Vorweg herzlichen Dank für die freundliche Zusendung eines gewünschten Buches, nämlich „Krise der Narration“ von Byung-Chul Han. Hier eine Rezension im Tagesanzeiger dazu. Das Buch hatte ich mir gewünscht, obwohl ich auf die darin vorkommenden Begriffe „Narrativ“ und auch „Storytelling“ stark allergisch reagiere. Ich hatte nämlich den Verdacht, dass dieses Buch Gedanken enthält, die ich in geistig natürlich viel bescheidenerer, schlichterer Form auch schon hatte.
Mal sehen, ob ich da richtig lag.

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Das Büchlein von Hilde Spiel habe ich mittlerweile durchgelesen, die kurze Erzählung „Mirko und Franca“, sie kam hier bereits vor. Als Sommer- und Reiselektüre ist es allemal empfehlenswert, das können Sie gerne so vormerken. Es füllt eine etwas längere Zugfahrt oder dergleichen, eine Zwischenstation vielleicht, es sind nur rund 130 Seiten. Sommerlich und auch südlich geht es zu in dem Buch. Und es hat ein Ende für die beiden Liebenden, bei dem können Sie je nach Lebenserfahrung, Laune, Optimismus oder Verbitterungsgrad sogar selbst entscheiden, ob Sie das für eine Vorhersage in eine spätere Happy-End-Richtung halten oder für etwas ganz anderes. Das hat mir gefallen, diese Variante des Ausklangs.
Aber, versteht sich, es wird auf Dauer nicht gut gehen mit den beiden.

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Ich sah dann kurz in Heinrich Bölls „Frauen vor Flusslandschaft“. Denn erstens ist es sein letztes Buch, und ich habe ein etwas morbides Interesse für abschließende Werke aller Art. Zweitens hat es einen schönen Titel, der übrigens von seiner Frau ersonnen wurde. Drittens spielt es in Bonn, wozu ich gerade einen nicht nur beruflichen Bezug habe.
Allerdings findet es komplett in Dialogform statt. Es liest sich also wie ein Theaterstück. Und zwar ein besonders wild verwickeltes, bei dem man sich auch noch über zehn handelnde Personen merken muss. Das liegt mir gerade nicht, mir ist eher nach Erzähltem. Und auch in absehbarer Zeit wird mir nicht danach sein, nehme ich an. Das Werk kann also erst noch einige Runden über den öffentlichen Bücherschrank drehen.

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Ich fing danach mit „Wittgensteins Neffe“ an, von Thomas Bernhard, auch ein Leserinnengeschenk, vom Wunschzettel ausgesucht. Dieses Buch war in der Wohnung verschwunden, kaum dass ich damals den Dank dafür gepostet hatte. Es war mir tage- und wochenlang ein größeres Rätsel, was damit passiert war, höchst befremdlich kam es mir vor. Als würde mich die eigene Wohnung bestehlen.
Jetzt ist es unter einem Möbelstück, unter dem es beim besten Willen gar nicht gewesen sein kann, wieder aufgetaucht. Was mir dann eine derart große Freude war, dass ich umgehend mit dem Lesen begonnen habe, sozusagen noch neben dem Möbel kniend.
Hier die Wikipedia zum Werk. Bei dem ich zuerst, noch von allen inhaltlichen Merkmalen ganz abgesehen, etwas überrascht feststellte, dass es, genau wie der gerade erst mit so unerwartetem Genuss konsumierte „Buridans Esel“ von Günter de Bruyn, kaum Absätze enthält. Mein unerbittliches Offline-Konzentrationstraining wird hier also beinhart fortgesetzt. Und selbstverständlich betrachte ich es als Fortsetzung der Challenge, keine Frage.

Davon abgesehen wird im Buch mehrfach der Traunsee in Österreich benannt. Dort war ich einmal, wie einige wenige Blogleserinnen vielleicht sogar noch wissen, es ist allerdings bereits Jahrzehnte her. So dass ich schon wieder, wie gerade erst an der Hoheluftbrücke in Hamburg, erinnerungstechnisch zurückgeführt wurde und in Gedanken unvermittelt etwas länger und mit nicht unerheblicher Wehmut bei einer damals mitreisenden Freundin verweilte. Und sie dann, manchmal hat man diese merkwürdigen Momente, die etwas so wirken, als habe man hierfür besonders geeignete Drogen genommen, dabei denkt man doch nur ein wenig rückwärts, ungewöhnlich plastisch vor mir sah.
Ich hörte ihre Stimme, ich sah ihr Gesicht, zum Abmalen deutlich, und dies Gesicht war es entschieden wert, gemalt zu serden. Ich roch ihr Parfüm und ich wusste auch wieder, wie es war, wenn ich sie zur Begrüßung umarmte, ich fühlte es, ich hielt sie. Wir haben keinen Kontakt mehr, längst ist sie in Gott weiß welche Gegenden irgendwo in Südelbien gezogen. Es ist so ein Fall, bei dem ich das bedaure, obwohl ich sonst eher ein wenig zu gut darin bin, Menschen ziehen zu lassen.
Etwa eine Stunde nach diesem Erinnerungs-Flash vermeldete mir eine Kalender-App dann per Pop-Up, dass diese Freundin am nächsten Tag Geburtstag habe. Das kam mir erstens entschieden unheimlich vor, auch wenn man es wieder auf diesen sogenannten „Zufall“ schieben muss, und war zweitens mit einer Falschaussage verbunden. Denn da stand doch tatsächlich, dass sie 55 Jahre alt werde. Ich aber hatte sie ja gerade erst gesehen, wenn auch nur in meinen Gedanken. Aber es ist nun einmal so, die Wahrheit und ich, wir wohnen gemeinsam in meinen Gedanken, und wir sprechen manche Sache genau ab. Weswegen ich also mit Sicherheit weiß: Sie ist erst 35 Jahre alt.
Und sie wird es auch immer sein.
Das folgende Lied passt textlich gar nicht, es fällt mir wohl nur wegen des Sehnsuchtsanklangs ein, aber es ist ein schönes Lied und der Refrain immerhin kommt ungefähr hin, also bitte:
Nach den ersten fünfzig Seiten kam es mir jedenfalls so vor, als würde mir das Buch durchgehend gefallen. Vielleicht behalte ich es am Ende sogar. Es hat Zeilen und Absätze, die lesen sich so, also würde ich sie später wieder lesen wollen. Und ich merkte auch, was ich schon lange geahnt habe, was mir fast schon Gewissheit war: Auch von Thomas Bernhard muss ich mir unbedingt weitere Werke besorgen.
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