15 Minuten am Sonnabend

Die Kommentare via Twitter werden übrigens gerade mal wieder nicht angezeigt. Also ich sehe sie zwar im Backend, aber Sie sehen sie nicht. Das ist hier jetzt wieder oldschool, nur die auf der Seite eingegebenen Kommentare erscheinen. Warum auch immer, wer hat schon Lust, dem hinterherzuschrauben. Dreckstechnik.

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Zwei Buchempfehlungen für Menschen mit Angst vor gar nichts, nicht vor der eigenen Art, nicht vor den Zeiten, nicht vor dem Herbst. Philipp Blom: “Was auf dem Spiel steht” und Karen Duve: “Warum die Sache schief geht” – in dieser Reihenfolge zu lesen, auch wenn sie andersherum erschienen sind. Gerade jetzt, wo der Herbst gerade übers Land kam wie bestellt und per Express geliefert, gerade jetzt, wo man endlich wieder bei anhaltendem Regen und also mit korrektem Heimatgefühl lesen kann, hier werde ich nass, hier bin ich zuhause, gerade jetzt eine erfrischend runterziehende Lektüre, das kann auch mal gut sein, das kennt man ja von trauriger Musik und so, unfroh aber heimelig, dunkelhygge. Draußen kommt Sturm auf, Eicheln und Kastanien knallen auf Autos, Bauzäune kippen um, die Einschläge kommen näher, das passt alles so dermaßen gut. Und wenn man dann noch am offenen Fenster leicht zu frieren beginnt, das allererste Frösteln der Saison, dann möchte man sich zu diesen Büchern dringend etwas öffnen, das man feierlich trinken kann. In die Bücher sehen, aus dem Fenster sehen, hin und her, wehende Blätter, schwarz droht es von West, traurige Absätze, vernichtende Gedanken und irgendwann ein fast voller Mond hinter jagenden Wolken, die wie im Horrorfilm an ihm vorbeiziehen, so schnell, so unwirklich, so gespenstisch. Am Fenster stehen und sich das besehen, selig deprimiert und das Herz voll Herbst: “Herr, ich bin breit, die Flasche war sehr groß.”

Also ich hatte Spaß.

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Ich wurde mehrfach gefragt, wie es ist, wenn man nicht schreibt, nachdem man jahrelang quasi immer geschrieben hat. Das ist so: Es ist etwa drei Wochen lang noch ganz nett, es ist erst einmal ein wenig wie Urlaub, man kann herumliegen und lesen. Dann wird es schnell merkwürdig, dann wird es unschön, denn ohne die Schreiberei fehlt mir die Struktur und die Erkenntnis, was ich eigentlich denke, wie soll ich das denn wissen, wenn es nicht irgendwo steht, ohne Buchstaben vor mir bin ich unsortiert wie die Legoabraumhalde im Kinderzimmer. Eventuell denke ich längst gar nicht mehr, denke ich zwischendurch. Da ich auch nichts machen kann, lebe ich mehr so haustiermäßig, nur ohne den Niedlichkeitsaspekt, versteht sich, und auch ohne Spaß, Petplay für Freudlose, nur essen und schlafen. Ab und zu fallen mir Sätze ein, die sollte ich aufschreiben, das geht aber nicht. Ich habe einen Gedanken, ich schreibe ihn nicht auf, vielleicht habe ich ihn also gar nicht gehabt, wo sind die Beweismittel? Ich franse geistig aus und schön ist das nicht. Darüber später mal ein Buch schreiben! Zerfaserland!

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Zack, 15 Minuten um. Musik.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, vielen Dank!

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15 Minuten am Freitag

Um mich langsam wieder warm zu spielen, schreibe ich einfach morgens mal kurz los, nur so rund fünfzehn Minuten, mal sehen, ob es geht. Fünfzehn Minuten, ein Prozent des Tages, das klingt doch nicht überambitioniert. Ich fange einfach irgendwo wieder an, ganz egal, mitten rein.

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Vor dem Supermarkt steht einer, groß, breitschultrig, Sportkleidung, Format Türsteher. Neben ihm steht noch einer, ähnliches Format. Und ohne viel hineindeuten zu wollen, aus dem gleichen Land kommen sie nicht, das hört man auch, der eine kann kaum Deutsch, der andere hat es sicher als Muttersprache gelernt. “Ich bin in nichts besser als du”, sagt der dem anderen langsam und überdeutlich vor, der wohl diesen Satz braucht, warum auch immer. “Ich bin in nichts besser als du”, wiederholt der mit starkem Akzent, guckt fragend und freut sich dann, dass es alles richtig war. Schulterklopfen, er wiederholt das noch zweimal, schneller werdend, dann geht er mit dem neuen Satz, und wo und wie er ihn anwendet, dass werden wir nicht erfahren, aber hey, der Satz ist okay.

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An der Alster steht einer und guckt ratlos, der sieht aus wie ein älterer Herr aus dem Land’s-End-Prospekt, so ein gepflegter Freizeitamerikaner, bei dem das lilafarbene Polohemd und die Silberhaare in einer Weise gut sitzen, die man selbst nie erleben wird, denn man selbst altert ja nicht edel, man selbst verlottert nur schleichend. “Do you speak English?”, fragt er mich und guckt freundlich und hat dann gleich noch eine Frage: “Can you tell me where your lake is?” Eine Frage, als wäre ich in einem Sketch gelandet. Der Lake ist einen Meter neben ihm, groß wie immer, algengrün und attraktiv ins Stadtbild eingefügt, so wie es in den allen Reiseführern steht. Die Wahrscheinlichkeit ist sogar ziemlich hoch, dass der Herr aus Amerika gerade dort herumgejoggt ist, selbstverständlich ohne zu schwitzen, man schwitzt nicht in Land’s-End-Prospekten. Das macht man nun einmal an der Alster, man läuft um sie herum. Auch wenn sie, wie der empfindsame Hamburger im Normalfall sofort zwanghaft erklären muss, natürlich gar kein Lake oder See ist, sondern ein gestauter Fluss. “It is stowed!” hat ein ehemaliger Chef von mir das ausländischen Gästen immer ganz aufgeregt und mit zweifelhafter Vokabelwahl erklärt, das war ihm wichtig, wirklich wichtig, das musste auch unbedingt von jedem verstanden werden. Für einen dieser Gäste, einen Herrn aus Kanada, der besonders gerne in unserer Kantine Kohlrabi and Bratwurst aß (“we don’t have kohlrabi in Canada, it’s so good”), hat er das auch mal ans Whiteboard gezeichnet, ein angedeuteter Flußlauf und unten ein großer Klunker dran, so ein Tafelbild, dass Pubertierende brüllend komisch gefunden hätten, it is stowed! Denn niemand darf die Alster einfach für einen See halten, vergleiche auch Elbphilharmonie – Opernhaus, das ist ähnlich, es zerreißt einen förmlich, jedenfalls wenn man Hamburger ist. Oder Hamburgerin, eh klar.

“Well”, sage ich, denn was soll man auch sagen, und gucke sinnend auf die Alster, wobei ich versuche, so spockmäßig eine Augenbraue zu heben, um etwas Zeit zu gewinnen. “Where’s your lake?” Was sagt man denn da? “Isch abe gar keinen See.” Es wäre zweifellos nett, einen See zu haben, aber wenn ich’s recht bedenke, soweit habe ich es einfach nicht gebracht, da muss man auch mal ehrlich mit sich sein. Ich bin über fünfzig, da muss man gewissen Wahrheiten allmählich ins Gesicht sehen. Kein See, kein Haus am See, nichts. Oder bezieht sich “your” auf mich als Hamburger? Hat der Mann vielleicht so eine Oliver-Sacks-Thematik und sieht nicht, was direkt neben ihm ist? Dann sagt er: “I mean the smaller one”, da wird alles klar, er sucht die Binnenalster und ist, wie sich dann herausstellt, schon eine Runde zu viel gelaufen, weil er nicht aufgepasst hat, wo es wieder zum smaller lake geht, der eigentlich auch gar kein lake ist, aber wo jedenfalls sein Hotel ist. Shit happens, wie wir in Hamburg sagen, eine ziemlich große Ehrenrunde war das, a lap of honor, ich habe das gerade für Sie nachgeschlagen, bitte sehr.

Der Amerikaner wendet dann jedenfalls, ich sehe Leslie Nielsen von hinten, eine weitere Pointe findet jedoch nicht statt, es ist fast schade. Aber wie gesagt, ich schreibe einfach irgendwo los, denn was den Fluss der Ideen betrifft – it is stowed.

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Egal. Musik!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, aber wie damals, als ich noch viel und oft geschrieben habe, die Älteren erinnern sich – Sie müssen gar nichts.

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Im Bild sein und stehen

(Die Fortsetzung zu diesem Artikel, der ist mittlerweile etwas länger her, es geht nach wie vor um die Wanderung mit Sohn II an der Ostsee.)

(Kurz vorweg: Ich bin nach wie vor nicht recht schreibfähig und werde damit allmählich zu einem Fall für die Reihe “Der interessante Patient”. Nun, das kann man sich nicht aussuchen. Aber alle zwei Wochen setze ich mich ans Notebook und tippe los, denn ich muss ja mal prüfen, was dann passiert, wenn ich eine Weile getippt habe. Es könnte ja funktionieren. Das tut es nicht, sagt der Eellenbogen, immerhin einen neuen Text gibt es auf diese Art aber dennoch, auch nett. Und weil ich nicht gut schreiben, aber immer noch Leute treffen kann, habe ich mir für den Schluss des Artikels etwas Verstärkung gesucht.)

Am nächsten Morgen bin ich wie immer sehr früh wach, alle anderen auf der Zeltwiese scheinen noch zu schlafen. Der Sohn macht kurz nach mir die Augen auf, springt auf und baut umgehend das Zelt ab, hier haben wir nichts mehr zu tun. Zum Frühstück gibt es nur nebenbei ein paar Kekse, die ich am Vorabend noch bei der Tankstelle neben dem Campingplatz besorgt habe, Kekse mit Schokolade, die müssen eh dringend gegessen werden, bevor es wieder zu heiß wird, dann versauen die uns das ganze Gepäck. Wir rollen Matten und Schlafsäcke ein, verstauen alles in meinem Rucksack und gehen wieder zum Strand zwischen Haffkrug und Scharbeutz.

Da ist noch kein Mensch, zumindest nicht in unserer Nähe. Weiter hinten sehen wir nur einige wenige Spaziergänger, die sich ab und zu nach Steinchen oder Muscheln bücken, aber die sind weit weg, winzige Figuren. Vor uns keiner, neben uns keiner. Die Ostsee liegt im allerfeinsten Morgenlicht, glitzernd wie Glasbruch, Unmengen von Scherben, die man lässig über das Meer gestreut hat, und zwar breitwürfig, wie es oft auf den Packungen von Gemüse-. oder Blumensamen heißt. Es ist zweifellos ein schönes Meer, diese Ostsee, wie sie so geschmückt im Morgenlicht vor uns liegt. Sie erscheint gestandenen Seebären und Nordseefreunden bekanntlich eher als Fake-Meer, um es zeitgemäß auszudrücken, als ein bloßer und bestenfalls kindgemäßer Abklatsch der richtigen Ozeane. Aber andererseits ist sie immerhin da und nicht dauernd mit sich selbst und der Tide beschäftigt, wie ein gewisses anderes Meer. Und wie sie da ist.

Der Sohn steht schon wieder bis zur Hüfte im silbern funkelnden Wasser, ein einzelner kleiner Mensch in der ganzen Weite der Bucht, niemand sonst im Wasser, weit und breit nicht, es sind nicht einmal Segel draußen zu sehen, auch die Möwe vom Dienst schläft wohl noch. “Das ist mal ein Bild”, sage ich. Und der Sohn, der manchmal gerne länger nachdenkt, sagt, dass es schon besonders schön sei, so menschenleer, dass es aber in dem Moment, wo man das feststelle, auch zwingend nicht mehr menschenleer sei. “Denn wir sind ja auch Menschen”, sagt er, “wir stehen hier also im Bild.” Womit er präzise erkannt hat, was daran falsch ist, in unberührte Natur reisen zu wollen, damit ist er immerhin weiter als so mancher semiberufliche Traveller auf Instagram. Im Grunde versaut man als Mensch schon alles, während man es nur betrachtet. Mehr Philosophie ist am frühen Morgen aber beim besten Willen noch nicht zu leisten, wir stehen und sind jetzt erst einmal soweit im Bild. Der Sohn schwimmt natürlich auch eine Runde durchs Bild, denn man schwimmt nicht oft so alleine und zu so einer Uhrzeit im Meer, das muss ausgenutzt werden. Und es wird dann recht lange ausgenutzt.

Danach sitzt er frierend im Sand und guckt sich noch ein wenig den Morgen an, das ist auch so etwas, dass man im Alltag eher nicht macht. Im Alltag findet der Morgen einfach jeden Tag statt und passiert so nebenbei, hier ist der Morgen dagegen eine erlesen schöne Vorführung und will ausdrücklich gewürdigt werden, deswegen sitzen wir da und gucken. Was aber irgendwann auch gewürdigt werden muss, das ist unser Hunger, weswegen wir kurz darauf trotz aller Schönheit vor uns aufbrechen. Es wird ja irgendwo eine Bäckerei geben. Das denke ich zumindest, aber nach ein paar hundert Metern merke ich schon, dass ich das nur als Hamburger routinemäßig denke, weil es in der Großstadt in jedem Häuserblock einen Bäcker oder zwei gibt, die Franchise-Läden sind mittlerweile überall. In Küstenorten ist das aber anders, da gibt es verlässlich nur alle paar hundert Meter einen anderen Strandkorbvermieter, andere Gewerbe sind deutlich spannender. Wir ziehen suchend durch den noch schlafenden Ort umher, aber einfach so herumzugehen, das ist heute ganz und gar nicht nach dem Geschmack des Sohnes, das merke ich schnell, da wirkt die lange Tour von gestern doch nach nach.

Als wir endlich eine Bäckerei finden, stehen dort Menschen in langer Schlange an, bis weit vor die Tür sogar. Der Sohn setzt sich fluchend an einen Tisch auf der Terrasse, lange Wartezeiten vor blöden Läden hatte er heute auch nicht im Programm. Ich stehe an, und zwar ausdauernd. Es dauert wirklich enorm lange, weil die Bedienung alle Brötchen erst auf Zuruf schmiert, es liegen keine fertigen herum, warum auch immer, vielleicht ist das Konzept hier nicht bekannt. Ein Stöhnen bei jeder Bestellung, das jetzt auch noch! Es ist brutal heiß im Verkaufsraum, es muss eine Zumutung sein, da zu arbeiten, ich verstehe immerhin die Laune, mir wäre das auch zu heiß für alles. Andere Kunden verstehen das nur bedingt und äußern das auch, die Stimmung ist gereizt. Zwei Kundinnen weigern sich, für ihre Getränkeflaschen Pfand zu zahlen, das müssen sie ja auch sonst nie, sie kommen doch öfter! Lange Diskussionen, man merkt, es geht um Gewohnheitsrechte, die sind bei allen Touristen enorm wichtig, denn die Gewohnheitsrechte belegen den mühsam erworbenen Stammkundenstatus, und an dem hängt viel. Ich bin hier öfter, ich kenne mich aus, ich darf das, das ist mein Revier. 

Auf der Terrasse des Laden essen wir Brötchen und trinken Kakao und schlechten Kaffee, denn das mit dem guten Kaffee, das ist an der Küste nach wie vor nicht ganz einfach. Aber ich will da nicht als verwöhnter Großstädter herummäkeln, denke ich, was für eine blöde Attitüde. Ich trinke schlechten Kaffee, mit dem wir immerhin alle groß geworden sind, der  ging doch damals auch und wenn wir ehrlich sind, es hat ja gar keiner gemerkt, das mit dem etwas nicht stimmte. Filterkaffee aus Maschinen, so war das eben. Und nur weil irgendwelche besonders coolen Bevölkerungsgruppen in den letzten paar Jahren Spezialwissen und Sondergeschmack erworben haben, ist der Rest noch lange nicht ins Banausentum abgerutscht, der ist einfach nur normal geblieben, der hat einfach nur eine Modewelle ausgelassen, und es ist nichts falsch daran, normal zu sein und sich normal zu verhalten. Wobei dieser Gedankengang am Beispiel des Kaffees allerdings kein gutes Ende nimmt, denn dann ist normal gleichbedeutend mit ziemlich bitter, das kann man so auch nicht stehen lassen. Aber eine andere Kurve bekomme ich gedanklich noch nicht hin, es ist nach wie vor zu früh und der Koffeinpegel ist beklagenswert niedrig. Mit einem anständigen Espresso wäre ich natürlich längst weiter. 

Danach diskutieren wir, ob wir Sierksdorf in Richtung Norden verlassen, um heute noch etwas zu schaffen. Oder ob wir doch eine längere Pause einlegen? Wir gehen unschlüssig am Strand entlang. Es klingt sehr gut, etwas zu schaffen, man könnte immerhin hinterher damit angeben. So weit sind wir gekommen! 25 Kilometer oder mehr wären das dann insgesamt. Das können wir uns gut vorstellen, das so zu erzählen, und der Gedanke gefällt uns auch beiden. Andererseits beziehen rechts neben uns jetzt die ersten Touristen ihre Strandkörbe, das ist auch nicht schlecht, findet der Sohn. In einem Strandkorb war er schon lange nicht mehr, das ist an der Nordsee auch etwas ganz anderes und an der Ostsee waren wir eben in den letzten Jahren viel seltener. Also so ein Ostseestrandkorb mit dem überaus verlockenden Meer in nur ein paar Metern Entfernung … es ist wirklich nicht einfach, sich zu entscheiden. Währenddessen macht die Sonne deutlich, dass es auch heute unfassbar heiß werden wird, wir nehmen das als Argument zur Kenntnis und grübeln im Gehen immer weiter.

Der Weg macht unerwartet einen Knick vom Strand weg, es sieht so aus, als könne man direkt am Meer nicht weitergehen. Das, was da wegknickt, das sieht außerdem nach Landstraße aus und geht auch noch eindeutig bergauf. Ich könnte auf dem Handy nachsehen, wohin welche Wege führen und wie lange man wo braucht, aber das Handy ist nicht geladen, das Handy nützt heute gar nichts und ist einfach nur ein Stück Gewicht. Wir könnten unten am Meer entlang eine Weile durch den tiefen Sand laufen und nachsehen, ob da wieder ein Weg kommt, wir könnten auch ein paar hundert Meter lang nachsehen, was es mit dieser Landstraße auf sich hat, aber eigentlich ist uns so gar nicht nach womöglich sinnlosen Versuchen zumute. Der Rucksack ist zu schwer, der Vortag war zu anstrengend, die Sonne ist schon zu hoch, das passt alles nicht. Ich miete uns einfach an der nächstbesten Bude einen Strandkorb, den ich sofort so drehe, dass ich im Schatten sitzen kann. Die anderen Badegäste gucken mich an, als sei ich nicht ganz bei Trost, man sonnt sich hier noch wie 1985, bronzebraun jeder Rücken. Das ist mir egal, ich bin froh um jede Schattenminute, ich hätte auch nichts gegen den ruckartigsten Herbsteintritt aller Zeiten, mit Hitze bin ich bedient. Der Sohn ist da toleranter, der Sohn ist schon wieder im Meer verschwunden.

Ich gehe doch noch einmal los und suche mir eine Zeitung, wobei ich die Damen, die vorhin das Pfand aufgrund ihrer Privilegien nicht zahlen wollten, statusmäßig locker überholen kann – ich kaufe eine Zeitung, in der eine Kolumne von mir steht. Da ich das im Laden selbstverständlich nicht laut verkünde, ist es zwar ein eher stilles Vergnügen, aber es ist doch eines.

Der Sohn schwimmt, der Sohn steht am Meer, der Sohn sammelt Steine und setzt sich kurz neben mich. Der Sohn macht Strandjugenddinge, denke ich, es ist ganz schön, dass er das einmal so kennenlernen kann. Frierend aus der Ostsee kommen und in der prallen Sonne langsam wieder warmglühen. Auf dem Bauch im Sand liegen und in die Gegend sehen, sonst nichts. Am Meer stehen und Schiffe ansehen, wie sie von Travemünde aus nach Norden fahren. Und immer wieder auch ins Meer gehen, einmal, zehnmal, zwanzigmal an nur einem Vormittag. Er kommt zwischendurch zu mir und will wissen, ob es hier Feuerquallen gibt, die Frau aus dem Nachbarstrandkorb hört das und verneint: “Hier gibt es gar nichts. Also außer Tang.” Sie sagt es, als sei das eine gute Nachricht, dass es im Meer nichts gibt, nicht nur keine gemeingefährliche Feuerquallen, sondern auch keine Krebse oder andere Untiere, im Meer ist einfach nur Wasser. 

Soweit die erste Tageshälfte in Sierksdorf, die Fortsetzung wird wieder etwas dauern, hat dafür aber auch etwas mit Sergio Leone zu tun, das ist doch was. Das leere Meer hat mir aber keine Ruhe gelassen, dazu also noch zwei Fragen an Hannah Sophia Weber (Foto: Rainer Kant), sie ist Meeresbiologin und arbeitet bei dem Umweltschutzverein Baltic Environmental Forum für den Meeresschutz. Gerade koordiniert sie im Rahmen des Projektes ResponSEAble die internationale Kampagne #KeepTheBalticBlue, um auf das Problem der Eutrophierung der Ostsee aufmerksam zu machen. Die Kampagne läuft über 18 Umweltschutzorganisationen, in 10 Ländern und in 7 Sprachen.

Hannah Sophia Weber, Foto Rainer Kant

Was siehst Du, wenn Du auf die Ostsee siehst?

Wenn ich auf das blaue Nass blicke, wie es manchmal sanft, manchmal tosend die Küste umspielt, dann sehe ich die Grundlage allen Lebens auf diesem Planeten. Das erste Leben entstand in den Meeren und seitdem haben diese eine unfassbare Fülle und Vielfalt an Lebensformen hervorgebracht. Die Ostsee ist ein ganz besonders Meer. Es ist klein und relativ jung, vor allem aber: nur über eine einzige Verbindung tauscht die Ostsee Wasser mit der Nordsee aus und steht so mit den restlichen Weltmeeren in Verbindung. Das kleine Meer ist also tatsächlich eines der größten Brackwasserssysteme der Erde. Salzwasser aus der Nordsee trifft auf gewaltige Süßwassermengen, die über die großen Flüsse der Ostseeländer fließen. Die westliche Ostsee ist also salzhaltiger als die östliche. Dieser Gradient und die Schwankungen der Salzkonzentrationen sind echte Herausforderungen für Flora und Fauna. So ist die Ostsee ein fragiles Ökosystem mit einer relativ geringen Artenvielfalt.

Doch ich sehe noch etwas anderes. Lasse ich meinen Blick Richtung Horizont schweifen, da kommt da nicht die unendliche Weite, die mich bei anderen Meeren abenteuerlustig und freiheitssüchtig macht. Bei der Ostsee stößt mein Blick stets auf Land, überall Land. Und dieses meist dicht beackert, landwirtschaftlich genutzt. Der Ostseeraum ist die Kornkammer Europas. Wie passt das zusammen: ein sehr sensibles Ökosystem inmitten menschlicher Aktivitäten? Gar nicht gut! Die Ostsee ist stark verschmutzt. Dünger fließt in großen Mengen von den Feldern in das Wasser und nährt die Algen, die zuhauf wachsen und uns im Sommer die grünen, oft giftigen Algenblüten bescheren. Der Prozess heißt Eutrophierung. Haben wir schon so oft auf grünes Wasser geschaut – statt auf blaues – dass wir es als Normalzustand empfinden? Aber auch Algen sterben irgendwann und der grüne Teppich verschwindet – und die Katastrophe geht weiter: Mikroorganismen auf dem Grund verspeisen die herunter rieselnde Nahrungsquelle und zehren dabei Sauerstoff, bis er nicht mehr vorhanden ist. So entstehenden Todeszonen: weitläufige Gebiete, in denen Tiere nicht überleben können. Und so wird die sowieso schon geringe Artenvielfalt noch weiter dezimiert. Und was ist eigentlich mit dem Klimawandel? Oder dem Plastik, welches mittlerweile in den entlegensten Meeresräumen gefunden wird? Beides setzen auch der Ostsee stark zu, wieder zu Ungunsten der Lebensräume und Artenvielfalt….die Ostsee braucht unsere Hilfe!

Wer ist zuständig, um einen besseren Zustand herzustellen?

Wir alle, jeder einzelne von uns! Der Mensch und das Meer sind eng miteinander verwoben, wir stehen ständig miteinander im Austausch. Und so sollten wir uns genauso für die Gesundheit der Meere einsetzen, wie wir unsere eigene. Wie? Konsumverhalten hinterfragen, das eigene, ganz individuelle und das globale. Sich bewusst mit der Frage auseinandersetzen: wieviel und was brauche ich für ein erfülltes Leben? Was die Ostsee betrifft: 70% der Ernte wird an Zuchtvieh verfüttert, nur 30% essen wir Menschen direkt. Das heißt konkret: den Verzehr von Fleisch- und Milchprodukten zu verringern (Gesundheitsinstitutionen empfehlen sowieso nicht mehr als 300 – 500 g Fleisch pro Woche zu essen) hilft, die Eutrophierung in der Ostsee einzudämmen und ist gleichzeitig gut für das Klima.

Leider reicht das aber nicht. Wir leben in einer globalisierten Welt, in der es normal geworden ist Waren und Lebensmittel permanent um den ganzen Erdball zu schicken. Dahinter stecken politische und wirtschaftliche Entscheidungen, die wir als Bürger und Bürgerinnen in Frage stellen sollten. Und Entscheidungsträger und -trägerinnen, die wir daran erinnern müssen, dass auch unsere Kinder und Enkel noch eine Lebensgrundlage brauchen.

Banner BEV "Keep the Baltic blue"

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ich gehe dann demnächst mal weiter, ob mit Schreibvermögen oder ohne. Irgendwann klappt das wieder alles, wie es sich gehört.

 

 

Trinkgeld August 2018 – Ergebnisbericht

Von der Herzdame im Auftrag vom Buddenbohm. An sich war der Bericht schon so gut wie fertig, der Gatte wollte nur noch die letzten Augusttage abwarten und den Post dann online stellen. Leider kam dann, wie bereits erwähnt, der Bildungsellenbogen dazwischen. Und bevor der Bericht jetzt noch länger wartet, habe ich beschlossen ihn kurzer Hand stellvertretend online zu stellen, das Folgende also von ihm:

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“In Berlin gab es im August ein leserinnenfinanziertes Familienfrühstück im Kuchenrausch, spatzenumflattert, wie es sich gehört. Außerdem ein Frühstück bei La tazza d’oro, das war sehr mein Fall. Ferner den Eintritt ins Freilichtkino Friedrichshain.

Für die Wanderung habe ich mir noch einen Wanderhut gekauft, den ich allerdings nicht tragen darf, weil mich die ganze Familie damit als peinlich empfindet und sich mit Grauen abwendet. Ich trage den auf der Wanderung also nur, wenn die Begleitperson vorgeht. Mir doch egal. Gekauft habe ich von dem Geld ferner die Fahrkarten von Hamburg nach Travemünde und von Sierksdorf nach Hamburg, sowie zwei leichte Isomatten. Ich habe davon auch die spottbillige Übernachtung auf dem Campingplatz bezahlt und gar nicht mal so wenig Proviant, wir brauchten immerhin viele kalte Getränke und viel Eis. Sohn II hat ein Wandertagebuch erworben. In Planung und noch nicht geliefert sind eine neue Powerbank und ein besseres Zweipersonenzelt für die nächste Saison. Es gab bei einem Einzelbetrag auch den Betreff “Für Brötchen”, das wurde auch auf der Wanderung erledigt. Der Rest der Ausrüstung war zwar alt, aber gar nicht mal so schlecht, das kann alles so bleiben.

Für den Garten fielen nur vier Sack Kompost an, für den Garten war es durchgehend zu heiß.

Es gab außerdem eine Summe mit dem Betreff “Etwas Schönes für die Herzdame”, sie hat sich ein Portemonnaie bei Paprcuts in Berlin gekauft.

Ferner gab es Buchgeld, das wurde ausgegeben für die Moselreise von Ortheil.”

Portemonnaie von Paprcuts

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Soweit der Gatte. Jetzt im September werden wir wieder vermehrt in den Garten investieren. Uns sind so viele frisch gepflanzte Stauden und Büsche durch die Dürre eingegangen, da muss jetzt einiges nachgekauft werden. Geplant sind Büsche als Sichtschutz mit Nutzwert, auf jeden Fall wird Aronia dabei sein, dann mindestens zwei Säulenapfelbäume und einige Stauden. Auch Rasen muss dringend nachgesät werden. Und der Gatte hat eine neue Vorliebe für Ziergräser entwickelt. Dem wollen wir auch noch nachgehen.

Wie weit ich überhaupt ohne die gesunden Ellenbogen des Gatten komme, muss ich dann mal sehen.

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Hier darf gerne Geld in den Hut geworfen werden, um den Gatten anzufeuern, schnell wieder gesund zu werden. Auf Dauer nervt mich das schon sehr.

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Im Übrigen hat sich an der Meinung des Gatten nichts geändert, sagt er, der Innenminister sollte nach wie vor zurücktreten und zwar einigermaßen dringend.

Die Herzdame liest: We love Schrebergarten

Den Sommer über war ich sehr mit der Laube beschäftigt: planen, einrichten, werkeln, streichen. Und mindestens wöchentlich in den Baumarkt fahren. Inzwischen ist der Gatte armbedingt so invalide, dass ich auch noch seine Beete übernehmen musste. Und nachdem wir die letzten Wochen mehr oder weniger ununterbrochen unterwegs waren, bestehen die fast nur noch aus Unkraut und welkem Gestrüpp.

Ich bin also sonst zu nichts gekommen, weder zum Lesen noch zum Schreiben. Dabei habe ich schon so lange das Buch „We love Schrebergarten“ von Martin Rist und Angelika Feiner, erschienen im blv-Verlag, hier liegen.

We love Schrebergarten - Cover

Ich gebe zu, ich habe es noch nicht ganz gelesen, sondern immer nur da rein gelesen, wo mich gerade etwas interessiert hat. Und dann bin ich immer an diesen gezeichneten Plänen hängen geblieben. Die liebe ich. Die habe ich schon als Kind geliebt und stundenlang mit der aktuellen „Mein schöner Garten“ von meiner Mutter, wo die immer drin waren, auf Klo gesessen.

We love Schrebergarten - Skizzen

Das Buch ist eingeteilt in die drei Bereiche Kleingarten als Nutz-, Öko- und Kreativgarten und es ist angeblich nicht nur für Schrebergärten, sondern auch Reihenhausgärten anwendbar.

Neben Ideen für die Gestaltung eines Gartens, gibt es viele Grundlagen für Obst- und Gemüseanbau sowie für Zierpflanzen. Da mein Fokus aber bisher auf dem Laubenbau lag und ich keine Ahnung vom Gärtnern habe, wird es langsam Zeit, mich damit mal auseinanderzusetzen. Aber auch hier werde ich wieder abgelenkt von den Kapiteln über Gehwege und Terrassen, Pergolen oder Dachbegrünung.

Das Buch enthält etliche Tabellen über die besten Beerensorten, über Obstbaumsorten für kleine Gärten, samenfeste Gemüsesorten, Kräuter, Fruchtfolgen, beliebte Kletterpflanzen, Rosensorten und Stauden, geeignete Gehölze für Kleingärten und sogar Wildobstsorten. Und ich liebe Tabellen, da ist alles so schön übersichtlich und man kann vergleichen.

We love Schrebergarten - Tabelle

Am Ende gibt es noch einen Arbeitskalender, der stichpunktartig erläutert, in welchem Monat was zu tun ist.

Das Buch geht aber eher nicht so ins Detail, sondern es verschafft einen Überblick über die verschiedenen Kleingartenthemen. Und wenn man ganz genau wissen will, wie man eine Terrasse anlegt, gibt es ja immer noch Google, Youtube und Co. Für Menschen wie mich, mit wenig Zeit und nicht ganz so exzessivem Schnelllesevermögen wie der Gatte, ist das für den Anfang aber tatsächlich genau das richtige Buch.

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Im Übrigen soll ich vom Gatten ausrichten, dass er immer noch der Meinung ist, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Und wer mag kann hier gerne Geld in den virtuellen Hut werfen, auch wenn der Text heute nicht von Herrn Buddenbohm persönlich ist.

Bildungsellenbogen

Das im letzten Artikel (also vor mittlerweile einigen Wochen) erwähnte Problem mit den nicht einsatzwilligen Gräten besteht dummerweise weiterhin, dieser Text hier wurde daher größtenteils diktiert. Aber Texte zu diktieren, das wird keine Dauerlösung sein können, ich gehöre zu den Menschen, die mit den Händen denken, ich weiß leider so gar nicht, was ich sagen möchte, bevor ich es getippt und in Form gebracht habe. Es besteht überhaupt Anlass zur Sorge, dass ich beim Reden nur Unsinn von mir gebe, die Familie nickt an dieser Stelle unangenehm kenntnisreich.

Vor einiger Zeit gab es in Bloghausen einmal eine Bildungsbandscheibe, das Wort ist damals bei mir hängengeblieben und guck, das ist also tatsächlich schon wieder fünf Jahre her. Ich lege da jetzt die Bildungsellenbogen an, denn während der letzten drei Wochen habe ich mir große Mühe gegeben, größtenteils nichts zu machen, schon gar nicht etwas mit Tasten, nicht einmal am Handy. Wenn man aber mit den Händen und Armen nichts machen soll, dann bleiben nach etwas Nachdenken Bücher und Audioformate und der Blick aus dem Fenster übrig. Natürlich hätte ich auch noch Serien gucken können, wie es fast alle so begeistert machen, aber die interessieren mich einfach nicht genug. Und da ich hier gerade einen Sohn mit Schulwechsel zum Gymnasium habe und deswegen in letzter Zeit eh viel über das Thema Lernen gelesen und geredet habe, habe ich direkt Lust bekommen, selbst mal wieder etwas zu lernen. Man soll nicht immer nur von anderen etwas verlangen, man soll auch selber mal ran, nicht wahr, Führungskräfte kennen das.

Am ersten Tag mit Krankschreibung und ohne Aufgabe habe ich morgens und am Vormittag noch lange überlegt, was ich machen soll, wenn ich tatsächlich nichts machen soll, denn so einfach ist das nicht, das klingt nur so. Der Computer blieb tatsächlich aus. Es ist oder war mir aber vollkommen selbstverständlich, in der Wohnung vor dem Computer zu sitzen, zumindest alle paar Minuten mal kurz, mal eben etwas nachsehen, mal eben etwas notieren oder twittern, mal eben etwas lesen oder korrigieren, irgendwie schriftlich weiterdenken. So ganz ohne, das war schon eine höchst irritierende Situation. Ich irrlichterte ziemlich ratlos durch die Räume und setzte mich sogar ins Wohnzimmer, da bin ich sonst eher selten. Ich legte mich aufs Sofa und versuchte, mich erst einmal zu entspannen und gründlich nachzudenken, Zeit dafür hatte ich ja endlich einmal genug. Ich schlief wie immer dabei ein.

Dann war ich mittags mit der Herzdame essen, denn das Kochen geht leider auch eher schlecht ohne den Einsatz von Armen und Händen. Auf der Speisekarte stand “Business-Lunch”, da fühlte ich mich gleich wie ein Hochstapler. Sitzt der da wie ein anständig arbeitender Mensch zwischen den ganzen Büropausenleuten und tut in Wahrheit gar nichts, ich bin einfach zu norddeutsch-protestantisch geprägt für so etwas. Wie es sowieso bemerkenswert dämlich ist, an einzelnen Gelenken zu erkranken, man fühlt sich irgendwie dabei gar nicht ausreichend krank, obwohl man es doch ziemlich eindeutig ist. Aber dennoch, dieses gewisse Tagediebgefühl – eher unangenehm.

Dann bin ich in die Bücherei gegangen, ich hatte keinen Plan und keinen Wunschzettel dabei, ich dachte, ich gucke einfach mal nach Sachbüchern, was mich da so anspricht, querbeet. Wozu ich erklären muss, dass ich gerade aus heiterem Himmel eine literarische Umkehrphase habe, was bei mir alle paar Jahre einmal vorkommt und dann länger anhält. Ich finde gerade Romane und Geschichten, ich finde gerade einfach alles Ausgedachte doof und möchte bitte Bücher mit vernünftigem Inhalt lesen. Also Sachbücher. Das ist insofern merkwürdig, als ich Ihnen in der umgekehrten Phase mühelos und länglich erklären könnte, warum Sachbücher doof sind und letztlich zu geistlosem Spezialistentum führen, warum also nur das Lesen von Romanen und Geschichten einen menschlich wirklich weiterbringt, was ich jetzt gerade natürlich vollkommen abwegig finde, denn Romane bringen rein gar nichts, Romane sind eigentlich sogar unerträglich. Es soll Menschen geben, die beide Phasen gleichzeitig leben können, die lesen heute einen Krimi und morgen ein Bändchen über die Herrenmode im ausgehenden Spätmittelalter, warum auch nicht. Mir ist das nicht gegeben, ich mache das mehr so Jekyll-Hyde-mäßig zeitversetzt, und die beiden Herren schätzen sich dummerweise nicht, wie man weiß.

Es fällt mir also, wenn man es recht bedenkt, schon schwer, die Meinungsvielfalt in meinem eigenen Kopf zu tolerieren, das ist immer wieder verblüffend. Wie dumm ich doch gestern war, wie abwegig ich gedacht habe, wie seltsam ich Prioritäten gesetzt habe. Wenn sich aber mein gestriges und mein heutiges Ich schon prima über so banale Fragen wie die der einzig richtigen Literaturwahl heillos zerstreiten können, wie absurd schwierig ist es dann bitte, die komplett irren Meinungen anderer Leute auszuhalten? Womit wieder bewiesen wäre, dass man über Meinungen am besten überhaupt nicht streiten sollte, zumindest nicht im Ernst. Es sind nur die Haltungen, die zählen, bei allem anderen sollte man sich entspannen.

So gönnerhaft und mühsam beherrscht tolerant ging ich also mit mir selbst und meinen drolligen Zuständen um, dazu las ich nach dem Büchereibesuch erst einmal einen schmalen Axel Hacke: “Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen.” Eine hervorragende Lektüre, passend zum tobenden Konflikt in mir und selbstverständlich auch passend zur Zeit, wie man sicher nicht weiter erklären muss, das wurde dann ein paar Tage später am Beispiel einer Stadt in Sachsen noch dramatisch viel deutlicher. Empfehlung also! Überhaupt eine Empfehlung, viel länger über solche Dinge nachzudenken. Anstand, Moral, Sinn, so etwas. Feine Themen, man müsste mehr Zeit dafür haben. Oder sich nehmen. Bei Axel Hacke wird u.a. Yuval Noah Harari zitiert, den ich auch gerade gelesen und gerne empfohlen habe, das ist immer schön, dann fühlt sich das alles so an, als läge man irgendwie richtig mit der Wahl seiner Bücher und würde thematisch halbwegs vernünftige Kreise ziehen. Was auch immer da vernünftig sein mag, einer längeren Betrachtung hält das auch wieder nicht stand, schon klar.

Ich las ferner einen Zufallsfund, so ein Buch, in das man nur kurz im Vorbeigehen hineinsieht und an dem man dann ebenso unerwartet wie gründlich hängenbleibt, das ist das Schöne an großen Büchereien oder Buchhandlungen. Es ist von Stefan Weiler und heißt: “Letzte Lieder – Sterbende erzählen von der Musik ihres Lebens”. Er hat Menschen in Hospizen besucht und sich etwas über ihre Lieblingsstücke erzählen lassen. Es sind viele Geschichten darin, auch ein paar, die man nicht ganz so leicht verdauen wird, da sterben auch jüngere Menschen, auch ganz junge. Es sind Menschen dabei, die gerne gehen, es sind aber auch Menschen dabei, deren Zustand einem das Herz bricht, so etwas kommt vor. Es ist nicht einfach, wirklich nicht. Aber ich habe es in einem Rutsch durchgelesen und lange kein Buch so interessant gefunden, was für eine gute Idee. Man muss danach natürlich auch etwas über seine eigene Musik nachdenken und was eigentlich auf der Beerdigung laufen soll, aber warum nicht. Draußen herbstelt es heran, zumindest wenn man etwas fantasiebegabt ist, und man kann das mit Genuss zelebrieren, wenn man den Termin der eigenen Trauerfeier noch in der weiten Ferne vermutet jedenfalls. 

Da man ohne Arme auch Podcasts hören kann, abonnierte ich, altmodisch wie ich bin, Radiosendungen von Deutschlandfunk etc. Und hörte z.B. eine lange Sendung über den Tod von Benno Ohnesorg und die Umstände der Demonstrationen damals, wobei ich meiner eigenen Allgemeinbildung zum Thema 68 ein paar Mängelrügen erteilen musste. Aber gut, man kann ja daran arbeiten.

Nachmittags zeigte ich Sohn I, wie er vom Gymnasium mit der U-Bahn zur Parkour-Halle kommt – und freute mich wie Bolle über die wachsende Selbständigkeit und sein Größerwerden und überhaupt. Ich sah eine Weile beim Parkour zu und merkte, dass ich diese Übungen da dauernd kategorisierte in “Hätte ich damals auch gekonnt” und “Hätte ich nie gekonnt”. Bei den größeren Jugendlichen überwog die zweite Kategorie – und zwar deutlich! -, da sah ich Bewegungsabläufe, die waren zu meiner Zeit quasi noch nicht erfunden. Ich war auf eine vergnügte Art neidisch, das Gefühl war gar nicht so unangenehm. Aber Himmel. was hätte ich mit dem Sport als Kind für einen Spaß gehabt, es ist wirklich schade.

Am nächsten Tag las ich “Welt im Zwiespalt” von Edgar Wolfrum durch, ein Buch, in dem ich den roten Faden nicht gefunden, also vermutlich schlichtweg überlesen habe. Das machte aber nichts, es war auch in Einzelkapiteln interessant und eignete sich hervorragend, geschichtlich noch einmal etwas mehr Überblick zu bekommen und ein paar weitere Lücken zu schließen. Wobei mir deutlich auffiel, dass ich mir die Geschichte Europas nach 45 sowieso noch einmal genauer ansehen müsste. Die kam damals in der Schule nicht mehr vor, weswegen ich etwa in den Fünfzigern eher schwach bin, schon gar bezogen auf den Rest von Europa. Über die 70er weiß ich wieder mehr, warum eigentlich? Und alles nach 89 könnte gut etwas angereichert werden, so etwas versäumt man allzu leicht, wenn man dauernd als erwachsener Zeitzeuge dabei ist. Als ob man als Zeitzeuge jemals von selbst zum Überblick kommen würde.

Abends hörte ich eine längere Radiosendung über Einstein und die Relativitätstheorie und schlief völlig überfordert aber stets bemüht ein. Und so schläft es sich ja am besten, finde ich.

Demnächst mehr, ich muss das hier langsam angehen lassen, zu viele Tasten, zu wenig heile Sehnen. Im Laufe der nächsten Woche kriege ich aber irgendwie die Fortsetzung der Wanderung hin, hoffe ich.

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Was noch? Musik!

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Und übrigens bin ich nach wie vor und mittlerweile womöglich noch überzeugter denn je der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ich danke sehr. Und ich danke übrigens ganz besonders den lieben Menschen, die hier zwischendurch Geld eingeworfen haben, obwohl gar keine neuen Texte erschienen sind. Stark! Den Trinkgeldbericht für den August reiche ich noch nach. Wenn es wieder geht, als wenn alles wieder geht.

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afk

Gewöhnlich ist es eher nicht so gut, wenn ein Arzt einen als ungewöhnlichen Fall bezeichnet, das trifft auch bei mir gerade zu. Deswegen werde ich jetzt mal rund zwei Wochen die Finger ziemlich komplett von den Tasten lassen, um gewisse Gelenke mit desaströs mangelhafter Arbeitsmoral und schwach ausgeprägtem Durchhaltewillen etwas Ruhe zu gönnen, das lässt sich wohl nicht mehr vermeiden, hin ist hin.

Drüben bei der GLS Bank wird noch etwas erscheinen, da habe ich wie immer strebsam vorgearbeitet, aber hier – Sendepause. Wie auch auf Twitter etc. Was man aber macht, wenn man partout nichts mit Tasten machen soll? Keinen Schimmer, das finde ich jetzt heraus. Vielleicht doch mal Podcasts hören?

In etwa zwei Woche geht dann natürlich auch der Wanderbericht weiter, geht überhaupt alles weiter, man liest sich. Das Textstück unten war schon fertig, das klebe ich hier schnell noch dran.

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Ansonsten heute mal nur junge Leute, es gibt im Freundeskreis mittlerweile mehrere Menschen mit bloggenden Kindern und auch jungen Erwachsene, die online etwas machen. Liva habe ich z.B. schon öfter verlinkt, sie ist gerade ein Jahr in Mexiko, dort ist sie direkt nach der Schule hingeflogen. Jetzt steht sie kurz vor der Rückkehr, das ist auch nicht ganz einfach.

Die Schüler der Winterhuder Reformschule machen “Challenges”, die es in sich haben, jetzt radelt gerade ein Trupp die ganze Elbe entlang, einen davon kenne ich. Und sie bloggen darüber. Das ist doch ein anderer Schnack als unsere eher langweiligen Projektwochen damals.

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Und jetzt noch jünger. Vor der Kirche, die unserer Wohnung gegenüber liegt, wird im Sommer an einigen Wochenenden Freilichttheater gespielt. Abendliche Vorführungen, gar nicht schlecht besucht, aber doch eher eine Stadtteilsache, nicht so bekannt im Rest von Hamburg. Die Generalprobe findet auch vor der Kirche statt, die Beleuchtung wird getestet, der Ablauf, das ganze Stück wird natürlich einmal durchgespielt, diesmal sind es zwei Frauen, die da agieren, es geht wohl um Lebenskrisen. Der Rest des Kirchenvorplatzes ist dunkel, da sind nur zwei Zuschauer, die sich diese Probe intensiv ansehen, eine Fotografin und Sohn I.

Sohn I, der längst ins Bett gehört, Sohn I, der nur eine Szene sehen möchte, nur zwei Szenen, nur einen Akt, nur zwei Akte. Sohn I, der nicht mitbekommt, dass ich schon zum vierten Mal runtergehe, um ihn endlich und jetzt aber wirklich endgültig ins Bett zu bitten, der hört mich nämlich gar nicht, der sieht ja Theater, da wird gespielt und getanzt, da ist der Rest der Welt erst einmal gründlich egal und ausgeblendet. Und die beiden Damen haben bei ihrer Probe den aufmerksamsten Zuschauer, den sie sich nur wünschen können.

Sohn I, der sich für die Herbstferien bei einem der großen Hamburger Theater zu einem Ferienworkshop angemeldet hat, das hat er sich alleine ausgesucht.

Was ich aber eigentlich sagen wollte, die Grundschule, auf der Sohn I und Sohn II ist, die ist eine Kulturschule, sie kooperiert also mit Theatern, Museen etc. Da kommen beispielsweise Schauspielerinnen in den Unterricht und führen Szenen auf, um Kinder für ihr Metier zu interessieren. Und ich möchte meinen, das funktioniert tadellos, bitte gerne damit weitermachen.

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Ein Kind in einem Zug.

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Ein neuer Wirtschaftsteil von mir drüben bei der GLS Bank.

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Die Natur an der Nordsee in der Dürre.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, auch wenn ich in den nächsten vierzehn Tagen ziemlich sicher nichts damit mache.

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Abende auf Kunstrasen und in bester Luft

(Die Fortsetzung zu diesem Artikel)

Der Weg zum Strand ist weit. Also natürlich ist er nicht weit, aber wir waren immerhin schon den ganzen Tag unterwegs, wir dürfen den also mit Fug und Recht weit finden und ihn fluchend entlang gehen, jeder Schritt ist einer zuviel, jede Biegung eine gottverdammte Zumutung. Der Weg führt über den ganzen Campingplatz, auch durch den Bereich der Dauercamper, da brauchen wir dann noch etwas länger, weil wir uns alles erst genau ansehen müssen. Dauercamper, so fassen wir dann nach einer Weile unsere Erkenntnis zusammen, sind wie Schrebergärtner, aber mit viel kleineren Parzellen, ohne Garten und “mit alles aus Plastik”, wie der Sohn ganz richtig sagt. Ohne den Dauercampern zu nahe treten zu wollen, auf den ersten Blick erschließt sich uns nicht, was genau daran schön sein soll, dort abends auf einem Stück Kunstrasen in ungeheuer aufgeräumter Umgebung hinter aufgespannten Kunststofffolien in bester Luft zu sitzen und fernzusehen. Vermutlich müsste man dauercampen,um es zu verstehen, aber wer hat denn Zeit für so etwas. Also außer Menschen, die schon in Rente sind, das scheint auf den ersten Blick auch bei den meisten Menschen dort hinzukommen. Einer hat eine Hortensie in die gegabelte Deichsel seines Wohnwagens gepflanzt, “Der macht wenigstens was mit Natur”, sagt der Sohn. “Man muss auch loben können”, sage ich, “ganz genau.”

Am Strand ist noch Betrieb, der Kurkartenkassierer in seinem Kabuff hat aber schon Feierabend, wir kommen umsonst ans Meer. “Ganzen Tag nichts gezahlt!”, sagt der Sohn mit einem gewissen Piratenstolz, was man eben so erbeutet. Ich setze mich in den Sand, der Sohn zieht sich seine Badehose an und stellt sich ins Meer, in die nur müde schwappende Brandung, die man kaum so nennen kann. Das Wasser ist warm, auch für sommerliche Ostseeverhältnisse ist es sehr warm. Uns kommt eine Frau aus dem Wasser entgegen, die kopfschüttelnd sagt: “Ich geh mal kalt duschen, das bringt hier ja nichts.” So warm ist das Wasser.

Dem Sohn ist das egal, Hauptsache Meer. Nach einer Tageswanderung ist Wasser immer super, das merkt er jetzt – und wie er das merkt. Denn im Wasser geschieht etwas mit ihm, es überkommt ihn irgendwie und er hat seinen endgültigen Durchbruch als Wasserratte, er ist eine Stunde eher unter als über dem Wasser, er macht Handstand, Kopfstand und Rollen im Meer, er springt von einem Steg und rennt immer wieder rein und raus, einfach aus Spaß, weil es so schön ist, im Wasser zu rennen. Er wird sogar von einer älteren Dame angesprochen, dass es ja eine helle Freude sei, ihm zuzusehen, so viel Vergnügen! Das würde ja geradezu belebend wirken! Diese ekstatische Art des Badens also, und ich erinnere mich, das kannte ich auch einmal. So zu schwimmen, dass man überhaupt nicht mehr raus will, dass man sich wie ein Meeresbewohner fühlt, dass sich unter und im Wasser alles so dermaßen perfekt anfühlt und auf einmal sogar viel richtiger als an Land, als sei man im Wasser zuhause und endlich zurückgekehrt, als könne das jetzt so bleiben. Und so zu schwimmen, das dauert eben eine ganze Weile, das ist natürlich nicht in zehn Minuten erledigt, auch nicht in zwanzig. Ich sitze im Sand und sehe zu, wir haben Zeit.

Der Sohn sieht aus wie ich damals, darüber habe ich hier schon einmal geschrieben, ich sitze also und fühle seltsam intensiv mit. Erinnern und Beobachten werde eins, ich selbst mache den Handstand, ich selbst mache diese Rollen unter Wasser, ich schwimme da hinten herum und tauche ins Grünblaue ab, habe Salzwasser im Mund und Tang zwischen den Fingern und es ist ganz außerordentlich schön. Ich erfrische mich sozusagen aus zweiter Hand, das geht also auch.

Die Sonne steht tief, es wird dennoch nicht kühler. Es sind noch ungewöhnlich viele Menschen am Strand, Touristen, die längst den Punkt verpasst haben, an dem man normalerweise in der Touristenrolle ins Hotel geht. Da ist der Mensch wie ein Tier, wenn es kühler wird, dann geht er irgendwann in seinen Bau, wenn es aber nicht kühler wird, dann liegt er immer weiter da, wo eben noch die Sonne war, und irgendwann wirkt er da fehl am Platz. Es wird nur zögerlich ruhiger am Strand, es bleibt immer weiter warm, es ist die ideale Nacht, um einmal im Leben am Strand zu schlafen, aber wir haben das Zelt ja schon auf dem Campingplatz aufgebaut und das muss natürlich auch dort getestet werden. “Hunger”, sage ich schließlich. “Kein bisschen”, sagt der Sohn, denn der der läuft bei Hitze im Sparbetrieb und verbraucht fast nichts. Das kenne ich auch so von früher, das gibt sich aber dummerweise mit den Jahren.

Wir suchen uns einen Imbiss, in der nächstbesten Bude gibt es Gerichte aus dem Wok. Der Wok steht an der Ostsee auch nicht gerade für die traditionelle und regionale Küche, andererseit kann man mit Curryhuhn aber nicht viel falsch machen, wenn man nur genug Curry nimmt. Es ist also eine ziemlich sichere Sache. Wir essen wespenumsummt, ich sehr viel und der Sohn sehr wenig. Wir gehen dann ungeheuer müde den auf einmal noch viel weiteren Weg zum Campingplatz zurück, wo wir merken, dass einer von uns beiden seine Schuhe bei der Imbissbude gelassen hat, weswegen wir noch einmal zurück müssen. Es sind die Kleinigkeiten auf Reisen, die wirklich Kraft kosten, das stelle ich immer wieder fest. Die Schuhe stehen noch ordentlich unter dem Tisch, an dem wir gesessen haben, der Wokbudenmann winkt freundlich aus seinem Bedienfenster, der hat uns schon erwartet. Wir werfen noch einen letzten Blick auf die See, verbunden mit der Überlegung, ob man nicht doch noch einmal ganz kurz – aber nein. Die Kraft ist jetzt wirklich gründlich verbraucht.

Die Sache mit dem Duschchip müssen wir aber doch noch austesten, ein Chip für fünf Minuten, so hatte es der Mann an der Rezeption gesagt. Wie lang sind fünf Minuten unter der Dusche, ist das lang, ist das kurz? Wie lange duscht man eigentlich normalerweise? Fünf Minuten, das finden wir dann heraus, reichen locker für zwei Personen, und dann läuft sogar immer noch ziemlich lange Wasser, wir hätten noch jemanden einladen können. Nachdem wir eine gefühlte Ewigkeit unter der Dusche gestanden haben, wird uns klar, dass die Sache mit den fünf Minuten nicht stimmen kann. Vielleicht ist das Ding kaputt oder ein Chip reicht für 15 oder für 25 Minuten, das Wasser läuft jedenfalls immer weiter und weiter und wir sind längst die allergeduschtesten Menschen weit und breit, so viel steht fest. Irgendwann stellen wir das Wasser einfach ab und gehen, wie bei jeder anderen Dusche auch.

Auf der Zeltwiese sammelt sich währenddessen eine größere Kinderschar, das gehört wohl zu den Gepflogenheiten dort, dass der Nachwuchs aller Altersstufen sich abends zuammenrottet, wenn die Damen und Herren Eltern wieder irgendwelche Erwachsenendinge in den Zelten machen, herumräumen, kochen oder mit Handtuch über der Schulter zum Duschhaus ziehen. Wildfremde Kinder bilden da ein Rudel, die brauchen etwa zwei Minuten, bis sie gemeinsam etwas machen können, das ist immer wieder faszinierend. Wie unendlich lahm man als Erwachsener mit so etwas wird, wie sehr man irgendwann wieder fremdelt. Die ganze Schar verschwindet Richtung Spielplatz und bleibt dort auch eine ganze Weile, es ist längst stockdunkel. Ab und zu hört man Kinderrufe, es klingt nicht so, als ob man da hingehen müsste.

“Wollen wir nochmal besprechen, was wir heute alles erlebt haben?” frage ich den Sohn, als er endlich neben mir im Zelt auf dem Schlafsack liegt. “Ja”, sagt er und schläft in derselben Sekunde ein, während ringsum ein verblüffend vielfältiges Schnarchen einsetzt.

Fortsetzung hier.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, denn die Wanderung wird fortgesetzt. 

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