Mittwoch

Bemerkenswerte erste Male, ich habe einen veritablen Ansteckungsalbtraum. Was allerdings auch kein Wunder ist, wenn ich mir mein Umfeld so ansehe, die Einschläge kommen näher.

Weitere Folgen Mythic Quest gesehen, mehrfach gelacht. Das ist allerdings auch bemerkenswert.

Da das Wetter sich nicht ändert und sich auch sonst nichts mehr ändert, sitze ich hier gefühlt in immer gleicher Haltung am immer gleichen Schreibtisch, zu einer Uhrzeit, die vollkommen egal ist, an einem Tag, der auch nichts ausmacht, in irgendeinem Monat, who cares. Links das Firmennotebook, rechts das private Notebook, ich lese irgendwas, ich schreibe irgendwas. Es wird immer so bleiben und sich vermutlich nie mehr ändern, man muss sich Sisyphos als neustartenden Menschen im Home-Office vorstellen.

Ein Sohn kommt rein und fragt, was es mit Lübeck damals auf sich hatte. Ich sage, dass das ein weites Feld sei und überlege kurz, ob ich darüber nicht sogar Bücher geschrieben habe. Dann erklärt er allerdings, dass er die Sache mit der Hanse meine, nicht meine Herkunft. Okay. Königin der Hanse und so, rauf bis Edinburgh und rüber nach Nowgorod, da konnte man noch reisen! Und raus! Das waren noch Zeiten, sage ich, das waren noch Zeiten.

Ich führe etliche Telefonate wegen der einigermaßen unklaren Versorgungslage meiner Mutter nach ihrem Krankenhausaufenthalt. Ich gehe zwischendurch zum Bücherregal, nehme den Kafka raus und lese etwas nach, dann führe ich noch ein Telefonat. Und lese noch einmal nach. Falls Sie im Kontext dieser Pandemie auch mit öffentlichen Stellen reden müssen, machen Sie das besser nicht nach, es ist unheimlich.

Und falls Sie übrigens mit dieser Information etwas anfangen können, heute ist Mittwoch, ich habe gerade nachgesehen. Mittwoch, Mittwoch, Mittwoch. Es sagt nicht mehr, wenn man es öfter schreibt, es rührt sich nichts, der Mittwoch ist tot, Jim.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

 

Take what you need

Sonntagabend. Um 21 Uhr, exakt zu Beginn der Hamburger Ausgangssperre also, fährt ein Auto an unserem Haus vorbei. Aus dem Auto kommt laute Musik, es sind Liedzeilen, die man kennt: „You must leave now, take what you need …“ Das scheint mir nicht passend zu sein. Ich überlege, eine Ausgangssperrenplaylist anzulegen, verwerfe den Gedanken aber aus Zeitgründen wieder, ich kann mich auch nicht um alles kümmern. Wobei sich das „I’m going home“ aus der Rocky Horror Picture Show um viertel vor neun schon anbieten würde, nicht wahr. Ich sehe aus dem Fenster, es ist kein Mensch mehr auf der Straße zu sehen.

Am frühen Montagmorgen sitze ich am Schreibtisch und frage mich, warum heute alles noch trüber als sonst wirkt, noch bedrückender und düsterer. Dann fällt es mir auf, ich habe die Jalousien nicht hoch- und das Licht nicht angemacht. Manchmal ist es ja einfach.

Ich mache die Jalousien hoch, der Himmel ist blau. Also schwach blau. So ein grau eingefasstes Immerhinblau ist das, ich will hier nichts beschönigen. Der Himmel ist geradeebenblau und es ist nach wie vor zu kalt da draußen, ich merke es, als ich mich kurz aus dem Fenster lehne. Nein, so geht Frühling nicht. „In Norddeutschland setzt sich Meeresluft polaren Ursprungs durch und gestaltet das Wetter unbeständig.“ Ich dagegen, ich sitze am Schreibtisch bei gleichbleibender Raumtemperatur und gestalte alles beständig.

Muss ja.

Zwischendurch telefoniere ich wegen der einigermaßen unklaren Lage meiner Mutter mit Behörden, lande schließlich beim Infektionsschutz und höre dort lange – sehr lange – die Warteschleifenmusik. Dort läuft, es ist kein Scherz: „You left me just when I needed you most.”

Ansonsten: Es ist alles ein riesiger Fuck-up. Bis zur Pandemie schleichend und jetzt steht alles kurz vor dem tatsächlichen Kollaps.

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Die Brücke der Beschränkungen

In den Nachrichten geht es um die Bundesnotbremse. Da mal dran ziehen! Und außerdem wird die Brücke der Beschränkungen erwähnt, die erinnert seltsam an Begriffe aus der chinesischen Politik von damals, der große Sprung musste über die Brücke der Beschränkungen, so etwas in der Art.

Und gewisse Herren möchten also demnächst Kanzler werden. Aha. Ich nicht, denke ich beim Lesen, ich nicht, und das macht es ja schon einmal einfacher, da kommen wir uns wenigstens nicht in die Quere, diese Herren und ich. Ich überlege aber, wo ich schon einmal beim Thema Werden bin, was ich eigentlich werden möchte. Dazu ist man nach gewissen Sachbüchern immerhin nie zu alt und man soll ja dauernd das mit der Bucket List machen, aber ich finde die Frage leider nach wie vor irre schwierig. Ich habe kein Karriereziel, schon lange nicht mehr. Ich möchte im Grunde nicht einmal einen Beruf haben, bitte, ich möchte einfach nur sein, wie die Blümelein auf dem Felde, da war doch was, nein, die Vögelein unter dem Himmel waren es. Oder so. Das ist ein umwerfend schlichter Gedanke, werden Sie vielleicht urteilen, aber es ist die Wahrheit, ich bin weitgehend ehrgeizlos. Vielleicht ist es ein Defekt, vielleicht ist es ein Segen, ich bin mir gar nicht sicher, was es ist. Es ist auf jeden Fall der Grund, warum mich von allen Einkommensarten das von den LeserInnen hier eingeworfene Geld immer am meisten freut, weil ich das vermeintlich dafür beziehe, wie ich bin. Denn das Schreiben fällt bei mir nicht mehr unter Tätigkeit und Pflicht, das fällt unter Sein. In Meike Winnemuths Gartenbuch, gerade sehe ich die Zeilen, steht ein Absatz über selbstbelohnendes Verhalten: „Die entscheidende Frage ist immer: Würde ich es tun, wenn es kein Geld dafür gäbe? Wer das mit „ja“ beantwortet, hat alles richtig gemacht.“ Ich würde immer schreiben, nehme ich an. Das Schreiben gehört zum Leben dazu, das ist in meinem Fall also fremdbelohnt und auch selbstbelohnend und daher wohl so etwas von richtig.

Was soll ich ansonsten werden, was soll ich sein? Und versuche gut zu sein, wie die Anweisung bei Wolfgang Borchert hieß, das hatte ich neulich gerade schon, das ist ja wohl schwer und unlösbar genug, was denn noch alles?

Im Grunde finde ich alles so dermaßen kompliziert, ich könnte problemlos den Rest meines Lebens mit dem stets bemühten Nachdenken darüber verbringen und würde mich sicher nicht langweilen dabei. Ich habe, wie schon oft festgestellt, eigentlich gar keine Zeit für einen Beruf. Ich finde das Leben an sich schon herausfordernd genug.

Ansonsten ist Home-School, versteht sich, immer ist Home-School, ich kann ja schon deswegen nichts werden. If-Sätze im Englischen. Versuchsprotokolle zu Schallexperimenten, bis hier keiner mehr das Wort Dosentelefon ertragen kann. Der Aufbau der Stadt im Mittelalter, die Rolle der Zünfte und die der Hanse. Dezimalbrüche. Und immer so weiter und weiter und weiter, das Leben ist eine lange, ruhige Home-School-Stunde. Oder es ist Home-Office, die Unterschiede verschwimmen hier ab und zu. Man hat viele und lange Online-Meetings, man macht Aufgaben, man gibt etwas ab. Egal.

Würde ich Home-School machen, wenn ich kein Geld dafür bekäme? Ach nein. Falsche Frage, Thema verfehlt.

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Ja, okay

Ich höre weiter Joey Goebels „Irgendwann wird es gut“, es ist nach wie vor gemein und teils schwer auszuhalten, aber gut ist es eben auch. Er beschreibt gründlich scheiternde Personen so detailliert und nachvollziehbar, man scheitert unfreiwillig mit denen mit und es fühlt sich erschreckend realistisch an. Man legt das Buch weg – oder das Handy mit dem Hörbuch, egal – und überlegt kurz, wenn man jetzt eine Figur in einer dieser Geschichten wäre, wie würde das eigene Scheitern dann wohl weitergehen? Und die Antwort, also wenn man sich denn überhaupt eine gibt, die ist nicht angenehm. So ein Buch ist das.

Kurz nach dem letzten Kapitel eskaliert hier eine Familiensituation dann so, wie es auch schön ins Buch gepasst hätte. Also unschön. Vorsicht bei der Lektürewahl! Jetzt wieder Gartenbücher lesen, „Was blüht denn da“ und irgendwas mit Vogelbestimmung. Keine Risiken eingehen.

Wir sehen mit dem Teenagersohn einige Folgen der Serie Mythic Quest. Hier eine Rezension dazu, die Folgen laufen bei Apple TV. Eine Sitcom, die in den Büros einer Firma spielt, die ein ungeheuer erfolgreiches Game entwickelt. Der Sohn ist begeistert und entwickelt präzise Berufswünsche, die Herzdame und ich amüsieren uns immerhin und verkneifen uns Hinweise auf unseren nicht ganz so lustigen Büroalltag. Aber gut, unsere Firmen entwickeln auch keine Games. Kann man jedenfalls gucken, diese Serie.

In den Nachrichten finde ich das neue Wort Öffnungsblindflug. Das versteht man vermutlich nur wenige Wochen lang. Wenn überhaupt. Außerdem neu: Die Testangebotspflicht, die klingt nach Politik und Durchmogeln und behördlicher Verordnung, die niemand versteht. Der Öffnungsblindflug wirkt dagegen doch viel spannender. Apropos Öffnungen, hier ruhig einmal das Update vom 09.04. lesen.

Meine Mutter wird überraschend schnell aus dem Krankenhaus entlassen, hat also Corona wohl überstanden. Allerdings soll sie noch mehrere Tage in häusliche Quarantäne, also vielleicht doch noch nicht ganz? Das weiß kein Mensch, das sagt einem auch keiner genau und was Information und Organisation rund um diese Erkrankung betrifft, ist überhaupt alles ziemlich unterirdisch. Keine Stelle redet mit der anderen, niemand informiert freiwillig irgendwen oder Angehörige. Nanu. Das Gesundheitsamt ruft mich sieben Tage nach der Infektion an und möchte Informationen von mir, die nur das Krankenhaus haben kann. Nach Kontakten fragen sie mich allerdings nicht. Ich schlage das dann vor, auch danach zu fragen: „Ja, okay.“ So viel zum Thema Nachverfolgung.

Ich fahre Einkäufe für uns und für meine Mutter durch die Gegend und gehe dabei nacheinander in vier Läden in zwei Stadtteilen. Ich sehe dabei so dermaßen viele Menschen … ich bin das gar nicht mehr gewohnt, das fühlt sich unangenehm belastend an. Überhaupt kommt es mir in letzter Zeit vor, als würden die Läden immer voller werden. Wie kann das sein, was geht hier eigentlich vor? Kaufen immer mehr Menschen immer öfter ein, weil es nun einmal für viele die einzige Methode ist, überhaupt noch andere zu sehen, treibt es daher alle rudelweise in die Supermärkte, Einkauf als Event? Oder gibt es diese Veränderung gar nicht und ich werde in Wahrheit nur immer empfindlicher, dünnhäutiger und distanzierter und bin im Grunde längst überreif für den Job als Leuchtturmwärter? Ich weiß es nicht.

Egal. Jetzt freie Leuchttürme googeln.

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Unfassbar lecker

Ich finde es bereits jetzt unerträglich, dass alle Nachrichten vor dem Hintergrund des Wahlkampfes gedeutet werden, auch dann, wenn sie gar nicht so gedeutet werden müssen, aber es könnte ja sein. Es ist alles nicht echt, es ist Wahlkampf, er oder sie meinen es nicht so, sie sagen das wegen der Wahl, ach so. Und sonst eben nicht, und danach schon gar nicht. Sie hängen auch schon wieder Plakate auf, die sie sonst nicht aufhängen würden, da sind Köpfe drauf und ein Spruch, das ist Werbung. Ich habe da einmal sogar mitgemacht, weil ich kurz in einer Partei war, alles auch einmal von innen ansehen! Ich fand es aber auch nach langem Nachdenken und zugewandtem Gutfindenwollen immer noch abgrundtief dämlich, ich möchte das nicht, aber ich bin auch in keiner Partei mehr. Wenn ich König von Deutschland wär, was ich mir übrigens zu anstrengend vorstelle, um es wirklich erstrebenswert zu finden, ich würde Demokratie unter mir gut finden, aber ich würde die Verbindung von Parteipolitik und Werbung einfach verbieten. Sollen sie alle irgendwo ihre Programme auslegen, soll es so etwas wie Wahlomaten geben, das muss reichen, alles andere nervt und das Herunterbrechen von politischen Inhalten auf Marketingfloskeln ist einfach eine intellektuelle Zumutung und geht vermutlich schon seit der attischen Polis nicht mit rechten Dingen zu. Das mal abschaffen.

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Ich hatte gestern so einen seltsamen Moment, da wusste ich nichts mit mir anzufangen. Ich habe mir Tiktok installiert und die Vorschläge dort durchgesehen, aber es ging da so oft um patente Haushaltstipps und super Methoden, wie man irgendwas reinigen kann, auch Sachen, die ich noch nie im Leben gereinigt habe, also wirklich, was ist denn das für eine belastende App? Man sieht hoch und alles ist staubig und dreckig, das ist doch furchtbar. Und wenn das meine Söhne auch sehen, wieso putzen sie dann nicht dauernd irgendwas, wirkt das Influencen am Ende gar nicht oder was. Ich habe dann so lange Koch-Videos geliked, bis mir nur noch Filmchen gezeigt wurden, in denen jemand in wenigen Minuten „unfassbar leckere“ Gerichte gekocht hat, alle haben das immer so bewertet, Löffel in den Mund, Blick nach oben: „Unfassbar lecker!“ Ich koche heute einfach auch so rasend schnell und werfe alles mit viel Schwung zusammen und es wird „unfassbar lecker“, liebe Leute, das sagen die da nämlich auch immer: „Liebe Leute!“ Ich dachte, diese Anrede sei längst ausgestorben, aber nein, die lebt und wirkt wie damals, jovial, flippig und einladend, haha.

Egal. Jetzt putzen.

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Eine ganze Stunde

Im Krankenhaus kann man in der aktuellen Situation niemanden besuchen, auf keiner Station. Man gibt Sachen, die man mitgebracht hat, am Empfang ab und die landen dann auf einem großen Rollwagen, der unter all den Koffern und Taschen seltsam nach Urlaub und Hotel aussieht, von dem aus werden sie dann irgendwann verteilt. Wir fahren durch Regen, durch Hagel und Schnee wieder nach Hause, sogar über eine frischweiße und also tatsächlich glatte Straße, das habe ich mangels Winter in Hamburg lange nicht mehr erlebt. Wir sind so etwas nicht mehr gewohnt, ein Wetter, das einen irgendwie einschränken möchte. Es geht nur langsam voran, die halbe Stadt spielt Stop and Go und da stellen wir nebenbei auch fest, dass es auf allen großen Straßen normal voll ist, also richtig voll. Von wegen Lockdown, von wegen Einschränkung der Mobilität und der Kontakte. Aber bestimmt fahren die alle nur im Kreis und treffen gar keine anderen Menschen, das wird es sein. Oder sie bringen alle nur Zeug in die Krankenhäuser, so wie wir.

In der Home-School geht es um Schall, um Fastentücher von Misereor (die kannte ich nicht, ich lerne auch etwas dabei), um eine Personenbeschreibung und in Mathe um etwas, das enorm kompliziert aussieht, aber gottseidank von mir nicht verstanden werden muss, weil das, so sagt der zuständige Sohn, doch easy sei. Gut dem Dinge! Dann noch die Zahlen von 1 bis 100 auf Französisch. Die spinnen, die Franzosen. Aber wir natürlich auch, mit unserer selten dämlichen Nennung der Einerstelle zuerst, das ist schon auch sensationell blöd.

Am Vormittag habe ich unverhofft eine ganze Stunde ohne Störung und Ablenkung. Ich arbeite konzentriert, zügig und mit vorzeigbarem Ergebnis und erinnere mich dunkel, dass es das früher öfter gab und dass es manchmal ganz schön war, einfach arbeiten können, sogar bei Routinearbeit. Mein pflichtgemäßes Ding machen und durcharbeiten können, solange ich eben brauche! Auch das gab es einmal, und ich habe tatsächlich etwas Sehnsucht danach. So läuft es also mit der Verklärung. Im nächsten Schritt spreche ich dann mit bebender Stimme vom Großraumbüro, ist klar. Na, wir wollen nicht übertreiben.

Hier noch ein paar Links, warum auch nicht.

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Über den Wert geistiger Arbeit

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Ach, es fühlt sich überhaupt nichts richtig an.

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Eltern sind der letzte Rest

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