Es ist wieder einer dieser sogenannten Zufälle, die mich in den Weiten des Internets zu einem Begriff führen, der mir noch neu ist. Ein Trend wird damit bezeichnet, und zwar einer, der gerade erst hochkommt, der sich auf Seiten wie Pinterest etwa gerade neu manifestiert. Ich lese in einem Artikel davon, auf Pinterest selbst bin ich schon lange nicht mehr. Von dort würde ich nichts mitbekommen.
Poetcore, darum geht es. Das klingt doch interessant, denke ich im Überflug, und ich kreise also über ein, zwei Absätzen noch etwas länger herum, denn ich will wissen, was es damit auf sich hat. Und ich gucke danach auch noch auf Instagram nach und sehe mir dort an, was bereits alles mit diesem Trendnamen als Hashtag verschlagwortet worden ist. Das sind nur so um die 1000 Beiträge. Da weiß man dann, okay, das ist zwar schon etwas, da findet tatsächlich etwas statt, aber es wird entweder noch allzu frisch sein oder aber gar nicht erst gezündet haben. Es ist wirklich frisch, stelle ich fest, als ich mir die Daten der Artikel dazu noch einmal prüfend ansehe.
Was meint das nun also, wie geht Poetcore? „Dressing like a poet is very hot right now.” Steht da. Und selbstverständlich wird auf den Mode- und Lifestyle-Accounts dann auch in Stichworten erklärt, was alles dazugehört und wie man nun herumlaufen sollte, wenn man diesem wohlklingenden Trend folgen möchte. Dicke Rollkragenpullover soll man da etwa anziehen. Second-Hand-Blazer auch, es werden die Stoffe Cord und Leinen ausdrücklich erwähnt, und überhaupt betont man natürliche Materialien. Vielleicht, haha, weil Poetry nichts Künstliches ist? Aber ich will nicht spitzfindig werden, nein.
Alles jedenfalls wird strikt in erdigen, unaufgeregten Tönen gehalten. Sand- und Naturbodenfarben, Rehbraun, Tintendunkelblau, Umbra, Sepia, Creme bis Moosgrün und sämtliche Schattierungen der Dämmerung in schöner Landschaft. Dazu trägt man betont abgetragene Schultertaschen aus Leder, in die mehrere Bücher und am besten auch noch das Notebook passen. Welches man ja braucht, falls man zwischendurch ein Kapitelchen im Manuskript bearbeiten möchte oder eine Novelle auf die Schnelle skizzieren will.
Dabei macht man, lese ich staunend, eine insgesamt zerzauste Erscheinung, so steht es da wirklich. In etwa so, als habe man die Nacht durchgemacht. Also durchgedichtet vielleicht.
Außerdem trägt man, aber das versteht sich fast schon von selbst, eine Brille. Und man hat auch jederzeit ein Notizbuch und ein ansprechendes Schreibgerät in der Hand. Oder, warum auch nicht, ein halbfertiges Gedicht sowie „andere Erinnerungsstücke“. Was immer damit gemeint sein kann? Attraktiv vergilbte Fotografien aus der Jugendzeit vielleicht. Das getrocknete Vergissmeinnicht aus dem letzten Jahr oder, wer erinnert sich noch, Streichholzschachteln mit Telefonnummern darauf.
Aber wie auch immer. Dieser Rollkragenpullover im erdigen Ton jedenfalls. Der dunkle Blazer aus natürlichem Material, die Hose im heimeligen Tannenzapfenbraunton, das ledergebundene, alt wirkende Notizbuch, der birnbaumholzummantelte Kugelschreiber – Moment, ich sehe einmal kurz in den Spiegel: Oh! It’s me!
Ich lese aber noch weiter, jetzt will ich das alles wissen. Zu diesem Begriff, zu diesem Look gehört ein „nicht aggressiv daherkommendes, charmant wirkendes Selbstbewusstsein“ (der Autor sieht an dieser Stelle kurz vom Tippen hoch und zwinkert sich selbst schalkhaft im Spiegel zu). Es geht auch um … einen Augenblick, ich muss mir das eben aus dem Japanischen oder was das nun wieder ist übersetzen lassen: „Unregelmäßige und lässige Strukturen im Haar.“
Und das beschreibt doch schön, was meine Mutter neulich so unangenehm direkt mit „Jetzt wird es bei dir aber auch allmählich dünner, ne?“ beschrieben hat.
Was noch, es wird ja immer besser. „Selbstreflexion und emotionale Tiefe“, meine Güte, was bei Modemeldungen so alles stehen kann, man macht sich ja keinen Begriff. „Sanftheit, Zurückhaltung und menschliche Präsenz.“ Na, wer kann dazu schon nein sagen.
Außerdem noch „lockere und fließende Silhouetten, die einen nicht einengen“ – das wäre ja auch noch schöner, denke ich mir beim Lesen, wenn mich auch noch meine Silhouette einengen würde. Irgendwo muss mal Schluss sein mit den Belastungen im Alltag.
Der Trend sei insgesamt das modische Äquivalent zur Melancholie, so steht es da ebenfalls. Allerdings auch das zu ungebügelter Wäsche (WTF?). Es gehe insgesamt um „schöne Unvollkommenheiten“. Wissen Sie was, ich sollte vielleicht noch etwas länger und vor allem viel interessierter in den Spiegel sehen. Und apropos Interesse, das soll man bitte für die Dichtung „zwischen Byron und Patti Smith“ haben.
Auch da gehe ich freudig mit. Überhaupt klingt das alles ganz nach „meins, meins, meins“, wie die Möwen bei „Findet Nemo“ gesagt hätten.

Man soll aber, das ist auch wichtig, bei diesem Trend nichts tragen, was irgendeinem Trend folgt. Da bekommt man dann doch wieder Kopfschmerzen, wenn man darüber zu lange nachdenkt. Oder aber man ist wie ich und läuft also schon etwas länger in genau dieser Art herum, Trend hin oder her. Mit dickem Rollkragen, Charme, Notizbuch und allem.
Zwei Aspekte fallen mir noch ein, nachdem ich mit der Lektüre der Mode-Accounts durch bin, und ich checke wissbegierig die ebenfalls wichtigen Bereiche Musik und Inneneinrichtung. Playlists mit dem Begriff Poetcore im Titel scheint es bisher allerdings kaum zu geben. Das Wenige, was ich dann doch finde, versammelt Songs von Menschen wie Nick Drake, Nick Cave, Lana Del Rey, Cigarettes after Sex und Jeff Buckley – da gehe ich immer noch mit, und sogar gerne.
Bei den Interieurs wiederum lässt sich die angestrebte Optik ganz einfach beschreiben. Das ist nämlich nichts anderes als das altbekannte Dark Academia, nur ist alles jetzt etwas besser und viel freundlicher ausgeleuchtet. Es liegen auch keine Totenköpfe mehr auf den Schreibtischen herum, stattdessen gibt es auf einmal auf jedem Bild lebensbejahende Zimmerpflanzen.
Auch damit und darin könnte ich gut leben.
Es soll DER Trend des Jahres werden, so heißt es. Es wird also mein Jahr, lese ich da heraus. Eine fast zwingende Ableitung ist das, nicht wahr? Ich wäre auch gegenüber einer mich betreffenden, irgendwie positiv zu deutenden Nachricht, und sei es nur eine lächerliche Trendmeldung in der Vogue, auf Pinterest, auf Instagram oder wo auch immer, durchaus aufgeschlossen, so ist es nicht.
Man muss die Zeichen doch stets nach Möglichkeit beachten. Und zwar auch die am Wegesrand.

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