Der kleine Tierfreund

Da die Kaltmamsell in den Kommentaren zum letzten Artikel “Die Moselreise – Roman eines Kindes” von Ortheil empfohlen hat, habe ich mir das Buch aufs Handy geladen und umgehend angelesen. Ich hatte heute eine Stunde komplett freie Zeit dafür, da die Söhne im Jumphouse waren (keine bezahlte Werbung) und ich im Vorraum auf sie wartete, über die Aktion wird Sohn I eventuell noch schreiben. Ein sehr feines und rührendes Buch ist das jedenfalls, ich danke für die Empfehlung.

Was Sohn I sicher nicht über das Jumphouse schreiben wird, das nehme ich schon vorweg. Ich bin nämlich wegen meiner immer noch schrottreifen Ellenbogen nicht mit in diese Trampolinhalle gegangen, das schien mir nicht ratsam. Als die Herzdame das letzte Mal Kunststückchen auf einem Trampolin machen wollte, da hatte sie hinterher wochenlang Spaß mit einem Orthopäden, und die Herzdame ist deutlich jünger als ich und hat zwei völlig gesunde Arme. Ich habe also weise verzichtet, was mir, wie man sich vielleicht denken kann, nicht allzu schwer fiel. Herumhüpfen, nein, das ist einfach nicht meins. Andere Eltern sahen das anders, andere Eltern gingen da wild entschlossen und in betont sportlichen Klamotten mit rein – und ich habe mich mehr so nach innen etwas darüber amüsiert, dass die deutliche Mehrheit dieser anderen Eltern nach etwa zehn Minuten mit hochroten Köpfen ziemlich wörtlich in den Seilen hing oder in den Gastrobereich retirierte. Auf Trampolinen herumzuhüpfen ist nämlich doch nicht mehr ganz so einfach, wenn man ein gewisses Alter und ein gewisses Gewicht überschritten hat. Es sieht nur leicht aus.

Ich kann mich nicht erinnern, in meiner Kindheit einem frei bespielbaren Trampolin begegnet zu sein. Es gab zwei Dinge, die damals beim Springen halfen. Zum einen das Sprungbrett, das unser stets heillos besoffener Sportlehrer immer vor den großen Kasten schob, damit Kleine wie ich und auch Übergewichtige an dem Gerät eine Chance hatten. Zum anderen das Sprungbrett am Einer im Schwimmbad, von dem mich anlässlich des endlich zu erwerbenden Freischwimmers der Schwimmlehrer ohne Warnung warf. Es gibt so Vorkommnisse, die merkt man sich für die Ewigkeit und ja, das habe ich schon einmal erzählt. Da kann man mal sehen, was so etwas anrichtet.

In der Sporthalle der Schule gab es zwar ein kleines Trampolin, fällt mir gerade ein, das wurde aber nie aus dem Verschlag geräumt, das stand da eben so herum. Hochkant abgestellt.

Und übrigens immer wenn ich daran denke, wie viele unverkennbar alkoholkranke Lehrerinnen und Lehrer ich hatte, wie viele Erlebnisse mit krass übergriffigem Lehr- und Betreuungspersonal aller Art, fällt mir wieder auf, dass die Söhne es in dieser Hinsicht eindeutig besser haben, das kann und muss man doch ab und zu lobend erwähnen. Es wird nicht alles schlechter.

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Wir haben Ameisen in der Küche, es sind so dermaßen viele, da muss man etwas machen. Ich bitte also einen Sohn, das mal eben zu recherchieren, wozu hat man große Kinder. Der Sohn geht an den Computer, wie wir es alle machen würden. Allerdings sieht er gleich auf Youtube nach, ich dagegen hätte wohl erst einmal gegoogelt, das sind so die Unterschiede. Die Ergebnisse sind aber nicht großartig verschieden, merke ich später, man kommt bei solch einfachen Fragen auf dieselben Hinweise und guckt dann kurz darauf gemeinsam in den Schränken nach Backpulver, Essig, Spülmittel, Gurkenschalen und Zimt. Ich war auf Google deutlich schneller als er, er weiß dafür aber besser, was man genau wie mit dem Zeug machen muss, denn er hat ja Bilder gesehen – es gleicht sich irgendwie aus.

Ansonsten möchte ich Ameisen in der Küche als stundenlange Beschäftigung für Kinder ausdrücklich empfehlen, denn man muss ja herausfinden, wo die Tierchen herkommen, wo sie hingehen, was sie unterwegs so machen und welche Lebensmittel sie besonders toll oder abstoßend finden, ganz wie ein richtiger Tierforscher. Und genau wie die echten Tierforscher muss man dazu natürlich alles gründlich und lange beobachten, fotografieren und filmen. Darauf hätte ich auch früher schon viel kommen können, so ein billiges, lehrreiches und leicht verfügbares Entertainment.

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Die Deutsche Welle schaltet die Kommentare ab, ein längst überfälliger Schritt.

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Kulenkampffs Schuhe, beklemmend und gut. Leider nur noch verfügbar bis zum 15.08., aber wenn man es schaffen kann, ich möchte das ausdrücklich empfehlen. Siehe dazu auch Sven Scholz.

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Eine Reportage über einen Unfall. Auch beklemmend.

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An den Wänden geht es hier im Stadtteil gerade so zu, es eskaliert gewissermaßen vor sich hin:

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Was noch? Ein weiteres Filmchen, wir bleiben bei dem oben eingeleiteten Gefühlsmodus. Was man im Internet eben so findet.

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Nachdem mir auf der Wanderung mit Sohn II an der Ostseeküste so viel aufgefallen ist, was ich notiert und ausgewertet habe, so viel sogar, dass es mindestens noch für zwei, drei Blogeinträge reichen wird, bin ich heute zum Vergleich durch den ganzen Stadtteil hier gegangen. Ich bin ganz langsam gegangen und habe mich besonders viel umgesehen, ich habe auch hier und da bei den Gesprächen der Passanten mal hingehört. Ich bin ab und zu auch extra lange einfach so in der Gegend stehen geblieben – und mir ist überhaupt nichts aufgefallen. Nichts, gar nichts, worüber ich schreiben könnte, nur blanker Alltag der reizlosesten Art, das meinte ich neulich mit den Sehstörungen in der eigenen Hood. Hier ist nichts, gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.

Ich muss also wirklich wieder los, allerdings wird das an diesem Wochenende nicht klappen. Wir müssen und wollen nächste Woche zur Trauerfeier für die Urgroßmutter der Söhne, das verwirbelt terminlich erst einmal einiges. Wenn hier wieder mal nichts erscheint – Sie wissen Bescheid, ich fahre durch die Gegend. Und ab Montag geht es auch zurück ins Büro, es wird irgendwie nicht einfacher. Aber ich bleibe dran.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Wertvolle Wolldecken und romantischer Regen

Mein Handy hat sich in der Hosentasche selbständig gemacht, es war entsperrt und ich habe durch Bewegungen beim Gehen wild darauf herumgedrückt. Meistens rufe ich dann ohne es zu merken jemanden an, der dann mit meinem Gesäß telefoniert, manchmal höre ich auch eine wieder einmal nichts verstehende Siri aus der Hosentasche. Diesmal war es etwas raffinierter, diesmal habe ich die Bilder-App geöffnet, also nicht ich, sondern meine Gehbewegungen haben das ganz alleine getan. Sie haben die Bilder-App geöffnet und es dann auch noch geschafft, ein neues Album anzulegen, es hat sogar einen Titel und der Titel ist auch noch ein sinnvolles Wort, ist es denn zu fassen: “Molke”. Ein ziemlich interessanter Zufall.

Was mache ich denn jetzt damit? Ich gehe an Zufällen ja ungerne vorbei. Mal eine Molkerei, nein, eine Käserei besuchen, um das Album mit Bildern zu füllen? Mir einen Hund zulegen und ihn Molke nennen? Molke, komm, ich mache ein Bild von dir! Schwierig. Lapidar übrigens die Wikipedia, ich gucke ja alles gleich nach, so auch die Molke, da liest man dann: “Um 1890 bestanden in der Schweiz gegen dreißig Molkenkurorte, doch schon um 1900 wurde Molke als nutzlos betrachtet.” Sic transit gloria mundi, aber gelernt hat man doch wieder was. Hätte es die zehn goldenen Jahre der Molke in den USA gegeben, wir würden alle irgendwelche Filme darüber kennen, mit Robin Williams als Kurarzt kurz vorm Untergang.

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Nachts wache ich auf, weil ich vom Erstickungstod träume, womöglich ist die Wärme in dieser Wohnung ganz im Ernst nicht mehr gesund. Ich sitze eine Weile auf dem Balkon und gucke auf den dunklen Spielplatz, nach einer Weile fallen mir auf einigen Balkonen ringsum ein paar Menschen auf. Da sitzen also noch mehr zu unchristlicher Zeit herum wie ich und atmen gierig Nachtluft, die in den Wohnungen nicht ankommt. Dann geht es irgendwann und ich schlafe noch zwei Stunden. Ausgeschlafen fühle ich mich dann im Herbst wieder, nehme ich an.

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Ich lese “Arme Leute – Reportagen” von William T- Vollmann, übersetzt von Robin Detje. Ich bin noch recht weit vorne, aber das Buch ist ziemlich zweifelsfrei interessant.

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Für Sohn I habe ich zusammengekauft, was er für den Start am Gymnasium braucht, es gab da eine ellenlange Liste von der Schule. Ich glaube, er hat jetzt mehr Schnellhefter, als ich überhaupt je besessen habe, was lernen die denn da bloß, Ablagesysteme? Dabei gelernt, es gibt jetzt vorgefertigte Plastikfolien, um Schulbücher darin säuberlich und passend einzuschlagen, die gibt es sogar für alle nur denkbaren Buchgrößen im Abstand von je 5 Millimetern Rückenlänge. Wir dagegen mussten damals alles noch komplett selbst basteln. Und was gab das immer für einen Ärger, wenn ich das Mathebuch dann wieder in die Todesanzeigen der Lübecker Nachrichten eingeschlagen habe. Schlimm. Ich kann mich allerdings, wie mir gerade einfällt, an kein einziges Mathebuch erinnern, und zwar nicht einmal ansatzweise, wohl aber an die aus allen anderen Fächern. Verdrängung ist immer wieder auch eine Gnade, das darf man nicht vergessen.

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Eben kam das Unwetter, das mit -zig auf dem Handy blinkenden Warnungen seit Stunden angekündigt worden war. Es war sogar ein wenig beeindruckend windig, das ging schon in Richtung Orkanböen, doch, doch. Es kam auch reichlich Regen runter, so Unwetterregen wie im Film, wo man immer denkt, da steht doch einer mit Schlauch und Eimer nebe dem Kameramann. Es blitzte auch schön quer über den plötzlich düsteren Himmel, es donnerte wie im Hörspiel und es flog reichlich Laub vorbei, wirklich, ich will nicht meckern, das war nicht schlecht. Nur leider verdammt kurz.

Vom Fenster aus sah ich unten ein Pärchen stehen als es gerade ganz dunkel wurde, die hasteten nicht wie die anderen in Sicherheit, die suchten nicht Deckung, Schutz und Trockenheit, die blieben mitten im Wolkenbruch stehen und drückten sich und knutschten und umarmten sich, die strichen sich gegenseitig die klatschnassen Haare aus den Gesichtern, pusteten Tropfen von Nasen weg und lachten und lachten und froren, denn es hagelte auch ein wenig, die haben alles, alles richtig gemacht. Und hätten sie kurz hochgeguckt, sie hätten meinen begeistert hochgereckten Daumen gesehen. 1A-Romantik, gerne wieder. Zu Not auch mit spanischen Untertiteln.

 

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Die Söhne haben jetzt keine Urgroßeltern mehr, wir werden nächste Woche zur Beerdigung ihrer Urgroßmutter fahren. Aber es freut mich, dass die beiden diese Generation noch erlebt haben, und sogar so, dass sie sich deutlich erinnern werden. An Menschen aus einer ganz anderen Zeit und mit einem ganz anderen Lebensstil, an Menschen, die nie große Ansprüche gestellt haben, nicht an ihre Karriere, an ihre Freizeit oder an ihr Land, nicht an die Gesellschaft, nicht einmal an die Familie. Die keine besonderen Kicks gesucht haben, keine Rekorde, keine Specials oder irgendwelche best of was auch immer, sondern einfach nur Alltag, und die diesen Alltag dann gut und passend gefunden haben, so dass da nicht mehr viel geändert werden musste. Jahrzehntelang. Sich bescheiden und zufrieden sein, eine aussterbende Grundqualifikation.

Und wenn hier jetzt jemand in diesem Haushalt Mittagsschlaf macht, er kann die Wolldecke der Uroma mit aufs Sofa nehmen, das sind doch Erbstücke, die wirklich etwas wert sind.

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Was noch? Bernstein und Gould.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Ich komme aus Lübeck, aber heute nicht

Der Anfang der Wandertour scheitert fast am Fahrkartenautomaten der Bahn, der möchte nämlich unbedingt, dass Lübeck mein Startbahnhof ist, nicht mein Zielbahnhof. Da kann ich drücken, was ich will, das interessiert den Automaten einfach nicht, Lübeck, meint er, ich komme aus Lübeck. Ich komme zwar tatsächlich aus Lübeck, also gebürtig, ich brauche dahingehend aber keine Belehrung durch einen DB-Automaten, ich möchte heute bitte mal aus Hamburg kommen. Da wird man ja noch herkommen dürfen! Nein, sagt der Automat, ich komme doch aus Lübeck. Ich gehe ins Reisezentrum um mit echten Menschen zu reden, da sind aber unendlich viele andere Reisende vor mir dran, natürlich, es ist Ferienzeit, alle sind unterwegs. Ich gehe zurück zu den Automaten, da stehen mittlerweile lange Schlangen vor jedem Gerät. Einige schütteln die Köpfe, vielleicht haben die auch alle ein Lübeckproblem, ich kenne das. Es dauert zehn Minuten, bis endlich ein anderer Automat frei wird, der mich auch noch aus Hamburg kommen lässt, viel länger hätte es nicht dauern dürfen, dann wäre unser Zug weg gewesen.

Im Zug ist der Sohn verständlicherweise etwas aufgeregt, immerhin ist es seine erste große Wanderung, mit Übernachtung und so, also mit allem. Wir sind zwar schon einmal in Hamburg gewandert, bis Blankenese etwa, aber das war nicht ganz richtig, da war man ja nicht wirklich aus der Stadt weg und hat nicht übernachtet, das kann ja jeder, das war quasi nur ein Spaziergang in lang. Aber jetzt! Es hält ihn keine zehn Minuten auf seinem Sitz, er geht den Zug erkunden und läuft bis zum Ende und dann bis zum Anfang, dann noch einmal und noch einmal, den ersten Kilometer geht er auf diese Art schon während der Hinfahrt.

In Travemünde steigen wir aus, der Bahnhof ist heruntergekommener als zu meiner Zeit. Ein Gleis wurde aufgegeben und liegt brach, da wachsen Sträucher und Bäume durch die Anlagen. Nach der Wende ging es damals mit Travemünde erst einmal bergab, das sieht man heute noch, auch wenn die Immobilienpreise längst wieder steigen und überall “Exklusiv” dransteht, wo gebaut wird, und gebaut wird nicht wenig.

Der Bahnhofsvorplatz ist für mich verwirrend, das ist der Platz, wo früher mein Schulbus abfuhr, da war ich jeden Tag. Als ich aus dem Zug stieg, hätte ich noch sagen können, wie es dort früher aussah, jetzt stehe ich da vor dem umgestalteten Platz und alles ist sofort überlagert und weg, was war denn noch einmal da, wo jetzt der Bäcker ist? Und war da nicht ein Gebäude, hieß das Lokal da nicht anders und war an dieser Ecke früher auch schon eine Ampel? Nach ein paar Minuten ist mir das egal, vergangen ist vergangen, der Sohn sieht eh nur den neuen Ort, dem schließe ich mich jetzt einfach an. Bis er an einem Kiosk eine Limo kaufen möchte, da sehe ich den Namenszug auf der Markise, das ist immer noch der alte, ist es denn zu glauben. Alles vergeht, der Kiosk bleibt, ich könnte da immer noch einen Comic kaufen, genau wie als Zwölfjähriger. Die Dame vor mir kauft Saft und fragt nach großen Flaschen, ist dann aber überrascht vom Preis des Einkaufs und lässt sich die Addition vorrechnen. “Das ist ja alles sehr, sehr teuer”, sagt sie kopfschüttelnd, und die Verkäuferin im Kiosk sagt, dass es ihr leid tut: “Aber so ist das nun einmal.”

Wir gehen zur Promenade am Strand und machen eine kleine Pause für reichlich Sonnenschutz, es ist früh am Morgen und schon heiß. Es ist viel heißer als ich dachte, der Wetterbericht hatte eigentlich einen frischeren Tag vorhergesagt und hat erst am Vorabend auf Hitze gedreht. Hitze, nicht Wärme. Egal, habe ich gedacht, an der See geht ja immer etwas Wind, das wird schon passen. Wir stehen am Geländer der Promenade und sehen auf die Ostsee, da geht allerdings kein Wind, kein Lüftchen, kein Hauch, da geht gar nichts. Das Meer liegt so ruhig wie ein Meer nur ruhig liegen kann, also etwa so ruhig, wie ich ruhig liege, wenn ich mal ganz bewusst ruhig liegen will. Irgendeine Kleinigkeit bewegt sich da immer noch, es kribbelt hier, es zuckt da, ab und zu ein winziger Wellengang. Aber im Großen und Ganzen bewegt sich tatsächlich nichts. Ich finde es immer ein wenig anstrengend so zu liegen, und die Ostsee wirkt auch nicht gerade so, als würde es ihr Spaß machen, die liegt da wie niedergedrückt und von der Hitze gebügelt. Die Möwen vom Dienst segeln lustlos und tief, das ist ohne Brise wohl auch auch nicht so ein Vergnügen wie sonst.

Der Strand ist schon voll, obwohl es immer noch früh ist, wir sehen uns die Strandkörbe von der Promenade aus an. Es gibt nicht mehr so viele Burgen wie früher, das ist wohl zwischenzeitlich etwas aus der Mode gekommen, sich mit Schaufeln einzugraben und abzugrenzen. Dafür gibt es jetzt ungeheuer großes Plastikspielzeug zum Aufblasen, überdimensionierte Rettungsringe mit hoch aufragenden Einhornköpfen vorne dran, mit Flamingoköpfen, mit Schwänen und weiß Gott welchen Tieren und Fabelwesen, alles natürlich in schreibunt. Und es sind nicht nur Kinder, die damit ins Wasser gehen. Ich denke an die Luftmatratze, die ich als Kind lange benutzt habe, die war oben dunkelblau und unten dunkelrot, die würde man heute gar nicht mehr wahrnehmen, so unauffällig war die.

Keine der Frauen am Strand läuft oben ohne herum, das fällt mir auch auf. In den Siebzigern war das normal, das macht heute niemand mehr, ich weiß gar nicht, wie das kam. Wieso werden Gesellschaften eigentlich wieder prüder? Ist das eine Wellenbewegung, sind das soziale Zyklen? Neben den Strandkorbverleihkabäuschen gibt es aufgestellte Wände, das sind Umkleidekabinen. Die hat früher keiner vermisst, heute werden sie rege besucht. Später am Tag werden wir in anderen Orten noch mehr von diesen Kabinen sehen, manche sind sogar historisierend gestaltet, das Wort “Umkleide” daran in Fraktur geschrieben. Aber die verweisen nicht auf das Neunzehnte Jahrhundert, diese Kabinen, die verweisen nur auf eine Zeit vor den Siebzigern.

Da, wo man von der Promenade zum Strand runtergeht, hängen Automaten, an denen man eine Beach User Fee bezahlen soll. In den anderen Orten später am Tag wird das Strandkarte heißen, Gästekarte, Ostseekarte, Kurkarte, wie auch immer, überall anders. Das lässt der Sohn sich erklären und ist hell empört, Eintritt für den Strand, das geht doch nicht? Der ist doch Natur? Alle verrückt oder was? Ich erzähle ihm, dass in einer Nordseegemeinde jemand gerade erfolgreich gegen diese überall erhobene Gebühr geklagt hat, das findet er super. Es lässt ihm gar keine Ruhe, so unglaublich findet er das, muss man da bezahlen, um ans Meer zu dürfen, also echt jetzt mal, das geht nicht. Er findet, ich müsse dagegen demonstrieren oder wenigstens was im Blog dazu schreiben, ich sage, dass das klar geht. Bald schon.

Wir stehen noch eine Weile oben auf der Promenade und sehen uns das Treiben an, wir stimmen uns erst einmal ein, eilig haben wir es sowieso nicht. Uns fällt auf, dass sich viele zu streiten scheinen, Urlaub ist auch nicht immer ganz einfach. Da werden Kinder angekeift, da wird auch unter Erwachsenen gezickt und gebrüllt und ermahnt und streng angewiesen, du kannst doch das Handtuch da nicht einfach so in den Sand legen! Also wirklich! Entspannung am Strand ist am Ende auch eine höhere Kunst. Ein fast erwachsener Sohn spielt Beachtennis mit seiner Mutter, nach drei Schlagwechseln  wird er aber schon ungeduldig, die Mutter trifft einfach nichts. “Du musst dich kontrollierter bewegen, Mutter”, ruft er ihr zu, das klingt wie ein Liedtitel von Tocotronic und die Mutter sieht für eine Sekunde so aus, als würde sie den Schläger dem Sohn kontrolliert über den Schädel ziehen wollen, aber dann nimmt sie nur den Ball, wirft ihn hoch und macht eine Angabe, die vielleicht ein klein wenig zu stark ausfällt, so dass der Sohn fluchend über den Strand stapft, dem verdammten Ball hinterher, der da ganz hinten irgendwo gelandet sein muss.

Die meisten anderen machen keinen Sport, die meisten anderen machen gar nichts. Sie sitzen in glutheißen Strandkörben und gucken in einem Martin-Parr-mäßigen Licht auf die anderen, die auch alle so sitzen, wenige im Schatten, die meisten in der Sonne, fettglänzend vor Sonnencreme. Man brät allgemein vor sich hin, wozu geht man bitte sonst an den Strand.

Das Licht ist heute tatsächlich etwas speziell, die bunten Segel der wenigen Schiffe da ganz hinten leuchten greller als sie eigentlich sein können, das sieht nicht realistisch aus, das ist völlig überzeichnet. Auch der DLRG-Turm mit seiner Signalfarbe, die Menschen darin in ihren signalfarbenen T-Shirts, alles leuchtet wie irre und knallt ins Auge, das kann doch so nicht gehören. Wir gehen an der großen Liegewiese vorbei, die leuchtet nicht, die liegt stumpfgelb und staubig da, verdorrt wie alle Rasenflächen in diesem Sommer. Wir gehen weiter am Strand entlang zum Steilufer, der Rucksack sitzt gut, die Laune ist bestens, nur die Hitze ist etwas besorgniserregend.

Am Golfplatz vorbei weiter zum Steilufer, wir gehen ins erste Wäldchen, da ist Schatten, da machen wir schon die erste Pause und gucken von oben über die Ostsee. Von hier sieht man keine Menschen mehr, man sieht nur noch die Fährschiffe weit draußen und der Sohn sagt, dass er genau da jetzt ab sofort öfter sein möchte, an dieser Steilküste und in diesem Wäldchen, denn da sei es ja wohl wirklich, wirklich schön. Womit er natürlich Recht hat. Ich sage ihm, dass ich da früher andauernd war, das kann er sich nicht vorstellen.

Die Hermannshöhe ist heute ein Erlebnisrestaurant, was immer das genau ist, die lassen wir links liegen und gehen weiter in Richtung Niendorf. Wir suchen uns den nächsten Schatten unter Bäumen und setzen uns schon wieder hin, in der Sonne ist es jetzt endgültig zu heiß, viel zu heiß. Wir beschließen, jeden auffindbaren Schatten mitzunehmen, und wenn wir dafür alles im Zickzack gehen müssen, das ist egal. Den ganzen Weg in der Sonne würden wir ziemlich sicher nicht schaffen, “die Sonne will uns erschlagen”, sagt der Sohn. Auf einem Acker am Weg stehen Pflanzen, ich erkenne nicht einmal, welche Kultur das ist, jedenfalls ist alles noch vor der Ernte zu Stroh geworden. Es ist auch ziemlich egal, was es ist, verwerten wird man das trockene Kraut nicht können. “Der Bauer hat aber nicht gegossen”, sagt der Sohn und ich erkläre ihm, dass es fast überall so aussieht. Wir gucken uns die Landschaft an, die Büsche am Wegesrand, die Bäume, die Wiesen, es ist alles struppig und wirkt wie zerzaust und räudig, wo man nur hinsieht, auch die Gärten sehen alle so aus, der letzte Regen ist wer weiß wie lange her. Leuchtend grün ist nur der Seetang unten im flachen Wasser der Ostsee, der sieht herrlich frisch aus. Ein sommerliches Grün, vor gar nicht langer Zeit gab es diesen Farbton auch noch an Land.

Die Steilküste senkt sich jetzt langsam etwas ab, wir gehen allmählich auf Niendorf zu.

Fortsetzung hier.

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Leichtes Gepäck

Bei der GLS Bank habe ich etwas zum Thema Ernährung geschrieben.

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Eine kleine Sache aus dem Heimatdorf der Herzdame, die Dame kennen wir sogar. Und nein, in Wahrheit ist es natürlich keine kleine Sache.

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Wir steigen in Berlin aus dem Zug und fahren mit der Rolltreppe hoch zur S-Bahn. Da oben fährt einer, der nur mit einer abgeschnittenen Jeans bekleidet ist, auf einem Fahrrad auf dem Bahnsteig herum und pöbelt Leute an, wieso die da im Weg stehen, wo er doch gerade lang will, ey, hau mal ab da, wa. Man kommt bei Stadtbesuchen nicht darum herum zu vergleichen, und hier drängt sich der Abgleich mit Hamburg sofort nach der Ankunft auf, dieser Abgleich ist ohnehin interessant, dazu müsste man mal mehr bloggen, nicht wahr, Kollege? Wenn man nämlich in Hamburg so tollkühn ist und mit dem Rad in den Hauptbahnhof fährt, man wird vermutlich nach zehn Metern von zehn Sicherheitskräften niedergerungen und steht am nächsten Tag in der Zeitung unter der Überschrift: „Provokation im Bahnhof“, dazu ein Bild, wie man gerade schreiend auf dem Boden liegt, während einem zwei Muskelpakete in Uniform auf dem Rücken knien und sich hektisch umsehen, ob heute noch mehr Irre unterwegs sind. In Berlin fährste mit dem Rad durch den Bahnhof und klingelst einfach die lästigen Leute aus den Weg. Die Leute vom Sicherheitsdienst wedeln gelangweilt Fliegen weg und gucken auf die Uhr, es ist bald Mittagspause.

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In der Berliner S-Bahn sitzt mir ein tätowierter Mann gegenüber, auf dessen linkem Schienbein, also vom Betrachter aus, steht „Einfach“, auf seinem rechten steht „Machen“. Wenn der nun bei einem Unfall den Unterschenkel des rechten Beines, also vom Betrachter aus, verlieren würde, dieses „Einfach“ würde sich in seiner Bedeutung der neuen Lage sehr schön anpassen. Na, was man in unfassbar heißen S-Bahnen so denkt.

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Wir verbringen entspannte Stunden im Prinzessinnengarten, am Boxhagener Platz und am Badeschiff in der Spree, wir sagen uns alle paar Minuten, dass dies die Orte sind, die es in Hamburg eher nicht gibt, diese Orte, an denen man in Frieden einfach sein kann, ohne irgendwie sonst sein zu müssen, also mode-, schicht- oder ausrichtungsgmäßig. In Hamburg ist immer alles speziell, zumindest kommt es uns so vor. Und in Hamburg, versteht sich, guckt jeder, wie du bist und was du bist, das ist in Berlin wohl eher unüblich. Zumindest fällt es uns nicht auf, obwohl wir intensiv gucken, wie die anderen sind und was sie sind, man ist ja doch Tourist.

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Ich habe Nina Verheyens „Die Erfindung der Leistung“ durchgelesen, die beiden letzten Kapitel ausgerechnet in einem Freizeitpark. Ironisches Lesen, das ist auch so eine völlig unterschätzte Disziplin. Ich merke mir eine der Kernbotschaften, die da lautet, dass es kategorisch keine individuellen Leistungen gibt – Leistung ist „genuin sozial“. Zur Begründung bitte Buch lesen, das wird da fein hergeleitet. Und das ist doch ein interessanter Aspekt, ich warte jetzt auf eine gute Gelegenheit, diesen Satz jemandem um die Ohren hauen zu können. Wird das lange dauern? Ich glaube nicht.

Da ich für die nächsten Tage leichtes Gepäck brauche, lese ich „Wozu macht man das alles“ von Fredrik Sjöberg auf dem Handy, es geht gerade um den Namen Bing, und das hat mit Herrn Crosby nicht einmal etwas zu tun, wohl aber jüdischem Leben in Deutschland.

Ebenfalls angefangen habe ich Thomas Bauer: „Die Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Viefalt“. Über verlorene und vermeintlich gewonnene Vielfalt, über ausgestorbenen Apfelsorten und industriell hergestellte Apfelshampoosorten, auch über Ambivalenz und Ambiguität. Darin eine schöne Stelle über die erstaunlich der Ambiguität zugewandte katholische Kirche, in der es ein traditionelles Statement für Fragestellungen gibt, die nicht beantwortet werden können, ohne Prinzipien zu verletzen oder politisch unklug zu sein, für Fragen also, die besser gar nicht erst gestellt worden wären: Nihil esse respondendum. Also die edle und weihrauchumwaberte Version von „Dazu sagen wir nix.“ Das kann man hervorragend für den eigenen Alltag übernehmen, einfach mal die Meinungsbildung ablehnen und jegliches Statement verweigern, bei mir gibt es heute kein Ja und kein Nein, gehen Sie weiter, es fällt kein Urteil: Nihil esse respondendum. Auch schön als Joker auf Twitter.

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Hat jemand den Wälzer von Hartmut Rosa zur Resonanz gelesen? Lohnt das? Die Besprechungen lassen mich etwas ratlos zurück, andererseits fand ich ihn in Interviews ganz interessant.

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In Berlin waren wir außerdem im Freilichtkino, immerhin drei Familienmitglieder auch zum ersten Mal überhaupt. Es gab Ocean’s 8, das ist ein vollkommen entbehrlicher Film von nervtötender Vorhersehbarkeit und ohne jeden originellen Aspekt, wäre es nicht Freilichtkino gewesen, ich würde noch absatzlang verbittert über verschwendete Lebenszeit klagen. Aber so – ganz nett, das. Die Vorführung fand im Freilichtkino im Volkspark Friedrichshain statt und wenn Sie Berlinerin sind, Berliner sind mitgemeint, dann kann ich Ihnen jetzt etwas über diese Vorführungen dort erzählen, das Sie wahrscheinlich nicht wissen. So ist das ja oft mit Reisenden, das die dann plötzlich Sachen parat haben, da staunt der Anwohner.

Wenn Sie nämlich dort einen Film sehen und hinterher gehen, dann machen Sie das vermutlich genau wie alle, Sie stauen also in der langen Schlange vor dem Ausgang herum, Sie nehmen sich noch eine taz, die da wohl standardmäßig verschenkt wird, Sie gehen langsam vorwärts und wenn Sie endlich draußen sind, dann bleiben Sie erst einmal stehen und warten auf den Rest Ihrer Gruppe, Ihrer Familie, Ihrer Beziehung, was auch immer. Dabei befinden Sie sich fast unweigerlich vor einem Baum, der steht da nämlich gleich vor dem Kassendings. Wenn Sie jetzt gerade die Schwäche überkommt, wollen Sie sich dort vielleicht anlehnen, denn der Baum macht einen stabilen Eindruck, der steht da schon länger. Aber es ist so – Sie sollten sich da nicht anlehnen. Wirklich nicht. Das Folgende könnte Sohn II noch besser als ich ausführen, aus leidvoller Erfahrung, wie man so sagt, aber er kann gerade nicht, er muss irgendwas auf dem Handy spielen, also übernehme ich eben. Wenn Sie sich da anlehnen, dann finden das die Wespen, die diesen Baum besiedeln, nicht so toll, und Sie haben Mittel und Wege, Ihnen das schmerzhaft klarzumachen.
Wie sich später herausstellte, als der Sohn nicht mehr ganz so laut schrie, kommt das da öfter vor, der Baum ist bei den Veranstaltern schon bekannt und „da müsste man mal was machen“, aber das ist diese Berliner Form von „da müsste man mal was machen“, das dauert noch etwas. Wissen Sie jetzt also Bescheid.

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Der Plan – ja, mach nur einen Plan! – sieht im Moment so aus, dass ich am Freitagmorgen mit Sohn II und Rucksack Richtung Ostsee aufbreche, Sohn I und die Herzdame aber in anderer Richtung das „A Summer’s Tale“-Festival besuchen, da sind wir dann wieder bei der neulich verhandelten familiären Teambildung, die ich nach wie vor empfehlen möchte. Ich hatte eigentlich vor, bei der Wanderung dekadent in Hotels zu übernachten, ich nehme jetzt aber aus reiner Reaktanz ein Zelt mit, genauer aus wild lodernder Abneigung gegen die Usability von Hotelbuchungsseiten und überhaupt Tourismus-Info-Seiten im Internet, über die ich mich aus dem Stand heraus geradezu endlos aufregen könnte. Ich möchte mit diesem Quatsch keine Zeit mehr verbringen, ich hasse Urlaubsrecherchen online von ganzem Herzen, dann gucke ich lieber vor Ort wie so ein Rentner auf den Plan vor dem Rathaus: „Sie sind hier“.

Und wenn ich schon dabei bin, ich lasse diesmal nicht nur die Onlinebuchung und die Onlinerecherche weg, ich lasse gleich fast alles weg. Ich nehme nichts, wirklich überhaupt nichts mit, was wir nicht unbedingt für eine Übernachtung brauchen, nur ein winziges Zelt, zwei Isomatten und zwei Schlafsäcke, zwei Zahnbürsten, zweimal neue Unterwäsche, fertig. Ich nehme keine Bücher oder Comics mit, kein Spielzeug, keinen Proviant, kein Gummiboot und keinen Kescher, keine drei paar Schuhe und keine Kuscheltiere, nichts, nichts, nichts. Na gut, eine Powerbank. Na gut, Wasser und Sonnencreme. Bloß nicht weiter nachdenken! Der Sohn sagt allerdings gerade, wir müssen auch einen Hammer einpacken, denn man weiß ja nie, wann man einen Hammer braucht. Also gut, einen Hammer, er hat ja Recht. Aber mehr dann wirklich nicht.

Nach all den Jahren ist wenig Ballast auch mal wieder schön, denn das ist etwas, was mich von Anfang an bei diesem ganzen Familiending genervt hat, diese Gepäckmenge, diese Berge von Zeugs und Zubehör, und das man nie einfach aufbrechen kann. Ich möchte gar nicht so oft gehen, aber wenn ich gehen möchte, dann möchte ich gleich gehen – und nicht erst Äpfelchen schneiden. Ich finde es fürchterlich, Äpfelchen zu schneiden, ich habe es von Anfang fürchterlich gefunden. Äpfelchen schneiden und eintuppern, die dann den ganzen Tag vom standhaften Nachwuchs verweigert werden und die man schließlich, pflichtbewusster Öko, der man nun einmal ist, abends selbst vor dem Notebook mümmelt. Siehe auch Karotten, Kohlrabi, Gurken, ich kenne jedes Gemüse in allen Zuständen der Labberigkeit und Austrocknung, ich habe Erfahrungen gemacht, die machen auf Ferienbauernhöfen sonst die Karnickel und die Schweine.

Nein, Schluss damit, die Kinder sind groß, also ziemlich groß jedenfalls (*fuchtelt mit der Hand in Lichtschalterhöhe herum*), wir gehen einfach los. Wir nehmen nicht einmal einen Plan mit, nicht einmal im Kopf. Es ist mir völlig schnurz, wie weit wir kommen und wie wir zurückkommen, ich habe nur eine Richtung im Sinn, der Rest ergibt sich. Alles also herrlich unklar, abgesehen von der Tatsache, dass wir eh nur zwei Tage Zeit haben und das damit sicher kein Groß-Event wird. Aber gut, man muss eben irgendwo anfangen und wir können es vielleicht bald fortsetzen, wenn es sich denn bewährt, das geht ja auch noch im Herbst. Die Schlafsäcke, so steht es auf einem Zettelchen daran, bewähren sich bis minus fünf Grad. Minusgrade! Die Älteren erinnern sich.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, Sie müssen aber nicht. Es ist ein freies Land (Stand August 2018).

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Trinkgeld Juli 2018, Ergebnisbericht

Ich führe übrigens genau Buch, welches Geld für was verwendet werden soll und wird. Wenn beim Eingang der Summe daran steht “Für die Wanderung”, dann wird es auch genau dafür benutzt und nicht für etwas anderes, soviel Krämerseele, Hanseatentum und Controlling muss schon sein. Es gab schon Verwendungszwecke “Für Holz” und “Für Eis”, “Einfach so” und dergleichen mehr, ich notiere mir das alles auf den Euro genau und buche bei mir selbst sozusagen detailliert ab. Ein Riesenspaß! Das heißt mit anderen Worten auch, sie können sich Verwendungsmöglichkeiten ausdenken, ich arbeite das dann ab. Also in einem sittlichen Rahmen und je nach zeitlicher Möglichkeit, versteht sich. Aber das Hutgeld ersetzt hier jetzt immerhin ein bis zwei Werbekunden oder andere Auftraggeber, die Leserinnen und Leser sind also in diese Rolle gewechselt, nach wie vor eine mich überraschende, wirklch feine Entwicklung.

Zur Vorbereitung der ersten Wanderetappe haben wir einen kleinen Wanderrucksack, zwei Isomatten, zwei Schlafsäcke und zwei Trinkflaschen gekauft, wir nächtigen jetzt nämlich doch in einem Zelt, dazu später mehr, das wird noch inhaltlich plausibel begründet. Das haben wir alles in Berlin gekauft, denn auf diese Art konnten wir bei Außentemperaturen jenseits aller Schicklichkeit stundenlang in einem gut gekühlten Kaufhaus sein. Da wir Kinder dabei hatten, konnten wir dort auch nicht mal eben nur schnell was kaufen, nein, die Kinder mussten erst das ganze Sortiment kritisch würdigen, so oft sind wir nämlich gar nicht in Kaufhäusern. Es hat also ein wenig gedauert – und das war gut so.

Auf Eiderstedt gab es vom Hutgeld Freibadpommes, mehrere Fischbrötchen verschiedener Ausprägung, viel, wirklich viel Eis und diesen aufblasbaren X-Fighter, ich berichtete.

Für den Garten kauften wir in diesem Monat drei Phlöxe, eine vorgezogene Cosmea, eine mir unbekannte Blume, auf deren Topf auch nichts stand, die hat mir die Herzdame überraschend mitgebracht. Auf Nachfrage, was das denn nun sei, sagte sie: “Na, eine Pflanze.” Haben wir das also auch geklärt. Ferner drei Hortensien, zwei Rutenhirsen, mehrere Großgräser, eine Blauraute. Blaurauten kannte ich gar nicht, aber ich glaube, Blaurauten gefallen mir sehr gut, die riechen auch interessant, irgendwie nach Lakritze und Salbei. Zwei Katzenminzen, eine Verbene, einen Ziersalbei, einen Prachtspier. Mehrere Zinkwannen, eine Zinkgießkanne und ebensolche Eimer, weil Plastik nun einmal doof aussieht. Pflanzschnur. Ein Sonnensegel, von dem ich gar nicht weiß, wo es hinsoll, das ist dann wohl Herzdamensache.

Holunder und ähnliche größere Gewächse, nein, überhaupt alle weiteren Gewächse werden erst später im Herbst erworben, wenn es vielleicht doch einmal wieder regnet und nicht mehr alles direkt nach dem Pflanzen verdorrt und zu Staub zerfällt.

Wie immer: Ganz, ganz herzlichen Dank an alle, die Geld in den Hut geworfen haben, welche Summe auch immer, wir freuen uns. Also tatsächlich muss man sich das so vorstellen, dass hier nach wie vor jede einzelne Summe im Familienkreis abgefeiert und gewürdigt wird, wirklich jeder Euro.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, das geht dann z.B. in die Zugfahrkarte für die Anfahrt zur ersten Wanderetappe und wird vermutlich überhaupt etwas event-lastiger verwendet, mir ist gerade nach Aktion und Erlebnis. Nanu!

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Ich sehe eine Luise

Ich bin in Nordostwestfalen und habe an Schwiegermutter Schreibtisch etwas Netz, also kann ich schnell ein paar Links fischen und einbauen, nicht ohne auf besondere Umstände am Abend der Ankunft hinzuweisen:

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Antons Familie.

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Für die GLS Bank habe ich etwas zum Thema Radverkehr zusammengestellt.

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Superkräfte. Immer gut.

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Plastikfischen vor Mallorca.

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Schon lange hat niemand mehr bei „Der Rest von Hamburg“ etwas angelegt, jetzt hat Paula Columna dort für Helgoland gesorgt.

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Wir besuchen die Uroma der Söhne im Altenheim, die Uroma wird neunzig Jahre alt. Die Hitze ist schon wieder zurück und flirrt über dem Land. Die Uroma liegt mit Fieber in einem brutheißen Zimmer, in dem niemand auch nur zehn Minuten verbringen will, aber nach dem Willen kann es hier nicht mehr gehen. Die Uroma hält eine Weile die Hand der Herzdame und wir nehmen an, dass sie uns erkannt hat – erfahren werden wir es vielleicht nicht mehr.

Auf dem Flur sehen wir Dekogegenstände aus vorigen Jahrzehnten, uralte Radios und mechanische Schreibmaschinen, Kinderwagen mit Korbgeflecht aus den Fünfzigern oder auch noch älter. Dinge, die die Menschen dort an ihre jungen Jahre erinnern, als es vielleicht noch nach ihrem Willen ging. An einigen Türen hängen Jugendbilder der Bewohnerinnen, Menschen in schwarzweiß, die vor Feldern oder Häusern stehen und unsicher in Kameras gucken, weit, weit vor der Selfie-Zeit. Da waren Bilder noch eine ernsthafte Angelegenheit, da machte man keine Faxen dabei.

Eine hundertjährig aussehende Dame läuft über den Flur, sie hat sich ein Geschirrhandtuch als Kopftuch umgebunden, wie man es früher trug, wie man es von Abbildungen kennt, als alle Frauen hier noch Kopftuch getragen haben. Das ist nicht sehr lange her, die Kinder heute kennen das von den Hexen im Bilderbuch und vielleicht aus dem ganz alten Fotoalbum. Die Dame trägt das so, weil sie sich damit vermutlich besser fühlt, richtiger angezogen, vollständiger. Oder weil man das als Frau in Deutschland ihrer Erinnerung nach nun einmal so macht.

Ein alter Mann geht vorbei und sieht uns an oder auch nicht, das kann man nicht recht unterscheiden. Auf dem T-Shirt der Altenpflegerin, die ihm langsam nachgeht, steht: „The beer that makes the days fly by.“ Das ist die Werbung für Duff Beer – und das war auch schon wieder damals, dass man darüber beim Fernsehen gelacht hat.

Vor dem Altenheim gibt es einen Ort der Erinnerung, da liegen Feldsteine mit darauf geschriebenen Namen der Verstorbenen. Manche Namen sind in Schönschrift geschrieben, manche auch eher nicht, je nachdem, wer gerade Zeit oder Dienst oder Lust hatte, nehme ich an. Manche Namen sind schon verblasst, manche scheinen lange, lange zu halten, je nachdem, welches Schreibgerät gerade da war, nehme ich an. Alle sind in schwarzer Schrift geschrieben, Vorname und Nachname. Ein einziger Stein ist weiß beschriftet, darauf steht nur ein Vorname. Was mag da denn bloß die Geschichte sein? Die Männer auf den Steinen hießen fast alle Wilhelm, erst nach einer Weile fallen ein paar andere Namen auf, Walter und Albrecht und Werner, aber das waren die Ausnahmen, hier gedenkt man einer wilhelminischen Generation, was geschichtlich natürlich nicht hinkommt. Die Namen der Frauen fallen viel abwechslungsreicher aus.

Die Söhne und ich spielen „Ich sehe was, was du nicht siehst“ mit den Namen auf den Steinen dort, denn Kinder sind immer Kinder und Erinnerungskultur geht auch anders. Ich sehe einen Wilhelm, ich sehe eine Luise.

Die Söhne fragen, ob die Uroma dort auch einen Stein bekommt. „Ja“, sage ich, „so sieht es wohl leider aus.“

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Wir gehen im Heimatdorf der Herzdame durch Felder spazieren, an deren Rändern stehen Bäume mit schon buntem Laub, das macht die Hitze. Der Regen vom Vortag ist schon wieder verpufft und vergessen, der Boden ist rissig und betonhart. Die Felder sind früh abgeerntet, das macht auch die Hitze, und ja, die Stoppelfelder sind gelb, der Ohrwurm drängt sich auf, uhund der Heherbst beginnt. Das wird dann aber ein verdammt langer Herbst, ein Halbjahresherbst wird das. Rot leuchtende Beeren in den Büschen, strohfarbenes Laub in der Birke, verdorrter Mais auf einem Acker, der kommt auch bald weg, der wird nichts mehr, der hatte keine Chance. Verdorrtes Gras und verdorrte Blumen, alles raschelt dürr in einem allzu warmen Wind, der nichts belebt und nicht erfrischt, der lässt es nur rascheln und immer weiter rascheln.

Die Stachelbeeren und die Johannisbeeren hängen überreif in den Büschen auf dem Hof, die hat die Uroma immer gepflückt und verarbeitet, das kann sie jetzt nicht mehr.

Auch hier sind die Gräben ringsum trocken und trennen nichts mehr, an ihren Böschungen zirpen vereinzelte Grillen. Ein seltsames Verb, finden Sie nicht? Ich zirpe, du zirpst, er, sie, es zirpt. Laut Wikipedia ist das Fachwort dafür Stridulation, das denke ich mir jetzt nicht aus, so heißt das wirklich, wenn man ein Geräusch durch Reibung zweier gegeneinander beweglicher Körperteile macht. Wenn Sie also jetzt Ihre Beine aneinander reiben und sich dabei z.B. ein raspelndes Geräusch ergibt, dann stridulieren Sie. Ob das dann aber auch der innerartlichen Kommunikation dient, wie es sich in der freien Natur gehört, da drängen sich sofort Zweifel auf.

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Maximilian Buddenbohm von Smilla DankertSmilla Dankert hat Fotos von mir gemacht, die ich als Profilbild verwenden kann – und schon wegen der Frisur wurde es auch höchste Zeit für neue Bilder, ich habe mich ja doch etwas verändert. Vielen Dank!

 

 

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Die Söhne klopfen nachmittags auf dem Hof Kronkorken platt, wozu sie besonders schwere Hämmer nehmen, die haben sie aus den Werkzeugkisten des im letzten Jahr verstorbenen Uropas, sie gehören jetzt ihnen. Der Uropa hatte viele handwerkliche Berufe und viele Werkzeuge, nicht alle versteht man auf den ersten Blick. Aber einen Hammer, na klar, den kann man richtig einsortieren. Es hat natürlich überhaupt keinen Sinn, Kronkorken platt zu hauen, aber der Vater der Herzdame hat enorm viele davon gesammelt, und da man sie platt hauen kann, machen sie das eben jetzt, und zwar mit Feuereifer. Während der Rest des Dorfes es vorzieht, sich bei der Hitze möglichst gar nicht zu bewegen und irgendwo im Schatten sitzend oder liegend den Tag verdöst, hocken die beiden auf dem Asphalt und arbeiten unermüdlich und konzentriert. Wenn sie einen Kronkorken plattgehauen haben, werfen sie ihn in einen alten Blechmülleimer, es scheppert kurz und sie zählen laut. „Siebenundachtzig“ ruft Sohn I, „Sechsundachtzig“ ruft Sohn II, schon sind sie durcheinander, zählen aber ungerührt irgendwo weiter, wen kümmert die Genauigkeit. Aus unklaren Gründen freuen sie sich dennoch über jeden erreichten Hunderter, das macht es irgendwie noch sinnloser, irgendwer ruft irgendwelche Zahlen. Ich sitze auf einem alten, längst ausrangierten Schaukelstuhl mit einem Kaltgetränk daneben und gebe sinnlose Kommentare ab, während der Hund im Kreis um uns herum geht, was ebenfalls überhaupt keinen Sinn hat.

Man muss schon Urlaub haben, um so gründlich ohne Sinn auszukommen. Je sinnloser der Urlaubstag, desto sinnvoller der Urlaub, um mal wieder besonders tief am Grund entlang zu schrammen.

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Am nächsten Tag gehen wir in den Potts Park und schaffen alle wichtigen Attraktionen, bevor die Hitze endgültig unerträglich wird und man das sichere Gefühl hat, auf dem Weg zwischen zwei Fahrdrehflugdingern kurzgebraten zu werden. Die Kinder sind glücklich, denn mit diesem Besuch hatten sie nicht gerechnet – und da war er dann schon wieder, der Sinn. Den wird man irgendwie auch nicht los.

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Nächster Halt: Berlin.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, dann setzen wir den Eiskonsum auf hohem Niveau fort. Und das zählt zur Zeit als gute Tat, da kann man mal sicher sein.

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