In der letzten Woche stand ich zwischendurch am Bürofenster in der Hafencity und sah hinaus auf das bekannte Hamburger Demotivations-Mahnmal direkt vor mir. Wir konnten diese auch bundesweit bekannte Ruine des Elbtowers aus der lange mäandernden Wirtschafts-Saga der Signa-Pleite, in die man laut Wikipedia schon 400 Millionen Euro Baukosten versenkt hat, ohne allerdings etwas Brauchbares erreicht zu haben, zwar auch schon aus den Konferenzräumen des alten Büros in Hammerbrook sehen, nun aber arbeiten wir direkt vor ihr. Mit freiem Panorama-Blick auf Unfertiges also.

Mit direkter Aussicht auf ein Monument, dessen eindringliche Hauptaussage für die sinnenden Betrachter wie mich wohl zweifelsfrei ist: „Lass mal, das mit den Plänen, es wird eh alles nichts.“

Wir fragten uns dann noch kurz im Kollegenkreis, was damit nun eigentlich sei, mit dieser verelendeten Rohbauleiche. Da sollte doch das neue Naturkundemuseum einziehen, war es nicht so? Es gab doch einen Beschluss, einen kühnen? Daran sollte doch weitergebaut werden, an dem tragischen Trumm, nur ein Drittel weniger in die Höhe oder so, eine Variante von „reduce to the max“ sollte es werden? Da gab es doch Zusagen und Pläne, Investitionsvorhaben und neue Geschäftspartner, all das.
Wie bestellt gab es dann am nächsten Tag prompt Updates zum Thema in den Zeitungen und anderen Medien. Dahingehend, dass es leider doch nicht allzu gut aussehe. Dass die Verhandlungen nicht vorankommen würden, dass die Investments verklemmt seien, dass dieses Projekt weiter und vielleicht bis in alle Ewigkeit ruhe.
Ja, so sieht es auch aus. Seit wie langer Zeit schon, seit mehreren Jahren steht der Bau nach allen Seiten offen als Riesen-Beton-Skelett da. Wind und Wetter fahren jederzeit ungehindert hindurch, die Jahreszeiten toben sich an den offenen Flanken aus. Und ohne, dass auf der Baustelle jemals etwas passieren würde, nimmt die nähere Umgebung hier und da Schaden, weil der sinnlose Sockel sich langsam senkt und nach unten in den Grund drückt, wodurch anderes ringsum nach oben bewegt wird. Wodurch sich vielleicht auch die Schienen der vorbeifahrenden Züge verbiegen könnten etc.
Die U- und S-Bahn-Station Elbbrücken, vor der diese besondere Baustelle zu finden ist, erfreut sich auch bei Touristen großer Beliebtheit. Sie ist noch recht neu im Stadtbild, diese Station. Sie ist fotogen und architektonisch besonders schick, sie bietet zudem einen hervorragenden Ausblick über die Elbe. Man sieht dort so schön, wohin die Bahn einmal weiterführen soll, über den Fluss hinweg und in Richtung Grasbrook, zum Moldauhafenquartier. Wo alles erst noch entstehen soll, das wird dann der Hafencity nächstes Kapitel.




Man fährt also als Gast in der Stadt dorthin, zu dieser Station, man geht herum und macht Fotos. Und zeigt zwischendurch vielleicht auf das dunkel ragende Mahnmal: „Guck, das ist das, was auch in den Nachrichten war. So sieht das aus.“
Und dann lästert man einen Moment. Wahlweise über Olaf Scholz, dessen Verbindung zum Turm man vielleicht noch im Gedächtnis hat. „Olaf ist an allem Scholz“, wie es auf etlichen Stickern in der Stadt heißt. Die Medien hier verweisen zudem immer wieder auf die Bezeichnung „Kurzer Olaf“ für den angefangenen Turm, denn „das Volk“ würde das so nennen, wobei dieses Volk in Wahrheit höchstens spöttisch die Medien mit dieser Bezeichnung zitiert. Oder aber man lästert über die Hybris des Menschen an sich. Babel und dergleichen, Turmbauten sind auch historisch belastet.
Über den Kapitalismus spricht man auch, über das System, über die Gegenwart und unsere kaputte Gesellschaft, den Niedergang des Landes usw. Vieles gibt es, was einem zu dem Anblick einfallen kann. Ich höre oft kurz mit, während ich auf die U- oder S-Bahn warte.
Es wird manchmal auch angemerkt, dass man so etwas früher aber hallo und mit großer Selbstverständlichkeit fertiggebaut hätte. Plangerecht und im korrekten Timing, weißte? Denn das gab es ja früher nicht, dass nichts fertig wurde. Früher wurde immer alles fertig! Deswegen stehen auch überall fertige Sachen von früher herum. Logisch.
Heute bauen aber nur noch die Chinesen etwas fertig. Die auch so einen Turm in ein paar Wochen hinbekommen würden, wie jedermann weiß. Denn die können das komischerweise. Da auch mal drüber nachdenken!
Ja, es fällt allen etwas dazu ein. Auch Forderungen, es versteht sich fast von selbst. Etwa die Forderung nach dem zügigen Abriss des Riesenstumpfes. Oder nach dem sofortigen Umbau des Restes in billigen Wohnraum oder aber nach zackiger und planmäßiger Fertigstellung. Und nach dem Abbau all der sicher unsäglichen bürokratischen Hindernisse, nach dem Aufheben sämtlicher Bauvorschriften, die ohnehin nur alles aufhalten und behindern.
Man macht dann auch Fotos vom Elend. Weil man heute eben von allem Fotos macht. Die kann man später zuhause auch denen zeigen, die auf dem Hamburg-Trip nicht dabei waren. Neben all den schöneren Bildern aus Hamburg, neben den Azzurro-Postkartenmotiven von Alster und Elbe zeigt man eben auch das:
„Nun guck dir das doch mal an! Das ist dieser Elbtower. Oder was das mal werden sollte. Das wird aber nix mehr, das kannste voll vergessen.“
Aber wie auch immer.
So spendet Segen noch immer die Hand
des René Benko am Elbestrand.
Das wollte ich nur eben anmerken, nachdem ich also wieder einmal eine Weile in diese Richtung gesehen hatte.
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