Gestern war der erste von drei Tagen, die ich spontan frei genommen habe. Lebe wild und gefährlich, da haben wir es also schon wieder, mein lieber Artur. Sogar Herr Buddenbohm tanzt auf einmal unvorhersehbar aus der Reihe und macht einfach mal … nichts.

Das dachte ich mir jedenfalls so. Nachdem ich morgens das Normale, das Stetige und das Geliebte absolviert, also wie üblich und fast täglich gebloggt hatte. Es gab ansonsten aber keinen Plan, kein To-Do und kein Vorhaben für diesen Tag. Kein Date, keinen Termin, ich hatte nicht einmal irgendeine Neigung oder ein Interesse. Zumindest verspürte ich nichts in dieser Richtung, während ich kurz mal testweise in mich hineinfühlte. Wobei ich allerdings nie recht weiß, wie man da genau vorzugehen hat, wie dieses Hineinfühlen exakt und korrekt auszuführen ist. Dennoch benehme ich mich ab und zu so, als sei mir das wie allen anderen auch geläufig. Ich möchte nicht dauernd durch Besonderheiten auffallen, nicht einmal mir selbst.
Dann dachte ich, dass ich ja etwas denken könnte. Einfach so. Vielleicht … ja, vielleicht zur Abwechslung einmal etwas mehr nach vorne. Dabei für die nachfolgenden Gedanken meines späteren Ichs eine Richtung suchend, bahnend oder gar weisend, was auch immer. Sind solche Tage, an denen nichts zu sein scheint, nicht wie geschaffen für so etwas? Kann und soll man da nicht, wie es Xavier de Maistre in seiner „Reise um mein Zimmer“ ausdrückt, den Gedanken frei nachjagen, so wie der Waidmann dem Wild?
Man muss es aber, so viel weiß ich doch sicher, schon im Stadium des bloßen Vorhabens bewusst ganz leise denken, was man da gemeinsam mit seinem Hirn unternehmen möchte. Keinesfalls darf man die Absicht versehentlich auch nur im Selbstgespräch laut äußern. Und schon gar nicht darf man es jemandem mitteilen, das wirklich niemals.
Denn dann, das kennt man, käme umgehend und auch unweigerlich erneut der sattsam bekannte Humor der Göttinnen ins Spiel. Dann fielen aus dem Nichts Termine und To-Dos ohne Zahl vom Himmel, dann fiele man selbst vielleicht folgenreich Treppen hinunter, dann fände man Mieterhöhungen in beträchtlichem Ausmaß oder andere stark ablenkende Desastermeldungen im Briefkasten, und der Kampfmittelräumdienst erschiene doch noch auf der Baustelle nebenan, mit dem Evakuierungsbescheid für die Nachbarschaft und allem. Man weiß es ja, dass es dann so käme, wenn man über dergleichen spricht und sich mitteilt, wenn man womöglich sogar das Wort Plan erwähnt. Man weiß es längst, man ist also auf der Hut. Und schweigsam.
Ich dachte daher nur leise und in Kleinbuchstaben, etwa so, wie Felix immer schreibt, ich dachte gewissermaßen unter dem Radar der übergeordneten Mächte.
Draußen wurde es währenddessen langsam hell, sangen die Vögel, rumpelten die Müllbrigaden erst volle und dann leere Container über das Kopfsteinpflaster, bellte der obligatorische Hund in der Ferne, hupte ein Auto, klingelte ein Fahrrad, schrie ein wütender Mensch irgendetwas. Draußen fanden Stadt und Natur also in der im März üblichen Weise statt.

Meine Gedanken allerdings – sie blieben zunächst bemerkenswert und bedauerlich unklar. Allzu neblig kamen mir meine Aussichten vor, seltsam verwischt und trübe. Nichts klarte auf, während Minute um Minute des so kostbaren freien Morgens verging, während ein weiterer sonniger Tag begann. Kein einziger Gedanke folgte willig dem Blick ins Freie und nach vorne, Richtung Sonnenaufgang, Helligkeit und Zukunft. Es war eher ein taumelndes Kreiseln im engen Raum.
Nach einer Weile kam ich dann darauf, dass hier etwas nicht stimmte. Denn man muss bei so etwas auch kühl abstrahieren können. Man muss zumindest im Geiste manchmal einen Schritt aus sich heraus und zurücktreten können, um die eigene Lage besser zu überblicken.
Daher stand ich dann auf und putzte die Fenster. Wozu leider weder die Herzdame noch ich jemals bereitwillig neigen. Was hier eher eine der seltenen Zuständigkeitslücken zwischen uns beiden ist und also ein undefinierter Nicht-Prozess. Ein Stück Unordnung und Leid, ein verelendetes, ungeliebtes Verantwortungsniemandsland. Welches jeweils nur dann lustlos bearbeitet wird, wenn wir gar nicht mehr hinaussehen können und es einem von uns beiden endgültig zu trübe wird. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Erst dann verbessern wir notgedrungen wieder einmal die Aussichten.
Danach ging es aber wesentlich besser weiter. Danach kam ich tatsächlich auf einige Ideen, schrieb ich auch etwas auf, befand ich dies und das, bewertete ich unerwartet entscheidungsfreudig einiges neu oder zumindest etwas anders als bisher. Und wickelte ich im Geiste manches zumindest vorläufig ab.
Es war daher kein schlechter Kurzurlaubsvormittag. Und das ist immerhin nicht nichts.

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