Vorweg herzlichen Dank für die freundliche Zusendung der Aufzeichnungen von Hilde Spiel: „Die hellen und die finsteren Zeiten, Erinnerungen 1911 – 1946“. Ich freue mich erheblich auf die Lektüre, denn ich glaube, es passt gerade nahezu perfekt in meine Lesereihe. Ich muss nur schnell noch einen literarischen Abstecher nach Portugal beenden (José Saramago, auch interessant), dann geht es los.

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Ansonsten bin ich fortgeschritten genervt vom kaputten Fuß, Knöchel, was auch immer es nun genau ist. Es gibt noch nicht einmal ausreichend Klarheit. Denn es gibt ja auch keine Termine, oder zumindest nicht in der zeitlichen Abfolge, die wir in einem selig wirkenden Damals für ideal gehalten hätten. Na, in dieser Woche wird man am Ende mehr wissen, nehme ich an. Wenn alles klappt und man auf Bildern etwas erkennen kann.
Würde man das literarisch verarbeiten wollen, wie man heute, sobald man einen Prozessschritt in einer Praxis hinter sich hat, an weiteren Terminen der Behandlungsabfolge oder Diagnostik scheitern kann, weil telefonisch nahezu kategorisch niemand erreichbar ist, weil Mails keiner beantwortet oder vielleicht auch nur liest und weil die Termin-Buchungs-Apps zwar einige freie Slots anzubieten haben, nicht aber für genau diesen Zweck, den man wahrheitsgemäß angegeben hat, die sind erst in drei Monaten wieder möglich – man wäre in einem Szenario ungefähr auf der Mittellinie zwischen Kafka und Kishon. Kippelig zwischen bedrohlich und belustigend, je nach Gebrechen und Verlauf.

Und hätte man andererseits die Wahl, sich eine Wirklichkeit mit Alltag, Schicksal und allem nach den gängigen Mustern bekannter Vorbilder aus der Literatur zusammenzustellen, eine Mischung aus den Themen eben dieser beiden Autoren wäre sicher nichts, was man freiwillig anstreben würde. Zumindest nicht, wenn man bei Verstand und nicht allzu risikofreudig ist.
Aber man sieht es sofort vor sich, finde ich, wie etwa der berühmte Schlusssatz aus Kafkas „Vor dem Gesetz“ in diesem Zusammenhang ins Satirische gedreht werden kann, vielleicht am Ende eines bissigen, bösen Einakters, gesprochen von einer Arzthelferin, in der Tür des Wartezimmers lehnend:
„Hier konnte niemand sonst behandelt werden, denn dieser Termin war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und vergebe ihn neu.“
Und der Patient sitzt da und beißt verzweifelt in seine Krankenversichertenkarte. Die er dann, nachdem er sie solcherart zahngelocht hat, allerdings neu bestellen muss. Wofür er erst einmal seine Krankenkasse erreichen müsste, die aber die Hotline gerade auf eine KI umgestellt hat, welche die Angabe „Karte zerbissen“ nicht deuten kann und daher das Gespräch wiederholt an dieser Stelle beendet.
Wir könnten diesen Einakter vermutlich mittlerweile alle schreiben. Locker würde es uns von der Hand gehen. So dermaßen naheliegend ist das alles in Handlung, Ausführung und Komik.
Was wiederum beweist, dass die zunehmend irritierende Annäherung von Satire und Realität stetig weiter voranschreitet. Es ist ein Phänomen, das den meisten mit Humor im weitesten Sinne beruflich umgehenden Menschen seit Jahren bekannt sein dürfte.
Wenn Sie einen Bürojob, womöglich sogar wie ich einen Konzernjob haben, und wenn Sie die entsprechenden Corporate-Job-Memes auf Insta, TikTok etc. kennen, dann kennen Sie das auch aus diesem Zusammenhang. Sie sind oft sehr witzig, diese Memes, es sind erstaunlich gelungene Pointen dabei. Aber wenn man die ersten zwanzig, dreißig Lacher dieser Art hinter sich hat, stellt man mit wachsendem Erstaunen fest, dass sie nicht nur satirisch und witzig, sondern gleichzeitig auch vollkommen wahr sind, dass sie den eigenen Job womöglich merkwürdig realistisch beschreiben. Sie spitzen nicht zu, sie bilden nur ab.
Ein Umstand, zu dem es selbstverständlich auch etliche Memes gibt. Weil wir alle früher oder später darauf kommen.
Denkt man dies konsequent weiter und hält es auch noch für möglich, dass sich Satire und Wirklichkeit bei sämtlichen Themen annähern, dass dies eine allumfassende Entwicklung ist, dann können wir die großen Fragen der Menschheit vielleicht irgendwann auf nur noch eine und also finale Frage zusammendampfen. Mit deren Beantwortung dann alles, alles enden wird.
Nämlich auf die Frage, wer wohl zuletzt lacht, und ob dann für alle Ewigkeit.
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