Vorweg herzlichen Dank für Briefpost mit Beilage aus Bonn, eine so überaus willkommene Alliteration. Sehr schön! Und pardon für die Verspätung, die Post erreichte mich mit etwas Verzögerung.
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Am frühen Morgen stehe ich am Küchenfenster und sehe mit dem ersten Kaffee in der Hand auf den Spielplatz hinunter. Ich sehe eine Frau unbestimmbaren Alters, die in etwas gehüllt ist, was ein viel zu großer, daher unförmig wirkender Hoodie sein könnte. Ihre Frisur sieht sogar aus dieser Entfernung nach Bad-Hair-Day aus und sie hält ihre Arme eng um den Leib geschlungen, wie jemand, dem die Morgenluft entschieden zu kalt ist. Sie geht etwas gebückt, wie jemand, dem nicht ganz wohl ist, und sie greift nach den Ketten, an denen die Schaukel hängt. Mit einer zitternden Unsicherheit in den Fingern greift sie danach, wie man sie von Menschen kennt, welche dies und das konsumiert haben oder dringend erneut konsumieren müssten.
Sie wischt die Sitzfläche der Schaukel mit dem Ärmel flüchtig und sicher nicht erfolgreich trocken. Sie setzt sich dennoch und lehnt, ohne dabei in schaukelnde Bewegung zu geraten, den Kopf kurz an die Kette, welche die Schaukel hält. Kurz darauf kippt der Kopf nach vorne, sie schreckt hoch und sieht sich schnell um. Wie jemand, der sich absichern muss. Sie sieht bei all dem aus wie ein Symbolbild der Müdigkeit nach durchgemachter Nacht. Und aus den einzelnen Aspekten dieses Bildes könnte man zum in dieser Gegend vollkommen naheliegenden und auch wahrscheinlichen Schluss kommen: Ein Junkie in alltäglicher Not, obdachlos und unstet.
Wenn ich nicht ein weiteres Detail sehen würde, das gerade durchs Bild rennt: Ein aufgekratztes, putzmunteres Kleinkind in bunter Regenkleidung. Laut vor sich hin brabbelnd und kichernd. Sich selig in die Sandkiste stürzend, mit dem nassen Sand sogleich einen Eimer füllend. Nach der Mama rufend, dass die auch guckt. Und Mama winkt von der Schaukel, wobei sie aber dermaßen entkräftet aussieht …
Ich schalte im Kopf also um von Junkie auf Mutter, und das Bild ist ebenso logisch. Dieses Wachsein zu unsittlichen Uhrzeiten. Zu diesen Uhrzeiten, bei denen andere noch gar nicht mitspielen, weder Erwachsene noch Kinder. Diese verzweifelt wirkende Müdigkeit. Ich habe, fraglos wie die meisten Eltern, selbst ausgeprägte Erinnerungen an diese Phase und an die damit verbundenen, schier überwältigenden Müdigkeitserfahrungen. Niemals im Leben war ich so umfassend und elementar müde wie in jenen Jahren. Eine Müdigkeit, die Stellen im Hirn erreichte, da kamen andere Lebensphasen gar nicht hin.
Ich erinnere mich daher auch gut an dieses sich völlig verelendet anfühlende Übermüdungsfrieren. An das Klappern und Zittern am frühen Morgen, an verstreutes und verzittertes Kaffeepulver auf dem Küchenboden und auch daran, dass man dann zu Notlösungen findet, wie etwa: Okay, dann gehen wir eben raus. Vielleicht hilft das ja, wenn sonst nichts hilft.
Wie man sich dann einfach irgendwas anzieht, was man gerade findet, den herumliegenden Hoodie des Partners vielleicht. Denn es ist ohnehin egal, wie man aussieht, wie unfassbar egal das ist. Und den Ersten, der einen darauf ansprechen würde, könnte man der Laune gemäß ohne Bedenkzeit umbringen und einfach in der Sandkiste dort verscharren, sie bietet sich doch an dafür.
Währenddessen ist das nach wie vor so überaus muntere Kind bestens gelaunt und von aller Müdigkeit so weit entfernt wie vom Mond. Man weiß als Elternteil, der Tag ist noch lang, wie unfassbar lang der noch ist. Man lehnt den Kopf kurz gegen irgendetwas, man schläft fünf Sekunden, und wie gut fühlen die sich dann an. Dann schreckt man hoch und sieht hektisch nach dem Kind, nach dem so wichtigen Auftrag, und das Kind ist noch da. Immerhin.
Man denkt, dass beim nächsten Mal das andere Elternteil dran sein wird mit solchen Sonderaktionen. Und das ist dann auch ein Immerhin, wenn es solch ein anderes Elternteil gibt.

Ich stand da also am Fenster, erinnerte mich und sah weiter fasziniert hinunter. Es verhielt sich mit diesem Bild da unten ähnlich wie mit den Menschen, die nach dem Strandtag oder aber nach der Apokalypse durch die sandige Ebene zogen (hier schrieb ich darüber). Es war ein weiteres Bild, das man so oder so deuten konnte. Bei dem man Zeugenaussagen mit Vorsicht behandeln müsste.
Manchmal merkt man es, wie kippelig die Bilder sind. Und manchmal merkt man es nicht.
Hier noch mehr zu Kippfiguren, man kann bei jedem Thema etwas lernen. Sehr schön etwa der in der Wikipedia genannte Begriff „multistabile Wahrnehmung“. Das auch mal merken.
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