Vor einiger Zeit, ich kann schlecht schätzen, wann es gewesen sein mag, gab es die Freude über den Begriff „Umarell“ als kleines Meme im Internet. Man war einigermaßen begeistert, dass sie in Italien ein Wort, ein richtiges Wort haben für eine bestimmte Sorte Männer. Welche in fortgeschrittenem Alter sind, mit den Armen auf dem Rücken an Baustellen stehen und lange zusehen, kritisch abwägen, kommentieren. Sich auch zu dem austauschen, was sie da sehen. Denn ein solcher Mann ist ein Umarell.
Es gibt dazu einen Wikipedia-Artikel und ich glaube fast, ich kann Ihnen versprechen: Er ist deutlich interessanter, als man vielleicht zunächst denkt.
Schon bei diesem Absatz wird er mir sympathisch, der Begriff, und ich werde ihn nun sicher öfter mitdenken, wenn ich an einem bad hair day und arg zerwühlt von der Arbeit im Brotberuf am späten Nachmittag auf Reservewürde durch die Stadt strolche.
Das Wort Umarell fiel mir allerdings in nicht exakt zutreffendem Kontext ein, denn ich stehe nicht selbst an Baustellen herum. Aber ich sehe doch, und das ganze Jahr schon, auf eine, wenn ich aus dem Fenster sehe. Und das mache ich oft. Denn das Hotel, welches sie uns vor die Fenster bauen, es wächst langsam heran. So langsam wächst es, dass ich die Fortschritte gut mitbekomme. In Wahrheit ist das aber gar nicht langsam, wenn man es mit früheren Jahrzehnten vergleicht. In Wahrheit muss man den Baufortschritt so gesehen wohl als flott bezeichnen. Flott und ruhig, denn es gibt weniger Lärm, viel weniger sogar, als ich dachte. Ein so riesiges Haus wird heute erstaunlich leise zusammengefügt.
Und apropos erstaunlich, es wird auch von erstaunlich wenigen Menschen gebaut. Von wenigen Männern in diesem Fall. Es gibt generell Frauen auf dem Bau, ich weiß, aber nicht auf diesem. Es ist meist eine nur knapp zweistellige Zahl von Bauarbeitern, sagen wir ein Dutzend, die da arbeiten und das Ganze vorantreiben. Und ich merke, ich habe da ein falsches, ein veraltetes Bild im Kopf, ein mittlerweile historisch gewordenes. Denn ich denke „Bau“ immer noch eher wimmelbuchmäßig, mit Arbeitern aus verschiedenen Handwerksberufen und einer beeindruckenden Personalstärke – überall im Bild macht gerade jemand etwas. Vielleicht denken Sie es auch noch so? Es geht aber anders zu.
Eine Handvoll Männer nur bereitet akribisch etwas vor, kaum kann man erkennen, was sie tun, kleinteilig ist es. Dann kommt per Kran eine Wand herangeschwebt und wird sorgsam eingefügt wie im Modellbau. Zwei Ingenieure sehen zu, und der Bau schreitet immer weiter stetig voran.
Gestaunt habe ich auch, dass die Bebauung so eng zugelassen wird, aber das wiederholt sich seit einiger Zeit im Stadtbild an etlichen Stellen. Keine Spur von Großzügigkeit und Freiraum bei Neubauten, sondern eine Enge, die mich immer spontan an spanische Hotelsiedlungen in Strandnähe denken lässt. Man kann es auch in der Hafencity so erkennen, die Vorgaben werden sich da vermutlich geändert haben.
Wobei ich an den letzten großen Neubauten im Stadtteil gemerkt habe, dass ich mich einfach nicht daran gewöhne, wie dicht die Gebäude des Komplexes zusammenstehen. Noch nach Jahren möchte ich da am liebsten wie ein Mensch, der eine Modellbauanlage zusammenstellt, die Häuser etwas auseinanderschieben – weil sie doch eindeutig falsch stehen, wie man leicht sieht. Die hat doch jemand nur aus Versehen zu nah zusammengeschoben.



Aber gut, auch bei diesem Thema gehe ich also mittlerweile nach. Ich füge es dem Katalog hinzu, und der wird allmählich umfangreicher (aufmerksame Menschen haben sicher gerade bemerkt, dass auch dieses „umfangreicher“ schon ein Nachgehen impliziert, weil es sich in seiner Herkunft und Ableitung auf Druckware bezieht).
Ich habe zunächst auch mit einem völlig veralteten mindset auf diesen Neubau reagiert, den man mir da ins Bild stellt. Der nimmt mir Licht, dachte ich zuerst, Licht und Luft. Der steht auch viel zu nah an mir dran. Da wird einem doch nach Protest zumute, nach Widerstand! Einige aus der Nachbarschaft versuchten es dann auch, aber vergeblich. Im Sinne von: Selbstverständlich vergeblich, denn so geht es zu in dieser Stadt und in dieser Zeit.
Mittlerweile sehe ich es aber ohnehin etwas anders. Denn der Sommer war wiederum sehr heiß, und die kommenden Sommer werden noch heißer, wie wir fast alle wissen. Mit diesem neuen Hotel da wird aber unser Dach am Nachmittag vielleicht eine Stunde weniger gegrillt, und schon aus gesundheitlichen Gründen denke ich mittlerweile: Es soll mir recht sein.
Außerdem sehe ich seit einer Woche, dass es da Fenster geben wird, Zimmerfenster, wie ich annehme, die erfreulich direkt in meine Richtung zeigen werden. Wenn es so kommt, wie ich jetzt denke, werde ich da hineinsehen können, wenn die Vorhänge offen sind. Ich werde also etliche Menschen kommen und gehen und Gott weiß was machen sehen.
Daher habe ich das innerlich alles neu justiert, was wohl auch ein gutes Zeichen dafür ist, dass ich noch nicht endgültig bei der Vergreisung angekommen bin. Und ich denke jetzt nicht mehr, dass sie mir da ein neues und viel zu riesiges Haus mit betonlastiger Brutalität rücksichtslos in die Blickachse rammen. Das war zu negativ gedacht, das war zu optimieren.
Ich denke jetzt, dass sie mir da einen Hitzeschutz mit integriertem Contentmenü vor das Fenster stellen. Was doch recht nett ist.
Sie wissen ja, man muss es sich alles zurechtbiegen. Und manchmal gelingt es sogar.
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