Rote Wirbel

Das Wetter: Nach wie vor furztrocken, um es mal deutlich auszudrücken. Bei der Kaltmamsell kann man gucken, wie die Isar gerade aussieht.

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Zwischendurch ein herzlicher Dank die Leserinnen, die den Hut gerade auf anderen Wegen als via Paypal befüllt haben – ich bin hocherfreut und begeistert, das ist ja alles keineswegs selbstverständlich.

Ein nachgereichter Dank (pardon!) auch für die Zusendung zweier Bücher mit ausdrücklichem Gartenverwendungszweck, ich bitte um Entschuldigung, das ist dezent verspätet.

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Ich höre weiter Robert Seethalers “Das Feld”, gelesen von ihm selbst, und finde es immer noch gut. Ich höre selten Bücher, ich habe da also keine Routine. Ich bin ein altmodischer Leser, immer noch gerne Papier und stapelweise und abends im Bett bis zum Einschlafen. Was jetzt aber nicht so leicht herauszufinden ist: Hätte ich das Buch anders gefunden, wenn ich mich auf ganz herkömmliche Weise in das Buch vertieft hätte? Also nicht nur in Details, das versteht sich ja, das man da ganz andere Stellen besonders wahrgenommen hätte, sondern auch grundsätzlich? Hat man womöglich einen ganz oder wenigstens leicht anderen Geschmack, wenn man Texte nur übers Ohr wahrnimmt? Das hat bestimmt schon einmal jemand untersucht, aber das habe ich dann verpasst. Zwischen dem mit den Fingern verfassten Text und der diktierten Version liegen doch auch Welten, zumindest am Anfang, spiegelt sich das am Ende bei der Lektüre, beim Hören?

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Ich lese Mark Mazower: “Was du mir nicht erzählt hast”, übersetzt von Ulrike Bischoff. Ein Historiker klärt seine Familiengeschichte mit den Werkzeugen seines Fachs und alter Schwede, ist das ergiebig. Wenn man dachte, man kennt sich in der Geschichte Europas vor 33 einigermaßen aus, bei der Lektüre wird man wieder ganz bescheiden.

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Ich gehe auf den Spielplatz und wirbele wie die Kinder Laubhaufen mit den Füßen auf. Es ist heute kein einziges Kind da, aber Laub gehört nun einmal gründlich verwirbelt, das haben wir hier schon immer so gemacht. Ich trete an die große Eiche, in der die Eichhörnchen wie komplett irre hin- und her rennen, seit Stunden schon. Sie rasen immer wieder den Stamm hinauf und hinab und umkreisen ihn, sie springen über die Äste und von Baum zu Baum und über den Platz, sie balancieren in stürmischer Eile über die den Kirchhof begrenzende Mauer. Sie suchen in aller Hektik die Eicheln zusammen und lassen sie gleich wieder fallen, wenn sie die nächste oder eine größere sehen, fliegende Wechsel, diese Eichel, nein, diese, vielleicht haben sie den Zweck der Übung auch längst aus den Augen verloren. So eilig suchen sie, als würde der Winter in der nächsten Woche schon mit ganzer Härte ausbrechen, Schnee bis ins Flachland, Eis und Hagel – dem ist aber gar nicht so, sagt der Wetterbericht. Sie gönnen sich jedenfalls keine Minute Pause, sie sind rote Wirbel im gelb leuchtenden Laub. Wie lange kann man auf diese atemlose Art einer Aufgabe nachgehen? Der Eichelhäher, die Ringeltauben und die Amsel gucken immer wieder irritiert zu ihnen hin, wenn sie wie besessen durchs Bild stieben. Ich klopfe an die Eiche und sehe zu ihnen hoch. “Guten Tag”, sage ich und versuche, seriös und vertrauenserweckend zu klingen, “ich möchte mit ihnen über Burn-out sprechen.” Die Tierchen denken gar nicht daran, auf mich zu reagieren, die Tierchen haben zu tun. Dann eben nicht. Aber soll keiner sagen, ich würde mich nicht kümmern.

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Egal. Musik!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Der Vogelzug

Gelesen: “Die Flut war pünktlich”, Erzählungen von Siegfried Lenz. Gar nicht mal so gut gefunden. Hm. Aber egal. das kann man machen, einfach was von einem Großmeister nicht gut finden, das ist okay. Es ist nur Literatur, da passiert nix. 

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Ich lese außerdem in “Der Freund und der Fremde” von Uwe Timm, die Erinnerungen an seinen Freund Benno Ohnesorg (ja, genau der). Das wollte ich schon seit dem ersten Erscheinen 2005 mal lesen, aber man kommt ja zu nix.

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Für den Freundeskreis Insel: Eine geschichtentaugliche Meldung von Baltrum. Ich schreibe ja gerade nix, aber das müsste doch bitte jemand verarbeiten, so eine wunderbare Vorlage. Der schießwütige Hotelier, der auf Vogeljagd am Strand geht und das erlegt, was wegziehen kann, während er aus Gründen, die man sich noch erarbeiten müsste, die Insel nie länger verlassen hat, dazu eine frei erfundene Hassliebe mit einer Umweltschützerin und das alles auf einer in grandioser Natur gelegenen Insel, die mit steigendem Meeresspiegel eh nicht mehr lange … das ist doch wirklich einladend. Titel: “Der Vogelzug”, in etwa Novellenlänge, das klingt doch geradezu schulbuchtauglich.

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Den Satz “Unter jedem Dach ein Ach” (hier gefunden) kannte ich nicht, den finde ich aber ganz wunderbar. So einfach, so gut, den merke ich mir, den denke ich jetzt bei jedem abendlichen Spaziergang durchs Viertel vor jedem Haus. Ich habe mich, so allerdings die bittere Wahrheit, zuerst verlesen und dachte da steht: “Unter jedem Dach ein Arsch”. Was die Formulierung nicht zwingend unzutreffender macht, nicht wahr. 

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Aufkleber "I am loved"

Sohn II: “Das hat bestimmt jemand da hingeklebt, der überhaupt nicht geliebt wird. Und der macht das nur, damit es dann jemand wie du fotografiert, jemand, der ein Blog hat oder Instagram. So läuft das doch. Und es klappt ja auch.”

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Wie auch immer. Musik!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Was schön war

Patricia schreibt über normale Leute, ich möchte etwas anlegen. Nämlich eine frühabendliche Hamburger Stunde auf einem quadratischen Platz. Wir hatten hier in der letzten Woche leider keine Demo in Berliner Dimensionen zu bieten, wir hatten nur ganz normales Stadtleben, nehmen wir also einfach das, vielleicht geht es ja auch. Den Platz, um den es gleich gehen wird, muss man sich bitte leer vorstellen, da ist nichts. Keine sogenannten Stadtmöbel, also keine Bänke, keine Werbeaufsteller, keine Bäumchen, Büsche oder Beete, keine Schilder, nicht einmal Verbotsschilder, da ist wirklich gar nichts, nur Fläche, und die ist bemerkenswert glatt ausgelegt, keine Höcker oder Kanten oder Lücken im Boden, alles ist eben. Der Platz liegt etwas erhöht zwischen der Kunsthalle und der Galerie der Gegenwart, Treppen und rampenartige Wege führen dort hinauf. Der Platz ist so leer, er wirkt ein wenig wie ein Platzhalter, da könnte irgendwann noch etwas kommen, ein weiteres Galerietrumm oder sonst etwas – aber erst einmal ist da nichts. Und wenn man Tourist in dieser Stadt ist, dann geht man natürlich wegen der Kunst links und rechts davon dorthin, nicht wegen des Platzes, denn auf dem ist ja nichts. Aber man bleibt vielleicht doch mal kurz stehen und guckt, denn viel großstädtischer wird es nicht.

Die glatte Fläche wird oft von jungen Menschen genutzt, die mit Bikes, Boards oder sonstwas Kunststücke üben, vermutlich kann ich mittlerweile gar nicht mehr alle Fortbewegungsmittel korrekt benennen. Aber das kennt man auch von anderen Plätzen, das ist noch nichts Besonderes. Hier kommen jedoch manchmal auch Menschen aller Alters- und Kulturgruppen her, die diverse Tänze üben, so ist es an diesem Tag auch. Ein unentwirrbares Musikgemisch aus kleinen und kleinsten Boxen hängt über dem Platz, den Sie sich eben noch leer vorgestellt haben, pardon, der ist nämlich in Wahrheit doch voll, voller Menschen nämlich. Die Tanzenden hören vermutlich nur mit einiger Mühe die für sie jeweils passenden Rhythmen aus dem wüsten Durcheinander der Musikstücke heraus, aber sie schaffen es irgendwie. Vorne Tango Argentino, das erkennt man gleich. Die Runde übt recht fortgeschritten aussehende Schrittfolgen und schön sieht das nicht unbedingt aus, aber das gehört eben dazu, wenn man gut sein will, man muss durch die Technik irgendwann durch. Da starren also Menschen auf Füße, stehen sich selbst und Tanzpartnern im Weg und diskutieren, zwischendurch gibt es ab und zu die berauschenden Erfolgserlebnisse, für die man das alles macht, ach so muss das! Dann sieht man zwei, drei sehr elegante Drehungen schnell nacheinander, bevor es wieder stockt. Das Durchschnittsalter beim Tango ist eher etwas fortgeschritten. Gleich dahinter eine jugendliche Gruppe, die tanzen irgendwas vermutlich afrikanischen Ursprungs, da rät man so herum, was das nun sein könnte, die sind auch noch ganz am Anfang. Daneben eine große Gruppe junger Mädchen, einige im Cosplayer-Look, die üben eine Choreografie, wie man sie aus Musikvideos kennt. Es sind noch nicht alle schnell genug, aber es wird, noch zwei Abende und dann klappt das, dann wird es auch ziemlich gut aussehen, es reicht locker für jede Schulaufführung. Dann ein kleiner Kreis von Mädchen, die sich nur ab und zu und eher zögerlich überhaupt zu Tanzbewegungen durchringen können, und die kann man dann nicht einmal recht erkennen, das ist alles etwas schüchtern dahergestolpert und geht sowieso im altersbedingten Gekicher und Herumgealber gleich wieder unter. Aber die haben Spaß, was auch immer das bei denen einmal werden soll. Zwei junge Männer machen weiter hinten Breakdance vor einigen Zuschauern, da guckt man auch als Passant etwas länger hin, die können das nämlich nicht nur ein wenig, die sind ausdrücklich super. Die könnten damit auch anderswo auftreten, vielleicht machen sie das auch. Eine anderen Gruppe schließt sich denen jetzt spontan an, Tänzerinnen stellen sich neben die Männer, machen nach und machen mit, ich habe gar nicht gewusst, dass Breakdance wieder in ist. Wenn man nicht dauernd rausgeht!

Die Söhne üben Waveboard zwischen den Gruppen, sehen sich ab und zu an, was da so vorgemacht wird, wer weiß, sie könnten ja etwas davon gebrauchen, sie kurven dann aber wieder weiter. Der ganze Platz ist in Bewegung, es wimmelt und wogt, ein Knäuel aus Musik, Sprachen und Kulturen. Ich könnte übrigens bei allen Menschen und Gruppen auch geratene Herkunftsvermutungen dranschreiben, aber wie würde sich das lesen? Stellen Sie sich einfach irgendwas vor, das ist ja ohnehin der Witz beim Lesen. Die einen sehen so aus, die anderen ganz anders, also wirklich ziemlich anders. Das ist eine großstädtische Menge da, die ist natürlich vielfältig.

An der Westkante des Platzes sitzen die Unersättlichen aufgereiht, die trotz des unfassbar langen Sommers heute noch einmal Sonne brauchen, da sitzt auch die Herzdame und wartet, dass die Söhne genug geübt und ich genug gesehen habe. Lindy-Hop, Balboa oder Shag tanzt heute niemand, ihre Fraktion fehlt also leider. Um den Platz herum gehen staunend und fotografierend oder filmend die, denen so etwas sonst nicht geboten wird. Wenn man von unten gegen den Sonnenuntergang hoch zum Plateau guckt, sieht man nur noch die sich drehenden und wiegenden Silhouetten der Tanzenden. Und wenn man es ganz geschickt macht, sich einen besonderen Winkel sucht und den Hals etwas lang macht, dann tanzen sie im Bildausschnitt genau vor der Binnenalster, solche Bilder hängt man dann gerne in Ausstellungen, druckt sie auf Kalender oder taggt sie zumindest mit #welovehh auf Instagram.

Ein Vater bringt seinen Kindern Eis, und während er damit durch die Menge geht, sieht man in vielen Gesichtern, an denen er vorbeikommt, interessierte Blicke – wo bitte gibt es hier denn Eis? Zwei, drei vier gehen los, in die Richtung, aus der der Vater kam, man kann ja mal gucken. Auf dem Boden des Platzes stehen Bier-, Wein- und Wasserflaschen, die Luft riecht eindeutig so, als würden hier und da auch gewisse Kräuter geraucht werden. Besoffen oder breit wirkt allerdings niemand, das passt auch nicht zum Tanzen, jedenfalls nicht zum gemeinsamen Tanzen.

So war das da also, auf dem kleinen Platz bei Sonnenuntergang an einem bemerkenswert warmen Tag im Oktober, golden wie nur was.

Einer dieser Momente, für die ich in der Großstadt lebe, weil ich genau diese Vielfalt so möchte. Weil es sich hier dann wie ein Stück Welt anfühlt – nicht nur wie ein kleines Stück Hamburg-Mitte. Kleine Stücke Hamburg-Mitte sind auch toll, gar keine Frage, aber die Auswahl zu haben, das ist noch besser. Weil solche Momente doch das Versprechen der Millionenstadt sind.

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Und übrigens bin ich zur Überraschung aller nach wie vor der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Seriös, ernsthaft und stets bemüht

Die Menschen freuen sich wie die Lemminge über eine Hitzewelle im Oktober, ich stehe fluchend in der schon wieder stickig-heißen Dachgeschoßwohnung: “Dieser Herbst ist nicht von hier.”

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In unserem kleinen Bahnhofsviertel gibt es da, wo der Stadtteil nach Nordosten in Ausfallstraßen unästhetisch zerfranst, einen neuen Porscheladen. Was natürlich viel zu niedlich klingt, es gibt eher so einen modernen Prachtbau für Luxusautos, viel Fenster, viel Licht, viel Schwung in der Fassade, und der Bau ist lustigerweise auf einer Fläche entstanden, die den Charme einer riesigen Verkehrsinsel hat. Ich wüsste auf Anhieb gar nicht, wie man da eigentlich hinkommt, es ist ein Platz, den man als Autofahrer immer nur umfährt, aber nie anfährt. Egal, ich wüsste auch nicht, warum ich da jemals hin sollte. Gestern spielten wir ziemlich lange am frühen Abend Stau vor diesem neuen Gebäude, so wie es enorm viele andere auch taten, ich weiß schon, warum ich das Autofahren so hasse. Wir ruckelten also schrittweise am Porschedings vorbei, das noch hell beleuchtet war, die Menschen darin machten gerade Feierabend, Reinigungskräfte schoben schon Staubsauger. Auf einem gigantischen Bildschirm liefen noch Werbefilme, man konnte das von der Straße aus ganz gut sehen. Werbefilme, in denen diverse Porschemodelle über leere Straßen durch schöne Landschaften bretterten, selbstverständlich von oben gefilmt, wie man es aus den letzten dreißig Jahren Autowerbung kennt, Fahrspaß galore. Das Auto neben uns war zufällig ein neuer SUV von Porsche, der schob sich im gleichen Takt wie wir durch städtisches stop and go, ab und zu sah der Fahrer nach rechts, auf diesen Bildschirm, auf die freie Fahrt, dann sah er wieder nach vorne und auf den Pizzaliefersmart vor sich, der alle paar Sekunden kurz mal nach vorne rollte.

Ich konnte den SUV-Fahrer aber nicht lange beobachten, da wir ihn mit unserer arg zerdellten Familienkutsche vorsintflutlicher Bauart bald souverän überholten und die nächsten fünfzehn Minuten ein paar Meter vor ihm verbrachten. Es sind die kleinen Freuden.

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Abends auf der Langen Reihe, auf der Promeniermeile des Stadtteils. Alle Stühle vor den zahlreichen Lokalen sind besetzt, auch die Stufen vor den Hauseingängen und überhaupt alles, worauf man noch sitzen kann, sogar die Stromkästen. Es ist warm, da muss man doch draußen sitzen, so glaubt man, was würde man sonst verpassen. Nächste Woche ist Schluss mit lustig, sagt der Wetterbericht. Also noch ein Getränk und danach ist es tatsächlich immer noch warm, man muss sich nicht einmal in die überall bereitliegenden Decken wickeln, man kann einfach so sitzen und staunen und ab und zu das sagen, was alle sagen: “Im Oktober!” Die Gäste, die nach althergebrachter kalendarischer Vorgabe bereits Herbstmode tragen, sie öffnen Jacken und Mäntel.

An den Lokalen vorbei ein Strom von Menschen, die suchen Plätze oder ihre Freunde oder beides, die wechseln das Café, haben Hunger oder Durst oder wandeln einfach so herum, die haben vielleicht gerade irgendwo gelesen, dass man hier auf die Lange Reihe geht, die wollen jetzt auch mal gucken. Mitten im Strom eine allein gehende Frau im schwarzen Kleid, Typ französische Romanschönheit. Sie sieht unglücklich aus, was bei französischen Romanen ja nicht ausbleibt. Sie hat ein schwarzes Kleid an, das womöglich sogar ein Abendkleid ist, sie geht barfuß und ohne Blick für das Leben in den Lokalen. Und das sieht man dann im Vorbeigehen und erfährt die Geschichte nicht, es ist im Grunde fast unerträglich. Aber was gehe ich abends auch raus! Besser zuhause bleiben, besser ein Buch lesen, da erfährt man in aller Regel die ganze Geschichte, da weiß man dann, warum sie so guckt, wo sie herkommt und wo ihre Schuhe sind, das ist doch alles wichtig, das will man doch wissen. Da liest man auch, wo sie hingeht und welches Kapitel danach kommt.

Nächste Woche wieder Lesewetter, und das ist auch gut so.

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Mein Bademantel ist wieder da, er ist aus dem Theater geflogen mit dem Vermerk: “Nicht witzig genug.” Jetzt sitzen wir hier wieder beide, der Bademantel und ich, durch und durch seriös, ernsthaft und stets bemüht. Wie es sich gehört.

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Sohn I geht morgens in seinen Theaterworkshop, wobei er “Heute HP3 und GP” murmelt, was auf Nachfrage lässig entschlüsselt wird: Hauptprobe 3 und Generalprobe. So lernt man immer dazu, wenn die Kinder was machen, und muss nicht einmal selbst vor die Tür. Das hat Vorteile, siehe oben.

Update einen Tag später hierzu: Wir haben die Vorführung jetzt gesehen, der Sohn auf der Bühne des Ohnsorg-Theaters – un he hett Platt snackt! Alle haben das beeindruckend gut gemacht (acht Kinder nach nur zehn Tagen Proben). Ich bin eventuell ein wenig stolz, aber ich freue mich am meisten, dass er das alles selbst gesucht und gemacht hat, dass das komplett sein Ding war und ist. Und die großartige Betreuung der Kindertruppe im Ohnsorg-Theater soll natürlich auch nicht unerwähnt bleiben, das lief dort ganz wunderbar.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, zum Dank blogge ich morgen wieder. Oder übermorgen. Oder so.

 

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Wenn Du jetzt gehst

Ich lese “Der Mann im Strom”, von Siegfried Lenz. Das Buch ist bisher komplett an mir vorbeigegangen, nie gehört, auch alle Verfilmungen verpasst, wie isses nun bloß möglich? Es gibt sogar eine Verfilmung mit Hans Albers, der kam hier im Blog auch gerade vor, wie es sich wieder fügt. Jetzt läuft das jedenfalls am Theater um die Ecke, Sohn I erzählt mir davon, so komme ich endlich dazu. Ein äußerst dramentauglicher Stoff, harte Szenen, schwere Themen, alternde Männer. die manches nicht mehr können. Ich glaube, ich gucke mir das mal an. Und lese überhaupt nochmal beim Lenz herum, das habe ich lange nicht mehr gemacht.

Im weiteren Verlauf des Jahres läuft in diesem Theater übrigens auch “Buten vör de Döör”, also “Draußen vor der Tür” von Wolfgang Borchert. Der Sohn fragt, was da passiert, denn das will er auch sehen, er will jetzt überhaupt alles sehen, was im Theater kommt, auch das ganze Erwachsenenzeug. Ich sage: “Ein Mann kommt nach Deutschland”, das ist fast wie ein Reflex, aber Reflexe reichen nicht immer, deswegen wühle ich im Gedächtnis und erzähle ihm das Stück nach, die Sache mit dem Zurückgeben der Verantwortung, mit der Elbe und dem dauernd rülpsenden Tod, da kracht es aber schon ordentlich im Gebälk meiner Allgemeinbildung. Kindertauglich geht natürlich anders, wir werfen lieber mal einen Blick in die Hamburger Spielpläne und suchen weiter. Wenn die Kinder mit dem Kindertheater durch und für das Erwachsenentheater noch ein wenig zu klein sind, dann wird es etwas schwierig. Aber zwischen elf und etwa vierzehn Jahren gibt es sowieso bei erstaunlich vielen Themen eine Versorgungslücke.

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Ich war auf einem Konzert von Manfred Maurenbrecher, der mich mit einem Satz irritiert hat – manchmal ist es gut, irritiert zu werden – , der sagte nämlich zwischen zwei Liedern: “Reimen ist besser als Denken.” Meinend natürlich, dass er über die Suche nach Reimwörtern Sinnzusammenhänge in seinen Liedern erreicht, auf die er sonst nie gekommen wäre. Kommt es nicht als Gedicht – kommt es leider nicht. Vielleicht sollte man aus seinen ungelösten Problemen öfter mal einen Vierzeiler machen?

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An der Straßenecke steht ein junges Paar, sie sagt: “Wenn du jetzt gehst!”, und sie guckt furchtbar ernst.  Solche Szenen gibt es also nicht nur in Serien und Schulterbeißeromanen, solche Szenen gibt es auch da draußen. Er sagt: “Was dann!” und sie sagt nichts mehr, weil ich da gerade vorbeigehe. Wenn es eine Serie wäre, ich würde da jetzt wie der letzte Idiot durchs Bild latschen und ein völlig entnervter Regisseur würde mir wüste Flüche hinterherbrüllen.

Ich drehe mich nach ein paar Metern um, pardon, ab und zu bin ich womöglich etwas neugierig. Er geht und sie guckt ihm hinterher, etwas zu überrascht, das war so nicht geplant. Wer jetzt keine Beziehung hat, baut sich keine mehr, prompt wehen ein paar Blätter durchs Bild.

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Ich war mit einem Kind in einer großen Buchhandlung, da war eine riesige Fläche nur für Kalender vorgesehen. Fotokalender, Witzekalender, Literaturkalender, Rezeptkalender, Familienkalender, was man sich nur ausdenken kann. Berge davon, in allen Größen und Formen. Das Kind sah diese Sonderausstellungsfläche und ging da mit dem Satz hin: “Mal sehen, für welches Jahr die sind.”

Sie, die Sie das hier lesen, Sie sind natürlich längst hoffnungslos erwachsen, ausreichend gebildet und abgeklärt. Sie wissen also, dass die Kalender selbstverständlich für das Jahr 2019 sind, denn wir sind im Oktober 2018, es kann gar nicht anders sein, über so etwas denkt man nicht mehr nach. Sie wären vermutlich sogar sauer, wenn Sie da einen Kalender für 2018 oder für 2020 finden sollten, so etwas wäre ja geradezu ungeheuerlich! Da würde man sich beschweren wollen. Denn der eine wäre das Geld nicht mehr wert, lauter abgelaufene Monate, der andere müsste viel zu lange auf seinen Einsatz warten, wo soll man den solange hinlegen, also wirklich, was für ein Gedanke. 2019, alles andere ergibt doch überhaupt keinen Sinn. Das Kind denkt das alles aber nicht, das Kind ist neu im Thema, geht da hin und ist einfach neugierig. Einmal noch so völlig ergebnisoffen auf die Welt zugehen! Morgens aufwachen und denken: “Überrasch mich!” Und dann macht die Welt das wirklich.

Wie langweilig Erfahrung ist. Aber auch ganz praktisch, schon klar.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, Sie überaus guter Mensch.

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Grausame Vollidioten bringen Steine zum Weinen

Ich höre immer noch Element of Crime, Sie verstehen, die Jahreszeit, das neue Album … was soll man machen. Sven Regener bleibt sich in seinen Texten selbstverständlich treu, so treu sogar, dass mir Wiederholungen auffallen. Das Wort “grausam” kommt mehrfach auf dem Album vor, ebenso das Wort “Vollidioten”, ein zweifellos schönes, gut gealtertes Schimpfwort, man sollte es wieder öfter verwenden, immerhin ist die Welt tatsächlich voller Vollidioten. Etwas überraschend ist die doppelte Erwähnung weinender Steine, das würde man in einer Sammlung von Kurzgeschichten so nicht durchgehen lassen, also “man” im Sinne von: “irgendein Lektorat”, Wortwiederholung, Einsatz für den Rotstift. Ich bin aber nicht irgendein Lektorat und ich gehöre zu den Leuten, die thematische Verengungen gut finden. Wenn jemand seinen Sound und seine Themen gefunden hat, dann soll er oder soll sie ruhig dabei bleiben, das geht in Ordnung, dann soll er oder soll sie immer besser genau darin werden, wie schmal die Spur auch sein mag. Hans-Ulrich Treichel etwa hat sich auch gefühlt über zehn Bücher mit seiner Familiengeschichte wiederholt, ich fand das gut, das wurde nicht schlechter, im Gegenteil. Ich würde vermutlich den zwanzigsten Brenner-Roman von Herrn Haas immer noch mit Begeisterung lesen. Und es wird auch bei Sven Regener nicht schlechter, natürlich nicht, bei ihm am wenigsten. Vielleicht hat er seine ultimativen, svenregenerhaftesten und allerbittersten, allerverlassensten ersten drei Liedzeilen immer noch nicht geschrieben, vielleicht geht da noch was, wer weiß. Ich freue mich auf alles, was da noch kommt. Und dann weinen die Steine aber sowas von, wenn er diese Zeilen erst geschrieben hat, da können die Vollidioten, die das selbstverständlich nicht verstehen werden, das noch so grausam finden.

Aufkleber Straßenblues

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Sohn I geht neben mir her, hört Element of Crime über Kopfhörer und lacht und tanzt dazu, offensichtlich hört er da etwas ganz anderes heraus als ich. Auch interessant.

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Der Tag beginnt aber damit, dass mein Bademantel nicht da ist. Mein Bademantel hängt normalerweise entweder an seinem Haken im Bad oder ich habe ihn an. Es verstößt massiv gegen die Ordnung der Dinge, wenn beide Optionen nicht zu einem positiven Ergebnis führen, es ist ungeheuerlich. Ich kann morgens nicht in Ruhe Nachrichten lesen und Kaffee trinken, wenn der nicht da ist, ich kann eigentlich gar nichts, dieses Zuhause ist gar kein Zuhause, wenn der Bademantel fehlt, der ist hygge zum Anziehen, der ist mein Adresszusatz. Das geht so alles nicht, in einem Comic wären tiefschwarze Wolken über meinem Kopf zu sehen, während ich fluchend durch die Zimmer gehe. Nachdem ich bei stark auffrischender Wut die ganze Wohnung inklusive höchst unwahrscheinlicher Stellen nach dem Ding abgesucht habe, teilt mir ein gerade erwachender Sohn I lapidar mit, mein Bademantel sei jetzt im Ohnsorg-Theater, den habe er gestern mitgenommen, als Requisite: “Wir brauchten noch was Lustiges. Für das neue Stück.”

Der komödientaugliche Charakter meines Bademantels war mir bisher nicht einmal ansatzweise klar, am Ende habe ich endlich und doch noch die Erklärung gefunden, warum mich in dieser Familie niemand ernst nimmt? Da mal drüber nachdenken! Aber egal. Mein Bademantel ist jetzt also jeden Tag im Theater, mein Bademantel ist kulturell ambitionierter als ich. Ich sage es ja, kein Tag ohne Demütigung.

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An einer roten Ampel stehen neben mir zwei Frauen, die eine klärt die andere detailliert, ach, viel zu detailliert über ihre bevorstehende Schönheits-OP am Bauch auf, was man da mit dem Bauchnabel macht, so herum und dann so und wieder zusammen, ein kleiner Eingriff ist das ja nicht, sagt sie, sie schneiden dann ja noch hier und so, sie zeigt das auch und kneift sich ins T-Shirt. Die Freundin verfärbt sich zusehends und passt schließlich ganz gut zur Ampel, als diese endlich auf grünes Licht umspringt.

Hausfassade mit aufgemaltem Reißverschluss

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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