Main Character Vibes

Ich sehe oft Filmszenen in der Wirklichkeit, ich schreibe oft darüber, und ich nehme oft Musik über Kopfhörer als Soundtrack zu etwas wahr, das da draußen gerade abläuft. Mehr oder weniger passend kann die Musik dann sein, und manchmal passt sie auch sensationell gut. Das sind diese erhebenden Sync-Momente, Sie kennen das vermutlich, wenn alles kurz zusammenpasst.

Was ich aber eher nicht sehe, was ich auch nicht fühle, das bin ich in einer Rolle in diesen Szenen. Schon gar nicht in der Hauptrolle. Auf diese Idee komme ich eher nicht. Ich laufe normalerweise herum und sehe mir lieber die Show an, die andere veranstalten. Andere Menschen sehe ich also an, die etwas machen oder einfach mehr oder weniger dekorativ vorhanden sind. Manchmal auch Tiere oder überhaupt die Natur, die Stadt, die Gebäude, die blinkenden Reklamen etc.

Ich denke ausdrücklich nicht wie Snoopy: „Hier kommt der berühmte …“, um mich dann einer Fantasie entsprechend in Szene zu setzen, gekonnt zu inszenieren oder zumindest solcherart zu empfinden, zu erträumen. Ob es aber normal wäre, so etwas zu tun, und wenn ja, in welcher Häufigkeit, das weiß ich gar nicht. Und es lässt sich auch nicht gut mal eben recherchieren. Zumindest auf den ersten Blick nicht, und mehr Zeit hatte ich gerade nicht. Wie viel Hauptrolle steht einem eigentlich zu?

Am Ende sind Hauptdarstellerinnenfantasien viel gewöhnlicher, als ich es mir vorstelle, machen das andere öfter als ich? Was weiß man schon – ich lande immer wieder bei diesem Gedanken.

Main character vibes jedenfalls. Ich habe spontan nicht ergründen können, woher der Ausdruck eigentlich genau stammt. Ich weiß, dass er in den sozialen Medien oft verwendet wird, wie auch main character energy und andere eng verwandte Abwandlungen. Eine Quelle in der Gaming-Kultur kommt mir wahrscheinlich vor und Gemini gibt mir prompt Pen-&-Paper-Rollenspiele als Herkunft an. Zum Gegenbegriff NPC ist es da in der Assoziationskette nicht allzu weit.

Den Ausdruck NPC habe ich damals von den Söhnen gelernt, übrigens.

Aber wie auch immer. Als ich am Meer ankam, das wollte ich nur eben erzählen, war es vollkommen unerwartet warm. Ein hochsommerlicher Tag, eher später Juli als früher Juni, gar kein Gedanke an den angesagten Regen. Ich stieg aus dem Zug und rollkofferte zunehmend erhitzt zum Hotel. Ich stellte das schmale Gepäck in das Zimmer und ging gleich wieder, ohne mich erst umzuziehen, runter zum Strand. Noch im Anzug also ging ich. Und zwar auf dieses Mittelding zwischen Seebrücke und Steg, über das man in Sankt Peter-Ording zum Meer gehen kann. Und wie lange geht man da. Wenn man es nicht kennt, nehme ich an, ist es ein ganz erstaunlich langer Weg, bei dem sich auch noch Scherze über Holzwege anbieten, aber das nur am Rande.

Der Steg in SPO, Weitwinkel

Über die Salzwiesen des Vorlandes führt dieser Weg, man sieht neben sich und in der Weite begrünte Dünen. Begrünt und bewachsen in diesen Farben, die man aus den Filmen über das schottische Hochland kennt. Man sieht auch schon die berühmten Pfahlbauten in der Ferne, vor einem und auch links und rechts. Und man sieht, zumindest zu dieser Uhrzeit, die in der Abendsonne gleißend liegende Nordsee, in friedlichster Abendstimmung. Ein Meer, das sich zahm gibt.

Das Vorland in SPO

Der Holzweg endet endlich dort, wo der feine Sand beginnt. Wo ich dann die Büroschuhe auszog und in die Hand nahm. Um fast wie pflichtgemäß einmal zu den Ausläufern der kleinen, an diesem Abend nur äußerst dezent heranplätschernden Wellen zu gehen und ersten Kontakt aufzunehmen.

Ein Holzhäuschen auf dem Steg in SPO

 

Strandkörbe auf einem Plateau auf Pfählen in SPO

Umgestürzte Strandkörbe am Strand von SPO

Sich vom Meer anlecken lassen wie von einem fremden Hund. Dabei vielleicht noch höchst geistreich so etwas wie „Na, du?“ murmeln. Und eine Hand tätschelnd herunterreichend, das auch.

Und dann da also einen Moment stehen und sinnend in Richtung der sinkenden Sonne sehen. Deutlich falsch angezogen und deswegen auch vielfach angesehen. So oft angesehen schließlich, dass sogar mir irgendwann der Gedanke an main character vibes kam und ich mich daher etwas gerader machte und ein paar Schritte in der Totalen ging, auf das tiefere Meer zu. Von hinten aufgenommen, langsam aus dem Bild gehend, schräg in die kleinen Wellen.

Es war dann auch okay, einen Moment lang. Aber immer müsste ich nicht im eigenen Bild sein.


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Solivagant

Ich kam neulich in einem Gespräch darauf, und dann musste ich erst einmal kurz nachdenken, weil mir mein erster Gedanke zu dem Thema etwas unwahrscheinlich vorkam. Das ist allerdings mittlerweile ein paar Tage her und ich denke immer noch darüber nach, komme aber nach wie vor zu keinem anderen Ergebnis.

Und zwar ging es da um das Reisen als Einzelperson. Wenn ich nicht irgendetwas gründlich verdrängt habe, dann habe ich das, abgesehen von Lese- und Dienstreisen, die in diesem Zusammenhang nicht zählen können, wohl tatsächlich noch nie gemacht. Nicht einmal kurz. Nicht einmal, so wie jetzt gerade, in der Nähe verbleibend, also eher mit erweitertem Ausflugscharakter.

Nein, mir fällt wirklich nichts ein. Es hatten vielleicht alle meine Reisen, durch sämtliche Jahrzehnte, einen Eltern-, Paar- oder Familienbezug. Seltsam und unwahrscheinlich kommt es mir vor. Es fällt mir auch schwer, den Gedanken zu akzeptieren, und doch scheint es die Wahrheit zu sein.

Dabei ist es dann noch ein Glück, im Sinne der Tante Jolesch von Friedrich Torberg (siehe hier), dass ich diesen seelischen Wundschmerz der nostalgisch-romantischen Art, den bekanntlich viele Menschen an den Orten empfinden, an denen sie mit anderen, irgendwann oder immer noch geliebten Menschen einmal waren, recht kategorisch nicht im Repertoire zu haben scheine. Dieses Modul wurde bei mir wohl nicht verbaut. Und man kann natürlich damit leben, nicht permanent beim Anblick von Gebäuden, Stränden oder Landschaften vergangenem Glück hinterherzutrauern und einem nur noch imaginären Gegenüber alle paar Minuten ein seufzendes „Weißt du noch“ zuzuraunen. Ich stelle mir das unangenehm vor, so von sich selbst und seinen Erinnerungen belästigt zu werden.

Wäre ich ernsthaft in dieser Richtung veranlagt und problembeladen, ich hätte mir mittlerweile auch längst ganz Norddeutschland verunmöglicht. Das wäre etwas ungünstig. Ich würde schließlich bei so etwas wie Delmenhorst landen, auf der Suche nach nicht kontaminierten Gegenden. Man hat auch dabei immerhin seine Vorbilder:

Ich bin in einem Hotel, das mit der Mutter meiner Söhne und mir etwas zu tun hat. Wenn ich aus dem Fenster sehe, dann steht da nur zwei Häuser weiter ein anderes Hotel, in dem war ich einmal mit der Frau, mit der ich davor verheiratet war, sogar in einer ausgesprochen kurzgeschichtentauglichen Nacht.

Aber es geht. Es ist nicht schlimm, ich muss hier daher keine Liebeslyrik schreiben. Und das ist sicher sehr gut so.

Die Konzertbühne an der Promenade von SPO

Das Hotel gibt sich aber auch alle Mühe, betont gegenwärtig zu sein. Alles läuft nun digital, nicht nur die Buchung. Auch der Check-In, die Gästekarte etc. Etwa ab der fünften Mail, die mir das Hotel mit viel Enthusiasmus im Text schickte, fühlte ich mich allerdings ein wenig digitalmüde und landete wieder beim längst legendären Drosten-Zitat: „Ja, ist gut jetzt.“

Als ich sah, dass man hier sogar den Fahrstuhl per App startet, wusste ich schon, was passieren würde. Ohne jede Überraschung ging ich daher zurück zur Rezeption, denn der Fahrstuhl startete selbstverständlich nicht. Und das war dann wieder einer dieser Momente, von denen jetzt feststeht, dass sie ab diesem Jahr bei mir immer häufiger auftreten werden. Nämlich einer dieser Momente, in denen sogar ich denke: Können wir diesen ganzen digitalen Unsinn nicht einfach lassen.

Ich dachte es dann prompt gleich darauf noch einmal, nämlich beim Öffnen der Zimmertür mit der App. Ein Schlüssel wäre mir deutlich lieber gewesen. Ein guter, alter Schlüssel. Mit so einem unförmigen, merkwürdig überdimensionierten Holzdödel dran, die Älteren erinnern sich.

Na, was man so denkt und wie es eben so ist, wenn man langsam aus der Gegenwart herauswächst.

Pfahlbauten am Strand von SPO

Pfahlbauten am Strand von SPO

Das Vorland am Strand von SPO

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Hin und her zwischen den Meeren

Die Züge waren dann aber pünktlich. Alle waren sie pünktlich, und zwar auf die Minute, wenn nicht sogar auf die Sekunde. Es war fast schon etwas unheimlich, ich erwartete irgendwann Erdbeben oder dergleichen, aber es lief immer weiter alles glatt. Sozusagen bis direkt an den Strand.

Betrüblich war einzig zwischendurch die Ausstrahlung des Bahnhofs in Elmshorn, bei dem man sich für meinen Geschmack etwas übertrieben viel Mühe gegeben hat, verlorene Provinztraurigkeit, sozialen Abstieg und neorealistische Bitternis durch Komparsen und Kulissen darzustellen.

Ein Rentnerpaar saß dort eine Weile auf der Wartebank neben mir. Sie unterhielten sich in diesem Tonfall, den es bei gar nicht wenig besonders altgedienten Paaren gibt, also in routinierter Aggression, in einer Art dauerhaft verhaltenem Knurren:

„In der Apotheke musst du immer mit der Kompetenten reden. Nie mit der anderen!“

„Na, welche soll das denn sein.“

„Die mit der Kompetenz!“

„Und woran erkenne ich die?“

„An der Kompetenz!“

„Aber wie sieht sie aus?“

„Kompetent!“

Es ging noch eine ganze Weile so weiter. Sie wurden beide immer verärgerter dabei, sie litten beide sichtlich unter der Dummheit der vermutlich angetrauten Figur neben ihnen.

Weiter oben auf der Landkarte, schon in Nordfriesland, stand der Zug eine Weile bei einem Zwischenhalt. Jemand steckte den Kopf durch die offene Waggontür und fragte den nächstbesten Menschen, der ein paar Plätze von mir entfernt saß: „Wohin fährt dieser Zug?“ Und dieser Mensch, auch längst im Rentenalter, aber im Gegensatz zu dem oben erwähnten Paar von der ausdrücklich heiteren Sorte und mit sichtlich durchsonntem Gemüt, sah ihn freundlich an und sagte dann: „Ich habe überhaupt keine Ahnung.“

Es klang nicht wie ein Scherz, es klang nicht wie eine Provokation. Sicher war es aber auch auch keine Belehrung in dem Sinne, dass der Fragende gefälligst die Schilder oder Anzeigen lesen solle. Es schien mir vielmehr – aber was weiß man schon – einfach die Wahrheit zu sein.

Und wer weiß, vielleicht fahre ich in zehn Jahren auch einmal an schönen Sommertagen mit Regionalexpressverbindungen ein paar Stunden lang planlos zwischen den Meeren hin und her und sehe mir die Landschaft an, die Schafe, die Kühe und die Pferde. Warum auch nicht. Es gibt sicher schlimmere und auch dümmere Beschäftigungen.

Wenn schon seltsam werden, also noch seltsamer, sollte ich wohl sagen, dann doch nach Möglichkeit auf eine halbwegs sympathische Art.

Und schon hat man wieder ein Ziel für den Rest des Lebens gefunden. That was easy.

Das grüne Vorland am Strand von SPO

Der weite und leere Strand von SPO

Ein Pfahlbau am Strand von SPO

Eine Boje am Strand von SPO

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Der Plan bis Sonnenuntergang

Ich schrieb über das vergangene Briefzeitalter (hier war das). An diesen Text haben die Kaltmamsell und auch Herr Rau jeweils etwas angelegt, es ist sehr erfreulich.

Es geht bei ihnen allerdings um alte, aufbewahrte Briefe. Also um einen Aspekt, den gewiss viele romantisch finden. Für mich wäre es eher ein Albtraum, wüsste ich, dass irgendwo noch Briefbündel herumliegen würden. Obwohl ich so schlimmes Zeug sicher auch nicht geschrieben habe, zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Es ist eher eine Art von Grundscham, die ich mit der Therapeutin besprechen sollte, hätte ich denn eine.

Ich stelle mir aber immerhin vor, wie die Therapeutin, die ich einmal hatte (been there, done that, got the t-shirt), ernst guckt und nach dieser Anmerkung von mir zu den Briefbündeln aus der Vergangenheit wortlos ihre Lesebrille geraderückt. Wobei sie mich immer weiter ruhig ansieht. Viel mehr hat sie damals selten gemacht, aber es wirkte doch immer ungemein geistreich, sie konnte das wirklich gut. Also sie konnte es genau so, dass man nach ihrem wahrlich meisterhaft ausgeführten Blick über diesen goldenen Lesebrillenrand hinweg lieber doch noch etwas weiter nachgedacht – und dann auch prompt noch etwas gesagt hat.

Und darum ging es schließlich. Interessant war das, doch, doch, zumindest manchmal. Und zumindest für mich.

Ein Rettungsring an einer Wand neben dem Alsterfleet, im Hintergrund die Elbphilharmonie, über eine Brücke ragend

***

Ich werde heute direkt nach dem Home-Office („Huuskontor“, auf Mastodon fiel das Wort aus der Pandemiezeit gestern einmal wieder, ich hatte es längst vergessen) in den Zug steigen und ans Meer fahren. So jedenfalls lautet mein halbwegs spontan gefasster Plan. Da ich auf dieser Fahrt aber zweimal umsteigen werde, und zwar mitten in der Walachei, wie man nicht nur in meiner Familie früher zu sagen pflegte, hat die Deutsche Bahn alle Chancen, unterwegs einiges grandios scheitern zu lassen, wie man sich vorstellen kann.

Ankommen werde ich am Ende vermutlich dennoch, und vielleicht auch noch vor Sonnenuntergang. So dass ich es mir am Abend schon einmal kurz ansehen kann, dieses Meer, um das es bei der ganzen Aktion geht. Es sollte im Juni aber auch kein besonderes Problem darstellen, von Hamburg aus vor Sonnenuntergang irgendwo in Norddeutschland anzukommen. Man hat immerhin Zeit bis zwanzig vor zehn dafür. Das sollte wirklich reichen.

Die Rickmer Rickmers im Hamburger Hafen

Ich habe gerade nachgesehen und etwas recherchiert. Fast würde ich die Strecke bis zum Strand meiner Wahl in diesem Zeitraum auch mit einer flotten Postkutsche schaffen können. Aber nein, doch nicht ganz. Immer fair bleiben.

Selbstverständlich wäre ich aber mit unserem Auto viel schneller als mit dem Zug. Fast doppelt so schnell. Aber ich fahre dermaßen ungerne, dass ich bei Plänen dieser Art fast nie sofort das Auto im Sinn habe. So ungern fahre ich, dass auch eine sich eher kompliziert und seltsam verbastelt anfühlende Zugverbindung für mich ein deutlich näher liegender Gedanke als eine Autobahnfahrt ist. Und zwar ein Gedanke, der sich auch viel mehr nach Reise und Nichtalltag anfühlt.

Von der reellen Chance auf Erlebnisse und also Berichtenswertes einmal abgesehen.

S- und Fernbahngleise von der Station Elbbrücken aus

Wie auch immer. Ich schicke Ihnen dann jedenfalls ein Bild vom Strand, so der weitere Plan.

Oder auch ein paar Bilder mehr.

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Musik zum Monatswechsel

Der 31. Mai. Dann erleben wir, wenn uns nicht heute noch der Himmel auf den Kopf fallen sollte, morgen den 1. Juni. Was sich, wie auch schon in den letzten etwa zehn Jahren, leicht surreal anfühlt. Weil der gefühlte Monat dann abweichen wird, weil der Mai auf eine seltsame Art zu kurz war, der Frühling überhaupt. Verschlankt wie ein Februar kam er daher, dieser Mai, in einem Augenblick war er schon vorbei. „One minute you‘re here, one minute you‘re gone“, wie es Bruce Springsteen für uns gesungen hat.

Allerdings ist das aus einem ausdrücklichen Herbstlied („I lay my penny down on the rails as the summer wind sings its last song”) und passt also zu dieser Monatswende nicht recht. Nur den Songtitel kann ich zur Verdeutlichung der aktuellen Zeitangaben verwenden. In Melodie und Text ist es aber ein verdammt gutes Herbstlied, man kann es sich vielleicht schon einmal vormerken für den September oder Oktober (YouTube-Link).

Zu den nächsten Wochen habe ich merkwürdigerweise spontan nur einen Song im Kopf, der diesen Monat im Titel trägt. Es ist ein Klassiker, den wir alle mitsingen können, es ist Rio Reisers Lied vom Junimond. Wenn man bei der verlinkten Wikipedia nachliest, stößt man (vielleicht unvermutet) auf deutsche Geschichte, auf eine bekannte Politikerin. Und man findet auch etliche Cover-Versionen, die man sich sämtlich anhören könnte. Aber natürlich nicht muss.

„Die Welt schaut rauf

Zu meinem Fenster …“

So fängt es bekanntlich an. Ich aber stehe am Küchenfenster und sehe hinunter, während ich in aller Dezenz diese eingängige Melodie mitsumme. Für mich kommt diese Zeile nicht hin, kein Mensch guckt hier zu mir hoch. Sehr selten kommt das nur vor, dass jemand mich am Fenster wahrnimmt, dass ein Blick mich streift. Ein Blick, der vielleicht nach einem brummenden Hubschrauber am Himmel sucht oder nach einer schreienden Möwe. Wenn dieser suchende Blick einem Kind gehört, dann winke ich freundlich. Und dann winkt das Kind meist auch zurück. So viel Bullerbü darf es hier geben.

Ich stehe also am Küchenfenster und sehe hinunter auf die Welt. Manchmal, es kommt auf die Stimmung an, sehe ich auch auf sie hinab, aber das gibt sich dann schnell wieder. Hüte dich vor der Hybris, man sollte sich an seine Regeln halten.

Hallo Freunde, ich bin der Beobachter.“ Das kommt als Textzeile für mich viel besser hin, wenn es um mein Stehen am Fenster geht, um mein Hinaussehen, das beschreibt die Situation treffender. Aber das ist nicht von Rio Reiser, das ist aus einem Lied von Rocko Schamoni.

Wissen Sie noch?


Ansonsten kommt der Juni, wie mir noch einfällt, bei Simon & Garfunkel vor. In dem Lied „April, come she will“, in dem die Liebe eines Mädchens oder einer Frau sich mit den Monaten verändert: „June, she’ll change her tune“.

Seit einer gefühlten Ewigkeit kenne ich dieses Lied schon, kenne ich auch diesen simplen Text. Den ich selbst als Schüler schon verstehen konnte. Aber nie habe ich mich gefragt, was das eigentlich heißen soll, dass sie im Juni ihre Melodie ändert. Jetzt erst sehe ich (Wikipedia), dass Paul Simon da eine Variation zu einem englischen Kinderreim geschrieben hat. Ein Kinderreim, der das Verhalten des Kuckucks beschreibt, der im Juni tatsächlich seinen Gesang ändert (Wikipedia).

Was ich nicht gewusst habe. Da kann man einmal sehen, wie nützlich solche Kinderreime sind. Dann weiß man nämlich Bescheid, wenn man das alles so aufsagen kann. Dann weiß man auch, dass der Kuckuck im August wieder nach Afrika abreist („August – die she must“, heißt es bei Paul Simon).

Immer alles nachlesen, ich sage es ja.

Aber apropos abreisen. „Nothing I do is gonna make the difference,
so I’m taking the time.
” Das wiederum singt Chris Rea. Und ich wiederum sang es, gerade in beruflicher Hinsicht, vielleicht einen Tick zu engagiert mit in der letzten Woche, ich fühlte mich ein wenig zu sehr verbraucht. Daher sehe ich morgen nach der Arbeit doch einmal nach, was es mit mir und dem Meer gerade auf sich hat. Es gibt immerhin Lebensthemen, bei denen schadet ein regelmäßiges Update nicht.

So zwei, drei Tage lang werde ich dem nachgehen, um mir für die nächste Zeit wieder sicher werden zu können. Und ungeachtet des eher grausigen Wetterberichts gehe ich dem nach, denn am Strand liegen möchte ich eh nicht. Unter einem Regenschirm auf einer Mole – das bildet mich ohnehin besser ab, wie man heute sagt.

Ein Fleet in der Speicherstadt unter wolkenverhangenem Himmel

Blick ins Wasser von einer Brücke in der Speicherstadt, mit einem markanten, pinkfarbenem Fleck auf einem Pflasterstein

Ich bin noch nicht sicher, ob ich bei diesem Kontrollbesuch, bei dieser kleinen, in der zeitlichen Erstreckung recht bescheiden ausfallenden Auszeit auch bloggen werde. Falls nicht, geht es hier am nächsten Wochenende weiter. Aber vermutlich kann ich es doch wieder nicht lassen, Sie kennen das.

Und es gibt Süchte, die gehen klar, denke ich.


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Linkwerk zum Wochenende

Vorweg herzlichen Dank für die freundliche Zusendung eines Buchs vom Wunschzettel! Und zwar waren es die „Chronicles“ von Bob Dylan, Deutsch von Katrin Passig und Gerhard Henschel. Sehr schön, ich freue mich.

"Chronicles" von Bob Dylan

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Gesehen:

Eine Doku auf arte über unser Gehirn und die merkwürdige Art der Wirklichkeitswahrnehmung oder eher schon Wirklichkeitserschaffung: „Wie unser Gehirn uns austrickst“, in zwei Teilen. Im Prinzip ist mir das alles bekannt, Ihnen vermutlich auch, aber man kann es andererseits auch nicht oft genug zur Kenntnis nehmen.

Weil wir bei nächster Gelegenheit doch wieder alles einfach für die Wirklichkeit halten werden, da draußen, und das ist ein Problem.

Najmro, bzw. The Getaway King, ist ein polnischer Spielfilm von 2021. Ich habe ihn nicht einmal bis zum Ende gesehen (Netflix), empfehle ihn aber dennoch, und zwar ausdrücklich für den Fall, dass Sie Interesse an Kameraführung, besonderen Blickwinkeln, Design, Kulissen und Farbstichen haben. Denn in der Hinsicht fand ich es doch bemerkenswert, was da inszeniert wurde. Das waren einmal andere Looks, das hat mir gefallen.

Ich neige Drogen gerade nicht zu, könnte mir aber gut vorstellen, dass der Film nach der Zuführung diverser Substanzen noch eindringlicher und abgefahrener wirkt, um einmal eine etwas seltsame Empfehlung auszusprechen.

Immerhin unterhaltsam fand ich „Achtsam morden“ mit Tom Schilling in der Hauptrolle. Ein guter Anfang, aber dann habe ich es doch mit schnell nachlassendem Interesse gesehen.

Diese arte-Doku über Clint Eastwood.

Gleich mehrfach habe ich mir den Auftritt von Rosalia bei den Brit Awards angesehen, die Inszenierung ihres Songs „Berghain“, inklusive des Auftritts von Björk und dem Techno-Remix-Anteil am Ende.

Treffende YouTube-Kommentare zum spektakulären Auftritt:

This is the european superbowl half time show.”

“Americans complaining about a citizen singing in Spanish. Meanwhile Europe, celebrating Spanish singer Rosalía who sings in German and Spanish with Icelandic singer Björk singing in English and performing three different genres about a club in Berlin and everybody joins in when the Techno beat hits. That’s my crowd.“


***

 Gelesen:

Im Guardian empfehlen Autorinnen Lieblingsbücher, und man kann in der Liste einige sinnvolle Hinweise finden: „I laughed out loud dozens of times’: authors choose books to make you fall back in love with reading.”

Ansonsten lese ich gerade nichts als die Goethe-Biografie, und ich bin weiter sehr zufrieden damit.

Blick über die Binnenalster

 Gehört:

Ein Kalenderblatt (5 Min.) zum Kirchenlieddichter Paul Gerhardt.

Eine kurze Sendung, 4 Minuten nur, über unsere fragile Wirklichkeitswahrnehmung, gut passend zu der oben erwähnten arte-Doku über unser Gehirn: „Nehmen Menschen Farben gleich wahr?“ Darin auch die erstaunliche Information, dass nicht einmal unsere beiden Augen Farben gleich wahrnehmen, dass wir also schon beim Zukneifen eines Auges die Wirklichkeit leicht modifizieren können. Womit die Wendung „Ein Auge zudrücken“ also auch nennenswert tiefsinniger ist, als sie zunächst klingt. Guck an!

Das Hörbuch „Ungeduld des Herzens“, den kurzen Roman von Stefan Zweig über Affekthandlungen und misslingende Kommunikation, wie man heute sagen würde, habe ich nun durch. Und gerne gehört. Robert Levin las wunderbar vor, hier beim WDR ist das Werk frei verfügbar.

Einen passenden Anschluss hatte ich diesmal nicht parat, man kann nicht immer nur sanft überblenden. Jetzt höre ich „Knife“ von Salman Rushdie, sein Buch über das Attentat auf ihn. Deutsch von Bernhard Robben, es liest Felix von Manteuffel (Verlagslink).

Ich bin noch nicht weit gekommen und habe daher noch keine Meinung. Aber ich sehe schon, dass die Rezensionen beim Perlentaucher durchweg enthusiastisch ausfallen. Es klingt alles sehr vielversprechend und zumindest der Tonfall zu Anfang wirkt so, als würde ich das fortsetzen wollen.

In der Reihe „Der Rest ist Geschichte“ beim Deutschlandfunk gab es die Folge „Kriege und Krisen – Müssen wir jetzt alle Prepper werden?“. (47 Min.) Gehört als jemand, der auf gar nichts vorbereitet ist. Zumindest nicht, wenn es um Dosenravioli, Wasservorräte und Kurbelradio geht. Aber ich weiß, wo Kerzen und Streichhölzer liegen, das immerhin.

Ich kann mich den Lyrics in diesem Song von Bill Fay nicht recht anschließen, aber er passt dennoch abschließend an diese Stelle. Und vielleicht wäre es erstrebenswert, sich anschließen zu können, mag sein.


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Anmerkungen zum Briefzeitalter

Goethe schrieb an Charlotte von Stein 1800 Briefe, oder nein, sagen wir lieber, so viele sind erhalten. Am Ende waren es noch nennenswert mehr, wer weiß. Ihre Post dagegen ist nicht überliefert, sie hatte sich wohl die Vernichtung jeweils ausbedungen. Und wer weiß, wie begründet und also clever das war.

Denken wir uns knappe 20 Minuten pro Goethe-Brief, was sicher zu wenig sein wird, dann sind wir schon bei fast vier Wochen durchgehender Schreibzeit, also wenn wir spaßeshalber unterstellen, man würde diese Briefe hintereinander wegschreiben, wie Fließbandarbeit. Eine beeindruckende Leistung, nicht wahr?

Und ich kann mir nicht helfen, es klingt für mich nach einer mindestens interessanteren, auf jeden Fall aber kultivierteren Leistung, 1800 Briefe an die Seelenfreundin zu schreiben, als mit ihr beispielsweise 18000 Chat-Nachrichten auszutauschen. Ich habe da deutliche Schwierigkeiten, mir einen ähnlich anspruchsvollen, um sprachliche Schönheit bemühten, wohlgestalteten Inhalt in Kurznachrichten vorzustellen.

Brainrot hin oder her, ich glaube aber noch nicht, dass der Mensch bereits nennenswert dümmer geworden ist. Nur sprachlich signifikant anspruchsloser, das schon. Und es mag eine romantisierende Haltung sein, das zu bemängeln, ich weiß es. Aber ich neige dennoch dazu. Ohne mich allerdings beim Thema Briefe selbst einem Reenactment hinzugeben, soweit reicht der romantische Impuls dann doch nicht.

Oder noch nicht, das kann auch sein.

Ein Paar, von hinten fotografiert, am sonnigen Ufer der Außenalster

Wenn man Briefe erklären müsste, etwa sehr jungen Menschen: Die sind wie Chatnachrichten, allerdings haben sie immer eine Anrede am Anfang und am Ende eine Grußformel. Und schon in der Ausgestaltung dieser beiden nur scheinbar weitgehend genormten Phrasen liegt ein ungeheures Ausdruckspotential. Dann besteht der eigentliche Textkörper in der Regel aus der fleißigen Bearbeitung eines Bezuges, der sich aus dem vorhergehenden, oft eben erst eingetroffenen Brief des anderen Menschen ergibt. Dieser Bezug wird dann im weiteren Text noch ergänzt, ausgeweitet, variiert oder frei assoziierend in vollkommen andere Themen überführt. Jedenfalls verfasst man zur Aussage des oder der anderen eine Anreicherung irgendeiner Art. Dann Gruß und Kuss, et voilà, ein Brief.

Wobei man sich vorstellen kann, dass auch oder gerade vielschreibende Menschen wie Goethe Chats sicher begeistert genutzt hätten. Endlich direkt und schnell und jederzeit! Es war eben auch eine Traumerfüllung, diese Technik, gar keine Frage. Sie hatte nicht umsonst so durchschlagenden Erfolg. Und die Annahme, dass auch Goethe liebend gerne drauf gepfiffen hätte, mühselig Briefbögen mit Feder und Tinte zu füllen, hätte er stattdessen der Frau von Stein ein simples Herzchen-Emoji senden können – ich denke, sie ist statthaft, diese Annahme.

Ein Segelboot mit rotem Segel, das gerade von einem Steg an der Außenalster losfährt

Ich werde meinen letzten handschriftlichen Brief etwa im Jahr 2007, 2008 geschrieben haben. An meine leider längst verstorbene Freundin J., die kein Internet hatte und auch keines wollte. Die für sich selbst ganz und gar gegen Technik und Digitales war, ohne aber bei anderen den Gebrauch zu bemängeln. Eine Exzentrikerin alter Schule, so umfassend damit beschäftigt, seltsam zu sein, dass gar keine Zeit für die Kritik an anderen blieb. Einer der nettesten, gutherzigsten Menschen, die mir je begegnet sind. Wir hatten kaum etwas gemeinsam, wir lebten auf verschiedenen Planeten. Aber als wir uns kennenlernten, wussten wir schon nach zehn Minuten, dass wir dringend dicke Freunde werden mussten. Und so kam es dann auch.

Zwei Schwäne auf einem Steg an der Außenalster

Oft kam umfangreiche Post von ihr. Etliche Seiten umfassend, mit expressiver, großer Künstlerinnenschrift beschrieben, in farbiger Tinte. Ausgeschnittene Bilder dabei, dadaistisch anmutende Collagen. Oft auf und mit bemerkenswertem Papier gestaltet. Ausgerissene Ausstellungskatalogseiten waren dabei, durchgerissene Bleistiftskizzen, Entwürfe aller Art. Auch ihr Mann war Künstler, und sie lebten in einem Haushalt, in dem Papiere aller Art geschätzt, genutzt und mehrfach wiederverwendet wurden. Auf vielfältige Weise.

Von diesen Briefen habe ich irgendwann einen beantwortet. Ohne dabei zu ahnen, dass es die Empfängerin bald nicht mehr geben würde, weil sie in mir etwas übertrieben vorkommender Exzentrik auch nicht zu Ärzten ging, also tatsächlich nie, sondern lieber einfach starb. Ich schrieb diesen Brief, ohne zu ahnen, dass es nach dem Gang zum Briefkasten Post dieser Art in meinem Leben nicht mehr oder fast gar nicht mehr geben würde.

Ohne jede Feierlichkeit also werde ich diesen letzten Brief irgendwann geschrieben haben, ich habe auch nicht mehr die geringste Erinnerung an den Inhalt. Nur dass ich auch ausgedruckte Blogseiten beigelegt hatte, das weiß ich noch. Denn sie las meine Texte nur auf diese Weise, die Freundin, und sie gab die Seiten manchmal noch an andere weiter.

Ein startendes Segelboot vor einem Steg an der Außenalster

Also habe ich schon fast zwanzig Jahre ohne Briefschreiberei verbracht. Aber ich war damals immerhin noch dabei, in dem auslaufenden Briefzeitalter. Ich weiß es daher noch, wie es mit den Briefen zuging. Ich weiß es noch, wie die Abläufe beim Verfertigen, Warten und Erhalten waren. Und ich kann es vermutlich auch noch. Ich wäre wohl noch in der Lage, anständige Briefe zu schreiben, stelle ich mir vor.

Denn es wird doch wie mit dem Fahrradfahren sein, nicht wahr? Oder wie mit dem Reiten vielleicht. Also wie mit so vielen Handlungen von damals, längst ist es eine lange Liste geworden. Was weiß ich, ich könnte ja auch in einem Auto noch die Scheibe herunterkurbeln. Wozu ich plötzlich eine merkwürdig große Lust habe. Doch, das würde ich tatsächlich gerne einmal wieder fühlen, diese Fensterkurbel in der Hand.

Aber so ist es eben, wenn man über die Vergangenheit schreibt. Irgendeine nostalgische Anwandlung erwischt einen immer.

Es verbleibt mit herzlichen Grüßen, in Treue und Ergebenheit usw. …

… der Autor, der jetzt noch kurz überlegt, wie lange er für diesen Text wohl mit dem Füller gebraucht hätte. Und wie schlimm das dann aussehen würde.

Bei Leonard Cohen gibt es noch einen abschließenden Hinweis, was man mit Briefen, nicht aber mit Chatnachrichten tun kann. Das Küssen von Papier, das müsste man Jüngeren allerdings auch erst eimal erklären, nehme ich an:

„You never liked to get
The letters that I sent
But now you’ve got the gist
Of what my letters meant
You’re reading them again
The ones you didn’t burn
You press them to your lips
My pages of concern“

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Reinlesen, Behalten und Weggeben (7)

Sehr gut gefiel mir „Die Krise der Narration“ (Verlagslink) aus der Reihe „Fröhliche Wissenschaft“ bei Matthes und Seitz, von Byung-Chul Han. Über den Widerspruch zwischen Erzählungen, wie man sie in der Kulturgeschichte bisher verstanden hat, Lagerfeuer, Märchen etc., und dem Storytelling, wie man es heute business-orientiert versteht. Und wie es die Algorithmen so überaus emsig fördern. Aus der Zusammenfassung heraus kann man es am besten mit diesen Sätzen herunterbrechen:

„Das allgegenwärtige Storytelling vermag die Informationsgesellschaft nicht in eine Erzählgemeinschaft zurückzuverwandeln. Erzählung und Information sind Gegenkräfte. Der inflationäre Gebrauch von Narrativen weist paradoxerweise auf eine Krise der Narration hin. Diese narrative Krise hat allerdings eine lange Vorgeschichte. Byung-Chul Hans neuer Essay spürt ihr nach.“

Das Buch "Krise der Narration"

Falls Sie so etwas interessieren kann, ein Tipp am Rande: Es ist sinnvoll, vor der Lektüre noch einmal nachzulesen, was es alles mit dem Begriff „Kontingenz“ auf sich hat. Also im philosophischen Kontext. Man dringt sonst nicht recht durch.

Ich musste allerdings erst etwas umschalten im Hirn, um das angemessen lesen zu können. Die Sätze im Buch sind nennenswert dichter, kompakter, angefüllter mit Bedeutung als in Prosatexten. Da nützt mir mein gewohntes Schnelllesen also nichts, da muss ich mich deutlich bremsen. Und tatsächlich fühlte es sich dann so an, als würde ich beim Lesen nach einer Weile mein Denken in einen anderen Modus, einen anderen Gang wechseln. Der zwar sonst nicht so oft im Einsatz ist, mir aber immerhin noch verfügbar. Was zwischendurch auch eine interessante Erfahrung war.

Dann gefiel mir, dass im Buch Schlüsse und Erkenntnisse nachzulesen sind, zu denen ich wenigstens teil- oder partikelweise in meiner selbstverständlich nur laienhaften Denkart auch schon vorgedrungen war. Es gab sogar einen dieser tröstlichen Momente, die mir nicht eben reichlich zur Verfügung stehen, in dem ich dachte: „Ach guck – so doof bist du gar nicht.“

Was mich dann daran erinnerte, dass der geschätzte Bill Nighy in der letzten Folge seines schon mehrfach empfohlenen Podcasts „Ill advised“ auch über negative Gedanken sprach. Um verheerende Selbsteinschätzungen ging es da, und um die hohe Kunst, sich selbst gründlich und dauerhaft abzuwerten. Also um diese besondere Fertigkeit, in der so viele von uns längst erstaunlich weit gekommen sind.

Bill Nighy hatte das Problem auch lange Zeit, und zwar in intensiver Ausprägung, es kam in seinen Podcastfolgen schon mehrfach vor. Und er sagt da, seine damalige selbstschädigende Geisteshaltung bündig zusammenfassend: „I ran my mind like a fascist state.“

Das fand ich gut und einprägsam, diese Formulierung. Das hielt ich für ein gelungenes Bild, um eine allzu negative Haltung sich selbst gegenüber treffend zu benennen.

Graffiti-Text: "Dich selbst klein zu halten dient nicht der Welt"

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Mittelhart und erfolgreich

Es war zu warm, so berichteten auch andere, und so wurde es mir auch offline von anderen bestätigt. Ich kann es also wohl notieren, ohne Gefahr zu laufen, als Dachgeschossbewohner wieder eine exzentrische Einzelmeinung zu vertreten.

Gut, dass wir verglichen haben.

Ich nutzte die besonders heißen Stunden, um ein Bett aus tausend Teilen aufzubauen, nach einer Montageanleitung aus der Hölle. Man kann sich schließlich nicht immer für die intelligentesten Timings und Lösungen entscheiden. Manchmal verbleibt man auch nach dem sorgfältigen Abwägen aller Argumente bei einem schlichten „Ich will aber!“

Geistig ausgereift wie ein tobendes Kleinkind vor dem Regal mit der Quengelware an der Kasse im Supermarkt, aber was soll man machen. Man hat nun einmal ein inneres Kind. Und es lebt, dieses innere Kind. Es regt und rührt sich, es ist außerdem verzogen wie der eigene Nachwuchs. Es gibt da womöglich auch Zusammenhänge, aber das ist ein anderes Thema.

Zu einem eigenen Zimmer gehört jedenfalls ein eigenes Bett, befand ich. Und für irgendwelche Restmöbelkonstruktionen, wie etwa Lattenrost auf Ziegelsteinen und dergleichen, bin ich doch schon zu ausgereift, und zwar in jeder Hinsicht, das überlasse ich den Jugendzimmern. Man möchte in meinem Alter morgens auch einfach aufstehen können, und nicht schon an dieser ersten Übung des Tages kläglich scheitern.

Ich kaufte also eine Matratze, ich kaufte ein Bett. Und zwar kaufte ich beides ungeachtet des Umstandes, dass die Auswahl bei beiden Produkten im Grunde längst die Dimension einer grotesken Zumutung erreicht hat. Wieviel Lebenszeit und Energie soll man denn bitte darauf verwenden, sich für die Nachtlagerzubehörteile zu entscheiden. Und wieso stellt einen auch ein so banaler Vorgang schon vor viel zu komplizierte Fragen, bei denen man wieder genau wissen muss, wer man ist. „Sind Sie überwiegend Seitenschläfer?“ Ja, was weiß ich denn. Ich sehe mir beim Schlafen nicht zu und messe Zeiten und Anteile! Ich liege da vielmehr ebenso unbewusst und untätig herum, wie es wohl die meisten Menschen im Schlaf tun.

Matratzen aber, sie haben tausend komplexe Eigenschaften und Ausprägungen, über die man einzeln befinden kann und auch muss, und in welcher Detailtiefe! Schon nach kurzer Recherche möchte ich Loriot dringend abwandeln und anwenden: „Ich möchte hier einfach nur liegen.“

Ich entscheide mich schließlich für ein mittelhartes Produkt. Denn mittelhart, da stehe ich drauf. Die Matratze besteht, abgesehen vom Härtegrad, aus zig Schichten, die dermaßen durchdacht übereinander gelagert und miteinander verbunden wurden, dass man gleich an Raketenwissenschaft und dergleichen denkt. Diese Schichten werden auf der Produktseite grafisch so erläutert wie früher in den Biobüchern die Hautschichten des Menschen: Man hat beim Ansehen gleich das unangenehme Gefühl, etwas definitiv Uninteressantes lernen zu müssen.

Ich sehe mir diese Bilder unmotiviert an, ich stelle fest, dass mir das Subkutane meiner Matratze vollkommen egal ist.

Beim Bett gibt es selbstverständlich noch mehr Auswahl. Denke ich zunächst. Ich stelle dann aber in einem Anfall von jäher Selbsterkenntnis und klarer Gewissheit fest, dass ich gerne einen bestimmten Holzton am Bett hätte. Und der ist, da muss man dem Weltgeist dankbar sein, total und rettungslos unmodern. Das reduziert meine Auswahl enorm, fast bis auf Nachkriegsniveau. Denn der moderne Mensch, er schläft gerne in hellen Möbeln, wie es aussieht.

Es verbleibt daher im Warenkorb: Genau ein Bett. Ohne weitere Bedenkzeit wird es bestellt. Ich lasse liefern, ich packe aus, ich schraube zusammen. Ich zerfließe dabei hitzebedingt, meinen schweißnassen Fingern entgleiten immer wieder Schrauben, Unterlegscheiben und Metallteile aller Art. Es wäre sicher besser, dieses Bett zu zweit oder zu dritt aufzubauen. Aber, wie eine einstige Chefin von mir zu sagen pflegte: „Man muss auch im suboptimalen Lösungsbereich agieren können.“

Und wie ich agiere. Denn ich habe ja damals etwas gelernt bei dieser Chefin, möchte ich mir zumindest einbilden. Fluchend und schimpfend, schwitzend wie Butter in der Pfanne und zwischendurch sämtliche handwerklich begabten Vorfahren schamanistisch aus ihrem ewigen Feierabend heraufbeschwörend. Wenige Vorfahren dieser Art waren das übrigens nicht. Sie werden allerdings auch sämtlich gebraucht, denn ich schlage etwas aus der Art, wie es aussieht.

Und das war also der Dienstag, an dem ich dann schließlich sehr gut im neuen Bett und auf der neuen Matratze schlief. Nämlich so, wie ich mich gebettet hatte, also allein und vergleichsweise zufrieden mit mir.

Spätabendlicher Blick auf den Turm der Alten Post in der Hamburger Innenstadt

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Ansonsten …

… lese ich weiter in der Goethe-Biografie von Thomas Steinfeld und bin sehr angetan. Ein wahres Lesevergnügen ist es, keinen Moment denke ich an die über 700 Seiten und dass da also etwas zu leisten ist. Im Gegenteil, ich freue mich, dass noch herrlich viel übrig ist, und so soll es auch sein.

Natürlich gibt es nicht gerade einen Mangel an Goethe-Biografien, es sind schon ein paar Regalmeter solcher Arbeiten erschienen. Es ist auch nicht die erste Variante, die ich hier gerade konsumiere. Und es kommt mir ein wenig so vor, als habe der Herr Steinfeld, der dieses Bild aber vielleicht vollkommen falsch finden könnte, mit einer angenehm entspannten Lässigkeit vor der überwältigenden Fülle der Fachliteratur gestanden. Um dann nach stattgehabtem Studium sympathisch, souverän und mit beträchtlicher Flughöhe zusammenzufassen, abzugleichen und auszuwerten. Und, versteht sich, auch einiges richtigzustellen, was lange Zeit bestenfalls halbwahr oder schlicht falsch dargestellt, vielleicht auch abgenudelt wurde.

Die Goethe-Biografie von Steinfeld, von der Seite gesehen, mit Lesebändchen

In der Reihe „Lesenswerte und auch gut lesbare Sachbücher“ bekommt das Buch bei mir jedenfalls einen prominenten Platz. Falls Sie einmal Menschen beschenken wollen, die noch Freude an kanonisierter Klassik, bürgerlichem Bildungsballast, Germanistikgeröllhalden und dergleichen haben, dann liegen Sie mit diesem Werk sicher nicht verkehrt. Deutliche Empfehlung.

Eine Seite aus der Goethe-Biografie von Steinfeld mit der Sessenheim-Zeichnung von Goethe

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… wurde ein weiterer Mietvertrag für eine Wohnung in Hamburg unterschrieben. Was erstens fast ein Wunder ist, wie alle wissen, die den Hamburger Wohnungsmarkt kennen. Und womit zweitens der erste Sohn offiziell als flügge zu gelten hat.

Und womit ich nach, nun, geradezu unanständig vielen Jahren endlich wieder ein eigenes Zimmer habe. A room of one’s own. Vielleicht ist es aber auch ein klarer Fall von „Reduce to the Max“. Ein Werbeslogan, der mich immer schon ungewöhnlich direkt angesprochen hat. Aus naheliegenden Gründen: Immerhin komme ich darin vor, mit einer der vielen Varianten meines Namens.

Menschen mit Interesse an Werbepsychologie oder Werbeforschung, ich grüße an dieser Stelle die geschätzten Kolleginnen, möchten eventuell amüsiert zur Kenntnis nehmen, dass ich das Jahr des Erscheinens dieses Slogans gerade einerseits noch recht gut einordnen konnte, dass ich andererseits aber nicht mehr sicher war, um welches Produkt es damals (1998) eigentlich ging, also abgesehen von mir. Und dass ich auch nach dem Nachlesen keine rechte Erinnerung an das Produkt oder die Kampagne habe, vom Hauptslogan einmal abgesehen.

Es sieht also nicht allzu gut aus mit der Werbeerinnerung.

Detail eines Buchregals mit einer Postkarte, auf der die Alster abgebildet ist und dahinter Bänden einer Kafka-Biografie

Ein eigenes Zimmer also. Ein weiteres Thema, bei dem ich nun entscheiden kann, muss oder will, was ich eigentlich möchte. Und wie ich so bin. „Get to know me!“, wie es in einem alten und berühmten Saturday-Night-Sketch hieß.

Was mir, wie neulich beim Text über das Bild, schon in Anfängen gelang. Aber es ist, wie wir im Büro sagen, definitiv noch work in progress. Es gibt Spiegel in diesem Zimmer, sogar komfortabel neben dem Schreibtisch. Ich kann beim Tippen also ab und zu ohne Verrenkungen hoch- und dort hineinsehen, es ist ein wenig, als würde ich neben mir sitzen. Und dann kann ich, wenn ich mich da neben mir erblicke, je nach Stimmung und Lage erst einmal zwischen zwei naheliegenden Sätzen wählen, um in den Dialog mit mir zu kommen.

Denn ich kann, wenn ich mir selbst wieder einmal zerforschend nachspüre, etwa mit einer Frage beginnen, während ich grübelnd in den Spiegel sehe: „Was bist du denn für einer?“

Ich kann aber auch, wenn ich gerade in eher munterem Schwung bin und etwa an der Tastatur zu wissen meine, was ich da und warum eigentlich mache, wenn ich das vielleicht sogar gut finde, was ich da so treibe, mit einem munteren Statement anfangen, während ich kurz zur Seite sehe und mich dort wahrnehme: „So einer bist du also!“

Bei all dem habe ich natürlich Delphi, Apollon und auch Kant im Kopf, apropos bürgerlicher Bildungsballast, nicht wahr:

„Erkenne dich selbst“ das erste Gebot aller Pflichten gegen sich selbst. Es ist die moralische Erforschung des Herzens als Quelle aller lauteren und unlauteren Handlungen. Nur die „Höllenfahrt des Selbsterkenntnisses“ kann die bösen Impulse im Willen beiseite räumen.“

Aber wie auch immer.

Ich mache jedenfalls gründlich und oft die Tür hinter mir zu, und es ist mir ein Fest. Jedes Mal! Was vermutlich in dieser Ausprägung nur diejenigen Menschen wirklich verstehen können, die das Thema Familie lange und intensiv genug in einer viel zu kleinen Wohnung durchgespielt haben.

Sohn I aber zieht in das nächste Kapitel, nicht ohne mit weisen Werten begleitet zu werden, wie sich gewiss von selbst versteht.

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