Unten auf der Straße streiten sich am späten Nachmittag wieder zwei. An dieser Straßenecke, die, wie bereits mehrfach notiert, zu Streitsituationen seltsam deutlich einzuladen scheint. Und weil es bald Mai ist, weil die Sonne schon den ganzen Tag scheint, weil es allmählich sogar in Hamburg etwas wärmer wird, sind unsere Fenster weit geöffnet und höre ich es nun wieder besser als im Winter, was da draußen alles vor sich geht. Und selbstredend geht da auch etwas vor sich, und wie.
Ich verstehe fast jedes Wort eines gerade eskalierenden Beziehungsdramas: „Heul doch! Du widerwärtiges Schweinearschloch!“ Das ruft eine Frauenstimme, nein, brüllt sie eher. In der vermutlich höchsten Lautstärke, die sie erreichen kann. Dabei aber sauber artikuliert wie im Theater, so dass ich es sogar mitschreiben kann. Man muss so etwas zwischendurch einmal loben und gleichzeitig als Aufforderung in die Runde weiterreichen: Wenn Sie sich im öffentlichen Raum streiten, so dass es andere hören können oder müssen, bemühen Sie sich doch bitte jederzeit um eine deutliche Aussprache. Wir Zuhörenden möchten nicht immer alles nur raten müssen.
Nicht nur ich jedenfalls sehe bei dieser Art der Ruhestörung kurz nach unten. Auch in den Nachbarhäusern sehe ich die Köpfe an den Fenstern und aus den Fenstern gereckt. Gegenüber ragen drei kleinere Kinder knapp über die Fensterbank. Drei Kinder, die es sicher viel spannender als ich finden werden, wie sich fremde Erwachsene verbal auf offener Straße zerlegen.
Falls die beiden Eskalierenden da unten sich noch an die Gurgel gehen sollten, es hört sich doch etwas nach dieser Richtung an, wobei das nicht immer einfach zu deuten ist, könnte man immerhin die Polizei … Das denke ich mir so, mit gänzlich ungewollter Routine, das Smartphone sicherheitshalber schon in der Hand. Aber sie schreien sich nur immer weiter an, sie beleidigen sich nur. Also vor allem sie ihn, wenn auch in besonders beeindruckender Weise.
Nein, sie gehen sich nicht an die Wäsche oder an die Gurgeln. Man muss diesmal keine Hilfskräfte herbeirufen. Er steht eher passiv vor ihr, abwehrend oder vielleicht auch schon aufgebend. In sich zusammengesunken und mit deutlich hochgezogenen Schultern, den Kopf oder zumindest die Ohren in Deckung bringend. Sie dagegen wild aufbrausend. Sich auch nach Kräften aufblähend, sich nach oben reckend, in voller Fahrt und in einer Weise sensationell wütend, in derart randalierender Rage, die Zornesreden aus Shakespeares Dramen sind nichts dagegen.
Wenn er tatsächlich etwas ausgefressen hat, es muss doch gewisse Dimensionen erreicht haben.
Ich habe allerdings gar keinen dringenden Bedarf an fremden Dramen, stelle ich beim Zuhören nach einer Weile fest. Daher gehe ich durch die Wohnung zu einem anderen Fenster, ich sehe lieber von da aus runter zum Spielplatz und ins Grüne. Aber dort im Holunder bepöbelt eine Elster lautstark eine wie immer pikiert guckende Ringeltaube einen Ast weiter. Während eine Menschenmutter am Sandkistenrand darunter aus nicht ersichtlichen Gründen lauthals mit ihrem bedröppelt aussehenden Kleinkind schimpft. Im Hintergrund dengelt ein anderes und ebenfalls wütend wirkendes Kind eine Schippe immer wieder auf das Metall der Rutsche, so dass der ganze Stadtteil etwas von dieser Percussion hat.
Besonders friedlich scheint es vor diesen Fenstern oder überhaupt in dieser Stadt heute nicht zuzugehen. One of those days.

Aber apropos Elstern. Diese haben tatsächlich und wie im Lehrbuch ihren beachtlich großen Nestbau mit einer kunstvollen Überdachung abgeschlossen. Ich war begeistert und beeindruckt. Flechtwerk für Fortgeschrittene sah ich da, tolle Tierfilmszenen, was diese Vögel alles können!
Würde ich Ihnen dagegen einen Haufen Ästchen und Zweiglein hinwerfen, verbunden mit der Aufforderung, daraus mal eben ein heimeliges Nistkörbchen zu verfertigen, die eine oder der andere unter Ihnen würde wohl leicht überfordert wirken. Oder Sie würden, weil Sie ja so weit mitdenken, vielleicht darauf hinweisen, dass Menschen doch so gar nicht bauen, dass diese Aufgabe also nicht zur Art passen würde und gar kein Vergleich sei.
Aber glauben Sie mir, würde ich Ihnen einen Haufen Zement und ein paar Tausend Ziegel vorlegen, Sie würden sicher nach wie vor sparsam gucken und weiterhin nicht recht wissen. Weil wir so etwas Elementares wie Nestbau nun einmal nicht mehr parat haben. Vorteil Vogel! Die fangen einfach an, die ziehen einfach durch. Die denken wahrscheinlich nicht einmal lange nach dabei und kommen doch zu einem Ergebnis. Und wie einwandfrei und vorzeigbar fällt das dann aus.
Wir dagegen, wir müssen uns erst wieder überlegen, was wir etwa mit diesem Tag anfangen, was wir heute einmal durchziehen könnten. Wir müssen erst wieder allerlei entscheiden.
Und ob das, was wir dann verfertigen, am Ende auch in die Kategorie „Kunstvolles Flechtwerk“ passen wird – leise Zweifel zumindest werden wie immer angebracht sein.
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