Der Griff zur Kette

Am Freitagmorgen klatscht der Regen wieder ans Fenster, der Sonnenschein des Donnerstags war nur ein heiteres Zwischenspiel und wird erst einmal nicht fortgesetzt. Der Wind heult den ganzen Tag wie in Schauergeschichten oder in Nordkapdokumentarfilmen, es ist für mich stimmiges Home-Office-Wetter. Ich arbeite gerne in dieser Geräuschkulisse.

Im Newsstream am Vormittag die bemerkenswert blöde Schlagzeile: „Pandemie belastete viele Kinder.“ Ach was?! Das geht so weiter: „Die Belastung variierte mit den Wellen und den Maßnahmen. Dies zeige, Kinder reagierten sensibel auf drastische „Veränderungen in ihrer Lebenswelt“.

Kaum stellt man den Alltag der Kinder komplett auf den Kopf und hält sie von Offline-Kontakten mit Gleichaltrigen und jedem Spaß ab, schon reagieren sie also irgendwie, die kleinen Mimosen. Wie dummerhaft und inhaltsfrei können Nachrichten sein?

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Die Herzdame hat frei und macht einen Wellness-Tag mit Sauna und allem, was mir die schöne Gelegenheit gibt, stundenlang zu denken: „Gott sei Dank muss ich keinen Wellness-Tag mit Sauna und allem machen.“ So kommt hier jeder zu seinem Vergnügen, wir haben ein insgesamt ausgeglichenes Verhältnis.

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Auf dem Spielplatz unten ist wetterbedingt den ganzen Tag nichts los, ich sehe von oben den Wellengang in der großen Pfütze, Eltern und Kinder bleiben heute weg und beschäftigen sich lieber drinnen, nur die üblichen Vogeltruppen, Tauben, Möwen und Krähen patrouillieren gelegentlich durch die verlassene Sandkiste. Dann doch noch ein Mensch: Ein Mädchen im Teenager-Alter steht rauchend neben den Schaukeln, steht da nur so herum und guckt vor sich hin. Fasst dann kurz die Kette der einen Schaukel an. Geht rüber zur Wippe und steht eine Weile sinnend vor dieser, geht dann auch noch zum Basketballkorb, guckt hoch. Raucht dabei immer weiter, ein wenig hektisch vielleicht, unentspannt wirkend. Sieht sich um. Nickt. Geht im Kreis, weiß vielleicht nicht recht weiter. Geht zum Tor, bleibt stehen, dreht sich noch einmal um. In einem Film, so denke ich mir, wäre die Drehbuchvorgabe wohl gewesen, auf einem Spielplatz Erinnerungen an die Kleinkindzeit hochkommen zu lassen, dieses Erinnern irgendwie möglichst deutlich darzustellen, deswegen der zögerliche Griff an die Kette der Schaukel, der war ziemlich gut gespielt, fand ich, und die Hand hätte ich in Großaufnahme … na, egal.

Sie wirft ihre Kippe nicht auf den Boden, sie macht sie am Rand eines Mülleimers sorgsam aus und wirft sie dann hinein. Das macht sonst kaum jemand. Sie geht weg und sieht durch den Zaun noch einmal zurück. Es fängt wieder an zu regnen, sie dreht sich um, setzt die Kapuze auf und geht ab, Richtung Bahnhof. Schnitt. Nächste Szene, was raten wir da – ein Umzug, weg aus diesem Stadtteil, nach Berlin vermutlich, denn es ist eine deutsche Produktion. Lebensfilme.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

 

Tapfer aufwärtsstrebend

Die Maskenpflicht im Nahverkehr gilt seit dem 1. Februar auch in Hamburg nicht mehr, es sei der gepflegten Chronik halber noch eben festgehalten. Ich fahre am Mittwoch ins Büro und zähle morgens im S-Bahnwagen einmal durch: Halb und halb, ziemlich genau. Man trägt sie dennoch, man trägt sie nicht. Keine klare Mehrheit, die Medien werden wieder etwas von gespaltener Gesellschaft schreiben, als ob sie jemals nicht zerspant gewesen wäre. Na, egal. Das Ganze ist, soweit ich es mitbekomme, an diesem Tag kein Aufregerthema, es ist nicht das Hauptthema der Stadt, das ist eher der Streik bei U-Bahnen und Bussen. Dazu hat man Meinungen, auch vehement und laut, und gewerkschaftsfreundlich sind sie leider nicht.

Am Donnerstag sehe ich mir Busse an, volle Busse, die am Abend durchs kleine Bahnhofsviertel fahren, da hat sich die Lage schon wieder geändert: Ein Passagier mit Maske, alle anderen ohne, sehe ich in dem einen. Ein Bus komplett maskenfrei. Solche Bilder, ganz anders als am Mittwoch in der S-Bahn, erstaunlich anders. Das ging schnell.

In meinem Umfeld, und das berichte ich, ohne damit eine Meinung zu vertreten oder eine Absicht zu haben, gibt es etwa seit Weihnachten keine neuen Covid-Erkrankungen mehr, auch nicht in den Klassen der Söhne, oder sagen wir genauer: es gibt zumindest keine bemerkten, festgestellten und testbelegten Diagnosen. Was auch immer da die Wahrheit sein mag, ich möchte das nicht mehr raten.

Und nur zehn Minuten weiter, nachdem ich den letzten Absatz getippt hatte: Wieder neue Fälle im Freundeskreis, frischer Meldungen kommen rein. Ich bleibe bei dem Thema weiterhin etwas unentspannt.

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Am Donnerstagnachmittag ansonsten unvermutet die Sonne, blauer Himmel und dergleichen, man möchte lange am Fenster oder in der offenen Balkontür stehen und staunen. Draußen Menschen, die ihre Gesichter in die Sonne halten, dazu so eine gewisse Stimmung in der Luft, so ein Licht, so ein Geruch, so eine Ahnung. Nur kurz hält es an, aber es war eben doch, man kann es seelisch vermerken, es hilft immerhin etwas. In einer geschützten Ecke neben dem öffentlichen Bücherschrank, in dem heute nur zwei Bände des Bertelsmann-Universallexikons stehen, die mich so gar nicht interessieren, sehe ich die ersten lilafarbenen Krokusspitzen, noch verschlossen, noch vorsichtig.

Und ein Beet weiter die frischgrünen Triebe der Osterglocken, tapfer aufwärtsstrebend durch die Hundescheiße und die Kippen. That‘s the spirit.

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Davon abgesehen behält mein Text von gestern seine Gültigkeit, die Woche eskaliert vor sich hin, die Komplikationen blühen und gedeihen, der Wahnsinn wabert. Ich erinnere mich an ein sinniges Zitat von Frau Novemberregen: „Ihre internen Prozesse interessieren mich nicht“, ich hätte ihn heute leidenschaftlich gerne etwa viermal angebracht, es ging aber jeweils aus Gründen nicht und das war dermaßen schade. Ich liebe diesen Satz.

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Reklamation

Ich wollte es der Woche nicht frühzeitig anlasten, immer allem eine weitere Chance geben und dann auch noch eine (Bernd Begemann: Gib mir eine zwölfte Chance), ich bin selbstverständlich stets so weit bemüht, aber diese Woche taugt bisher wirklich gar nichts. Von einer sehr freundlichen Kundenmail einmal abgesehen, ich suche mir meine Highlights mühsam zusammen. Immerhin finde ich welche, ja, ja, ich habe es noch gut, ich weiß.

Ansonsten, und ich weiß gar nicht recht, woran es liegt, habe ich lange nicht mehr so viel Text aller Art gelesen und auch gehört, in ganz verschiedenen Umfeldern, um es vorsichtig auszudrücken, der mich jedenfalls unangenehm sicher sein ließ: Es sind im Ernst alle verrückt geworden. Es ist nicht mehr anders erklärbar, was da vor sich geht. Und wenn ausgerechnet ich der Restposten der Vernunft sein soll, dann aber gute Nacht, echtjetztmal, das kann dann nichts mehr werden. In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen, wer war das noch einmal? Brecht war es. „Und nach uns wird kommen: nichts Nennenswertes.“ Das Gedicht vom armen B.B. Heute deutsche Kulturgeschichte von Brecht bis Begemann, am Ende dieses Textes kommt dann noch einer mit B als Bonus, aber der dann ohne Lyrik.

Bis zu einem gewissen Grad billige ich mir Gedanken dieser Art mittlerweile schon vom Alter her zu, die Welt darf mir allmählich absonderlicher vorkommen, ich gehe immerhin auf die 60 zu. Das passt also schon ins Bild und auch in die Tradition, so ist der Lauf der Welt und der Generationen, sachte treibt man aus dem Mainstream an schrulligere Gestade. Es ist okay, dass die anderen immer andersartiger werden. Dann wieder denke ich: „Ja, aber doch nicht so!“ Kopfschütteln, aber als Freizeitsport.

Ich gehe über einen Zebrastreifen, ein heranbrausendes Auto bremst, als ich mitten auf der Straße bin, nicht etwa ab, es beschleunigt vielmehr und fährt dann einen Schlenker um mich herum, so halb Richtung Fußweg kurvend und unangenehm knapp, und ich denke: Eben. Das ist genau, was ich seit Tagen meine. Alle komplett verrückt. Ich denke auch: Anzeige ist raus. Aber das stimmt gar nicht, das denke ich nur zu meiner inneren Entlastung, frage mich dann, wer mir das denn bitte sehr glauben soll, wenn ich doch, was wenigstens noch zu hoffen bleibt, meine Gedanken nur selber mitbekomme, und da wird es dann schon wieder schnell kompliziert.

Nein, es ist keine Anzeige raus. Aber wenn es auch nur ansatzweise sinnvoll wäre, diese Woche irgendwo als vollkommen unbrauchbar, unbespielbar, nicht funktionsfähig zu melden, ich würde es glatt tun.

Es wird allerdings, ich sehe es gerade in dem Kalender-Tool des Computers, demnächst eine neue Woche nachgelegt. Man kann hoffen. Und wie immer an dieser Stelle denke ich an die Zeit im Antiquariat zurück, in der mein damaliger Chef aufs Stichwort ins Regal griff, den Wälzer vom ollen Bloch herauszog, „Das Prinzip Hoffnung“, und dann damit stumm winkte. Szenen, die mir bleiben.

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Wir übersehen Saisonwaren

Wenn Sie mal ein wenig von der Gegend sehen wollen, über die ich hier dauernd schreibe, ein wenig von den Problemen auch, es gibt einen Bericht beim NDR über die Eröffnung der neugebauten Bahnhofsmission. Das ist einer von den wichtigen Orten, zu denen man in desolaten Lagen immer gehen kann, so niedrigschwellig, wie es nur denkbar ist. Und das machen auch viele Menschen, die in irgendeiner Not sind, es ist nicht immer nur die Wohnungslosigkeit. Der Bedarf ist riesig, die Leute haben da viel zu tun und sind im ganzen Bahnhof emsig, ich sehe die oft herumlaufen. Drumherum müssen Sie sich bitte noch weitere Angebote von anderen Anbietern von Hilfen vorstellen, die etwa Kaffee und Essen ausgeben, dazu noch die verschiedenen Gesundheitsmobile, das Zahnmobil, auch den Duschbus für Obdachlose vor dem benachbarten Museum, den Gabenzaun und dann, noch etwas weiter, die Methadonausgabestelle usw. Es gibt viel Not, es gibt viel Hilfe, aber vermutlich ist es nie genug.

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Im Drogeriemarkt wurde der erste Stand mit Karnevalszubehör aufgebaut. Kinderschminke, Bärte zum Ankleben, Konfetti und dergleichen, denn in den Grundschulen und Kitas findet Karneval auch bei uns statt. Danach verwächst sich die Bereitschaft dazu dann allerdings und tritt später nicht mehr auf. Die erwachsene Kundschaft ohne Nachwuchs an der Hand sieht ernst und entschlossen über diese Saisonwaren hinweg. Vor dem Regal mit den Nahrungsergänzungsmitteln stehen währenddessen drei Herren mit Lesebrillen und studieren gründlich, womit sie sich noch verbessern könnten.

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Wir erreichen ansonsten planmäßig den Februar, den ich immer als Zwischenstation verstehe. Februar, das ist keine Endstation, das ist keine Wunschdestination, da kommt man eher irgendwie durch, das ist wie Umsteigen in Hannover oder so. Das will man nicht, das macht man mit. Im März – also gleich schon! – dann wieder die Frühlingshofferei als Unterhaltungsprogramm, da hat man seelische Beschäftigung und ist wieder etwas schöner ausgelastet.

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Ich war im Traum in den meines Wissens nicht existenten Günter-Grass-Stuben in Lübeck und habe nachgesehen, ob dort Butt auf der Speisekarte steht. Das nächtliche Unterhaltungsprogramm ist hier also weiterhin super, keine Klagen, jeder Schlaf ein Genuss. Der Wachzustand fällt deutlich dagegen ab.

Egal. Weitermachen.

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Währenddessen in den Blogs, Ausgabe 31.1.2023

Ein paar Links finden sich dann doch, auch wenn die Sammlungen schon einmal etwas flotter und üppiger voll wurden. Aber das passt zu den Zeiten der Kargheit, die uns kalendarisch zweifellos nach wie vor geboten sind, da will ich mich nicht beschweren. Reduce to the Max, wie es früher einmal in der Werbung hieß. Ich fühlte mich da immer angesprochen, auch wenn der Satz sich in Flirtsituationen dann nicht bewährt hat. Egal.

Jochen über einen Bäcker mit sehr kleinem Laden, bei dem ich auf dem Weg zum Garten glatt einmal vorbeisehen könnte, er liegt an der Strecke. Nützlich, diese Blogs, was man da alles findet.

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Es wird für das Schöffenamt geworben, und es gibt dazu noch einen zweiten Teil.

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Meike über Nomaden und Sonntagsbraten.

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Wenn ein Lehrer zum Tanzkurs geht. Vermutlich gibt es viele Arten, das Tanzen zu lernen, für mich ging das damals nur übers Mitsprechen im Geiste, übers Aufsagen.  Für mich war Tanz bewegter Text, Lyrik mit besonders viel Schwung, zappelndes Deklamieren. Stimmlos, versteht sich. Das mit den Zahlen dagegen habe ich alles nicht verstanden. Entweder ich sage etwas auf oder ich zähle, beides geht nicht.

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Es gab, einem schon ziemlich lange laufenden Tiktokttrend folgend, Pasta mit Baked Feta, etwa so. Das fand ich gut und angenehm simpel, das mache ich wieder. Serviervorschlag: Vor dem Essen etwaige Kinder aus dem Raum entfernen, die klagenden Blicke verderben einem sonst leicht den Appetit. Ich habe als Kind Feta gemocht, von mir haben sie das nicht. Ts.

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Ein Text über die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum. Bloggemäß aus persönlicher Sicht. Würde ich in Nordfriesland wohnen, ich könnte vermutlich einen erstaunlich ähnlichen Text schreiben.

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Über das Fahren mit der richtigen Geschwindigkeit. Mit dem Thema darf ich gar nicht erst anfangen, ich bin Straßenverkehrsordnungsspießer und finde Regeln super, das ist mittlerweile aber eine vergleichsweise einsame Position geworden. Siehe in diesem Kontext auch Freiheit, Eigenverantwortung und andere leicht missverständliche Begriffe.

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Vorwärtskommen

Weiter in den Tagebüchern von Manfred Krug, 98 bis 99. Namen aus einer Vergangenheit, die ich weiterhin als befremdlich weit weg empfinde und von meinem Gehirn überraschend gründlich wegsortiert: Hansjörg Felmy, Günther Strack, Arafat, Scharping, Ron Sommer, Biolek, Michael Naumann, Theo Waigel, Berti Vogts. Ach ja, denke ich dauernd, ach ja. Den gab es auch. Und den. Und Witta Pohl und Madeleine Albright, die auch.

Ich blättere in einer Kochzeitschrift, die mir beim Aufräumen in die Hände fällt, irgendein Frühlingsheft, das wird ja bald wieder gültig, denke ich. Ich kaufe diese Zeitschrift allerdings schon eine ganze Weile nicht mehr, sie war nicht mehr interessant und jedes zweite Rezept war mit Sahne und auch viel zu viel mit Hack, das nützte mir nichts mehr. Zu wenig Nachkochen für zu viel Geld, die Foodblogs sind eh spannender und man kann sie verlinken. Immer die Nützlichkeit im Sinn haben. Ich überlege, wann ich das Magazin wohl zuletzt gekauft habe, in welchem Jahr das war. Auf jeden Fall war es vor Corona, das ist recht leicht, das kann ich zuverlässig bei fast allem unterscheiden. Bilde ich mir zumindest ein. Ich komme dann gedanklich nur bis zu „kurz vor Corona“, dann sehe ich doch auf dem Titelblatt nach, dann will ich es genau wissen: Das Heft ist von 2012. Okay. Kurz vor Corona. Alles im Rahmen der erreichbaren Messgenauigkeit.

Am Sonntag wollen wir in den Garten, stehen eine Weile am Fenster und sehen hinaus, sagen dann: „Wir fahren nicht in den Garten.“ So ein Wetter ist es nämlich, nichts lockt einen vor die Tür. Auf dem Spielplatz unten die pflichtgemäßen Kleinkindeltern, frierwippend auf den Zehenspitzen, Kapuzen auf, Kaffeebecher in den Händen und ab und zu zur Kirchturmuhr hochsehend, ob es nicht bald reichen könnte. Krabbelkinder wasserdicht eingepackt in der Sandkiste, lustlos herumrobbend.

Ich gehe einmal um den Block, das Pflichtbewusstsein. Unten an der Alster haben Wasser und Himmel die gleiche Farbe und reichen weit, Blaugrau bis sonstwohin, bis in den Februar. An einem Café steht noch „Winter Wonderland“ dran, aber das Wunderland ist geschlossen und die riesigen Deko-Elche leuchten nicht mehr. Kaum Spaziergängerinnen. Nur Jogger ziehen verbissene Runden und sehen starr vor sich hin, immer nur direkt vor sich, schon wegen der Pfützen. Es spritzt, wenn sie vorbeilaufen. Schlammspuren auf ihrer knallbunten Sportkleidung, nasse Laufschuhe, aber sie haben doch wieder was geschafft. Sie sind vorwärtsgekommen.

Wenn auch nur im Kreis, wie immer.

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Vom Heraufbeschwören leerer Likörflaschen

Die Schwimmbäder werden wieder wärmer, lese ich am Morgen in den Nachrichten, die Wassertemperatur wird hochgeregelt. Vielleicht ist die Krise vorbei, vielleicht ist sie jetzt egal, vielleicht ist es etwas anderes, man kann auch nicht immer alles nachlesen. Doch, ich lese es nach, aha – die Temperaturen werden angehoben, weil man so viel gespart hat. Ich drehe die Heizung lieber noch nicht höher, ich verbleibe mit Fragen zur Logik und zum weiteren Verlauf, aber egal. Das tue ich ohnehin dauernd.

Wieder die Erinnerung an diese Szenen bei Charles Dickens, ich glaube, es war in Bleakhouse, in denen jemand Geld spart, in dem er etwas nicht kauft, nur um es dann umgehend für etwas anderes auszugeben, weil er die Summe doch gerade eben gewissermaßen erwirtschaftet hat.

Ich beschäftige mich ansonsten mit den fortgesetzten Tagebüchern von Manfed Krug: „Ich bin zu zart für diese Welt.“ Die Jahre 98 und 99 jetzt, es geht ihm nicht gut, er schwächelt erheblich und kann damit nicht umgehen. Ich staune, wie viele Namen bei ihm auftauchen, die mir zwischenzeitlich überraschend gründlich aus dem Gedächtnis gerutscht sind, weil sie seit vielen Jahren einfach überhaupt nicht mehr vorkamen. Jacques Chirac, Roman Herzog etwa. Ach ja, die gab es mal. Alexander Lebed, Suharto, solche Namen. Figuren aus den Achtzigern oder Siebzigern begegnen mir deutlich öfter wieder, so kommt es mir jedenfalls vor, sie kommen in meinem Alltag ab und zu vor, in Gesprächen etc., auch in Romanen. Wehner, Brandt, Strauß. Es ist alles etwas merkwürdig verteilt. Wie unfassbar ungenau die Erinnerung ist, was für ein seltsamer Filter. Dazu gehört aber auch, dass ich in den Jahren dieses Tagebuchs einfach nicht aufgepasst habe, weil ich sehr gründlich mit privaten Themen und Entwicklungen beschäftigt war und, wenn ich wenigstens das richtig erinnere, auch nicht oder kaum jemals ferngesehen habe. Man hat so Phasen, da reicht es nicht für die Wahrnehmung der weltpolitischen Lage.

Rührend jedenfalls, wie in Manfred Krugs Träumen immer wieder sein verstorbener Freund Jurek Becker auftaucht, wie die Gespräche mit ihm fortgesetzt werden, wobei der Umstand, dass der eine schon tot ist, gelegentlich nonchalant von einem der beiden erwähnt wird. Ich habe das noch nie erlebt, kein einziger verstorbener Mensch aus meinem Umfeld ist mir je im Traum erschienen, und ich ahne, ich werde das erste Mal, das ich vielleicht gerade heraufbeschwöre, so ist es mit dem Schreiben ja immer, entschieden unheimlich finden. Aber vermutlich ist es ohnehin unausweichlich.

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Am Straßenrand eine leergesoffene Flasche Berentzen Waldmeister, was ich deswegen bemerkenswert finde, weil ich gerade in der letzten Woche erst in einem Gespräch erwähnt habe, dass man so etwas ja nicht mehr trinkt, das ganze süße Zeug aus den Achtzigern – und prompt steht es da, es ist wirklich immer dieses Heraufbeschwören. Jemand trinkt sich da vielleicht ein paar Jahrzehnte zurück, stelle ich mir vor.

Darauf vielleicht am Abend irgendwas von Bols. Nein, das ist nur Spaß – schon die Vorstellung ist dermaßen gruselig. Oder Kirsberry, meine Güte, was fällt mir da alles wieder ein. Als wir unseren Garten übernommen haben, fanden wir in den Beeten die leeren Likörflaschen vergangener Sommerfeste, halbmetertief vergraben. Lauter Marken, die ich aus  meiner Jugend kannte.

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Voreilige Suppe, angemessene Aufläufe

Der Donnerstag vergeht einfach so, der Freitag rutscht hinterher, sang- und klanglos.

„How the hell can a person
Go to work in the morning
Then come home in the evening
And have nothing to say?“

Das ist von John Prine, Angel from Montgomery, und ja, ich zitiere das öfter.

In einem Foodblog sehe ich ein Rezept für eine leichte Suppe mit Frühlingsgemüse, das kommt mir noch etwas voreilig vor. Ansonsten Aufläufe und rustikalere Eintöpfe, mehrfach wird auch Grünkohl weiterhin verwendet. Das ist doch deutlich januariger und passender als diese Frühlingsgemüsesuppe, wir wollen es bei aller Sehnsucht jetzt nicht übertreiben. Sonst verkraftet man am Ende die allfälligen Rückschläge nicht.

In den Schaufenstern der Parfümerien immerhin die ersten Hinweise auf den Valentinstag, so hangelt man sich auch vorwärts, von Deko zu Deko.

Die Praktika der Söhne enden und waren erfreulicherweise sehr gut, unerwartet gut. Es gibt Zeugnisse, es gibt eine kurze Halbjahrespause. Dann schon wieder das allgemeine Anlaufnehmen. Die zu bewältigende Strecke reicht in der Schule diesmal bis zum 3. März, fast könnte es einem überschaubar vorkommen. Wir werden uns erneut an das bewährte Konzept halten: Immer einen Tag nach dem anderen.

Auf dem Balkon pickt eine Kohlmeise in einem Blumentopf, die flüchtet aber, als eine Ringeltaube auch einmal nachsehen möchte, was es da gibt. Die wiederum flüchtet, als die Elster kommt, die dann flüchtet, als die Rabenkrähe kommt, die dann sehr schnell wegfliegt, als eine Silbermöwe kurz und energisch demonstriert, wer hier am meisten Spannweite hat. Es sieht aus wie in einem Lehrfilm, es geht auch ganz schnell, aber es läuft genau auf diese Art ab. Und dann die Verachtung im Blick der Möwe, als sie merkt, dass es hier nur um blöde Erdnüsse geht, wer frisst denn so etwas. Ja, pardon, aber ich werde da jetzt keinen Fisch auslegen, bei aller Tierliebe nicht.

Der Abendspaziergang. Neben einem Stolperstein vor einem Nachbarhaus brennt ein Grablicht, unter dem liegt ein handgeschriebener Zettel, eine Kinderschrift, blauer Filzstift: „Nie wieder.“

Früh ins Bett. Ich träume interessant und vielseitig, meine Träume könnten ganzseitig beworben werden, so gut sind die. Auch mal was an sich selber loben, und wenn es nur der Teil ist, für den man eher nichts kann.

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Wie sinnig alles eingerichtet ist

Mittwoch. Auch mal wieder ins echte Office, wie früher. Von meinem Bürofenster in Hammerbrook aus sehe ich auf eine hohe, graue Wand. Ein fensterloses Gebäude, ein Lagerhaus ist das, sechs- oder siebenstöckig. Waren aus Südosteuropa sind darin, Weine aus Kroatien und dergleichen, unten fahren die Laster zum Be- und Entladen vor. Vor dem Gebäude noch als Querstreifen im Bild und in einem etwas anderen, etwas dunkleren Grau, der Beton-Viadukt der S-Bahn nach Harburg. Ein ausgesprochen großstädtischer Ausblick ist das, nur nicht von der netten Art. In einer Erzählung hätte ich diese graue Wand vielleicht erfunden, um die momentane Gefängnisempfindung im Alltag zu unterstreichen. Sie ist aber einfach so da. Wie auch die S-Bahnen, die alle paar Minuten vorbeifahren, signalrote Wagen, die mir immer wieder eine Möglichkeit der flotten Bewegung vorführen, an der ich aber nicht teilnehme. Wie sinnig das alles eingerichtet ist, wie erfunden das wirkt.

In den Nachrichten Warnungen vor Eisregen am Donnerstag, da dann mal lieber nicht rausgehen. Als ob man sonst wahnsinnig unternehmungslustig wäre. Nach dem Eisregen soll es wenigstens wärmer werden, immer das Positive in allem sehen. Nächste Woche sogar irgendwas mit sieben Grad, da auch mal wieder die Jacke aufmachen und etwas vom Aufwärtstrend reden. Wir sind dann schon einen Monat weiter, es geht doch.

Ich treffe am Nachmittag eine Freundin, wir gehen in einen Coffee-Shop. Einer der anderen Gäste steht zwischendurch plötzlich auf, kommt zu uns und fasst den Kaffeebaum an, bzw. das Kaffeebaumimitat, das neben unserem Tisch steht: „Entschuldigung, ich musste mal eben fühlen, ob der echt ist. Ich bin in der Stadt aufgewachsen, ich erkenne so etwas nicht. Dafür muss man vom Land kommen.“ Er klopft auf das Holz, bzw. eben nicht, auf den Kunststoffstamm. Noch so ein Drehbuchmoment. Das eindeutig hohle Geräusch, aber er guckt weiter fragend, er traut dem Klang nicht. Wie klingt echtes Holz? An dem Baum hängen rote Plastikkaffeebohnen.

Vor dem Fenster gehen frierende Menschen vorbei, es ist ein Wintertag, an dem sich niemand recht gegen die Kälte wehren kann. Die ganze Stadt wirkt verfroren, zusammengezogen, eingekrümmt und die Menschen, die in den Coffee-Shop kommen, atmen stöhnend auf, es ist so herrlich warm hier drin.

Meine Freundin und ich reden über die Corona-Jahre und darüber, wie unwirklich und fern vieles aus dieser Zeit jetzt schon wirkt. Wir zählen uns Szenen und Maßnahmen aus dem ersten Jahr auf, es klingt alles schon nach Geschichtsbuch oder nach Doku im Nachtprogramm. Weißt du noch? Als die Läden alle geschlossen waren, als die Restaurants Essen nur noch durchs Fenster rausgereicht haben, als man nicht mehr im Park sitzen durfte, als auch der Spielplatz mit rotweißem Flatterband abgesperrt war, als es all diese Regeln für die Besuche anderer Haushalte gab, als man sich Impfmöglichkeiten unter der Hand weitergegeben hat, als es kein Mehl mehr gab und keine Nudeln, als wir alle an der Home-School irre geworden sind und es dann leider blieben, wie viele Jahre ist das her und war das alles wirklich so, kann es eigentlich sein.

Am 1. Februar fällt hier die Maskenpflicht in Bussen und Bahnen weg, dann wird man – zumindest vorerst – von der Pandemie nur noch wenig sehen. Auch die Teststation vor dem Hauptbahnhof haben sie jetzt abgebaut, das war die letzte, die ich noch jeden Tag wahrgenommen habe. Teststationscontainer. Ein paar davon könnte man jetzt schon zur Seite stellen, als Filmkulisse für spätere Produktionen, die es zweifellos geben wird, die vermutlich jetzt schon in Arbeit sind.

Die Filme werden alle seltsam übertrieben wirken, glaube ich.

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Vom Leben mit suboptimalen Lösungen

Dienstag. Beim Blick auf den Balkon lerne ich, dass auch Kohlmeisen mit Erdnüssen abhauen, was ich aufgrund der Größenverhältnisse beachtlich finde, es ist aus Meisensicht immerhin eine schier gigantische Nuss. Auf Menschenmaße umgerechnet würde sie uns sicher bis zur Hüfte reichen. Wer will mit so etwas herumlaufen, und die fliegen damit weg. Einfach so. Meisen lieber auch nicht unterschätzen.

Ich lege ich mich nach der Arbeit im Home-Office noch einmal für zehn Minuten hin und wache erst nach zweieinhalb Stunden wieder auf. „So geht der Monat natürlich auch vorbei“, sage ich mir und frage mich nebenbei, wieso ich neuerdings dauernd laut mit mir selbst rede. „Egal“, sage ich dann, „ist doch auch egal.“ Und ich glaube, ich habe Recht damit. Ein sehr gutes Gefühl.

Ich höre auf meinen Einkaufswegen „Eine blassblaue Frauenschrift“ von Franz Werfel und freue mich, dass ich zur Abwechslung einmal eine Handlung noch recht sicher parat habe, trotz der wiederum lang zurückliegenden Lektüre des Buches irgendwann in meinen Zwanzigern, damals noch im Antiquariat. Allerdings hätte ich jeden Eid darauf abgelegt, dass der Titel „Eine blassblaue Frauenhandschrift“ war, obwohl das von mir zwischengeschobene Wort ganz unnötig ist, wie ich dann peinlich berührt bemerke. Kein Tag ohne Demütigung, ich sage es ja.

Die Familie spielt ansonsten Magendarmgekränkel, das macht den Monat nicht schöner, nur etwas abwechslungsreicher. Keine Details.

Ich esse dessen ungeachtet aufgewärmtes Gulasch. Alles immer dennoch machen, aber als Wappenspruch. Wie gut ist aufgewärmtes Gulasch mit Makkaroniresten von gestern, es ist eine wahre Hauptfreude, ich kann es nicht anders sagen. Ich esse alles alleine auf, der Rest der Familie bekommt nur Tiefkühlpizza vorgesetzt, auch einmal Prioritäten zu meinen Gunsten setzen. Morgen gebe ich mich umgehend wieder bescheiden und kooperativ, so der Vorsatz. Ob sich TK-Pizza und Magendarm gut vertragen, das ist wieder eine andere und sicher auch berechtigte Frage, aber man muss, wie eine frühere Chefin von mir immer sagte, auch mit suboptimalen Lösungen leben können. Von meinen früheren Vorgesetzten, es fällt mir gerade wieder ein, sind zwei schon tot und einer hört Stimmen aus der Wand. Wenn man es so erzählt, klingt es etwas seltsam, nicht wahr.

Am Abend habe ich nach längerer Pause einmal wieder Lust auf ein gedrucktes Buch. Ich mache weiter, wo ich aufgehört habe, bei Maeve Brennan mit „Mr. und Mrs. Derdon“. Ich habe das Buch hier bereits zweimal empfohlen, Sie merken, ich meine es ernst. Erheiternd, aufbauend oder motivierend allerdings ist es nicht.

Egal. Was ist schon erheiternd, motivierend oder aufbauend im Januar, also abgesehen von Gulasch. Das allerdings ist nicht vegetarisch, also auch wieder suboptimal. Wie alles gerade.

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