Ich höre den „Dracula“ von Bram Stoker weiter und nun sicher auch bis zum Ende. Denn es gibt doch viele Aspekte, die ich faszinierend finde. Auch z. B. bezüglich seiner Arbeitsweise.
Er hat das Manuskript zum Buch, das in der Erstausgabe immerhin 419 Seiten hatte, mit der Maschine getippt. Ich fand die Information, dass dieses Verfahren damals gerade üblich wurde, wenn man ein Werk bei einem Verlag einreichen wollte. Wobei es sicher kein „sauberes“ Paket von ordentlich getippten Seiten war, welches da beim Lektor landete. Es wird reichlich handschriftliche Anmerkungen, Korrekturen etc. gegeben haben. Das fertige Manuskript muss man sich wohl als großes Paket vorstellen, es wird ein respektabler Stapel Papier gewesen sein.
Hier sieht man eine Abbildung von einer der Seiten.

In 27 Kapiteln treten im Roman 16 erzählende Figuren oder Zeitungen auf. Diese Kapitel unterteilen sich wiederum in ungezählte und teils auch schwer trennbare Einzelabschnitte. Tagebucheinträge, Briefe, Diktate, Zeitungsartikel etc., eine vielfältige Auswahl.
Nimmt man nur an, es seien pro Kapitel im Schnitt fünf dieser Kleinbausteine, vermutlich ist das aber zu tief gegriffen, kommt man auf die stolze Zahl von 135 Montagestücken. Hätte man sie unsortiert vor sich liegen, in einem Spielszenario „Wir basteln uns einen Roman“, man würde eine Weile brauchen, um zum Ziel zu kommen. Mehrere Abende vermutlich.

135 sich in Erzählfigur und Inhalt unterscheidende Prosaportionen sind es jedenfalls, die logisch und zeitlich auf nicht eben unkomplizierte Weise zusammenhängen.
Und was ich nun interessant finde – vielleicht wird es Ihnen auch so gehen – ist die Vorstellung, so etwas ohne Computer zu erstellen. Es ist deswegen für mich interessant, weil ich mir zwar abstrakt vorstellen kann, was er da getan hat, aber ich kann es als Handlung kaum noch denken.
So sehr bin ich auf das Schreiben am Computer geeicht. Auf den Komfort der Übersicht, der schnell angelegten Listen und Verzeichnisse, der Suchfunktion vor allem, ohne die ich in längeren Texten gar nicht mehr klarkommen könnte.
Oder nein, ich könnte vermutlich schon. Aber es erfordert dann eine so heftig abweichende Arbeitsgeschwindigkeit, dass es meine Fantasie etwas überfordert, mir vorzustellen, eine derartige Geduld, die man dabei doch haben müsste, wieder verfügbar zu haben. Obwohl ich so alt bin, dass ich diese Arbeitsweise sogar noch erlebt habe.

Aber 135 Stücke sortieren und sinnig zusammenklammern? Immer wieder neu vermutlich sogar? Stück 131 zu Stück 92 werden zu lassen, welches aber gerade auf einem anderen Stapel liegt und das dann gegen 87 getauscht werden muss, was aber eine kleine Korrektur dort erfordert, damit der Übergang passt … es dürfte doch einigermaßen verwickelt sein, milde ausgedrückt.
Wenn ich es mir ernsthaft vorstelle, schreibend so vorzugehen, komme ich zu dem Schluss, dass man damals beim Schreiben signifikant mehr Gedächtnisleistung investiert haben muss, als wir uns heute überhaupt noch zubilligen können. Bei was auch immer. Eine andere Dimension der Denktiefe vielleicht auch, mag sein.
Man kann daraus wohl nicht zwingend logisch ableiten, dass wir da etwas Wichtiges verloren haben, weniger können oder nachgelassen haben. Denn wir haben ja auf dem Weg in die Gegenwart anderes gewonnen und gelernt, so einfach ist es nicht.
Aber fragen kann man es sich zumindest, was das eigentlich über die Entwicklung unseres Denkens aussagt. Und ob die Annahme, dass KI zahlreiche Menschen weiter und auch immer schneller in die Verblödung führen wird, nicht vor diesem Hintergrund noch etwas berechtigter wird.
Denn noch mehr Geschwindigkeit bei weiter abnehmender Tiefe und Intensität, was wird man dann – ein enorm reaktionsschneller Goldfisch?
Na, aber das nur am Rande. Interessantes Buch jedenfalls.

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