Ein Fehldruck

Draußen grau durchwölkter Himmel mit etwas barockem Dunkeldrama, abgerissene Blätter fliegen vorbei, anschwellende Regenpercussion auf dem Dachfenster, es ist kalt, es wird Herbst. Bald kommen die langen Winterabende, da kann man dann mal. Was auch immer, im Grunde kann man ja eh nix. Egal. Ich habe den Frühling verpasst, ich habe den Sommer nicht mitbekommen, ich bin durcheinander. Der Kalender auch, der sagt Mai. Ich sehe raus, dieser Monat muss defintiv ein r am Ende haben, plötzlich Appetit auf Muscheln. Es ist alles falsch, es ist alles verquer, das ganze Jahr ist vermutlich ungültig, ein Fehldruck, ein unschöner. Und schon der zweite in Folge. Zustände! In diesem Land klappt gar nichts mehr, nicht einmal die Basics, nicht einmal die Jahreszeiten.

Ich sehe mir, keine bezahlte Werbung, die Becher von Fraeuleinheiligenscheiss.de an, ich finde alle gut, soweit ist es nämlich. Bei Videocalls einfach mal spontan Becher mit Beleidigungen in die Kamera halten, was stimmt denn mit dir nicht? Kommunikation endlich wieder beleben, irgendwie drastisch sein, lebendig auch.

Ich lese ein paar Seiten in einem Buch, Entspannung und so. Graham Greene, Der menschliche Faktor. Ich finde, und das Gefühl ist mir neu, die Schilderung der Normalität darin schwer auszuhalten. Dieses Damals. Dass die da alle dauernd rausgehen, in Restaurants gehen, sich umarmen, mit der Bahn fahren. Sachen machen. Ich will das nicht lesen. Ich greife blind ins Regal, ich nehme irgendein anderes Buch: Es ist der Trakl. Ich schlage auf, ich lese:

Kranke kreischen im Spitale,

Bläulich schwirrt der Nacht Gefieder.

Glitzernd braust mit einem Male

Regen auf die Dächer nieder.

Da kann man nicht meckern, das passt. Und während ich tippe, wird der Regen lauter und lauter.

Egal. Hier noch ein paar Links. Warum auch nicht.

Das Ruhrgebiet ist das Gestalt gewordene Anthropozän.

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Über Saisonalität. Es wird kein Halten mehr geben, es wird History repeating geben. Schlimm.

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Weniger arbeiten, öfter faulenzen. Mit einer Argumentation, die man ähnlich von Herrn Harari kennt.

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Eine Dankespostkarte

Rückseite

Ich habe zu danken für freundlich zugesandte Ranunkelsamen, für eine große, große Leiter, die für den Zustelldienst etwas herausfordernd war und uns im nächsten Winter einen gewissen Apfelbaumschnitt überhaupt erst ermöglichen wird, und dann auch noch für Sportsocken für die Söhne, sie sind beide sehr angetan. Ganz herzlichen Dank!

Vorderseite

Eine Rätselkarte, das hatte ich noch gar nicht. Vielleicht ahnen Sie die Lösung schneller als ich, das kann sein, das will ich Ihnen gerne zugestehen, ich bin manchmal etwas langsam. Wir sehen auf dieser Karte also ein Portal in einem alten Kirchturm. In einem Turm aus rotem Backstein, versteht sich, es ist die Kirche vor unserer Haustür. An diesem Portal gehe ich also dauernd vorbei, mehrmals täglich. Oft kenne ich die Menschen, die da hinein oder hinausgehen, ich kenne auch die Menschen, die da gelegentlich die Aushänge im Schaukasten wechseln oder ein Banner am Turm befestigen oder zu den großen Festen irgendeine Deko montieren. Und jetzt ist da wieder etwas Neues. Das Portal sehen wir also, eine große, dunkle Kirchentür in einer roten Wand. Links daneben unerwartet drei blau lackierte Buchstaben, ich weiß gar nicht aus was, aus Holz, Plastik, Metall, aber sie sind jedenfalls größer als ich. Schmale, hohe Buchstaben, die hat man da im Boden befestigt und verankert, die stehen jetzt frei neben dem Kirchenportal. Es sieht aus, als sollten sie dort bleiben. Ziemlich auffällige Buchstaben. Ein F, ein A und ein I. FAI, denke ich, was heißt das nun wieder und ich bleibe natürlich kurz stehen. So oft sehe ich ja nichts Ungewöhnliches mehr in dieser monotonen Abfolge der immer gleichen Pandemietage. FAI. Irgendeine christliche Abkürzung, denke ich, wie INRI oder so, allerdings kenne ich sie nicht. Was mag denn bloß FAI heißen? Ich denke, dass ich ganz im Ernst nicht den leisesten Schimmer habe, was FAI sein könnte, wofür das stehen könnte. Ich denke, aber immerhin sieht das aus wie eine Postkarte, rote Mauer, schwarzes Portal, blaue Buchstaben, das geht doch, das nehme ich. Ich denke, aber das wirklich nur für den Bruchteil einer Sekunde, an blaugrüne Seife aus den 70ern, dann verblasst dieser Gedanke sofort wieder, denn das war ja Fa, nicht FAI, und mein Hirn weiß das auch und schämt sich jetzt. Ich google FAI, natürlich google ich das. Immer alles nachschlagen! Die Erklärungen kommen aber alle nicht hin, die sind auch alle nicht religiös. Immerhin sind die Färöer Inseln bei den Erklärungen dabei, für die interessiere ich mich neuerdings aus mir unklaren Gründen, das passt also irgendwie, es erklärt aber wieder nichts.

Ich lese die Aushänge in den Schaukästen, die haben mit FAI nichts zu tun. Ja, was jetzt? Die können da doch nicht einfach Rätsel an die Kirche montieren und nichts auflösen?

Ich stecke das Handy weg, nehme meine Einkaufstüten und gehe weiter. Und dann sehe ich es. Auf der anderen Seite des Portals stehen auch zwei Buchstaben, soweit war ich noch nicht. T und H stehen da, natürlich, Faith.

Das ist geradezu ärgerlich tiefsinnig, man muss erst einen Schritt zurücktreten, um das Wesentliche zu erkennen. Ja, ja, geschenkt, das ist doch unangenehm platt und überzeichnet. Aber so ist sie leider oft, die Wirklichkeit. Ich habe, so stelle ich fest, wiederholt gewisse Schwierigkeiten mit ihr.

Faith. Meine Güte. Ich gehe da jetzt immer kopfschüttelnd vorbei.

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Einfach aufstehen und alles abtippen

Es ist und bleibt eines der besten Gefühle überhaupt, wenn ich irgendwo so sitze und gar nichts mache oder fast nichts und dann plötzlich merke, wie mir aus dem Nichts auf einmal ein Text wächst oder zumindest eine Idee dazu. Wenn diese Idee dann bleibt, nach mehreren Minuten immer noch greifbar ist und brauchbar erscheint und sich dann noch etwas auswächst, wenn ich merke, da ist etwas dran, das könnte klappen, und zwar so herum und auch so herum. Wenn ich darauf komme, das könnte so oder so enden und guck, eine Pointe gibt es da ja auch. Wenn ich mir dann irgendwann sicher bin, dass diese Idee, obwohl ich doch gar nichts gemacht oder geleistet habe, vermutlich schon wieder genug für einen Artikel im Blog oder sogar für eine Kolumne ist.

Dann einfach aufstehen und alles abtippen, der Rest fingert sich erfahrungsgemäß schon irgendwie hin. Wirklich, das ist eines der besten und schönsten Gefühle überhaupt.

Ich liebe es.

Und heute habe ich es übrigens nicht.

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Links am Abend

Die Bubble, die Bubble

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Diesen Text teile ich eigentlich nur wegen des Begriffs Weltreichweitenschrumpfung. Gefällt mir. Aber okay, es sind noch ein paar andere gute Stellen drin. Und Katzenvideos kommen auch vor.

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Gehirnnebel und die Hoffnung auf Heilung

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Ein Livekonzert in der aktuellen Situation

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Herumdenken

Sohn II bittet mich, beim Lernen mit ihm möglichst gestüm vorzugehen. Dann denken wir beide über das Wort nach. Ungestüm, gestüm, man kann das natürlich googeln. Und ja, das gab es zumindest einmal, diesen heute seltsam klingenden und nicht verneinten Wortstamm, wir dürfen das also so sagen, stellen wir zufrieden und gestüm fest, das Wort gefällt uns sehr gut. Dann legen wir fest, was wir heute wann machen, dabei hebt einer von uns einen Daumen hoch für die Eins in der Priorisierung des Tages, wie man dann so macht, dann zwei Finger für die Zwei. Und weil wir ja gestüm vorgehen, denken wir über alles sorgsam nach, auch darüber, warum man eigentlich, Sie müssen jetzt kurz mit den Fingern mitzählen, die Eins mit dem Daumen zeigt, die Zwei mit Zeige- und Mittelfinger, die Drei aber mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Wenn Sie das bitte mal kurz nachmachen, dann fällt Ihnen vielleicht auch auf, dass der Daumen mit der Zwei nichts zu tun hat, mit der Drei und der Eins aber sehr wohl, was natürlich mathematisch gar nicht haltbar ist und im Grunde auch seltsam kontraintuitiv.Das ist etwas abgefahren, welches Theater der Daumen da aufführt, dieses ich duck mich, da bin ich wieder, wenn man bis zur Drei zählt. So viel Bewegung, so kleine Zahlen. Der Sohn und ich zählen mehrmals und zeigen Finger, wir finden das im Grunde ganz falsch, wie man das macht, es ist nicht stringent und durchdacht, es ist geradezu widersinnig, möchten wir meinen, wie konnte sich das so durchsetzen? Und wie wäre es besser? Wir sind nämlich Topchecker, der Sohn und ich, wir bemerken alles, auch solche Kleinigkeiten. Wir können uns an guten Tagen an solchen Fragen entlang bis sonstwohin durchdenken, wir lernen und denken einfach immer weiter.

Nur zu den Aufgaben der Home-School kommen wir dummerweise auf diese Art nicht und vielleicht sollte ich das genauso in eine Entschuldigung schreiben, pardon, wir mussten erst bis Drei zählen, das hat eine Stunde gedauert, und mehr Zeit hatten wir heute nicht. So schade.

Ich: „Jetzt machen wir aber endlich Mathe!“

Der Sohn: „Das ist ungenau, Badematte oder was.“

Und jetzt müssen wir, das wird ja jeder sofort einsehen, dringend über Bademathe nachdenken oder es mal eben erfinden.

Lassen Sie uns durch, wir müssen herumdenken.

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