Das Laub ist jetzt in Mecklenburg

Der letzte Text ist schon vier Tage her, wie ist das nun wieder möglich, wo sind die Stunden, die Tage. Wo sind sie gebliehieben, das war jetzt kein Schreibfehler. Sie sind verpufft, sie wurden versemmelt, sie wurden veralltagt. Auf einmal steht in der Bäckerei schon die ganze Weihnachtsdeko, komplett mit Rentier aus Stroh und Attrappengeschenkkartons in rotem Glanzpapier, auf einmal gibt es dort wieder Baumkuchen. Schulkinder werden, es ist früh am Morgen, hereingeweht und bestellen Rosinenbrötchen. Es stürmt, es regnet, irgendwo gibt es auch Eisregen, höre ich später im Radio. Eisregen klingt nach Winter. Irgendwo wütet ein Tornado, irgendwo gibt es keinen Zugverkehr mehr.

Zwischendurch melde ich mich einen Tag krank, weil jede Zelle meines Körpers nach Ruhe verlangt. Ich lege mich hin und höre so enorme Mengen Golo Mann am Stück, dass ich hinterher fließend in seinem Satzbau reden kann, es sind sehr schöne erweiterte Infinitive dabei. Ich höre mir den Untergang der Weimarer Republik an. Papen, Schleicher, Brüning, erhebend ist das nicht gerade, also bleibe ich einfach liegen, dann geht es. Sollten Sie die Geschichte Deutschlands von Golo Mann einmal lesen oder hören, achten Sie doch bitte darauf, wie elegant er es vermeidet, einen gewissen rechtsextremen Diktator beim Namen zu nennen. Und mit welcher Sachlichkeit er über seinen schreibenden Vater und seinen schreibenden Onkel schreibt, mit welch nüchterner Einschätzung. Golo Mann war ein durch und durch Konservativer, aber noch einer von der Art, die man aushalten konnte. Die gibt es ja heute kaum noch. Beim Hören aber immer wieder die Frage, ob Geschichtsbücher nicht noch mehr Spaß machen würden, wenn die Schulbildung nicht fast alles gespoilert hätte? Okay. Kleiner Scherz.

Dann sitze ich doch wieder im Home-Office. Die Heizung ist kaputt, ich trinke heißen Tee und trage Pullover, ich sage siehste, es geht auch ohne und so spart man Geld. Die Söhne fragen, ob die Heizung denn repariert wird. Eine gute Generation, denke ich, sie stellen die richtigen Fragen. Ich schreibe mit kalten Fingern am Notebook, es werden keine Texte aus den angefangenen Sätzen, alles bricht ab. Am Haus gegenüber wird ein Gerüst aufgebaut, ein riesiges Gerüst, denn es ist ein großes, hohes und altes Haus mit einem malerischen Hansestadtgiebel ganz oben, historisierende Gründerzeit. Bis über diesen Giebel hinaus ragt das Gerüst jetzt, noch über mein Dachfenster, wo doch sonst nur Himmel ist, krähen- und möwendurchflogen. Die Gerüstbauer fügen die Teile in routinierter Geschwindigkeit zusammen, ein großer Metallbaukasten wird da bespielt. So müsste man schreiben können, denke ich. Einen Satz fest und verlässlich in den anderen verschrauben, bei jedem Wetter, in jeder Stimmung, hier bitte, das Gerüst, da steht es. Der schon recht alte Chef der Gerüstbaufirma steht unten, guckt hoch und nickt knurrend, die Daumen in den Gürtel gehakt: Okay, Feierabend.

Der Sturm rüttelt später wild an diesem Gerüst, das man ihm da einfach in den Weg gestellt hat, und wenn das jetzt fällt, denke ich beim Tippen, dann kracht es mir in mein Dachfenster und auf meinen Schreibtisch, und dann war es das hier aber, memento mori. Ein natürlicher Tod wäre das und so schlecht nicht für einen überzeugten Norddeutschen, bitte, da hast du deinen verdammten Wind.

Ich mache das Dachfenster auf und sehe raus. Der Himmel ist in rasender Bewegung, Wolken in Fetzen, die Luft lärmt tief grollend, unten von der Alster her kommt die Kaltfront direkt auf mich zu. Lass den Sturm ins Herz hinein, und versuche gut zu sein, Wolfgang Borchert war das. Vielleicht hat er es sogar hier in der Nähe geschrieben, ich weiß es nicht. Und an der Elbe, lese ich, steigt die Flut, Katwarn-Meldungen auf dem Smartphone. Das ist alles gut und schön, es ist später Oktober mit einer Ahnung von November, das darf und das soll auch so.

Ein Sohn hastet durch den quertreibenden Regen zu seinen Sozialstunden, er gibt Essen an Bedürftige aus. Die stehen Schlange vor der Tür, die drücken sich in Hauseingänge und an Fassaden und werden nass, sehr gründlich werden die nass. Der Sohn sagt, es waren wieder viele heute.

Die Herzdame und ich gehen zu den LEGs in die Schule der Söhne, Lernstandentwicklungsgespräche, heißt es, glaube ich. Die wievielten das wohl sind? Ich rechne kurz nach, bin mir dann aber nicht sicher, ich komme durcheinander und überhaupt, man muss auch nicht alles zählen. Das habe ich schon am Morgen gedacht, als um den Kirchturm zwölf Krähen flogen. Bin ich Graf Zahl oder was. Ich gehe in der Schule auf die Toilette, an der Wand steht: „Wer das liest, ist doof.“ Die Generation ist okay, originell ist sie nicht.

Der Sturm fordert Laub, der Sturm bekommt Laub, große Mengen davon, die reißt er fort, die rafft er zusammen, die nimmt er plündernd mit, die sind jetzt in Mecklenburg. Was auch immer die da mit unserem Laub machen. In einem Innenhof hier stehen vier junge Bäume schlagartig kahl und sehen dermaßen verschreckt und verprügelt aus, sie werden vermutlich bis Mai brauchen, um sich davon zu erholen.

Ich gehe auf den Wochenmarkt. Am Käsestand sagt der Mann: „Sie müssen nichts sagen, ich weiß doch, was Sie wollen.“ Wenigstens ein Mensch, denke ich, wenigstens einer. Ich bin nicht gänzlich unverstanden.

Im Park spielt ein junges Mädchen mit einem ebensolchen Hund, und das Fell des Hundes hat den gleichen Farbton wie die Übergangsjacke des Mädchens und wie auch das Laub, welches sie herumtollend in der auf einmal durchblitzenden Sonne aufwirbeln. Es ist ein idyllisches Fernsehwerbungsbild, an dem ich da lustlos vorbeigehe, es ist ein ach so schönes Herbstreklameplakat, und ich höre im Geiste die Sanostolmelodie von damals und gehe extra durch tiefe Pfützen. Wenn der Autor häufig lustlos ist, sagt eine Stimme in meinem Kopf. Ich habe damals schon gedacht, warum soll man denn bitte nicht lustlos durch Pfützen schlurfen dürfen, wenn einem doch danach ist? Ich habe damals nicht vieles richtig gedacht, glaube ich, aber das dann doch: Man hat ein Recht auf seine Lustlosigkeit. Kinder gegen Sanostol, die Bewegung gab es nicht, ich hätte sie gründen sollen. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Noch ein trauriges Lied, dann ist Wochenende. Habe ich es geschafft, ganz frei zu haben? Nein, das habe ich nicht. Aber ich werde einfach so tun, als würde ich nur aus Spaß schreiben und wissen Sie was, ich werde es mir glauben.

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Seegetier von heikler Beschaffenheit im Herbst

Hier und da sind einige Äste an früh kapitulierenden Bäumen fast schon entblättert (es sind vor allem einige Linden, die da voreilig schwächeln, jetzt wohnt der Wind in den Zweigen, heißt es bei der Kaléko), im Wetterbericht für die nächsten Tage steht aber noch etwas von üppigen 20 Grad und der Nachbar übt seit Stunden Jingle Bells am Klavier, wobei er allerdings immer nur bis „all the way“ kommt, das erlösende „Oh what fun“ bleibt hartnäckig aus, fast möchte ich es ihm durch die Wand laut vorsingen. Egal, im Mittelwert ist dieses Gemisch dann also der 18. Oktober.

Die Außengastronomie lebt am Abend noch einmal auf, lautes Gemurmel an den Straßen und auf den Plätzen, Gläserklingen, Besteckgeklimper, gerufene Bestellungen, Sommergeräusche. Es wird nicht überall so sein, glaube ich, aber hier endet die Außengastronomie Ende des Monats, danach sollen die AnwohnerInnen Ruhe haben, bis März oder so, es gibt dann nur noch vereinzelte Glühweinstände. Auch deswegen wird jetzt jeder Abend bis zur letzten Minute genutzt, das Ende ist nah.

In den Hauseingängen sitzen hier und da Menschen, die sind nicht obdachlos und verzweifelt und verfroren, die sind nur jung und entspannt, die vercornern da den Abend.

Ich drehe die Abendrunde durch den Hauptbahnhof und über die Szenemeile, ich sehe nach allem, ich warte auf das Bild des Tages und warten Sie mal, ich habe da neulich was gefunden, fällt mir gerade ein, ich suche das mal raus.

Und zwar bei Jenny Odell, in ihrem Buch „Nichts tun“, Deutsch von Annabell Zettel. Das Buch habe ich bereits auf Englisch gelesen und etwas merkwürdig wenig verstanden, das ging mir sprachlich irgendwie quer, ich fand es sperrig und hölzern – aber inhaltlich war es doch interessant, ein gutes Thema ist das, ein sehr gutes sogar. Ich lese es jetzt auf Deutsch noch einmal, finde es ähnlich sperrig, verstehe aber deutlich mehr. Und die Odell jedenfalls zitiert dort, meine, Güte, was für ein langer Anlauf, John Steinbeck, und zwar einen Absatz aus der Einleitung der „Straße der Ölsardinen“:

„Es gibt Seegetier von so heikler Beschaffenheit, dass es einem unter den Händen zerbricht oder zerrinnt, wenn man es fangen will. Man muss ihm Zeit lassen, bis es von selbst auf eine Klinge kriecht, die man ihm hinschiebt, und es dann behutsam aufheben und in einen Behälter mit Meerwasser gleiten lassen. Auf ähnliche Art muss ich wohl dieses Buch schreiben: die Blätter hinlegen und es den Geschöpfen der Cannery Row überlassen, wann und wo sie darüber hinkriechen und sich darauf tummeln wollen.“

Da bekomme ich erstens sofort Lust, die Straße der Ölsardinen wieder einmal zu lesen, sie steht hier sogar im Regal und in Griffweite, da bin ich zweitens aber hell entzückt und geradezu hingerissen von diesem Bild des Schreibens. So abends um den Block gehen und sehen, was einem ins Bild gerät, was einem auf die Notizbuchseite gerät. Jenny Odell verwendet den etwas pompösen Begriff Beobachtungs-Eros.

Pardon, wo war ich? Ich drehe die Abendrunde durch den Hauptbahnhof und über die Szenemeile, ich sehe nach allem, ich warte auf das Bild des Tages und ich sehe es erst kurz vor meiner Haustür, nachdem ich schon die ganze lange Parade der Außengastro freundlich nickend und winkend abgenommen und alle Schaufenster gesichtet habe. Da steht eine junge Frau in einem nach französischem Film aussehenden Mantel vor dem Fenster einer Kneipe und spricht eine lange Nachricht in ihr Handy. Dann tippt sie auf den Bildschirm, vermutlich auf Senden, sieht kurz zum Himmel, lächelt, drückt das Handy an ihr Herz und sieht sehr, sehr glücklich und hoffnungsvoll aus. Ja, denke ich, so ein Abend, so eine Luft noch einmal.

Ansonsten war Schulanfang in Hamburg. Ein Sohn meldete sich am Morgen nach etwa 5 Minuten Unterricht krank und kam wieder nach Hause, that escalated quickly. Nur leichte Kost gab es heute für ihn, etwas Täubchen, etwas Franzbrot. Ach nein, das war die andere Familie mit Budden- vorne.

Noch ein trauriges Lied? Bitte sehr.

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Es ist nichts passiert

Es ist nichts passiert, ich habe nichts zu erzählen, das ist zur Abwechslung als gutes Zeichen zu verstehen.

Ich habe heute auf dem Sofa gelegen und freies Wochenende gespielt, was allerdings bei bewusster Verdrängung einer Deadline geschah, die jetzt allmählich rot und rauchend zu glimmen beginnt, weswegen noch schnell etwas zu bloggen ist. Mir fällt gerade nichts anderes ein, was mich plausibel vom etwas verfrühten Beginn des Montags und der Arbeitswoche abhalten könnte. Mit anderen Worten, das Wochenende, also mein Wochenende, es endet gleich mit dem letzten Absatz hier, das ist doch mal ein greifbar bedrohliches Timing.

Ich habe mir am Nachmittag von Golo Mann viel über 1848 und über die Karriere und den Charakter von Bismarck erzählen lassen, während es draußen sachte regnete und das Laub der großen Eiche vor dem Küchenfenster sich teils erfolgreich bemühte, die exakt gleiche Farbe wie die güldenen Ziffern der Kirchturmuhr über dem Baum anzunehmen, das war alles sehr gut so. Ich sollte mir so etwas viel öfter genau ansehen. Das Buch habe ich jetzt durchgehört, im nächsten Band wird es um die wilhelminische Epoche gehen, das dann ab morgen.

Zwischendurch habe ich, man soll sich ab und zu bewegen, das Tiefkühlfach enteist, weil ich auf Twitter neulich daran erinnert wurde. Das wird enorm Geld sparen, das stand dort auch, da kann ich mich also in finanzieller Hinsicht wieder etwas entspannen und Rücklagen für was auch immer bilden. Endlich einmal gute Aussichten.

In Hamburg enden die Ferien. Wir haben noch einmal Zettel ausgedruckt und wahrheitsgemäß ausgefüllt, dass die Söhne nicht irgendwo im Ausland waren. Ich weiß schon gar nicht mehr, zum wievielten Male wir denen diese Zettel mitgeben, es ist längst Routine geworden, wie alles. Nebenbei kurz nachsehen, ob noch genug Masken da sind. The same procedure. Etwa acht Wochen sind es jetzt bis zu den Weihnachtsferien, Eltern und Kinder denken nur in solchen Einheiten.

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Der einsamer Klimakampf der Wetteransager. Im Text wird Özden Terli erwähnt, den finde ich auch auf Twitter stets informativ.

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Noch ein trauriges Lied? Jo. Und dann geht hier unweigerlich die Arbeit los. Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche.

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Irgendwelche Jahre

Ich höre abends Geschichtsbücher von Golo Mann, es geht um Deutschland im 19. Jahrhundert. Zwei Bemerknisse dazu. Zum einen ist es ein sonderbarer Effekt im Hirn, wenn Geschichtsbücher, gerade etwas tiefer schürfende, auf das Wissen treffen, das ich noch aus der Schule, aus dem Studium oder auch aus Romanen und Filmen habe. Ich stelle mir inneres Bibliothekspersonal vor, welches bei den vorgelesenen Absätzen und Kapiteln unterschiedlich reagiert. Angestellte etwa, die bei den Stichwörtern Preußen und Bismarck routiniert nicken und wie nebenher auf ein Regal dort hinten im Schädel zeigen, die aber bei Piemont verwirrt die Augenbrauen heben, wie jetzt, Piemont, was ist mit Piemont, wir kennen kein Piemont? War da was und was hat es mit Sardinien zu tun, wir verstehen nicht richtig? Müssten wir da etwas haben, wir sehen mal im Katalog nach, Moment. Nein, wir bedauern, zu Piemont haben wir nichts. Und manchmal, das kommt noch dazu, steht in dem Regal, auf das da so lässig und voller vermeintlicher Expertise gezeigt wird, gar nicht allzu viel drin. Manchmal steht da nur eine Art Handreichung für Sextaner oder eine Fibel mit bunten Bildchen und fettgedruckten Überschriften, nach denen dann nichts mehr kommt. Nach 1848 etwa kommt 1871, so viel ist vertraut und vollkommen klar, das ist felsenfestes Wissen. Zwischen diesen beiden Jahren aber – nun, dazwischen waren sicher auch irgendwelche Jahre. Die kamen aber damals in den Arbeiten nicht vor. In Geschichte musste man festgelegte Namen, Zahlen und Stichwörter wissen, mehr nicht. Der Lehrer, der es aus guten Gründen damals mit der Vermittlung von demokratischen Werten bitterernst gemeint hat, den habe ich erst Jahre später verstanden, Erkenntnisse ex post.

Zum anderen kann ich ganz hervorragend bei Golo Mann einschlafen. Ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass ich ihn langweilig finde. Ich vermute eher, dass es an der etwas langsamen Erzählweise liegt, langsam hier ganz und nicht negativ gemeint. Mich beruhigt und entspannt nämlich Sprache, die Zeit hat, ungemein. Ich könnte zum Einschlafen auch jeden Abend den Anfang des Schimmelreiters hören, diese mehrfache Verschachtelung der Rahmenhandlung in dem Roman, dreifach war es wohl, das ist besser als jeder Beruhigungstee. Wäre ich gelehrt genug, hier folgte jetzt ein längerer Exkurs über den Zusammenhang zwischen grammatikalischen Strukturen und Geschwindigkeiten im Denken und Stresspegel, aber das müssen bitte andere übernehmen. Auch beim Brehm habe ich neulich gedacht, als er da einen Versuchsaufbau beschrieb und dabei lange, lange Anlauf nahm, dass für den geschilderten Sachverhalt heute ein Dreiwortsatz vollkommen genügt hätte.

Ich möchte die Vergangenheit nicht romantisieren, ich möchte die Gegenwart nicht kritisieren, ich möchte nur für mich befinden, dass mir Slow Thinking oder Slow Writing mit jedem Lebensjahr sinnvoller vorkommt. Ich schreibe mittlerweile, um diesen Ansatz noch schnell mit der Gegenwart kollidieren zu lassen, mitunter recht lange an einem Tweet.

Ansonsten habe ich mit der Familie ein Spaßbad besucht, in welchem sich die Jungs allein und altersgerecht im Wasser amüsiert haben, während die Herzdame und ich auf Liegen lagen. Ich habe dabei etliche Märchen gehört, Grimm, Bechstein, Andersen, ich hatte immerhin drei Stunden Zeit dafür, da passen etliche Prinzessinnen, Hexen, Zauberer, gute Könige und sprechende Tiere mancher Art hinein. Es ist auch da interessant, was assoziativ noch anklingt und was nicht, wie mir etwa der Andersen in den Details geradezu unheimlich viel präsenter ist, als ich es vermutet hätte. Was muss der mich damals beschäftigt haben. Der Hund mit den teetassengroßen Augen im Brunnenschacht, das hat so etwas von gewirkt, als ich es in der Kindheit gelesen habe.

Bechstein dagegen – ich fühle nichts, überhaupt nichts. Vermutlich gab es in meinem Elternhaus keinen Bechstein, nicht als Buch, nicht als Flügel.

Passend zu den Märchen übrigens lässt sich Tocotronic gerade mit Undine ein, was naturgemäß nicht gut ausgeht.

Ob ich die Undine von Fouqué jemals gelesen habe, das weiß ich gar nicht mehr genau, fällt mir dabei ein. Ich merke die mal für demnächst vor, wenn sie schon so schön vor mir, haha, auftaucht.

Grund zur Freude gab es auch noch, und der Grund passt hervorragend hinter diesen Blogtext mit dermaßen viel Hang zu altmodischen Aufhängern. Ich habe nämlich eine Anfrage erhalten, eine Bitte um die Verwendung eines Textes von mir. Es gibt dafür kein Geld, es gibt dafür keinen Ruhm, es gibt aber doch ein heiteres Nicken von mir, denn die Anfrage kam aus einem Kloster der Franziskaner. Doch, da freue ich mich, auch wenn ich eher durch und durch religionsfern bin. Religionsfern, aber besinnungsaffin, vielleicht passt es so? „Herr Buddenbohm war stets um Besinnung bemüht.“

Sollten Sie im Gegensatz zu mir ausdrücklich kirchlich bezogen sein, evangelisch sogar, es erscheint da um diese Jahreszeit immer ein Kalender, „Der andere Advent“, der kommt in vielen kirchlichen Einrichtungen vor, und darin finden Sie in diesem Jahr auch einen Text von mir.

Dauernd diese seltsam konfessionellen Bezüge, vielleicht hätte ich doch Pastor werden sollen? Allein mir fehlt der Glaube.

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So träg, so plump

Am Morgen gehe ich zum Bahnhof. Der Gemüsehändler an der Ecke räumt gerade neue Ware aus einem Lieferwagen in den Laden, Kisten und Kartons stehen auf dem Fußweg. Ich mache einen großen Schritt über Mangold, Thymian und Zwiebeln hinweg, ich bekomme beim Blick nach unten schon um 07:15 Hunger auf Mittagessen. In der halbleeren S-Bahn reden die Leute über die Teuerung, jetzt auch die Nudeln, mit Ausrufezeichen wird es berichtet, die Nudeln! Bis zu 30%! Es ist außerdem überraschend kalt, die Kollegen aus den Außenbezirken berichten vom morgendlichen Eiskratzen an den Autos, es ist kurz vor Winterjacke. Beim Discounter gibt es, ich sehe auf dem Rückweg vom Büro dort die Werbung im Fenster, schon Weihnachtsbaum-Lichterketten. So also ist die Lage da draußen.

Drinnen habe ich mich gestern Abend enorm über Büchner gefreut, dessen Lenz mir als Hörbuch begegnet ist. Ich habe den vor langer, langer Zeit gelesen und hatte in vage als „überraschend gut lesbar“ in Erinnerung, aber erst jetzt, beim Wiederlesen, bzw. beim Wiederhören, fällt mir auf, wie sensationell dieser Anfang ist. Wie modern das klingt und wie klug das gemacht ist:

Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen.

Es war nasskalt; das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht – und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump.

Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf-, bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehn konnte.“

Ich habe das jetzt ein paarmal gehört und das Buch aus dem Regal genommen und auch nachgelesen, ich finde es immer wieder gut. Ein Literatur-Ohrwurm sozusagen. Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Ich könnte schon wieder, ich bin ganz vernarrt in diesen Anfang.

Was noch? Ich war in den letzten Tagen zweimal in Restaurants, beide Male hat niemand nach Impfung, Test oder sonst etwas gefragt. Diese ganze Diskussion um 2G und 3G in Hamburg, die hätte man sich auch sparen können, weil es alles eh egal ist. Ich rege mich allerdings nicht auf, es regen sich alle schon genug auf, ich stelle das nur fest, ich mache mir nur Notizen.

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Kathrin Passig über Dunning-Kruger

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Später sitze ich mit einem Sohn bei Regen in der ausgekühlten Laube im Schrebergarten, wir unterhalten uns über Musikgeschichte. Es geht um die Anfänge der Rockmusik und ich zeige ihm „one of the most beautiful lovesongs that’s ever been written“, weil der Anfang so überraschend ist. Ihre sanftmütige Einleitung und dann dieses Lied vom hard headed woman: Wanda Jackson. Der Sohn findet das gut, das Lied, wir hören es so laut, wie es gehört und ich glaube, das war das Beste heute. Draußen wird es dunkel, außer uns ist kein Mensch weit und breit in den Gärten. Im Laubhaufen unter der hängenden Kätzchenweide arbeitet der Igel am Winterquartier.

Dann stellen wir das Wasser im Garten ab. Es wird Zeit, bevor die Leitungen Frost bekommen.

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Goldene Papageien vor Moosgrün

Bei der morgendlichen Internetrunde sehe ich einen Artikel über den Maximalismus, das ist natürlich der Nachfolger des Minimalismus im Bereich der Inneneinrichtung. Man hat danach jetzt gemerkt, dass es doch nicht der Weisheit letzter Schluss war, alles Schöne und Alte aus dem Haus zu werfen, ergriffen auf leere Flächen zu sehen und nichts als ein Echo im schmucklosen Schrank zu haben, und man holt jetzt also alles wieder rein. Dazu malt man die Wände in fetten Farben an, moosgrün, lila, beerenrot. Und weil das aber alles dem Konsum dienen soll, nimmt man zum Zwecke der Dekoration selbstverständlich nicht die alten Sachen, die alt aussehen, weil man sie schon so lange hat, sondern kauft neue Sachen, die alt aussehen, weil sie so designt worden sind. In dem Text stand sinngemäß etwa: „Einen goldenen Lampenständer in Form eines Papageien oder Affen hat nicht jeder“.

Ich gehe am Morgen wieder vor dem Home-Office kurz um den Block, ich sehe im Vorbeigehen ins Schaufenster des Ladens mit Dekoklimbim, dort stehen – es passt wieder alles dermaßen schön zusammen hier! – güldene Lampenständer in Papageien- und Affenform. Die hat sicher nicht jeder, es stimmt schon. Noch nicht. Es ist eine Bewegung vom Schwund zum Schwulst, wenn ich es richtig verstehe. Und warum auch nicht.

Jenny Erpenbeck, so lese ich ohne direkten Zusammenhang irgendwo im Feuilleton, bewahrt alles auf und lebt in ihrem „Lebensmuseum“.

An der Tür der Eisdiele klebt ein Zettel, sie schließen in ein paar Tagen und kommen im Februar wieder. Diese Zeit des Jahres. Demnächst kann man sicher wieder Kunsthandwerkliches und Weihnachtliches dort kaufen, die übliche Zwischennutzung der Ladenfläche. Nasses Laub auf den Wegen, es ist nicht warm, es ist nicht kalt, es ist nicht dunkel, es ist nicht hell, mir fällt nichts weiter auf, gar nichts. Minimalismus der Eindrücke.

Ich gehe nach Hause, auf dem Küchentisch liegen die ersten Satsumas, gestern gekauft. Es gibt Menschen, die können einem die Unterschiede zwischen Mandarinen, Clementinen und Satsumas erklären. Und es gibt normale Menschen.

Ich mache das Home-Office an und teste mit der Notebook-Kamera, ob ich ein zeitgemäßer goldener Affe bin. Das ist nicht der Fall. Aber ich trage einen Pullover in sattem Lila. Immerhin.

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