Scholver und Scharben

Gestern Abend habe ich noch etwas im Schwalbenbuch (Stephen Moss, Über die Schwalbe) gelesen, wenige Seiten nur. Wieder zwei Bemerknisse, die hängengeblieben sind. Zum einen können Schwalben bei manchen ihrer bekanntlich sehr abgedrehten Flugmanöver auf 70 Stundenkilometer beschleunigen. Eine faszinierende Präzisierung des vagen Gefühls, dass die wirklich verdammt schnell sind. Zum anderen kann man es hören, so stand da, wenn eine Schwalbe im Flug ein Insekt fängt, das Zuklappen des Schnabels ist als Geräusch wahrnehmbar, eine Art Klicklaut. Das kann ich dummerweise nicht bestätigen, vielleicht habe ich bisher nicht genug aufgepasst. Ich muss im nächsten Sommer auf Eiderstedt unbedingt besser hinhören, womit ich also ein überaus attraktives Vorhaben in der Planung habe: Ich setze mich da in den Strandkorb, mache nichts, atme nur leise und achte intensiv auf das Zuklappen von Schwalbenschnäbeln. Und freue mich dann, wenn ich das Geräusch aus eigener Erfahrung bestätigen kann, ich werde natürlich berichten. Der Mensch braucht Ziele, ich sage es ja.

Heute wird es eher schwierig mit dem Nature Writing im Alltag, das mich gerade so interessiert, ich bin im Home-Office. Die Natur findet also nur beim Blick aus den Dachfenstern statt. Nicht einfach! Dennoch hinsehen. Wenn man nichts sieht, was man beschreiben kann, hat man nur nicht richtig hingesehen oder zu nachlässig assoziiert. Zwei Bücher habe ich gerade gehört, in denen beneidenswert gute Beschreibungen waren. Zum einen „Das Urteil“ von Hildegard Knef, da geht es um ihre Krankenhauserlebnisse und Diagnosen, und sie beschreibt Personal, Umstände und Einrichtungen mit bewundernswerter und auch geradezu grauenvoller Präzision. Sie schreibt gut, noch viel besser, als ich gedacht hatte. Schön, wenn man so irrt. Zum anderen „Die Enden der Welt“ von Roger Willemsen, das sind Reiseberichte. Manchmal etwas over the top, also für mein Empfinden, etwas byzantinisch verkünstelt vielleicht, aber doch alle paar Minuten eine Formulierung, bei der ich mit großem Respekt denke: „Oha. Das war jetzt verdammt gut.“ So eine Formulierung, bei der man das Hörbuch stoppt, kurz stehenbleibt und dem Satz noch etwas nachsinnt.

Egal. Ich sehe am Morgen aus dem Fenster des Zimmers von Sohn I. Über mir ziehen prompt und wie bestellt zwei Kormorane weg, fast möchte man Kormoräne schreiben. Kräne und Kormoräne, das ist alles folgerichtig. Langhälsiges Schwarz am Himmel, ziemlich tief, sie ziehen hinunter zur Alster, sie hausen dort in allerbester Wohnlage. Ich lese Kormorane nach, ich lese immer alles nach. Der Name kommt von „Wasserrabe“, das ist doch hübsch. Nicht durchgesetzt haben sich die älteren deutschen Bezeichnungen Scholver und Scharbe, aber wir haben sie jetzt einmal zur Kenntnis genommen. Immerhin! Schau, der schöne Flug der Scharben!

Was macht der Vogel da auf dem Kühlschrank? Es ist eine Küchenscharbe. Pardon, es geht gleich wieder.

Die Vögel werden jedenfalls zur Alster fliegen und dort am Rand des Gewässers einen erheblichen Teil des Tages mit Stillsitzen verbringen. Mit Starrsitzen noch eher, kein Zenmönch bekommt das jemals in dieser Perfektion hin.

Ich gucke nach links, da sitzt eine Krähe. Die guckt nach rechts, also zu mir. Sie legt den Kopf schief und überlegt so, wie sie das jetzt finden soll, dass da einer aus dem Fenster zu ihr guckt, wo sie doch gerade etwas trinken will, von dem noch recht frischen Regenrinnenwasser unterm Fenster. Von dem Wasser, das da noch in der Rinne steht, und über das jetzt der morgendliche Wind geht und kleine, ganz kleine Wellen treibt, so dass sich der zu dieser Zeit noch eher ödgraue Hamburger Himmel wildbewegt darin spiegelt. Dann trinkt sie betont gelassen ein paar Schnäbel Regenwasser, sieht noch einmal zu mir und fliegt wieder davon. Krähen haben, ist Ihnen das schon einmal aufgefallen, einen besonders schönen Abflughupf. Sie hüpfen in die Luft und lasse sich dann dermaßen butterweich in die ausgebreiteten Flügel fallen – es muss wunderschön sein, so etwas zu können. Unser erdgebundenes Losgehen ist dagegen gar nichts, eine unvergnügliche Bewegung ohne jede Eleganz. Man muss auch erkennen, wo man nicht mithalten kann.

Die Krähe fliegt zu einem abrissreifen Haus in unserer Straße und dann dort hinein. Das ist vielleicht etwas klischeehaft, Krähen und Ruinen, aber so ist es nun einmal, ich suche mir das nicht aus. In diesem Haus wohnen Tauben, Krähen und Spatzen, ich stelle mir die nachbarschaftlichen Beziehungen nicht immer einfach vor.

Ich sehe aus dem Fenster des Zimmers von Sohn II. Auf einen Balkon am Haus schräg gegenüber hat jemand einen Busch hingestellt. Ein Busch auf dem Balkon fällt hier auch unter der Natur, das ist die Großstadt, wir sind nicht wählerisch. Das Haus da drüben ist alt und die Balkone spiegeln die Mietpreisveränderungen, die zur Zeit seiner Erbauung für die Etagen galten. Die Balkone werden mit jedem Stockwerk nach oben etwas kleiner und schmuckloser. Ganz oben dann nur noch eine Art Austritt, das war da eher schäbig, oben war es billig, die armen Poeten unterm Dach. Der Balkon, auf dem dieser Busch jetzt steht, ist schon ziemlich klein, und der Busch nimmt etwa die Hälfte des Platzes ein, die überhaupt zur Verfügung steht. Unverhältnismäßig groß ist er also, unüblich groß für Balkonpflanzen. Er ist außerdem so hoch wie der Nachbar, manchmal sieht man beide auf dem Balkon, den Mann und seinen Busch. Ich weiß nicht, was für ein Busch das ist, es ist ein sehr buschiger Busch, würde ich sagen.

Aber ich kann ihn so beschreiben, dass Sie ihn sich wahrscheinlich gleich vorstellen können. Denn er entspricht exakt den Büschen, in denen sich in den alten Asterix-Bänden gelegentlich römische Soldaten weggetarnt haben. Erinnern Sie sich? Und so absurd ähnlich ist er diesen Comiczeichungen von Uderzo, ich finde diesen seltsam überdimensionierten Balkonbusch immer wieder amüsant, und jedes Mal, wenn ich hingucke, sehe ich auch den Römer darin.

Wobei mir nebenbei auffällt, wie präsent mir diese Naturzeichnungen aus Asterix noch sind. Wie sehr ich damals die Wälder in den Comics gemocht habe, ich hätte so gerne auch solche Wälder zeichnen und malen können. Aber das habe ich dann nicht gelernt, das war mir zu mühsam. Selbst schuld!

Ich gehe auf unseren Balkon. Unter mir der Spielplatz, die umtriebigen Eichhörnchen, das kennen wir schon. Was noch? Hinsehen! Die Mirabelle hat keine Früchte mehr, auch der Fruchtmatsch unter ihr ist schon größtenteils vom Regen weggespült und von Passanten unter den Sohlen der Schuhe weggetragen worden. Neulich war ein Fotograf da, der schien mir schon sehr alt zu sein. Eine Wahnsinnsausrüstung hatte er dabei, große Reflektoren etc., und der fotografierte da von unten in die Mirabelle, als noch einige Früchte an den Zweigen hingen. Ich hätte ihn gerne gefragt, warum und wozu, obwohl ich eigentlich nie fremde Menschen anspreche. Aber es ging ohnehin nicht, ich hätte nämlich Schlange stehen müssen, das fragten ihn nämlich alle, die hier ringsum wohnen und da vorbeikamen. In einer Kurzgeschichte, eh klar, hätte er da gar nichts fotografieren wollen, in einer Kurzgeschichte hätte er einfach nur mal mit jemandem reden wollen. That was easy!

Ansonsten: Mehr und mehr Gelb im Grün der Eichen und Birken. Kein Gelb im Laub der Linden, aber es verliert doch an grüner Sättigung und wird allmählich matt, stumpf und gänzlich glanzlos, es wird, wie ich mich seit Wochen schon fühle.

Das letzte Fenster, das Küchenfenster. Fast exakt der gleiche Ausblick wie vom Balkon, nur zwei Meter nach links verschoben.

Ich sehe die Wetterfahne auf dem Kirchturm, der Heilige Sankt Georg, der Drachentöter, dreht sich dort. Der Wind kommt aus Südwest bis West, lese ich ab. Ich finde das merkwürdig befriedigend, die Windrichtung zu benennen, es hat etwas. In den Himmel sehen, wie die Wolken ziehen, zum Kirchturm, zu den Fahnen auf dem Hotel, und dann: „Süd, auf Südwest drehend.“ Das ist schön, und ganz kurz, immerhin für den Moment dieser Feststellung, wenigstens eine Minute lang, habe ich doch einmal Himmelsrichtungen im Kopf, die Verortung der Stadt auf der Karte, das Größere, das Land und den Kontinent, die Meere. Beiläufig nur, aber doch. Heute Nacht, so lese ich dann im Wetterbericht, wird Sturm aufkommen, von der Nordsee her. In exponierten Lagen erreicht er Stärke 10, schöne Grüße nach Helgoland, da wäre ich jetzt auch gerne.

Ich bin aber nur virtuell in exponierter Lage, wie das bei Blogs so ist.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

 

Sprudelzwitscher

Die Woche der kurzen Einträge. Oder der Monat, die Saison, was weiß ich, das geht hier immer so weiter. Ich lese weiter in Stephen Moss, „Über die Schwalbe“, und ich teile Ihnen einfach die schönsten Erkenntnisse mit, ich erlebe sonst gerade nichts, was erzählt werden könnte. Zwei Bemerknisse aus dem Buch habe ich gestern vor dem Wegdämmern noch abgespeichert. Zum einen verfüttern Schwalbeneltern 150.000 Insekten an die Brut, bis sie flügge wird, das ist doch mal eine stattliche Zahl 150.000 Insekten, die muss man erst einmal fangen. Wenn ich richtig gerechnet habe, würde ich den Söhnen, wenn sie bis zum Schulabschluss an jedem Schultag ein Schulbrot bekommen, was natürlich gewiss so nicht sein wird, insgesamt cirka 4.560 Schulbrotdosen füllen. Das reicht sicher für eine gewisse Routine, aber die Leistung der Schwalben beeindruckt irgendwie mehr, schon klar.

Zum anderen, so habe ich noch gelesen, bezeichnen die Franzosen den Gesang der Schwalben als gazouillement. Das ist ein Begriff, den sie auch für das Plätschern oder Murmeln eines Baches verwenden. „Wasserartiges Gluckern.“ Eine Analogie, die im Deutschen nicht ganz hinkommt, wenn ich das gerade richtig durchdenke, höchstens könnte man vom sprudelnden Zwitschern der Schwalben schreiben. Es wird einem fast sommerlich, wenn man das so schreibt, aber es klingt im Deutschen stürmischer und zischender, glaube ich, als es im Französischen vermutlich gemeint ist. Gazouillement, es ist gar nicht so einfach auszusprechen, aber es ist eine schöne Vokabel. Die mal für den Smalltalk merken, falls man in Frankreich jemals Schwalben treffen und auch hören sollte. Schwalben übrigens: Hirondelles. „Une hirondelle ne fait pas le printemps.“ Das auch mal merken für den nächsten März.

Vage in diesem Zusammenhang: Verlust auch in der Literatur. Da mal Gegenwehr leisten – Waldsimse! Rauchschwalben! Das Thema interessiert mich jedenfalls. Mir fiel ein Mangel an Naturkenntnis vor einigen Jahren zuerst anhand von englischen Romanen aus dem neunzehnten Jahrhundert auf, in denen dauernd etwas aus Gärten und Parks duftete, das ich gar nicht kannte. Und da sitzt man da dann so als Leser ohne Bild und Duft und denkt sich: Okay, eine Pflanze eben. Schon etwas arm.

Naturbeobachtung auf dem Weg zur Arbeit heute: Eine tote Maus, die mittig auf dem Fußweg lag und mir ganz ungewöhnlich langhaarig vorkam. Winterfell? Egal, das nützt ihr jetzt auch nichts mehr. Und ein lebendes Eichhörnchen habe ich kurz darauf noch gesehen, welches gerade hektisch eine frisch überfahrene Platanenfrucht vom Asphalt wegknabberte, sich dabei immer wieder panisch umsehend, mit vor Fluchtbereitschaft bebenden Pfoten. Kein entspanntes Frühstück war das.

Sonst ist mir heute nichts aufgefallen. Doch, eine Laterne war da noch. Auf der einen Seite ein Aufkleber: „Fuck Grüne.“ Auf der anderen stand handschriftlich in etwa gleicher Größe: „FCKAFD“. Oder, wie es in deutschen Medien heißen würde: Die Laterne war tief gespalten.

***

Es regnet, es ist kühl, es ist dunkel. Wird Herbst da draußen.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Standardbriefe und Schwalben

Nur kurz, die Woche ist voll, allzu voll. Schon der Montag ist im Grunde ein Unding jenseits des Zumutbaren gewesen, er ist es noch. Der Blick geht unwillkürlich bereits zum Freitag, der ist weit, so weit. Und Freitag wird es auch gar nicht besser, ich gucke da nur aus Prinzip und Tradition hin. Nun, es gibt so Wochen, ich will nicht jammern. Also will ich doch, aber ich will auch so tun, als ob nicht. Kompliziertes Innenleben, wie ein Gedicht von der Kaléko heißt, aber das ist ein anderes Thema.

Dennoch zwischendurch ein paar Seiten gelesen. Immer dennoch ein paar Seiten lesen, ganz wichtig. Ich lese in Stephen Moss: Über die Schwalbe. Da steht, eine durchschnittliche Schwalbe (auch eine schöne Beschimpfung übrigens, Sie Durchschnittsschwalbe! Das mal irgendwo anbringen) wiegt in etwa so viel wie ein Standardbrief. Ein Standardbrief, wie leicht bitte ist ein Standardbrief. Landete eine Schwalbe auf meiner Hand, ich spürte sie also kaum. Und es wäre schön, so schön, wäre das Gewicht eines Standardbriefs anhand der Schwalben ermittelt worden. Die beiden Reisenden, die beiden Leichtgewichte, Brief und Schwalbe, die setzen wir mal gleich, was wiegt die, so soll auch das sein. Aber, versteht sich, so poetisch wird der Zusammenhang nicht sein. Schade eigentlich.

Schönes Buch, aber das sagte ich bereits. Liest sich gut.

Ansonsten nur Office-Office, Home-Office und Freiberufler-Office. Nennen wir es Free-Office? Das Office-Office im Büro des Arbeitgebers, das Home-Office am Wohnzimmertisch, das Free-Office kurz darauf auf dem Sofa daneben, variatio delectat, mein Notebook und ich, wir kommen herum.

Ich frage einen Sohn, warum ich ihm eigentlich jeden Morgen einen Apfel schneide, wenn er ihn doch stets und verlässlich nur zur Schule mitnimmt, um ihn dann nach der Schule wieder auszupacken? Der Sohn sagt kauend und mit großer Selbstverständlichkeit, dass er nach der Schule nun einmal gerne einen Apfel esse. Auf meine Anmerkung, dass man das Obst zu diesem Zweck nicht erst durch die Gegend tragen müsse, reagiert er überrascht, darüber hat er nie nachgedacht. Er holt eben immer nachmittags einen Apfel aus dem Ranzen und isst ihn dann.

Von dem Prozess „Apfel schneiden und essen“ sind hier also große Teile komplett sinnentleert, teils überflüssig und seltsam terminiert. Lieber nicht darüber nachdenken, für wie viele Prozesse das wohl noch gilt.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

 

Septembersonntag

Es wird zögerlich hell, der Tag wird grau bleiben. Auf dem Hotel gegenüber weht die Hamburgfahne am frühen Morgen so munter im Wind, als sei diese Stadt etwas Lustiges. Über der Alster hängt gerade vergehender weißlicher Dunst wie über meiner morgendlichen Kaffeetasse. Ich gehe durch die Wohnung und sehe aus den Fenstern, also zumindest aus denen, vor denen kein Familienmitglied noch schläft. Auf dem Spielplatz läuft das Eichhörnchen der Frühschicht dermaßen beschäftigt herum, dagegen kann man als Mensch gar nicht ankommen. Ganz egal, wie voll unser Tag ist, wie viel wir heute noch zu tun haben – so eilig wie das Tier werden wir es schon nicht haben. Ein Haus weiter läuft ein anderes Eichhörnchen gerade vom fünften Stock aus senkrecht eine Wand hinunter. Ich wusste gar nicht, dass sie das können. Ich frage mich, ob sie wohl auch bei uns auf den Balkon kommen können? Das ist ein Stockwerk weniger, das müsste dann leicht sein. Da mal Nüsse hinlegen?

Es ist jetzt schon rollkragenkühl am Morgen und das Gehen wird schöner, man kann wieder Strecke machen und atmen. Erste gelbgrüne Laubdekorationsstreifen an Kantsteinen, noch etwas dünn, noch etwas ausgefranst, löcherig und unfertig. Demnächst dann wieder die barocke Üppigkeit des gefallenen Goldes, aber das dauert noch.

Eine Möwe fliegt die Straße von der Alster herauf, eine fliegt sie zur Alster hinunter, wobei sie sich korrekt an die Autospuren halten, eine fliegt links, eine fliegt rechts. Ob sie sich über uns lustig machen?

Ich lese am Morgen die „Karte der Wildnis“ von Robert Macfarlane durch, darin ist viel mehr Natur als hier, denke ich, so viel mehr. Aber die Blaumeise sitzt immerhin auf dem Balkongeländer. Das Elsternpaar sitzt auf der alten Fernsehantenne auf dem Dach gegenüber, die Tauben picken unten in der Sandkiste, und die Krähen fliegen kreisend um den Kirchturm wie in einer Spukgeschichtenillustration für ein Kinderbuch. Müde Blumen auf dem Balkon. Die Duftnessel hält die verblassten Blüten noch stoisch hoch, aber an den Blättern wird ihr immer klammer und kälter, man sieht es ihr an. Das irgendwann draußen vergessene Basilikum hat schon schwärzliche Ränder am Blattwerk, zu retten, ach, zu spät.

Ich schreibe am Küchentisch in einem Notizbuch die letzte Seite voll. Ich lege es zu den anderen vollgeschriebenen Büchern in den Schrank und nehme ein neues aus dem Vorrat. Immer fühlt sich das großartig an, als sei etwas erreicht worden. Das ist selbstverständlich blanker Unsinn, gar nichts wurde hier erreicht. Die Notizen sind nicht einmal geistreich. Ich halte nur den Alltag fest, und der ist bar jeder Originalität. Nein, nichts ist erreicht, nur Zeit ist vergangen, nur Seiten sind beschrieben, und doch, und doch – ich liebe dieses Gefühl. Es ist eines der besten. Ein neues Notizbuch und der Blick ins Regal, sind noch genug da?

Ich gehe Brötchen holen. Zwei ältere Damen, silberhaarig und schon in Winterjacken, kommen mir entgegen, ich höre, wie eine im Vorbeigehen sagt: „Ein Wiener Kaffeehaus hatten wir in dieser Straße hier noch nie.“ Das ist schon wieder seltsam, sehr seltsam sogar, denn in dem gerade durchgehörten Roman Glitterschnitter von Sven Regener geht es immer wieder und wieder um ein Wiener Kaffeehaus in einer bestimmten Straße. Ich muss noch einmal dringend über Wahrscheinlichkeiten und über die Vermischung von Literatur und Wirklichkeit nachdenken, ich bin mit dem Thema noch nicht fertig. Noch lange nicht.

Jetzt höre ich übrigens „Die Enden der Welt“ von Roger Willemsen als Hörbuch, ein etwas harter Wechsel und ein tendenziell überfordernder Einstieg, das mit dem todkranken Kind da – ich bin einfach nicht dickfellig genug für so etwas.

Ich gehe durch den Hauptbahnhof. Vor dem stehen vier junge Männer in Sportkleidung und mit riesigen Sporttaschen, einer sagt gerade zu den anderen: „So lasst uns denn Abschied nehmen.“ Genau so sagt er es, mit einem Satz direkt aus dem neunzehnten Jahrhundert, es fehlt nur noch, dass er die anderen liebe Brüder nennt, aber so weit geht er doch nicht. Sie hauen sich auf die Schultern und gehen auseinander.

Wieder zuhause mache ich die Post von gestern auf, ich kam noch nicht dazu. Eine Verlagsabrechnung: 43 Cent. Dazu höre ich die Ballade vom angenehmen Leben, es passt schon. Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

Wir fahren in den Garten. Der Tag ist tatsächlich grau geblieben, das Licht ist langweilig, es ist kühl, es ist kein Gartenwetter. Aber ein Sohn möchte dort Tischtennis spielen und die Herzdame möchte mit dem anderen Sohn eine Wand der Laube streichen. Vor dem Vereinshaus gibt es eine Tischtennisplatte. Die allerdings steht unter einem Pflaumenbaum, der schon reichlich Früchte gelassen hat, die niemand aufgesammelt hat. Sie liegen vor und auch auf der Platte in allen Zuständen des Gammelns. Es riecht unangenehm vergoren, es sieht auch nicht gut aus und wenn man einen falschen Schritt macht, rutscht man auf dem Schmodder aus, liegt im Fruchtbrei, mag wochenlang keinen Pflaumenkuchen mehr und dann ist die Saison auch schon vorbei. Wir spielen dennoch ein wenig, denn wir hatten ja einen Plan.

Die Herzdame gräbt im Garten etwas aus dem Rasen und recherchiert diese Pflanze mit verschiedenen Apps. Sie kommt zu dem Schluss, dass es wohl eine Waldsimse ist. Das habe ich noch nie gehört und es könnte für mich auch einfach ein Witz sein, eine Waldsimse aus der Gattung der Simsen, nee, ist klar. Aber es ist kein Witz. Und im Grunde ist es natürlich grandios, ich kann hier den Bogen zum Macfarlane schlagen, zu seiner vielen Natur – es gibt nämlich auch hier, in meiner gewohntesten und vertrautesten Umgebung, auf den paar Quadratmetern, die ich schon tausendmal gesehen habe, immer noch mehr Natur, als ich ahne.

Dann gehen ein Sohn und ich zu Fuß vom Garten nach Hause, das sind etwas mehr als fünf Kilometer, das ist eine Stunde Weg. Wir reden unterwegs über Gott und die Welt. Beide kommen nicht sehr gut weg dabei, aber wir sind viel schneller zuhause, als wir dachten, so ist das mit guten Gesprächen. Wir denken wieder, wir sollten öfter gehen. Wir würden auch gerne die gemeinsame Ostseewanderung wieder aufnehmen, die ist uns nämlich pandemisch abhandengekommen. Die Idee ist jedoch noch da und ja, es geht irgendwann weiter. Es ist sogar noch Leserinnengeld dafür da, ich habe eine geordnete Buchführung. Apropos Leserinnengeld, der Trinkgeldbericht ist überfällig, ich weiß. Demnächst!

Und apropos Bogen schlagen, hier noch eben die Kurve zum Titel und zum gestrigen Text, in dem ich mich vehement beschwert habe, dass in Herbst-Liedern die Tage keinesfalls länger werden dürfen. Ein Lied, in dem sie kürzer werden, wie es sich doch gehört. „But the days grow short when you reach September.“ Geht doch. Und was für eine schöne kleine Szene, nicht wahr.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

 

Les feuilles mortes

Das ist auch so ein Ritual, der frühherbstliche Verweis auf meine selbstverständlich neu nachgepflegte Playlist „Les feuilles mortes“, drüben bei Spotify. 50 Varianten des Liedes in deutschen, englischen und französischen Versionen. 3 Stunden und 25 Minuten Laufzeit. Da kann man schon mal ein paar Blättern beim Fallen zusehen, während das läuft. Ich mache das in jedem Herbst exzessiv so, das tut gut. Im Garten schwächelt die Birke bereits erheblich, unter der liegt schon güldenes Geflitter auf dem Rasen und auch auf den übersehenen Kartoffeln im Beet, die Saison beginnt. Im Drogeriemarkt fragte heute Morgen eine Kundin nach Laubsäcken, auf der Straße vor dem Laden fuhr, als ich wieder herauskam, gerade ein LKW vorbei, auf dessen Plane stand Werbung für einen zuverlässigen Winterdienst. Dazu ein Bild von lachend arbeitenden Männern im Schnee. Doch, es geht los, die dunkle Jahreszeit, volles Programm.

Es sind wunderschöne und auch seltsame Versionen in der Playlist dabei. Die von Bob Dylan etwa, sie lässt einen sicher mit dem Gedanken: „Was war das denn?!“ zurück. Die berührende Aufnahme von Eva Cassidy ist, wenn ich da recht informiert bin, aus dem Jahr ihres unfassbar frühen Todes, das reicht auch schon für eine nachhaltig Verstörung. Die Variante von Udo Jürgens ist viel präsentabler, als man vielleicht zunächst denkt, bei der Piaf wiederum muss man mal darauf achten, wie ihre Stimme sich minimal ändert, wenn sie die Sprache wechselt, es ist alles sehr interessant. Die Nichtfranzosen verstolpern sich hier und da, der französische Text ist definitiv einigermaßen schwer zu singen – das kann man unter der Dusche jederzeit leicht nachvollziehen.

Das Lied ist im Original (Text: Jacques Prévert, Musik: Joseph Kosma) einmalig schön und ich preise mein schwächliches Schulfranzösisch hauptsächlich deswegen, weil ich solche Texte gerade noch verstehen und auch heimlich mitsingen kann. Das hat doch etwas. Wobei mir einfällt, dass wir in dieser Familie ein Ritual haben, das etwas seltsam ist. Wenn sich hier nämlich jemand angeklagt fühlt, ob berechtigt oder nicht, wenn sich jemand in die Enge getrieben fühlt, dann sagt er mit disneyhaftem Augenaufschlag zum jeweiligen Ankläger in ersterbender Stimme: „Aber isch ab dir doch ein Chanson komponiert.“

Das hat keinen tieferen Sinn, das blieb nur aus einem Kinderhörspiel (Eule findet den Beat war es, glaube ich) hängen, das wirkt bis heute erfreulich nach. Es nimmt gewissen Szenen die Schärfe und sollte mich die Herzdame jemals verlassen wollen, wozu sie aber gottseidank eh keine Zeit hat, sie weiß jetzt schon, was ich sagen würde. Auch schön.

Les feuilles mortes also. Hier gibt es noch eine umfangreiche Liste aller Cover-Versionen. Es ist mir ein Fest, wie umfangreich das dort ausfällt. Wie großartig ist es bitte, dass es Nerds für jedes Fachgebiet gibt, die so etwas akribisch anlegen und pflegen.

Ich baue hier gleich noch einmal die wunderbare Talkshow-Version von Yves Montand ein.

In den englischen Versionen stört mich übrigens immer, dass sie da alle von länger werdenden Tagen singen. Seit der oder die Geliebte weg ist, wurden die Tage bei denen länger, und das mag ja emotional stimmen, wer kennt es nicht, es ist aber dennoch Unsinn, wenn es gerade Herbst wird und die Tage damit also deutlich kürzer. Ein Lyrikfehler erster Klasse, da hätte man nochmal rangemusst, das geht so nicht. Am Rande vielleicht auch interessant: Im Französischen trennt das Leben die Liebenden, und zwar tout doucement, sans faire de bruit, im Englischen aber ist der jeweils andere gegangen und also platt schuldig.

Und der Einstieg in die gängige deutsche Version mit „Der Schleier fiel von meinen Augen“, der müsste auch mal dringend mit einem Update versehen werden, der ist mittlerweile doch etwas aus der Zeit gefallen. Das plattdeutsche „Ick denk an di“ von Ina Müller etwa ist dem eigentlich vorzuziehen. Hannes Wader singt deutlich näher am Originaltext, da gibt es keine Klagen, aber ich weiß nicht recht, das fängt mich nicht ein, was daraus wird – es ist sprachlich zu kompliziert und allzu bemüht geworden. Die französische Version ist schlicht, darin liegt der ganze Zauber.

„Doch das Leben trennt immer wieder Liebende, die sich nicht mehr verstehen.“ Versus: „Mais la vie sépare ceux qui s’aiment.“ Spiel, Satz und Sieg Französisch, da wird der Satz schon beendet, während die Deutschen noch ein paar Silben nachholen gehen.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

 

Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe Post bekommen, hoch erfreuliche Post sogar, ein Buch nämlich, ein sicherlich gutes. Tarjei Vesaas, Das Eis-Schloss, aus dem Norwegischen (es gibt mehrere Norwegisch, wissen Sie das? Ich hatte das schon einmal im Blog) übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Ich mochte „Die Vögel“ vor einiger Zeit von Vesaas sehr – also wirklich sehr – hier jetzt eine jubelnde Rezension zum Eis-Schloss. Vielen herzlichen Dank an die edle Spenderin! Ich bin entzückt.

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von maximilian buddenbohm (@buddenbohm)

Vorderseite

Heute eine Sequenz, die ist so kurz, sie ist quasi nur ein Gif, aber ein bewegtes Bild ist sie immerhin doch. Wie neulich erst erklärt, muss ich für diese Rubrik unbedingt aktuelle Bilder nehmen. Dieses ist von heute Morgen, es ist also fangfrisch und es kam auf unglaubwürdige Art zustande, aber so ist es, das Leben, so ist es nun einmal. Ich fuhr nämlich eine Station mit der S-Bahn, was ich nur noch selten mache, ich habe ja seit achtzehn Monaten nicht einmal mehr eine Abokarte. Gestern aber war ein so dermaßen öder Home-Office- und Hausaufgaben- und Haushalts-Tag, dass ich dachte, ich kann nie wieder einen Text schreiben, wenn ich nicht bald etwas erlebe. Irgendwas, Hauptsache, es findet nicht in Excel oder in einer Lern-App oder in meiner Küche statt. Deswegen, immer alles gleich umsetzen, blieb ich heute nicht zuhause und ging auch nicht zu Fuß ins Büro, wie ich es sonst immer tue, weil ich nämlich mehr Bewegung brauche und auch Zeit für die vielen Hörbücher (immer noch Glitterschnitter vom Regener im Moment, man möchte es gegen Ende aber doch gerne etwas kürzen, es wiederholt sich alles darin schon arg). Nein, ich fuhr vielmehr mit der S-Bahn, weil ich mit der mir eigenen Geistesschärfe auf den Gedanken kam: Da sind Menschen drin. Was ich wiederum, so viel Ehrlichkeit muss sein, nicht etwa aus sozialer Warmherzigkeit und Interaktionsbedüftigkeit heraus dachte, sondern eher aus Contentgeilheit. Ich stieg da also nicht mit wahrer Anteilnahme ein, sondern eher mit einem kalten „Los, macht was!“ im Herzen, so wird der Autor nämlich, wenn er Inhalt braucht, es ist auch nicht immer alles schön an dem Beruf.

Ich setzte mich, wie man sich heute eben setzt, als zweite Person in eine Vierersitzgruppe. Schon drei Personen wären seltsam eng, das fühlt sich dann nicht mehr gut an, aber zwei gehen gerade noch, und entsprechend waren alle Vierergruppen im Waggon besetzt, immer zwei Personen sich schräg gegenüber. Mir schräg gegenüber saß eine junge Frau, sagen wir ruhig eine sehr junge Frau, sagen wir einfach, sie war zwanzig Jahre alt. Die sah aus dem Fenster auf das vorbeiziehende Hammerbrook, dann sah sie kurz mich an, so desinteressiert, wie es der Situation sicher angemessen war, dann sah sie wieder aus dem Fenster in das Großstadtgrau, Behördenhochhäuser, Hotels, Bürobauten, Baustellen, da war nichts, was Blicke festhalten konnte. Dazu hörte sie etwas über Kopfhörer. Ich hielt es für Musik, was allerdings etwas vorschnell war. Jetzt das Gif und der unglaubwürdige Teil, glauben Sie es mir einfach trotzdem, es stimmt schon.

Und zwar hob sie kurz darauf ihre rechte Hand und hielt sie in etwa vor ihr Herz. Einen Moment lang schwebte sie da so vor ihrem Oberkörper in der Luft und die Frau schloss dabei ihre Augen. Dann legte sie die Hand mit unaussprechlicher Sanftheit und zeitlupenhaft langsam auf ihrem Herzen ab, also jedenfalls in etwa dort, wo ich ihr Herz vermutete, und hielt sie dann dort auf eine authentisch theatralisch wirkende Art, was wie ein Widerspruch klingt, aber so ist der Mensch, oder so kann er wenigstens sein. Ihre Augen blinzelten immer schneller, füllten sich mit Wasser und röteten sich etwas, das brauchte keine Minute, nicht einmal eine halbe. Sie sah noch einmal schnell zu mir, denn das war nicht gut, dass ich ihr gegenübersaß. Sie wollte jetzt nicht gesehen werden, das verstand ich sofort. Und das sah ich auch ein und erhob mich wieder, ich musste eh aussteigen, die Station meines Büros kam schon in Sicht. Sie fing jetzt leise an zu reden, in das Mikro am Kopfhörerkabel, und sie sprach sehr schnell, leise, hochkonzentriert und in langen, langen Sätzen, von denen ich nicht sicher weiß, in welcher Sprache sie gesagt wurden. Dabei holte sie ihr Handy heraus und prüfte, immer weiterredend, mit der Kamera, ob und wie desolat sie aussah, sichtlich bemüht, ihre Gesichtszüge möglichst unbewegt zu halten. Ein Tropfen am oberen Rand der OP-Maske, ein dunkleres Blau an dieser Stelle, eine winzige Farbänderung.

Und da steht man dann als contentgeiler Autor im Gang der S-Bahn, auf einmal doch voll warmer Anteilnahme, mit der man dann aber nirgendwo hinkann, weil man in dieser Stadt nicht einfach andere Menschen anspricht, auch dann nicht, wenn sie unerwartet vor einem weinen, und wie gesagt, ich musste eh raus, was soll man machen, ein Werktag, business as usual. Nur in Kurzgeschichten läuft so eine Szene dann anders weiter, nicht aber in Blogs. In Blogs geht man und erfährt keine Fortsetzung.

Wieso ich aber neuerdings dauernd weinende Menschen sehe, wenn ich zur Arbeit gehe oder fahre – was ist eigentlich los da draußen?

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Links am Abend

Ich habe dummerweise gar keine Zeit für Texte, etwa weil ich mit dem Sohn, der mittlerweile in der achten Klasse des Gymnasiums ist, wieder Mathe übe. Textaufgaben, Sie wissen, ich liebe das. Irgendwelche Zierfischfreaks haben ein Aquarium, das ist so und so lang und so und so breit und so und so hoch, bis dahin ist es noch einfach, wenn nicht tückischerweise – und Mathepädagogen sind tückisch, da gibt es nichts – zwischendurch die Einheiten klammheimlich gewechselt werden, und dann schaufeln die Fischfreunde da natürlich immer ein paar Kubikirgendwas Kieselchen rein, wie hoch steigt das Wasser, das messen die Spinner da natürlich nach, und welches Volumen haben eigentlich die Fische. Ich habe mittlerweile eine solche Aversion gegen die Aquaristik, Sie können es sich nicht vorstellen. Der andere Sohn strapaziert nebenbei mein Schulfranzösisch auf eine Weise, dass mir ganz blümerant wird und ich konnte mir früher auch mal deutlich leichter merken, welches Gemüse nun weiblich oder männlich ist. Légumes! Ich habe das Wort noch nie im echten Leben verwendet, aber ich weiß es noch, immerhin. Stellt sich sowieso raus, bis 7. Klasse weiß ich Französisch noch ganz gut. Die Vokabeln sind nahezu alle noch im Kopf vorhanden, was aber damals danach geschah, also ab Klasse 8., das ist mir vollkommen unklar. Das habe ich alles nie gehört, nie geschrieben, nie gesehen. Wie aber habe ich das Fach überhaupt überleben können? 

Egal, das nur am Rande. Hier ein paar Links, wenigstens das.

***

Lang, gründlich und abwägend über Neophyten. (Audio)

***

So the first step is recognizing that you, too, need rest. Don’t just want it, don’t just fantasize about it, don’t just talk about it and then deny it, but need it, require it, in order to keep going. The second step is advocating for the structures that make it possible — on a personal, professional, and societal level — so that others can ask and receive rest too.Kommt mir alles gut und richtig und wichtig vor, in dem Text. Leider vergessen, wie ich den Artikel gefunde habe, vagen Dank an irgendwen! Internet eben.

***

Vom Genuss der Irrelevanz. Glückwünsche zum Bloggeburtstag in den Süden! Danke für die Beständigkeit und Verlässlichkeit, ich mag so etwas.

***

Ich habe noch nicht reingesehen, aber diese Rezension zu “Trigonometry” klang interessant.

***

Dieses Buch ebenfalls mal einplanen, klingt auch gut.

***

Ich höre gerade “Glitterschnitter” von Sven Regener, gelesen natürlich von ihm selbst. Hier eine Rezension, die recht gut hinkommt. Passt. Wobei es mir gerade gelegen kommt, dass ich bei dem Buch durch leichte Unaufmerksamkeit nichts Wesentliches verpasse. Die reden da einfach alle immer weiter und ab und zu ist es witzig, doch, ich mag es.

***

Wo der Algorhitmus den Menschen schlägt – und umgekehrt. Gerd Gigerenzer im Interview. (Audio)

***

Muddy Waters und Sonny Bow Williamson.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Eine Dankespostkarte

Rückseite

Es kam Geschenkpost! Ein Buch von Stephen Moss über Schwalben, dieses hier. Es ist ein Buch von großer Hübschigkeit, es soll aber auch einen feinen Inhalt haben, so las ich in Rezensionen. Und eine große Standluftpumpe kam auch – wir haben vier Fahrräder, wir pumpen hier dauernd etwas auf, man möchte das möglichst einfach gestalten. Es stand nicht dabei, von wem beides kam, der Dank geht ins Ungewisse. Bereits vor einiger Zeit schon gab es von einer Leserin auf ganz anderem Zustellungsweg selbstgestrickte Socken für die Söhne, das sei hier auch endlich erwähnt, und zwar mit herzlichem Dank.

Vorderseite

Ich muss Dankespostkarten schnell schreiben, sonst klemme ich bei dem Thema auf ganz seltsame Art. Wenn ich sie aber schnell schreibe, dann ist es eine Szene aus den letzten Tagen, die hier abzubilden ist, insofern müssen per definitionem auch gänzlich nebensächliche Motive vorkommen, es wird nicht anders gehen. Und Sie wissen, ich halte mich nicht an das herkömmliche Kartenformat, auf meinen Karten sind Videosequenzen, manchmal sogar mit Tonspur oder Lichteffekten, aber eben nur als Text.

Heute also nur eine Kleinigkeit, im Grunde sogar ein klassischer Fall von: „Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.“ Ich zeige es Ihnen aber dennoch, denn ich habe sonst nichts zu zeigen, es gab nur Home-Office. Und zwar sitze ich mit einem Sohn, dem gerade dringend Imbiss-Essen zugeführt werden muss, weil er soeben spontan ein Stück gewachsen ist, am Rande eines Platzes in der Nähe einer S-Bahn-Station. Es ist warm, man kann draußen noch entspannt herumsitzen, es ist ein Moment im sweet September. Unter einer Brücke in der Nähe steht einer und spielt auf einer Anlage sehr laute, basslastige Reggae-Musik und tanzt exaltiert dazu, als würde er allen vorleben wollen, wie selig uns der Reggae machen kann. Die Melodien und Rhythmen wehen herüber zu uns, gehen aber zwischendurch im Verkehrslärm und im S-Bahn-Geratter unter, es ist eine ausgesprochen großstädtische Geräuschkulisse. Ein paar Meter weiter lagern etliche Menschen, die allesamt, wie man unschwer erkennen kann, ein weit fortgeschrittenes Alkoholproblem haben. Einige dieser Menschen sprechen eine osteuropäische Sprache, einige sprechen Deutsch. Man kennt sich wohl in dieser Szene, man kann sich teils auch über die Sprachgrenzen hinweg verständigen, zumindest auf das Weiterreichen von Flaschen. Die Menschen machen nichts, abgesehen von dem, was sie vermutlich sehr oft tun, also trinken. Und sitzen, liegen und reden. Einer singt auch, aber leise.

Auftritt Polizei, gleich in Truppstärke, sechs oder acht Personen, weiblich und männlich in gleicher Anzahl. Sie tragen vorschriftsmäßig Masken, die lagernden Menschen natürlich nicht. Die Polizei bittet höflich um Räumung des Platzes, und das Wort höflich steht da nicht umsonst. Ausgesprochen höflich bitten sie um diese Räumung und einer der Menschen auf dem Boden sagt mit einiger Mühe etwas, das klingt wie: „Selbstverständlich, gerne“, nur mit weniger und eher unklaren Konsonanten. Die Information wird langsam durch die Gruppe gereicht, übersetzt und dann angeregt diskutiert. Eine Frau sammelt Sachen ein und fragt, wo man denn jetzt hin gehen könne? Ein Polizist erklärt, dass dieser Platz geräumt werden solle, mehr nicht, und er erläutert weiter, wo nach seiner Auffassung dieser Platz endet. Er zeigt dabei etwas vage in eine Richtung, eine weitere Frau mit halbvoller Wodkaflasche in der Hand folgt dem Hinweis mit den Augen und fixiert dort hinten mühsam einen Punkt. „Sehr wohl“, sagt sie dann, „sehr wohl.“

Sie gibt den Hinweis weiter. Die Lagernden stehen stöhnend auf und packen ihre verstreuten Sachen ein, einige haben noch Fragen. Die Damen und Herren von der Polizei beantworten alles freundlich und geduldig, überhaupt werden alle immer noch freundlicher, bis es schließlich ein Spaß wird, sich bei dieser Aktion möglichst formvollendet zu benehmen. Einer der Trinker sammelt ein herumfliegendes Papierschnipselchen auf und verbeugt sich vor einer Polizistin, ob er wohl eben an den Mülleimer hinter ihr treten dürfe, wo er das Papier dann mit großer Geste einwirft und etwas von schöner Ordnung murmelt, dann auf den Boden zeigt, der jetzt aussieht wie gefegt. Die anderen Polizisten beantworten währenddessen weiter Fragen und erklären dies und das, es geht um Uhrzeiten und Plätze, was man darf und was man nicht darf.

Die platzverwiesenen Menschen verabschieden sich schließlich von der Polizei, jeder wünscht die Tageszeit, einige winken, dann stützen sie sich gegenseitig und ziehen in Zeitlupe ab und etwa hundert Meter weiter. Die Uniformierten gehen zurück zu ihren Autos. Sie sehen noch einmal zurück und lachen, es ist, soweit ich das erkennen kann, kein herablassendes Lachen.

Und sonst ist nichts weiter passiert, und so etwas gibt es also auch noch. Man würde es natürlich eher in einer Zeitung oder einem Blog davon lesen, wenn die Szene eine irgendwie unangenehme Wendung genommen hätte. Polizeigewalt, wüste Schlägerei, Racial Profiling, etwas in der Art. Aber nichts davon, gar nichts. Das vielleicht auch mal festhalten?

Ich denke schon.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Links am Morgen

Ich habe für das Goethe-Institut etwas über den Wahlkampf geschrieben.

***

Ein pimmeliges Verfahren. Der juristische Aspekt des mittlerweile auch international renommierten Pimmelskandals.

***

Die Verdorfung der Literatur

***

Es gibt Nusstorte, aber sie ist schon etwas älter.

***

Eine schlüssige Ableitung der Katastrophe.

***

Ich habe Tina Uebels “Dann sind wir Helden” gelesen. Ein hervorragend geschriebenes Buch, gutes Thema auch, die Entwicklung der Figuren habe ich gemocht, die Sprache, die Gründlichkeit der Darstellung und die Sache mit G20 – für HamburgerInnen ist die besonders unbedingt lesenswert. Für Leserinnen weiter südlich kommen aber auch Berge vor, zahlreich sogar. 

Ich habe außerdem “Die Bienen und das Unsichtbare” von Clemens J. Setz angefangen. Es geht um künstliche Sprachen und ich fand schon den Einstieg ganz unerwartet interessant und mitreißend. Bewegend geradezu. Jetzt schon eine Empfehlung, nach nur zwei, drei Kapiteln.

***

Eine euphorische Rezension über Glitterschnitter. Das also auch mal vormerken.

***

Eine Geschichte vom Helfen. Auf Spotify übrigens findet man “Die vier Tage von Jean Gourdon” von Émile Zola als Hörbuch, eine etwas längere Erzählung, die eine fulminante Beschreibung einer Flutkatastrophe enthält. Ein Fluss tritt über die Ufer und reißt alles mit sich, tötet Mensch und Vieh, zerstört Häuser und Ortschaften. Unheimlich, aber in Frankreich im vorletzten Jahrhundert, also weit weg von uns.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Spaziergangsmenschen in Herbstmode

Ich höre weiter „Sterben im Sommer“ (Zsuzsa Bánk), bei einer Alsterrunde am frühen Abend beende ich es. Das Ende ist schön, und wenn man sich dafür an einem Spätsommertag an ein Ufer stellt, um es in Ruhe zu hören, dann ist es sogar noch viel schöner. Das war unerwartet, aber ich stand da sensationell passend für die letzten Sätze. Ich sehe weiter den Clan (auf arte), einmal also Ungarn, einmal Belgien. Ich finde es seltsam erholsam, so viel von Ungarn zu hören, ohne dass es dabei um den dort regierenden Unsympathen geht, ich finde es auch unterhaltsam, bei den Bildern aus Belgien, bei denen überhaupt nicht betont wird, dass sie aus Belgien sind, die Kleinigkeiten zu entdecken, die eben doch darauf hinweisen, dass es sich um Bilder aus einem anderen europäischen Staat handelt. Im Handeln der Figuren auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu achten, das macht Spaß. Europa kann so sympathisch und interessant sein, ab und zu muss man auch darauf wieder hingewiesen werden. Vermutlich kommt mir nach wie vor zu wenig, viel zu wenig Literatur und überhaupt Kultur aus Litauen, Slowenien, Norwegen, Montenegro, dem Baskenland usw. unter, vermutlich ist da eine Lücke, eine entsetzliche Lücke.

Ungarn ist das einzige Land, aus dem mich jemals eine formvollendete Abmeldung vom Blog erreicht hat. Der überaus freundliche Hinweis einer mir bis dahin unbekannten Hinterbliebenen per Mail war das, in der stand, dass ich dort nun eine Leserin weniger habe, eine Dame, die ich früher einmal gekannt habe: „Sie hat sie immer gerne gelesen.“ Wann erfährt man so etwas schon als Autor? Eine Trauermitteilung war das, eine Leserin weniger. Ich habe mich damals für den Hinweis bedankt, und ich habe bei den nächsten veröffentlichten Texten an diese Leere in Ungarn gedacht, an diese Nichtmehrleserin am Balaton.

Ich denke immer noch manchmal daran.

Auf der Alster sehe ich Segel dicht an dicht, eine Überfülle an Booten, ein schwappendes Verkehrschaos. Diese Stadt ist zu groß und zu freizeitgeil für so einen kleinen aufgestauten See. Stand-Up-Paddler mit freien Oberköpern, austrainierte Muskeln im letzten Sonnenlicht. Oben der Himmel ist dezent weiß bewölkt, wolkig eingefasst und da, wo am Mittag noch das tiefe Blau war, ist er jetzt fast unangenehm süßlich lilafarben, so ein blasses Fliederlila ist das, und Achtung, Klischeeverdacht, an einigen Stellen ahnt man auch ein unvermeidliches Rosa. Man kennt das so aus jedem Aquarellkurs am Meer, man würde es sich nicht hinhängen.

Auf dem Fußweg am Ufer, im schon tiefer werdenden Baumschatten, stehen und gehen Spaziergangsmenschen. Die tragen schon Herbstmode, vermutlich deswegen, weil sie die gerade gekauft haben, neue Kollektion. Und dann zieht man die Sachen eben an, und dann steht man da im arg neu aussehenden und noch unpassend herbstbraunen Übergangsjäckchen am Ufer und sieht auf die halbnackten Wassersportler, die in dieser geradezu abgeschmackten Kitschpostkartenkulisse da noch einmal die Sommerinszenierung aufführen. Bis zur letzten Vorstellung am, Moment, Donnerstag, wenn der Wetterbericht stimmt, führen sie die noch täglich auf, und dann räumen wir das Lila, das Rosa, die Segelbötchen und die Boards und den ganzen Sommer weg und machen die Übergangsjacken zu und spannen die Schirme auf.

Ich sehe mir das künstlerisch eher zweifelhafte Lila da oben noch einmal an. Aus ihm heraus kommt mir etwas entgegengetaumelt. Ein Lindenblatt ist es, das auf meiner Jeans landet, ein Blatt mit einer streifigen Ahnung von Gelb.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!