Nachmittag stelle ich in der Innenstadt fest, dass meine gewohnten Spaziergangsrouten nicht mehr zur Verfügung stehen, etwas sechs Wochen lang wird das nun so sein. Es stehen einfach zu viele Leute im Weg herum. Viel zu viele Menschen auf zu wenig Metern, durch die Spitaler Straße etwa wogt ein dichtes Geschiebe von Tausenden, ich mochte so etwas schon präpandemisch nicht. Den mit Buden vollgebauten Rathausmarkt sehe ich nur von ferne und biege gleich ab, vor den Alsterarkaden ein langer Fußgängerstau, kein Durchkommen mehr. Glühwein- und Schmalzkuchenduft über allem, es kommt jetzt dick. Am Straßenrand ein riesiger Truck, auf dessen Plane irgendwas mit „Event“ steht, in dem wird noch viel mehr Weihnachten stecken, eine ganze Ladung voll, vielleicht das Zubehör für die große Weihnachtsparade. Der Mann, der das ganze Jahr über jeden Tag in der Nähe von Karstadt steht und ein Schild hochhält, auf dem eine eher kryptische Botschaft irgendwas mit Jesus verkündet, er kann sich im Andrang der Massen kaum noch halten. Er versucht, dort stoisch stehenzubleiben, es ist schwer, von weitem schon sieht man sein Schild wackeln.

Ich überlege, ob etwas an der Menge auffällt. Nach Corona sieht nichts mehr aus, Masken trägt kaum jemand, ganz vereinzelt ist mal eine zu sehen. Die Teuerung scheint nicht vom nachmittäglichen Besuch der Fußgängerzonen abzuhalten und einige Geschäfte haben doch weit offenstehende Türen. Ich hatte es so verstanden, dass das in diesem Winter in Hamburg anders sein sollte, aus Energiespargründen. Oder doch nicht? Vielleicht bekomme ich nicht mehr alle Regelungen mit, das ist am Ende wie bei den wirren Coronamaßnahmen, mag sein.

Es ist aber so, fällt mir schließlich auf, dass die Menschen doch wenig Tüten und Taschen tragen. Je länger ich hinsehe, desto sicherer bin ich, ohne eine Statistik ersetzen zu können: Es wird weniger gekauft als in den Jahren vor dem Krisengewimmel. Dem Augenschein nach. Die Menschen kommen zum Gucken und auf einen Glühwein in die Stadt, die Menschen kommen nicht für ein Programm zur Rettung der darbenden Kaufhäuser.

Das demnächst mal verifizieren, die Presse wird sicher in Kürze berichten.

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In den Timelines einige Schneemeldungen und -bilder, vor allem aus dem Osten. Teils verzückt, teils entsetzt werden die Flocken beobachtet, bei uns fällt nichts mehr.

Auf Twitter löschen dieser Tage etliche ihre sämtlichen Direct Messages und müssen dabei durch die Irritation, auf Nachrichten von und mit Verstorbenen zu stoßen. Da muss Pietät für die Gegenwart teils neu definiert werden, löscht man das, löscht man das nicht, es gibt keine verbindliche Antwort. Man stößt bei diesem Löschen auf vergessene Zeiten, auf längst vergangene Stimmungen, auf Situationen und Szenen aus der Vergangenheit, so war ich einmal, so war es einmal, so waren wir einmal, so war es mit der oder dem. Und es war anders als heute, ganz anders, wie lange ist das her.

Totengedenken und novembriger Rückblick im Social-Media-Style, wir sind da noch ganz am Anfang und müssen uns erst einfinden. Aber wir werden auch das lernen, wie wir immer alles lernen.

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Schneeregen am Morgen

Freitag. Schneeregen am Morgen, ich löse das Problem, in dem ich mit dem Rücken zum Fenster arbeite. Ich sollte Seminare für gelingendes Leben geben, ich weiß.

Am Nachmittag ein Termin in Alsterdorf. Ich weiß nichts über Alsterdorf, das ist eine der Ecken dieser Stadt, von denen ich nur eben weiß, dass es sie gibt. Alle Menschen in Großstädten haben bei manchen Gebieten diese flüchtigen Stadtplankenntnisse, da haben sie nur mal die Stationsnamen auf dem S-Bahn-Plan gesehen oder davon gehört, dass da irgendwer wohnt oder dass da geschichtlich mal irgendwas war, mehr nicht. Ich finde die richtige Hausnummer in Alsterdorf nicht sofort, ich irre etwas herum, ich finde Alsterdorf daher doof. Habe ich das also auch geklärt. So sortiert sich im Leben nach und nach alles zurecht und irgendwann hat man doch noch ein fertiges Weltbild.

Nebenbei sehe und höre ich, dass an einem kleinen Marktplatz dort jemand Saxofon spielt, mit kräftigem Verstärker und zugespieltem Rhythmus aus der Dose: Feliz Navidad. Mein Termin dauert anderthalb Stunden, ab und zu höre ich dabei Fetzen der Musik durchs Fenster. Die Darbietung ist recht laut, die Umgebung hat hier viel davon, und jeder Fetzen der herangewehten Melodie ist zuverlässig ein Teil von Feliz Navidad. Nach dem Termin gehe ich noch einmal an dem Saxofonspieler vorbei und zurück zur Bahn. Er spielt immer weiter, und er spielt immer wieder und ausschließlich Feliz Navidad, in Endlosschleife. Die Marktbeschickerinnen neben ihm müssen nervlich mittlerweile etwas belastet sein, stelle ich mir vor. Der Musiker steht dabei seltsamerweise abseits in einer eher dunklen Ecke, es scheinen dort hinten nicht gerade viele Menschen an ihm vorbeizugehen. Aber er macht weiter, so wie wir alle immer weitermachen. Was soll man auch machen, nicht wahr, man macht, was man kann, und wenn es nur das eine Stück ist, und wenn man dabei auch am falschen Ort steht.

Feliz Navidad. José Feliciano hat das Lied damals in nur fünf Minuten komponiert, so lese ich, aber diese fünf Minuten ergaben bis heute zigtausend Stunden Spielzeit in Millionen von Fußgängerzonen und Milliarden von Wohnzimmern. Das ist wahrlich effizientes Arbeiten, da auch mal anerkennend nicken, wenn man es wieder hört. Was sicherlich demnächst der Fall sein wird.

Am Abend gehe ich noch einmal durch die Einkaufsmeilen zwischen Hauptbahnhof und Rathaus, ich brauche mehr Bewegung. Die Weihnachtsmärkte werden gerade aufgebaut und viele Stände sind sogar schon geöffnet, an einigen wird noch Deko zusammengeschraubt, in einige wird noch Ware eingeräumt. Wieder die gleichen Angebote wie immer, die Kochlöffel aus knorrigem Olivenholz oder was das ist, die bunten Leuchtsterne für die stimmungsvolle Adventszeit, die Wollhandschuhe, das Schmalzgebäck, die Wurst, es ist alles vollkommen überraschungsfrei. Der Glühwein ohne Schuss kostet in diesem Jahr 4,50 plus Pfand und schon stehen die ersten angeschickerten After-Work-Grüppchen aus den Großraumbüros in der City kichernd und rotbäckig an den Ständen und glühen für das Wochenende vor. The same procedure.

Die letzten noch verbleibenden großen Kaufhäuser schließen gerade. Obdachlose beziehen die windgeschützten Eingangsflächen, sie kommen mit vollen Einkaufswagen und viel Zeug für die Nacht. Eine alte Frau, der Kleidung nach osteuropäisch, richtet gerade Isomatten, Schlafsäcke und Decken für einen jüngeren Mann, vielleicht für ihren Sohn. Bewegungen, die alle Eltern überall auf der Welt für ihre Kinder machen, dieses Glattstreichen der Unterlagen, dieses einladende Aufklappen der oberen Decke, nur eben in einer fremden Stadt, nur eben draußen in einer winterlichen Nacht, nur ist das Kind längst erwachsen und schwer alkoholisiert. Aber sonst: The same procedure.

Im Hauptbahnhof gehe ich auf meinem Heimweg am Nachtzug nach Wien vorbei. Darin beziehen gerade Passagiere ihre Kabinen. Sie sitzen auf den Kanten der Betten und Liegen und sortieren Zeug aus Koffern. Eine junge Frau im Sitzabteil holt mit schnellen Bewegungen ihr Notebook heraus, klappt es auf dem Schoß auf und tippt entschlossen und konzentriert los, wie jemand, der sehr dringend eine Idee verwerten muss. Vielleicht schreibt sie mal eben ein Weihnachtslied, man weiß es nicht.

Der Zug fährt an, rollt los in die Dunkelheit, Richtung Wien. Und wissen Sie, wer dort wohnt, in Wien? José Feliciano. Er betreibt dort ein Kaffeehaus, sagt die Wikipedia.

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