Sonntagslinks

Zunächst ein kleines Anhängsel an die letzte Ausgabe der Linksammlung. Dort kam die Hannah-Arendt-Doku auf arte vor (hier zu finden noch bis 24.2.). In Ergänzung dazu gab es für mich noch einen weiteren Walther-Ziegler-Vortrag, er kam mir gerade noch passend unter die Finger:

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Gesehen habe ich einmal wieder einen Film, wozu ich meist nicht komme. Und zwar „Aviator“, ebenfalls auf arte, verfügbar bis 1. März. Den Scorsese-Film über Howard Hughes also, mit Leonardo DiCaprio und Cate Blanchett, Kate Beckinsale etc. ausgezeichnet besetzt. Mit der berühmten Szene, in der das manische Händewaschen so bemerkenswert inszeniert wird, dass sie vermutlich noch viele Jahre lang als Standard-Bildmaterial dienen wird, wo immer es um die Erläuterung von Zwangsstörungen geht. Wobei die Ableitung der Störung aus dem Lebenslauf allerdings flacher als flach ausfällt und diese Blockbuster-Welt ansonsten eher nicht meine ist, wie ich beim Sehen wieder gemerkt habe. Ich sehe zwar ein, dass z. B. die Flugzeugabstürze toll gemacht sind, es geht alles in großer Kunstfertigkeit kaputt, aber es interessiert mich eher nicht. Ich sehe lieber leisere, unauffälligere Filme.

Wie auch immer, nach dem Ende habe ich Howard Hughes in der Wikipedia nachgelesen, eh klar.

Da ich annehme, dass viele gerade diesen Film sehen oder gesehen haben, möchte ich noch eine passende Empfehlung zum Hintergrund anlegen. Denn die in diesem Film eine wichtige Rolle als Partnerin von Howard Hughes spielende Katharine Hepburn hatte, wie man vermutlich weiß, eine mehr oder weniger geheime und außerordentlich lange Beziehung zu Spencer Tracy.

Diese wird auf arte hier dokumentiert, in der ohnehin schönen Reihe „Legendäre Liebespaare des Kinos“.

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Noch einen anders gearteten Film sah ich. Einen über die Grundausstattung meiner Komfortzone, nämlich Charly Hübners Film über Element of Crime: „Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“. Nur noch verfügbar bis 27.2. Es wird überall knapp mit der Zeit, aber so geht der Februar schnell vorbei. Und das ist sicher auch okay.

Zum Film muss ich nichts erläutern, man ist Fan von EoC oder nicht, ich bin es. Die schönste Stelle für mich war wohl die großartige Live-Aufnahme des sich so angenehm norddeutsch anfühlenden Edelherzschmerzliedes „Vier Stunden vor Elbe 1“ (bei 1:02).

Hach.

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Die Kleine Alster und die Arkaden am dunklen Abend

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Eine Lange Nacht habe ich in der ARD-Audiothek gehört, und zwar zunächst mit etwas falscher Erwartungshaltung. Es ging um „Atheismus – Mensch ohne Gott“ (160 Minuten), und ich rechnete, erst einmal nur auf den Titel sehend, mit einem aktuellen philosophischen Abriss und erwartbaren Abstechern in die gängigen, halbwegs spirituellen Lifestyle-Fragen der Moderne. Geboten wurde aber – und es war dermaßen interessant und lehrreich für mich – eine geschichtliche Darstellung des Atheismus und seiner Vertreter. Die mir teils vollkommen unbekannt waren.

Etwa jemand, der aus Oldenswort auf der Halbinsel Eiderstedt stammte, wo ich gefühlt schon tausendmal durchgefahren bin. Nicht ahnend, dass ein derart aufrechter Denker aus diesem Ort kam: Matthias Knutzen, aus dem 17. Jhdt. Wie es in der Wikipedia heißt:

„Er ist der erste namentlich bekannte Atheist in der europäischen Geistesgeschichte der Neuzeit.

So etwas kann man doch ruhig wissen, finde ich, das ist doch eine Leistung. In anderen Blogs wird gerade über das „harte Nachdenken“ getextet (hier z. B. bei Felix) – wie hart, unerbittlich und mutig muss man aber nachgedacht haben, um mit so etwas wie bekennendem Atheismus der Erste weit und breit zu sein?

Mit der Formulierung „hart nachdenken“ kann ich ansonsten wenig anfangen, aber man wird sicher leicht nachweisen können, schon anhand durchschnittlicher Meeting-Längen, dass „lange nachdenken“ in sämtlichen Kontexten, allein oder in Teams, gründlich aus der Mode gekommen ist in den letzten Jahren. Was auch so einiges erklärt.

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Ebenfalls gehört: „Freiheit deluxe“ von Jagoda Marinic mit dem Gast Marietta Slomka (1:12).

Dann noch – ich war krank, ich hatte etwas mehr Zeit, pardon –  ein Zeitzeichen über Roger Willemsen (13 Min.) und ein kurzes Interview mit seiner Nachlassverwalterin Insa Wilke (4 Min. nur).

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Anke Gröner schrieb erfreulich lang über ihr berufliches Thema, die Provenienzforschung.

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Mek schrieb etwas überraschend novembrig: „alleine sterben“ .

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Der Kaffeehaussitzer schrieb über Timothy Snyders Buch „Über Tyrannei“. Das kam hier im Blog zwar schon vor und steht auch längst in meinem Regal, aber man kann ruhig ab und zu an das Buch und die Thesen oder Aufforderungen darin erinnern, denke ich.

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Eine weitere Sendung beim Deutschlandfunk Kultur hörte ich noch, über ethnische Nischen im Arbeitsmarkt. 30 Minuten über solche Nischen, die wohl die meisten von uns in ihren Gemeinden und Städten wahrnehmen können, auch wenn sie von Ort zu Ort verschieden ausfallen können. Manchmal ist die Deutlichkeit, mit der solche Nischen gleichartig besetzt oder erobert werden, je nach Betrachtung, einigermaßen krass in der Ausprägung. So ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen, die in unserem Viertel nach dem Ende der Öffnungszeiten Läden, Cafés, Kneipen etc. reinigen, eine Migrationsgeschichte haben, die auf Afrika verweist, sicher bei über 90 %.

Was auch einen Wandel darstellt. Denn es ist noch nicht so lange her, dass die Herkunft dieses Personals mehrheitlich eher in der Türkei zu verorten war und die beteiligten Personen meist erheblich älter waren.

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Zum Schluss noch etwas Musik. Zuerst diese ansprechende Cover-Version eines Liedes von Abba, das ohnehin ausgesprochen gut zu covern ist, wie schon verschiedentlich bewiesen wurde.

Pulp mit einer weiteren Version von „The day before you came”:

Und dann war da noch Fortuna Ehrenfeld, die haben auch ein neues Video herausgebracht. Es gibt sich nennenswert gechillter, als die Jahreszeit es uns vorgibt.

„Warm strung empathy

versus right wing policy“

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Einige Anmerkungen eines beleidigten Dienstältesten

Ich habe in der vorletzten Woche, also als ich noch einsatzfähig war, im Gespräch mit einer wesentlich jüngeren Kollegin Bezug auf ein Firmen-Ereignis aus dem Jahr 2023 genommen. Dabei habe ich mich allerdings versprochen und 1923 gesagt. Ganz so, als sei ich der sagenumwobene Methusalem des Konzerns, der damals in den harten Lehrjahren noch mit Pferd und Wagen, nicht wahr, und morgens im Winter immer erst das nächtlich entstandene Eis in den Waschschüsseln zerschlagen, noch bevor die anderen aufgestanden sind, und dann erst die Kohlen aus dem Keller …

Aber das machte nichts. Meine Gefühlslage passt ohnehin oft genug zu dieser Darstellung. Habe ich doch immerhin reelle Aussichten, in absehbarer Zeit der dienstälteste Mensch in dieser Firma zu sein, obwohl mein Arbeitsbeginn nicht bis 1923 zurückreicht. Also nicht ganz.

Aus der Gegenwart kann ich aber auch weiter berichten, ich lebe nicht nur im Rückblick. Und die Gegenwart, das ist die KI oder AI oder neuerdings auch irgendwas mit „agentic“ davor. Neulich hatte ich die bemerkenswerten Antworten von Gemini erwähnt und zitiert (hier war das). Dazu habe ich noch eine weitere Anmerkung.

Vor einigen Monaten bereits habe ich mir generelle Anweisungen für Modelle dieser Art aus dem Internet, woher auch sonst, kopiert. Solche Anweisungen, welche die KI zum betont kritischen und systemischen Denken auffordern und die dann grundsätzlich auf jeden Prompt wirken. Da stehen dann z. B. Sätze wie „Zeige übersehene Aspekte und ergänze alternative Denkmodelle“. Diese vorgeschalteten Prompts sind wesentlich wirkmächtiger, als man vielleicht spontan erahnt.

Die Folge jedenfalls ist, dass die KI alle meine Fragen stets kritisch prüft und zerlegt. Und da ich auch gebeten habe, mich mit zu viel anbiedernder, übergriffiger Freundlichkeit zu verschonen, reagiert die Software nach den letzten Updates nun in etwa so auf meine Fragen, wie es mein Mathelehrer damals in den Achtzigern tat, als ich mich um die siebte Klasse herum mehr und mehr dem schulischen Untergang annäherte: Also deutlich spürbar von oben herab. Kalt, unangreifbar und vor allem uneinholbar und demonstrativ viel schlauer als ich. Außerdem noch unangenehm direkt und distanzlos sowie vom klar erkennbaren Willen zur argumentativen Vernichtung getrieben.

Ergänzt werden diese Reaktionsmuster durch Anklänge der Haltung seines Kollegen aus dem Fachbereich Latein. Also spürbar dünkelhaft und aus ebenfalls turmhoher Überlegenheit heraus. Ja, aus einer Überlegenheit heraus, die so dermaßen hoch war, dass sie schon einen gesellschaftlichen Klassenunterschied begründen mochte: Menschen mit ansprechendem Denkvermögen hier oben, der Rest irgendwo da unten. Und zu diesem Rest gehörte ich, so viel schien damals festzustehen.

Und ein wenig reagiert die Software auch mit einem Einschlag des Deutschlehrers aus jener Zeit, nämlich mit beißendem, hohnlachendem Sarkasmus und mit der in jeden zweiten Satz eingestreuten Möglichkeit, jederzeit und gerne in geradezu unendliche Dimensionen des bestens fundierten Besserwissens dozierend bis delirierend abzudriften.

Mit anderen Worten, ich habe mir eine attraktive Auswahl an Schultraumata aus Versehen erstaunlich präzise nachgebaut. Ja, herzlichen Glückwunsch auch, das war wieder äußerst gekonnt, Herr Buddenbohm. Setzen, 6. Oder, wie der Mathelehrer in jenem Jahr zu sagen pflegte: „Kaufen Sie sich einen Sarg.“

Was ich aber nur eben sagen wollte: Ich habe mich in den letzten Tagen zum ersten Mal dabei beobachtet, wie ich die Software etwas lieber nicht gefragt habe. Weil ich nicht schon wieder herabgewürdigt werden wollte. Und ich fand es sehr interessant.

Nachtrag.

Dann habe ich die KI doch noch etwas gefragt. Und ich dachte, ich hätte sicherheitshalber eine überaus schlaue Frage gestellt. So eine Frage, für die man als Streber vom Dienst mit großer Sicherheit Extrapunkte fürs Mitdenken bekommt.

Und was war die gnadenlose Gegenfrage der KI: „Soll ich wieder lifestyle-orientiert antworten?“

Jemand hat "Fuck you" in Schneereste an der Wand einer Bretterbude für Glühweinausschank geschrieben

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Anwachsende Spitzenränder und vergangene Meter

Vorweg ein Dank für die freundliche Zusendung des Buches „Das stille Haus“ von Hermann Lenz. Der Roman war nicht auf dem Wunschzettel und Hermann Lenz ist bei mir eine Bildungslücke (hier Wikipedia), aber ich habe natürlich gleich nachgelesen und dann auch interessiert reingelesen. Es wurde kundig für mich ausgewählt, dieses Buch, so drücke ich es vielleicht richtig aus.

Ein Zettel lag nicht dabei, ich danke angenehm überrascht und herzlich ins Unbekannte!

Das Buch "Das stille Haus" von Hermann Kesten

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Ansonsten ist es ein gründliches Virus. Wenn ich dank der Impfung gerade einen leichten Verlauf habe, dann möchte ich die andere Version lieber nicht kennenlernen. Um es weiter zu verdeutlichen: Dass ich morgens aufstehe und mich nicht umgehend, schreiblustig und daher auf meine Art tatendurstig an den Schreibtisch setze, es kommt gewöhnlich nur bei akutem Hexenschuss, Migräneanfällen und eben bei diesem Virus vor.

Was sich nicht in Schmerzen oder irgendwelchen besonders schlimmen Beschwerden ausdrückt, sondern eher in einem allumfassenden, deutlich generalisierten Bartleby-Zitat: „Ich möchte lieber nicht.“ Ein aus den eigenen Tiefen aufsteigendes Nein zu nahezu allem. Das sich nicht einmal durch Vehemenz, sondern eher durch eine ruhige, betonfeste Selbstverständlichkeit definiert. Das gehört jetzt so, das ist so. Und das bleibt auch noch etwas so, leg dich lieber wieder hin, mein Freund. So spricht es auf einmal in einem, in einem seltsam souveränen Tonfall.

Es hat dabei keine übertriebene Strenge in sich, dieses Nein. Es führt einen vielmehr freundlich zurück zum Bett. So wie ein netter, zugewandter und einfühlsamer Coach, der es schon wissen wird, was jetzt passt. Weil er so etwas beruflich macht und weil er viel Erfahrung mit dergleichen hat. Alles hat er schon tausendmal gesehen und auch bewältigt. So ein sympathischer Coach aus amerikanischen Spielfilmen oder auch einer aus John-Irving-Romanen. Ein grauhaariger, gutaussehender Coach, bei dem man als Zuschauer oder Leser gleich weiß, wenn man macht, was der sagt, dann wird am Ende wahrscheinlich alles gut.

Jedenfalls im Standard-Drehbuch oder im üblichen Roman.

Dieses Nein in einem ist jedenfalls erstaunlich prominent und dauerhaft. Sie merken, ich beobachte es einigermaßen irritiert. Ich kenne das so nicht, und Sie müssen sich dabei vorstellen, ich tippe hier in etwa halber Geschwindigkeit oder noch langsamer.

Ansonsten fällt Schnee auf die Dachfenster. Von den Rändern her wird es erst weiß im Blickfeld, anwachsende Spitzenränder in der Aussicht, dann wird es allmählich dunkler, wie in einem abendlich abgedeckten Vogelkäfig.

Er rutscht etwas herunter, der feinflockige Schnee dieser Tage. Etwas schwergrauer, nichtssagender Himmel ist kurz wieder zu sehen, ein gelbes Stück Baukran. Er weht zwischendurch auch weg, der Schnee, er verwirbelt über der Scheibe und hebt dann ab. Er wird bald wieder nachgelegt, sagt der Wetterbericht, und es stimmt auch.

Die Elbe von der Station Elbbbrücken aus, Eis auf dem Fluss und Schnee auf den Wegen am Ufer

Morgendliche Schneeschippgeräusche höre ich von der Straße. Solche langsamen, stetigen Arbeitsgeräusche, die man beruhigend und, im Rückblick auf frühere Winter, auch etwas nostalgisch anheimelnd finden kann. Besonders dann, wenn man für kein Stück Weg selbst zuständig ist. Vorteil Dachgeschosswohnung.

Ich höre diese kratzenden Schneeschippgeräusche und merke, es gibt einen Rhythmus, in dem kleine Pausen gemacht werden. Im Bett liegend sehe ich es vor mir, wie sich da jemand kurz auf die Schaufel stützt und durchatmet. Ich erinnere mich an verschiedene eigene Schneeschippsituationen in mehreren Jahrzehnten, an anderen Adressen und in wechselnden Familiensituationen. Those were the days, my friend.

An das vorgezogene Aufstehen unter heftigem Gefluche erinnere ich mich. Weil der verdammte Schnee noch vor der Arbeit zu räumen war. An diese bleischwere Müdigkeit im Körper erinnere ich mich, an die Kälte, an das noch schlaftrunkene Frieren, an den beißenden Wind aus dem sibirischen Osten und auch an die Anstrengung. An das Zurückblicken auf die wenigen Meter, die man mühsam geschafft hat, und an das bald beginnende Schwitzen in Winterjacken und schließlich daran, wie man sich, wieder in der Wohnung, alles vom Leib gerissen hat, um endlich heiß zu duschen.

War das in meinem Leben oder war es in einer norwegischen Erzählung, war es ein Land weiter bei Kaurismäki, man kann da vielleicht auch durcheinanderkommen.

Dabei kann man jedenfalls gut wieder einschlafen, stellt sich heraus. Ich nehme meine vergangenen Mühen als Sedativum, und warum auch nicht. All die Wege, die man im Laufe des Lebens schon mit Schippen geräumt, freigekratzt oder abgestreut hat. Sie werden also später einmal beruhigend, diese so beschwerlich bewältigten Meter.

Wenn man nur erst weit genug von ihnen entfernt ist.

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Abmeldung mit Hegel und Erläuterungen

Eine unvorhergesehene Blogpause, pardon. Sie wird Ihnen präsentiert von einem Phänomen, das viele, auch ich, als Tagesthema längst nicht mehr parat haben, das nach Vergangenheit und verblassenden Erinnerungen klingt, aber dennoch ein klarer Fall von „Manchmal kommen sie wieder“ ist und außerdem irgendwo da draußen: Dieses Virus nämlich, mit dem wir, wann war es denn gleich noch, alle gemeinsam so intensiv Pandemie gespielt haben.

Ich mache Tests und gucke auf Striche. Ich lese die aktuellen Symptome nach und nicke matt, denn die Müdigkeit steht da auch in den Beschreibungen, und ich lese es nach einem nahezu komplett verschlafenen Tag. Wann ist mir so etwas zuletzt passiert, ich kann mich nicht einmal mehr genau erinnern, aber vermutlich war es bei der letzten Runde mit diesem Virus. Ein fast komplett verschlafener Tag, an dem ich mich ansonsten mit dem amüsiert habe, was da noch alles an Betriebsstörungen aufgelistet wird. Ganz toll.

Cicada heißt die aktuelle Variante wohl. Als ob Insekten dieses Virus übertragen würden, so hört sich das an. Aber es ist in dieser Gegend zu kalt für sich tummelnde Insekten, die einen hinterrücks anfallen könnten, so viel steht fest.

Wissen Sie noch, wie wir alle die aktuellen Namen der Virusvarianten im Smalltalk parat hatten? Wie wir diskutiert haben, was sich gerade wie und wo ausbreitet und welche Folgen das haben könnte? Von Cicada hatte ich bis eben gerade noch nie etwas gehört. Und auch nicht davon, dass es weitere noch umlaufende Varianten wie „Nimbus“ oder „Frankenstein“ gibt.

Der Name Frankenstein passt gar nicht so schlecht zu meinem Erleben. Denn man fühlt sich in der Tat so, es kommt wirklich sehr gut hin, wie aus unbelebten Teilen schlecht zusammengesetzt.

Aber wie auch immer, ich lege mich wieder hin. Und kümmere mich später dann, dem Kanzler zur Freude, um die Krankschreibung. Ich arbeite in Teilzeit, ich bin krank, das Private ist politisch, ne? Wenn man das in der Wikipedia nachliest, hier, und wenn man dann in dem Artikel dort auch dem Link zur „Standpunkt-Theorie“ folgt, ist man schon bei Hegel („Nach Hegel hat der Knecht einen erkenntnistheoretischen Vorteil gegenüber dem Herrn“), Marx und Bourdieu.

That escalated quickly.

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Kultur im Konjunktiv

Das Wochenende brachte zwar immerhin den Monatswechsel, und das ist nicht nichts, sondern im Falle des ersten Quartals eher ein Kennzeichen der Hoffnung, aber es lieferte mir auch eine weitere Variante des saisontypischen Gefühls, gleich krank zu werden. In einer Stunde vielleicht, in zwei, drei … es zog schon im Hals, in den Gliedern, es gab schon diese allgemeine Verelendung und ein Gefühl von: „You may now serve the usual drugs.“ Es zog sich dann aber immer weiter so hin.

Weswegen mir die Kälte da draußen mit diesen absurden, stark zur Übertreibung neigenden Real-Feel-Graden weit im zweistelligen Minusbereich gleich noch viel kälter vorkam. So kalt sogar, dass mir alle Lust verging, mich ihr auch nur kurz auszusetzen. Spaziergänge hin oder her, man kann auch nicht jeden Tag gewinnen. Nicht einmal als Mensch mit Prinzipien.

Den eigentlich vorgesehenen Kulturtipp kann ich daher nur im Konjunktiv notieren. Unter anderen Umständen hätte ich am Sonnabend ins Theater gehen können, und Mama Odessa in den Kammerspielen wäre das Stück der Wahl gewesen. Ich glaube, es ist gut, und sehen Sie mal, es gibt sogar Stadtteilrundgänge passend zum Stück. Da ich dort um die Ecke einmal gewohnt habe und sie dabei also durch meine alte Heimat laufen, wobei sie über die alte Heimat anderer reden, ist das für mich eine ziemlich gute Idee.

Na, das Stück läuft noch bis Ende Februar. Vielleicht gibt es noch Hoffnung im zweiten oder dritten Anlauf oder wenn ich mich wieder an den alten Titel von Bernd Begemann halte: „Gib mir eine zwölfte Chance.“

Am Sonntag habe ich mich doch kurz aufgerafft, denn der Mensch, auch der sich wehleidig gebende, muss zwischendurch gelüftet werden. Mit anderen Freizeitakiven im Pinguingang watschelte ich lustlos über die vereisten Wege in Planten & Blomen. Der Park sah mir noch entschieden zu winterlich aus, der Fernsehturm ragte als Gewächs der Taiga in die Höhe.

Planten un Blomen, verschneit und vereist

An sämtlichen Gewässern dort hat man viele warnende Schilder aufgehängt, dass das Betreten wegen Lebensgefahr verboten sei, rote Schrift und Ausrufezeichen. Dahinter dann jeweils die Fußspuren auf der Eisdecke.

Planten un Blomen, verschneit und vereist

Aus Bonn wurden mir währenddessen vorgezogene Frühlingseinzugsbilder aufs Smartphone geschickt, blühende Krokusse auf grünen Wiesen, herumtollende Lämmer. Die sind da doch weiter im Süden, als es mir im letzten Jahr auf meiner Reise dorthin aufgefallen ist. Die lange, lange Fahrzeit von über sieben Stunden lag am Ende gar nicht nur an den Fehlleistungen der Deutschen Bahn.

Man sollte immer mehrere Optionen für möglich halten.

Planten un Blomen, verschneit und vereist

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Sonntagslinks

Noch einmal kurz zum neulich bereits erwähnten Viktor Frankl. Es bleibt für mich doch interessant, diesen intensiv denkenden Menschen wie Fromm oder Frankl auf YouTube etwas hinterherzugehen.

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Und wo ich schon bei „YouTube als moralische Anstalt betrachtet“ bin: Walther Ziegler hat mich dort erneut und hoffentlich erfolgreich belehrt. Diesmal mit einer unterhaltsamen Stunde über Jean-Paul Sartre.

Auch von Walther Ziegler habe ich noch einige Vorträge übrig, was mir sehr angenehm ist.

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In Hamburg findet dieser Tage der venezianische Karneval statt. Eine kleine, sehr feine und, man hört es staunend, nicht kommzerzielle Veranstaltung. Von Liebhaberinnen und Liebhabern der Sache getragen. Einfach so.

Eine Darstellerin im venezianischen Karneval

Eine Darstellerin im venezianischen Karneval

Darsteller im venezianischen Karneval

Darsteller im venezianischen Karneval

Ein Pierrot im venezianischen Karneval, turnend an einem Laternenmast

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Passend für den Freundeskreis Philosophie und Overthinking, auch noch passend für die Anhängerschaft Frankls und der Logotherapie, hörte ich einen Podcast über den Sinn des Lebens. Man will sich auch nicht immer nur mit den kleinen Themen des Alltags beschäftigen, nicht wahr. Ab und zu auch mal im größeren Bogen denken: „Anderen wichtig sein“, bei Detektor.fm. 22 Minuten, mit Denkbeispielen und allem.

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Vanessa schreibt über die Jugend von heute, die Kaltmamsell ergänzt.

Wozu ich nur kurz etwas ergänzen möchte. Ein Aspekt, der hier vor Jahren schon einmal vorkam und der eher unterschätzt wird, so weit ich es mitbekomme. Ich kann nur für die paar jungen Menschen Aussagen treffen, die ich kenne, etwa weil ich sie selbst gezeugt und großgezogen habe, es mag also nicht für alle Gültigkeit haben. Aber da diese jungen Menschen schon im Kindergarten und in der Grundschule usw. Methoden der Konfliktklärung und der Mediation wie nebenbei erlernt haben, weil es für sie in all diesen Einrichtungen immer normal war, über Konflikte zu reden und Interessen und Gefühlslagen abzuwägen, haben sie eine vollkommen andere Art (oder zumindest das Potential dazu), mit Problemen umzugehen.

Und zwar ist diese Fähigkeit bei ihnen teils dermaßen ausgeprägt und wird mit einer Selbstverständlichkeit angewandt, dass gewisse Vorgängergenerationen, etwa meine, dagegen etwas steinzeitlich anmuten. Wir haben auf dem Schulhof noch Keulen geschwungen.

Mit anderen Worten: Über Stuhl- und Morgenkreise etc. kann man gut spotten, aber völlig sinnlos kommen sie mir nach ein paar Jahren der Beobachtung nicht vor.

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Kid37 hat eine neue Waschmaschine und eine langjährige Beziehung beendet.

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Bei arte sah ich die zweiteilige Doku über Walt Disney und schloss auch dabei einige Bildungslücken: „Der Zauberer“. Sympathischer wird der Meister einem nicht zwingend, wenn man etwa an seinen Umgang mit den Gewerkschaften, an seinen Despotismus etc. denkt. Aber ich habe auch nicht genau gewusst, wie groß sein persönlicher Anteil an vielen Erfolgen der Disney-Firma war. Es ist dann doch beeindruckend.

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Diese Serien-Rezension zu „The Danish Woman“ klingt so, als würde ich das sehen wollen.

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Apropos Film und Serie: Markus wies auf Bluesky auf die Seite „Wikiflix“ hin, welche hier erläutert wird und hier zu finden ist und einen schon auf den ersten Blick lange, lange mit Filmmaterial versorgen kann, noch über die Saison der diesjährigen Winterabende hinaus.

Auch z. B. mit frühen Disney-Klassikern wie Steamboat-Willie, wo ich doch gerade dabei war.

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Ebenfalls auf arte sah ich die Sendung über Hannah Arendt: Eine Jüdin im Pariser Exil. Einige der alten Interview-Aufnahmen mit ihr sind darin und ich habe wieder bemerkt: Ich höre sie sehr gerne reden, ich finde sie äußerst gewinnend.

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Auf Bücher von Menschen, die ich kenne, weise ich besonders gerne hin. In dieser Rubrik wird es bald ein neues Werk von Meike Winnemuth geben. Genauer im März, also gleich schon, mit etwas Optimismus betrachtet. Ich kenne es noch nicht, aber thematisch wird es ganz zweifellos zu mir passen: „Eine Seite noch – Warum Lesen uns so glücklich macht“ (Verlagslink).

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Ba- übermäßig ennuyiert

Eine Nachbemerkung zu einer Veranstaltung, auf der ich gerade war. Nämlich zu dem Abend in der Freien Akademie der Künste, bei dem es um die Tagebücher 1957 – 1962 von Arno Schmidt ging. „Ich liebe den Alltag sehr“ (hier eine schöne Blog-Rezension zum besonders liebevoll editierten Buch, das seinen Preis hat: schlanke 68 Euro kostet es, hier noch der Verlagslink. Aber es ist auch ein enorm ansprechend gemachtes Buch, echtjetztmal, ich hatte es dort vor Ort in der Hand).

Ein Abend mit der Herausgeberin dieser Tagebücher Susanne Fischer war es, und mit dem sicher bekanntesten Schmidt-Fan in diesem Land, Jan Philip Reemtsma, der mit dem Dichter noch zu seinen Lebzeiten dies und das zu tun hatte, auch hier in der Wikipedia nachzulesen. Wobei der Herr Reemtsma auch ein Vorleser von Format ist und sich vermutlich in den Schmidtkauz einfühlen kann wie kaum ein anderer.

Ein vereister Bootssteg an der Außenalster

Ich habe am Vortag und auch am Morgen des Veranstaltungstages jedenfalls noch einmal nachgesehen: Es gab kaum Hinweise auf diese Veranstaltung, wo auch immer ich geprüft habe. Nicht bei den lokalen Medien, nicht bei den einschlägigen Hamburger Insta-Accounts mit den obligatorischen Agenda-Meldungen. Obwohl die Einzelkomponenten der Veranstaltung, Fischer, Reemtsma, Schmidt, Freie Akademie der Künste als einigermaßen hochkarätig zu bezeichnen sind.

Es bestätigt wieder, was ich gebetsmühlenartig von mir gebe: Es ist so gut wie unmöglich, auch nur halbwegs alle Termine mitzubekommen, die einen interessieren. Zu schweigen von denen, die einen nur vielleicht interessieren könnten. Die Informationslage rund um Termine ist einfach furchtbar schlecht, ist peinlich schlecht. Wir konnten das schon einmal besser – aber okay, Opa erzählt vom Print-Zeitalter. Lassen wir das. Beim SWR gibt es übrigens eine interessante Sendung von Christoph Drösser zum Nostalgie-Thema: Was junge Menschen an früheren Jahrzehnten fasziniert. 29 Minuten, sehr gerne gehört.

Blick über die vereiste Außenalster

Schmidt selbst wird einem, wenn man sich wieder einmal intensiver mit ihm beschäftigt, als Mensch vermutlich nicht zwingend sympathischer. Milde ausgedrückt. Als Autor aber doch. Frau Fischer las zu Beginn aus einem Essay von ihm vor, es ging da ums Tagebuchschreiben. Arno Schmidt erläuterte in diesem Text die von ihm seinen Tagebüchern verwendete Abkürzung „Ba“. Was für „Brille abgenommen“ steht. Schmidt sah sehr schlecht, er konnte sich daher, wenn er die Brille abnahm, aus der Wirklichkeit ihm unangenehmer Gesprächssituationen geistig komplett verabschieden. Etwa wenn ihn, so hieß es da, die anderen Menschen wieder „über alle Maßen ennuyiert hatten.“ Was bei ihm schnell und oft der Fall war, aber wer kennt es nicht.

Zu diesem Essay gab es noch eine Pointe, denn die von ihm so hervorgehobene Abkürzung „Ba“, sie kommt in Wahrheit in seinen Tagebüchern nicht vor. Nicht ein einzige Mal. Ich habe es mit viel Sympathie gehört, es war eine Drehung, die mir gefiel.

Was aber tatsächlich in seinen Tagebüchern vorkommt – und wie häufig! – das ist das mittlerweile unmodern gewordene Wort „Gewäsch“. Immer nach dem Muster: „X zu Besuch. Gewäsch.“ Am Ende, denkt man sich vielleicht, war es für Arno Schmidt kein abwertendes Wort, zumindest nicht immer, sondern nur eine Floskel, um längere Gespräche zu vermerken? Die Deutung fremder Tagebücher ist bekanntlich auch nicht immer einfach.

Es war außerdem, und ich vermerke es mit Freude, eine dieser Abende, an denen ich entschieden zur Verjüngung des Publikums beigetragen habe. Es gelingt mir nicht mehr allzu oft, ich muss mich dafür kulturell immer eindeutiger nach rückwärts orientieren. Aber gut, das mache ich gerne.

Dann doch einmal ein abschließendes und hoffentlich angemessenes TL;DR zu diesem Eintrag: „Auf einer Arno-Schmidt-Lesung gewesen. Gewäsch.“

Eine hellrot leuchtende Boje im Alstereis

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Wer anderen keine Grube gräbt

Vorweg vielen Dank für die freundliche Zusendung von „Das Schweigen des Meeres“ von Vercors, ein Buch, das auf dem Wunschzettel stand. Deutsch von Karin Krieger, mit einem Essay von Ludwig Harig. Es ist mir unlängst online über den Weg gelaufen, evtl. war es bei Nils Minkmar. Es fällt mir gerade nicht mehr ein, aber es ist auch egal – jedenfalls freue ich mich auf die Lektüre, ein Werk mit zweifellos interessanter Geschichte.

Herzlichen Dank!

Das Buch "Das Schweigen des Meeres"

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Im Hamburger Hafen stecken währenddessen zum ersten Mal seit etlichen Jahren Barkassen im Eis auf den Fleeten in der Speicherstadt fest, lese ich beim NDR, und in den Home-Offices dümpeln die Menschen träge im winterlichen Strom der Gedanken. Stillstand und Januar-Zeitlupe überall. Die Müdigkeit und das Formtief haben gerade einen Drall ins Kollektive, zumindest nach meinen Kontakten zu urteilen.

Entweder habe ich ein besonders durchhängendes Netzwerk oder es ist einfach, wie es ist, womöglich auch bei Ihnen da draußen an den Empfangsgeräten. Und es macht ja auch nichts. Es ist nur etwas Saisonales, es ist wie immer alles nur eine Phase. Und überhaupt, ich schreibe hier nur neutral mit, ohne Kritik oder Forderungen. Was man als Chronist so macht.

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Was noch? Zum bei mir so überaus beliebten Thema Zeugen und Wirklichkeit habe ich eine weitere und aktuelle Anmerkung. Nämlich wie folgt:

Wenn ich vom Schreibtisch aufstehe, kurze zwei Schritte zum Dachfenster gehe und mich etwas hinausbeuge, sehe ich die Großbaustelle für das neue, mittelgroße Hotel im mittelpreisigen Bereich, das direkt neben dem sehr großen, sehr teuren Hotel gebaut wird, in unserer Straße. Die alten Häuser aus der Nachkriegszeit haben sie dort restlos abgerissen, dann haben sie die Trümmer abgeräumt und die Fläche planiert. Neulich erst haben sie den riesigen Kran aufgestellt, ich berichtete.

Ich wunderte mich aber die ganze Zeit schon, weil die da keine Grube ausgehoben haben. Weil sie nicht in die Tiefe gingen, wie war das denn bloß möglich. Muss man denn für ein Hotel dieser Größe keine Garage mehr bauen, keinen Keller, keine Untergeschosse irgendwelcher Art und Nutzung? Was konnte das bloß veranlasst haben, es leuchtete mir nicht ein. Hatte ich doch schon damit gerechnet, dass der Kampfmittelräumdienst dort beim Ausheben der großen Grube wieder etwas zu tun bekommt, dass also auch wir unsere Wohnung sicherheitshalber einen Tag lang oder so verlassen müssen. Abenteuer!

Denn man kennt das hier so. Stadtmitte, drei, vier Meter tief – da liegen sie noch reihenweise herum, die Geschosse von 1943, die Reste der Operation Gomorrha und der nachfolgenden Angriffe. Bei Baustellen im benachbarten Hammerbrook etwa ist der obligatorische Bombenfund reine Routine, beim Aufbau der Hafencity war es sicherlich auch so.

Aber wie gesagt, keine Grube dort drüben. Ich habe meine Verwunderung darüber, es wird gleich peinlich für mich, auch anderen Menschen mitgeteilt. Etwa diversen Familienangehörigen, die mir nicht rechtzeitig ausweichen konnten. Die das aber jeweils seltsam uninteressant fanden, sogar noch beim dritten oder vierten Versuch, sie für diese Sache zu begeistern. Die meinten wohl, andere und vor allem spannendere Sorgen zu haben.

Als sei es nicht äußerst bemerkenswert, dass die Bauarbeiter da nicht in die Tiefe gehen, dass sie also, haha, anderen keine Grube graben … „Ja“, sagten die diversen Familienangehörigen, „wir haben es ja verstanden. Ist gut jetzt.“

Und dann immer dieses banausenhafte Augenrollen dabei, dieses schnelle Abwenden. Ich habe es auch nicht immer leicht hier, weiß Gott nicht.

Ich dagegen, ich interessiere mich immerhin für das, was um mich herum vorgeht. Was nun einmal mit dem beginnt, was man von hier aus sehen kann. Der Content in Sichtweite, er wird so oft unterschätzt, dabei ergibt er sich regelmäßig in reichem Ausmaß. Sie merken, ich stehe konsequent zu meinen Eigenarten. Das steht mir jahrgangsmäßig mittlerweile auch zu, denke ich, in Vorbereitung auf die fortschreitende Schrulligkeit und Schrathaftigkeit (diese beiden schönen Begriffe bitte auch einmal in die Kurse „Deutsch für Ausländer“ hineinschmuggeln) des höheren Alters.

Aber es ist alles ganz anders. Wie ich nun, wo der Text voranschreitet, wohl zugeben muss, mindestens milde erschüttert.

Meine Spaziergänge führen normalerweise nicht an dieser Baustelle vorbei, ich gehe stets in anderer Richtung aus dem Haus. Nun bin ich aber doch einmal da vorbeigegangen. Und stand dann vermutlich unangemessen lange mit leicht deppertem Gesichtsausdruck am Bauzaun und sah – in die Grube.

In die Grube, die etwa ein, zwei Stockwerke umfassen dürfte, wenn das Hotel einmal fertig erstellt sein wird. Eine normale Baugrube eben. Dann ging ich wieder nach oben und sah noch einmal aus dem Fenster.

Es ist tatsächlich so ein Perspektiv-Ding. Ich sehe von oben auf diese Fläche, auf der die alten Häuser standen, auf diese Fläche, die sie jetzt planiert haben. Aber ich kann von hier oben nicht erkennen, wie tief diese Fläche liegt. Der Bildausschnitt gibt das nicht her, was ich aber nicht wusste. Und ich bin mir in diesem Fall nicht sicher, ob ich nicht bereitwillig jeden Eid darauf geleistet hätte, dass man es bei dieser Baustelle unterlassen hat, eine Grube auszuheben.

„Aber haben Sie das denn auch genau gesehen?“ „Ganz genau, Frau Richterin. Und jeden Tag!“

Es bleibt doch ein komplizierter Sachverhalt, das mit der Wirklichkeit und der Wahrnehmung. Ich wollte es nur noch einmal kurz angemerkt haben.

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Mit Träumen rauf, mit Büchern runter

Meine Mutter erzählt mir von seltsamen Träumen, die sie in diesen Nächten hat, ganz als seien jetzt erst die bekanntlich besonders durchlässigen Raunächte dran. Von Dämonen der Vergangenheit und auch anderen erzäht sie, die ihr da nächtlich begegnen, in ganz ungewöhnlich plastischer Deutlichkeit, geradezu fantasyfilmtauglich. Ich höre es mit großem Interesse, denn es geht mir auch gerade so, und zwar im stark auffälligen Bereich. Familienähnlichkeiten ergeben manchmal seltsam verschlungene Linien.

Träume habe ich mitten im Januartief jedenfalls gerade, und zwar gleich reihenweise und bestens erinnerbar, die ich eigentlich einer Therapeutin erzählen müsste, um mich wenigstens ein wenig von ihnen zu entlasten. Und ich habe auch solche, die ich nicht einmal einer Therapeutin erzählen würde. Außerdem noch solche, die könnte ich, wäre ich Autor in diesem speziellen Genre, also in dem mit diversen Wesen der Finsternis auf dem Einband, einfach abschreiben. Für den Entwurf zum nächsten 400-Seiten-Wälzer über andere und eher nächtliche Welten.

Speicherstadtfleet mit Eisresten

Maxi hat zu viel Fantasie“, wie es schon im Grundschulzeugnis damals hieß. Nein, Phantasie wird dort sicherlich noch gestanden haben. Ab und zu fällt mir auch dieser Satz wieder ein und ich murmle dann im tiefstmöglichen Tonfall, irgendwo da unten im Register für Figuren von Bram Stoker: „Sie haben alle nie verstanden, was ich wirklich sehe.

Dann gehe ich runter in den Keller, um dort ein wenig zu lachen.

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Ein neues Hörbuch habe ich passend dazu begonnen, und zwar die „Elixiere des Teufels“ von E. T. A. Hoffmann, in denen es kaum gelingt, zwischen den Welten der Wirklichkeit und denen des Wahns zu unterscheiden. Verfügbar ist das Buch in der ARD-Audiothek, gelesen von Peter Lieck. Es ist eines der lange aufgesparten Bücher, ich kenne es erfreulicherweise noch nicht. Und das ist gut so, denn man möchte doch jederzeit Schätze auf Vorrat haben, und  keineswegs nur in Bezug auf schnödes Geld.

Speicherstadtfleet mit Eisresten

Wie bei fast allen Büchern aus dem 19. Jhdt. kann heute schon der Tonfall, ganz unabhängig von den Verwicklungen der Handlung, von der Moral, der Intention etc., als mindestens milde sedierend durchgehen. Einfach durch das andere Tempo und Konzentrationsvermögen jener Zeit, welches sich in jedem Satz ausdrückt. Im ruhigeren Aufbau der Gedanken, im gefälligeren, bedachteren Sprachrhythmus und in der geduldiger inszenierten Abfolge der Ereignisse. Das gilt sogar für einen Roman wie diesen, den Hoffmann laut Wikipediain wenigen Wochen herunterschrieb.

Mittlerweile lese ich solche Klassiker vermutlich längst aus therapeutischen Gründen, was eine unbewusste, aber immerhin zielführende Wahl war. Denn sie wirken sogar, wie schön ist das denn.

Zollhafen mit Resten von Eis auf dem Wasser

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Es wird viel passieren

Christian macht Musik (mit lesenswerten Linernotes hier – ich  muss noch darüber nachdenken, warum Kattegat der Song meiner Wahl ist) und Kiki schreibt sowohl darüber als auch über die notwendige Bandenbildung. Christian macht Musik, Kiki macht Kunst, ich mache nur so Texte.  Die Herausforderungen ähneln sich in der heraufziehenden KI-Welt.

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Phasenweise neblig-trüb, so beschreibt es ansonsten die Wetter-App und benennt dabei äußere wie auch innere Umstände. Die Wege bleiben uns verschneit und vereist. Je nach Nässe und Gefrierstatus tappen Menschen im Pinguingang über die Straße vor der Haustür, und nicht weit von hier liegen auch schon zwei auf dem Rücken. An der Kombination aus vereistem Kopfsteinpflaster und Büroschuhen sind sie gescheitert, und zappelnd liegen sie nun da, wie Gregor Samsa am frühen Morgen nach besonders unruhigen Träumen.

Der Brunnen auf dem Hansaplatz, leicht verschneit

Wesentlicher Smalltalk-Inhalt in dieser Stadt ist jetzt, dass man dazu nun aber keine Lust mehr habe. Überall hört man das, sowie auch die stets mitgelieferte Zusatzinformation, dass es einfach eklig sei. Dass das alles da eklig sei, wobei man dann vage in Richtung Fenster oder Tür zeigt, manchmal auch zum lichtgrauen Himmel, aus dem alles Mögliche heute noch kommen kann und auch wird. Man sagt auch, da wird es dann tiefsinnig und fast schon gelassen, seelenruhig alles akzeptierend: Januar eben erst, ne. Wozu noch der sich im nächsten Satz anschließende Glaubenssatz gehört: Da kommt aber noch was.

Ein Steg an der Außenalster, mit leerer Außengastro-Bestuhlung vor vereister Kulisse

Ja, da kommt wohl noch was, und nicht nur beim Wetter. Marienhofmusik im Hintergrund, es wird viel passieren. Wir kennen das.

Ein Steg an der Außenalster, ins Eis ragend

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In diesem Sinne sah ich am Wochenende auf meine Liste von zu besuchenden Lokalen (was bitte haben Sie denn gedacht, selbstverständlich habe ich eine Liste, ein System und alles, soweit sollten Sie mich doch mittlerweile kennen), wählte aus der ansprechend gut gefüllten Rubrik „Café“ etwas aus und lenkte meine Spazierschritte dann so, dass ich schließlich dort vor der Tür landete. Es handelte sich um ein Café in Elbnähe, auf Instagram gekonnt mit Bildern beworben, in denen man gerne wohnen möchte.

Allerdings landete ich trotz einwandfreier Zielgenauigkeit keineswegs plangemäß direkt vor der Tür des Cafés, das wäre ohne Rüpelei auch gar nicht möglich gewesen. Denn dort standen schon etwa zwanzig Menschen vor mir. In der Kälte. In einer ordentlichen, geradezu britisch anmutenden Schlange aufgereiht. Vor einem Café, wie ich mir dann etwas entgeistert wiederholte, mit angemessenem Erstaunen in der Stimme.

Was ich mir eine Weile kopfschüttelnd besah, um dann frierend, fluchend und unverrichteter Dinge weiterzuziehen. In irgendeinen gewöhnlichen Coffeeshop einer beliebigen Kette in der Nähe. Gar nichts Besonderes war dieser Notfall-Coffeeshop, keine interessante Location von der Liste. Aber ich kam dort anstandslos rein, ich fand sofort einen freien Platz und auch einen heißen Latte Macchiato. Und dachte dann beim Trinken erneut: „Schlangestehen vor Cafés? Echt jetzt?“

Was ich mir aber lediglich mit weiterem Kopfschütteln beantworten konnte. Man findet nicht immer gleich die richtigen Worte, um seiner Verwunderung Ausdruck zu verleihen.

Und manchmal findet man sie auch gar nicht.

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