Insiderwissen im Dunkeln

Als ich mit der Herzdame im Kino war und hinterher durch das abendliche Altona ging, fiel ihr auf, dass die Geschäfte in der Einkaufsmeile nicht beleuchtet waren. Ich hätte das nicht gesehen, es gab noch so viel Licht überall, aus den Kneipen, Restaurants etc., auch von den Straßenlaternen. Ich fand um mich herum nichts auffällig dunkel. Aber die Herzdame hatte Recht, natürlich hatte sie das, die Geschäfte waren tatsächlich unbeleuchtet und das war also unser Erstkontakt mit den Energiesparmaßnahmen im urbanen Raum. Bestenfalls mäßig bis gar nicht beeindruckend. Im kleinen Bahnhofsviertel sahen wir dann bei der Rückkehr den Kirchturm vor unserer Haustür nicht, er wird in diesem Winter nachts nicht angestrahlt. Man muss jetzt wissen, dass er da ist. Aber ich weiß es ja, denke ich ins Dunkel, ich weiß es ja. Ich finde Energiesparen gut und ich sehe nachts sowieso nicht prüfend raus, ob der Turm noch da ist. Er ist jetzt Insiderwissen in der Dunkelheit.

Die Temperatur in der Wohnung sinkt erstmals auf 19 Grad, dann weiter auf 18,5. Wir Eltern greifen zu dickeren Pullovern und trinken etwas öfter heißen Tee, die Herzdame hat auch ein Wärmekissen im Rücken. Die Söhne springen nach wie vor eher unbeeindruckt in T-Shirts herum. Ich teste, ob die Heizung überhaupt geht, das ist in diesem Haus nicht selbstverständlich. Sie geht, ich mache sie wieder aus. Ein wenig schaffen wir schon noch ohne.

Online wird mir weiterhin reichlich krisenorientierte Werbung gezeigt. Holzöfchen fürs Wohnzimmer, Powerbanks für den Blackout, kompakte Solaranlagen für den Balkon, Notlagenzubehör aller Art. Auf Tiktok immer wieder die Teelichtofenfilmchen („Leute, es funktioniert wirklich!“), und gleich danach dann die, welche eindringlich vor diesen Konstrukten warnen, kopfschüttelnde Feuerwehrleute, so halb privat („Leute, ganz ehrlich …).

In den Gesprächen die VWL-Erklärbaren, die Inflationsversteher, die Energiemarkttopchecker. Ich halte mich zurück, ich verstehe gar nichts. Jemand in Uniform hält mir ein unscharfes Bild hin: „Kennen Sie diese Inflation?“ Ich, verstockten Blickes, vorsichtig taktierend: „Nein, die habe ich noch nie gesehen.“

Auf der Straße im Vorbeigehen gehört, eine junge Frau sagte das zu ihrer Freundin: „Im Grunde geht mir gerade alles, wirklich alles viel zu schnell.“ Sie gingen dann beide schnell weiter.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 29.9.2022

Über den ÖPNV und die Menschen auf dem Land.

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An der Bushaltestelle steht eine Frau und guckt auf ihre Armbanduhr.

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Aus den Fugen – Nachrichten vom Abdrehen. Es fällt selbstverständlich verschieden aus, in meinem Umfeld etwa sehe und höre ich noch kein markantes Abdrehen aufgrund der aktuellen Nachrichtenlage, da gibt es eher skeptisches bis fatalistisches Abwarten oder auch halbtrotziges Ignorieren. Die Stimmung ist nicht gut, das kann man beim besten Willen nicht mehr behaupten, extrem ist sie sicher nicht. Aber, versteht sich – das kann einen Block oder einen Klick weiter schon wieder ganz anders sein. Oder bei Ihnen.

Die Woche ist davon abgesehen ein wahres Biest von Woche, es gab Terminhagel und To-Do-Verwehungen, es ist etwas unschön. Ich komme nicht zum Schreiben, ich erzähle Ihnen nur eben von einem Bild, das ich in ähnlicher Weise hier schon hatte, aber nicht exakt so, nicht dermaßen gemein, böse und treffend. Es passt zu meinen Anmerkungen über das Leben und das Ausdenken, über die Probleme, die unfassbar flachen Pointen in der Wirklichkeit da draußen verträglich zu schleifen. Ich mache das jetzt nicht, ich sage Ihnen nur eben, wie es war. Ich gehe zur Arbeit, am Straßenrand liegt ein Obdachloser, also einer von vielen auf dem Weg. Blauer Schlafsack, ein Arm in einem löcherigen braunen Strickpulli, mehr ist von ihm nicht zu sehen. Er liegt auf einer Isomatte in einem überdachten Durchgang zwischen zwei Straßen, würde man die Kamera einmal nach links und einmal nach rechts schwenken, der Regen wäre im Bild, hastende Menschen unter Regenschirmen in den Toreinfahrten, Sekundenfiguren. Der Obdachlose hat Kartons um sein Lager gestellt, um den Wind abzuschirmen. Auf den Kartons ist ein Aufdruck in roten Großbuchstaben, eine Aufforderung steht da vor dem Kopf des schlafenden Mannes: „KÜHL LAGERN!“

Aber das, wie gesagt, nur am Rande.

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Man schreibt dagegen an

Der 18. Hochzeitstag. Das Handy zeigt mir diesen Termin als 18 Geburtstag von „Zuhause“ an, wie passend ist das denn. Die Herzdame und ich schenken uns Wärmendes, denn die Zeiten, sie sind nun einmal so.

Es regnet. Lang und dünn regnet es, es ist dieser langsame, dennoch gründliche Herbstregen. Man wird sehr nass, während man denkt, dass man schon nicht sehr nass werden wird, und dann ist man es auf einmal und guckt verstimmt. Auf dem Weg zum Einkaufen sehe ich all die schlecht gelaunten Gesichter und ich sehe ein Plakat, auf dem für eine Aufführung von Mozarts Requiem geworben wird. Es weicht im unaufhörlichen Septemberregen allmählich auf, das kommt mir schön und stimmig vor.

Über einer Bushaltestelle ein großes Fenster im zweiten Stock, da sitzt ein Vater mit einem Kind auf dem Schoß innen auf der Fensterbank. Das Kind ist klein, ein Baby noch. Der Vater zeigt nach unten und erklärt, da kommt der Bus, da steigen die Leute aus, guck, wie sie weggehen. Da führt eine Frau ihren Hund aus, da fegt einer den Fußweg vor einem Geschäft. Da guckt einer hoch und macht sich unter seinem Regenschirm Notizen. Das bin ich. Die Augen des Kindes folgen dem Finger des Vaters, es sieht alles und wird alles wieder vergessen, den Bus, die Frau mit dem Hund, den Mann mit dem Besen und auch mich. Ich winke ins Kurzzeitgedächtnis.

Die Menschen um mich herum tragen, das fällt mir nach einer Weile auf, heute nicht die neue Herbstmode. Heute tragen sie eher das alte Zeug aus den Vorjahren, vielleicht weil die neuen Sachen nicht nass werden sollen, vielleicht weil die noch „für gut“ sind. Die erst einmal bei Sonnenschein eintragen.

Ich weiß nicht, was ich lesen soll, ich weiß nicht, was ich hören soll. Vielleicht weil die Jahreszeit wechselt, die Stimmung, die Atmosphäre. Mir scheint alles unpassend, wenn nicht sogar störend, selbst der Fontane, und das will etwas heißen. Ich bringe sämtliche Büchereibücher weg, ich finde den Gedanken gerade unangenehm, sie bis zu einem bestimmten Termin gelesen haben zu müssen. Ich lese so wenig zurzeit, so schlecht, so unkonzentriert. Dann doch lieber etwas aus dem Bestand nehmen, denke ich, es sind ja reichlich Bücher in der Wohnung, auch ungelesene. Ich überlege, was ich lesen möchte, ich will eigentlich gar nichts lesen. Vielleicht möchte ich etwas hören. Ich höre Blues, ich höre Jazz, ich höre Ambient Lounge, ich weiß nicht, was ich hören will. Ich höre „Nordic atmospheric Jazz“, aber wenn man schon bei solchen Playlists landet, dann will man, so denke ich, im Grunde doch nur irgendwo ein Nebelhorn an der Küste hören, uns sonst gar nichts. Ich stecke die Kopfhörer weg, ich gehe um den Block, ich höre Schritte und Verkehr.

Ich gehe zum öffentlichen Bücherschrank. Auch mal etwas dem Zufall überlassen. Einfach mal das lesen, was kommt. Es kommt der Herr Kagge, das Buch heißt Stille und es steht da, bis ich es mitnehme. Es ist doch eher platt, in solchen Momenten so ein Buch zu finden, es ist eher zu flach und zu schlicht, nicht wahr. So macht es das Leben, aber als Autor soll man dann bitte auf raffinierte Pointen kommen. Fair ist das auch nicht, ich stelle es immer wieder fest. Das Leben besteht aus Klischees und die Pointen kommen mit dem Holzhammer, jedenfalls oft, wenn nicht meistens. Man schreibt im Grunde nicht darüber, man schreibt dagegen an. Wie sinnlos ist das denn.

Ich gehe nach Hause, ich mache gar nichts. Ich lege mich aufs Bett, ich denke, ich kann ja einfach mal liegen, aus dem Fenster sehen und nachdenken. Ich schlafe sofort ein, in Sekunden. Ich schlafe zwei Stunden und muss mir danach erst wieder mühsam klarmachen, wer ich bin, in welchem Zeitalter ich lebe und wo überhaupt. Dann fällt es mir nach und nach alles wieder ein, meine Berufe, die Krisenzeit, Hamburg und alles, und natürlich auch, dass ich mit der richtigen Frau verheiratet bin.

Immerhin, denke ich, immerhin. Doch irgendwas richtig gemacht. Ich sehe aus dem Fenster, nicht vollkommen unzufrieden.

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Für mein weltliches Defizit

Wenig gibt es zu erzählen, kaum etwas ist passiert, nur dass mir morgens auf dem Arbeitsweg jetzt schon die ersten Menschen in vollem Winter-Ornat begegnen, in dicker Jacke und mit Wollmütze, Schal und Handschuhen, mit allem also. Wo bleibt da die Steigerungsmöglichkeit, worin besteht das Potential, was machen die, wenn es Winter wird. Auf Twitter laufen die Heizungsdiskussionen, die ersten schalten in diesen Tagen an, andere empören sich selbstverständlich darüber, lachen darüber, spotten darüber, können mehr ab. Aufzählungen von Accessoires, Armstulpen und Pulswärmer, Wärmflaschen etc.

6 Grad sind es da draußen am Morgen, unsere Wohnung bleibt noch ein paar Tage bei mindestens 21 Grad, Sommerreste. Uns geht’s ja noch gold. Erste Schneebilder kommen aus Österreich, aber da muss ich ja nicht hin.

Ansonsten fortschreitende Erkältungsverblödung, negative Tests und währenddessen viel zu viel administrativer Ballast der komplett irren Art, man müht sich so durch und die Woche ist schon wieder sehr lang, geht aber vermutlich vorbei. Dabei auch mal dem Kalender vertrauen. Ein Sohn soll für die Schule ein elaboriertes Baumtagebuch führen, Herbstbeobachtungen en Detail sind gefragt. Ich bin ein wenig neidisch, ein Baumtagebuch kommt mir viel attraktiver vor als das, was ich da am Notebook gerade beruflich mache. Wie verändert sich die Eiche, und das dann als Aufgabe aber so etwas von ernst nehmen und guck mal, ein Eichhörnchen. Das wäre es jetzt.

Auf dem Wochenmarkt vor dem Büro steigen währenddessen die Preise für das Mittagessen weiter. Ich bin da jetzt raus, ich habe Schnittchen dabei, anderen geht es ähnlich. Man steht vor den Ständen und sagt sich frühere Preise auf.

Ich lese abends Katerina Poladjan, Zukunftsmusik, hier eine Rezension dazu. Angenehme Abendlektüre ist das, melancholisch im Tonfall. Mag ich.

Ansonsten die Nachrichten lesen, Musik hören und Herbstgefühle pflegen, das immerhin, und das auch gründlich.

Wenn du bedenkst

Dass das Ganze nichts auf sich hat

Jeder vollzieht seine Endlichkeit

In einer anderen Stadt.

Sucht sich Erfüllung

Für sein weltliches Defizit

Einzig Musik hält mit der Trauer Schritt.“

Der Herr Hüsch hat das geschrieben. Ich bin gar nicht traurig, aber wenn es doch nun einmal saisonal gefragt und passend ist.

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Von Tauben und Menschen

Ich gehe am Morgen zum Arzt und lasse mich einmal gegen etwas anders impfen, nicht immer nur gegen das allmählich doch langweilig werdende Corona-Virus. Ruhig auch mal den Grippeschutz mitnehmen, dachte ich mir, das Immunsystem liebt die Abwechslung. Der Mensch, der mich da impft, hat das vielleicht gerade erst gelernt, denn er sagt sich selbst beim Handeln alle Schritte lehrbuchmäßig und leise auf, mir ist das sehr sympathisch: „Erst das Alter prüfen. Unter 60. Den Namen mit der Karte abgleichen.“ Das geht auf diese Art weiter, und ich finde, es macht so eine ruhige, sichere Atmosphäre, wenn Selbstverständlichkeiten fachgerecht aufgesagt werden. War es nicht so, dass japanische Zugführer alle Schilder benennen müssen, die sie während der Fahrt sehen? Um sich selbst und andere dauernd ihrer Aufmerksamkeit zu versichern? Vielleicht sollte ich das im Home-Office auch machen, am Ende nützt es etwas und man fühlt sich besser in den eigenen Routinen? „Ich öffne das Notebook. Ich mache das Notebook an. Ich melde mich an.“ Wie ein Pilot beim Check im Cockpit, wie ein japanischer Zugführer auf der Strecke, wie ein Impfender in der Arztpraxis, Sicherheitsrituale, Beschwörungen. „Ich mache Excel auf. Excel ist offen.“ Und, Stunden später dann: „Ich hau meinen Kopf an die Wand“. Aber eben fachgerecht.

Vor einer Bäckerei – Sie merken, es findet hier enorm viel vor oder in einer Bäckerei statt, das liegt aber nur daran, dass es dermaßen viele davon gibt – sitzt eine sterbende Taube. Sie ist schon so hinüber, so halb jenseitig, dass wohl auch ein ambitionierter Tierfreund keine Rettungsaktion mehr starten würde, hier geht es um Minuten, zumindest sieht es sehr danach aus. Sie kippt schon seitlich weg, die Augen verdrehen sich und der Morgenwind fährt ihr in diesem Moment kalt unter das Gefieder und plustert es ein letztes Mal auf, der feine Flaum an ihrem auf einmal exponierten Bauch gerät in wellige Bewegung. Die Taube liegt dabei unter einem Schild, auf dem steht: „Softer Genuss.“

Im Bahnhof selbst fliegt eine Taube gerade in, na was wohl, eine andere Bäckerei, die Verkäuferin dort macht ausladend abwehrend wedelnde Gesten mit den Händen, den lästigen Vogel zu verscheuchen, und es ist ein absurder Zufall, dass im Imbiss nebenan eine andere Verkäuferin gerade parallel gleiche Gesten vollführt, allerdings nicht gegen eine Taube, sondern gegen eine vermutlich Drogensüchtige, die zerlumpt, in eine schmutzige Decke gehüllt, die Kunden im Geschäft anbetteln möchte. Weg sollen sie, der Vogel und die Frau, bloß weg.

Nach altem Gesetz kommt alles immer dreimal, und die letzte auffällige Taube des heutigen Logbuch-Eintrags sehe ich dann vor dem Bahnhof. Sie ist bereits eine Weile tot und sie wird auch schon entsorgt, und zwar von den Möwen, die hier dafür zuständig sind. Sie haben die Taube bereits zerteilt, der Körper liegt schon zerfetzt und eine Möwe fliegt gerade mit einer abgetrennten, losgerissenen Taubenschwinge davon, die sie im Schnabel trägt, ein großes Beutestück. Und so kam es also endlich, dass heute ein Vogel mit drei Flügeln über mir kreiste, was gemäß einer alten Weissagung … pardon. Ich schweife ab, das gehört nicht hierher.

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Auf arte gesehen und interessant gefunden: Anjelica Huston erzählt James Joyce.

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Als Hörbuch gehört: Undine von De La Motte Fouqué. Vor langer Zeit schon einmal als Buch gelesen und als hölzern bis ledrig erinnert, das war aber ganz falsch. Tatsächlich ist es sprachlich schön. Ich hätte mich auch nicht erinnert, dass die Wurzel allen Übels in der Geschichte nicht in Undine selbst liegt, sondern im Wunsch ihres Vaters, sie möge es zu einer Seele bringen, was im Kontext der märchenhaften Erzählung gewissermaßen als unheilvolles Karrierestreben zu betrachten ist. Da haben wir es wieder, da haben wir es wieder.

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Wie kalt ist uns eigentlich

In Hamburg ist der Hafengeburtstag, wir flüchten also aufs Land, tief ins Binnenland, nach Nordostwestfalen, wo man kein Schlepperballett kennt. Die Herzdame hat ohnehin einen Termin im Heimatdorf, aber ich bin bei Großveranstaltungen tatsächlich gerne nicht in Hamburg. Es ist das erste Mal, dass Sohn I mit einer gewissen Selbstverständlichkeit nicht mitkommt, er hat einfach anderes vor. So ist das also mit den eigenen Wegen, so unaufgeregt und gelassen kann sich das ereignen und ist dann eben so. Man wird sich daran gewöhnen.

Ich gebe also ein kleines Vermögen für eine Tankfüllung aus und wir fahren durch Niedersachsen. Es ist fast schon Routine, dass wir dabei umgeleitet werden, durch wer weiß welche Gegenden. Irgendwann habe ich sicher auf diese Art das ganze Bundesland einmal durchfahren, jedes Fitzelchen Landstraße kennengelernt, alle Ortsschilder gesehen und jeden grottenhässlichen Kreissparkassenbau umkurvt. Zwischen zwei Dörfern, von denen ich noch nie gehört habe, wird das Tempo mit Schildern begrenzt, alle paar Meter kommt ein neuer Hinweis auf die schadhafte Fahrbahn. Das ist oft nur ein pflichtschuldiger Hinweis auf ein unauffälliges Löchlein im Asphalt, also früher war es das zumindest, diesmal aber ist es eine ernsthafte und besser zu beachtende Warnung vor einer schwer lädierten Buckelpiste, holperig, schadhaft, ungepflegt, und das hört gar nicht auf, noch ein Kilometer, noch einer, und dann noch viele. Ich kann mich an eine Zeit erinnern, denke ich in mir selbst unangenehmer Boomer-Manier, da war die Infrastruktur dieses Landes noch in Schuss, fast überall. Und wie viele andere arglosen Zeitgenossinnen habe ich das für selbstverständlich gehalten, was doch eine historische Ausnahme und im Weltvergleich auch ein eher rares Privileg war. Manches lernt man eben spät.

Noch einmal werde ich so eine Zeit jedenfalls nicht erleben, vermute ich, und finde es nicht einmal besonders tragisch, nur interessant. In den Medien geht es jetzt neben den ganzen anderen Krisen immer öfter um den als sicher angenommenen Wohlstandsverlustbei uns, aber ich merke, dass ich angesichts der Fülle von Krisen mittlerweile weniger zum Doom-Scrolling neige, eher zum Doom-Watching & -Writing. Alles aufschreiben, was auffällt, die Veränderungen, die Schäden, die Maßnahmen, die Hoffnungen auch, die Lichtblicke. Dieses Schreiben fällt am Ende einfach nur unter Bewältigungsstrategie, und warum auch nicht. In seinem Newsletter „Der siebte Tag“ fragt der Journalist Nils Minkmar gerade: „Was ist Deutschland für ein Land, wenn es nicht immer reicher wird?“ Ich halte das für eine wichtige Frage, eine sehr wichtige. Hier ein interessanter Artikel zum noch viel weiteren Zusammenhang, da wird es dann erst richtig spannend und ich wundere mich schon lange, wie wenig darauf herumgedacht wird und wie wenig hilfreiche Antworten es bisher gibt. Das Einmalige unseres Zeitalters, so wird es einmal in den Geschichtsbüchern stehen – ich bin mir da sogar ziemlich sicher – ist die vollkommene Visionslosigkeit. Egal. Zurück zur Infrastruktur, immer zuerst das, was man sieht.

Neulich etwa auch der Bahnhof in dieser einen Kleinstadt an der Küste – wie verfallen, wie ruinenhaft kann ein Bahnhof denn bloß sein. Wie kaputtgespart kann ein Gebäude noch stehen und wieso wachsen da riesige Büsche zwischen den Gleisen. Das alles denke ich mir so, während ich über diese Landstraße in Niedersachsen holpere, die man als Motorradfahrer vermutlich schon als Abenteuer begreifen muss.

Im Heimatdorf der Herzdame liegt bei ihren Eltern die Regionalzeitung auf dem Wohnzimmertisch, darin lese ich einen Bericht über eine Nachbarstadt, in der das Schwimmbad den Winter über komplett geschlossen bleiben wird. Aus Kostengründen, versteht sich. Neben der Zeitung der Brief eines Energieversorgers, darin ein krasser Preissprung, was sonst, niemand hat etwas anderes erwartet. Aber was macht das aus, was hat das für Folgen. Und wie ist es eigentlich in den Büros und wie wird das im November, Dezember, wer heizt wie, wie geht es wem damit, darüber spricht man nun. Und machen wir jetzt doch zum ersten Mal den Kamin an oder nicht. Wenn man ihn einmal anhatte, so sagt meine Schwiegermutter, und sie hat wie immer Recht, dann kann man ja ab sofort nicht mehr ohne.

Die Abwägungen also, das Hinfühlen: Wie kalt ist uns eigentlich? Und hilft Suppe? Es stellt sich heraus: Suppe hilft. Hat sie immer schon. Man kann das in Romanen und Geschichten nachlesen, die Bücher müssen gar nicht so alt sein.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 17.9.2022

Eine Fortsetzung aus Frankreich – die Rückkehr.

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Christian gefällt die Tagesschau nicht.

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Herr Rau über die Energiepauschale.

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Frau Novemberregen geht es scherzhaft an, aber dennoch, da ist es, das Bevorratungsthema.

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Den Fokus korrigieren

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Nach ein paar hundert Tagen, drei Impfungen, mehreren Lockdowns für die Kinder, abgesagten Sommern und Geburtstagspartys, ermüdend vielen Artikeln über Inzidenzen und immunologische Lagen, Lagerkollern, Sehnsüchten nach vollen Bars, lauten Restaurants, Gedrängen, bekam ich es dann auch. Es war ein milder Verlauf.

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Nicola verweist in ihrer traditionellen Monatsnotiz auf einen Text von mir, in dem ich auf sie verweise, wir klicken im Kreis und finden es gut. Also ich jedenfalls.

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Viele werden es mitbekommen haben, es ist ein großer Verlust zu beklagen. Journelle ist gestorben, Elena, die ich schon seit den Anfängen der Bloggerei kannte, die immer schon mit dabei war, wenn ich online war. Vanessa, die Kaltmamsell und Heiko haben schon etwas über sie geschrieben, ich bekomme es leider gerade nicht hin. Die drei Texte ergeben aber schon ein Bild, denke ich. Mein Hirn bleibt im Moment immer stehen bei: „Die Herzdame war doch gerade noch mit ihr aus“, und mehr kommt dann nicht. Weil es einfach nicht sein kann, weil es doch so ist.

Ich mache Tiktok auf, der Algorithmus spielt mir einen indischen Guru zu, der einen Vortrag vor westlichem Publikum hält. Er sagt: „Wenn Sie morgen früh aufwachen und feststellen, dass sie noch lebendig sind …“ Das Publikum lacht. Er sagt: „Was gibt es da zu lachen.“

Ja. Was gibt es da zu lachen.

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Werktag, Farbton mittel

Es sieht nach echtem Herbstwetter aus, wenn es auch nicht kalt ist. Ein wenig frisch ist es vielleicht. Aber schmutzig dunkle Wolken gibt es, etwas Regen gibt es und diese Dunkelheit am Morgen. Krähen vor schieferfarbenem Himmel in der ersten Dämmerung gibt es auch, immerhin. Auf dem Hotel gegenüber weht die britische Flagge auf halbmast im Westwind.

Auf meinem Arbeitsweg fehlen jetzt zwei Imbisse, ich sehe es im Vorbeigehen. Sie haben geschlossen, sie werden ausgeräumt, es gibt sie nicht mehr. Es kann Zufall sein, es kann eine Folge von etwas sein, es steht nicht dran.

Am Straßenrand steht eine Dose Holzlack auf dem Fußweg, „Farbton Mittel“ steht darauf, was mag das sein? Ich stelle mir norddeutsches Novembergrau vor, mit einem Stich ins Bräunliche vielleicht. In welcher Farbe hätten Sie ihre Möbel denn gerne? Na, so mittel.

Im Schaufenster eines Geschäftes für Schreibwaren und Geschenke wurde die Dekoration jahreszeitlich angepasst, da wachsen jetzt Stoffpilze in der Auslage, die samtene Köpfe in dunklen, warmen Farbtönen haben, schimmernd und heimelig. Im Laden gegenüber, in dem es nur Produkte aus Hamburg gibt, wurden warme Socken und Mützen dekoriert. Die Kleiderschränke der Leute wurden wohl auch alle gestern umsortiert, ich treffe niemanden mehr, der noch T-Shirt oder kurze Hose trägt, der ganze Weg durchs Viertel ist eine Übergangsjackenleistungsschau und oktobrige Brauntöne überwiegen, man trägt auch wieder Leder und Wolliges in Oversize, vieles sieht neu aus.

Eine Frau in mattgelber Regenjacke jagt einem Kleinkind hinterher, dass auf einem Laufrad jauchzend beschleunigt, auf eine große Kreuzung zu. Die Mutter ist zehn, fünfzehn Schritte hinter dem Kind und man sieht gleich, das sind zu viele, das schafft sie nicht mehr, obwohl sie jetzt laut schreiend auf diese Art beschleunigt, die man nur in Ausnahmefällen parat hat, und sie ruft und ruft. Ich bin auch zu weit weg von dem Kind, ein Mann auf der anderen Straßenseite ist es auch, und das Kind lacht und beugt sich vor, so schnell bin ich, so schnell, und die Mutter ruft da hinten so lustig. Es düst über die Kreuzung und es kommt kein Auto, nicht ein einziges, weit und breit nicht, wieviel Glück kann man um diese Uhrzeit haben.

Die besten Geschichten sind vielleicht doch die, die gar nicht erst passieren, das ist für Chronisten nicht einfach.

Die Mutter kniend vor dem Kind, ernst auf es einredend, laut und eindringlich, beide Hände auf seinen Schultern. Das Kind, das im Gesicht der Mutter forscht, was das jetzt wieder soll. Es ist wohl ernst. Aber was bloß?

Ansonsten ein normaler Tag. Farbton mittel.

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Wenn ich es doch nicht weiß

Es ist früh. Am Straßenrand räkeln sich die Obdachlosen noch stöhnend und fluchend, fröstelnd und grummelnd in ihren Schlafsäcken oder unter ihren Kartons. In Hamburg gibt es, so ging es gerade durch die Medien, an die 19.000 Obdachlose. Es ist die Hauptstadt der Obdachlosigkeit, so hieß es da. 15 von den Tausenden sehe ich bei der Morgenrunde und auf dem Weg nach Hammerbrook, in Hauseingängen, auf Kirchentreppen, in Durchgängen, unter Brücken, vor dem Bahnhof.

Ein indisches Restaurant hat den Preis für das „All-You-Can -Eat“-Buffet überklebt und einen höheren daruntergeschrieben. Ein weiteres Restaurant hat neue Aufkleber mit Öffnungszeiten angebracht, sie sind jetzt kürzer als früher, also als damals im August. An einer Bäckerei wird ein Tag angekündigt, an dem der Laden geschlossen sein wird, man fährt zu einer Demonstration gegen die Energiepreise, bzw. für Entlastungen, gemeinsam mit anderen Bäckereien.

Am Straßenrand liegt Weihnachtsdeko: „Zu verschenken“, Tannengrüngirlanden aus Plastik und große Christbaumkugeln. Vielleicht hat jemand schon die Bestände im Keller oder auf dem Dachboden gesichtet, für den Dezember etwas Neues geplant und aussortiert. Viele Menschen denken weiter voraus als ich.

Vor dem Dönerimbiss parkt ein Polizeiwagen, aber der Imbiss ist noch zu und der Polizeiwagen ist leer, kein Mensch ist zu sehen. Eine unvollendete Szene, es geht nicht weiter, nur zwei Zeilen einer Geschichte. Auch schlimm.

Aus einer Bäckerei, die gerade erst öffnet, kommt ein backofenwarmer Schwall zimthaltiger Luft. Vor dem Geschäft richtet ein Bettler gerade eine hölzerne Kiste, auf der wird er gleich sitzen, seine lederne Kappe abnehmen und vor sich legen, auf Münzen hoffend, das macht er jeden Morgen so. Eine junge Frau betritt die Bäckerei, sieht in die Auslage, auf den Kuchen, auf die Brötchen und das Brot, sie sagt: „So viel Auswahl“ Sie schüttelt den Kopf. Dann wiederholt sie: „Nein, so viel Auswahl!“ Und hebt abwehrend die Hände und geht wieder. Einfach mal aufgeben, warum auch nicht. Ich verstehe das.

Vor der Kirche die Kreuzigungsgruppe unter freiem Himmel, dunkle Bronzefiguren auf helleren Steinstelen vor grauen Wolken. Jesus und die anderen beiden, wie hießen sie noch. Die trauernde Maria. Vor diesem Kunstwerk steht eine Bank, vor der liegt ein leerer Pizzakarton. Hier hat jemand ein Nachtmahl unter den Augen des Gekreuzigten zu sich genommen, Pizza Dolorosa. Eine strahlend weiße Möwe landet und wird sich die Reste im Karton gleich einmal näher ansehen, sobald ich ein paar Schritte weiter gegangen bin.

Vor dem Sushi-Lieferdienst „Rollmops“ liegt eine tote Ratte mitten auf dem Gehweg, eine erste Wespe seziert gerade ihre Nase.

Neben einigen Straßenbäumen stehen noch Stockrosen stramm oder bemühen sich hinsinkend immerhin noch um Haltung, aber die Blütenfarben sind schon deutlich geschwächt und die Blätter hellen gelb auf. Der Lack ist ab und die Haltung wird nicht mehr lange gewahrt werden können.

In einem Kiosk im Bahnhof sagt eine Mutter zu ihrem kleinen Sohn, der vor den Kinderzeitschriften steht: „Ich möchte, dass du dich JETZT entscheidest.“ Zwei Koffer hat sie neben sich stehen, Ungeduld hat sie in der Ausstrahlung. Der Sohn sagt ruhig: „Mama. Wenn ich es doch nicht weiß.“

Draußen vorm Bahnhof sitzt eine Bettlerin auf dem Boden. Sie reißt eine Scheibe Brot in Stücke und füttert heraneilende Tauben mit den Krümeln. Es ist eine ältere Frau und sie ist so gekleidet, wie es eine russische Großmutter in einem meiner illustrierten Kinderbücher damals war, irgendeine Geschichte mit Wölfen und Ziegen. Sie wirft das Brot und lacht zahnlos, sie freut sich über die eifrig pickenden Vögel. Passanten gehen mit strengem Kopfschütteln vorbei und in den Bahnhof hinein.

Vor einem Hotel stehen Geschäftsreisende, ein Grüppchen von Männern in Anzügen. Sie rauchen so, wie Verdurstende Wasser trinken und reden in einer skandinavischen Sprache leise miteinander, heiseres Lachen. Sie inhalieren tief, damit es wieder eine Weile reicht, zumindest bis zum Frühstück. Noch einmal dieses Lachen, dann ziehen sie wieder an den Zigaretten und sehen nach oben, ihrem Rauch hinterher, der sich wolkig nach oben hebt, dorthin, wo eine Möwe fliegt, die vielleicht ein Stück Pizza im Schnabel hat.

Guten Morgen.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Wir haben zu danken für die freundliche Zusendung eines Buches über Obstgehölzschnitt, es ist leider schon eine Weile her, pardon, man kommt zu nichts. Es wird besonders der Herzdame weiterhelfen, die dieses Thema okkupiert hat und mit geradezu furchterregender Gründlichkeit angeht. Es ist, wie es immer ist, wenn man sich erst einmal ein paar Gedanken mehr macht, wenn man erst einmal genauer hinsieht, und zack, schon hat man etwas vor sich, wofür man einen Regalmeter Bücher braucht. Mindestens. Denn wenn man so einen Obstbaum erst einmal eingehender betrachtet, zum Zwecke des Schnitts oder der Ernte etwa, dann fallen einem mit großer Sicherheit diverse Besonderheiten auf. Seltsam verkrumpelte Blätter hier und da, abgestorbene Spitzen, verdächtige Flecken auf dem Laub, merkwürdig wachsende Zweige – und schon ist man vom Schnitt zu den Baumkrankheiten gekommen. „Andere machen dafür eine Ausbildung“, sage ich mehrfach zur Herzdame, die mit Büchern vor Bäumen und Büschen steht und flucht, weil die jeweilige Pflanze nicht recht zur Abbildung passen will, die Krankheit schon gleich gar nicht zur grausigen Grafik. „Feuerbrand“, sage ich, denn das habe ich gerade irgendwo gelesen und das wird es mit Sicherheit nicht sein, aber es klingt gut, finde ich: „Alles voller Feuerbrand.“ Die Herzdame blättert hektisch und hat gefährliche Falten auf der Stirn.

Aber das macht alles nichts. Im Herbst, also gleich, wenn nicht sogar jetzt, werden wir eh wieder keine Zeit für gar nichts mehr haben, auch nicht für Baumkrankheiten. Ein paar Tage lang kann sich die Herzdame noch draußen austoben und alles Schadhafte aus dem Garten entfernen. Lieber zu viel als zu wenig. Ich gehe ihr so lange einfach großräumig aus dem Weg, man weiß bei Menschen im Wahn nie.

Ein gutes Buch jedenfalls, hilfreich und fein, vielen Dank!

Es gab ferner auch ausgesuchte Sämereien für Blühpflanzen des nächsten Jahres, für Pflanzen also, die man nicht beschneiden muss, wie entspannend ist das denn. Auch dafür vielen Dank!

Und wenn ich schon dabei bin, ein Dank mit vollen Backen auch an die Leserin, die gerad eine gewisse Summe ausschließlich für Backwerk in den virtuellen Hut geworfen hat. Ich setze selbstverständlich zweckgebunden um.

Vorderseite

Es folgt ein Bild, das ich im Blog schon mehrmals hatte, es wird Ihnen daher bekannt vorkommen, aber ich klebe zum Schluss noch etwas drüber, und dann bekommt es so einen gewissen Dreh. Moment.

Es regnet. In einem der letzten Texte habe ich gerade noch die leichte Seite des Regens beschrieben, das Angenehme des ersten Regens nach Wochen der Trockenheit, aber das war nur ein Teil der Wahrheit, wie immer, denn man kann überhaupt nur Teile der Wahrheit beschreiben, kategorisch.

Den anderen Teil der Regenwahrheit hatte ich dann wieder vor dem Küchenfenster. Der Regen wurde stärker, es pladdderte und goss und troff auf die schräge Scheibe des Dachfensters, während ich im Trockenen stand und kochte. Draußen am Spielplatzrand fand gerade wieder die Essensausgabe in der Kirche statt. Die bedürftigen Menschen, ich konnte es durch die dicken Tropfen und Schlieren sehen, standen in einer Schlange an, die sich abermals in charlesdickenshafter Elendslänge um den Kirchhof und um das Denkmal für den Drachentöter Sankt Georg ringelte. Stoisches Warten im strömenden Regen. Einfach nur stehen und abwarten. Langsam, langsam aufrücken. Unter Schirmen, Kapuzen, Plastiktüten oder auch unter gar nichts, einfach nur dort stehend und nass werdend, etwa eine Stunde lang oder noch mehr, denn eine schnelle Fließbandabfertigung ist das nicht. Die Menschen werden nass, bis auf die Knochen werden sie nass, es wird ihnen auch kalt. Aber sie stehen da immer weiter, und jetzt setzen wir mal zu einer kühnen Deutung an, denn wir wissen ja, in der Kirche gibt es Suppe und Essen von den Tafeln, also trauen wir uns einmal, wie folgt zu schließen: Diese Menschen stehen dort, weil sie Hunger haben oder Hunger für die kommenden Stunden oder Tage erwarten. Das ist, Sie werden mir da wohl zustimmen, nicht allzu waghalsig spekuliert.

Und über dieses mittlerweile sattsam (haha) bekannte Bild von der Schlange vor der Essensausgabe kleben wir jetzt einen Satz, den der unsägliche Finanzminister gerade getwittert hat, und dann ist die Karte auch schon fertig, man kann sich das Zitat quasi als Banderole vorstellen:

„Aufgrund von finanziellen Sorgen wird in diesem Land in diesem Winter niemand hungern und niemand frieren.

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