Gesehen
Nachdem ich durch „How to get to heaven from Belfast” zu meiner eigenen Überraschung auf den Seriengeschmack gekommen war, machte ich es noch weiter so, wie es wohl alle machen, und wie es mir bisher aber kaum je Spaß gemacht hat: Netflix and Chill, allerdings ohne den heute dabei mitgedachten sexuellen Beiklang.
Ich sah versuchsweise The Four Seasons, denn es wurde überall recht gut besprochen. Ich fand es aber eher fragwürdig bis bescheuert. Und zwar schon wegen des mir vollkommen albern vorkommenden Kniffs des Autorenteams, alle Figuren einfach und auch noch größtenteils unerklärt mit völlig beliebig wirkenden Geldmitteln auszustatten, weswegen sie überhaupt keinen äußeren Zwängen zu unterliegen scheinen und z. B. jederzeit und überall Urlaub machen können etc. Da merkte ich schnell: Das lehne ich ab.
Dazu bin ich zu realistisch, vielleicht auch zu links, zu was auch immer. Jedenfalls aber bin ich dagegen, eine Geschichte, die dennoch realistisch sein soll, solcherart ins Märchenhafte zu verschieben. Davon abgesehen gab es etliche Bilder, die wie ein animierter Lands-End-Prospekt aussahen. Das wiederum fand ich dann halbwegs interessant, denn auch das ist Gesellschaftskunde.

Schließlich blieb ich bei After Life hängen, der Serie von Ricky Gervais. Die, und es war mir eine vergleichsweise helle Freude, von einer interessanten, ethisch-philosophischen Fragestellung nach dem Sinn des Lebens und der Möglichkeit der Lebensfreude ausgeht. Und die dabei ohne Verbrechen, Action, mörderische Abgründe etc. auskommt. Sondern die vielmehr ausgesprochen tiefschürfende Fragen der Lebensführung für mich interessant verhandelt. Manchmal etwas heiterer, manchmal etwas dramatischer oder leider auch kitschiger, letzteres unnötigerweise teils auch im peinlichen Bereich. Aber es passt schon, weil das Leben so ist.
In den Rezensionen habe ich es nicht prominent wahrgenommen, aber ich finde auch, dass die Nebenrollen ganz hervorragend besetzt sind. Und gucke mir vermutlich gerne alle Folgen an. (Update: Doch, bei der SZ sieht man es auch so, das mit den Nebenfiguren.)

Ansonsten eine Instagram-Empfehlung. Ich mag Accounts, bei denen etwas kundig erklärt wird, denn man kann auch auf Instagram etwas lernen. So bei Sindre Aarhus Narvestad, der über Architektur und Städtebau spricht. Etwa hier über Brutalismus, oder hier: Why modern buildings can make us miserable.
Gelesen
In Gregor Schmalzrieds Newsletter (der Herr ist vielleicht auch bekannt vom KI-Podcast bei der ARD) ging es um die Frage „Warum ist KI-Text so schlecht?“.
Da findet man als textender Mensch erst einmal schon die Überschrift ansprechend und angemessen, und es geht dann auch so weiter:
„Und letzte Woche las ich in der physischen (!) Welt im Begrüßungstext auf einer Restaurantspeisekarte: „Sie sind nicht hier, um satt zu werden. Sie sind hier, um zu genießen.“ Oh nein, dachte ich. Die KI-Sprache ist aus dem Labor ausgebrochen. Sie ist überall. Und aus irgendeinem Grund… kann ich sie auf den Tod nicht ausstehen.“
Es geht noch um den Aufbau von Witzen, um Storytelling und um das, was KI-Modelle eigentlich machen, wenn sie texten. Ich halte es alles für lesenswert. Und folgen Sie unbedingt auch dem Wikipedia-Link dort zum Witz von Norm McDonald, man sieht interessante Erklärungsansätze.

Vanessa schrieb über dänische Stadtplanung.
Eine Rezension zu einem Buch über östliches Erzählen: „In Geschichten aus Asien greift meist eine Vier-Akt-Struktur, die uns dann überrascht oder gar enttäuscht zurücklässt (weil wir etwas anderes erwartet haben). Diese Struktur aber ermöglicht das Erzählen von „anderen“ Geschichten, mit anderen Werten, und das fand ich interessant. Gerade weil immer mehr solcher Geschichten auch bei uns zu lesen und zu sehen sind (Parasite, Studio-Ghibli-Filme, Murakami).“
Der Kaffehaussitzer rezensiert „Die langen Abende“, einen Roman der von mir sehr geschätzten Elizabeth Strout, enthaltend ein besonders schönes Zitat zur Unerklärbarkeit von allem.

So nämlich ist es. Und wiederum durch einen dieser sogenannten Zufälle hörte ich äußerst passend zu Kikis Text die Folge mit Chilly Gonzales aus der Reihe „Der Soundtrack meines Lebens“ (1:48). In der es lang und differenziert um Cancel Culture und um die Abgründe und charakterlichen Schlechtigkeiten von Künstlerinnen und Künstlern geht, um die Trennung von Werk und Schaffenden. Alles am einleuchtenden Beispiel von Richard Wagner entlang verargumentiert. Kann ich empfehlen, das fand ich alles bedenkenswert.
Meine Buchlektüre verarbeite ich in einem anderen Format, siehe gestern, aber offline las ich außerdem in der neuen Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik. Die ich Ihnen ohnehin ab und zu ans Herz lege (keine bezahlte Werbung, nein). Es ist mein einziges verbleibendes Papier-Abo, und das bleibt wohl auch so. Wenn man so wie ich nicht mehr unbedingt täglich Zeit in das Weltgeschehen und die darüber schnell und viel berichtenden Medien investieren möchte, ist dies eine vorzügliche Variante, die monatlich verfügbar ist.
Ein Wochenformat wäre für mich auch okay, wie ich von früher noch weiß, aber mit den wöchentlich erscheinenden Kandidaten in diesem Land komme ich schon lange nicht mehr zurecht. Wir haben uns auseinandergelebt, aber ab und zu vermisse ich sie sogar. So sad.

Gehört
Im Podcast „Nur eine Frage“ der Zeit werden Topexpertinnen zu oft großen Themen befragt. In der Folge mit der Frage „Gibt es Zeit“ (41 Min.) fand ich interessant, was der theoretische Physiker Martin Bojowald alles an Nichtwissen beschreibt. Was wir also bisher nicht herausgefunden haben, welche Lücken unser Wissen über die Zeit noch hat.
Die Linguistin Tatjana Scheffler forscht zu Emojis, hier berichtet sie davon im Interview beim WDR (21 Min.)
Warten bis der Arzt kommt: 20 Minuten beim WDR darüber, warum wir immer schwerer an Arzttermine kommen. Passenderweise in einem Wartezimmer gehört, quasi method listening.
Bei „Der Soundtrack meines Lebens“ fiel mir außerdem auf, dass mir die Sendungen mit den eher jüngeren Menschen zu wenig sagen. Die Folgen dieser Reihe machen mir nur Spaß, wenn ich mit den Erzählenden ausreichend Wegstrecke durch die Jahre gemeinsam hatte. Ich höre also nur noch die etwas älteren Zausel, wie etwa Marcus Wiebusch (1:41). Er ist, und es fällt sehr auf im Vergleich mit etlichen anderen in der Reihe, die recht abgeklärt von ihren Erfahrungen berichtet haben, noch angenehm begeisterungsfähig, wenn es um das geht, wovon er Fan war oder ist. Er kommt bei Erinnerungen noch in Fahrt, das fand ich sympathisch.
Bei „Interpretationssache“ gab es eine Folge über die Coverversionen zu „Stayin‘ Alive“ von den Bee Gees (32 Minuten).
Die Rechtsphilosophin Fraue Rostalski geht beim Deutschlandfunk gründlich und tiefsinnig der Frage nach der Verantwortung beim Klimawandel nach, also auch den moralischen, ethischen Aspekten. Wo da irgendwo zwischen dem Pariser Abkommen und der eigenen Flugbuchung eine Linie zu finden sein könnte. Fand ich gut und angemessen ernsthaft in der Überlegung, diese Sendung (29 Minuten).

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Währenddessen ist es Mai geworden, welches Lied habe ich zum Mai, dass ich Ihnen anbieten kann? Einen Song von Rogér Fakhr vielleicht. Ein Sänger aus dem Libanon, über den online nicht viel zu finden ist, hier steht aber kurz etwas zu seiner Geschichte bei rbb24. Und was für eine Geschichte das ist, man denkt beim Lesen vielleicht auch kurz an Sixto Rodriguez.
Ein Mailied von Rogér Fakhr, also. Eine Perle, möchte ich meinen, wenn auch eine mit eher trauriger Note. Was nicht unbedingt unseren typischen Maui-Assoziationen entspricht. Andererseits aber sagt uns die Lebenserfahrung, dass etwas Traurigkeit nahezu überall hineinpasst.
“Hear the story of the lady rain
It happened in the cloudy, early times of May
The sunshine who was going down his way
Saw the lady cry, cold, talking to her pain
Lady rain, lady rain
Won’t you dry up your eyes?
Tell me, what’s the reason for the useless cry?
Lady rain, lady rain
Won’t you show me your smile?
I’m gonna tell you how to fight the saddest times.“
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